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Full text of "Göttingische gelehrte Anzeigen"

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Göttingische 



gelehrte Anzeigen 



Unter der Aufsicht 



der 



Königl. Gesellschaft der Wissenschaften 



168. Jahrgang 



Erster Band 



Berlin 

Weidmaniische Buchhandlung 
1906 



Für die Redaktion verantwortlich: Prof. Dr. Eduard Schwartz in Göttingen 



168. Jahrgang (1906) 



Yerzeichnis 

der 
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Die Zahlen Yerweisen auf die Seiten 



H. d'Arbois de Jubainviiie in Paris 524 

Paul Barth in Leipzig 88 

A. Baur in Weinsberg 706 

Ph. Aug. Becker in Wien 998 

U. Ph. Boissevain in Groningen 371 

Ludwig Borchardt in Cairo 552 

Karl Borinski in München 334 

C. Brockelmann in Königsberg 589 828 830 

Alexander Cartellieri in Jena 250 
P. Gorssen in Wilmersdorf bei Berlin 787 
Wilhelm Crönert in Göttingen 382 

Paul Drews in Gießen 257 771 
Ernst Dürr in Würzburg 14 

H. Erman in Münster i. W. 396 

Franz Nikolaus Finck in Groß-Lichterfelde 239 509 

F. Finsler in Bern 994 

F. Frensdorff in Göttingen 968 

Walter Friedensburg in Stettin 69 

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166106 



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9. 



Yerzeiehnis 

der besprochenen Schriften 



Die Zahlen verweisen auf die Seiten 



E. A. Abbott, A Johannine vocabulary [Holtzmann] 662 

B. R. Abe ken, Goethe in meinem Leben [0. Hamack] 677 

H. Abert, Die Musikanschauung des Mittelalters [Oraf] 1005 

Abu n-Fatb Mohammad, Sibt ibn at-Ta'ftwidhi [de Goeje] 560 

W. Alt mann. Die römischen Orabaltäre der Kaiserzeit 

[Strzygowski] 907 

H. V. Arnim, s. Berliner Klassikertexte IV 914 

J. Bacher, Die deutsche Sprachinsel Lusern [E. H. Meyer] 491 

Hans Barth, s. Repertorium 710 

A. Baumstark, Liturgia Romana e Liturgia delP Esarcato 

[Drews] 771 

P. Bedjan, s. Mar Jacobus Sarugensis 164 

Berntj s. Heinrich v. Freiberg 96 

A. A. Bevan, s. Jatir 574 

C. Bejtold, s. Orientalische Studien 563 
Frhr. v. Bissing, s. Denkmäler 552 
Bodemannj s. Briefwechsel 968 



VIII Verzeichnis der besprochenen Schriften 

C. de Boor, b. Oeorgii Monachi Gbronicon 371 

H. Breymann, Calderon-Studien I [Becker] 998 

K. Breysig, Die Entstehung des Oottesgedankens und der 

Heilbringer [Troeltsch] 688 

Briefwechsel zwischen der Kaiserin Katharina und J. G. 

Zimmermann, hrsg. von Bodemann [Frensdorff] 968 

Iyo Bruns, Vorträge und Aufsätze [Schwartz] 322 

S. BuggCy s. Norges Indskrifter 89 



0. Criste, Kriege unter Kaiser Josef U [Gerber] 486 

W. £. ürum, Catalogue of the Coptic Manuscripts in the 
British Museum [Rahlfs] 579 

Die Römische Curie und das Conzil von Trient unter 
Pius IV., hrsg. von J. Susta [Friedensburg] 69 



F. Bahn, s. Festgabe 729 

Denkmäler ägypt. Skulptur [Borchardt] 552 

Denkwürdigkeiten des Ministers Otto Frhr. v. Man- 

teuffel, hrsg. von H. v. Poschinger [Goldschmidt] 75 

Bidymos, s. Berliner Klassikertexte I 356 

Volumina Aegyptiaca I 356 

Bielsj s. Berliner Klassikertexte I 356 

s. Volumina Aegyptiaca 356 

R. Dussaud, Notes de Mythologie Syrienne II— IX [Greß- 

mann] 799 

J. Dutoit, Das Leben des Buddha [Speyer] 803 



M. L. Ettinghausen, Har^a Vardhana [Kielhom] 572 

al Farazddk^ s. Jarlr 574 

Festgabe für Felix D a h n 11, III [Walsmann] 729 



Yeneichnis der besprochenen Schriften IX 

Festschrift zur Feier des 50jährigen Bestehens des eid- 
genössischen Polytechnikums [Meyer y. Enonau] 713 

Kuno Fischer^ s. die Philosophie des 20. Jahrh. 1 

A. Foucher, L'art gr^-bouddhique du Gandhära [Vogel] 533 

E. Fuchs, Vom Werden dreier Denker [Troeltsch] 682 



St. Gauen, s. Mitteilungen 719 

öarlr, s. Jarfr 574 

G e r g i i Monachi Chronicon ed. C. d e B o o r I. II [Boissevain] 37 1 

Fr. Giesebrecht, Die alttestamentliche Schätzung des Gottes- 
namens [Rothstein] 169 

E. Göller, Der Liber Taxarum der päpstl. Kammer [Rieder] 493 

J. Go Idstein, Die empiristische Geschichtsauffassung David 

Humes [Barth] 88 

G. Graf, Die christlich-arabische Litteratur bis zur fränkischen 

Zeit [Brockelmann] 828 

— Der Sprachgebrauch der ältesten christlich-arabischen Litte- 
ratur [Brockelmann] 589 



A. Hack man, Die ältere Eisenzeit in Finnland [Hausmann] 953 

L. M. Hartmann, Geschichte Italiens im Mittelalter H, 2 

[Mayer] 425 

A. Haseloff, Die Kaiserinnengräber in Andria [Strzygowski] 444 

A. Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands IV [Uhlirz] 447 

J. Haury, s. Procopii opera 382 

J, HausheeTy s. Zuhair 830 

J. Haußleiter, Zwei apostolische Zeugen für das Johannes- 
Evangelium [Corssen] 787 

M. Hayduck, s. Michaelis Ephesii commentaria 861 

0. Heinemann, s. Pommersches Urkundenbuch 501 



X Verzeichnis der besprochenen Schriften 

Heinrich von Freiberg, hrsg. von A. Bernt [Schröder] 961 

Wilh. Heinse, Sämtliche Werke U. IX, hrsg. v. Karl Seh üdde- 
kopf [Minor] 675 

Heldensage^ die aÜiriscJie, s. Täin bö Güalnge 524 

HierökleSy s. Berliner Elassikertexte IV 914 

Th. H d g k i n, The History of England from the earliest times 
to the Norman conquest [Liebermann] 458 

P. H. Holzapfel, Die Anfänge der Montes Pietatis [Ph. 
Meyer] 703 

I. Hoops, Waldbäume und Kulturpflanzen im germanischen 
Altertum [Krause] 922 

K. Horn, Abfassungszeit, Oeschichtlichkeit und Zweck von 
Evang. Joh. Kap. 21 [Corssen] 787 

W. Hunt, The History of England from the accession of 
George HI. to the close of Pitt's first administration [v. Ru- 
ville] 463 



Ibn Khaldün, a Selection from the Prolegomena by D. B. 
Macdonald [Rhodokanakis] 831 

Norges Indskrifter med de aeldre Runer udgivne ved 
Sophus Bugge [v. Orienberger] 89. 256 

Italia Pantificia, s. Regesta pontificum Romanorum 593 



G. Jakob, Erwähnungen des Schattentheaters in der Welt- 

litteratur [Stumme] 817 

Mar Jacobi Sarugensis homiliae selectae ed. P. Bedjan 

[Wellhausen] 164 

The Nakftid of Jarir and al Farazda^ [Wellhausen] 574 

Jesus Sirachf s. Smend 755 



6r. Kaibel, s. Urkunden dramatischer Aufführungen 611 

K. A. Kehr, Die Urkunden der Normannisch- sizilischen Könige 
[Uhlirz] 436 



Yeneichnis der besprochenen Schriften XI 

P. Kehr^ 8. Regesta Pontificum 593 

Berliner Klassikertexte I. Didymos Kommentar zu 

Demosthenes von H. Di eis u. W. Seh üb art [Wendland] 356 

IV. Hierokles ethische Elementarlehre unter Mit- 

wirknng von W. Schubart bearb. v. H. v. Arnim 914 

F. Enoke, Begriff der Tragödie nach Aristoteles [Finsler] 994 

H. Lietzmann, ApoUinaris von Laodicea und seine Schule I 

[Jülicher] 792 

G. Lucilii carminum reliquiae rec. F. Marx [Leo] 837 

D. B. Macdonald, s. Ihn Ehaldfln 831 

V. Man heim er, Die Lyrik des Andreas Gryphius [Borinski] 334 

2>. S. Margoliauth, s. Abu U-Fath 560 

F. MarXy s. Lucilii carminum reliquiae 837 

A. Meinong, Ueber Annahmen [Höfler] 209 

Meinong, s. Untersuchungen zur Gegenstandstheorie 14 

P. M. Meyer, s. Theodosianus 641 

Michaelis Ephesii in libros de partibus animalium com- 

mentaria, ed. Michael Hay duck [Praechter] 861 

N. Ter-Mikaelian, Das armenische Hymnarium [Finck] 239 

Milet, Ergebnisse der Ausgrabungen und Untersuchungen für 

das Jahr 1899. I [v. Wilamowitz] 635 

Mitteilungen zur vaterländ. Geschichte XXIX, hrsg. 

vom Historischen Verein in St. Gallen [Meyer v. Knonau] 719 

Th. Mommsen, Gesammelte Schriften [Wenger] 408 

Th. Mommsen^ s. Theodosianus 641 

F. Niedner, Carl Michael Bellmann, der schwedische Ana- 

kreon [Steffen] 327 

Th. Nöldehe, s. Orientalische Studien 563 



XII Verzeichnis der besprochenen Schriften 

J. Perier, Vie d' al Hadjdjftdj ibn Yousof [Wellhausen] 254 

Die Philosophie im Beginn des 20. Jahrhunderts. Fest- 
schrift für K. Fischer, hrs. v. Windelband [Höffding] 1 

N. r. IIoXitTjg, MeXitoct «spl too ßCoo xal ti)g ^XtbooTjc too 

iXXTjvixoö Xaoö [Hiller v. Oärtringen] 367 

PrettQensauswärtigePolitikl850 — 1858, hrs. vonH.v.Poschinger 

[Goldschmidt] 75 

Polytechnikum (Zürich), s. Festschrift 713 

J?. t;. Poschinger, s. Denkwürdigkeiten 75 

— s. Preußens auswärtige Politik 75 

Fr. Poulsen, Die Dipyiongräber und die Dipylonvasen [Pfuhl] 339 

Procopii Gaesariensis opera omnia, ed. J. Haury [Grönert] 382 

C. Prüfer, Ein ägyptisches Schattenspiel [Stumme] 817 



M. Raich, Fichte, seine Ethik und seine Stellung zu dem 
Problem des Individualismus [Troeltsch] 680 

Recueil des Historiens des Gaules et de la France XXIV 
[Gartellieri] 250 

Regestapontificum Romanorum. Italia Pontificia [Kehr] 593 

Th. Rein ach, L'histoire par les monnaies [Strack] 666 

Max Reischle, Aufsätze und Vorträge [Kattenbusch] 832 

Repertorium über die in Zeit- und Sammelschriften der 
Jahre 1891—1900 enthaltenen Aufsätze ... schweizer- 
geschichtlichen Inhalts [Gabr. Meier] 710 



W. Scheel, Johann Frhr. zu Schwarzenberg [Knapp] 478 

W. Schmidt, Grundzüge einer Lautlehre der Mon-Khmer- 
Sprachen. — Grundzüge einer Lautlehre der Ehasi-Sprache. 

[Eonow] 228 

W. Scfwbertj s. Berliner Elassikertexte I. IV 356. 914 

— s. Volumina Aegyptiaca 914 



Veneichiiis der besprochenen Schriften Xm 

f. Schüddekopf, 8. Wilh. Heinse 675 

M. Schulze, CalviDS Jenseits-Christentum [Baur] 706 

J. Susta, s. d. Römische Curie 69 

Smend, Die Weisheit des Jesus Sir ach [Smend] 755 

Smend, Die Weisheit des Jesus Sirach erklärt [Smend] 755 

W. B. Smith, Der vorchristliche Jesus [Pfleiderer] 699 

Paul Sokolowski, Die Philosophie im Privatrecht [Erman] 396 

Friedr. Spitta, Ein feste Burg ist unser Oott [Drews] 257 

Orientalische Studien, Th. Nöldeke gewidmet, hrs. v. C. 

Bezold [Wellhausen] 563 



T&in bö Cüalnge, hrsg. von E. Windisch [d'Arbois de 
Jubainville] 524 

Theodosiani libri XVI, ed. Th. Mommsen u. Paulus 
Meyer I. II [Maas] 641 

Ä. Thumb, Handbuch des Sanskrit [Schmidt] 419 



Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, 
hrs. von Meinen g [Dürr] 14 

Urkunden dramatischer Aufifuhrungen in Athen mit einem 
Beitrag von 0. Eaibel, hrs. v. A. Wilhelm [v. Wila- 
mowitz] 611 

Pommersches Urkundenbuch [Perlbach] 501 



J. Volkelt, System der Aesthetik [Th. A. Meyer] 298 

Volumina Aegyptiaca IV 1. Didymi De Demosthene com- 
menta rec. H. Diels et W. Schubart [Wendland] 356 



J. 6. Wetzstein, Die Liebenden von Amasia [Stumme] 817 

A, Wülielm, s. Urkunden dramat. Aufführungen 611 

WindeJband, s. d. Philosophie d. 20. Jahrh. 1 



XIV Verzeichnis der besprochenen Schriften 

E. Windischy s. altirische Heldensage 524 

R. Wolff, Grammatik der Kinga-Sprache m [Finck] 509 



Job. Ziekursch, Sachsen u. Preußen um die Mitte des 18. 
Jahrhunderts] [Mollwo] 481 

Die Mu'allaka des Zu hair, hrs. v. J. Hausheer [Brockel- 
mannj 830 



Göttingisehe 



gelehrte Anzeigen 



Unter der Aufsicht 



Königl. Gesellschaft der Wissenschaften 



168. Jahrgang 

Zweiter Band 



Serlin 

Weidmannsche Buchhandlang 
1906 



Für die Redaktion verantwortlich: Prof. Dr. Eduard Schwartz in Göttingen 



Januar 1906. No. I. 



Die Philosophie im Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Fest- 
schrift für Kuno Fischer, unter Mitwirkung von B. Baaeh, K. Groos, 
£. Lttsk, 0. Liebmann, H. Riekert, £. Troeltsch, W. IVandt herausgegeben 
von W. Windelband. Heidelberg, Winters Universitätsbuchhandlung, 1904—1905. 
VIII, 186, 200 S. 

Zu Ehren Euno Fischers, bei Gelegenheit seines 80jährigen Ge- 
burtstages ist eine Festschrift erschienen, die ein Bild der Philosophie 
am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geben soll. Ein schöner 
und berechtigter Gedanke liegt dem Werke zu Grunde, und hat in 
einem Einleitungsgedichte Otto Liebmanns einen begeisterten Aus- 
druck gefunden. Es ist in der Ordnung, daß deutsche Philosophen 
dem Manne huldigen, dessen langes, wirksames Leben der Geschichte 
der klassischen deutschen Philosophie gewidmet war. Mit großer 
Beredsamkeit und Formschönheit hat Euno Fischer ein Bild der 
deutschen Philosophie am Schluß des achtzehnten und am Beginn 
des neunzehnten Jahrhunderts gegeben. In seinem großen Werke 
über die Geschichte der neueren Philosophie haben von zehn Bänden 
sechs die deutsche Philosophie zum Gegenstand, während drei Des- 
cartes, Spinoza und Leibniz behandeln, und nur einer (Baco und 
seine Nachfolger) der englischen Philosophie gewidmet ist, und ein- 
stimmig wird man gewiß die Darstellung der deutschen Philosophie 
(in meinen Äugen ganz besonders den Band über Fichte) als den am 
meisten gelungenen Teil des großen Werkes betrachten. Mit Recht 
ist man in Deutschland stolz auf die energische und tiefsinnige Ge- 
dankenarbeit, die im Zeitalter des deutschen Idealismus von einer 
Reihe großer Denker gethan ist, und die in Euno Fischer einen so 
congenialen Geschichtsschreiber gefunden hat. 

Aber wenn dies zugegeben wird, darf man gewiß die Frage auf- 
werfen, ob es berechtigt ist, in einer Schilderung >der Philosophie 
im Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts« beinahe ausschließlich die 
Philosophie in Deutschland, und sogar nur eine besondere Richtung 
dieser Philosophie zu berücksichtigen. Das Gedankenleben anderer 
Länder und anderer Richtungen werden nur im Vorübergehen und 

0«U. gel. Aax. 1906. Nr. 1. 1 



2 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

ohne eingehende Kritik, oft sogar in karrikierender Weise erwähnt. 
Wo die größten Möglichkeiten liegen für die Entwickelung der Philo- 
sophie in dem Jahrhundert, an dessen Anfang wir stehen, wird die 
Zukunft erst zeigen können. Aber so viel kann gesagt werden, daß 
ein wirkliches Bild des philosophischen Denkens unserer Zeit in dem 
vorliegenden Werke nicht gegeben wird. Die Gedankenentwickelung 
in den anderen großen Kulturländern (Frankreich, England, Nord- 
amerika) wird nicht berücksichtigt, und so bedeutungsvolle philoso- 
phische Erscheinungen wie die Arbeiten von Richard Avenarius und 
Ernst Mach werden kaum erwähnt. 

Es ist eine Eigenart Kuno Fischers, daß er, so lange er sich 
mit einem Philosophen beschäftigt, ganz in den Gedankengang seines 
Helden aufgeht. Dadurch erhält seine Darstellung ihre Energie und 
ihren Glanz. Aber es ist doch auch die Pflicht des Historikers, 
Lücken und Mängel, Fehlschlüsse und Mißverständnisse aufzuzeigen. 
Wenn man einen Band von Fischers großem Werke durchgelesen 
hat, sieht man eigentlich nicht ein, warum eine Fortsetzung, ein 
neuer Aufschwung der Gedankenarbeit notwendig sein sollte. Die 
Darstellung verläuft eben und glatt, und Schwierigkeiten, an denen 
man beim Selbststudium der betreffenden Philosophen Halt gemacht 
hat, kommen in der sonst so breit angelegten Darstellung nicht zum 
Vorschein. Was so von Einzelproblemen gilt, das gilt ganz besonders 
von dem Probleme, welche bleibende Bedeutung die ganze Richtung, 
die man den deutschen Idealismus zu nennen pflegt, für die Zukunft 
haben kann. Auch hier läßt uns der alte Meister im Stich, von 
einigen sehr unbestimmten Andeutungen abgesehen. Und doch ist 
es klar, daß die Begründung und die systematische Ableitung, welche 
die klassischen deutschen Philosophen als notwendig und ausreichend 
betrachteten, jetzt nicht mehr haltbar sind. Weder die kantische 
Deduktion der Kategorien, noch Fichtes Konstruktion der Wissen- 
schaftslehre, weder Schellings Potenzlehre, noch Hegels dialektische 
Methode können uns befriedigen. Gewiß, die großen Ideen stehen 
und fallen nicht mit der Begründung, die man zu geben versuchte. 
Der Kern kann bestehen, obgleich die Schalen aufgelöst sind. Und 
es wäre die natürliche Aufgabe der Festschrift gewesen, den Beweis, 
daß es sich so verhält, zu geben ; dies wäre die beste Art, in welcher 
die Verfasser ihren Meister hätten ehren können. Ich kann nicht 
finden, daß die kritische und analytische Arbeit, durch welche jener 
Beweis geführt werden muß, in der vorliegenden Schrift zum Vor- 
schein kommt. In sehr dogmatischer Weise wird an den entscheiden- 
den Punkten auf den deutschen Idealismus hingewiesen, als ob diese 
Hinweisung für die kritische Arbeit unserer Zeit ausreichend wäre. 



Die Philosophie am Beginn des 20. Jahrhunderts. S 

Und man vergißt, daß >der deutsche Idealismus < dem englisch- 
französischen Denken die wichtigsten Impulse verdankt. Kants große 
Gedankenarbeit wäre ohne den Einfluß von Hume, Newton und 
Rousseau nicht zu verstehen. Gibt man die systematische Begrün- 
dung auf, mittelst welcher die deutschen Klassiker die von Locke 
und Hume gestellten Probleme lösen zu können glaubten, dann kann 
nur eine neue Begründung dazu berechtigen, die vermeintlich ge- 
wonnenen Resultate festzuhalten. — Aloys Riehl hat ausdrücklich 
gezeigt, daß die kritische Philosophie nicht erst in Deutschland, 
sondern schon mit dem Denken John Lockes anfängt. Freilich, Riehl 
wird in der Festschrift damit abgefertigt, daß er zu viel > Positivist < 
ist und nicht >dem echten Kritizismus < angehört. — 

Eine geschlossene Phalanx bilden die Verfasser der Festschrift 
doch nicht. Sie repräsentieren nicht alle >den echten Kritizismus <. 
Männer wie Wilhelm Wundt und Karl Groos stehen hier anders als 
die übrigen Verfasser, und ich will darum die Beiträge dieser zwei 
Denker besonders erwähnen, bevor ich die in der Festschrift sonst 
herrschenden Gesichtspunkte diskutiere. 

1. Es ist ein großes Zeugnis von der bleibenden Bedeutung 
der Grundgedanken des deutschen Idealismus, daß ein Forscher wie 
Wilhelm Wundt, einer der bedeutendsten von den Männern, die 
die Philosophie in unseren Tagen von der Naturwissenschaft erobert 
hat, zu dieser Festschrift fur den Geschichtsschreiber jenes Idealis- 
mus einen Beitrag geliefert hat. Durch sinnesphysiologische und 
erkenntnistheoretische Fragen wurde Wundt zuerst zur Philosophie 
geführt. Und wenn er (z.B. in der Vorrede zu seiner Ethik) sagt, 
daß die Grundgedanken des deutschen Idealismus mit der vergäng- 
lichen Form, in die sie zuerst gekleidet wurden, ihre Bedeutung nicht 
verloren haben, dann hat er in der prachtvollen Reihe seiner Werke 
gute Gründe für diese Erklärung gegeben. An einer anderen Stelle 
habe ich zu zeigen versucht, daß Wundts Bedeutung besonders in 
der vorbereitenden Arbeit besteht, durch die er sich den Grenzfragen 
des Denkens nähert. Die Abhandlung, die seinen Beitrag zur Fest- 
schrift ausmacht, behandelt eben ein Teil dieser vorbereitenden Ar- 
beit, indem sie die Psychologie und ihre Stellung in unseren Tagen 
bespricht. 

Wundt betrachtet die Psychologie als ein Zwischenglied zwischen 
der Philosophie und den Einzel Wissenschaften. Es gab Zeiten, wo 
man sie als einen Teil der speculativen Philosophie betrachtete ; dies 
war der Fall in der Zeit des deutschen Idealismus. Erst als die 
Zeit der speculativen Systeme vorüber war, konnte die Selbständig- 
keit der Psychologie der Philosophie gegenüber behauptet werden. 

I* 



4 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

Später hat man sie ganz unter die Naturwissenschaften rechnen 
wollen. Sie hat aber ihre Selbständigkeit darin, daß die Beobach- 
tung der psychischen Erscheinungen, die für die Physiologie nur 
Mittel oder Symptom ist, für die Psychologie Zweck ist Dies zeigt 
sich besonders durch die Bedeutung, welche die subjektiven Maß- 
bestimmungen und ihre Schwankungen für die Psychologie haben, 
und ganz besonders in den Untersuchungen über den zeitlichen Ver- 
lauf der psychischen Prozesse. 

Obgleich sich so die Psychologie für Wundt nach beiden Seiten 
abgrenzt, findet er doch, daß sie von diesen beiden Seiten große 
Impulse empfangen hat. In diesem Zusammenhang hat besonders 
die Einwirkung der Philosophie Interesse. An zwei Punkten findet 
Wundt eine solche Einwirkung. In dem auf dem Gebiete der Sinnes- 
physiologie geführten Streite zwischen Nativismus und Empirismus 
übten die Gesichtspunkte Kants, Schopenhauers und Stuart Mills 
großen Einfluß, und die Völkerpsychologie hat einen Vorgänger in 
der Lehre Hegels vom > objektiven Geiste <, strebt mit neuen Mitteln 
nach dem Ziele, das schon Hegel aufgestellt hat. 

Wundt polemisiert gegen die englische > Assoziationspsychologie <, 
die doch jetzt kaum einen eigentlichen Kepräsentanten hat. Diese 
Richtung huldigte einer Art psychischer Atomistik und löste das 
Bewußtseinsleben in selbständige Elemente auf, die nur in rein äußer- 
licher Weise mittelst Assoziation in Verbindung gebracht wurden. — 
Ich erlaube mir hier die Bemerkung, daß Wundt mit Unrecht hier 
und anderwärts mich zu dieser Richtung rechnet. Ich habe niemals 
der Assoziationspsychologie angehört. Ich habe immer die soge- 
nannten Assoziationsgesetze als spezielle Formen der Synthese be- 
trachtet, die für mich (nach dem Vorgange Leibniz' und Kants) die 
Grundform der psychischen Energie ist. Es ist auch ein Mißver- 
ständnis, daß ich alle Assoziation auf Aehnlichkeitsassoziation zurück- 
führe ; ich betrachte die Berührungs- und die Aehnlichkeitsassoziation 
als spezielle Fälle des Totalitätsgesetzes, in welchem sich die Ein- 
heitlichkeit des Bewußtseins ausdrückt. (Vgl. meine Psychologie. 
Dritte deutsche Ausgabe p. 218 f.). — 

Karl Groos, der durch eine Reihe verdienstlicher Arbeiten 
über Kinderpsychologie und über die Psychologie der Spiele bekannt 
ist, hat den Abschnitt über Aesthetik geschrieben. Er unterscheidet 
zwischen psychologischer und kritischer Aesthetik : jene konstatiert 
die faktischen ästhetischen Zustände und Urteile und sucht >da8 
ästhetisch Wirksame< in ihnen aufzuzeigen; diese hat die Aufgabe, 
ästhetische Werturteile zu begründen. Groos weicht nun von dem 
deutschen Neokritizismus, wie dieser sonst in der Festschrift hervor* 



Die Philosopliie am Beginn des 20. Jabrbunclerts. 5 

tritt, dadurch ab, daß er die Möglichkeit absoluter Wertent« 
Scheidungen entschieden bezeifelt. Jede Beurteilung ruht auf ge- 
wissen Voraussetzungen. So großes Gewicht man auch auf den Unter- 
schied zwischen psychologischer und kritischer Aesthetik legen will, 
80 darf doch, meint Groos, dieser Unterschied nicht so aufgefaßt 
werden, als könnte die kritische Aesthetik wirklich zu absoluten Wert- 
entscheidungen gelangen. Und diesen Zweifel schränkt er nicht auf 
die Aesthetik ein, sondern gibt ihm eine allgemeine erkenntnis- 
theoretische Anwendung. Jede letzte Voraussetzung ist eine Hypo- 
these und ruht auf einem >Wenn<. Dies hindert nicht, daß wir sie 
getrost in unserer Arbeit anwenden können, so lange sie sich als 
fruchtbar erweist und ihr von der Erfahrung nicht widersprochen 
wird. — Dieser Standpunkt steht in entschiedenem Widerstreit zu 
den Anschauungen der meisten anderen Verfasser der Festschrift. 
Ich leugne nicht, daß er in meinen Augen den besser begründeten 
Anspruch auf den Namen >Kritizi8mus< hat. 

Von dem speziellen Inhalt der Groosschen Abhandlung erwähne 
ich >die Theorie der inneren Nachahmung <. Wenn wir uns, wie es 
heißt, in eine Naturerscheinung oder in ein Kunstwerk einfühlen, 
dann geschieht dies nach Groos nicht durch bloß passives Schauen, 
sondern es wird ein Streben nach Mitmachen, Mit- oder Nachleben 
ausgelöst. Das Einfühlen erscheint so als eine Betätigung des Beob- 
achters, als eine Aktivität. Es ist nicht die Meinung des Verfassers, 
daß dieses aktive Mitleben die einzige Quelle ästhetischen Genusses 
ist, aber er sieht in ihm eine der wichtigsten Erscheinungen der 
Psychologie des Aesthetischen überhaupt. 

2. Die übrigen Verfasser der Festschrift haben eine gemein- 
same Grundanschauung und sprechen sie oft mit ganz gleichen Worten 
aus. Windelband ist der Begründer der Art von Neokritizismus, 
welcher diesen Standpunkt vertritt. Aber in Rickerts Abhandlung 
über Geschichtsphilosophie hat diese Richtung vielleicht ihren be- 
deutungsvollsten Ausdruck gefunden, und ich will daher etwas länger 
bei diesem Teile der Festschrift verweilen. Es ist ein großer Genuß, 
diese wohl durchdachte Abhandlung zu studieren und sie mit der 
größeren und sehr interessanten Arbeit (»Ueber die Grenzen der 
naturwissenschaftlichen Begriffsbildung«), in welcher Rickert eine aus- 
führliche Darstellung seiner Ideen gegeben hat, zu vergleichen. 

Um die Logik der Geschichtswissenschaft hat Rickert hohe Ver- 
dienste. Mit großer Energie behauptet er das Historische als das 
Einmalige, als dasjenige, das eine bestimmte Zeit in bestimmter 
Weise ausfüllt und niemals in derselben Weise wiederkehrt. Histo- 
rische Begriffe sind daher Individualbegriffe — im Gegensatz zu den 



6 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

Begriffen, die Rickert die naturwissenschaftlichen nennt, deren Inhalt 
das Allgemeine, das mehreren größeren oder kleineren Gruppen von 
Erscheinungen Gemeinsame ist. Der Gegensstz zwischen Individual- 
und Allgemeinbegriffen ist fUr Rickert — wie schon für Windelband 

— der größte Gegensatz in der Welt des Gedankens. Er begründet 
eine neue Einteilung der Wissenschaften, indem der Gegensatz zwischen 
Naturwissenschaft und Geschichtswissenschaft an die Stelle des Gegen- 
satzes von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft gesetzt wird. 
Das Geschichtliche, was durch keinen Allgemeinbegriff erschöpft 
werden kann, macht uns das Dasein irrationell, — bewirkt, daß es 
sich auf keine Formel zurückführen läßt, sondern sich stets in neuen 
Gestalten offenbart. 

Doch würde man Rickert mißverstehen, wenn man die Sache so 
auffaßte, als ob einige Gegenstände nur unter die Naturwissenschaft, 
andere nur unter die Geschichtswissenschaft gehören sollten. Jeder 
Gegenstand kann Elemente zu einem Allgemeinbegriffe abgeben, ob- 
gleich er als etwas Individuelles und Einmaliges in seiner Form, zu 
seiner Zeit und an seiner Stelle dasteht. Es gibt historische Ele- 
mente in der Naturwissenschaft und allgemeine Elemente in der Ge- 
schichtswissenschaft. Aber die Richtung ist dort generalisierend, hier 
individualisierend. Die Naturwissenschaft sucht die einzelnen Erschei- 
nungen unter allgemeine Gesetze zu bringen; sie operiert mit dem 
Verhältnis des Einzelnen und des Allgemeinen. Die Geschichtswissen- 
schaft will zeigen, wie die einzelnen Erscheinungen zu einem totalen 
Entwickelungsgange zusammengehören ; sie operiert mit dem Verhältnis 
des Einzelnen und des Ganzen. Diese zwei Verhältnisse dürfen nicht 

— wie so oft geschieht — verwechselt werden. Ein historisches Ge- 
setz ist eine contradictio in adjecto. Es gibt historische Prozesse und 
Totalitäten, aber keine historische Gesetze. 

Dies ist doch nur der eine Teil der Logik der Geschichte, wie 
Rickert sie entworfen hat. Der andere besteht in dem Satze, daß 
die Geschichte eine wertende Wissenschaft ist. Ob sich der einzelne 
Historiker dessen bewußt ist oder nicht, — es liegt in dem Heraus- 
heben des Gegenstandes seiner Forschung und Darstellung eine Wahl, 
die durch einen vorausgesetzten Wert bestimmt wird. Nicht alle 
Personen, Begebenheiten oder Völker sind >historisch<, sondern nur 
die, die in Relation zu einem Werte, dessen Gültigkeit vorausgesetzt 
wird, gestellt werden können. Wenn der Historiker das Wesent- 
liche und das Unwesentliche, das Bedeutungsvolle und das Bedeutungs- 
lose unterscheidet, dann setzt er einen Wertmesser voraus. Es sind 
immer Kulturwerte, die ihn bei seiner Wahl und bei seiner Scheidung 
leiten. Die Bedeutung der Personen, der Begebenheiten und der 



Die Philoflophie am Beginn des 20. Jahrhunderts. 7 

Völker beruht auf ihrem Verhältnis zu den in Staat, Religion, Kunst, 
Wissenschaft oder ökonomischem Wohlstand sich offenbarenden Werten. 

— Auch von dieser Seite gesehen tritt die Irrationalität des Daseins 
hervor. Denn ebenso wenig wie die ganze Natur der Erscheinungen 
in Allgemeinbegriffen erschöpft werden kann, ebenso wenig wird sie 
vollständig in den von der Geschichtswissenschaft gebildeten Begriffen 
ausgedrückt: wir haben nämlich kein Recht, das von unseren Wert- 
gesichtspunkten aus Wesentliche als das Ganze der Wirklichkeit an- 
zusehen. 

Es ist die Aufgabe der Geschichtsphilosophie, die absoluten 
Werte, die der geschichtlichen Auswahl zugrunde liegen, aufzuzeigen. 
Der deutsche Idealismus hat uns einen absoluten Maßstab gegeben, 
indem er als den Zweck des Menschenlebens die Einrichtung aller 
Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft festgestellt hat. Dieser 
Maßstab ist zwar ganz formal ; aber das muß ein absoluter, zeitloser, 
ungeschichtlicher Maßstab notwendig sein. Die Prinzipien aller 
Wertung, die Grundwerte müssen zeitlos, transcendent sein. Ohne 
solche Prinzipien können wir in der Geschichte keine Meinung finden. 

— Daraus folgt doch, nach Rickert, nicht, daß wir das Recht hätten, 
ein transcendentes Sein anzunehmen (wie Hegel, und in unseren 
Tagen Eucken es thun). Jede Bestimmung eines solchen Seins 
müßte seinen realen Inhalt aus der Erfahrung holen. Wir können 
in der Philosophie nicht weiter kommen, als zu einer höchsten Idee 
(in Kants Bedeutung dieses Wortes) , zu einem Prinzip , das wir bei 
aller Wertung der geschichtlichen Entwickelung der Wirklichkeit 
zugrunde legen können. — 

Nach dieser Darlegung des Rickertschen Gedankenganges erlaube 
ich mir einige kritische Bemerkungen. 

Der Gegensatz zwischen Generalisierung und Individualisierung 
ist nicht zureichend als Grundlage einer Einteilung der Wissenschaften. 
Denn dieser Gegensatz tritt innerhalb jeder einzelnen Wissenschaft 
hervor. Das Interesse, das zur Kant-Laplaceschen Theorie oder zu 
Darwins Theorie der Entstehung der Arten geführt hat, ist nicht 
weniger naturwissenschaftlich als das Interesse, das zum Newtonschen 
Gravitationsgesetz oder zur chemischen Atomtheorie geführt hat. In 
der Natur wie in der Geschichte findet jede Begebenheit nur einmal 
statt, und Maxwell hat daher mit Recht behauptet, daß der Satz, 
daß jede Ursache immer die gleiche Wirkung hat, eigentlich so 
lauten sollte: wenn Ursachen nur in Rücksicht auf Zeit und Ort 
verschieden sind, sind ihre Wirkungen gleich. Das höchste Ziel der 
Naturwissenschaft ist, den großen einmaligen Prozeß, der in unserem 
Teile des Weltalls vor sich geht, zu verstehen. Alle allgemeinen 



8 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

Gesetze der Naturwissenschaft werden zuletzt als Mittel und Wege 
zu diesem großen Ziele betrachtet. Daß die Naturwissenschaft vor- 
läufig am meisten an der Ausfindung der allgemeinen Gesetze arbeitet, 
und noch mitten in dieser Arbeit steckt, ändert an dem prinzipiellen 
Verhältnis nichts. Es gibt keinen prinzipiellen, nur einen graduellen 
Unterschied in dieser Rücksicht zwischen Naturwissenschaft und 
Geschichte. Rickert räumt das ja eigentlich selbst ein, indem er 
geschichtliche Elemente in der Naturwissenschaft und generalisierende 
Bestrebungen in der Geschichte annimmt; nur will er nicht zu- 
gestehen, daß auch für die Naturwissenschaft das Verständnis der 
einmaligen Entwickelung das letzte Ziel ist. 

Die alte aristotelische Schwierigkeit, daß das wirklich Existierende 
immer individuell ist, während unsere Erkenntnis mit Allgemein- 
begriffen arbeitet, findet ihre Lösung dadurch, daß das Einzelne, das 
Einmalige, die konkrete Realität in der >Natur< und in der >Geschichte< 
das Ziel ist, dem sich unsere Erkenntnis durch Analyse, Kritik und 
Abstraktion zu nähern sucht. Wir müssen die Elemente und Kräfte 
des Daseins einzeln betrachten, wenn wir ihr Zusammenspielen 
im großen Weltdrama recht verstehen wollen; darum ist eine vor- 
bereitende Arbeit notwendig, und weil die Entwickelung, welche die 
Naturwissenschaft zu entdecken hat, weit mehr umfassend ist, und 
auf unendlich zahlreicheren Bedingungen ruht, als die menschliche 
Entwickelung, welche die Geschichte schildern soll, wird der große, 
graduelle Unterschied zwischen Naturwissenschaft und Geschichte 
verständlich. Im Ideal der Wissenschaft werden beide ihre Ströme 
vereinigen. Doch wird wohl immer unser Denken in einem irratio- 
nalen Verhältnis zur Wirklichkeit stehen, weil wir niemals den un- 
endlich konkreten Inhalt des Daseins werden hinreichend bestimmen 
und in einem fortlaufenden Prozess einfassen können. Das Symbol 
des Daseins wird für uns tc sein. 

Schon Comte hat gesehen, daß das Verhältnis zwischen Gene- 
ralisation und Individualisation sich durch die ganze Reihe der 
Wissenschaften hindurchzieht. Er ordnete die Wissenschaften so, 
daß ihre Reihe mit denjenigen begann, in denen allgemeine Begriffe 
die grösste Rolle spielen, und sich dann allmählig unter fortschreitender 
Spezialisierung fortsetzte. Das erste Glied war die Mathematik, das 
letzte die Soziologie (zu welcher er, vielleicht mit Unrecht, die Ge- 
schichte rechnete). — 

Uebrigens darf man nicht übersehen, daß es zwischen den All- 
gemeinbegriffen und den konkreten Individualbegriffen 
bedeutungsvolle Zwischenglieder gibt. In einem Allgemeinbegriff 
werden unsere Wahrnehmungen einer Menge verschiedener In- 



Die Philosophie am Beginn des 20. Jahrhunderts. 9 

dividualitäten (Personen, Begebenheiten, Dinge) zusammengefaßt; in 
einem konkreten Individualbegriile wird eine einzelne Wahrnehmung 
nach ihrem Inhalte zusammengefaßt. Zwischen beiden liegt aber, 
was ich den typischen Individualbegriff nenne, in dem eine 
ganze Reihe von verschiedenen Wahnehmungen derselben Indivi- 
dualität (Person, Begebenheit, Ding) zusammengefaßt werden. Solche 
typische Individualbegriife sind die eigentlichen historischen Begriffe, 
mögen sie nun Erscheinungen und Prozesse in der > Natur < oder in 
der >Geschichte< angehen. Sie stehen nicht im absoluten Gegensatz 
zu den Allgemeinbegriffen, sondern ihr Verhältnis zu den einzelnen 
Wahrnehmungen ist dem Verhältnisse der Allgemeinbegriffe zu den 
einzelnen Individualitäten analog. Eine Individualität kann durch 
keine einzelne Wahrnehmung oder durch keinen einzelnen Zustand 
ganz charakterisiert werden. Darum sagt schon Leibniz, daß jede 
Individualität in dem Gesetze besteht, nach dem ihre Aenderungen 
vor sich gehen (La loi de Tordre, la loi du changement fait Tindi- 
vidualit^ de chaque substance. Opera philos, ed. Erdmann p. 151). 
Der typische Individualbegriff drückt eben ein solches Gesetz 
aus, nach dem wir allen Einzelheiten, Elementen oder Zügen einen 
bestimmten Platz in dem ganzen individuellen Zusammenhang geben 
können. — Mit Unrecht sagt daher Rickert in seinem Buche 
>Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung < p. 295: 
>Von den Individuen gibt es keine Naturwissenschaft, weil sich 
nichts Besonderes mehr ihnen unterordnen läßt, im Ver- 
gleich zu dem sie noch als ein allgemeiner Begriff oder als eine 
, Natur* aufzufassen wärenc — 

Wie Rickert einen zu scharfen Gegensatz zwischen dem All- 
gemeinen und dem Einzelnen statuiert, so setzt er auch einen zu 
scharfen Gegensatz zwischen den Prinzipien der Wertung (>den ab- 
soluten, transcendenten, zeitlosen Werten <) und der Wirklichkeit, die 
gewertet werden soll. Kann überhaupt die zeitliche Entwickelung 
nach einem zeitlosen Prinzip beurteilt werden? Der Wert, der zu- 
grunde gelegt wird, muß selbst in der Zeit erfahren oder erlebt 
worden sein, und die Art, wie er aufgefaßt wird, muß das Gepräge 
einer bestimmten Zeit haben. Die Wertungsprinzipien oder die 
ewigen Werte sollen freilich nach Rickert rein formal sein — aber 
dann regt sich eine neue Frage: kann eine Form absoluten 
Wert haben, wenn sie nicht der Rahmen eines wertvollen Inhalts 
ist? >Vernunft< und >Freiheit< stehen gewiß in erster Reihe — 
aber eben als Bedingungen der vollen Entwickelung des Lebensinhalts. 
Die höchsten Werte müssen reale Werte sein. Und daraus folgt. 



10 Gott. gol. Anz. 1906. Nr. 1. 

daß sie in ein näheres Verhältnis zu Erfahrung und zeitlicher Ent- 
wickelung treten müssen. 

Ich sehe keine Gefahr darin, die Grundwerte, nach denen wir 
Handlungen, Personen, Begebenheiten und Institutionen beurteilen, 
selbst als iu Entwickelung begriffen aufzufassen. Unsere letzte Hypo- 
these könnte hier die sein, daß die Entwickelung dieser Grundwerte 
kontinuierlich ist, so daß der eine Grundwert dem anderen nach 
einem höheren Gesetze den Platz räumt. Dadurch überwindet man 
den Dualismus von Zeit und Zeitlosigkeit , der nicht nur gegen den 
klassischen deutschen Idealismus, sondern auch gegen die Art von 
Neokritizismus , die wir hier diskutieren, eine der wichtigsten Ein- 
wendungen ist. Eine wirklich und konsequent geschichtliche Auf- 
fassung muß die Realität des Zeitbegriffes ernst nehmen. Nur 
dann können die Wertungsprinzipien einen realen Inhalt bekommen, 
so daß wir nicht nur sollen — >ura des SoUens willen«. Freilich, 
eine abschließende Wertung können wir dann niemals erreichen. 
Aber Rickert räumt in seinem größeren Werke selbst ein, daß wir 
die Geschichte nur mit der Geschichte kritisieren können (p. 742), 
und daß uns die letzte Bedeutnng der menschlichen Kulturentwicke- 
lung »eventuelh ganz unbekannt ist (p. 641). 

Nur wenn er den Dogmatismus, dieses Erbe aus der Zeit des 
klassischen deutschen Idealismus, abgestreift haben wird, kann der 
Neokritizismus eine fruchtbare Fortsetzung jener großen Richtung 
sein. Jetzt scheint es oft, als ob der Neokritizismus, wie die fran- 
zösischen Emigranten, nichts gelernt und nichts vergessen hätte. 
Die Forscherarbeit des letzten Teils des neunzehnten Jahrhunderts 
wird eigentlich als eine große Irrung betrachtet. Rickert erklärt, 
daß die Philosophie unserer Tage in dem Zeichen der Restauration 
steht: es gilt, den Naturalismus, den Kant und seine Nachfolger 
nicht überwunden hatten, zurückzudrängen! — Und doch haben wir 
von diesem > Naturalismus < so viel, auch was »die Werte < betrifft, 
gelernt! Die darwinistische Entwicklungslehre hat uns — welches 
auch ihr Schicksal innerhalb der Naturwissenschaft sein wird — ge- 
lehrt, das auch das Wertvolle kämpfen muß, um zu bestehen, und 
daß die Wertbegriffe in Fleisch und Blut auftreten müssen, wenn 
sie wirklichen Einfluß üben sollen. Eine ähnliche Bedeutung hat 
Karl Marx' > materialistische < Geschichtsphilosophie. Sie ist — darin 
hat Rickert Recht — keine rein theoretische Betrachtung, indem sie, 
ohne es selbst zu wissen, mit ethischen Wertbegriffen*) operiert; 

1) Rickert hätte sogar zeigen können, daB Marx eigentlich das kantische 
Moralprinzip voraussetzt. Vergl. Das Kapital*, I, p. 646: »In der kapitalisti- 
achen Produktionsweise ist der Arbeiter für die Verwertungsbedürfnisse vorhandener 



Die Philosophie am Beginn des 20. Jahrhunderts. 11 

aber sie lehrt uns, daß eine gesunde soziale Entwickelung nicht ohne 
eine ökonomische Basis und eine gerechte Verteilung der elementaren 
Lebensgüter möglich ist. — Oft lernt man eine bessere Ethik von 
dem verachteten Naturalismus als von dem transcendenten Idealismus. 
Es ist nicht gut, wenn die Ideen zu hoch über dem Leben schweben. 

3. Die Gesichtspunkte, die wir in Rickerts Abhandlung ausführ- 
lich entwickelt finden, charakterisieren auch die anderen, noch nicht 
erwähnten Beiträge, die durchgehend kürzer sind. 

Windelband, der Grundleger der Gedankenrichtung, die den 
meisten Beiträgen zur Festschrift ihr Gepräge gibt, hat die Ab- 
schnitte über Geschichte der Philosophie und Logik geschrieben. 

Es ist sehr interessant, einen Forscher, der selbst so viel auf 
dem Gebiete der Geschichte der Philosophie geleistet hat, über dieses 
Thema zu hören. Er findet' die Bedeutung der Geschichte der Philo- 
sophie darin, daß sie uns'über den engen Horizont der psychologischen 
Erfahrung hinausführt und unseren Blick den allgemeingültigen Wahr- 
heiten und Werten "eröffnet: > der Mensch als Vemunftwesen ist nicht 
naturnotwendi|f^gegeben, sondern historisch aufgegeben«. Ich möchte 
hier doch^|pf{^zufügen, daß historische Elemente nicht nur von außen 
komm^ sondern daß jeder Mensch solche Elemente in seiner psycho- 
*^Wien Erfahrung findet; sie haben sich von Anfang an in sein 
"^'ußtsein hineingewebt, und auch ohne eigentliches Studium der 
eschichte können die großen Probleme sich erheben. Dann wird 
i'reilich ein Drang entstehen, sich an der Geschichte der Probleme 
zu orientieren. Und diese historische Orientierung braucht nicht nur 
Mittel zu sein; sie hat ihren selbständigen Wert, wie jede geschicht- 
liche Betrachtung einen solchen hat. Es ist Hegels Verdienst, die 
große Bedeutung der Geschichte der Philosophie sowohl als Mittel 
wie als Zweck dargetan zu haben. Ich glaube aber, daß Windelband 
ungerecht gegen Fries ist, wenn er ihn in dieser Beziehung in 
scharfen Gegensatz zu Hegel stellt. Es war nicht Fries' Meinung, 
den Menschen nur als > Natur wesen« aufzufassen. Auch er hebt die 
Bedeutung der objektiven Mächte hervor, und in seiner verdienst- 
vollen > Geschichte der Philosophie« hat er besonders den Einfluß 
der modernen Naturwissenschaft hervorgehoben; er hat z. B. das 
Verdienst, auf Galileis Bedeutung für die Wissenschaft und das 
Denken der Neuzeit energisch hingewiesen zu haben. — 

In dem Abschnitte über Logik macht Windelband mit Recht auf 
die hervorragende Stellung aufmerksam, die die Lehre von den Ur- 

Werte, statt umgekehrt der gegenständliche Reirlitiim für die Rntwickelangs- 
l>edürfnis8e des Arbeiters da.c 



10 Öött. gel. Am. 1906. Nr. 1. 

daß sie in ein näheres Verhältnis zu Erfahrung und zeitlicher Ent- 
Wickelung treten müssen. 

Ich sehe keine Gefahr darin, die Grundwerte, nach denen wir 
Handlungen, Personen, Begebenheiten und Institutionen beurteilen, 
selbst als iu Entwickelung begriffen aufzufassen. Unsere letzte Hypo- 
these könnte hier die sein, daß die Entwickelung dieser Grundwerte 
kontinuierlich ist, so daß der eine Grundwert dem anderen nach 
einem höheren Gesetze den Platz räumt. Dadurch überwindet man 
den Dualismus von Zeit und Zeitlosigkeit , der nicht nur gegen den 
klassischen deutschen Idealismus, sondern auch gegen die Art von 
Neokritizismus , die wir hier diskutieren, eine der wichtigsten Ein- 
wendungen ist. Eine wirklich und konsequent geschichtliche Auf- 
fassung muß die Realität des Zeitbegriffes ernst nehmen. Nur 
dann können die Wertungsprinzipien einen realen Inhalt bekommen, 
so daß wir nicht nur sollen — »um des SoUens willen«. Freilich, 
eine abschließende Wertung können wir dann niemals erreichen. 
Aber Rickert räumt in seinem größeren Werke selbst ein , daß wir 
die Geschichte nur mit der Geschichte kritisieren können (p. 742), 
und daß uns die letzte Bedeutnng der menschlichen Eulturentwicke- 
lung >eventuell< ganz unbekannt ist (p. 641). 

Nur wenn er den Dogmatismus, dieses Erbe aus der Zeit des 
klassischen deutschen Idealismus, abgestreift haben wird, kann der 
Neokritizismus eine fruchtbare Fortsetzung jener großen Richtung 
sein. Jetzt scheint es oft, als ob der Neokritizismus, wie die fran- 
zösischen Emigranten, nichts gelernt und nichts vergessen hätte. 
Die Forscherarbeit des letzten Teils des neunzehnten Jahrhunderts 
wird eigentlich als eine große Irrung betrachtet. Rickert erklärt, 
daß die Philosophie unserer Tage in dem Zeichen der Restauration 
steht: es gilt, den Naturalismus, den Kant und seine Nachfolger 
nicht überwunden hatten, zurückzudrängen! — Und doch haben wir 
von diesem >Naturalismus< so viel, auch was »die Werte< betrifft, 
gelernt! Die darwinistische Entwickelungslehre hat uns — welches 
auch ihr Schicksal innerhalb der Naturwissenschaft sein wird — ge- 
lehrt, das auch das Wertvolle kämpfen muß, um zu bestehen, und 
daß die Wertbegriffe in Fleisch und Blut auftreten müssen, wenn 
sie wirklichen Einfluß üben sollen. Eine ähnliche Bedeutung hat 
Karl Marx' > materialistische« Geschichtsphilosophie. Sie ist — darin 
hat Rickert Recht — keine rein theoretische Betrachtung, indem sie, 
ohne es selbst zu wissen, mit ethischen Wertbegriffen*) operiert; 

1) Rickert hätte sogar zeigen können, daB Marx eigentlich das kantische 
Moralprinzip voraussetzt. Yergl. Das Kapital^ I, p. 646: »In der kapitalisti- 
schen Produktionsweise ist der Arbeiter für die Verwertungsbedürfnisse vorhandener 



Die Phflosophie am Beginn des 20. Jahrhunderts. 11 

aber sie lehrt uns, daß eine gesunde soziale Entwickelung nicht ohne 
eine ökonomische Basis und eine gerechte Verteilung der elementaren 
Lebensgüter möglich ist. — Oft lernt man eine bessere Ethik von 
dem verachteten Naturalismus als von dem transcendenten Idealismus. 
Es ist nicht gut, wenn die Ideen zu hoch über dem Leben schweben. 

3. Die Gesichtspunkte, die wir in Rickerts Abhandlung ausführ- 
lich entwickelt finden, charakterisieren auch die anderen, noch nicht 
erwähnten Beiträge, die durchgehend kürzer sind. 

Windelband, der Grundleger der Gedankenrichtung, die den 
meisten Beiträgen zur Festschrift ihr Gepräge gibt, hat die Ab- 
schnitte über Geschichte der Philosophie und Logik geschrieben. 

Es ist sehr interessant, einen Forscher, der selbst so viel auf 
dem Gebiete der Geschichte der Philosophie geleistet hat, über dieses 
Thema zu hören. Er findet die Bedeutung der Geschichte der Philo- 
sophie darin, daß sie uns über den engen Horizont der psychologischen 
Erfahrung hinausführt und unseren Blick den allgemeingültigen Wahr- 
heiten und Werten eröffnet: > der Mensch als Vemunftwesen ist nicht 
naturnotwendig gegeben, sondern historisch aufgegeben«. Ich möchte 
hier doch hinzufügen, daß historische Elemente nicht nur von außen 
kommen, sondern daß jeder Mensch solche Elemente in seiner psycho- 
logischen Erfahrung findet; sie haben sich von Anfang an in sein 
Bewußtsein hineingewebt, und auch ohne eigentliches Studium der 
Geschichte können die großen Probleme sich erheben. Dann wird 
freilich ein Drang entstehen, sich an der Geschichte der Probleme 
zu orientieren. Und diese historische Orientierung braucht nicht nur 
Mittel zu sein; sie hat ihren selbständigen Wert, wie jede geschicht- 
liche Betrachtung einen solchen hat. Es ist Hegels Verdienst , die 
große Bedeutung der Geschichte der Philosophie sowohl als Mittel 
wie als Zweck dargetan zu haben. Ich glaube aber, daß Windelband 
ungerecht gegen Fries ist, wenn er ihn in dieser Beziehung in 
scharfen Gegensatz zu Hegel stellt. Es war nicht Fries' Meinung, 
den Menschen nur als >Naturwesen« aufzufassen. Auch er hebt die 
Bedeutung der objektiven Mächte hervor, und in seiner verdienst- 
vollen > Geschichte der Philosophie« hat er besonders den Einfluß 
der modernen Naturwissenschaft hervorgehoben; er hat z. B. das 
Verdienst, auf Galileis Bedeutung für die Wissenschaft und das 
Denken der Neuzeit energisch hingewiesen zu haben. — 

In dem Abschnitte über Logik macht Windelband mit Recht auf 
die hervorragende Stellung aufmerksam, die die Lehre von den Ur- 

Werte, statt umgekehrt der gegenständliche Reiclitiim für die Rntwickelangs- 
bedürfnisse des Arbeiters da.c 



12 Gott, gel Anz. 1906. Nr. 1. 

teilen in der neueren Logik einnimmt. Begriflfe werden nur als 
Elemente oder Resultate von Urteilen, Schlüsse als Kombinationen 
von Urteilen aufgefaßt. Ferner weist er auf die durch Sigwart und 
Lotze durchgeführte Simplifizierung und Reduktion der alten Urteils- 
lehre. Hier hätten Maimon und Herbart als bahnbrechende Vorgänger 
erwähnt werden sollen. 

Dem logischen Algorithmus gegenüber scheint mir Windelband 
nicht gerecht zu sein. Das große Werk Booles, das ein so interessantes 
Licht auf das Verhältnis von Logik und Mathematik wirft, wird gar 
nicht erwähnt, und doch ist hier eine weit bedeutungsvollere Arbeit 
getan als in William Hamiltons >Quantifikation des Prädikats«. Es 
ist auch nicht so, wie es nach Windelbands Darstellung scheinen 
könnte, daß der logische Algorithmus immer den Umfang der Begrifife 
zugrunde gelegt hat. In seinen logischeD Arbeiten hat Jevons einen 
bedeutungsvollen Versuch gemacht, den InJiaJt der Begrifife zugrunde 
zu legen, während die Logik mit Aristoteles den Umfang bevorzugt 
hat (Leibniz macht nur eine Ausnahme). — 

Ein in vielen Rücksichten feiner und interessan*^ Beitrag ist 
die Abhandlung von Tröltsch über Religionsphilosophiö. Sie gibt 
gute Charakteristiken der verschiedenen Richtungen des riÄligiösen 
Denkens der Gegenwart. Selbst sucht sie auf dem Grundgedanken 
des Neokritizismus, wie wir diesen schon kennen, zu bauen ; nur ^ß^ 
Tröltsch nicht, wie Windelband und Rickert, das transcendente Sei^ 
aufgeben, um sich an den transcendenten Werten zu halten. Er 
steht in dieser Beziehung Eucken nahe. Auch betont er noch 
stärker als jene Forscher den Unterschied zwischen Erkenntnistheorie 
und Psychologie. Er Schließt aus diesem Unterschied, der bei ihm zu 
einem wahren Dualismus wird, daß das Denken in seinen Normen 
dem Naturlaufe frei gegenübersteht. Aber wir sind doch alle, selbst 
wenn wir unsern höchsten, den Naturlauf prüfenden und wertenden 
Gedanken denken, selbst in einem bestimmten psychischen Zustande, 
stehen also mitten im Naturlaufe! Und geschichtlich finden wir 
immer auch eine Wechselwirkung zwischen den Normen der Wertung 
und den faktischen Zuständen. Unser Denken kann sich über das 
Gegebene erheben, aber wie Antaios holt es immer wieder seine 
Energie von der Berührung mit dem festen Boden der Natur. 

An mehreren Stellen der Abhandlung merkt man, daß man einen 
Theologen, keinen reinen Philosophen vor sich hat. Der Kritizismus 
bietet immer, selbst wenn er noch so dualistisch aufgefaßt wird, 
große Schwierigkeiten für den Theologen dar. Denn der Kritizismus 
verwirft allen Anthropomorphismus, jeden Versuch, das >Intelligible< 
in menschlichen Formen zu denken. Tröltsch glaubt, daß man hier 



Die Philosophie am Beginn des 20. Jahrhunderts. 13 

zwischen Anthropomorphismus und > Personalismus« unterscheiden 
muß. Aber wir kennen ja doch nur persönliches Leben vom Menschen 
her, und müssen darum jede Persönlichkeit in Formen menschlicher 
Psychologie verstehen ! — Femer sucht Tröltsch für die Begriffe der 
Offenbarung und des Wunders einen Platz offen zu halten. Und er 
findet dies möglich, wenn man nur nicht diese Begriffe in > äußer- 
licher« Weise auffaßt. Es ist aber nicht leicht zu verstehen, welcher 
Modifikation diese Begriffe unterworfen werden können, wenn etwas 
mehr als die bloßen Worte zurückbleiben sollen. — Das eigentliche 
Motiv für die konservative Haltung Tröltschs auf diesem Punkte ist 
sein Interesse für die soziale Seite der Religion. Nur in einer Ge- 
meinschaft mit absoluten, positiven, über das Schwanken der geschicht- 
lichen Entwickelung und über das Chaos der individuellen Meinungen 
erhobenen Normen kann nach ihm die Religion Existenz und Be- 
deutung haben. In dem Individualismus sieht er ein Zeichen der 
Auflösung. Er hofft auf ein neues, freieres religiöses Leben, eine neue 
religiöse Entwickelung, und er hofft ferner, daß das Neue innerhalb 
der Kirche entspringen wird; nur dann, meint er, wird die not- 
wendige > elementare Kraft« in den Dienst des Neuen treten können. 
Es wäre interessant gewesen, wenn Tröltsch diesen letzten Gedanken 
näher entwickelt hätte. Ich finde ein Hauptmoment des religiösen 
Problems der Jetztzeit darin, ob die ernste und innerliche geistige 
Konzentration für das persönliche Leben erhalten werden kann, wenn 
der kirchliche Glaube in seiner überlieferten Form aufgegeben ist. 
Ich finde leider keine Anzeichen, daß die Kirche sich so fortbilden 
wird, daß neue, freie Richtungen sich aus ihr entwickeln könnten. — 

Auch in Lasks Abhandlung über Rechtsphilosophie liegen die 
uns jetzt hinlänglich bekannten Prinzipien zugrunde. In der ersten 
Abteilung seiner Arbeit behauptet Lask den Dualismus von Wert 
und Wirklichkeit, besonders im Gegensatz zur rationalen, platoni- 
sierenden Metaphysik, die die überempirischen Werte zu realen 
Mächten hypostasieren will, aber auch im Gegensatz zum Historismus, 
der Wert und empirisches Bestehen vermischt. — In der zweiten 
Abteilung wird dann das Verhältnis zwischen der faktischen Kultur 
und dem faktischen Recht auf der einen Seite, den idealen Kultur- 
werten auf der anderen Seite untersucht. Es wird ein scharfer 
Unterschied behauptet zwischen der sozialwissenschaftlichen und der 
streng rechtlichen Betrachtungsweise, und gegen die Vermischung 
beider in der sogenannten > allgemeinen Rechtslehre < polemisiert. — 

Was endlich Bruno Bauchs Abhandlung über Ethik betrifft, 
kann ich nicht umhin zu sagen, daß sie für mich ein Beispiel ist, 
wie man über Ethik nicht schreiben soll. Der größte Teil der Ab* 



14 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

handluDg besteht aus einer Polemik gegen Naturalismus, Utilitaria- 
nismus und Nitzscheanismus, einer Polemik, die teils den Charakter 
einer Predigt, teils den einer Earrikierung hat. Doch meint der 
Verfasser einen Bundesgenossen gegen den Utilitarianismus in Nietzsche 
zu finden, obgleich dieser die kantische Moral eben so stark als die 
utilitarische angegriffen und verhöhnt hat — und selbst eigentlich ein 
Utilitarianer im großen Stil ist. — Der Verfasser behauptet den 
rein formalen Maßstab des Ethischen, den wir schon im vorher- 
gehenden getroffen haben: wir sollen wollen >um des Solleos willen € ! 
Daraus folgt als einfache Konsequenz, daß »der Inhalt der Handlung 
selbst ganz gleichgültig gegen ihren Wert ist«. Weiter kann man 
den Dualismus von Wert und Wirklichkeit, Form und Inhalt nicht 
treiben. Charakteristisch für diese Art von Ethik ist es besonders, 
daß jede Rücksicht auf die Wirkungen der Handlungen abgewiesen 
wird. Man schwebt in den Wolken, und ob die >empirische< Welt 
durch die Handlungen, die wir unternehmen (wenn wir der Erde so 
nahe kommen, daß wir überhaupt einen Einfluß auf sie üben können), 
stehe oder falle, das soll ganz gleichgültig sein! — Dieser ganzen 
Auffassung liegt nicht nur der jetzt hinlänglieh besprochene Dualis- 
mus von Wert und Wirklichkeit zugrunde, sondern bereits eine 
künstliche Umkehrung des natürlichen Verhältnisses zwischen den 
drei Begriffen Wert, Zweck und Norm. Nur was ich in der Wirk- 
lichkeit als Wert erfahre, kann ich (wenn es nicht mein unmittel- 
bares Los ist) als meinen Zweck aufstellen, und die Norm gibt 
dann die Mittel und Wege an, mittelst welcher ich den Zweck werde 
erreichen können. Dies ist der natürliche und rationelle Platz der 
Norm auf den höchsten Gebieten, wie auf den niedrigsten. Kant 
tat einen schicksalsschweren Schritt, als er mit der Norm anfangen 
wollte, und Zwecke und Werte aus ihr abzuleiten versuchte. Diese 
Ableitung ist einfach unmöglich, und was der große Meister nicht 
vermocht hat, ist auch den Neokritizisten nicht gelungen; sie haben 
es nicht einmal versucht. 

Kopenhagen. Harald Höffding. 



üntennolisiiten sar Gegenstandstheorie und Psychologie. Herausgegeben von 
A. Mein on g. Leipzig, J.A. Barth, 1904. X, 634 S. M. 18. 

Zum zehnjährigen Bestände des psychologischen Laboratoriums 
der Universität Graz hat Meinong mit seinen Schülern ein stattliches 
Buch herausgegeben, das elf philosophische und psychologische Ab- 
bandlungen umfaßt und einen erfreulichen Einblick gewährt in das 



üntersuchimgeii zur GegcDStandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 16 

rege wissenschaftliche Leben in den Grazer »philosophischen Instituten«. 
Wenn wir im folgenden den Versuch machen, die einzelnen Arbeiten 
kritisch zu betrachten und den Ertrag zusammenzufassen, der aus 
ihnen unserm pl^losophischen Denken und Erkennen zu erwachsen 
scheint, so muß im Voraus betont werden, daß alle Kritik im einzelnen 
der Schätzung des ganzen keinen Abbruch thun soll. Unsere Schätzung 
der philosophischen Arbeit Meinongs und seiner Schule ist unabhängig 
von der Stellungnahme, zu der wir gegenüber dem oder jenem Er- 
gebnis derselben glauben gelangen zu müssen, und die wissenschaft- 
liche Liberalität, die gerade im Meinongschen Kreise herrscht, ver- 
dient es wohl, durch offene sachliche Kritik respektiert zu werden. 
In diesem Sinne wollen die folgenden Betrachtungen, die jeweils 
mit den Titeln der behandelten Arbeiten bezeichnet werden sollen, 
aufgenommen sein. 



Ueber Gegenstandstheorie. Von A. Meinong. S. 1—50. 

Beiträge zur Grundlegung der Gegenstandstheorie. Von 
Dr. Rudolf Ameseder. S. 51—120. 

Untersuchungen zur Gegenstandtstheorie des Messens. Von 
Dr. Ernst Mally. S. 121—262. 

Die ersten drei Beiträge der Meinongschen Untersuchungen, be- 
schäftigen sich mit der Begründung einer neuen Wissenschaft, der 
Gegenstandstheorie, und sollen daher im Zusammenhang besprochen 
werden. Dabei liegt es jedoch in der Natur der drei von Meinong, 
Ameseder und Mally verfaßten Abhandlungen, von denen die erste 
eine allgemeine Grundlegung, die letzteren etwas speziellere Aus- 
führungen zur Gegenstandstheorie enthalten, daß wir zunächst die 
prinzipiellen Darlegungen Meinongs ins Auge fassen müssen, wobei 
freilich schon gelegentlich abweichende Definitionen der beiden anderen 
Autoren zu erwähnen sind. Auf der so gewonnenen Basis können 
dann die Detailausführungen Ameseders und Mallys ihre Würdigung 
finden. 

Wenn es sich um die Begründung einer neuen Wissenschaft 
handelt, dann erhebt sich zunächst die Frage, ob durch die betreffende 
Wissenschaft unsere Erkenntnis bereichert wird oder ob nur das 
schon vorhandene Wissen einen besonderen Zusammenschluß findet. 
Betrachten wir im Hinblick darauf die Gegenstandtstheorie, so 
können wir ohne weiteres konstatieren, daß eine Bereicherung unseres 
Wissens durch dieselbe nicht herbeigeführt wird. Mit der entgegen- 
gesetzten Auffassung Meinongs haben wir uns zunächst auseinander- 
zusetzen. 



16 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

Meinong bezeichnet die Gegenstandstheorie als diejenige Wissen- 
schaft, die es mit der theoretischen Behandlung des Gegenstandes 
als solchen zn thun hat. Was man unter dem Begriff > Gegenstand« 
zu denken hat, wird durch den Hinweis auf das eigentämliche >auf 
etwas Gerichtetsein« aller oder jedenfalls der meisten psychischen 
Vorgänge dargethan. Das > Etwas« nämlich, welches beim Vorstellen, 
Urteilen, Annehmen u. s. w. erfaßt wird, ist nach Meinong der 
Gegenstand. Entsprechend definiert auch Ameseder > Gegenstand« 
als das >Erfaßte, was mit dem erfassenden Psychischen nicht, auch 
nicht teilweise identisch ist«. Und Mally sagt ganz kurz: > Alles, 
was etwas ist, ist ein Gegenstand.« Bei dieser Bestimmung des Be- 
griffs >Gegen8taDd« werden wir es begreiflich finden, wenn uns er- 
klärt wird, daß die Summe der Gegenstände nicht mit dem Inbegriff 
der Wirklichkeit zusammenfällt, daß also die Gegenstandstheorie 
weder mit der Summe der einzelnen Wissenschaften vom Wirklichen 
noch mit der allgemeinen Wirklichkeitswissenschaft, der Metaphysik 
zusammenfallt. Wir werden infolgedessen auch die Idee einer neuen 
Wissenschaft berechtigt finden, welche die Gegenstände ohne Rück- 
sicht auf ihre wirklichen Eigenschaften, Funktionen und Beziehungen, 
ohne Rücksicht auf Existenz und Nichtexistenz nur hinsichtlich der- 
jenigen Eigentümlichkeiten untersucht, die sie als Gegenstände des 
Erkennens besitzen. Die Beschaffenheit möglicher Denkgegenstände 
und die Gesetzmäßigkeiten, die sich zwischen solchen konstatieren 
lassen, würden vor allem von einer derartigen Wissenschaft zu er- 
forschen sein. Ebendies ist aber bereits das Arbeitsgebiet ganz be- 
stimmter Wissenschaften, nämlich der Logik und der Mathematik. 
Wenn daher Meinong nur beabsichtigen würde, diese Wissenschaften 
unter dem neuen Namen »Gegenstandstheorie« zusammenzufassen, so 
ließe sich dagegen nicht viel einwenden. 

Aber die Absicht Meinongs und seiner Schüler geht viel weiter. 
Weder soll die Mathematik die mathematischen Gegenständen gegen- 
über mögliche Gegenstandstheorie überhaupt darstellen, noch soll 
sich die Gegenstandstheorie auf Mathematik und Logik beschränken. 
Was den ersten Punkt anlangt, so erfahren wir, daß der Mathematik 
als spezieller Gegenstandtstheorie eine allgemeine Gegenstandstheorie 
gegenübertrete, und hinsichtlich des zweiten Punktes wird uns mit- 
geteilt, daß die Gegenstandstheorie auch Gegenstände wie das >runde 
Vierecke in den Kreis ihrer Untersuchungen zieht, Gegenstände, die 
von der Mathematik und von der Logik verschmäht werden. Da- 
gegen sei nun vor allem bemerkt, daß die Beschäftigung mit der- 
artigen Gegenständen kaum eine ersprießliche Erweiterung unserer 
Kenntnisse ergeben wird, daß sie vielmehr geeignet scheint, die 



Untersachuogen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 17 

Philosophie auf einen Standpunkt zurückzubringen, den man heut- 
zutage zum Glück größtenteils überwunden hat. Ein Satz, wie der 
YonAmeseder (p. 63) produzierte: >£in rundes Viereck, welches ist, 
wäre nioht nur nicht, sondern es wäre sit venia verbo als etwas, was 
kein Gegenstand ist, zu bezeichnen« — ein solcher Satz sollte von 
einem Philosophen der Gegenwart besser vermieden werden, und 
Spekulationen gegenüber, die zu derartigen Resultaten führen, kann 
man sich eines gewissen Mißtrauens nicht erwehren. 

Doch dies nur nebenbei. Es ist sicherlich nicht Meinongs Ab- 
sicht, im Reich unmöglicher Denkgegenstände neue Erkenntnisse zu 
suchen. Wichtiger ist ihm wohl der Nachweis, den er führen zu 
können glaubt, daß Logik und Mathematik die Behandlung der mög- 
lichen Denkgegenstände nicht erschöpfen. Es fragt sich daher haupt- 
sächlich, ob wir dies zugeben dürfen. Berücksichtigen wir die Tat- 
sache, daß der einzelwissenschaftlichen Mathematik eine Philosophie 
der Mathematik gegenübergestellt worden ist, so scheint dies anfäng- 
lich vidleicht zu gunsten der Meinongschen Behauptung zu sprechen. 
Aber wenn wir die Philosophie der Mathematik näher betrachten, so 
löst sie sich auf in Logik und Erkenntnistheorie. Bringen wir davon 
in Abzug, was ins Gebiet der Psychologie gehört, so behalten wir 
gegenstandstheoretische Gedankengänge übrig, wie sie uns aus logi- 
schen Untersuchungen bekannt sind, sofern nicht allgemeinste mathe- 
matische Formulierungen zurückbleiben, die trotz aller Allgemeinheit 
eben doch immer noch zur Mathematik gehören. 

Nun bestreitet Meinong freilich, daß gegenstandstheoretische 
Untersuchungen überhaupt in die Logik gehören und zwar scheint 
er diese Behauptung in dem Sinn für umkehrbar zu halten, daß die 
gewöhnlichen logischen Ueberlegungen nichts mit Gegenstandstheorie 
zu tun haben sollen. Wenigstens erklärt er in einer Auseinander- 
setzung mit Husserl, daß die »reine Logik <, die mit > Begriffen«, 
> Sätzen« und »Schlüssen« sich beschäftige, schließlich doch nichts 
anderes als intellektuelle Vorgänge zum Gegenstand habe. 

Wäre dies nun richtig, so würden wir nichtsdestoweniger daran 
festhalten, daß die Philosophie der Mathematik nur so viel Gegen- 
standstheorie enthalte, als Gegenstandstheoretisches in Mathematik 
und Logik gefunden werden kann. In dieser Ansicht können uns 
auch die Beispiele nicht irre machen, die Meinong anführt, um zu 
zeigen, wie auf außermathematischem (und außerlogischem) Gebiet 
Gtogenstandstheorie betrieben werden könne. Als derartiges Beispiel 
findet sich zunächst der Hinweis auf die Behandlungsweise »more 
mathematico« nichtmathematischer Wissenschaften, ein Hinweis, der 
freilieb zu allgemein und unbestimmt ist, um besonders aufklärend 

0Mi fri. Am. im. Xr. L 2 



18 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

ZU wirken. Doch dem läßt sich ja abhelfen. Denken wir an dus 
klassische Beispiel mathematischer Darstellungsweise auf nichtmathe- 
matischem Gebiet, an Spinozas Ethik, so können wir konstatieren, 
daß das, was der Mathematik eigentümlich ist, die Beschäftigung 
mit Zahlen und Größen, hier wegfällt. Was erhalten bleibt, ist 
lediglich das Logische, das freilich in der Mathematik besonders 
scharfe Ausprägung gefunden hat, das aber jedenfalls der Mathematik 
nicht spezifisch zukommt. Definitionen, Lehrsätze und deduktive 
Beweise — das ist doch nichts anderes als angewandte Logik, und 
wenn Meinong die Beschäftigung mit Begriffen, Urteilen und Schlüssen 
für etwas anderes als Gegenstandstheorie hält, dann darf er doch 
nicht in einem Werk wie Spinozas Ethik einen Beitrag zur Gegen- 
standstheorie sehen. 

Als zweites Beispiel für den Betrieb gegenstandstheoretischer 
Forschung auf außermathematischem Gebiet erwähnt Meinong die 
Uebertragung geometrischer Betrachtungsweisen vom Raum auf die 
Zeit oder die > Bemühungen der modernen Psychologie, die den ver- 
schiedenen Sinnen zugehörigen , Enipfindungsgegenstände ' zu ordnen 
und ihre Mannigfaltigkeiten wo möglich durch räumliche Abbildung 
zu erfassen«. Hier liegt die Sache für uns womöglich noch einfacher. 
Die Darstellung irgend welcher Verhältnisse in räumlichen Figuren 
und die Schlußfolgerungen, welche aus den geometrischen Eigen- 
schaften dieser Figuren gezogen werden, um wieder andere Verhält- 
nisse zu symbolisieren — das ist teils richtige Geometrie, teils kann 
es zum Gegenstand werden für eine Theorie der Zeichen, die wir 
ihrerseits unbedenklich der Logik zurechnen. 

Nun haben wir es bisher dahingestellt sein lassen, ob Meinong 
recht hat oder nicht, Logik und Gegenstandstheorie so schroff aus- 
einanderzuhalten. Man kann aber wohl den Nachweis führen, daß 
eine solche Scheidung unberechtigt ist. Denn daß Begriffe, Urteile, 
Schlüsse nicht psychische Vorgänge sind, das ergibt sich ohne weiteres 
daraus, daß die Begriffe ihrem ^esen nach unveränderliche, die Vor- 
stellungen dagegen wechselnde und vergängliche Gegenstände sind, 
sowie daraus, daß die Gesetze der Urteile und Schlüsse keine Not- 
wendigkeiten des Urteilens und Schließens sind, in welch letzterem 
Fall ja jeder Irrtum ausgeschlossen wäre. Es fragt sich also nur, 
ob von Begriffen, Urteilen und Schlüssen dadurch, daß sie als etwas 
Nichtpsychisches und selbstverständlich auch Nichtphysisches erwiesen 
sind, die Zugehörigkeit zur Gegenstandstheorie auch schon feststeht. 
Um dies zu entscheiden, müssen wir uns die Motive klar machen, 
die zur Proklamierung der Gegenstandstheorie als eigener Wissen- 
schaft Veranlassung geben. Es handelt sich dabei fUr Meinong 



Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 19 

eigentlich nur um die Koiustatienmg eines Arbeitsgebietes, welches 
zwischen dem Arbeitsgebiet der Naturwissenschaft und der Psycho- 
logie als neutrale Zone liege und bisher nicht die richtige Würdigung 
gefunden habe, besonders auch von der allgemeinen Wirklichkeits- 
wissenschaft, der Metaphysik, nur ohne rechte Befugnis in Angriff 
genommen worden sei. Daraus ergibt sich wohl deutlich genug, daß 
vor allem Gegenstände , wie die Begriffe , Urteile und Schlüsse , die 
weder ins Reich der physischen noch in das der psychischen Wirk- 
lichkeit gehören, von der Gegenstandstheorie aufgenommen werden 



Nun erhebt sich allerdings die Frage, ob auf diese Weise die 
Gegenstandstheorie nicht einfach ein mixtum compositum aller der- 
jenigen Untersuchungen wird, die anderwärts sich nicht unterbringen 
lassen. Das wäre sicherlich nicht im Sinne Meinongs, der, wenn wir 
ihn recht verstehen, die Gegenstandstheorie als eine ganz bestimmte 
Wissenschaft mit einheitlichem Charakter auffaßt. Suchen wir uns 
daher im folgenden darüber klar zu werden, ob und wie ein einheit- 
licher Charakter der Gegenstandstheorie mit dem, was wir bis jetzt 
darüber erfahren und festgestellt haben, vereinbar erscheint. 

Wir haben konstatiert, daß vor allem die Begriffe im Sinn der 
Wortbedeutungen zum Arbeitsgebiet der Gegenstandstheorie gehören. 
Wenn wir nun ebenso berechtigt wären, zu sagen, das Arbeitsgebiet 
der Gegenstandstheorie gehe in den Begriffen auf, dann würden wir 
über das Wesen dieser Wissenschaft schnell ins Reine kommen. 
Sehen wir also zu, was einer solchen Behauptung im Wege steht! 

Da könnte man vor allem darauf hinweisen, daß als Denkgegen- 
stände auch die Elemente der Wirklichkeit in Betracht kommen. Sie 
werden dadurch, daß ein Gedanke sich auf sie richtet, nicht zu Be- 
griffen. Sie bleiben Realitäten mit realen Eigenschaften. Aber 
diese Eigenschaften kommen doch auch für die Gegenstandstheorie 
gar nicht in Betracht. Die Gegenstandstheorie hat es, wie wir oben 
sahen, mit dem zu tun, was den Gegenständen als Denkgegenständen 
zukommt und in dieser Hinsicht kommt den Bestandteilen der Wirk- 
lichkeit eben nichts zu. 

Hier muß nun freilich erwähnt werden, daß Meinong die Auf- 
gabe der Gegenstandstheorie nicht ganz so bestimmt, wie wir dies 
getan haben. Er betont vielmehr, daß zur Unterscheidung der 
Gegenstandstheorie und der Wirklichkeitswissenschaften nicht die Rück- 
sicht auf Wirklichkeit oder NichtWirklichkeit der Gegenstände, sondern 
nur ein methodologischer Gesichtspunkt in Betracht komme, in dem 
die Gegenstandstheorie eine apriorische, die Wirklichkeitswissenschaft 
eine aposteriorische Disziplin sei. Gegen diese Bestimmung ließe 

2* 



20 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

sich so manches einwenden. Wir können dies hier jedoch um so 
eher unterlassen, als eine Schwierigkeit fUr unsern OedankengaDg 
durch die in Rede stehende Auffassung Meinongs nicht herbeigefiihrt 
wird. A priori können wir ja nicht einmal wissen, daß überhaupt 
eine Wirklichkeit existiert. Infolgedessen hat die Oegenstandstheorie 
als apriorische Wissenschaft mit wirklichen Objekten jedenfalls nichts 
zu schaffen. 

Nachdem wir so die Wirklichkeit ausgeschaltet haben als etwas, 
was nicht zum Arbeitsgebiet der Gegenstandstheorie gehört, fragt es 
sich nur, ob nicht außer den Begriffen noch anderes Nichtwirkliches 
für die Gegenstandstheorie in Betracht kommt. Wenn Meinong hier 
etwa die Gegenstände der Grammatik namhaft machen wollte, von 
der er behauptet, daß >die allgemeine Oegenstandstheorie von ihr 
in ähnlicher Weise zu lernen habe, wie die spezielle Gegenstands- 
theorie von der Mathematik lernen kann und soll<, so wäre dem 
entgegenzuhalten einerseits, daß die Wörter und Wortverbindungen, 
mit denen sich die Grammatik beschäftigt, Wirklichkeiten sind, 
andererseits, daß a priori nichts darüber zu erkennen ist. 

Schwieriger wird die Sachlage, wenn man uns darauf hinweist, 
daß Zahlen, Größen u. s. w. keine Begriffe sind oder allgemeiner, daß 
bei Begriffen von idealen Objekten nicht nur die Begriffe, sondern 
auch die Objekte von der Gegenstandstheorie zu behandeln sind. 
Man könnte diesem Einwand gegenüber auf den Gedanken kommen, 
zu behaupten, daß bei idealen Gegenständen Begriff im Sinn von 
Bedeutung und > gemeintes« Objekt zusammenfallen. Aber eine ein- 
fache Prüfung ergibt, daß diese Behauptung nicht haltbar ist. Wäre 
sie nämlich richtig, dann müßten dieselben Prädikate auf ideale 
Gegenstände und auf Begriffe sich anwenden lassen. Nun sprechen 
wir wohl von einer geraden Linie, aber nicht von einem geraden 
Begriff, wohl von einem allgemeinen Begriff, aber nicht von einer 
allgemeinen Linie u. s. w. Unser Versuch , das Arbeitsgebiet der 
Gegenstandstheorie auf die Begriffe einzuschränken, ist daher als 
fehlgeschlagen zu betrachten. 

Aber wenn es nicht möglich ist, die idealen Gegenstände den 
Begriffen zu subsumieren, so wäre es vielleicht nicht ausgeschlossen, 
die Begriffe als eine Unterart der idealen Gegenstände zu betrachten 
und die Gegenstandstheorie als diejenige Wissenschaft zu bestimmen, 
die es mit der Bearbeitung der idealen Gegenstände schlechthin zu 
tun hat. Um dies zu entscheiden, muß vor allem über das Wesen 
des Begriffs Klarheit geschaffen werden. Wir haben bereits darauf 
hingewiesen, daß der Begriff nicht verwechselt werden darf mit der 
den Gegenstand erfassenden Vorstellung und daß er in keinem Fall 



üntennchangen zor Gegenstandstheorie and Psychologie, hrs. von Meinong. 21 

mit dem erfaßten Gegenstand identisch ist. Unter einem Begriff 
kann somit kaum noch etwas anderes verstanden werden als die Be- 
ziehung zwischen dem Wort oder allgemeiner zwischen dem Zeichen 
und dem damit gemeinten Gegenstand. Diese Beziehung ist aber 
sicherlich keine Realität und wir sind daher offenbar berechtigt, die 
Begriffe als ideale Gegenstände zu betrachten. 

Daß außer den Begriffen noch andere ideale Gegenstände wie 
Größen und Zahlen in die Gegenstandstheorie gehören, ist durch 
den Hinweis auf den gegenstandstheoretischen Charakter der Mathe- 
matik bereits dargetan. Es fragt sich also nur noch, ob auch wirk- 
lich alle idealen Gegenstände von Seiten der Gegenstandstheorie an- 
gemessene Behandlung finden können, und um hierüber ins Reine zu 
kommen, können wir eine nähere Bestimmung der idealen Gegen- 
stände nicht unterlassen. Wir knüpfen dabei an an die kurze Er- 
örterung Ameseders über reale und ideale Gegenstände in der 
zweiten der hier in Rede stehenden gegenstandstheoretischen Abhand- 
lungen, seinen >Beiträgen zur Grundlegung der Gegenstandstheorie«. 
Hier zitiert der genannte Autor die Bestimmung Meinongs, wonach 
ein Gegenstand real ist, wenn er seiner Natur nach existieren kann, 
während er andernfalls als ideal zu bezeichnen ist. Indem Ameseder 
weiterhin den Begriff > Existenz < als das Sein des Wirklichen definiert, 
kommt er zu dem Resultat, daß die Gruppe der realen Gegenstände 
derartig klein und unserer Erkenntnis so wenig zugänglich ist, daß 
mit der Unterscheidung realer und idealer Gegenstände für das 
eigentliche Gebiet der Gegenstände keine zweckmäßige Einteilung 
gewonnen wäre. 

Nun haben wir bereits dargetan, warum die* realen Gegenstände 
von der Gegenstandstheorie nicht behandelt werden können. Aber 
auch das, was Ameseder unter dem Begriff der idealen Gegenstände 
zusammenfaßt, enthält offenbar noch vieles, was nach unserer Auf- 
fassung und nach der Meinongschen Bestimmung nicht in die Gegen- 
standstheorie gehört. Da nämlich nach Ameseders Meinung wirklich 
nur dasjenige ist, was kausieren kann, so fallen beispielsweise die 
Farben , die > Erfaßten der Farbenempfindungen« , unter den Begriff 
der idealen Gegenstände. Was aber eine apriorische Wissenschaft 
hinsichtlich des Farbensystems erkennen soll, ist nicht recht einzu- 
sehen. Wenn wir daher im Gegensatz zu Ameseder, aber im Hin- 
blick auf die Meinongsche Definition die Farben und ähnliche Gegen- 
stände nicht zu den Objekten der Gegenstandstheorie rechnen, so 
scheint damit die Frage, ob alle idealen Gegenstände zum Arbeits- 
gebiet der Gegenstandstheorie gehören, bereits im negativen Sinn 



22 Gott, gel Anz. 1906. Nr. 1. . 

entschieden, sofern mr nämlich die Meinong-Amesedersche Definition 
der idealen Gegenstände acceptieren. 

Nun kann man aber kaum sagen, daß diese Definition dem Sprach- 
gebrauch auch nur einigermaßen gerecht werde. Denn es würde 
danach nicht weniger als alles, was uns in der Außenwelt unmittelbar 
gegeben ist, unter den Begriff des Idealen fallen, während als > nicht- 
ideal« nur das Psychische und eventuell das >Ding an sich« in Be- 
tracht käme. Wir ziehen es also vor, uns nach einer andern Be- 
stimmung des Begriffs »ideaU umzusehen. Eine solche scheint sich 
zwanglos aus der Amesederschen Unterscheidung notwendiger und 
zufälliger Gegenstände zu ergeben. Als notwendig bezeichnet der 
genannte Autor nämlich diejenigen Gegenstände, deren > Zugehörigkeit 
zu einer Seinstatsache < eine notwendige ist wie z. B. die Verschieden- 
heit von Rot und Grün. Diese Bestimmung ist nun freilich nicht 
eindeutig. Man kann die >notwendige Zugehörigkeit zu einer Seins- 
tatsache« ebensogut im Sinn der > Undenkbarkeit des Gegenteils« 
wie im Sinne der > Unmöglichkeit des Alleinbestehens< deuten. So- 
fern aus den weiteren Ausführungen Ameseders hervorgeht, daß er 
der ersteren Deutung zuneigt, können wir in seiner Unterscheidung 
notwendiger und zufälliger Gegenstände keine zweckmäßige Einteilung 
sehen; denn in diesem Sinn zufällig sind ganz heterogene Gegen- 
stände; ist es doch offenbar nicht notwendiger, daß Verschiedenheit 
überhaupt wie daß ein Körper überhaupt besteht. 

Deuten wir dagegen den Begriff der notwendigen Zugehörigkeit 
zu einer Seinstatsache in dem zweiten oben angegebenen Sinn, dann 
ergibt die Gegenüberstellung > zufälliger« und > notwendiger« Gegen- 
stände eine klare Scheidung. Freilich werden wir dann diejenigen 
Gegenstände, die selbständig nicht bestehen können, besser unselb- 
ständige als notwendige Gegenstände nennen, und auch die Bezeich- 
nung der selbständigen als zufälliger Gegenstände hat eigentlich 
keinen Sinn. Sofern die unselbständigen mit den > fundierten« Gegen- 
ständen zusammenfallen^), läßt sich die Anwendung des Prädikats 
notwendig auf sie nur in dem Sinn rechtfertigen, daß mit dem Sein 
der Inferiora das Sein des fundierten Gegenstandes notwendig ge- 
geben ist. 

Identificieren wir nun die unselbständigen mit den idealen Gegen- 
ständen, so kommen wir offenbar dem gewöhnlichen Sprachgebrauch 
ziemlich nahe. Verschiedenheit, Aehnlichkeit , abstrakte Größenbe- 
ziehungen, Wortbedeutungen — das sind lauter unselbständige und 
zugleich lauter im gewöhnlichen Sinne des Wortes >ideale« Gegen- 

1) Vgl. Ameseders Aasführongen in der Abhandlung über Vorstellongspro- 
duktion in Meinongs Untersuchungen p. 483. 



tJntdrsQchongen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 23 

stände. Aber eine Schwierigkeit mttssen wir doch noch erwähnen. 
Unselbständig ist nämlich auch die Farbe gegenüber der Aus- 
dehnung, die Tonhöhe gegenüber der Intensität u. s. w. Wir wagen 
es nicht, mit Ameseder diese Unselbständigkeit als eine toto genere 
verschiedene^) einfach auszuschließen. Andererseits sind wir aber 
auch nicht gewillt, Farbe als solche, Tonhöhe als solche u. s. w. den 
idealen Gegenständen zuzurechnen. Ueber diese Schwierigkeit 
kommen wir auch nicht hinweg, wenn wir die Bestimmung realer 
und idealer Gegenstände mit heranziehen, die Mally in der dritten 
der in Rede stehenden gegenstandstheoretischen Abhandlungen, in 
seinen Untersuchungen zur Gegenstandstheorie des Messens versucht. 
Mally definiert nämlich die idealen Gegenstände als diejenigen, deren 
Sosein ihre Existenz, nicht aber ihren Bestand ausschließt. Als Bei- 
spiel führt er an, daß Verschiedenheit, Aehnlichkeit, die Tatsache» 
daß 3 + 2 = 5 ist, ihrer Natur nach nicht existieren können, 
während Verschiedenheit und Aehnlichkeit bestehen kann und 
die Thatsache, daß 3 + 2 == 5 ist, sogar notwendig besteht. 
Wenden wir diese von Mally gegebene Bestimmung zur Entscheidung 
der uns hier beschäftigenden Fragen an, so kommen wir keinen 
Schritt vorwärts. Mally erwähnt keinerlei Kriterien für das >Exi- 
stieren-können«, versucht überhaupt Existenz und Bestand nur da- 
durch indirekt zu kennzeichnen, daß er betont, wie Existenz nur 
aposteriorischer, Bestand dagegen apriorischer Erkenntnis zugänglich 
sei. Fragen wir nun, ob nach Mallys Meinung Farben wohl existieren 
können, so liegt die Antwort Nein auf diese Frage jedenfalls näher 
als die Antwort Ja. Dann befinden wir uns also wiederum in der 
Lage, Farben und ähnliche Gegenstände als ideale Objekte ansprechen 
zu müssen. 

Wir wollen diese peinliche Untersuchung nicht weiterfuhren. 
Wir konstatieren vielmehr: Ob die Farbenqualitäten, Tonhöhen 
u. s. w. reale oder ideale Gegenstände sind, ist fur die Ent- 
scheidung der Frage ihrer Zugehörigkeit zur Gegenstaudstheorie ganz 
gleichgültig. Sie gehören unter allen Umständen nicht in die Gegen- 
standstheorie, wenn diese, wie Meinong behauptet, eine apriorische 
Wissenschaft ist. Aber auch die Frage, von der wir bei der Unter- 
suchung über das Wesen der idealen Gegenstände ausgegangen sind, 
die Frage, ob alle idealen Ggenstände von der Gegenstandstheorie 
zu behandeln sind, läßt sich beantworten, ohne daß wir die Frage 
nach der Idealität oder Realität der Farbenqualitäten u. s. w. ent* 
scheiden. Es gibt nämlich sicherlich ideale Gegenstände, wie Schön- 

1) a. a. 0. p. 483. 



24 Gott. gel. Anz. 1905. Nr. 1. 

heit, Tugend und andere, die nicht von der Gegenstandstheorie 
sondern von empirischen Wissenschaften erforscht werden. 

Ueberhaupt schrumpft, wie man sieht, das Arbeitsgebiet der 
Gegenstandstheorie immer mehr zusammen, je schärfer man das Wesen 
derselben zu fassen sucht. Außer Logik und Mathematik, die sich, 
wie wir bereits zugegeben haben, dem Oberbegriff der Gegenstands- 
theorie mögen unterordnen lassen, scheint nur eine Klasse von 
Forschungsobjekten am Ausbau der Gegenstandstheorie interessiert 
zu sein, nämlich die >fundierten< Gegenstände, sofern sich nicht auch 
von diesen herausstellen sollte, daß sie besser empirischen Wissen- 
schaften überlassen werden. Bis zu einem gewissen Grad sind zweifellos 
empirische Wissenschaften an der Erforschung der fundierten Gegen- 
stände beteiligt. Was beispielsweise eine Melodie ist, wie Melodien 
erzeugt werden und welche ästhetischen Wirkungen an Melodien ge- 
knüpft sind, das zu untersuchen ist jedenfalls Sache einer empirisch 
betriebenen Akustik und Musikwissenschaft. Oder die Größe und 
Gestalt eines wirklichen Gegenstandes festzustellen kann nun und 
nimmer Sache der Gegenstandstheorie sein. Es fragt sich nur, ob 
nicht neben solchen empirisch zu gewinnenden Erkenntnissen fundierter 
Gegenstände auch noch a priori derartige Erkenntnisse gewonnen 
werden können. 

Um dies zu entscheiden, wollen wir kurz betrachten, was Ame- 
seder im speziellen Teil seiner gegenstandstheoretischen Abhandlung 
über Fundierungsgegenstände beizubringen weiß. Er behandelt nach 
einander die >Aehnlichkeits- und Verschiedenheitsgegenstände <, die 
>GestaltgegeDstände< und die > Verbindungsgegenstände c. Zu den 
erstgenannten rechnet er Gleichheit, Aehnlichkeit und Verschiedenheit. 
Gleichheit bestimmt er als Maximum der Aehnlichkeit. Hinsichtlich 
der Aehnlichkeit und Verschiedenheit wird im wesentlichen nur kon- 
statiert, daß Aehnlichkeit und Verschiedenheit nicht auf einander 
zurückführbar sind, daß dagegen Aehnlichkeit und Verschiedenheit 
allerdings koincidieren, daß ferner Aehnlichkeit und Verschiedenheit 
Größe besitzen, also Quanta und zwar unteilbare Quanta sind, daß 
Aehnlichkeit und Verschiedenheit ebenso wie ihre Inferiora Continuen 
angehören, daß sie stets zwei und nur zwei Inferiora haben, daß als 
zugehörige Inferiora nur Dinge fungieren können, zwischen denen eine 
kontinuierliche Verbindung möglich ist und daß die betreffenden 
Inferiora als solche zufällige Gegenstände sind. 

Was die Gestaltgegenstände anlangt, so erfahren wir zunächst, 
daß Lage keine Gestalt ist, daß aber »die immerhin vorherrschende 
Verwandtschaft mit den Gestalten es gestattet, die kleine Gruppe 
der Lagen und Richtungen in einer erweiterten Gruppe, zu der auch 



üntenuchangen zur GegensUndstheorie and Psychologie, hrs. von Meinong. 25 

die Gestalten gehören, unterzubringen <. Die Gestalten werden ein- 
geteilt in diskrete und kontinuierliche, in solche mit zeitlosen und 
zeitbestimmten und endlich in solche mit einfachen und komplexen 
Inferioren. Schließlich erfahren wir noch, daß die Gestaltgegenstände 
Kontinuen angehören, die in Gestalt und Größe durch die Kontinuen 
der Inferiora bestimmt werden, daß die Gestaltgegenstände keine 
Quanta sind und daß sie sich mit Notwendigkeit auf ihren Inferioren 
aufbauen. 

Hinsichtlich der Verbindungsgegenstände werden wir belehrt, 
daß sie an beliebig vielen Inferioren vergegenständlicht sein können, 
daß ihre Inferiora nicht nur diskret sondern auch kontinuierlich sein 
können, daß alle Verbindungsgegenstände Größe haben, da a und b 
immer mehr ist als a, mag b was immer fttr ein Gegenstand sein, 
daß ferner die Verbindungsquanta durch ihre sogenannte Teilbarkeit 
ausgezeichnet sind, wobei man unter dieser Bezeichnung die Mög- 
lichkeit verstehen soll, demselben Superius nach Erfordernis eine 
bestimmte Anzahl von Inferioren zuzuschreiben. Außerdem finden 
sich noch einige etwas komplizierte Bemerkungen über das Sein der 
Verbindungsgegenstände, auf die wir hier nicht weiter eingehen wollen. 

Im Anschluß an die skizzierten Gedanken Ameseders haben wir 
nunmehr folgendes zu konstatieren : Die Gegenstände, von denen die 
Rede war, nämlich Gleichheit, Aehnlichkeit, Verschiedenheit, Formen 
oder Gestalten, Größen, Mengen oder Complexe, spielen in einer 
Reihe von Wissenschaften eine bedeutsame Rolle. Vergleichung und 
Unterscheidung, Beschreibung von Formeigentümlichkeiten, Messen, 
Zählen und Rechnen gehören zu den fundamentalsten Operationen 
wissenschaftlicher Forschung überhaupt und wenn wir von einem 
Objekt wissen, daß es einem anderen bekannten Objekt gleich oder 
von einem dritten verschieden ist, daß es die oder jene Form besitzt, 
daß es eine bestimmte Größe besitzt oder durch ein bestimmtes Maß 
gemessen werden kann, dann ist das betreffende Objekt von uns er- 
kannt. Was soll es nun heißen, wenn das, wodurch wir erkennen, 
wiederum zum Gegenstand einer besonderen Erkenntnis gemacht wird ? 
Offennbar kann damit verschiedenes gemeint sein. Zunächst dies, 
daß die Begriffe von Gleichheit, Aehnlichkeit u. s. w. bestimmt wer- 
den sollen. Eine solche Bestimmung muß jedoch bereits von jeder 
Wissenschaft gegeben werden, die mit Gleichheiten, Aehnlichkeiten 
u. s. w. operiert. Eine nochmalige Bestimmung derselben Begriffe 
in einer besonderen Wissenschaft erweist sich nur dann als nötig, 
wenn die in den einzelnen Wissenschaften gegebenen Definitionen 
einseitig sind. Diejenige Wissenschaft aber, die allgemeingültige 
Bestimmungen der in den einzelnen Wissenschaften verwendeten 



26 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

Ornndbegriffe anstrebt, existiert bereits unter dem Namen Erkenntnis- 
theorie. Diese Disziplin beschäftigt sich freilich weit mehr mit der 
Bestimmung von Begriffen, die im Hinblick auf wirkliche Gegenstände 
gewonnen werden — aus dem einfachen Grund, weil diese Begriffe 
ihr von den Einzelwissenschaften unvollkommener überliefert werden 
als die Begriffe von idealen Gegenständen wie Gleichheit, Aehnlich- 
keit u. s. w., die in den Einzelwissenschaften schon hinreichend all- 
gemeingültige Bestimmung finden. In der Tat sind Sätze wie Ame- 
seders Eonstatierung, daß Gleichheit das Maximum der Aehnlichkeit 
sei, kaum als bedeutsame erkenntnistheoretische Entdeckungen an- 
zusprechen. 

Aber der Versuch, Gleichheit, Aehnlichkeit u. s. w. zum Gegen- 
stand einer besonderen Wissenschaft zu machen, kann noch auf etwas 
anderes abzwecken als darauf, die Begriffe dieser Gegenstände allge- 
meingültig zu bestimmen. Wenn nämlich festgestellt wird, daß 
Gleichheit ein fundierter Gegenstand sei, dessen Inferiora bestimmte 
Beschaffenheit aufweisen, so bedeutet das keineswegs einen Definitions- 
fortschritt. Vielmehr sind damit gewisse Tatsachen erfaßt. Es fragt 
sich nun, in welches Tatsachengebiet dieselben gehören. Wir haben 
zweifellos ein gewisses Recht, sie dem Arbeitsgebiet der Psychologie 
zuzurechnen; denn es bedeutet offenbar einen Fortschritt der psycho- 
logischen Erkenntnis, wenn wir einsehen, daß durch psychische Akte 
Gegenstände erfaßt werden, die nicht sichtbar, hörbar, tastbar u. s. w. 
doch als bestehend angenommen werden müssen. Es ist femer auch 
eine im Grunde genommen psychologische Erkenntnis, wenn die be- 
treffenden Gegenstände als nicht identisch mit psychischen Akten 
und Inhalten erwiesen werden; denn diese negative, die Psychologie 
interessierende Erkenntnis bedeutet ja keinerlei positive Bestimmung 
des eigenen Wesens der betreffenden Gegenstände. Wir behaupten 
sogar, daß dieses eigene Wesen für uns keinerlei Interesse besitzt- 
Aber wer dem nicht beistimmt, der mag immerhin Untersuchungen 
über das Sein der Gleichheit, Aehnlichkeit u. s. w. anstellen. Diese 
Untersuchungen fügen sich dann zwanglos dem Rahmen derjenigen 
Wissenschaft ein, die von altersher über das Wesen der Substanzen, 
Modi und Relationen Betrachtungen angestellt hat, nämlich der Meta- 
physik. 

So bleibt schließlich nur noch eines übrig, was beabsichtigt sein 
kann, wenn die in Rede stehenden Gegenstände zum Objekt besonderer 
Untersuchung gemacht werden sollen, und was von Ameseder tat- 
sächlich auch in gewissem Sinn geleistet wird — nämlich die Fest- 
stellung von Beziehungen zwischen Gleichheit, Aehnlichkeit, Ver- 
schiedenheit, Gestalt, Größe u. s. w. Die Feststellung dieser Be- 



üntersachnngen zur Gegenstundstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 27 

Ziehungen ist aber teils der Logik teils der Mathematik vorbehalten. 
Dieselbe Wissenschaft, die feststellt, das ^ = ^ und Ä ^ non A, 
kann offenbar auch konstatieren, daß Aehnlichkeit und Gleichheit 
sich ausschließen, während Aehnlichkeit und Verschiedenheit koinci- 
dieren. Und die Wissenschaft, weiche feststellt, daß Dreiecke mit 
gleicher Grundlinie und Höhe flächengleich sind, darf wohl auch die 
Erkenntnis in Anspruch nehmen, daß » Gestaltgegenstände < mit 
Quanten koinzidieren, die in keiner Weise von dem Fall der Gestalt 
abhängig sind. 

So werden wir zu dem Schluß gedrängt, daß die Gegenstands- 
theorie restlos aufgeht in Logik und Mathematik und es soll im 
Folgenden im Anschluß an Mallys Untersuchungen zur Gegenstands- 
theorie des Messens gezeigt werden, daß auch diese speziellen Bei- 
träge zur Gegenstandstheorie sich in logische und mathematische 
Feststellungen auseinanderlegen. 

Zuvor aber müssen wir noch auf eine Frage eingehen, die als 
grundsätzlicher Einwand gegen das Resultat der bisherigen Ueber- 
legungen zu guter Letzt erhoben werden kann. Wir haben ja bis 
jetzt nur von Objekten gehandelt, auf welche die Gegenstands- 
theorie Anspruch macht und die wir in mathematische und logische 
Gegenstände glaubten erschöpfend einteilen zu dürfen. Nun betont 
aber Meinong ebenso wie Ameseder und Mally, daß die Gegenstands- 
theorie außer den Objekten auch noch die sogenannten Objektive 
zu untersuchen habe. Wird damit nicht eine Klasse von ganz neuen 
Gegenständen eingeführt, auf die unsere bisherigen Betrachtungen 
keine Anwendung finden können? Um diese Frage einer Entscheidung 
zuzuführen, wollen wir zunächst feststellen, was man unter einem 
Objektiv zu verstehen hat und zwar soll das geschehen unter Zu- 
grundelegung der Formulierungen von Ameseder und Mally. Der 
erstere äußert sich in dem der Unterscheidung von Objekten und 
Objektiven gewidmeten Paragraphen folgendermaßen: >Auch das 
Sein hat Sein, so ist z. B. eine Existenz oder ein Bestehen. Jene 
Gegenstände, welche Sein sind und Sein haben, sind wesentlich anders 
als jene, welche bloß Sein haben, aber nicht selbst Sein sind. Jene 
Gegenstände, welche Sein sind und sich im sprachlichen Ausdruck 
durch die ,daß- Konstruktion' kennzeichnen, hat Meinong als ,0b- 
jektive' benannt. Gegenstände, die nicht Objektive sind, sind Ob- 
jekte. Die Objekte sind, wenn dies auch sprachlich nicht angedeutet 
ist, eine Unterart der Gegenstände. Objekte sind z. B. Farben, 
Zahlen, Strecken ; Objektive sind die Existenz einer chemischen , Ver- 
bindung', das Nichtsein des runden Vierecks, das Farbigsein eines 
bestimmten Gegenstandes und dergl. mehr, oder in der typischen 



28 GöU. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

Form: ,daß eine chemische Verbindung existiert', ,daß ein rnndes 
Viereck nicht ist', ,daß ein Objekt farbig ist' u. s. w.<. Die Objek- 
tive selbst teilt Ameseder in die zwei Klassen der Seins- und So- 
seinsobjektive mit folgender Begründung: >Neben jenen Objektiven, 
welche die Form haben ,daQ etwas ist' gibt es noch solche, die 
sprachlich durch ,daß ein ^ JB ist' oder schlechtweg ,daß etwas so 
ist' ausgedrückt werden. Objektive letzterer Art lassen sich in keiner 
Weise auf Objektive der ersteren zurückfähren, ebensowenig, wie 
jene auf diese«. Ganz ähnlich konstatiert Mally: >Sein und Sosein 
werden von Meinong als Objektive bezeichnet und allen anderen 
Gegenständen als Objekten im engeren Sinne gegenübergestellt«. 

Was haben wir nun von dieser Unterscheidung zwischen Objekt 
und Objektiv und von der Gegenüberstellung der Seins- und Soseins- 
objektive zu halten. Der Satz ^ ist und der Satz A ist B unter- 
scheiden sich natürlich von dem Begriff A^ von dem Begriff Sein 
und von dem Begriff B so wie sich Urteile von Begriffen unterscheiden. 
Urteile und Begriffe sind verschiedene Gegenstände, die wissenschaft- 
licher Bearbeitung zugänglich sind, aber beide finden ihre Bearbeitung 
in derselben Wissenschaft, der Logik. Wenn also durch die Gegen- 
überstellung von Objekten und Objektiven nur Begriffe und Urteile 
als verschiedene Gegenstände der Gegenstandstheorie bezeichnet 
werden sollen, so ist dagegen nichts einzuwenden. Es wird dadurch 
aber auch an den Resultaten unserer bisherigen Ueberlegungen nichts 
geändert 

Nun ist jedoch die Absicht Meinongs und seiner Schüler kaum 
auf eine solche bloß logische Unterscheidung gerichtet. Wie den 
Begriffen die Gegenstände und zwar die Objekte im engeren Sinn 
so sollen offenbar den Urteilen die Objektive gegenübergestellt wer- 
den. In der Tat läßt sich nicht viel dagegen einwenden, wenn man 
das Wesen der Urteile in einer Beziehung zwischen Begriffen sehen 
will (Meinong faßt freilich das Wesen des Urteils mehr in psycholo- 
gischem Sinn) und nun nach etwas sucht, was durch diese Begriffis- 
kombination auf der Gegenstandsseite gemeint ist. Ganz klar ist 
diese Gegenüberstellung allerdings nicht. Denn nachdem wir gesehen 
haben, daß ein Begriff nichts anderes ist als die Beziehung zwischen 
Wort und Gegenstand, bleibt zur Bestimmung des Wesens der Be- 
griffsbeziehung, die sich auf etwas Gegenständliches bezieht, nichts 
übrig als die nicht gut zu kontrollierende Behauptung, dieses Wesen 
bestehe in einer Beziehung zwischen Beziehungen, die sich ihrerseits 
wieder auf etwas bezieht. Doch wie dem auch sei, ob nun bloß Be- 
ziehungen zwischen Worten bezw. Wortkombinationen und Gegen- 
ständen oder auch die eben angedeuteten Beziehungen zwischen Be- 



Untenachongen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 29 

Ziehungen fur logische Untersuchungen in Betracht kommen, jedenfalls 
gilt es festzustellen, welche Gegenständlichkeit durch Urteile erfaßt 
wird. Halten wir uns an einzelne Beispiele : In dem Satz a = oder 
^ b sind es offenbar Größenbeziehungen, in dem Satz >der Baum 
ist grün« ist es die Beziehung von Ding und Eigenschaft, in dem 
Satz endlich >der Ichthyosaurus hat existiert« ist es eine Existenz, 
die erfaßt wird. Von diesen verschiedenen > Erfaßten« fallen nun, 
wie man sieht, einige, nämlich die Größenbeziehungen ohne weiteres 
zusammen mit Objekten, die wir vor Einführung des Objektivbegriffs 
ins Auge gefaßt haben, d. h. mit Objekten im engeren Sinn. Was 
die Existenz anlangt oder die Beziehung zwischen Ding und Eigen- 
schaft, so ist nicht einzusehen, warum sie nicht ebenso zu den Ob- 
jekten im engeren Sinn gehören soll wie etwa Kausalität, Notwendig- 
keit, Wertbeziehung u. s. w. Hinsichtlich der wissenschaftlichen 
Bearbeitung von Gegenständen wie Existenz und Inhärenz ist zu 
bemerken, daß die allgemeingültige Definition der zugehörigen Be- 
griffe in die Erkenntnistheorie, die Feststellung bestimmter Existenzen 
und Inhärenzen größtenteils in die einzelnen empirischen Wissen- 
schaften und die Erforschung des Wesens der Existenz und Inhärenz 
eventuell in die Metaphysik gehört. Abschließend können wir also 
sagen: Die Objektive sind entweder Urteile und bilden dann eine 
kleine Gruppe neben vielen anderen Gruppen von Gegenständen, die 
zum Arbeitsgebiet der Logik und Mathematik oder wenn man so 
will, der Gegenstandstheorie gehören — oder die Objektive sind keine 
Urteile sondern etwas durch Urteile Erfaßtes und gehören dann nur 
zum kleinsten Teil und keineswegs als besondere Klasse von Gegen- 
ständen in die Gegenstandstheorie. 

Damit dürfen wir zurückkommen auf unsere These, Gegenstands- 
theorie sei identisch mit Logik und Mathematik, und wenn es nun 
noch gelingt, diese These in einer Auseinandersetzung mit den gegen- 
standstheoretischen Spezialuntersuchungen Mallys als richtig zu er- 
weisen, dann dürfen wir sie wohl als gesichert ansehen. 

Mally konstatiert zu Beginn seiner in Rede stehenden Betrach- 
tungen, daß die Gegenstände, die gemessen werden und die Tatsachen, 
die durch das Messen erkannt werden, als Objekte der Gegenstands- 
theorie des Messens in Betracht kommen. Die Aufgabe dieser Disziplin 
bestimmt er dahin, daß sie die Gegenstände des Messens zu be- 
schreiben und die durch das Messen zu erkennenden Tatsachen syste- 
matisch anzufühlen und nach Möglichkeit zu erklären habe. 

Was zunächst die Beschreibung der Gegenstände des Messens, 
also der Größen nnd Maße anlangt, so verkennt unser Autor keines- 
wegs, daß eben dies eine Aufgabe der Mathematik ist Aber er 



30 Gott. gel. Anz. VMMi. Nr. 1. 

meint, daß im Gegensatz zur Mathematik, die nur Quanta schlecht- 
weg und daneben nur noch Raumquanta zu Objekten hat, die Gegen- 
standstheorie des Messens nicht nur von Quantis handelt, sofern sie 
Quanta sind d. h. nur ihrer Größe nach, — sondern von allen jenen 
Objekten, die zugleich Quanta sind, auch ihren andern Eigenschaften 
nach. Was das nun heißen soll, ist nicht so leicht einzusehen; denn 
es kann doch nicht die Absicht Mallys sein, der Gegenstandstheorie 
eine Erforschung aller Eigenschaften zuzumuten, die an meßbaren 
Gegenständen überhaupt vorkommen. 

Aber auch der zweite Teil der oben formulierten Aufgabe er- 
möglicht keine klare Abgrenzung der Gegenstandstheorie von Mathe- 
matik und anderen Wissenschaften. Was soll es zunächst heißen 
>die Gegenstandstheorie des Messens habe die durch das Messen 
zu erkennenden Tatsachen systematisch anzuführen <? Es kann doch 
unmöglich damit gemeint sein, was in erster Linie freilich darunter 
verstanden werden muß, daß die Gegenstandstheorie eine Uebersicht 
der Maßzahlen aller Gegenstände zu geben habe. Offenbar will Mally 
nicht die durch das Messen zu erkennenden Tatsachen sondern die 
Tatsachen des Messens selbst der Gegenstandstheorie zuweisen. Diese 
Tatsachen sind etwa >daß gemessen wird<, >wie gemessen wird<, 
>auf welchen Voraussetzungen sich die Lehre vom Messen aufbaut<, 
»welche logische Bedeutung den Sätzen zukommt, die Messungs- 
ergebnisse ausdrücken« und endlich vielleicht > woher es kommt, daß 
überhaupt gemessen wird und gemessen werden kann«. Es wäre 
nun Sache einer freilich etwas weitschweifigen Untersuchung, darzu- 
tun, daß diese Tatsachen größtenteils von der Mathematik und Logik, 
teilweise vielleicht auch von empirischen Wirklichkeitswissenschaften 
festgestellt werden. 

Wir denken natürlich nicht daran, hier nochmals eine derartige 
allgemeine Untersuchung durchzuführen sondern wir wollen nunmehr 
bloß die weiteren Betrachtungen Mallys daraufhin prüfen, ob sie eine 
Widerlegung unserer Auffassung enthalten. Dabei überschlagen wir 
das erste Kapitel, welches »allgemeine Feststellungen < zur Gegen- 
standstheorie liefert, die wir im bisherigen schon größtenteils kennen 
gelernt haben. Das zweite Kapitel bringt eine »allgemeine Charak- 
teristik der Messungsobjekte €. Wir erfahren, daß > seiner Natur nach 
meßbar alles ist, dessen Beschaffenheit mit dem Vollzug einer Messung 
an ihm keinen Widerspruch bildet«. Mit anderen Worten: Eine 
Messung ist denkbar, wo sie nicht undenkbar ist. Dann folgen eine 
Reihe Definitionen, die wir aus der Mathematik kennen und die in 
dem Satz gipfeln, daß »alle meßbaren Gegenstände Quantac sind. 
Weiter erfahren wir, »daß es zu jedem Gegenstand, der groß ist, 



Untersuchnngen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 31 

noch Gegenstände gibt, die größer sind als er, und Gegenstände, die 
kleiner sind als er<. >E8 ist also kein Gegenstand der kleinstec 
und >ein kleinster Gegenstand ist also überhaupt kein Gegenstand, 
er ist nichts«. Dieser letztere Schluß ist nun freilich nichts weniger 
als einleuchtend, solang nicht vorausgesetzt wird, daß alle Gegen- 
stände Quanta sind. Im übrigen ist die Auffassung der Null als 
eines >Grenzfall8< uns wiederum aus der Mathematik bekannt, wenn 
auch nicht als eines > Grenzfalls von Gegenstand überhaupt < so doch 
als eines Grenzfalls von Größe oder Ausdehnung. Eine Reihe weiterer 
Bestimmungen, die den Schluß des in Rede stehenden Kapitels aus- 
machen, knüpfen an frühere Definitionen an und sind ohne die 
letzteren unverständlich. Wir können sie übergehen, da sie als bloße 
Nominaldefinitionen nichts zur Erweiterung unserer Erkenntnis bei- 
tragen. 

Das dritte Kapitel behandelt die teilbaren Quanta. Hier finden 
sich wieder ganz ähnliche Sätze wie wir sie schon kennen gelernt 
haben z. B. > seiner Natur nach teilbar ist jeder Gegenstand, dessen 
Beschafifenheit mit dem Vollzuge einer Teilung an ihm in keinem 
Widerspruch steht <. Durch gründliche Ueberlegung wird ferner die 
Bestimmung gewonnen, daß >jedes teilbare Quantum ein impliziter 
Komplex ist, der mit einem durchaus homoiomeren Mengenkomplex 
vollständig koincidiert<. Diese so ungewohnt klingende Formel scheint 
nichts anderes zu besagen als daß jedes teilbare Quantum als Summe 
gleicher, beliebig zu wählender Einheiten dargestellt werden kann. Ueber- 
haupt können wir den Eindruck nicht los werden als ob die ganze, 
eine recht ansehnliche Denkarbeit repräsentierende Untersuchung 
Mallys darauf hinauskomme, unter neuen Bezeichnungen und deshalb 
oft auch durch Gedankengänge besonderer Art Tatsachen neu zu 
entdecken, die, anders ausgedrückt, sich als längst bekannte Wahr- 
heiten entpuppen. Jedenfalls stellen sich überall da, wo unser Autor 
sich der gewöhnlichen Terminologie bedient, seine Festsetzungen als 
einfache mathematische Definitionen und Schlußfolgerungen heraus. 
So z. B. in den Betrachtungen über die > Grenzen der Gontinua«, in 
denen die Begriffe des Punktes, der Linie, der Geraden, der Ebene 
und des Raumes wie in der Geometrie bestimmt werden. Dagegen 
werden in dem folgenden Abschnitt über die «Dimensionen wieder 
neue Ausdrücke eingeführt. Wir erfahren, daß zwei Komplexionen 
fti und St2 vertauschbar sind, wenn Komplexe Ki in der Komplexion 
fti stehend, einen Komplex bilden, der mit einem Komplex aus Kom- 
plexen Kl in Komplexion ^2 koinzidiert. Diese komplizierte Formel 
dient zur Bezeichnung des einfachen mathematischen Tatbestandes, 
der in einem Fall wie 5x7 = 7x5 vorliegt. Nun wird weiterhin 



32 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

der Begriff der vertauschbaren Eomplexionen zur Bestimmung der 
Dimensionen verwendet. Es wird konstatiert, daß >ein Gegenstand, 
woran zwei untereinander unabhängig vertauschbare Komplexionen 
bestehen, zweidimensional ist<. Ein lineares Quantum hat demnach 
eine Dimension, ein Rechteck und jedes damit koinzidierende Flächen- 
quantum ist zweidimensional, es besitzt Länge und Breite, jedes 
Raumkontinuum endlich ist dreidimensional und wird als Quantum 
erst durch die drei Dimensionen > Länge«, > Breite« und > Tiefe« voll- 
ständig bestimmt. Auch in diesen Feststellungen können wir nichts 
entdecken, was uns aus der Geometrie nicht schon bekannt wäre. 

Vielleicht finden wir nun besondere originelle Erkenntnisse in 
dem folgenden Kapitel der Mallyschen Abhandlung, das die unteil- 
baren Quanta behandelt. Hier wird zunächst konstatiert, daß seiner 
Natur nach unteilbar ist, was keine Teile hat, kein Komplex ist, also 
einfach ist, und daß es zu jedem unteilbaren Quantum noch kleinere 
unteilbare Quanta derselben Art gibt, die nicht seine Teile sind. 
>Da ein Komplex von Gegenständen, die einem eindimensionalen 
Kontinuum angehören, eine Reihe ist«, so ist > jedes einfache 
Quantum E Bestandstück einer Reihe R(E)j worin von je zwei Daten 
E eines immer zwischen Null und dem anderen liegt.« >Die Reihe 
der einfachen Quanta ist kein Kontinuum«, obwohl >die einfachen 
Quanta als Grenzen einem Kontinuum angehören, nämlich der Ver- 
änderungsgeraden, die zur Null führt«. In all dem steckt 
offenbar keinerlei neue Erkenntnis. Nicht nur die Psychologie mit 
ihrer Anwendung von Mathematik auf die psychischen Vorgänge 
sondern schon die Physik, sofern sie sich etwa mit Photometrie be- 
schäftigt, lehrt, wie unteilbare Quanta mathematischer Behandlung 
zugänglich gemacht werden können. Sofern die betreffenden Ein- 
sichten aber nicht der Psychologie und Physik und auch nicht der 
Mathematik zugezählt werden sollen, gehören sie ins Gebiet der 
Methodenlehre, also der Logik. Wenn unser Autor ferner Definitionen 
der Begriffe der Häufungsstelle einer Reihe, der dichten Reihe und 
der stetigen Reihe gibt, so erwähnt er selbst, daß diese Termini dem 
mathematischen Sprachgebrauche ohne Bedeutungsänderung entnommen 
sind. Weniger mit der Mathematik haben die folgenden Ausfuhrungen 
zu tun, die von dtr Natur der unteilbaren Quanta, von den ein- 
fachen Quantis, die Qualitäten an Gegenständen sind, von den ein- 
fachen Quantis, die Qualitäten zwischen Gegenständen sind und von 
den einfachen Quantis, die keine echten Qualitäten sind, handeln. 
Da indessen in diesen Ausführungen Begriffe wie Ausdehnung, Ge- 
schwindigkeit , Arbeit, Dichte, Fähigkeit, Leistung, Kraft, Wert, 
Wahrscheinlichkeit neben Begriffen wie Gleichheit, Aehnlichkeit u. s. w. 



ÜntersuchoDgcn zur Gegenstandstheorie and Psychologie, hrs. von Meinong. 33 

besprochen werden, so sieht man ohne weiteres, daß hier Gegenstands- 
theorie im Sinn einer apriorischen Wissenschaft nicht vorliegen kann. 

Das fünfte Kapitel der Mallyschen Abhandlung, welches sich 
mit der > Messung der teilbaren Quanta c beschäftigt, enthält aus- 
schließlich mathematische Betrachtungen. Die direkten Rechnungs- 
operationen werden behandelt in Formeln wie >jeder explizite Mengen- 
komplex von Zahlen koinzidiert mit einem impliziten Zahlkomplex 
d. h. mit einer Zahle Die symbolische Darstellung in Formeln wie 
>a + b + c ='d€ zeigt, daß wir es mit nichts anderem als mit der 
Beschreibung von Addieren, Multiplizieren, Potenzieren, Subtrahieren, 
Dividieren, Radizieren, Logarithmieren zu tun haben. Auch in der 
weiteren Verfolgung dieser Betrachtungen finden wir nichts Neues. 
Es wird beschrieben, was in der Mathematik in knappen Formeln 
ausgedrückt ist z. B. daß Komplexe, die mit demselben Gegenstand 
koinzidieren, auch unter einander koinzidieren, daß jedes Quantum 
dieselbe relative Größe hat wie seine Maßzahl, daß Flächen, die mit dem- 
selben zweidimensionalen Quantum koinzidieren, größengleich sind u.s.w. 

Ganz Analoges gilt endlich auch vom sechsten Kapitel, das die 
Messung der unteilbaren Quanta behandelt, bloß daß dieses Kapitel 
mehr den Charakter einer Methodologie bestimmter empirischer 
Wissenschaften, einer Anwendung der Mathematik, als den Charakter 
reiner Mathematik besitzt. Wir erfahren, daß die unteilbaren Quanta 
meßbar sind, wenn zwischen ihnen und meßbaren teilbaren Quantis 
direkte Zuordnung besteht. Dann wird näher eingegangen auf die 
Messung der einfachen Quanta, die Qualitäten an Gegenständen sind. 
Hinsichtlich der Ausdehnung wird konstatiert, daß die Ausdehnung 
(als ihrerseits unteilbare Qualität) eines teilbaren Quantums Produkt- 
quantum seiner einzelnen Dimensionen ist. Ebenso finden sich die 
bekannten Formeln für die Berechnung der Geschwindigkeit aus Weg 
und Zeit, der Beschleunigung aus Geschwindigkeit und Zeit, der 
Spannung aus Masse und Beschleunigung sowie der Dichte aus Masse 
und Ausdehnung. Die folgende Betrachtung über die Messung der 
Quanta, die Qualitäten zwischen Gegenständen sind, führt ins Gebiet 
der Differentialrechnung. Es wird schließlich festgestellt, daß mit 
konstanter Geschwindigkeit der Zunahme eines Quantums eine 
abnehmende Geschwindigkeit seiner Veränderung gegeben ist. Ferner 
werden aus der Tatsache des logarithmischen Verschiedenheitsmaßes 
zwei Gesetze über Verschiedenheiten abgeleitet, nämlich erstens dies, 
daß die Verschiedenheit zweier Produkte gleich dem Summenquantum 
der Verschiedenheit ihrer Faktoren ist, und zweitens, daß die Ver- 
schiedenheit zweier Quotienten gleich dem Differenzquantum der Ver- 
schiedenheit der Zähler und der Verschiedenheit der Nenner ist. Was 

WiU gtL Abs. 1906. Nr. 1. 3 



34 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

endlich die Messung der einfachen Quanta, die keine echten Quali- 
täten sind, anbetrifft, so wird gleichfalls schon Bekanntes bezüglich 
der Messung von Energie, Kraft und Wahrscheinlichkeit beigebracht. 
Besondere Erwähnung findet, daß die psychische Energie günstigen- 
falls an außerpsychischen Gegenständen, als Surrogaten, meßbar ist, 
und hinsichtlich des Wertes wird betont, daß er an der Größe der 
ihm korrelaten Werthaltung gemessen werden kann. Wir finden in 
alledem Beiträge zur Methodik besonderer Wissenschaften, die man 
ihrem wissenschaftlichen Charakter nach ebensogut zu den betreffenden 
Wissenschaften wie zur logischen Methodenlehre rechnen kann. 

Damit glauben wir den Nachweis erbracht zu haben, daß auch 
in den speziellen Untersuchungen Mallys nichts Gegenstandstheo- 
retisches zu finden ist, was nicht in der Mathematik oder der Logik 
heimatberechtigt wäre. Trotzdem sei noch kurz erwähnt, wie Mally 
am Schluß der besprochenen Ausführungen >die in der Einleitung 
versuchte vergleichende Charakteristik von Gegenstandstheorie des 
Messens und Mathematik < glaubt > ergänzen < zu können. Er meint: 
»Gegenstandstheorie des Messens befaßt sich mit den Messungs- 
objektiven überhaupt, reinen und determinierten ; mit deren Objekten, 
den reinen und den determinierten Quantis, und mit deren bestim- 
menden Gegenständen, den Zahlen. Mathematik betrachtet außer 
den determinierten Messungsobjektiven, deren Objekte geometrische 
Baumquanta sind, nur reine Messungsobjektive, — die Quanta, 
außer den geometrischen, nur als Objekte reiner Messungobjektive, 
d. h. nur sofern sie reine Quanta sind, ihrer relativen Größe 
nach; endlich betrachtet sie auch die bestimmenden Gegenstände, 
die Zahlen. Sie hat aber außer den Messungsobjektiven noch ein 
weites Gebiet ihrer Untersuchungen c. 

Wenn wir diese Unterscheidung recht verstehen, so kommt sie 
auf eine Gegenüberstellung reiner und angewandter Mathematik hin- 
aus. Die reine Mathematik hat freilich nichts mit > determinierten < 
Gegenständen wie Geschwindigkeit, Energie, Wert u. s. w. zu tun. 
Aber in die Gegenstandstheorie gehören diese, wie wir gezeigt zu 
haben glauben, ebensowenig. 

Wichtiger jedoch, als der eben erwähnte Unterschied, soll der 
Gegensatz sein, der zwischen Gegenstandstheorie des Messens und 
Mathematik hinsichtlich der Art und Weise bestehe, wie sie ihre 
Gegenstände betrachten. Diesen Gegensatz glaubt Mally > psycho- 
logische so kennzeichnen zu können: > Gegenstandstheorie untersucht 
die Gegenstände gegebener Vorstellungen und insbesondere ge- 
gebener ^Begriffe, Mathematik bildet Begriffe und untersucht die 
in ihren Definitionen angenommeneu Gegenstände«. 



ÜDtersQchangen zur GegeDstandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 35 

Demgegenüber müssen wir betonen, daß ein > gegebener Begriffe 
uns in gewissem Sinn ein Unding zu sein scheint. Jeder Begriff ist 
ja seiner Natur nach eine Schöpfung des Menschen. Höchstens in 
dem Sinn kann von einem gegebenen Begriff die Rede sein, daß der- 
selbe von einer Wissenschaft bearbeitet und einer anderen Disziplin 
>gegeben< d.h. zur weiteren Behandlung dargeboten wird. Id diesem 
Fall kommt aber die in Rede stehende Unterscheidung darauf hinaus, 
daß der Beschäftigung mit angenommenen Gegenständen, d. h. 
mit Gegenständen, die nur die ihnen ausdrücklich zugeschriebenen 
Eigenschaften besitzen, eine Beschäftigung mit empirisch ge- 
gebenen Gegenständen entgegengesetzt wird, d.h. mit Gegenständen, 
die nicht als Träger bestimmter Eigenschaften fingiert sondern als 
tatsächliche Vereinigung von Eigenschaften aus der Erfahrung be- 
kannt sind. Aber die Beschäftigung mit letzteren ist eben des- 
halb nicht Sache einer apriorischen sondern einer aposterio- 
rischen Wissenschaft. Sie gehört nicht in die Gegenstandstheorie 
sondern in die empirischen Wissenschaften. Daß gelegentlich auch 
in den letzteren, nachdem eine Reihe von Begriffen empirisch ge- 
wonnen worden sind, rein begrifflich gewisse Beziehungen sich fest- 
stellen lassen, soll natürlich nicht geleugnet werden. Die Deduktion 
braucht auch in induktiven Wissenschaften nicht vollständig zu fehlen. 
Es besteht jedenfalls kein Grund, das, was aus Erfahrungsergebnissen 
deduktiv erschlossen ist, für vollkommen a priori erkennbar zu halten 
und den empirischen Wissenschaften zu entziehen. Kurz, wir müssen 
nach wie vor daran festhalten, daß die Gegenstandstheorie, sofern 
sie den aposteriorischen Wissenschaften gegenüber gestellt wird, in 
Logik und Mathematik aufgeht. Ob es zweckmäßig ist, diese beiden 
unter dem Begriff der formalen Disziplinen bereits zusammengefaßten 
Wissenschaften dem Oberbegriff der Gegenstandstheorie unterzuordnen, 
darauf wollen wir nicht weiter eingehen. Nachdem wir gesehen 
haben, daß der Gegenstandstheorie weder die Gesamtheit aller Gegen- 
stände noch auch nur die Gesamtheit der idealen Gegenstände zur 
Behandlung zugewiesen werden kann,^) halten wir die Wahrscheinlich- 
keit, bei näherer Betrachtung zu einer positiven Entscheidung der 
Zweckmäßigkeitsfrage zu gelangen, für nicht sehr groß. 

1) Die Frage, ob nicht die allgemeinsten, den realen und idealen Gegen- 
ständen zukommenden Eigentümlichkeiten einer besonderen Untersuchung unter- 
zogen werden könnten, ist natürlich mit der Ablehnung der Meinongschen »Oegen- 
standstheorie« nicht verneint. Ein einzelnes, teUweise nur a posteriori zu lösendes 
Problem der Erkenntnistheorie und die Aufgabe einer selbständigen apriorischen 
Wissenschaft sind eben zweierlei Dinge. 

3* 



3Ö Oött. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

IL 

üeberOekonomie des Denkens. Von Dr. Wilhelm Frankl. S.263-302. 

Was versteht man unter »Oekonomie des Denkens?« Auf diese 
Frage wUrden wir antworten: Der Ausdruck > Oekonomie des Denkens« 
bezeichnet die Eigenart der Denkprozesse, durch die es uns möglich 
wird, bei aller Beschränktheit unserer geistigen Kraft doch das 
Riesenwerk der Welterkenntnis zu fördern. Die Beschränktheit 
unserer geistigen Kraft zeigt sich in den Tatsachen der Enge des 
Bewußtseins- und Aufmerksamkeitsumfangs, vor allem darin, daß von 
der Stärke der Konzentration, die sich in Klarheit und Deutlichkeit, 
in der Menge und Beschaffenheit der Einzelheiten eines erfaßten 
Gegenstandes zu erkennen gibt, nicht nur der Umfang der zu er- 
fassenden Gegenstände sondern auch die Geschwindigkeit, mit der 
die Aufmerksamkeit von einem Gegenstand zum andern überzugehen 
vermag, abhängig ist. Wer mit der Fähigkeit zu einer höheren 
Konzentration die Fähigkeit raschen Konzentrationswechsels verbindet, 
wer also beispielsweise neben einander einen Brief diktieren und ein 
Buch lesen kann, dem werden wir höhere geistige Kraft zuerkennen 
als demjenigen, der nur Konzentrationsfestigkeit ohne die Fähigkeit 
raschen Wechsels besitzt, der also nur entweder lesen oder diktieren 
kann, und natürlich noch weit höhere als demjenigen, der weder das 
eine noch das andere fertig bringt, weil es ihm überhaupt an Kon- 
zentrationsfestigkeit gebricht. 

Zeigt demnach die geistige Kraft bei verschiedenen Individuen 
Größenunterschiede, so reicht sie über ein gewisses Maximum er- 
fahrungsgemäß bei keinem Menschen hinaus. Mit einem endlichen 
Maß geistiger Energie treten wir also an die Aufgaben des Erkennens 
heran. Es ist klar, daß wir den Zweck des Erkennens, die gewünschte 
Orientierung in der Wirklichkeit, die Klarheit und Widerspruchs- 
losigkeit in unserer Gedankenwelt und was man sonst noch anführen 
mag, nicht erreichen könnten, wenn wir nicht haushälterisch mit den 
uns zu Gebote stehenden Mitteln umgingen. Wenn wir beispielsweise 
in lauter Individualbegriffen denken wollten, so würde durch die auf 
unbedeutende Einzelheiten verwendete und verschwendete Konzen- 
tration der Ueberblick über große Zusammenhänge erschwert und 
unmöglich gemacht. Wenn wir zu jedem neuen Eindruck, den wir 
von >demselben Ding< erhalten, einen neuen Begriff konstruieren 
würden, statt neben der Einheit des Dinges die Verschiedenheit 
seiner Aspekte fast unbeachtet zu lassen, wenn wir statt allgemeiner 
Gesetze jeden einzelnen Zusammenhang nach seiner örtlichen, zeit- 
lichen und sonstigen Besonderheit ins Auge fassen wollten, dann 
stünde es schlecht um unsere Welterkenntnis. 



üntenachongen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. Ton Meinong. 97 

Sofern wir nun in der Tat anders verfahren, sofern wir die 
Rücksicht auf das Individuelle dem Erfassen des Allgemeinen, die 
Detailerkenntnis dem Ueberblick in vielen Fällen '»opfem<, sofern 
können wir von Oekonomie des Denkens reden. Und da die Bildung 
allgemeiner Begriffe, die Anwendung der Substanz- und Eausalitäts- 
Kategorie unser ganzes Denken und Erkennen bestimmt, so dürfen 
wir wohl auch von einem >Prinzip< der Denkökonomie sprechen. 

Wenn dann die Frage aufgeworfen wird, ob etwas, was den 
Gattungsbegriffen entspricht, ob femer Substanzen und Kausalzu- 
sammenhänge in der Wirklichkeit vorkommen, so kann man dieser 
Frage gegenüber eine verschiedene Stellung einnehmen. Man kann 
sie entweder für unberechtigt erklären, indem man sagt, die durch 
das Prinzip der Oekonomie des Denkens bedingten Denkformen seien 
in sich selbst gerechtfertigt, weil sie den Zwecken des Erkennens 
entsprächen, das gar nicht auf ein Erfassen von Transscendentem, viel- 
mehr nur auf Herstellung einer geordneten, klaren Uebersicht über 
das Gegebene und seine Zusammenhänge angelegt sei. Oder aber 
man kann die in Rede stehende Frage für berechtigt halten. In 
diesem Fall ist wieder ein Doppeltes möglich. Man kann nämlich 
versuchen nachzuweisen, daß die durch das Oekonomieprinzip be- 
dingten Denkformen zugleich Anspruch auf Wahrheit oder Wahr- 
scheinlichkeit (im Sinn einer festgestellten oder doch sehr annehm- 
baren Uebereinstimmung mit dem Gegenstand) besitzen — oder man 
kann die Wahrheitsfrage als eine zwar vernünftige, aber vorläufig 
nicht zu beantwortende Frage unentschieden lassen. 

Damit glauben wir die wichtigsten erkenntnistheoretischen und 
psychologischen Probleme, die sich an den Begriff der Denkökonomie 
knüpfen, gestreift zu haben. Wenn wir nun demgegenüber die Aus- 
führungen Frankls über Oekonomie des Denkens betrachten, so finden 
wir teilweise andere Fragestellungen, teilweise auch andere Lösungen 
als die oben angedeuteten. Sehen wir also zu, inwiefern dies eine 
Ergänzung, inwiefern es einen Widerspruch bedeutet und wie ein 
etwa bestehender Widerspruch sich auflösen läßt. 

Frankl bemüht sich zunächst um eine Definition des Begriffes 
Oekonomie. Er konstatiert, daß wir von Oekonomie sprechen 

1. dort, wo eine Leistung L durch eine Handlung H erzielt 
wird, welche auch durch eine Handlung H' erzielt werden könnte, 
wobei H^zir, 

2. dort, wo eine Leistung L durch eine Handlung H erzielt wird, 
wenn durch IT auch eine Leistung V erzielt werden könnte, wobei L'<c:L. 

In beiden Fällen, die als Spar- und Wirtschaftsökonomie aus- 
einandergehalten werden, handelt es sich, wie unser Autor betont, 



38 Gdtt. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

a) um quantitative Momente von H bezw. Z, 

b) um ein Verhältnis des Tatbestandes, der durch JT* und L 
ausgemacht wird (dieser Tatbestand wird mit T bezeichnet), zu einem 
anderen Tatbestand ähnlicher Art (ökonomische Vergleichsgröße ge- 
nannt und mit T bezeichnet), der durch IT und L oder durch H 
und L' dargestellt wird, also mit dem erstgenannten Tatbestand ent- 
weder das H oder das L gemeinsam hat. 

Uebrigens führt Frankl auch noch einen dritten Fall, den Fall 
»gemischter Oekonomiec an, wo dem T = H,L ein T = H\ L' 

gegenübersteht, wo also T und T weder H noch L gemeinsam 
haben. Unter allen Umständen aber kommt der Oekonomie »Bino- 
mialitätc und >Relativität< zu. Wo entweder die Binomialität oder 
die Relativität fehlt, da kann vielleicht von Einfachheit bezw. Zweck- 
mäßigkeit, nicht aber von Oekonomie die Rede sein. Von einem 
Oekonomie prinzip endlich darf nach Frankl nur gesprochen werden, 
wo die Formel anwendbar ist: > Alle ^Tatbestände sind ökonomische, 
wenn wir »mit t die rein qualitative Bestimmtheit des Oekonomie- 
binoms T bezeichnen <. 

Prüfen wir im Lichte dieser Definitionen unsere Betrachtungen 
über das Wesen der Denkökonomie, so finden wir zu einer Korrektur 
derselben kaum Veranlassung. Wir haben eine Leistung L namhaft 
gemacht, die den Zweck des Erkennens darstellt, und haben darauf 
hingewiesen, daß dieser Zweck durch ein i/, d. h. durch das Denken 
in AllgemeinbegrifTen, in Substanz- und Kausalkategorien erreicht 
wird, während er auch durch ein H\ d. h. durch ein Denken in 
lauter Individualbegriffen erreicht werden könnte, wenn wir überhaupt 
imstande wären, H' durchzuführen. Oder, wenn wir mit IT die 
Denkarbeit bezeichnen, die ein Mensch beim Denken in lauter Indi- 
vidualbegriffen vollbringen könnte, dann ließe sich der früher erwähnte 
Tatbestand auch so ausdrücken: Durch H' wird nur ein kleiner Teil 
von Z, dem durch H zu erreichenden Zweck der Erkenntnis erreicht. 
Haben wir demnach auf Grund der Definitionen unseres Autors das 
Recht, von Denkökonomie zu sprechen, so dürfen wir auch ein 
Prinzip der Denkökonomie statuieren, indem wir behaupten können: 
Jegliches Denken in AllgemeinbegrifTen ist gegenüber dem Denken 
in Individualbegriffen, jegliches Denken mittels der Substanz- und 
Kausalkategorie ist gegenüber dem diese Kategorien umschreibenden 
Denken ökonomisch. 

Zu diesen einfachen Schlußfolgerungen treten jedoch die Be- 
trachtungen über Denkökonomie, die Frankl seinen allgemeinen 
Definitionen folgen läßt, in einen seltsamen Widerspruch. Frankl 



üntenachangen zur GegenatancUtbeorie nod Psychologie, hrs. von Meinong. 39 

bezeichnet nämlich die > Behauptung von allgemeiner Denkökonomie 
als psychologisches Oekonomieprinzipc und kommt zu dem Resultat, 
daß ein allgemeines psychologisches Oekonomieprinzip abzulehnen ist. 
Dagegen statuiert er: 

1. Ein biologisches Oekonomieprinzip, »dahin zu formulieren, 
daß die dauernd existierenden Lebewesen in ihrem Verhalten 
nicht unter einen gewissen Grad von Oekonomie herabgehen, 
welcher Grad jedoch vom Kraftbesitz der Individuen abhängig 
und mit diesem variabel ist<. 

2. Ein psychologisches Oekonomieprinzip der Gewohnheit, 
dahin lautend: >Alle gewohnten psychischen Tätigkeiten sind 
ökonomisch«. 

3. Ein erkenntnistheoretisches Oekonomieprinzip der In- 
duktion, »besagend, daß die auf Induktion beruhenden Urteile 
ökonomischer sind als andere, die sich auf denselben Gegenstand 
beziehen«. 

4. Ein erkenntnistheoretisches Prinzip der Hypothesen- 
ökonomie, >dahin lautend, daß die mehr Tatsächliches er- 
klärende Hypothese ceteris paribus wahrscheinlicher ist, als die 
weniger erklärende«. 

5. Ein wissenschaftstheoretisches Oekonomieprinzip folgenden 
Wortlauts: >Die Wissenschaft zieht ceteris paribus einfache 
Formulierungen den weniger einfachen vor«. 

6. Wundts methodologisches Prinzip, bestehend in der > Forde- 
rung, die Probleme in Her möglichst einfachen Weise zu formu- 
lieren und sich des möglichst einfachen Verfahrens zu ihrer 
Lösung zu bedienen«. 

7. Ein emotionales Oekonomieprinzip der Lust, nämlich Höflers 
Lustgesetz: > Insoweit Lust an das Verrichten psychischer Arbeit 
geknüpft ist, und insoweit sich letztere auf den Typus p s (Span- 
nungsfaktor X Wegfaktor) zurückführen läßt, wächst die Lust mit 
dem wachsenden ^ und nimmt ab mit dem wachsenden p<. 

8. Ein emotionales Oekonomieprinzip des Wertes, welches 
besagt: >Sofern Oekonomie einen realisierbaren Werttatbestand 
bedeutet, kann man eine Tendenz zu demselben vermuten, bezw. 
kann man die Endglieder einer Entwicklungsreihe als ökonomische 
vermuten <. 

9. Wundts didaktisches Oekonomieprinzip, die »Forderung, 
einen gegebenen wissenschaftlichen Inhalt in der möglichst ein- 
fachen Form zum Ausdruck zu bringen<. 

Ueberblickt man die Gesamtheit dieser Prinzipien, so ist zunächst 
der Einteilungsgrund nicht recht zu erkennen. Die meisten sind 



I 



40 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

offenbar lediglich nach den Wissenschaften benannt, von denen sie 
konstatiert werden. So kann z. B. von einem biologischen oder von 
einem wissenschaftstheoretischen Oekonomieprinzip nur in dem Sinn 
gesprochen werden , daß biologische oder wissenschaftstheoretische 
Gedankengänge zu seiner Entdeckung führen. Andererseits ist aber 
auch klar, daß ein emotionales Oekonomieprinzip nicht ebenfalls nur 
deshalb das Attribut emotional verdient, weil etwa Gefühle zur Er- 
kenntnis ökonomischen Verhaltens irgend welcher Art Veranlassung 
geben. 

Doch nehmen wir einmal an, Frankl habe mit der Bezeichnung 
> emotionales Oekonomieprinzip« sich nur vergriffen und habe eigentlich 
> gefühlspsychologisches Oekonomieprinzip < sagen wollen, dann können 
wir trotzdem seiner Einteilung den Vorwurf der Unzweckmäßigkeit 
nicht ersparen. Eine Vollständigkeit der Einteilung wenigstens wird 
nicht gewährleistet, wenn man einfach die verschiedenen Wissen- 
schaften durchgeht, in denen Oekonomieprinzipien konstatiert werden. 
Und es ist auch nicht einzusehen, warum ein und dasselbe Prinzip 
zweimal aufgeführt werden soll, wenn es zufällig von zwei ver- 
schiedenen Wissenschaften sich feststellen läßt. Sehr viel näher liegt 
es doch, die Oekonomieprinzipien, wenn es deren im Gebiet des 
Denkens überhaupt mehrere gibt, nach der Eigenart der Tatbestände 
zu unterscheiden, die ökonomisch sind. 

Sucht man nun innerhalb der Klassifikation Frankls nach Gruppen, 
die sich dieser letzteren Anordnung fügen, so stößt man auf große 
Schwierigkeiten. In erster Linie könnte man vielleicht auf den Ge- 
danken kommen, die > emotionalen Prinzipien«, die sich mit der Ein- 
teilung nach den einzelnen, ein ökonomisches Verhalten konstatierenden 
Wissenschaften nicht vertragen, stünden > intellektuellen Prinzipien < 
in dem Sinn gegenüber, daß diese Oekonomie des Denkens, jene 
Oekonomie des Gefühlslebens aussagen. Aber abgesehen davon, daß 
Frankls Abhandlung auf eine Betrachtung der Oekonomie des Denkens 
sich beschränken sollte, die angedeutete Gegenüberstellung erweist 
sich überhaupt bei näherer Betrachtung der > emotionalen Prinzipien < 
als unrichtig; denn es handelt sich bei letzteren nicht um den Aus- 
druck der Tatsache, daß alle emotionalen oder auch nur» daß gewisse 
emotionale Erlebnisse ökonomisch sind, d. h. daß an Gefühlen gespart 
wird. Ferner soll keineswegs behauptet werden, daß Gefühle stets 
oder unter gewissen Umständen immer durch verhältnismäßig ge- 
ringen Arbeitsaufwand hervorgerufen werden. Das Gesetz, daß 
geringere psychische Arbeit manchmal lustvoller empfunden wird als 
größerer geistiger Energieverbrauch, ist überhaupt kein Oekonomie- 
prinzip, ebenso wenig wie die > Vermutung, daß am Ende einer Ent- 



ünterrachungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 41 

wickinngsreihe ökonomisches Verhalten als realisierter Werttatbestand 
hervortretet. 

Es ist geradezu unverständlich, sowohl, daß Frankl hier von einem 
Oekonomieprinzip, als auch, daß er von einem emotionalen Tatbestand 
spricht. Aber nicht minder unbegreiflich ist auch die Subsumption 
von Forderungen der Einfachheit unter den Begriff von Oekonomie- 
prinzipien. Unser Autor scheint ganz zu übersehen, daß Imperative 
niemals auf die Formel zurückgeführt werden können: >Alle ^Tat- 
bestände sind ökonomisch <. Wenn wirklich überall da, wo Einfach- 
heit verlangt wird (NB. ohne daß angegeben zu werden braucht, 
worin die Einfachheit besteht), von einem Oekonomieprinzip gesprochen 
werden dürfte, dann könnten wir übrigens die stattliche Zahl der 
Fränkischen Oekonomieprinzipien noch um ein beträchtliches ver- 
mehren. 

Sehr naheliegende Einwände ließen sich femer erheben gegen 
die Formulierung des biologischen Oekonomieprinzips und gegen die 
kritiklose Vermengung von Hypothesenökonomie und Wahrscheinlich- 
keit. Inwiefern Oekonomie darin liegen soll, daß die mehr Tatsäch- 
liches erklärende Hypothese ceteris paribus wahrscheinlicher ist als 
die weniger erklärende, ist überhaupt kaum einzusehen, wenn man 
nicht den Mut hat, die Hypothese und ihre Wahrscheinlichkeit als 
Mittel und Zweck einander gegenüberzustellen. 

Somit kommen als wirkliche Oekonomieprinzipien unter all den 
von Frankl angeführten höchstens noch in Betracht die Sätze, daß 
alle gewohnten psychischen Tätigkeiten ökonomisch seien, daß die 
auf Induktion beruhenden Urteile einen Fall von Oekonomie dar- 
stellen und daß in der Vorliebe der Wissenschaft für die Annahme 
einfacher Verhältnisse, wo diese zur Erklärung ausreichen, ein ökono- 
misches Verfahren sich erkennen lasse. Von diesen Sätzen kann aber 
der letzte als Oekonomieprinzip deshalb nicht gelten, weil die An- 
nahme einfacher Verhältnisse, die einfachere Hypothese — wenn wir 
uns der Frankischen Symbole bedienen — kein H sondern ein L 
darstellt und weil keineswegs einzusehen ist, wie dasselbe L durch 
ein anderes H erreicht werden soll. Mit anderen Worten: Jede 
Hypothese ist nicht nur Mittel zur Erklärung, sondern stellt als Ur- 
teil über ein unserer Erfahrung entzogenes Stück Wirklichkeit einen 
Selbstzweck dar, und wenn die einfachere Hypothese als wahrschein- 
licheres Urteil vorgezogen wird, so kann man nicht sagen, daß die 
kompliziertere Annahme denselben nur auf größerem Umweg erreichten 
Zweck repräsentiere. 

Es bleiben also nur die von Frankl sogenannten Oekonomie- 
prinzipien der Gewohnheit und der Induktion übrig. Von diesen ist 



I 



42 Qöti gel Anz. 1906. Nr. 1. 

das letztere ein spezieller Fall desjenigen Oekonomieprinzips, das wir 
als Prinzip der Denkökonomie formuliert haben, und welches besagt, 
daß alles Denken in Allgemeinbegrififen, wozu natürlich auch die Fest- 
stellung allgemeiner Zusammenhänge durch Induktion gehört, öko- 
nomisch ist. Das Oekonomieprinzip der Gewohnheit dagegen kann 
nur mit gewissen Einschränkungen aufrecht erhalten werden. Denn 
daß nicht alle gewohnten psychischen Tätigkeiten ökonomisch sind, 
sondern nur diejenigen, die einen bestimmten Zweck erfüllen, gegen- 
über den ungewohnten, welche denselben Zweck erfüllen sollten, das 
braucht wohl nicht ausführlich nachgewiesen zu werden. Fragen 
wir nun , welche psychischen Vorgänge als H einem L zugeordnet 
werden können, so kommen die Gefühle als solche jedenfalls nicht 
in Betracht. Wir sind also höchstens in der Lage, einer Oekonomie 
des gewohnheitsmäßigen Denkens eine solche des gewohnheitsmäßigen 
Wo 1 lens gegenüberzustellen. Dagegen ließe sich in der Tat nichts 
einwenden, und wenn es sich um die Bestimmung der Oekonomie 
psychischer Vorgänge überhaupt handelte, dann würde unsere Kon- 
statierung einer Oekonomie des Denkens durch den Hinweis auf 
eine mögliche Oekonomie des Wollens eine wertvolle Ergänzung finden. 

Da wir aber den Begriff der Denkökonomie nicht in dem weiten 
Sinn einer Oekonomie psychischer Vorgänge überhaupt fassen, so 
bedeutet Frankls Prinzip der Gewohnheitsökonomie keine Erweiterung 
unseres Prinzips der Denkökonomie, da das gewohnheitsmäßige 
Denken kein Denken neben dem mit identischen Gegenständen und 
allgemeinen Begriffen operierenden Denken ist. Nur eine Teil- 
bedingung, durch welche die Oekonomie des Denkens beeinflußt 
werden kann, vermögen wir in der Gewöhnung zu sehen, so daß ^ir 
abschließend sagen können: Es gibt eine Oekonomie des Denkens, 
die durch Gewohnheit, durch die Annahme identischer Gegenstände 
und durch die Konstruktion allgemeiner Begriffe und Gesetze be- 
dingt wird. 

Den Versuch Frankls, die Oekonomie des Denkens in Allgemein- 
begriffen auf Gewohnheitsökonomie zurückzuführen, und seine Polemik 
gegen die Formulierung des Oekonomieprinzips bei Cornelius müssen 
wir als verunglückt bezeichnen. Dagegen darf die Ablehnung der 
Oekonomieformel von Avenarius wohl als berechtigt angesehen werden 
und es ist nur zu bedauern, daß Frankl eben durch seine Ausein- 
andersetzung mit Avenarius dazu veranlaßt worden ist, das Prinzip 
der Denkökonomie als allgemeines psychologisches Minimumprinzip 
aufzufassen und so bei der begründeten Verwerfung des letzteren 
den Blick für die Berechtigung eines allgemeinen Denk Ökonomie- 
prinzips zu verlieren. 



Untenuchtuigeii zur Gegenstandstheorie nod Psychologie, hn. von Meinong. 43 

m. 

Zur Psychologie des Gestalterfassens. Von Dr. Vittorio Benussi. 
S. 303—448. 

Die verschobene Schachbrettfigur. Von Dr. Vittorio Benussi und 
Wilhelmine Liel. S. 449—472. 

Den Arbeiten von Benussi »Zur Psychologie des Gestalter fassensc 
und von Benussi und Wilhehnine Liel >Die verschobene Schachbrett- 
figur< ist der Grundgedanke gemeinsam, wonach ein Teil der geo- 
metrisch-optischen Täuschungen, speziell die Erscheinungen der 
Mliller-Lyerschen Figur und das Schachbrettphänomen aus den Ge- 
setzen der Vorstellungsproduktion sollen erklärt werden können. 
Einer derartigen Behauptung stehen hauptsächlich zwei Einwände 
entgegen, nämlich erstens der Hinweis auf die Regelmäßigkeit, die 
in den betrefifenden optischen Täuschungen hervortritt und die in 
scharfem Gegensatz zu stehen scheint zu der Willkürlichkeit, mit 
welcher bei typischen Fällen von Vorstellungsproduktion bald dieser, 
bald jener Eindruck hervorgerufen werden kann. Daneben kommt 
zweitens in Betracht, daß die Tatsachen der Vorstellungsproduktion 
ihrerseits keine allgemeinen Gesetze sind, die das, was ihnen sub- 
sumiert werden kann, ohne weiteres erklären. 

Was nun den ersten Einwand anlangt, so sind die experimen- 
tellen Untersuchungen, welche den in Rede stehenden Arbeiten zu- 
grunde liegen, dazu bestimmt, ihn zu entkräften. Ob sie dazu auch 
geeignet sind, das soll uns eine kurze Betrachtung derselben zeigen. 
Es handelt sich sowohl bei den Versuchen Benussis wie bei den- 
jenigen von Benussi und Liel vor allem um die Feststellung eines 
verschiedenen Verhaltens der Versuchsperson demselben Reiztat- 
bestand gegenüber bei verschiedener Richtung der Aufmerksamkeit, 
femer um die Konstatierung einer Variation dieses verschiedenen 
Verhaltens bei fortschreitender Uebung in willkürlicher Aufmerksam- 
keitseinstellung und endlich um den Nachweis analoger Variation, 
wenn Aufmerksamkeitsreize die Aufmerksamkeitsrichtung beeinflussen. 

Was den ersten Punkt anlangt, so unterscheiden die Verfasser 
eine G-Reaktion, eine -4-Reaktion und eine Ä-Real^tion ihrer Versuchs- 
personen, von denen die erste den Fall bezeichnet, wo die Versuchs- 
person aufgefordert wird, die Gesamtgestalt der Täuschungsfigur 
aufzufassen. Bei der an zweiter Stelle genannten Reaktionsweise 
Muß die Versuchsperson von den die Täuschung bedingenden Bestand- 
teilen der Figur, so gut es geht, abstrahieren und von einer 
£f-Reaktion wird da gesprochen, wo eine bestimmte Richtung der 
Aufmerksamkeit nicht intendiert ist. Es wird nun nachgewiesen. 



I 



44 Gott. fei. Aai. l^iB. Xr. 1. 

daß G-, A' nnd S-Reaktion in verschiedenen Ergebnissen der mit 
demselben Reiztatbestand angestellten Versache sich zu erkennen 
geben. Diese Versuche bestehen im Fall der an der Müller-Lyerschen 
P'igur angestellten Beobachtungen darin, daß zu dem Mittelstfick der 
Figur eine schenkellose Strecke von scheinbar gleicher Länge kon- 
struiert wird, die von der wirklichen Gleichheit umso weiter entfernt 
ist, je ausgeprägter die G-Reaktion auftritt. Bei den Versuchen mit 
der Schachbrettfigur wird zu der Trennungslinie der beiden Reihen 
von schwarzen und weißen Quadraten eine scheinbare Parallele ge- 
zogen. Dabei entspricht diese scheinbare umso mehr der wirklichen 
Parallelen, je besser die .4-Reaktion gelingt. Die Ergebnisse der 
5-Reaktion liegen stets in der Mitte zwischen den Resultaten der 
A' und der G-Reaktion. 

Ganz analog wie die Bedeutung der A- und 6-Reaktion wird 
femer der Einfluß der A- und G-Uebung nachgewiesen, indem ge- 
zeigt wird, daß die Verschiedenheit der Ergebnisse bei den entgegen- 
gesetzten Reaktionsarten umso größer ist, je später dieselben ge- 
wonnen sind, d. h. je größere Uebung die Versuchsperson im Reagieren 
nach Typus A oder G sich erworben hat. 

Was endlich den Nachweis der Wirksamkeit von Aufmerksam- 
keitsreizen anlangt, so wird derselbe in der Weise erbracht, daß bei 
der Müller-Lyerschen Figur Mittelstück und Schenkel in allen mög- 
lichen Richtungen variiert werden, während bei dem Schachbrett- 
muster die Helligkeit und Farbe der Quadrate sowie die Beschaffen- 
heit der Trennungslinie für verschiedene Versuche verschieden gewählt 
wird. Dabei zeigt sich eine Verschiedenheit in den Ergebnissen je 
nach der Größe des Winkels, den die Schenkel der Müller-Lyerschen 
Figur mit dem Mittelstück bilden, je nachdem Schenkel und Mittel- 
stUck farblos oder farbig, färben- und helligkeitsgleich oder farben- 
und helligkeitsverschieden, durch ausgezogene Linien oder bloß durch 
die Endpunkte dargestellt sind, je nachdem femer entweder bloß die 
Schenkel oder bloß das Mittelstück ausgezogen bezw. nur angedeutet, 
je nachdem endlich beim Schachbrettmuster chromatische oder achro- 
matische, helligkeitsähnliche oder sehr verschiedene Quadrate und 
eine stark schwarz oder weiß ausgezogene oder eine nur fingierte 
Trennungslinie in Betracht kommen. Den Einfluß dieser MomenUe 
glauben die Verfasser zusammenfassend dahin bestimmen zu könnem, 
daß alle Bedingungen, welche die ^-Reaktion begünstigen, eine Ve9^ 
ringerung der Täuschungsgröße, alle diejenigen, welche der6r-Reaktiofi 
Vorschub leisten, eine Erhöhung des Täuschungsbetrages zur Feiges 
haben. Tatsächlich müssen wir zugeben, daß durch die Versuchs*-- 
resultate eine Auffassung gerechtfertigt erscheint, wonach jeder Um- • 



üntersnchuDgen zur Gegenstandstheorie und Psychologie , hrs. von Meinong. 45 

stand die Täuschung vergrößert, der das Hervortreten der bei der 
^-Reaktion zu übersehenden Bestandteile begünstigt. 

Es fragt sich nun, ob dadurch die Erklärung der in Rede 
stehenden Erscheinungen als >Produktionstäuschungen< zureichend 
begründet erscheint. Diese Frage kann man unbedenklich bejahen, 
wenn man jede Täuschung, die nicht peripher bedingt ist, d. h. nicht 
in der Beschaffenheit der Sinnesorgane oder in der Beschaffenheit 
der inadäquat vorgestellten Reize ihren Grund hat, und die auch 
nicht als Urteilstäuschung sich betrachten läßt — eine Täuschung 
der Vorstellungsbildung , eine Produktionstäuschung nennt. Daß 
nämlich die Phänomene der MüUer-Lyerschen Figur und des Schach- 
brettmusters keine peripher bedingten und keine Urteilstäuschungen 
sind, das scheint durch die Untersuchungen unserer Autoren unwider- 
leglich dargetan zu sein. 

Aber Täuschungen, die bei der Vorstellungsbildung durch die 
gegenseitige Beeinflussung der verschiedenen Bestandteile zustande 
kommen, Produktionstäuschungen in dem erwähnten weiten Sinn, 
können immer noch den verschiedensten Charakter besitzen. Wenn 
beispielsweise die sich bildende Vorstellung von einer uns geläufigen 
ähnlichen Vorstellung assimiliert wird, wie es im Fall der Illusion 
geschieht, wo die den Reizbestandteilen entsprechenden Vorstellungs- 
bestandteile durch assoziativ erregte Vorstellungen teils ergänzt, teils 
ersetzt oder doch umgestaltet werden — oder wenn die den Augen- 
bewegungen entsprechenden Empfindungen einen optischen Total- 
eindruck anders gestalten als er ohne sie beschaffen wäre, so haben 
wir es offenbar auch mit Produktionstäuschungen im angegebenen 
Sinn zu tun. Wenn nun Benussi in seiner Kritik der bisher zur 
Erklärung der Müller -Ly ersehen Täuschung aufgestellten Theorien 
die > perspektivische Deutungc Thierys, die > Erklärungsversuche 
durch assoziierte Vorstellungen <, wie sie sich bei Heymans, Lipps 
und Stilling finden, und die > Erklärungsversuche durch die Augen- 
bewegungen< von Binet, van Biervliet, Delboeuf und Wundt verwirft, 
80 darf er eigentlich nicht seine Erklärung der Müller-Lyerschen 
Täuschung als einer Produktionserscheinung schlechthin den genannten 
Theorien gegenüberstellen. 

Er versucht zwar das Wesen der Produktionstäuschung näher 
dahin zu bestimmen, daß >als Ursache der inadäquaten Vorstellungs- 
produktion eine gegenseitige Beeinflussung der in Realrelation 
stehenden Inferioreninhalte zu vermuten« sei. Wenn damit gesagt 
sein soll, daß nur die Inferioreninhalte und keine Nebenempfindungen, 
die in die Gesamtvorstellung eingehen (wie z. B. die Empfindungen 
Ton Augenbewegungen), sowie keine Bestandteile einer eventuell für 



46 Gott gel. Anz. 19()6. Nr. 1. 

die Produktion richtunggebenden >ZielvorsteIIung< sich an der Hervor- 
bringung der Täuschung beteiligen, dann ist allerdings ein bestimmter 
Fall von Produktionstäuschung ins Auge gefaßt. Aber warum die 
Inferioreninhalte sich beeinflussen und wie sie sich beeinflussen, das 
bleibt vollkommen im Dunkeln. Wir können es uns einigermaßen 
erklären, wie und warum die >Aufgabe< einer Vorstellungsproduktion, 
sei es durch das Verstehen des die Lösung bezeichnenden Wortes 
oder in Form der Ziel Vorstellung im Sinn eines > indirekten Vor- 
stellens«, bestimmend einwirkt auf das Produktionsergebnis. Man 
hat auch versucht, den hypothetischen Einfluß der Augenbewegungen 
in Form eines allgemeinen Gesetzes darzustellen. Aber ein allgemeines 
Gesetz, wonach Inferioreninhalte überhaupt sich gegenseitig beein- 
flussen, kennen wir nicht. Daher ist die Erklärung der Müller- 
Lyerschen Täuschung als einer Produktionstäuschung nichts anderes 
als eine Konstatierung des Tatbestandes, daß die Schenkel der Figur 
den bekannten Einfluß auf die Vorstellung der Länge des Mittelstücks 
ausüben und daß dieser Einfluß von der Vorstellung der Schenkel, 
nicht von irgend welchen anderen Vorstellungen und Vorstellungs- 
bestandteilen ausgeht. 

Das gleiche gilt auch für die Erklärung des Schachbrettphänomens 
als einer Produktionstäuschung. Doch kommt hier noch ein weiteres 
Moment hinzu. Das Schachbrettphänomen wird nämlich als ein be- 
sonderer Fall der Zöllnerschen Täuschung von den Verfassern dar- 
gestellt und zwar wird >die Gleichartigkeit der in Rede stehenden 
Täuschungsgestalt mit der Zöllnerschen dadurch nachgewiesen, daß 
sich das Maß der Täuschung um so mehr erhöht, je mehr die Vor- 
stellung der durch 'die Zöllnersche Figur dargebotenen Gestalt — 
bedingt durch die bekannte Lageverschiedenheit zweier sich kreuzender 
Geraden — beim Anblick der verschobenen Schachbrettfigur in den 
Vordergrund tritt«. Nehmen wir an, dieser Nachweis, auf dessen 
Beurteilung hier nicht näher eingegangen werden soll, sei gelungen, 
dann ist damit natürlich weder das Zöllnersche noch das Schachbrett- 
phänomen erklärt. Es ist nur die Aufgabe der Erklärung insofern 
vereinfacht, als durch eine Hypothese zwei Erscheinungen verständ- 
lich gemacht werden können. Damit ist aber nicht, wie man viel- 
leicht vermuten könnte, die oben vermißte Allgemeinheit für die 
>Produktionstäuschungs-Hypothese< gewonnen; denn es handelt sich 
ja beim Schachbrettphänomen nicht um eine Variation , sondern nur 
um eine Verschleierung des gleichen Tatbestands, der bei der 
Zöllnerschen Täuschung vorliegt. Der Müller-Lyerschen Figur gegen- 
über bedeutet die Zöllnersche und die verschobene Schachbrettfigur 
wohl eine Variation des zu erklärenden Tatbestandes. Dagegen fehlt 



ÜDtersachuDgen zur Gegen8tandstbeorie uud Psychologie , hrs. von Mcinong. 47 

hier die Einheitlichkeit der Hypothese. Es soll sich zwar beide Male 
um ProduktioDstäuschungen handeln, aber die Art, wie die Inferioren- 
inhalte einander beeinflussen, ist eine ganz verschiedene, indem einer- 
seits eine Größen- andererseits eine Richtungsveränderung in Betracht 
kommt. 

Kurz, wir können das Ergebnis dieser kritischen Betrachtungen 
dahin zusammenfassen, daß, wenn es auch den Verfassern gelungen 
ist, den ersten der eingangs berührten Einwände zu widerlegen, 
trotzdem oder vielleicht eben deswegen der zweite Einwand bestehen 
bleibt, wonach die Bezeichnung einer Täuschung als Produktions- 
täuschung noch keine Erklärung bedeutet. 

Im übrigen ist aber nicht nur die sorgfältige Verarbeitung und 
die Reichhaltigkeit der Versuchsergebnisse, sondern auch die ein- 
gehende Kritik der über die Müller-Lyersche und über die Schach- 
bretttäuschung bisher aufgestellten Theorien hervorzuheben, wodurch 
die in Rede stehenden Arbeiten dankenswerte Beiträge zur Psycho- 
logie der geometrisch-optischen Täuschungen liefern. 



IV. 

Ein neuer Beweis für die spezifische Helligkeit der Farben. Von 
Dr. Vittorio Benussi. S. 473—480. 

Eine scharfsinnige psychologische Untersuchung sehen wir auch 
in der Abhandlung Benussis, die sich mit einem neuen Beweis für 
die spezifische Helligkeit der Farben beschäftigt. Benussi weist 
Dämlich durch geschickte Kombination einer farbigen Scheibe mit 
farblosem Kreisring und einer farblosen Scheibe mit farbigem Ring 
in eleganter Weise nach : 

1. >Daß die Helligkeit eines gegebenen Grau erhöht erscheint, 
wenn man es der Induktionswirkung einer gleich hellen 
blauen oder grünen Farbe exponiert, herabgesetzt dagegen, 
wenn die induzierende Farbe rot oder gelb ist.< 

2. »Daß die Helligkeit einer gelben oder roten Fläche bei 
Sättigungserhöhung durch eine gleich helle Um- 
gebung erhöht, diejenige einer blauen oder grünen Fläche 
dagegen unter den analogen Umständen herabgesetzt 
wird.« 

Ebenso wird gezeigt, daß die Werte der Helligkeitserhöhung 
bezw. -Herabsetzung bei Farbeninduktion dem Betrage der Helligkeits- 
herabsetzung bezw. Erhöhung beim Verschwinden der Farbe in der 
Dämmerung ungefähr entsprechen oder, wie Benussi sagt, >daß die 
durch Farbeninduktion und Dämmerungsbeleuchtung erzielte Heilig- 



48 Gott. gel. Anz. 1906. Xr. 1. 

keitsverschiebung objektiv gleichheller Farben angenäherte Aequi- 
valenzc erkennen lassen. 

Sind diese Tatsachen, was bei der geringen Anzahl der mit- 
geteilten Versuchsergebnisse freilich nicht kontrolliert werden kann, 
über allen Zweifel erhaben, dann scheint auch der Schlußfolgerung 
Benussis nichts im Wege zu stehen, daß >die mit dem Hervortreten 
der Farbe Hand in Hand gehende Helligkeitszu- oder -abnähme, 
die bei helladaptiertem Auge nachgewiesen werden kann, nicht auf 
einen Funktionswechsel verschiedener terminaler Netzhautapparate, 
sondern auf die den Farben eigene Helligkeit zurückzuführen ist<, 
und daß »auch das Purkinjesche Phänomen durch den Hinweis auf 
die spezifische Helligkeitc erklärt werden muß. 



lieber Vorstellungsproduktion. Von Dr. Rudolf Ameseder. 
S. 481—508. 

Die Empfindungen sind ihrer Natur nach selbständig, d. h. trotz- 
dem es unwahrscheinlich ist, daß es eine Empfindung allein ohne 
Zusammenhang mit anderen geben könne, so bedeutet doch eine 
alleinstehende Empfindung keineswegs einen inneren Widerspruch. 
Ebenso wie die Empfindungen ist auch das durch sie >Erfaßtec, ihr 
Gegenstand (der nicht verwechselt werden darf mit ihrer Ur- 
sache) innerlich selbständig. Es gibt aber auch Gegenstände, die 
fundierten, welche ihrer Natur nach unselbständig sind, und die Vor- 
stellungen, durch welche fundierte Gegenstände erfaßt werden, sind 
gleichfalls innerlich unselbständig. Folglich können diese Vorstellungen 
(von fundierten Gegenständen) keine Empfindungen sein. 

So grenzt Ameseder in der vorliegenden Arbeit sein Unter- 
sucbungsgebiet ab. Er will die Stellung der Vorstellungen von fun- 
dierten Gegenständen in der Gesamtheit des Psychischen bestimmen 
und weist deshalb zunächst nach, daß diese Vorstellungen überhaupt 
eine besondere Stellung einnehmen, daß sie nicht schlechtweg mit 
Empfindungen zusammenfallen. Nun wird freilich von vornherein 
nicht leicht jemand auf den Gedanken kommen, die Vorstellungen 
von fundierten Gegenständen, z. B. die Vorstellung einer Verschieden- 
heit zweier Empfindungen mit einer einfachen Empfindung zu iden- 
tifizieren. Dagegen könnte man vielleicht versuchen, die Vorstellung 
der Verschiedenheit mit dem Zugleichsein der beiden Empfindungen 
zusammenfallen zu lassen und diese Möglichkeit ist durch den Hin- 
weis auf die innerliche Unselbständigkeit der betreffenden Vorstellung 
keineswegs ausgeschlossen. Wohl aber wird diese Annahme hinfällig 



Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie , hrs. von Meinong. 49 

durch die UeberleguDg, daß zwei Empfindungen gleichzeitig gegeben 
sein können, ohne daß die Vorstellung ihrer Verschiedenheit aufzu* 
treten braucht. Wir müssen also zugeben, daß es Vorstellungen 
gibt, die weder mit einfachen Empfindungen noch mit einem Komplex 
von Empfindungen zusammenfallen. Was vermag uns Ameseder 
weiter über solche Vorstellungen zu sagen? 

Er konstatiert vor allem etwas Terminologisches, nämlich dies, 
daß die Bezeichnungen Wahrnehmungsvorstellung und Einbildungs- 
vorstellung nicht geeignet sind, die Empfindungen und die in Rede 
stehenden Vorstellungen auseinander zu halten. Sowohl der Begriff 
der Wahmehmungs- wie der Begriff der Einbildungsvorstellung kann 
auf Vorstellungen von fundierten Gegenständen anwendbar sein. 

Es fragt sich nun, ob die betreffenden Vorstellungen fundierter 
Gegenstände zu ihren Elementarvorstellungen in demselben Verhältnis 
stehen wie die fundierten Gegenstände selbst zu ihren Elementen 
(die »Superiora« zu ihren »Inferioren«), d. h. ob man von einer 
Fundierung der innerlich unselbständigen Gegenstände sprechen 
kann. Die Entscheidung hierüber fällt leicht, wenn man die Merk- 
male des Fundierten in Betracht zieht. Zwei solche Merkmale hält 
unser Autor für charakteristisch, nämlich die Idealität, also Nicht- 
wirklichkeit des Fundierten und den Umstand, daß fundierte Superiora 
den gegebenen Inferioren mit Notwendigkeit zukommen. Beide Kenn- 
zeichen aber treffen für die in Rede stehenden Vorstellungen nicht 
zu. Dieselben sind stets etwas Wirkliches und es liegt nicht in der 
Natur der Superiusvorstellung , daß sie auf die gegebenen Inferiora 
notwendig aufgebaut sein müßte; sie kann vielmehr auch ganz 
fehlen. > Fundiert sind also die Vorstellungen fundierter Gegenstände 
nicht. Daß sie sich gleichwohl auf die Inferioravorstellungen auf- 
bauen, ist zweifellos.« Es fragt sich nur, welche Art des Aufbaus 
in Betracht kommt. 

Bis hieher sind die vorsichtigen definitorischen und terminologi- 
schen Ausführungen Ameseders vor jedem Zweifel geschützt. Aber 
nun beginnt die Hypothesenbildung. Wir sehen zwei Möglichkeiten 
vor uns. Zunächst könnte nämlich dem idealen Verhältnis der 
Fundierung das reale Verhältnis der Eausation gegenübergestellt 
werden. In diesem Fall wäre anzunehmen, daß die Inferioravor- 
stellungen unter gewissen noch näher zu bestimmenden Umständen 
die Superiusvorstellung erzeugen. Andererseits könnte man davon 
aasgehen, daß etwas anderes als die Inferioravorstellungen die Haupt- 
bedingnng für das Zustandekommen der Superiusvorstellung darstellt, 
weil die ersteren häufig ohne die letztere Vorstellung auftreten. 
Aber in diesem Fall wäre sorgfältig zu untersuchen, worin jenes 

OOtt fftL All. 1906. Kr. 1. 4 



50 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

Etwas neben den Inferioravorstellungen besteht und wodurch es in 
Funktion versetzt wird; denn es betätigt sich ja nicht immer, wenn 
die Inferioravorstellungen gegeben sind. In diesem letzteren Fall 
bleibt also trotz der hypothetischen Annahme eines >Etwas<, welches 
das Auftreten der Superiusvorstellung bedingt, und trotz einer hypo- 
thetischen Bestimmung dieses >Etwas< immer noch eine Hypothese 
zu bilden darüber, unter welchen Umständen die Superius- 
vorstellung erzeugt wird. 

Macht man sich dies klar, dann kann man es nicht gerade eine 
glückliche Wahl nennen, daß Ameseder zur Lösung der in Rede 
stehenden Frage den letzteren Weg eingeschlagen hat, indem er 
jenes >Etwas«, das neben den Inferioravorstellungen gegeben sein 
muß, als etwas Psychisches betrachtet und das Erzeugen der Superius- 
vorstellung > Produktion« nennt. Dabei ist freilich nicht ganz sicher, 
ob die Bezeichnung > Produktion« mehr als ein bloßes Wort für die 
auf bisher unbekannte Weise sich vollziehende Erzeugung der Superius- 
vorstellung sein soll, d. h. ob unser Autor die Nebenbedeutung einer 
Tätigkeit des Subjekts mit jener Bezeichnung verbindet. Wenn dies 
nicht der Fall ist, so ist natürlich auch gegen den Gebrauch des 
Wortes »Produktion« nichts anderes einzuwenden, als daß dadurch 
leicht störende Nebenvorstellungen erregt werden. Dagegen muß 
unter allen Umständen daran festgehalten werden, daß von einer 
psychologischen Erklärung der Bildung von Superi us Vorstellungen 
in keinem Fall die Rede sein kann. 

Wir finden es daher begreiflich, daß unser Autor im zweiten 
»theoretischen« Teil seiner Arbeit, welchen er dem ersten »deskrip- 
tiven« Teil gegenüberstellt, nochmals auf »das Wesen der Vorstellungs- 
produktion« zurückkommt. Aber das, was er hier vorbringt, ist 
kaum viel befriedigender als das bisherige. Wir erfahren, daß die 
Superiusvorstellung zu den Inferioravorstellungen in >Realrelation< 
steht, wobei »Realrelation« so ziemlich der neutralste Ausdruck zu 
sein scheint für eine Beziehung, die nicht Idealrelation sein soll. 
Will man trotzdem mit dem Begriflf > Realrelation« eine bestimmtere 
Bedeutung verbinden, wozu die Gegenüberstellung > bloßen Kausal- 
verhältnisses« Veranlassung geben könnte, so gerät man in die 
größten Schwierigkeiten. Man sieht sich nämlich genötigt, den Be- 
griff des Realkomplexes, den Ameseder in dem fraglichen Sinn ein- 
führt, entweder so zu deuten, daß er von dem Begriff des > Komplexes 
von Elementarvorstellungen« nicht mehr zu unterscheiden ist. Dann 
würden wir jedoch zu einer Auffassung der Superiusvorstellungen 
zurückgeführt, die früher ausdrücklich abgelehnt wurde. Oder man 
muß, wie doch tatsächlich Ameseders Absicht zu sein scheint, an« 



36 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

n. 

UeberOekonomie des Denkens. Von Dr. Wilhelm Frankl. S.263— 302. 

Was versteht man unter »Oekonomie des Denkens?« Auf diese 
Frage würden wir antworten: Der Ausdruck > Oekonomie des Denkens < 
bezeichnet die Eigenart der Denkprozesse, durch die es uns möglich 
wird, bei aller Beschränktheit unserer geistigen Kraft doch das 
Riesenwerk der Welterkenntnis zu fördern. Die Beschränktheit 
unserer geistigen Kraft zeigt sich in den Tatsachen der Enge des 
Bewußtseins- und Aufmerksamkeitsumfangs, vor allem darin, daß von 
der Stärke der Konzentration, die sich in Klarheit und Deutlichkeit, 
in der Menge und Beschaffenheit der Einzelheiten eines erfaßten 
Gegenstandes zu erkennen gibt, nicht nur der Umfang der zu er- 
fassenden Gegenstände sondern auch die Geschwindigkeit, mit der 
die Aufmerksamkeit von einem Gegenstand zum andern überzugehen 
vermag, abhängig ist. Wer mit der Fähigkeit zu einer höheren 
Konzentration die Fähigkeit raschen Konzentrationswechsels verbindet, 
wer also beispielsweise neben einander einen Brief diktieren und ein 
Buch lesen kann, dem werden wir höhere geistige Kraft zuerkennen 
als demjenigen, der nur Konzentrationsfestigkeit ohne die Fähigkeit 
raschen Wechsels besitzt, der also nur entweder lesen oder diktieren 
kann, und natürlich noch weit höhere als demjenigen, der weder das 
eine noch das andere fertig bringt, weil es ihm überhaupt an Kon- 
zentrationsfestigkeit gebricht. 

Zeigt demnach die geistige Kraft bei verschiedenen Individuen 
Größenunterschiede, so reicht sie über ein gewisses Maximum er- 
fahrungsgemäß bei keinem Menschen hinaus. Mit einem endlichen 
Maß geistiger Energie treten wir also an die Aufgaben des Erkennens 
heran. Es ist klar, daß wir den Zweck des Erkennens, die gewünschte 
Orientierung in der Wirklichkeit, die Klarheit und Widerspruchs- 
losigkeit in unserer Gedankenwelt und was man sonst noch anführen 
mag, nicht erreichen könnten, wenn wir nicht haushälterisch mit den 
uns zu Gebote stehenden Mitteln umgingen. Wenn wir beispielsweise 
in lauter Individualbegriffen denken wollten, so würde durch die auf 
unbedeutende Einzelheiten verwendete und verschwendete Konzen- 
tration der Ueberblick über große Zusammenhänge erschwert und 
unmöglich gemacht. Wenn wir zu jedem neuen Eindruck, den wir 
von > demselben Ding< erhalten, einen neuen Begriff konstruieren 
würden, statt neben der Einheit des Dinges die Verschiedenheit 
seiner Aspekte fast unbeachtet zu lassen, wenn wir statt allgemeiner 
Gesetze jeden einzelnen Zusammenhang nach seiner örtlichen, zeit- 
lichen und sonstigen Besonderheit ins Auge fassen wollten, dann 
stünde es schlecht um unsere Welterkenntnis. 



Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. Ton Meinong. 37 

Sofern wir nun in der Tat anders verfahren, sofern wir die 
Rücksicht auf das Individuelle dem Erfassen des Allgemeinen, die 
Detailerkenntnis dem Ueberblick in vielen Fällen '>opfem<, sofern 
können wir von Oekonomie des Denkens reden. Und da die Bildung 
allgemeiner Begrifife, die Anwendung der Substanz- und Kausalitäts- 
Kategorie unser ganzes Denken und Erkennen bestimmt, so dürfen 
wir wohl auch von einem > Prinzip < der Denkökonomie sprechen. 

Wenn dann die Frage aufgeworfen wird, ob etwas, was den 
Gattungsbegriffen entspricht, ob femer Substanzen und Kausalzu- 
sammenhänge in der Wirklichkeit vorkommen, so kann man dieser 
Frage gegenüber eine verschiedene Stellung einnehmen. Man kann 
sie entweder für unberechtigt erklären, indem man sagt, die durch 
das Prinzip der Oekonomie des Denkens bedingten Denkformen seien 
in sich selbst gerechtfertigt, weil sie den Zwecken des Erkennens 
entsprächen, das gar nicht auf ein Erfassen von Transscendentem, viel- 
mehr nur auf Herstellung einer geordneten, klaren Uebersicht über 
das Gegebene und seine Zusammenhänge angelegt sei. Oder aber 
man kann die in Rede stehende Frage für berechtigt halten. In 
diesem Fall ist wieder ein Doppeltes möglich. Man kann nämlich 
versuchen nachzuweisen, daß die durch das Oekonomieprinzip be- 
dingten Denkformen zugleich Anspruch auf Wahrheit oder Wahr- 
scheinlichkeit (im Sinn einer festgestellten oder doch sehr annehm- 
baren Uebereinstimmung mit dem Gegenstand) besitzen — oder man 
kann die Wahrheitsfrage als eine zwar vernünftige, aber vorläufig 
nicht zu beantwortende Frage unentschieden lassen. 

Damit glauben wir die wichtigsten erkenntnistheoretischen und 
psychologischen Probleme, die sich an den Begriff der Denkökonomie 
knüpfen, gestreift zu haben. Wenn wir nun demgegenüber die Aus- 
fuhrungen Frankls über Oekonomie des Denkens betrachten, so finden 
wir teilweise andere Fragestellungen, teilweise auch andere Lösungen 
als die oben angedeuteten. Sehen wir also zu, inwiefern dies eine 
Ergänzung, inwiefern es einen Widerspruch bedeutet und wie ein 
etwa bestehender Widerspruch sich auflösen läßt. 

Frankl bemüht sich zunächst um eine Definition des Begriffes 
Oekonomie. Er konstatiert, daß wir von Oekonomie sprechen 

1. dort, wo eine Leistung L durch eine Handlung H erzielt 
wird, welche auch durch eine Handlung H' erzielt werden könnte, 
wobei /f < W, 

2. dort, wo eine Leistung L durch eine Handlung H erzielt wird, 
wenn durch jET auch eine Leistung V erzielt werden könnte, wobei L'^^L. 

In beiden Fällen, die als Spar- und Wirtschaftsökonomie aus- 
einandergehalten werden, handelt es sich, wie unser Autor betont, 



38 Oött. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

a) um quantitative Momente von H bezw. £, 

b) um ein Verhältnis des Tatbestandes, der durch iT und L 
ausgemacht wird (dieser Tatbestand wird mit T bezeichnet), zu einem 
anderen Tatbestand ähnlicher Art (ökonomische VergleichsgröOe ge- 
nannt und mit T bezeichnet), der durch IT und L oder durch H 
und U dargestellt wird, also mit dem erstgenannten Tatbestand ent- 
weder das H oder das L gemeinsam hat. 

Uebrigens führt Frankl auch noch einen dritten Fall, den Fall 
»gemischter Oekonomie« an, wo dem T = H,L ein T = H', L' 

gegenübersteht, wo also T und T weder H noch L gemeinsam 
haben. Unter allen Umständen aber kommt der Oekonomie »Bino- 
mialität< und >Relativitäti zu. Wo entweder die Binomialität oder 
die Relativität fehlt, da kann vielleicht von Einfachheit bezw. Zweck- 
mäßigkeit, nicht aber von Oekonomie die Rede sein. Von einem 
Oekonomie prinzip endlich darf nach Fraukl nur gesprochen werden, 
wo die Formel anwendbar ist: >AlIe ^Tatbestände sind ökonomisch«, 
wenn wir »mit t die rein qualitative Bestimmtheit des Oekonomie- 
binoms T bezeichnen«. 

Prüfen wir im Lichte dieser Definitionen unsere Betrachtungen 
über das Wesen der Denkökonomie, so finden wir zu einer Korrektur 
derselben kaum Veranlassung. Wir haben eine Leistung L namhaft 
gemacht, die den Zweck des Erkennens darstellt, und haben darauf 
hingewiesen, daß dieser Zweck durch ein if, d. h. durch das Denken 
in Allgemeinbegrififen, in Substanz- und Kausalkategorien erreicht 
wird, während er auch durch ein i/', d. h. durch ein Denken in 
lauter IndividualbegriflFen erreicht werden könnte, wenn wir überhaupt 
imstande wären, H' durchzuführen. Oder, wenn wir mit IT die 
Denkarbeit bezeichnen, die ein Mensch beim Denken in lauter Indi- 
vid ualbegrifiFen vollbringen könnte, dann ließe sich der früher erwähnte 
Tatbestand auch so ausdrücken : Durch II' wird nur ein kleiner Teil 
von Z, dem durch H zu erreichenden Zweck der Erkenntnis erreicht. 
Haben wir demnach auf Grund der Definitionen unseres Autors das 
Recht, von Denkökonomie zu sprechen, so dürfen wir auch ein 
Prinzip der Denkökonomie statuieren, indem wir behaupten können: 
Jegliches Denken in Allgemeinbegriifen ist gegenüber dem Denken 
in Individualbegriffen, jegliches Denken mittels der Substanz- und 
Kausalkategorie ist gegenüber dem diese Kategorien umschreibenden 
Denken ökonomisch. 

Zu diesen einfachen Schlußfolgerungen treten jedoch die Be- 
trachtungen über Denkökonomie, die Frankl seinen allgemeinen 
Definitionen folgen läßt, in einen seltsamen Widerspruch. Frankl 



/ 



Untersnchnngen zur Gegenatandstbeorie und Psychologie, hn. von Melnong. 89 

bezeichnet nämlich die > Behauptung von allgemeiner Denkökonomie 
als psychologisches Oekonomieprinzipc und kommt zu dem Resultat, 
daß ein allgemeines psychologisches Oekonomieprinzip abzulehnen ist. 
Dagegen statuiert er: 

1. Ein biologisches Oekonomieprinzip, »dahin zu formulieren, 
daß die dauernd existierenden Lebewesen in ihrem Verhalten 
nicht unter einen gewissen Grad von Oekonomie herabgehen, 
welcher Grad jedoch vom Kraftbesitz der Individuen abhängig 
und mit diesem variabel ist<. 

2. Ein psychologisches Oekonomieprinzip der Gewohnheit, 
dahin lautend: >Alle gewohnten psychischen Tätigkeiten sind 
ökonomische. 

3. Ein erkenntnistheoretisches Oekonomieprinzip der In- 
duktion, »besagend, daß die auf Induktion beruhenden Urteile 
ökonomischer sind als andere, die sich auf denselben Gegenstand 
beziehen«. 

4. Ein erkenntnistheoretisches Prinzip der Hypothesen^ 
Ökonomie, > dahin lautend, daß die mehr Tatsächliches er- 
klärende Hypothese ceteris paribus wahrscheinlicher ist, als die 
weniger erklärende«. 

5. Ein wissenschaftstheoretisches Oekonomieprinzip folgenden 
Wortlauts: >Die Wissenschaft zieht ceteris paribus einfache 
Formulierungen den weniger einfachen vor«. 

6. Wundts methodologisches Prinzip, bestehend in der > Forde- 
rung, die Probleme in der möglichst einfachen Weise zu formu- 
lieren und sich des möglichst einfachen Verfahrens zu ihrer 
Lösung zu bedienen«. 

7. Ein emotionales Oekonomieprinzip der Lust, nämlich Höflers 
Lustgesetz: > Insoweit Lust an das Verrichten psychischer Arbeit 
geknüpft ist, und insoweit sich letztere auf den Typus ps (Span- 
nungsfaktor X Wegfaktor) zurückführen läßt, wächst die Lust mit 
dem wachsenden s und nimmt ab mit dem wachsenden p<. 

8. Ein emotionales Oekonomieprinzip des Wertes, welches 
besagt: > Sofern Oekonomie einen realisierbaren Werttatbestand 
bedeutet, kann man eine Tendenz zu demselben vermuten, bezw. 
kann man die Endglieder einer Entwicklungsreihe als ökonomische 
vermuten <. 

9. Wundts didaktisches Oekonomieprinzip, die »Forderung, 
einen gegebenen wissenschaftlichen Inhalt in der möglichst ein- 
fachen Form zum Ausdruck zu bringen«. 

Ueberblickt man die Gesamtheit dieser Prinzipien, so ist zunächst 
der Einteiiungsgrund nicht recht zu erkennen. Die meisten sind 



40 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

offenbar lediglich nach den Wissenschaften benannt, von denen sie 
konstatiert werden. So kann z. B. von einem biologischen oder von 
einem wissenschaftstheoretischen Oekonomieprinzip nur in dem Sinn 
gesprochen werden, daß biologische oder wissenschaftstheoretische 
Gedankengänge zu seiner Entdeckung führen. Andererseits ist aber 
auch klar, daß ein emotionales Oekonomieprinzip nicht ebenfalls nur 
deshalb das Attribut emotional verdient, weil etwa Gefühle zur Er- 
kenntnis ökonomischen Verhaltens irgend welcher Art Veranlassung 
geben. 

Doch nehmen wir einmal an, Frankl habe mit der Bezeichnung 
> emotionales Oekonomieprinzip« sich nur vergriffen und habe eigentlich 
> gefühlspsychologisches Oekonomieprinzip« sagen wollen, dann können 
wir trotzdem seiner Einteilung den Vorwurf der Unzweckmäßigkeit 
nicht ersparen. Eine Vollständigkeit der Einteilung wenigstens wird 
nicht gewährleistet, wenn man einfach die verschiedenen Wissen- 
schaften durchgeht, in denen Oekonomieprinzipien konstatiert werden. 
Und es ist auch nicht einzusehen, warum ein und dasselbe Prinzip 
zweimal aufgeführt werden soll, wenn es zufällig von zwei ver- 
schiedenen Wissenschaften sich feststellen läßt. Sehr viel näher liegt 
es doch, die Oekonomieprinzipien, wenn es deren im Gebiet des 
Denkens überhaupt mehrere gibt, nach der Eigenart der Tatbestände 
zu unterscheiden, die ökonomisch sind. 

Sucht man nun innerhalb der Klassifikation Frankls nach Gruppen, 
die sich dieser letzteren Anordnung fügen, so stößt man auf große 
Schwierigkeiten. In erster Linie könnte man vielleicht auf den Ge- 
danken kommen, die > emotionalen Prinzipien«, die sich mit der Ein- 
teilung nach den einzelnen, ein ökonomisches Verhalten konstatierenden 
Wissenschaften nicht vertragen, stünden > intellektuellen Prinzipien« 
in dem Sinn gegenüber, daß diese Oekonomie des Denkens, jene 
Oekonomie des Gefühlslebens aussagen. Aber abgesehen davon, daß 
Frankls Abhandlung auf eine Betrachtung der Oekonomie des Denkens 
sich beschränken sollte, die angedeutete Gegenüberstellung erweist 
sich überhaupt bei näherer Betrachtung der > emotionalen Prinzipien« 
als unrichtig; denn es handelt sich bei letzteren nicht um den Aus- 
druck der Tatsache, daß alle emotionalen oder auch nur, daß gewisse 
emotionale Erlebnisse ökonomisch sind, d. h. daß an Gefühlen gespart 
wird. Ferner soll keineswegs behauptet werden, daß Gefühle stets 
oder unter gewissen Umständen immer durch verhältnismäßig ge- 
ringen Arbeitsaufwand hervorgerufen werden. Das Gesetz, daß 
geringere psychische Arbeit manchmal lustvoller empfunden wird als 
größerer geistiger Energieverbrauch, ist überhaupt kein Oekonomie- 
prinzip, ebenso wenig wie die > Vermutung, daß am Ende einer Ent- 



Untersuchongen zur Ge genstandstheorie und Psychologie , hrs. von Meinong. 41 

Wicklungsreihe ökonomisches Verhalten als realisierter Werttatbestand 
hervortretet. 

Es ist geradezu unverständlich, sowohl, daß Frankl hier von einem 
Oekonomieprinzip, als auch, daß er von einem emotionalen Tatbestand 
spricht. Aber nicht minder unbegreiflich ist auch die Subsumption 
von Forderungen der Einfachheit unter den Begriff von Oekonomie- 
prinzipien. Unser Autor scheint ganz zu übersehen, daß Imperative 
niemals auf die Formel zurückgeführt werden können: >Alle Mat- 
bestände sind ökonomisch <. Wenn wirklich überall da, wo Einfach- 
heit verlangt wird (NB. ohne daß angegeben zu werden braucht, 
worin die Einfachheit besteht), von einem Oekonomieprinzip gesprochen 
werden dürfte, dann könnten wir übrigens die stattliche Zahl der 
Frankischen Oekonomieprinzipien noch um ein beträchtliches ver- 
mehren. 

Sehr naheliegende Einwände ließen sich femer erheben gegen 
die Formulierung des biologischen Oekonomieprinzips und gegen die 
kritiklose Vermengung von Hypothesenökonomie und Wahrscheinlich- 
keit. Inwiefern Oekonomie darin liegen soll, daß die mehr Tatsäch- 
liches erklärende Hypothese ceteris paribus wahrscheinlicher ist als 
die weniger erklärende, ist überhaupt kaum einzusehen, wenn man 
nicht den Mut hat, die Hypothese und ihre Wahrscheinlichkeit als 
Mittel und Zweck einander gegenüberzustellen. 

Somit kommen als wirkliche Oekonomieprinzipien unter all den 
von Frankl angeführten höchstens noch in Betracht die Sätze, daß 
alle gewohnten psychischen Tätigkeiten ökonomisch seien, daß die 
auf Induktion beruhenden Urteile einen Fall von Oekonomie dar- 
stellen und daß in der Vorliebe der Wissenschaft für die Annahme 
einfacher Verhältnisse, wo diese zur Erklärung ausreichen, ein ökono- 
misches Verfahren sich erkennen lasse. Von diesen Sätzen kann aber 
der letzte als Oekonomieprinzip deshalb nicht gelten, weil die An- 
nahme einfacher Verhältnisse, die einfachere Hypothese — wenn wir 
uns der Frankischen Symbole bedienen — kein H sondern ein L 
darstellt und weil keineswegs einzusehen ist, wie dasselbe L durch 
ein anderes H erreicht werden soll. Mit anderen Worten: Jede 
Hypothese ist nicht nur Mittel zur Erklärung, sondern stellt als Ur- 
teil über ein unserer Erfahrung entzogenes Stück Wirklichkeit einen 
Selbstzweck dar, und wenn die einfachere Hypothese als wahrschein- 
licheres Urteil vorgezogen wird, so kann man nicht sagen, daß die 
kompliziertere Annahme denselben nur auf größerem Umweg erreichten 
Zweck repräsentiere. 

Es bleiben also nur die von Frankl sogenannten Oekonomie- 
prinzipien der Gewohnheit und der Induktion übrig. Von diesen ist 



42 Gott gel Anz. 1906. Xr. 1. 

das letztere ein spezieller Fall desjenigen Oekonomieprinzips, das wir 
als Prinzip der Denkökonomie formuliert haben, und welches besagt, 
daß alles Denken in Allgemeinbegriffen, wozu natürlich auch die Fest- 
stellung allgemeiner Zusammenhänge durch Induktion gehört, öko- 
nomisch ist. Das Oekonomieprinzip der Gewohnheit dagegen kann 
nur mit gewissen Einschränkungen aufrecht erhalten werden. Denn 
daß nicht alle gewohnten psychischen Tätigkeiten ökonomisch sind, 
sondern nur diejenigen, die einen bestimmten Zweck erfüllen, gegen- 
über den ungewohnten, welche denselben Zweck erfüllen sollten, das 
braucht wohl nicht ausführlich nachgewiesen zu werden. Fragen 
wir nun, welche psychischen Vorgänge als H einem L zugeordnet 
werden können, so kommen die Gefühle als solche jedenfalls nicht 
in Betracht. Wir sind also höchstens in der Lage, einer Oekonomie 
des gewohnheitsmäßigen Denkens eine solche des gewohnheitsmäßigen 
Wo Ileus gegenüberzustellen. Dagegen ließe sich in der Tat nichts 
einwenden, und wenn es sich um die Bestimmung der Oekonomie 
psychischer Vorgänge überhaupt handelte, dann würde unsere Kon- 
statierung einer Oekonomie des Denkens durch den Hinweis auf 
eine mögliche Oekonomie des Wollens eine wertvolle Ergänzung finden. 

Da wir aber den Begriff der Denkökonomie nicht in dem weiten 
Sinn einer Oekonomie psychischer Vorgänge überhaupt fassen, so 
bedeutet Frankls Prinzip der Gewohnheitsökonomie keine Erweiterung 
unseres Prinzips der Denkökonomie, da das gewohnheitsmäßige 
Denken kein Denken neben dem mit identischen Gegenständen und 
allgemeinen Begriffen operierenden Denken ist. Nur eine Teil- 
bedingung, durch welche die Oekonomie des Denkens beeinflußt 
werden kann, vermögen wir in der Gewöhnung zu sehen, so daß ^ir 
abschließend sagen können: Es gibt eine Oekonomie des Denkens, 
die durch Gewohnheit, durch die Annahme identischer Gegenstände 
und durch die Konstruktion allgemeiner Begriffe und Gesetze be- 
dingt wird. 

Den Versuch Frankls, die Oekonomie des Denkens in Allgemein- 
begriffen auf Gewohnheitsökonomie zurückzuführen, und seine Polemik 
gegen die Formulierung des Oekonomieprinzips bei Cornelius müssen 
wir als verunglückt bezeichnen. Dagegen darf die Ablehnung der 
Oekonomieformel von Avenarius wohl als berechtigt angesehen werden 
und es ist nur zu bedauern, daß Frankl eben durch seine Ausein- 
andersetzung mit Avenarius dazu veranlaßt worden ist, das Prinzip 
der Denkökonomie als allgemeines psychologisches Minimumprinzip 
aufzufassen und so bei der begründeten Verwerfung des letzteren 
den Blick für die Berechtigung eines allgemeinen D e n k Ökonomie- 
prinzips zu verlieren. 



Untersachongen zur Gegenstandstheorie und Psychologie , hrs. von Meinong. 43 

UL 

Zur Psychologie des Gestalterfassens. Von Dr. Vittorio Benussi. 
S. 303—448. 

Die verschobene Schachbrettfigur. Von Dr. Vittorio Benussi und 
Wilhelmine Liel. S. 449—472. 

Den Arbeiten von Benussi »Zur Psychologie des Gestalterfassens« 
und von Benussi und Wilhelmine Liel >Die verschobene Schachbrett- 
figurc ist der Grundgedanke gemeinsam, wonach ein Teil der geo- 
metrisch-optischen Täuschungen, speziell die Erscheinungen der 
Müller-Lyerschen Figur und das Schachbrettphänomen aus den Ge- 
setzen der Vorstellungsproduktion sollen erklärt werden können. 
Einer derartigen Behauptung stehen hauptsächlich zwei Einwände 
entgegen, nämlich erstens der Hinweis auf die Regelmäßigkeit, die 
in den betreflfenden optischen Täuschungen hervortritt und die in 
scharfem Gegensatz zu stehen scheint zu der Willkürlichkeit, mit 
welcher bei typischen Fällen von Vorstellungsproduktion bald dieser, 
bald jener Eindruck hervorgerufen werden kann. Daneben kommt 
zweitens in Betracht, daß die Tatsachen der Vorstellungsproduktion 
ihrerseits keine allgemeinen Gesetze sind, die das, was ihnen sub- 
sumiert werden kann, ohne weiteres erklären. 

Was nun den ersten Einwand anlangt, so sind die experimen- 
tellen Untersuchungen, welche den in Rede stehenden Arbeiten zu- 
grunde liegen, dazu bestimmt, ihn zu entkräften. Ob sie dazu auch 
geeignet sind, das soll uns eine kurze Betrachtung derselben zeigen. 
Es handelt sich sowohl bei den Versuchen Benussis wie bei den- 
jenigen von Benussi und Liel vor allem um die Feststellung eines 
verschiedenen Verhaltens der Versuchsperson demselben Reiztat- 
bestand gegenüber bei verschiedener Richtung der Aufmerksamkeit, 
femer um die Konstatierung einer Variation dieses verschiedenen 
Verhaltens bei fortschreitender üebung in willkürlicher Aufmerksam- 
keitseinstellung und endlich um den Nachweis analoger Variation, 
wenn Aufmerksamkeitsreize die Aufmerksamkeitsrichtung beeinflussen. 

Was den ersten Punkt anlangt, so unterscheiden die Verfasser 
eine G-Reaktion, eine ^-Reaktion und eine Ä-Reaktion ihrer Versuchs- 
personen, von denen die erste den Fall bezeichnet, wo die Versuchs- 
person aufgefordert wird, die Gesamtgestalt der Täuschungsfigur 
aufzufassen. Bei der an zweiter Stelle genannten Reaktionsweise 
muß die Versuchsperson von den die Täuschung bedingenden Bestand- 
teilen der Figur, so gut es geht, abstrahieren und von einer 
/S-Reaktion wird da gesprochen, wo eine bestimmte Richtung der 
Aufmerksamkeit nicht intendiert ist. Es wird nun nachgewiesen, 



44 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

daß G-, Ä' und jS-Reaktion in verschiedenen Ergebnissen der mit 
demselben Reiztatbestand angestellten Versuche sich zu erkennen 
geben. Diese Versuche bestehen im Fall der an der Müller-Lyerschen 
Figur angestellten Beobachtungen darin, daß zu dem Mittelstück der 
Figur eine schenkellose Strecke von scheinbar gleicher Länge kon- 
struiert wird, die von der wirklichen Gleichheit umso weiter entfernt 
ist, je ausgeprägter die 6r-Reaktion auftritt. Bei den Versuchen mit 
der Schachbrettfigur wird zu der Trennungslinie der beiden Reihen 
von schwarzen und weißen Quadraten eine scheinbare Parallele ge- 
zogen. Dabei entspricht diese scheinbare umso mehr der wirklichen 
Parallelen, je besser die ^-Reaktion gelingt. Die Ergebnisse der 
5-Reaktion liegen stets in der Mitte zwischen den Resultaten der 
A' und der ö-Reaktion. 

Ganz analog wie die Bedeutung der A- und 6r-Reaktion wird 
femer der Einfluß der A- und 6r-Uebung nachgewiesen, indem ge- 
zeigt wird, daß die Verschiedenheit der Ergebnisse bei den entgegen- 
gesetzten Reaktionsarten umso größer ist, je später dieselben ge- 
wonnen sind, d. h. je größere Uebung die Versuchsperson im Reagieren 
nach Typus A oder O sich erworben hat. 

Was endlich den Nachweis der Wirksamkeit von Aufmerksam- 
keitsreizen anlangt, so wird derselbe in der Weise erbracht, daß bei 
der Müller-Lyerschen Figur Mittelstück und Schenkel in allen mög- 
lichen Richtungen variiert werden, während bei dem Schachbrett- 
muster die Helligkeit und Farbe der Quadrate sowie die Beschaffen- 
heit der Trennungslinie für verschiedene Versuche verschieden gewählt 
wird. Dabei zeigt sich eine Verschiedenheit in den Ergebnissen je 
nach der Größe, des Winkels, den die Schenkel der Müller-Lyerschen 
Figur mit dem Mittelstück bilden, je nachdem Schenkel und Mittel- 
stück farblos oder farbig, färben- und helligkeitsgleich oder farben- 
und helligkeitsverschieden, durch ausgezogene Linien oder bloß durch 
die Endpunkte dargestellt sind, je nachdem ferner entweder bloß die 
Schenkel oder bloß das Mittelstück ausgezogen bezw. nur angedeutet, 
je nachdem endlich beim Schachbrettmuster chromatische oder achro- 
matische, helligkeitsähnliche oder sehr verschiedene Quadrate und 
eine stark schwarz oder weiß ausgezogene oder eine nur fingierte 
Trennungslinie in Betracht kommen. Den Einfluß dieser Momente 
glauben die Verfasser zusammenfassend dahin bestimmen zu könnem, 
daß alle Bedingungen, welche die ^-Reaktion begünstigen, eine Velr- 
ringerung der Täuschungsgröße, alle diejenigen, welche der 6r-Reaktion 
Vorschub leisten, eine Erhöhung des Täuschungsbetrages zur Folg4 
haben. Tatsächlich müssen wir zugeben, daß durch die Versuchs' - 
resultate eine Auffassung gerechtfertigt erscheint, wonach jeder Um-.. 



\ 



Untersnchnngen znr GegeDStandstheorie und Psychologie , hrs. von Meinong. 45 

stand die Täuschung vergrößert, der das Hervortreten der bei der 
^-Reaktion zu übersehenden Bestandteile begünstigt. 

Es fragt sich nun, ob dadurch die Erklärung der in Rede 
stehenden Erscheinungen als > Produktionstäuschungen« zureichend 
begründet erscheint. Diese Frage kann man unbedenklich bejahen, 
wenn man jede Täuschung, die nicht peripher bedingt ist, d. h. nicht 
in der Beschafifenheit der Sinnesorgane oder in der Beschafifenheit 
der inadäquat vorgestellten Reize ihren Grund hat, und die auch 
nicht als Urteilstäuschung sich betrachten läßt — eine Täuschung 
der Vorstellungsbildung, eine Produktionstäuschung nennt. Daß 
nämlich die Phänomene der Müller-Lyerschen Figur und des Schach- 
brettmusters keine peripher bedingten und keine Urteilstäuschungen 
sind, das scheint durch die Untersuchungen unserer Autoren unwider- 
leglich dargetan zu sein. 

Aber Täuschungen, die bei der Vorstellungsbildung durch die 
gegenseitige Beeinflussung der verschiedenen Bestandteile zustande 
kommen, Produktionstäuschungen in dem erwähnten weiten Sinn, 
können immer noch den verschiedensten Charakter besitzen. Wenn 
beispielsweise die sich bildende Vorstellung von einer uns geläufigen 
ähnlichen Vorstellung assimiliert wird, wie es im Fall der Illusion 
geschieht, wo die den Reizbestandteilen entsprechenden Vorstellungs- 
bestandteile durch assoziativ erregte Vorstellungen teils ergänzt, teils 
ersetzt oder doch umgestaltet werden — oder wenn die den Augen- 
bewegungen entsprechenden Empfindungen einen optischen Total- 
eindruck anders gestalten als er ohne sie beschafifen wäre, so haben 
wir es ofifenbar auch mit Produktionstäuschungen im angegebenen 
Sinn zu tun. Wenn nun Benussi in seiner Kritik der bisher zur 
Erklärung der Müller-Lyerschen Täuschung aufgestellten Theorien 
die > perspektivische Deutungc Thi^rys, die > Erklärungsversuche 
durch assoziierte Vorstellungen«, wie sie sich bei Heymans, Lipps 
und Stilling finden, und die > Erklärungsversuche durch die Augen- 
bewegungen« von Binet, van Biervliet, Delboeuf und Wundt verwirft, 
so darf er eigentlich nicht seine Erklärung der Müller-Lyerschen 
Täuschung als einer Produktionserscheinung schlechthin den genannten 
Theorien gegenüberstellen. 

Er versucht zwar das Wesen der Produktionstäuschung näher 
dahin zu bestimmen, daß >als Ursache der inadäquaten Vorstellungs- 
produktion eine gegenseitige Beeinflussung der in Realrelation 
stehenden Inferioreninhalte zu vermuten« sei. Wenn damit gesagt 
sein soll, daß nur die Liferioreninhalte und keine Nebenempfindungen, 
die in die Gesamtvorstellung eingehen (wie z. B. die Empfindungen 
von Augenbewegungen), sowie keine Bestandteile einer eventuell für 



46 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

die Produktion richtunggebenden >Zielvorstellung« sich an der Hervor- 
bringuDg der Täuschung beteiligen, dann ist allerdings ein bestimmter 
Fall von Produktionstäuschung ins Auge gefaßt. Aber warum die 
Inferioreninhalte sich beeinflussen und wie sie sich beeinflussen, das 
bleibt vollkommen im Dunkeln. Wir können es uns einigermaßen 
erklären, wie und warum die >Aufgabe< einer Vorstellungsproduktion, 
sei es durch das Verstehen des die Lösung bezeichnenden Wortes 
oder in Form der Zielvorstellung im Sinn eines > indirekten Vor- 
stellensc, bestimmend einwirkt auf das Produktionsergebnis. Man 
hat auch versucht, den hypothetischen Einfluß der Augenbewegungen 
in Form eines allgemeinen Gesetzes darzustellen. Aber ein allgemeines 
Gesetz, wonach Inferioreninhalte überhaupt sich gegenseitig beein- 
flussen, kennen wir nicht. Daher ist die Erklärung der Müller- 
Lyerschen Täuschung als einer Produktionstäuschung nichts anderes 
als eine Konstatierung des Tatbestandes, daß die Schenkel der Figur 
den bekannten Einfluß auf die Vorstellung der Länge des Mittelstücks 
ausüben und daß dieser Einfluß von der Vorstellung der Schenkel, 
nicht von irgend welchen anderen Vorstellungen und Vorstellungs- 
bestandteilen ausgeht. 

Das gleiche gilt auch für die Erklärung des Schachbrettphänomens 
als einer Produktionstäuschung. Doch kommt hier noch ein weiteres 
Moment hinzu. Das Schachbrettphänomen wird nämlich als ein be- 
sonderer Fall der Zöllnerschen Täuschung von den Verfassern dar- 
gestellt und zwar wird >die Gleichartigkeit der in Rede stehenden 
Täuschungsgestalt mit der Zöllnerschen dadurch nachgewiesen, daß 
sich das Maß der Täuschung um so mehr erhöht, je mehr die Vor- 
stellung der durch 'die Zöllnersche Figur dargebotenen Gestalt — 
bedingt durch die bekannte Lageverschiedenheit zweier sich kreuzender 
Geraden — beim Anblick der verschobenen Schachbrettfigur in den 
Vordergrund trittc. Nehmen wir an, dieser Nachweis, auf dessen 
Beurteilung hier nicht näher eingegangen werden soll, sei gelungen, 
dann ist damit natürlich weder das Zöllnersche noch das Schachbrett- 
phänomen erklärt. Es ist nur die Aufgabe der Erklärung insofern 
vereinfacht, als durch eine Hypothese zwei Erscheinungen verständ- 
lich gemacht werden können. Damit ist aber nicht, wie man viel- 
leicht vermuten könnte, die oben vermißte Allgemeinheit für die 
>Produktionstäuschungs-Hypothese< gewonnen; denn es handelt sich 
ja beim Schachbrettphänomen nicht um eine Variation, sondern nur 
um eine Verschleierung des gleichen Tatbestands, der bei der 
Zöllnerschen Täuschung vorliegt. Der Müller-Ly ersehen Figur gegen- 
über bedeutet die Zöllnersche und die verschobene Schachbrettfigur 
wohl eine Variation des zu erklärenden Tatbestandes. Dagegen fehlt 



Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 47 

hier die Einheitlichkeit der Hypothese. Es soll sich zwar beide Male 
um Produktionstäuschungen handeln, aber die Art, wie die Inferioren- 
inhalte einander beeinflussen, ist eine ganz verschiedene, indem einer- 
seits eine Größen- andererseits eine Richtungsveränderung in Betracht 
kommt. 

Kurz, wir können das Ergebnis dieser kritischen Betrachtungen 
dahin zusammenfassen, daß, wenn es auch den Verfassern gelungen 
ist, den ersten der eingangs berührten Einwände zu widerlegen, 
trotzdem oder vielleicht eben deswegen der zweite Einwand bestehen 
bleibt, wonach die Bezeichnung einer Täuschung als Produktions- 
täuschung noch keine Erklärung bedeutet. 

Im übrigen ist aber nicht nur die sorgfältige Verarbeitung und 
die Reichhaltigkeit der Versuchsergebnisse, sondern auch die ein- 
gehende Kritik der über die Müller-Lyersche und über die Schach- 
bretttäuschung bisher aufgestellten Theorien hervorzuheben, wodurch 
die in Rede stehenden Arbeiten dankenswerte Beiträge zur Psycho- 
logie der geometrisch-optischen Täuschungen liefern. 



IV. 

Ein neuer Beweis für die spezifische Helligkeit der Farben. Von 
Dr. Vittorio Benussi. S. 473—480. 

Eine scharfsinnige psychologische Untersuchung sehen wir auch 
in der Abhandlung Benussis, die sich mit einem neuen Beweis für 
die spezifische Helligkeit der Farben beschäftigt. Benussi weist 
nämlich durch geschickte Kombination einer farbigen Scheibe mit 
farblosem Kreisring und einer farblosen Scheibe mit farbigem Ring 
in eleganter Weise nach : 

1. >Daß die Helligkeit eines gegebenen Grau erhöht erscheint, 
wenn man es der Induktionswirkung einer gleich hellen 
blauen oder grünen Farbe exponiert, herabgesetzt dagegen, 
wenn die induzierende Farbe rot oder gelb ist.< 

2. »Daß die Helligkeit einer gelben oder roten Fläche bei 
Sättigungserhöhung durch eine gleich helle Um- 
gebung erhöht, diejenige einer blauen oder grünen Fläche 
dagegen unter den analogen Umständen herabgesetzt 
wird.« 

Ebenso wird gezeigt, daß die Werte der Helligkeitserhöhung 
bezw. -Herabsetzung bei Farbeninduktion dem Betrage der Helligkeits- 
herabsetzung bezw. Erhöhung beim Verschwinden der Farbe in der 
Dämmerung ungefähr entsprechen oder, wie Benussi sagt, >daß die 
durch Farbeuinduktion und Dämmerungsbeleuchtung erzielte Hellig- 



48 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

keitsverschiebuog objektiv gleichheller Farben angenäherte Aequi- 
valenz< erkennen lassen. 

Sind diese Tatsachen, was bei der geringen Anzahl der mit- 
geteilten Versachsergebnisse freilich nicht kontrolliert werden kann, 
über allen Zweifel erhaben, dann scheint auch der Schlußfolgerung 
Benussis nichts im Wege zu stehen, daß >die mit dem Hervortreten 
der Farbe Hand in Hand gehende Helligkeitszu- oder -abnähme, 
die bei helladaptiertem Auge nachgewiesen werden kann, nicht auf 
einen Funktionswechsel verschiedener terminaler Netzhautapparate, 
sondern auf die den Farben eigene Helligkeit zurückzuführen ist<, 
und daß »auch das Purkinjesche Phänomen durch den Hinweis auf 
die spezifische Helligkeit« erklärt werden muß. 



Ueber Vorstellungsproduktion. Von Dr. Rudolf Ameseder. 
S. 481—508. 

Die Empfindungen sind ihrer Natur nach selbständig, d. h. trotz- 
dem es unwahrscheinlich ist, daß es eine Empfindung allein ohne 
Zusammenhang mit anderen geben könne, so bedeutet doch eine 
alleinstehende Empfindung keineswegs einen inneren Widerspruch. 
Ebenso wie die Empfindungen ist auch das durch sie >Erfaßte«, ihr 
Gegenstand (der nicht verwechselt werden darf mit ihrer Ur- 
sache) innerlich selbständig. Es gibt aber auch Gegenstände, die 
fundierten, welche ihrer Natur nach unselbständig sind, und die Vor- 
stellungen, durch welche fundierte Gegenstände erfaßt werden, sind 
gleichfalls innerlich unselbständig. Folglich können diese Vorstellungen 
(von fundierten Gegenständen) keine Empfindungen sein. 

So grenzt Ameseder in der vorliegenden Arbeit sein Unter- 
suchungsgebiet ab. Er will die Stellung der Vorstellungen von fun- 
dierten Gegenständen in der Gesamtheit des Psychischen bestimmen 
und weist deshalb zunächst nach, daß diese Vorstellungen überhaupt 
eine besondere Stellung einnehmen, daß sie nicht schlechtweg mit 
Empfindungen zusammenfallen. Nun wird freilich von vornherein 
nicht leicht jemand auf den Gedanken kommen, die Vorstellungen 
von fundierten Gegenständen, z. B. die Vorstellung einer Verschieden- 
heit zweier Empfindungen mit einer einfachen Empfindung zu iden- 
tifizieren. Dagegen könnte man vielleicht versuchen, die Vorstellung 
der Verschiedenheit mit dem Zugleichsein der beiden Empfindungen 
zusammenfallen zu lassen und diese Möglichkeit ist durch den Hin- 
weis auf die innerliche Unselbständigkeit der betreffenden Vorstellung 
keineswegs ausgeschlossen. Wohl aber wird diese Annahme hinfällig 



Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 49 

durch die Ueberlegung, daß zwei Empfindungen gleichzeitig gegeben 
sein können, ohne daß die Vorstellung ihrer Verschiedenheit aufzu- 
treten braucht. Wir müssen also zugeben, daß es Vorstellungen 
gibt, die weder mit einfachen Empfindungen noch mit einem Komplex 
von Empfindungen zusammenfallen. Was vermag uns Ameseder 
weiter über solche Vorstellungen zu sagen? 

Er konstatiert vor allem etwas Terminologisches, nämlich dies, 
daß die Bezeichnungen Wahrnehmungsvorstellung und Einbildungs- 
vorstellung nicht geeignet sind, die Empfindungen und die in Rede 
stehenden Vorstellungen auseinander zu halten. Sowohl der Begriff 
der Wahmehmungs- wie der Begriff der Einbildungsvorstellung kann 
auf Vorstellungen von fundierten Gegenständen anwendbar sein. 

Es fragt sich nun, ob die betreffenden Vorstellungen fundierter 
Gegenstände zu ihren Elementarvorstellungen in demselben Verhältnis 
stehen wie die fundierten Gegenstände selbst zu ihren Elementen 
(die »Superiora« zu ihren »Inferioren«), d. h. ob man von einer 
Fundierung der innerlich unselbständigen Gegenstände sprechen 
kann. Die Entscheidung hierüber fällt leicht, wenn man die Merk- 
male des Fundierten in Betracht zieht. Zwei solche Merkmale hält 
unser Autor für charakteristisch, nämlich die Idealität, also Nicht- 
wirklichkeit des Fundierten und den Umstand, daß fundierte Superiora 
den gegebenen Inferioren mit Notwendigkeit zukommen. Beide Kenn- 
zeichen aber treffen für die in Rede stehenden Vorstellungen nicht 
zu. Dieselben sind stets etwas Wirkliches und es liegt nicht in der 
Natur der Superiusvorstellung , daß sie auf die gegebenen Inferiora 
notwendig aufgebaut sein müßte; sie kann vielmehr auch ganz 
fehlen. > Fundiert sind also die Vorstellungen fundierter Gegenstände 
nicht. Daß sie sich gleichwohl auf die Inferioravorstellungen auf- 
bauen, ist zweifellos.« Es fragt sich nur, welche Art des Anfbaus 
in Betracht kommt. 

Bis hieher sind die vorsichtigen definitorischen und terminologi- 
schen Ausführungen Ameseders vor jedem Zweifel geschützt. Aber 
nun beginnt die Hypothesenbildung. Wir sehen zwei Möglichkeiten 
vor uns. Zunächst könnte nämlich dem idealen Verhältnis der 
Fundierung das reale Verhältnis der Kausation gegenübergestellt 
werden. In diesem Fall wäre anzunehmen, daß die Inferioravor- 
stellungen unter gewissen noch näher zu bestimmenden Umständen 
die Superiusvorstellung erzeugen. Andererseits könnte man davon 
ausgehen, daß etwas anderes als die Inferioravorstellungen die Haupt- 
bedingung für das Zustandekommen der Superiusvorstellung darstellt, 
weil die ersteren häufig ohne die letztere Vorstellung auftreten. 
Aber in diiesem Fall wäre sorgfältig zu untersuchen, worin jenes 

QOU. gel. ABZ. 1906. Kr. 1. 4 



50 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

Etwas neben den Inferioravorstellungen besteht und wodurch es in 
Funktion versetzt wird; denn es betätigt sich ja nicht immer, wenn 
die Inferioravorstellungen gegeben sind. In diesem letzteren Fall 
bleibt also trotz der hypothetischen Annahme eines >Etwas<, welches 
das Auftreten der Superiusvorstellung bedingt, und trotz einer hypo- 
thetischen Bestimmung dieses >Etwas< immer noch eine Hypothese 
zu bilden darüber, unter welchen Umständen die Superius- 
vorstellung erzeugt wird. 

Macht man sich dies klar, dann kann man es nicht gerade eine 
glückliche Wahl nennen, daß Ameseder zur Lösung der in Rede 
stehenden Frage den letzteren Weg eingeschlagen hat, indem er 
jenes >Etwas«, das neben den Inferioravorstellungen gegeben sein 
muß, als etwas Psychisches betrachtet und das Erzeugen der Superius- 
vorstellung > Produktion € nennt. Dabei ist freilich nicht ganz sicher, 
ob die Bezeichnung >Produktion< mehr als ein bloßes Wort für die 
auf bisher unbekannte Weise sich vollziehende Erzeugung der Superius- 
vorstellung sein soll, d. h. ob unser Autor die Nebenbedeutung einer 
Tätigkeit des Subjekts mit jener Bezeichnung verbindet. Wenn dies 
nicht der Fall ist, so ist natürlich auch gegen den Gebrauch des 
Wortes »Produktion< nichts anderes einzuwenden, als daß dadurch 
leicht störende Neben Vorstellungen erregt werden. Dagegen muß 
unter allen Umständen daran festgehalten werden, daß von einer 
psychologischen Erklärung der Bildung von Superiusvorstellungen 
in keinem Fall die Rede sein kann. 

Wir finden es daher begreiflich, daß unser Autor im zweiten 
»theoretischen< Teil seiner Arbeit, welchen er dem ersten ^ deskrip- 
tiven < Teil gegenüberstellt, nochmals auf »das Wesen der Vorstellungs- 
produktion< zurückkommt. Aber das, was er hier vorbringt, ist 
kaum viel befriedigender als das bisherige. Wir erfahren, daß die 
Superiusvorstellung zu den Inferioravorstellungen in >Realrelation< 
steht, wobei > Realrelation < so ziemlich der neutralste Ausdruck zu 
sein scheint für eine Beziehung, die nicht Idealrelation sein soll. 
Will man trotzdem mit dem Begriff > Realrelation < eine bestimmtere 
Bedeutung verbinden, wozu die Gegenüberstellung >bloßen Kausal- 
verhältnisses < Veranlassung geben könnte, so gerät man in die 
größten Schwierigkeiten. Man sieht sich nämlich genötigt, den Be- 
griff des Realkomplexes, den Ameseder in dem fraglichen Sinn ein- 
führt, entweder so zu deuten, daß er von dem Begriff des > Komplexes 
von Elementarvorstellungen < nicht mehr zu unterscheiden ist. Dann 
würden wir jedoch zu einer Auffassung der Superiusvorstellungen 
zurückgeführt, die früher ausdrücklich abgelehnt wurde. Oder man 
muß, wie doch tatsächlich Ameseders Absicht zu sein scheint, an- 



Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 61 

nehmen, daß durch den Komplex realer Empfindungen eine neue 
Vorstellung erzeugt wird. Dann bleibt es unbegreiflich, warum die 
Begriffe > Realrelation« und > bloßes Kausalverhältnis« auseinander 
gehalten werden. Unter allen Umständen wird gerade auf das 
wichtigste, nämlich auf die Untersuchung \der Bedingungen, unter 
denen die >Produktion< der Superiusvorstellung stattfindet, von 
Ameseder nicht näher eingegangen. Was er über das Verhältnis der 
Vorstellungsproduktion zur Aktivität sagt, vermag diese Lücke kaum 
auszufüllen; denn wenn wir erfahren, daß der reale Vorgang, der 
aus den Elementarvorstellungen den Realkomplex erzeugt, eine 
Willensleistung sei, so bedeutet dies ja doch nur wieder einen neuen 
Namen für jenes Etwas, das neben den Inferioravorstellungen in 
Tätigkeit treten soll und dessen gesetzmäßige Wirksamkeit wir 
kennen lernen möchten. 

Einiges über diese Frage wird nun freilich beigebracht in den 
Ausführungen unseres Autors über Auffälligkeit und Aufmerksamkeit 
Aber auch diese Darlegungen sind hauptsächlich terminologischer 
Natur. Es wird zunächst konstatiert, daß von Auffälligkeit fundierter 
Gegenstände da die Rede sein kann, wo von mehreren Superioren 
eines auch dann zum Erfaßtwerden gelangt, wenn die subjektiven 
Bedingungen zum Erfassen aller Superiora gleich günstig sind. Diese 
Auffälligkeit kommt entweder dem Superius selbst oder den Inferioren 
zu und zwar hat man sich unter der Auffälligkeit der Inferiora (auch 
Absolutive genannt) natürlich nicht ihre Eignung vorzustellen, durch 
produzierte Vorstellungen erfaßt werden zu können, sondern die Eig- 
nung als Inferiora erfaßter fundierter Gegenstände zu funktionieren. 
Die Schwierigkeit der Produktion ist nach dem bisher Erwähnten 
somit abhängig: 1. Von der Beschaffenheit der Inferiusinhalte und 
2. von der Art der postulierten Produktion. Dazu kommt aber noch 
als dritte Bedingung die Beschaffenheit der für eine bestimmte 
Produktionsart vorliegenden Disposition, d. h. die Produktion ist 
nicht nur von unwillkürlicher, sondern auch von willkürlicher Auf- 
merksamkeit abhängig. 

In den Fällen nun, wo eine Produktionsvorstellung y^illkürlich 
hervorgerufen wird, sieht unser Autor eine Schwierigkeit ^arin, daß 
man das Ziel der Produktion vor dem Produzieren erfassen muß, 
obwohl die zu solchem Erfassen geeignete Vorstellung scheinbar doch 
erst durch die Produktion geliefert wird. Diese Schwierigkeit glaubt 
Ameseder lösen zu können durch Zuhilfenahme einer sogenannten 
>indirekten Vorstellung <, genauer eines Komplexes aus Vorstellungen 
und Annahmen. Wir würden, von der Voraussetzung ausgehend, 
daß das Verständnis von Wörtern und sprachlich formulierten Auf- 

4* 



52 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

gaben auch ohne Vorstellungen vorhanden sein kann, in der ganzen 
eben berührten Frage kein Problem sehen, zu dessen Lösung besondere 
Ueberlegungen nötig wären. Im übrigen schadet es natürlich nichts, 
wenn für den psychischen Vorgang des vorstellungslosen Verstehens 
ein besonderer Terminus, wie der des indirekten Vorstellens ein- 
geführt wird. 

Weniger rein terminologische und mehr sachliche Ueberlegungen 
stellt Ameseder in demjenigen Abschnitt seiner Arbeit an, der von 
inadäquaten Vorstellungen handelt. Er konstatiert zunächst, daß 
mehrere Möglichkeiten vorliegen, diese Inadäquatheit von Produktions- 
vorstellungen , wie sie z. B. im Fall der geometrisch -optischen 
Täuschungen gegeben ist, zu erklären. Es könnte nämlich erstens 
sein, daß die Elementarvorstellungen adäquat sind und es auch 
bleiben, wenn Produktion eintritt. Bestände nun die Produktion im 
Hinzutreten einer neuen Vorstellung, dann könnte die Inadäquatheit 
darin liegen, daß diese neue Vorstellung nicht die den Elementar- 
vorstellungen entsprechende ist. Zweitens besteht die Möglichkeit, 
daß die Produktion, die zu einer Täuschung führt, bereits ein ver- 
ändertes Material an Elementarvorstellungen vorfindet. Drittens 
endlich könnten die Elementarvorstellungen den Inferioren an sich 
adäquat sein, könnten aber durch die Produktion derart verändert 
werden, daß schlieGlich an ihnen und an der Superiusvorstellung In- 
adäquatheit zu konstatieren ist. Dies letztere trifft, wie Ameseder 
durch Exklusion der beiden anderen Möglichkeiten nachweist, tat- 
sächlich zu. Damit ist zur Erklärung der geometrisch -optischen 
Täuschungen freilich noch wenig geleistet, wenn es nicht gelingt, 
die Beeinflussung der Inferioravorstellungen durch > Produktion c als 
einen Spezialfall allgemeinerer psychologischer Gesetzmäßigkeit dar- 
zustellen. ^) 

Zum Schluß seiner Ausführungen gibt Ameseder endlich noch 
eine üebersicht der Produktionsarten, wobei er die > psychische Ana- 
lyse« als besonderen Fall der Vorstellungsproduktion behandelt. 
Außerdem unterscheidet ei die Produktionen nach den erfaßten 
Gegenständen als Aehnlichkeits-, Verschiedenheits-, Gestalt-, Lage- 
und Verschiedenheitsproduktionen. Da diese Einteilung vom Ver- 
fasser selbst nur ganz kurz gestreift wird, so soll auch hier nicht 
näher darauf eingegangen werden. 

1) Vgl. S. 47 dieser Betrachtungen. 



ünienuchangen zur Gegenstandstheorie und Psychologie , hrs. von Meinong. 53 

VI. 

lieber absolute Auffälligkeit der Farben. Von Dr. Rudolf Ameseder. 
S. 509—526. 

>Aus dem Umstände, daß die Größe der Auffälligkeit eines 
Gegenstandes nach Maßgabe seiner Umgebung variabel ist, könnte 
sich ergeben, daß die Auffälligkeit den Gegenständen überhaupt nur 
im Hinblick auf ihre Umgebung zukommen kann, mithin lediglich 
relativ sei Sind nun aber zwei anschaulich erfaßbare Quali- 
täten a und b gegeben, wobei zunächst b die Umgebung von a, dann 
a die Umgebung von b bildet, so daß sämtliche umkehrbaren Ver- 
hältnisse im zweiten Fall umgekehrt sind, so kann zwischen beiden 
Fällen eine Verschiedenheit hinsichtlich der relativen Auffälligkeit 
nicht vorliegen. Ist trotzdem a im ersten Fall auffälliger als b im 
zweiten, so hat die Qualität a ihrer Natur nach und nicht bloß ver- 
möge der Begleitumstände, größere Auffälligkeit als &, — eine Auf- 
fälligkeit, die sowohl als Steigerung wie als Herabsetzung der rela- 
tiven Auffälligkeit zur Geltung kommen kann, die nur an der 
bestimmten Qualität haftet und darum als absolute Auffällig- 
keit bezeichnet werden muß.< 

So bestimmt Ameseder den Begriff der absoluten Aulffälligkeit, 
deren Existenz in der vorliegenden Arbeit nachgewiesen werden soU. 
Wir würden vielleicht eine etwas andere Bedeutung mit der Be- 
zeichnung absoluter Auffälligkeit verbinden. Wenn nämlich als relativ 
die nach Maßgabe der Umgebung variable Auffälligkeit betrachtet 
wird, dann sollte man eigentlich absolut diejenige Auffälligkeit nennen, 
die bei verschiedener Umgebung als konstanter Faktor erhalten 
bleibt. Gemessen werden könnte eine solche Größe freilich nur in 
der Weise, daß man jeden Gegenstand in einer Umgebung von mini- 
malster Kontrastwirkung hinsichtlich seiner Auffälligkeit prüft, was 
kaum ganz leicht durchzuführen sein wird. Einfacher möchte es 
vielleicht scheinen, wollte man versuchen, verschiedene Gegenstände 
in absolut gleicher Umgebung zu betrachten und aus der verschiedenen 
Auffälligkeit, die sich dabei ergibt, die absolute Auffälligkeit jedes 
Gegenstandes zu bestimmen. Eine Versuchsreihe, bei welcher jeder 
Gegenstand nur in einer Umgebung betrachtet würde, könnte natür- 
lich nicht zum Ziel führen. Aber wenn viele Versuchsreihen mit je 
einer von Reihe zu Reihe wechselnden Umgebung durchgeführt 
würden, dann ließe sich der Auffälligkeitsgrad, der sich aus der Ge- 
samtheit dieser Reihen für jeden Gegenstand ergibt, vielleicht zur 
Bestimmung der absoluten Auffälligkeit verwenden. Freilich wäre 
auch in diesem Fall der Einwand nicht von der Hand zu weisen, 



54 Gott, gel Anz. 1906. Nr. 1. 

daß der betreffende Auffälligkeitsgrad die Folge mehr oder weniger 
günstiger Contrastverhältnisse sei. 

Ist nun dieser Einwand vollständig abgeschnitten, wenn man die 
absolute Auffälligkeit auf dem von Ameseder eingeschlagenen Weg 
zu bestimmen sucht? Nehmen wir an, die Gegenstände a und b 
stehen in einem, für die Auffälligkeit günstigen Kontrastverhältnis ! 
Wird dann a durch die Umgebung b um ebenso viel gehoben als 
b durch die Umgebung a? Diese Frage ist keineswegs selbst- 
verständlich zu bejahen, wie ein einfaches Beispiel zeigen mag: 
Es sei nämlich a ein schwarzes, b ein weißes Feld. Exponiert man 
nun ein kleines a in der Umgebung b, so wird durch die Irradiation 
der Kontrastwirkung Abbruch getan und a wird durch die Umgebung 
b keineswegs in derselben Weise gehoben werden wie b, d. h. ein 
kleines weißes Feld, in der Umgebung a, wo die Irradiation in dem- 
selben Sinn wie die Kontrastwirkung sich geltend macht. Daß es 
sich dabei nicht bloß um eine künstliche Konstruktion handelt, sieht 
man ohne weiteres, wenn man sich die Frage vorlegt, ob das Phä- 
nomen des nächtlichen Sternenhimmels eine Umkehrung in der von 
Ameseder vorgeschlagenen Weise vertrüge. Daß die vermutliche 
Unsichtbarkeit dunkler Weltkörper auf einem sternhellen Hintergrund 
bloß auf die geringe absolute Auffälligkeit der in Betracht kommenden 
Farbe zurückzuführen sei, das wird Ameseder wohl kaum behaupten 
wollen. 

Mit Rücksicht auf die bisher durchgeführte Ueberlegung muß 
man der Amesederschen Untersuchung im Prinzip skeptisch gegen- 
überstehen. Trotzdem sei im folgenden in aller Kürze noch auf die 
Yersuchsanordnung Ameseders und auf seine Resultate eingegangen, 
wobei freilich noch einige weitere Bedenken sich uns aufdrängen. 

Unser Autor will die absolute Auffälligkeit der Farben be- 
stimmen. Zu diesem Zweck sucht er alle Umstände, welche irgend 
einer Farbe einen relativen Auffälligkeitsvorzug garantieren könnten, 
auszuschalten. Dies glaubt er dadurch erreichen zu können, daß er 
das Gesichtsfeld bezw. einen Teil desselben von seiner Mitte aus in 
eine größere Anzahl gleicher Sektoren teilt. Da aus äußeren Gründen 
von der Ausfüllung des ganzen Gesichtsfeldes durch die »konkurrie- 
renden« Farben abgesehen werden muß, so wird »der übrige Hinter- 
grund für das Erfassen der Farbenscheiben so belanglos als möglich 
gemacht, was teils dadurch geschehen kann, daß er ein annähernd 
mittleres Grau aufweist, teils dadurch, daß er von den Yersuchs- 
scheiben räumlich absteht.« >Die Vorrichtung, von welcher bei den 
Versuchen ausgegangen wurde, bestand im Hinblick darauf aus einer 
kreisförmigen Scheibe von 196 mm Durchmesser, welche aus 8 gleichen 



ünt^rsnchnngen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. ron Meinong. 55 

Sektoren von 45^ bestand, von denen stets einer von der einen 
Eonkurrenzfarbe zwischen zweien der andern Farbe zu stehen kam. 
Als Unterlage diente ein reguläres Achteck aus grauem Karton, 
dessen größte Diagonalen 280 mm maßen. Der übrige Hintergrund 
wurde durch die gleichfalls graue Wand des Laboratoriums gegeben. 
Die vier Sektoren der einen Farbe bildeten somit ein aufrecht- 
stehendes Kreuz, die der andern ein liegendes. Stellte man den 
Karton auf die benachbarte Achteckseite, so wurde dadurch das 
liegende Farbenkreuz zum aufrechten und umgekehrt « Nun zeigte 
sich aber, daß >das Urteil gerade bei gleichen Sektoren von 45® un- 
sicher wirdc. [NB.! Also gerade bei einer Anordnung, 
welche den oben gegen das Prinzip der ganzen Unter- 
suchung erhobenen Einwand am meisten zu entkräften 
geeignet wäre, ergaben sich keine Resultate.] Daher 
wurden die Versuche größtenteils >mit Scheiben vorgenommen, deren 
Sektoren in Abständen von je fünf Graden von 20^ bis 70^ größer 
wurden. Natürlich wiesen die Sektoren der einen Farbe den Kom- 
plementärwinkel der andersfarbigen Sektoren auf«. >Vier Farben 
kamen zur Verwendung: rot, gelb, grün, blau. Dabei war die 
Helligkeitsverschiedenheit zwischen rot, grün und blau , untermerk- 
lich'; hingegen war gelb merklich heller als die andern Farben.« 
>Die Versuchsscheiben wurden der Versuchperson bei gutem Tages- 
licht in konstanter Entfernung (je V^ Sekunden lang) vorgezeigt. 
Ihre Aufgabe bestand nur darin, anzugeben, welche von beiden 

Farben sich zuerst ihrer Beachtung aufdrängte Im ganzen 

nahmen 40 Personen an den Versuchen teil.« Von diesen 40 Versuchs- 
personen beurteilten aber 39 jede Kombination nur einmal, sodaß 
ein Urteil über die Konstanz der Auffalligkeitsschätzung nicht mög- 
lich ist. 

Die Versuche ergaben nun zunächst das Resultat, daß jede 
Farbe in jeder Kombination verschiedene Auffälligkeitswerte besitzt 
je nach der Winkelgröße der Sektoren, in denen sie dargeboten wird. 
Aber auch für dieselbe Winkelgröße fand Ameseder nicht bei allen 
Farbenkombinationen die gleichen Auffälligkeitswerte. Die hier vor- 
handenen Verschiedenheiten betrachtet er als Funktion der Farben- 
auffälligkeit und ist bemüht, zunächst den Einfluß der Winkelgröße 

rein darzustellen. Die Formel soll das Maß der bloß von der 

n 'p 

Winkelgröße abhängigen Auffälligkeit enthalten, wenn x die Zahl 

der für eine Sektorengröße Auffälligkeit aussagenden Urteile, n die 

Zahl aller für die betreffende Sektorengröße möglichen Kombinationen 

je zweier Farben und p die Zahl der Versuchspersonen ausdrückt. 



66 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

Aus der von der Winkelgröße abhängigen Auffälligkeit berechnet 
unser Autor sodann die Farbenauffälligkeit unter der Voraussetzung, 
daß die Zahl der für eine bestimmte Farbe von bestimmter Winkel- 
größe Auffälligkeit aussagenden Urteile {Baß das Produkt sei 
der Farbenauffälligkeitsreaktionszahl und der Winkelauffälligkeits- 
reaktionszahl {Ra.Rf). Auf Grund dieser Annahme ergibt sich für 
Ä/; d. h. für die Zahl der lediglich unter dem Einfluß der Farbe 
Auffälligkeit aussagenden Urteile (die >Farbenauffälligkeitsreaktions- 
zahl«) die Formel: 

■RgQo/ ' , B^^f ?:]^ 

p/. -RgQo -R250 Ä70« 



11 

Nun sollte man erwarten, daß Ameseder die verschiedenen Werte, 

welche Rf für die verschiedenen Farben annimmt, mitteile. Dies 

geschieht jedoch nicht, sondern es wird nur das Verhältnis angegeben, 

in welchem Rf für eine bestimmte Farbe zn Rf für eine\ andere 

Farbe (bezeichnet mit Rf) steht. Bezeichnen wir mit f f',\f\ f" 

die Farben rot, gelb, grün, blau, so führt Ameseder beispieläiweise 

Rf Rf" Hf*" V 

folgende Verhältnisse an: -^,- = 1,72; ~r = 1>58; -^ = 1^76. 



1,58; ^ = y6 



Daraus, sollte man erwarten, müßte sich nun das Verhältnis -^7.>>\, 

lif 

Rf \ 

-^,T u. s. w. berechnen lassen. Das ist aber keineswegs der Fall. 
Rf . 

Rf 
Die von Ameseder angegebenen Verhältniszahlen für -=-^ u. s. w. , 

lif 

stimmen mit den berechneten nicht überein. Die Interpretation, ^ 

welche Ameseder den in Rede stehenden Verhältniszahlen angedeihen 

läßt, als ob es sich dabei lediglich um den Ausdruck des Erfolges 

der Konkurrenz zweier Farben handle, diese Interpretation, welche 

es verständlich erscheinen ließe, warum aus -^r/r und -=^ der 

lif lit 

Rf 
Wert für ^^ nicht berechnet werden kann, ist oflfenbar nicht richtig. 
lif 

Rf bezeichnet nicht die Anzahl der Urteile, welche für f in Kombi- 
nation mit f, sondern vielmehr die Anzahl der Urteile, welche für 
f in Kombination mit allen Farben (unbeeinflußt von der Winkel- 
größe) Auffälligkeit behaupten. Deshalb scheint hier der Gedanken- 
gang Ameseders in absoluter Dunkelheit zu enden. 

Es bleibt daher nur noch übrig, die Ergebnisse Ameseders in 
der von ihm selbst gegebenen Formulierung mitzuteilen: 



üntersachungen zur Gegenstandstlieorie and Psjcliologie , hn. ron Meinong. 67 

1. Es gibt absolute AufTälligkeit der Farben; und zwar ist die 
Auffälligkeit bei unmittelbarer Konkurrenz in der Reihe r, 
&> 9*', fallend, jedoch wird sie stets durch die Konkurrenz- 
farben modifiziert. 

2. Es fanden sich zwei Typen von Versuchspersonen, von welchen 
der eine Typus {A) mit größerer, der andere (B) mit erheb- 

. lieh geringerer Sicherheit reagierte. Für beide Typen 
variierten auch die absoluten Auffälligkeiten, und zwar be- 
günstigte A blau und B rot. 

3. Die Unsicherheit nimmt im Laufe der Versuche zu, für ^ 
aber relativ mehr als für B. Sie ist am größten, wo die 
Konkurrenzgegenstände am ähnlichsten sind, wie z. B. bei 
Sektoren von 45^. Von Farbenzusammenstellungen ergibt 
grün mit blau eine erhebliche Unsicherheit für Typus jB; 
wohl weil das Grün etwas bläulich gewesen sein dürfte , ob- 
wohl dies nicht merklich war, und weil für diesen Typus die 
Auffälligkeit des Blau geringer ist. 

4. Die Winkelgröße der Sektoren ist für die Auffälligkeit mit- 
bestimmend. Und zwar ist die Auffälligkeit im untersuchten 
Bereiche für Typus A um so größer, je größer der Winkel, 
für J8, je kleiner der Winkel ist. 

5. Auch die Lagen der Sektoren haben eine eigene — absolute 
— Auffälligkeit; die +-Lage ist für beide Typen auffälliger 
als die x-Lage; im Laufe der Versuche steigt für A die 
Auffälligkeit des +, für B die des x. 

VIL 

Gegen eine voluntaristische Begründung der Werttheorie. Von 
Wilhelmine Liel. S. 527—578. 

Die Werttheorie darf trotz alles Streites, den im einzelnen noch 
die Frage der Existenz besonderer Wertgefühle veranlassen mag, 
doch wohl in dem Sinn als begründet gelten, daß die Bestimmung 
des Wertes im letzten Grund auf Tatsachen des Gefühlslebens re- 
kurrieren muß. Nichtsdestoweniger spielt der Begriff einer volunta* 
ristischen Begründung der Werttheorie nach wie vor in der ein- 
schlägigen Literatur eine gewisse Rolle, obwohl es sich immer wieder 
zeigt, daß die »Voluntaristen< kaum etwas anderes als neue Namen 
für altbekannte Sachen aufzubringen wissen. Eine solche > Zurück- 
fährung« des Wertbewußtseins auf Willenstatsachen hat in letzter 
Zeit H. Schwarz in seinen verschiedenen willenspsychologischen und 
ethischen Darlegungen versucht, und Wilhelmine Liel hat demgegen- 



58 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

Über die Aufgabe überaommen , zu zeigen, daß die Tatsachen des 
> Gefallens <, auf welche Schwarz seine Werttheorie gründet, identisch 
sind mit Tatsachen des Gefühlslebens. 

Die Ausführungen W. Liels können wir zum Zweck einer kri- 
tischen Betrachtung in zwei Hauptabschnitte auseinanderlegen, von 
denen der eine die Beziehungen zwischen >Gefallen< und Gefühl 
überhaupt untersucht, während der andere die Werttheorie im 
Meinongschen Sinn auf die Existenz der Urteilsgefühle zu gründen 
bestimmt ist. 

Was den ersten Teil anlangt, so können wir den Darlegungen 
der Verfasserin öur beistimmen, wenn sie zeigt, wie alle Gründe, 
welche Schwarz zur Trennung des > Gefallens« vom Gefühl irgend 
welcher Art veranlaßt haben, hinfällig sind. Diese Gründe formuliert 
sie folgendermaßen: 

a) Durch Identifizierung des Gefallens mit Gefühl verwechsle 
man das Werthalten mit dem Wertgehaltenen, dem Wert- 
objekt. 

b) Unter dieser Voraussetzung müßte man Sättigungs Verschieden- 
heiten für Stärkeunt'erschiede nehmen, indes > Sättigung < nur 
dem > Gefallen«, Stärke nur dem Gefühl eigne. 

c) Im Gegensatze zum Gefühle, das verschiedener Qualität sein 
könne, wäre alles »Gefallene qualitativ von gleicher Art. 

d) Gefallen sei ein aktives, Lust hingegen ein passives seelisches 
Erlebnis. 

Dagegen zeigt sie, daß das Werthalten keineswegs mit dem 
Wertgehaltenen verwechselt zu werden braucht, wenn man annimmt, 
daß auf die Lust als Wertobjekt ein Lustgefühl im Sinne des Wert- 
haltens sich richte. Ferner weist sie nach, daß die Unterschiede des 
Gefallens nicht bloß »Sättigungsunterschiede« und die Unterschiede 
des Gefühls nicht bloß Intensitätsunterschiede bedeuten. Dabei ist 
insbesondere der letztgenannte Punkt bedeutsam, hinsichtlich dessen 
sich die Verfasserin auf Meinongs Darlegungen über »Annahmen« 
bezieht. Das >unsatte< Gefühl ist nämlich nach Meinong das Gefühl, 
welches sich bei der bloßen Annahme der Existenz eines Wert- 
objekts einstellt und welches in ein » sattes c Gefühl übergeht, sobald 
dieUeberzeugung von der Existenz des betreffenden Wertobjekts 
begründet wird. Man kann vielleicht sogar noch weitergehen und 
kann die »Annahmegefühle« oder, wie sie Meinong nennt, die »Phan- 
tasiegefUhle« für einen bloßen Ausschnitt aus dem Gebiet »unsatter« 
Gefühle halten, die möglicherweise überall da sich konstatieren lassen, 
wo mit der Existenz eines Gefühls von geringer Intensität das Be- 
wußtsein der Steigerungsfähigkeit sich verbindet. Jedenfalls aber 



Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. ron Meinong. 69 

muG man der Verfasserin recht geben, wenn sie mit Rücksicht auf 
die erwähnten Ausführungen Meinongs behauptet, daß man, > da für 
das Gefühl beides, sowohl Intensität, wie das, was Schwarz ,Sättigung' 
nennt, nachweisbar ist, — durch nichts gezwungen wird, die eine 
Erscheinung für die andere zu nehmen, wenn man Werthalten als 
ein Gefühl auffaßt«. 

Was den dritten der von Schwarz angeführten Gründe für die 
Auseinanderhaltung von Gefallen und Gefühl anlangt, daß nämlich 
die Gefühle von verschiedener Qualität, alle Gefallensakte dagegen 
von gleicher Qualität seien, so betont W. Liel mit Recht, daß die 
These von der qualitativen Verschiedenheit der einzelnen Lust- bezw. 
Unlustgefühle eine keineswegs allgemein zugestandene Behauptung 
sei, daß aber selbst, wenn eine Vielheit von Lust- bezw. Unlust- 
gefühlen zugegeben werde, die Frage sich nicht von der Hand weisen 
lasse, ob nicht das Gefallen bezw. Mißfallen mit einer bestimmten 
Nuance von Lust bezw. Unlust zusammenfalle. 

Eine besonders ausführliche Untersuchung endlich widmet die 
Verfasserin dem vierten der in Rede stehenden Punkte, daß nämlich 
Gefühl und Gefallen als passives und aktives Geschehen auseinander 
gehalten werden müßten. Auf diese Untersuchungen näher einzugehen 
halten wir deshalb für unnötig, weil die Einführung der Begriffe 
Aktivität und Passivität zur Charakterisierung und Unterscheidung 
psychischer Phänomene überhaupt nicht geeignet scheint. Wer bei- 
spielsweise das ästhetische Gefallen beim Versunkensein in die Be- 
trachtung eines Kunstwerks ein aktives Erlebnis nennen und den 
sinnlichen Genuß als etwas Passives bezeichnen will, der mag das 
immerhin tun. Aber er glaube nicht, damit eine tiefe Kluft zwischen 
zusammengehörigen psychischen Phänomenen geschaffen zu haben* 
Er könnte höchstens Veranlassung geben, zwischen aktiven und 
passiven Gefühlen zu unterscheiden, aber seelische Erlebnisse mit 
ausgesprochenem Gefühlscharakter wegen eines angeblichen Charakters 
der Aktivität aus der Klasse der Gefühle zu verbannen, dazu besteht 
nicht der geringste Grund. 

Dürfen wir uns somit der Auffassung W. Liels vollkommen an- 
schließen, wonach eine Unterscheidung zwischen Gefallen und Gefühl 
gänzlich unbegründet ist, so brauchen wir auch auf ihre Darlegung 
der Gründe kaum näher einzugehen, warum das > Gefallen« nicht als 
Tatsache des Willenslebens zu betrachten sei. Ebenso ist wohl ohne 
weitere Erörterung klar, was die Verfasserin noch im einzelnen be- 
gründet, daß die Zurückführungen verschiedener psychischer Phä- 
nomene auf das »Gefallen« nichts anderes bedeuten als den Nachweis, 



60 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

daß OefUhle der Lust bezw. Unlust in die betreffenden seelischen 
Erscheinungen eingehen. 

Dagegen müssen wir etwas länger verweilen bei der Betrachtung 
des zweiten oben unterschiedenen Hauptteils der Lielschen Dar- 
legungen, der die Beziehungen zwischen »Gefallen« und Urteilsgefiihl 
behandelt und die Ansicht Meinongs von der Subsumption des Wert- 
bewußtseins unter die Urteilsgefühle vertritt. Gegen diese Auffassung 
Meinongs hat Schwarz eine Beihe von Einwänden erhoben, die teil- 
weise nicht unberechtigt zu sein scheinen, während W. Liel sie samt 
und sonders verwirft. Wir werden nun wohl gern zugeben, daß die Zu- 
rückweisung der von Schwarz aufgestellten Behauptungen vom Meinong- 
schen Standpunkt aus logisch korrekt durchgeführt ist. Aber derjenige, 
der diesen Standpunkt nicht einnimmt, gibt sich damit kaum zufrieden. 

Vollkommen berechtigt ist zwar der Nachweis, daß Schwarz Un- 
recht hat, wenn er Meinong den Satz, die Wertgefühle seien Urteils- 
gefühle als eine zu weit ausgefallene Definition ankreidet. Meinong 
hat diesen Satz in der Tat niemals als Definition betrachtet, sondern 
hat stets die Ansicht vertreten, daß es außer den Wertgefühlen noch 
andere Urteilsgefühle, die von ihm sogenannten > Wissensgefühle« 
gibt. Dagegen stimmen wir Schwarz bei, wenn er die Definition der 
Wertgefühle als (Unterart der) Urteilsgefühle zu eng findet. Fünf 
Gruppen von > Werthaltungen« erwähnt W. Liel, die Schwarz als 
außerhalb der Urteilsgefühle stehend betrachtet, nämlich 1) das ästhe- 
tische Gefallen, 2) das Gefallen an der Wahrheit, 3) das Gefallen an 
Neuheit, 4) das Wertgefühl, das nur an einer Vorstellung hängt und 
5) das Wertgefühl, das auftritt, ehe zum Urteilen nur Zeit gewesen 
sein kann. All diesen Fällen gegenüber wird bestritten, daß es 
sich dabei um > Werthaltungen < handelt. Nun ist freilich klar, daß 
da, wo das Wertgefühl als eine Form des Urteilsgefühles bestimmt 
wird, der Nachweis nicht schwer fällt, ein Gefühl, das kein Urteils- 
gefühl ist, sei kein Wertgefühl. Aber wenn dieser Nachweis irgend- 
welche wissenschaftliche Bedeutung beansprucht, dann muß er sich 
zum mindesten mit dem Sprachgebrauch auseinandersetzen, der die 
Gegenstände der Gefühle, die nicht Werthaltungen sein sollen, doch 
als Werte bezeichnet. Es muß, kurz gesagt, dargetan werden, daß 
die betreffenden Gegenstände, die als Werte bezeichnet werden, Wert- 
charakter besitzen können, auch wenn die in Bede stehenden Gefühle 
keine Wertgefühle sind. 

Diese Aufgabe wird von unserer Verfasserin keineswegs verkannt 
wenn sie auch nicht ganz scharfe Formulierung findet. Es wird 
nämlich betont, daß durch die Unterscheidung der Wissensgefuhle 
und der Wertgefühle >der Wert der Wahrheit so wenig in Frage 



Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 61 

gestellt wird, wie die Erkenntnis, daß zum Entstehen ästhetischer 
Gefühle Urteilsakte nicht wesentlich sind, das Werthalten ästhetischen 
Genießens oder den Wert von Eunstgegenständen, ja den des Schönen 
überhaupt, bedrohte. Suchen wir aus dieser ziemlich knappen An- 
deutung zu ergründen, auf welchem W^eg W. Liel die angedeutete 
Schwierigkeit glaubt überwinden zu können, so ergibt sich etwa 
folgender Gedankengang: Die erwähnten Gefühle, die keine Urteils- 
gefühle sind und deshalb auch keine Wertgefühle sein sollen, beziehen 
sich, wie alle Gefühle, auf bestimmte Grundlagen. Aber diese Grund- 
lagen sind nicht identisch mit den Gegenständen, die vom allgemeinen 
Sprachgebrauch als Werte bezeichnet werden, oder wenn sie mit den 
betreffenden Gegenständen zusammenfallen, so handelt es sich um 
eine zufällige Verknüpfung. Der Wertcharakter der Gegenstände 
wird jedenfalls nicht dadurch bestimmt, daß sie gelegentlich auch 
die Grundlage von Gefühlen, die nicht Urteilsgefühle sind, darstellen. 
Gegen diesen Gedankengang läßt sich nichts einwenden, so lange 
man es aus sonstigen Gründen wahrscheinlich findet, daß jede Wert- 
konstatierung durch ein Wertgefühl besorgt wird, das sich auf ein 
Existenzialurteil oder mindestens auf die Annahme einer Existenz 
gründet. Wenn man aber auf Grund gewisser Ueberlegungen dazu 
gelangt, die Wertkonstatierung für einen mehr intellektuellen Prozeß 
zu halten, dessen Vorbedingung lediglich zu suchen ist in dem »Sich- 
beziehen« eines Lustgefühls auf irgendwelche Tatsachen, die infolge- 
dessen für wertvoll gehalten werden, dann wird man beispielsweise 
den Begriff des ästhetischen Wertes kaum so fassen, daß damit die 
Eigenschaft eines Gegenstandes bezeichnet wird, derzufolge ein dar- 
auf sich beziehendes Existenzialurteil lustbetont ist. Viel ungezwungener 
erscheint dann vielmehr jene Deutung, derzufolge ästhetischer Wert 
allen ästhetisch wirksamen Objekten zugesprochen wird. 

Trotz der prinzipiellen Ablehnung des im zweiten Teil der Liel- 
schen Ausführungen verteidigten Standpunktes ist indessen zuzugeben, 
daß die klar und scharfsinnig geschriebene Abhandlung nur fördernd 
auf die Diskussion des Wertproblems einwirken kann. 

vm. 

Ueber die Natur der Phantasiegefühle und Phantasiebegehnmgen. 
Von Dr. Robert Saxinger. S. 579—606. 

Saxinger stellt sich die Aufgabe, eine Behauptung Meinongs der 
widersprechenden Ansicht Witaseks gegenüber zu verteidigen. Die 
Position Meinongs besteht darin, daß er gewisse emotionale Erlebnisse» 
auf deren Vorhandensein er bei der Untersuchung der »Annahmen« 
gestoßen ist, und die er als Phantasiegefuhle und Phantasiebegehr« 



62 Gdtt gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

ungen bezeichnet hat — daß er diese emotionalen Erlebnisse 
nicht als wirkliche Gefühle und wirkliche Begehrungen betrachtet 
wissen will. Dagegen behauptet Witasek, daß man es bei solchen 
Phantasiegefühlen und Phantasiebegehrungen mit wirklichen Gefühlen 
und Begehrungen zu tun habe, die nur durch die Besonderheit ihrer 
intellektuellen Grundlage von anderen Gefühlen und Begehrungen 
sich unterschieden, indem sie eben im wesentlichen »Annahmen« zur 
psychologischen Voraussetzung hätten. Wenn wir also beispielsweise 
im Theater in die Situation eines tragischen Helden uns versetzen, 
so erleben wir in Furcht und Mitleid nach Meinong psychische Tat- 
sachen eigener Art, nach Witasek Gefühle und Begehrungen. 

Die Methode nun, nach welcher Saxinger die Ansicht Meinongs 
als richtig zu erweisen sich bemüht, ist folgende : Er nimmt bestimmte 
Eigentümlichkeiten als allgemein zugestandene Charakteristika der 
wirklichen Gefühle und Begehrungen in Anspruch und sucht zu 
zeigen, daß die betreffenden Merkmale den > Phantasiegefühlen« und 
den >Phantasiebegehrungen€ nicht zukommen. 

Solche Eigentümlichkeiten sollen für die Gefühle die Unvermeid- 
lichkeit der Abstumpfung und die Fähigkeit gegenseitiger Beein- 
flussung bei gegebener Koexistenz (der Gefühlsursachen) darstellen. 
Als Beispiel für die Abstumpfung eines Gefühls erwähnt Saxinger 
die im Lauf der Zeit eintretende Abschwächung der Trauer um den 
Verlust eines lieben Lebensgefährten. Die gegenseitige Beeinflussung 
der Gefühle bei Koexistenz der GefühlsvoraussetzuDgen sucht er zu 
illustrieren durch den Hinweis auf die Tatsache, daß man im Zustand 
tiefer Trauer sich über nichts zu freuen vermöge. Sowohl Ab- 
stumpfung als auch gegenseitige Beeinflussung sollen dagegen bei 
Phantasiegefühlen nicht zu konstatieren sein. Zum Beweis des 
ersteren beruft sich Saxinger auf die Erfahrung, daß im Fall des 
Verlustes eines lieben Lebensgefährten die Annahme des Nochvor- 
handenseins des betreffenden Menschen ihren freundlichen Charakter 
auch dann beibehält, wenn die Trauer um den Verstorbenen bereits 
gebrochen ist. Und um die zweite der oben angegebenen Behaup- 
tungen zu stützen, wird darauf hingewiesen, daß derjenige, der sich 
über die Erreichung eines gesteckten Zieles freut und in froher 
Stimmung »annimmt«, er habe das Ziel nicht erreicht, einen unlust- 
artigen Charakter dieses letzteren Gedankens bemerken könne, der 
sich auch den herrschenden Lustgefühlen gegenüber behauptet. 

Gegen dies» Art der Beweisführung ließe sich nun zunächst der 
Einwand erheben, daß die Erfahrungen, auf die sich der Autor be- 
ruft, kaum allgemein zugegeben werden. Aber ein solcher Einwand 
wUrde die Diskussion nicht wesentlich fördern. Deshalb sei hier 



Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 63 

einmal angenommen, die mitgeteilten Beispiele seien evident. MQssen 
wir dann der Ansicht Saxingers beistimmen oder nicht, und lassen 
sich vielleicht andere Instanzen finden, die für oder gegen die in 
Rede stehende Auffassung sprechen? 

Was zunächst die >Nichtabstumpfbarkeit< der > Phantasiegefühle < 
anlangt, so ergibt sich die Erkenntnis derselben sicherlich nicht aus 
der Erfahrung, daß beispielsweise die Annahme, ein Freund lebe 
noch, zu den angenehmen Gedanken gehört, auch wenn die Trauer 
über den Tod des Freundes schon lange ihren Stachel verloren hat. 
Erst dann, wenn feststünde, daß die betreffende Annahme nach dem 
Tod des Freundes sehr häufig gemacht worden sei und daß trotzdem 
der emotionale Charakter derselben keine Einbuße erlitten habe — 
erst dann könnte vielleicht eine >Nichtabstumpfbarkeit< der >Phan- 
tasiegefühlec gefolgert werden. Diese Bedingung wird aber von 
Saxinger nicht als erfüllt vorausgesetzt und ist auch keineswegs als 
selbstverständlich gegeben anzunehmen; vielmehr ist es äußerst wahr- 
scheinlich, daß gegenüber der feststehenden Tatsache des Todes die 
Annahme, der Tod sei nicht eingetreten, verhältnismäßig selten auf- 
tritt. Außerdem ist zu bedenken, daß die Abstumpfung an weniger 
intensiven Gefühlen überhaupt nicht so merklich ist als an besonders 
starken und lebhaften. Wenn nun Saxinger nachweist — was bei 
dem Mangel exakter Maßmethoden allein im günstigsten Falle 
nachgewiesen werden kann — , daß die Gefühle, welche die Annahme 
des Nichteintretens eines bestimmten Ereignisses begleiten, und die 
Gefühle, welche dem Urteil über das Eintreten des Ereignisses an- 
haften, im Lauf der Zeit eine immer kleinere Intensitätsdifferenz 
aufzuweisen haben ; wenn dies ganz unwiderleglich sicher gestellt ist, 
dann folgt daraus zunächst nur eine Bestätigung der Auffassung, daß 
stärkere Gefühle im Lauf der Zeit einen größeren Intensitätsverlust 
erleiden als schwächere — keineswegs aber ergibt sich die Folgerung 
einer >Nichtabstumpfbarkeit< der >Phantasiegefühle<. 

Der Begriff der > Gefühlsabstumpfung« gehört überhaupt zu den 
Begriffen, die erst nach sorgfältiger Analyse ihrer Bedeutung für die 
Zwecke der Wissenschaft brauchbar werden, und eine solche Analyse 
läßt die Arbeit Saxingers vermissen. Der Autor erklärt einfach, 
> Gefühlsabstumpfung sei Gefühlsdispositionsherabsetzungc und zwar 
>jene Gefühlsdispositionsherabsetzung, die in der Natur der Dispo- 
sition selbst ihren Grund hat«. Bei unserer prinzipiellen Unkenntnis 
von der Natur der Dispositionen werden wir dies kaum für eine be- 
friedigende Erklärung halten können. Was uns empirisch gegeben 
ist, ist zunächst nur die Tatsache, daß Gefühle, die sich auf dieselben 
Gegenstände beziehen bezw. (sinnliche) Gefühle, die durch gleich« 



64 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

artige Reize ausgelöst werden, bei längerem Bestehen bezw. bei 
häufigerem Auftreten allmählich abnehmende Intensität aufweisen. 
Da es nun bekannt ist, daß beispielsweise sinnliche Gefühle, deren 
Ursache ein vergänglicher Prozeß ist, ohne merklichen Intensitäts- 
yerlust immer wieder aufs neue auftreten können, so muß die Wahr- 
scheinlichkeit zugegeben werden, daß ein allmähliches Abnehmen der 
Gefühlsintensität nur bei längerem kontinuierlichen Vorhandensein 
der Gefühle oder wenigstens der Gefühlsursachen eintritt. Beispiele, 
die eine dem widersprechende Behauptung zu rechtfertigen scheinen, 
lassen sich leicht dadurch erklären, daß häufig Gefühle, die ohne 
kontinuierlich wirkende Grundlage mehrmals in allmählich sich ab- 
schwächender Intensität auftreten, obwohl sie sich auf den gleichen 
Gegenstand beziehen, doch nicht stets gleichartige Voraussetzungen 
haben. Wenn beispielsweise eine Erinnerung, die nicht sozusagen 
in den eisernen Bestand des Persönlichkeitsbewußtseins eingegangen 
ist, wiederholt geweckt und stets von immer schwächer werdenden 
Gefühlen begleitet wird, so kann die Veränderung der Gefühle be- 
dingt sein durch den Komplex assoziierter Gedanken und Vorstellungen, 
der den Gefühlscharakter mitbestimmt und der veränderlich ist, auch 
wenn die Erinnerung stets auf den gleichen Gegenstand sich bezieht. 

Ist nun dieser Gedankengang richtig, findet sich eine Abstumpfung 
der Gefühle nur bei kontinuierlicher Wirksamkeit der Gefühlsgrund- 
lage, dann könnte sogar die Nichtabstumpfbarkeit der Phantasie- 
gefühle, wenn sie nachgewiesen wäre, keinen Gegensatz zwischen 
Phantasiegefühlen und anderen Gefühlen begründen. 

Ebenso ablehnend aber wie gegen den Beweis für die These 
der Nichtabstumpfbarkeit der Phantasiegefühle müssen wir uns gegen 
den Gedankengang verhalten, durch welchen Saxinger darzutun sucht» 
daß >Phantasiegefühle< und > wirkliche Gefühle < sich nicht gegen- 
seitig beeinflussen. Wiederum nehmen wir an, daß das oben mit- 
geteilte Beispiel Saxingers evident sei, daß also jemand, der sich 
über die Erreichung eines Zieles freut, trotzdem einen gewissen Un- 
lustcharakter empfindet an der Annahme, daß er das betreffende Ziel 
nicht erreicht habe, falls diese Annahme gelingt. Folgt nun aus 
dieser Voraussetzung, daß in dem erwähnten Fall das unlustvolle 
Annahmegefühl (Phantasiegefühl) und das lustvolle Gefühl, welches 
sich an das Bewußtsein des erreichten Zieles knüpft, unabhängig von 
einander gleichzeitig vorhanden sind? Das ist unmöglich aus 
dem einfachen Grund, weil das Urteil über eine bestimmte Tatsache 
und die entgegengesetzte Annahme im Bewußtsein nicht koexistieren 
können. Es konunt also nur ein rascher Uebergang vom Urteils- 
gefühl zum Annabmegefühl in Betracht, bei welchem die durch das. 



Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 65 

Urteilsgefühl bestimmte allgemeine Gemütslage nicht nachhaltig ge- 
ändert wird. Ein solcher Uebergang ist nun offenbar auch bei 
> wirklichen« Gefühlen möglich. Man denke nur an einen Mücken- 
stich, der uns in glücklicher Stimmung ein momentanes Unbehagen, 
aber — in der Regel wenigstens — keine dauernde Störung verur- 
sacht. Daß »Phantasiegefühle« besonders geringe Veränderungen in 
der allgemeinen Gemütslage hervorrufen, ist bei ihrer geringen 
Intensität und bei dem besonderen Charakter ihrer intellektuellen 
Grundlage selbstverständlich. Daß andererseits die allgemeine Ge- 
mütslage Phantasiegefühle nicht zu unterdrücken vermag, wenn solche 
überhaupt auftreten können d. h. wenn angesichts eines bestimmten 
Tatbestandes mit starker Gefühlsfärbung entgegengesetzte Annahmen 
nicht unmöglich werden, das ist sicherlich kein Beweis für die be- 
sondere Natur der Phantasiegefühle, solange nicht feststeht, wie die 
gegenseitige Beeinflussung von Gefühlen sich überhaupt vollzieht, 
deren Grundlagen sukzessiv in Wirksamkeit treten. Der als Beispiel 
für eine derartige Beeinflussung angeführte Fall, daß man im Zu- 
stand tiefer Trauer >sich über nichts recht freuen könnte« läßt sich 
wohl am besten dahin interpretieren, daß die psychologischen Grund* 
lagen eines Freudegefühls im Zustand der Trauer nicht zur Geltung 
kommen können, daß wir etwa den Gedanken an erfreuliche Gegen- 
stände nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken. Ist diese Inter- 
pretation richtig, dann stehen Phantasiegefühle und andere Gefühle 
hinsichtlich der Beeinflussung, die sie durch eine bestehende Ge« 
mütslage erfahren, einander völlig gleich. Wenn die Annahme, die 
intellektuelle Grundlage der Phantasiegefühle, und wenn die auf- 
merksame Betrachtung bestimmter Tatsachen, die intellektuelle Grund- 
lage > wirklicher« Gefühle trotz einer ihrem Auftreten ungünstigen 
Qemütslage zustande kommen, dann machen sich auch die ent- 
sprechenden Gefühle ungeschmälert geltend. Unrichtig dagegen ist 
es, einen Fall, in dem ein > wirkliches c Gefühl geschmälert wird, 
weil möglicherweise seine intellektuelle Grundlage nicht zur Geltung 
kommen kann, einem andern Fall gegenüberzustellen, in dem ein 
Phantasiegefühl auftritt, dessen intellektuelle Grundlage durch eine 
Voraussetzung postuliert wird — und aus der Gegenüberstellung 
beider Fälle eine Verschiedenheit der Phantasiegefühle und der wirk- 
lichen Gefühle abzuleiten. 

Der Hauptbeweis Saxingers für die Eigenart der Phantasiegefühle 
scheint also mißlungen. Aber es darf nicht unerwähnt bleiben, daß 
unser Autor noch einen weiteren Grund für die Behauptung einer 
»Sonderstellung der Phantasiegefühlsdispositionen« beibringen zu 
können glaubt. £r meint, >die Frage, ob Phantasiegefühle und Ur* 

e«tl. f tl. Am. 1906. Nr. 1. 5 



66 66tt. gel. Adz. 1906. Nr. 1. 

teilsgefühle auf gemeinsame Dispositionen zurückgehen, könne nur 
so zur Entscheidung gebracht werden, daß Fälle aufgezählt werden, 
in welchen sich Urteil und Annahme auf das gleiche Objektiv be- 
ziehen, die zugehörigen Geftihlsreaktionen sich aber nicht so gestalten, 
wie sie sich unter der Voraussetzung einer gemeinsamen Gefühls- 
disposition gestalten müßten«. Saxinger scheint anzunehmen, daß 
Gleichheit der betreffenden Gefühlsreaktionen notwendig zu erwarten 
sei, wenn eine gemeinsame Gefühlsdisposition angenommen werde. 
Von dieser Annahme ausgehend glaubt er eine Sonderstellung der 
Phantasiegefühlsdispositionen dartun zu können, indem er darauf 
hinweist, daß Urteil und Annahme, die sich auf das gleiche Objektiv 
beziehen, häufig verschiedene, ja entgegengesetzte emotionale Cha- 
raktere besitzen und zwar nicht etwa nur in dem Sinn, daß die An- 
nahme von einem weniger intensiven Gefühl begleitet wird, sondern 
in der Weise, daß die Annahme zuweilen Lustcharakter besitzt, 
während ein entsprechendes Urteil ohne Lustgefühl, ja sogar mit 
Unlustgefühl verbunden auftreten kann. Als Beispiel führt Saxinger 
an, daß derjenige, der sich etwa in die Vergnügungen der Jugend- 
zeit im Geist zurückversetzt, etwas Lustähnliches erlebe, auch wenn 
das, was ihm seinerzeit Lust verschaffte, längst seinen Reiz für ihn 
verloren hat. Diesem Beispiel gegenüber müssen wir zunächst fragen, 
ob das Urteil, welches hier der Annahme entsprechen soll, wirklich 
auf dasselbe Objektiv sich bezieht. Das Objektiv der Annahme ist 
doch offenbar dies: >Als Knabe sich an kindlichen Spielen erfreuen«. 
Das Objektiv des entsprechenden Urteils läßt sich aber wohl nur so 
wiedergeben: >Als Mann in einer kindlichen Beschäftigung aufgehenc. 
Das was den beiden Objektiven gemeinsam ist, das > Vollbringen 
kindlicher Handlungen« genügt offenbar nicht, um völlige Gleichheit 
derselben zu begründen. Infolgedessen ist gar nicht zu erwarten, 
daß Urteil und Annahme, die sich auf verschiedene Objektive be- 
ziehen, gleichen emotionalen Charakter aufweisen. Die Verschieden- 
heit des Phantasiegefühls und des Urteilsgefühls spricht also in 
diesem Fall gar nicht für die Sonderstellung der Phantasiegefühls- 
dispositionen. Aber auch wenn bei gleichem Objektiv Annahme und 
Urteil verschiedenen emotionalen Charakter besitzen, so erscheint 
die in Bede stehende Schlußfolgerung Saxingers kaum gerechtfertigt. 
Denn das Objektiv ist doch nicht die Ursache der Gefühlserregung. 
Die psychischen Vorgänge, mit denen bei Annahme und Urteil das- 
selbe Objektiv erfaßt wird und die allein als Ursachen des emotio- 
nalen Charakters in Betracht kommen, können so verschieden sein, 
daß sie auch eine und dieselbe Disposition zu verschiedener, ja zu 
1) lieber die Bedeutung dieses Wortes vgl Seite 27 dieser Besprechungen. 



Untersuchungen zur GegensUndstheorie und Psychologie, hrs. von Meinong. 67 

entgegengesetzter Reaktion zu zwingen vermögen. Im ttbrigen er- 
scheint eine Spezifikation der Dispositionen überhaupt nicht als der 
richtige Weg, die psychologische Erklärung zu fördern; das dürfte 
bei der Erinnerung an die Wolfische Vermögenspsychologie wohl 
allgemein zugegeben werden. 

Mit dem bisherigen sind die Gründe, die Saxinger für die 
Eigenart der Phantasiegefühle anfährt, so ziemlich erschöpft. Damit 
ist freilich noch nicht nachgewiesen, daß die Phantasiegefühle ganz 
normale Gefühle sind. Wenn z. B. das Zugeständnis Witaseks un- 
vermeidlich wäre, das unser Autor nicht für hinreichend hält, das 
>Phantasiegefühl8problem< zu lösen, wenn man der Behauptung zu- 
stimmen müßte, daß die PhantasiegefUhle weder freuen noch 
schmerzen, dann wäre damit die Ansicht Saxingers besser ge- 
recftfertigt als durch all seine Ausführungen. Aber die Erfahrung 
gibt uns keine Veranlassung, das Witaseksche Zugeständnis zu 
dem unsrigen zu machen, sofern dasselbe der Behauptung gleich- 
kommt, die Phantasiegefühle seien nicht merklich lust- oder unlust- 
voll. Die Freude des phantasievollen Knaben an erträumten Taten, 
die Trauer manches religiösen Gemüts bei dem Gedanken an eine 
Sünde, die begangen werden könnte — das sind Beispiele für sehr 
merklich lust- und unlustvolle Phantasiegefühle. Soll freilich mit 
der These, daß die Phantasiegefühle weder freuen noch schmerzen, 
nur dies gemeint sein, daß sie nicht zum Ausgangspunkt einer Ge- 
fühlsreaktion zweiten Grades geeignet seien, so ist dies wohl zuzu- 
geben. Aber dasselbe gilt für eine Reihe anderer sehr erster 
Gefühle, ja es ist geradezu für alle Gefühle von geringerer Intensität, 
deren intellektuelle Grundlage von unserer Willkür abhängt, die 
Regel. Ueberhaupt mögen wir uns umschauen, wo wir wollen, wir 
finden keinen Grund, der uns veranlassen könnte, die Phantasie- 
gefühle aus der Klasse der Gefühle zu verbannen und einem psycho- 
logischen Gattungsbegriff unterzuordnen, der nur ad hoc konstruiert 
würde. 

Unser Autor bemüht sich freilich, die neugeschaffiene Gattung 
psychischer Phänomene mit einem gewissen Reichtum an Arten zu 
versorgen. So will er die Gefüblstöne der Allgemeinvorstellungen 
und Wortvorstellungen in derselben Klasse unterbringen. Auch diese 
Gefühlstöne sollen emotionale, nach der Lust-Unlustseite zu charakte- 
risierende Erlebnisse aber keine Gefühle sein. Zum Beweis dessen 
wird angeführt, daß der Ortsname >Ebensee< für unsem Autor, 
welcher Augenzeuge der durch Hochwasser in Ebensee angerichteten 
Verheerungen war, einen unlustvollen Gefühlston besitzt, welcher 
nicht zusammenfällt jnit den Gefühlen, die sich an die Erinnerung 

6* 



68 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

der Verheerungen knüpfen. Daß ein derartiges Auseinanderfallen 
möglich ist zwischen dem Gefühlston einer Wortvorstellung und den 
Gefühlen, die sich an bestimmte Bestandteile des durch das Wort 
erregten Vorstellungskomplexes knüpfen, das sei ohne weiteres zu- 
gegeben. Das beweist aber gar nichts für die Eigenart jenes Ge- 
fühlstons, sondern es beweist nur, daß die psychologische Voraus- 
setzung desselben eine andere ist als die psychologische Voraussetzung 
der an bestimmte Vorstellungen und Erinnerungen gebundenen Ge- 
fühle. Verschieden von der letzteren kann erstere Voraussetzung 
aber auch dann sein, wenn sie jene als Bestandteil in sich enthält, 
und es ist daher unrichtig, wenn Saxinger aus seiner Behandlung des 
Beispiels >Ebensee< den Schluß zieht, die Ansicht, daß die fraglichen 
Gefühlstöne Gefühle sind, die durch das anschauliche Substrat der 
Allgemeinvorstellungen und Wortvorstellungen hervorgerufen werden, 
erweise sich als unzulänglich. Wenn ferner unser Autor hinsichtlich 
der > Gefühlstöne der Allgemeinvorstellungen und Wort Vorstellungen < 
ebenso wie hinsichtlich der auf Annahmen gegründeten Phantasie- 
gefühle nachzuweisen sucht, daß eine Abstumpfung derselben sowie 
eine Beeinflussung seitens anderer und gegenüber anderen Gefühlen 
nicht stattfindet, so ist dagegen auf die obigen Darlegungen zu ver- 
weisen. Nur dies sei noch besonders betont, daß es aller Erfahrung 
widerspricht, wenn behauptet wird, die Gefühlstöne von Wörtern und 
Begriffen könnten sich nicht abstumpfen. Die Unbrauchbarkeit > ab- 
gedroschener Redensarten < für den höheren Stil könnte Saxinger 
eines besseren belehren. 

Nicht näher eingegangen werden kann hier auf die Beurteilung 
der Suggestionsexperimente, deren unser Autor ganz kurz Erwähnung 
tut, und welche beweisen sollen, daß den > Allgemein Vorstellungen 
und Wortvorstellungen ein Gefühlston durch Suggestion so wenig 
oktroyiert werden kann, als solche Vorstellungen, wenn sie mit einem 
Gefühlston behaftet sind, von demselben durch suggestive Einwirkung 
zu befreien sind«. Ein Urteil über die Beweiskraft dieser Versuche 
wäre nur dann möglich, wenn die Versuchsbedingungen näher be- 
schrieben wären. 

Ganz kurz können wir uns auch hinsichtlich dessen fassen, was 
Saxinger über »Phantasiebegehrungen« ausführt. Er behauptet, daß 
allen > wirklichen« Begehrungen, auch dem Wünschen, Realisierungs- 
tendenz zukomme und vermißt diese Realisierungstendenz an den 
Phantasiebegehrungen, z. B. an dem, was wir erleben, wenn wir mit 
den Personen eines Dramas und für sie wünschen und wollen. Ich 
kann demgegenüber nur sagen, daß ich bei dem Wunsch, fliegen zu 
können, weit weniger Spannungsempfindungen vorfinde als bei der 



Untersuchungen zur Qegenstandstheorie und Psychologie, hrs. von Memong. 69 

bloßen Lektüre eines Romans, dessen Held Interesse an seinem 
Schicksal erweckt und bedeutsame Entscheidungen zu treffen hat. 
Uebrigens ist auch mit dem Begriff >Realisierungstendenz« sehr leicht 
in verschiedenstem Sinn zu operieren, solange keine gründliche Be- 
deutungsanalyse an demselben vorgenommen ist. 

Würzburg. Ernst Dürr. 



Die RVmlselie Curie und du Oonetl von Trient unter Plus IT. Actenstücke 
zur Geschichte des Concils von Trient Im Auftrage der Historischen Com- 
mission der E. Akademie der Wissenschaften bearbeitet von Josef Susta. 
Erster Band. Wien, A. Holder, 1904. XCH, 370 S. 12 M. 

Das Österreichische historische Institut in Rom beschäftigt sich 
bekanntlich schon seit etwa fünfzehn Jahren mit der Bearbeitung 
und Herausgabe der Nuntiaturberichte aus Deutschland unter den 
Päpsten Pius IV. und Pius V. (1560—1572). Von diesem Unter- 
nehmen sind bisher zwei Bände erschienen, welche die Akten der 
päpstlichen Nuntiatur am Kaiserhofe Ferdinands I. von 1560—1563 
veröffentlichen. Hierzu tritt nunmehr eine zweite Publikation, die 
einerseits eine Ergänzung der ersteren darstellt, andererseits aber 
darum nicht minder von selbständiger hoher Bedeutung zu werden 
verspricht. Sie gilt der Geschichte des Tridentiner Konzils in seiner 
dritten Periode, also in den nämlichen Jahren, denen jene Nuntiatur- 
akten angehören. Es handelt sich um die Korrespondenz der Curie 
mit den von ihr zu Leitern des Konzils bestellten Kardinallegaten, 
augenscheinlich eine Hauptquelle für die Geschichte des Konzils 
und von ausschlaggebender Wichtigkeit besonders fur die Beant- 
wortung der inhaltreichen Frage, ob und wie weit die römische 
Curie dem Konzil seinen Gang vorgeschrieben habe. Den Plan der 
Publikation, deren erster Band vorliegt, entwikelt des näheren das 
ihm vorangestellte weitläufige Vorwort Th. von Sickels, der hier 
auch die Zugänglichmachung des Vatikanischen Geheimarchivs durch 
Papst Leo XIH. unter besonderer Rücksichtnahme auf die Abteilung 
Concilium Tridentinum erörtert. Daß der verstorbene Papst auch 
diese intimen Akten (nach den Erfahrungen des Referenten sogar 
noch mit weniger Kautelen als es nach den Sickelschen Ausführungen 
scheinen könnte) der Forschung zur Verfügung gestellt hat, zeigt 
aufs neue das schon so häufig erhärtete vorurteilslose Verständnis, 
das Papst Leo den Aufgaben urkundlicher Oeschichtsforschung ent- 
gegengebracht hat. 



70 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

Eine beträchtliche Anzahl der schnell wechselnden Mitglieder 
des österreichischen Instituts (ihre Namen s. S. EC Anmerkung) ist 
an den Vorarbeiten für die gegenwärtige Publikation beteiligt ge- 
wesen ; die Herausgabe aber hat Josef Susta, ebenfalls einst Mitglied 
des Instituts, zur Zeit Privatdozent an der czechischen Universität 
zu Prag, übernommen. Wie man aus seiner Einleitung zum vor- 
liegenden Bande erfährt, hat Susta kürzlich in einer besonderen 
darstellenden Abhandlung die Anfänge des Pontifikats Papst Pius' IV. 
behandelt, leider in czechischer Sprache und somit für die Wissen- 
schaft unzugänglich. Femer beabsichtigt Susta auch das neue 
archivalische Material, das er zur Geschichte der Vorverhandlungen 
über die Erneuerung des Konzils im Jahre 1560 gesammelt hat, 
monographisch zu behandeln. So beginnt er hier erst mit der Ver- 
wirklichung des Konzilsentschlusses durch den Papst, nämlich mit 
der Ernennung der ersten Konzilslegaten und dem Auftrag an diese, 
sich nach Trient zu verfugen (22. März 1561). Von hier an erstreckt 
sich das im ersten Bande vorgelegte Material zeitlich bis zur Er- 
ö£fhungssession am 18. Januar 1562; der am folgenden Tage darüber 
erstattete Bericht der Legaten an die Curie macht den Schluß der in 
diesem ersten Teil veröffentlichten, sechzig Nummern starken Legaten- 
korrespondenz. Zu ihr aber treten als zweiter Teil des Bandes (der 
an Raum den ersten noch um ein geringes übertrifft) 47 Beilagen; 
sie enthalten im wesentlichen die gleichzeitigen das Konzilswerk be- 
treffenden Berichte der ordentlichen und außerordentlichen Vertreter 
der Curie bei den katholischen Mächten, d. h. der Hauptsache nach 
in Frankreich und Spanien, da die Depeschen aus Deutschland ja 
bereits in den erwähnten »Nuntiaturberichten< des österreichischen 
Instituts vorliegen. 

Ueber die handschriftliche Ueberlieferung des Materials belehrt die 
instruktive Einleitung des Herausgebers. Es zeigt sich, daß von einer sehr 
reichen Fülle von amtlichen, halbamtlichen und privaten Korrespon- 
denzen zwischen der Curie und den Legaten (sowohl insgesamt wie 
den einzelnen, namentlich dem » ersten < Legaten Ercole Gonzaga, 
besonders), nur ein Teil, der nicht immer das Wichtigste umfaßt, in 
originaler Form erhalten geblieben ist. Manches hat sich aus Re- 
gistern, späteren Abschriften, Extrakten u. s. w. gewinnen lassen ; 
immerhin muß ein beträchtlicher Teil dieser unschätzbaren Korre- 
spondenzen als gänzlich verloren betrachtet werden. Vielleicht wird 
sich das für die späteren Bände der Publikation noch empfindlicher 
geltend machen als für den vorliegenden, dem ein Band des Vati- 
kanischen Archivs (Abteilung De Concilio, tomus 60) die Hauptreihe 
der originalen Legatenbriefe, sowie mehrere Bände der Ambrosiana 



Die römuche Curie und das Konzil von Trient unter Pius IV. I. 71 

ZU Mailand die Gegenschreiben des Papstes und des geschäfts« 
fahrenden Nepoten Kardinal Carlo Borromeo, ebenfalls im Original, 
darboten. Durchweg verloren ist andererseits die originale Korre- 
spondenz der Curie mit ihren Nuntien in Spanien und Frankreich; 
sie hat nur mühsam aus abgeleiteten Formen ihrem wesentlichen 
Teile nach hergestellt werden können. 

Die Einleitung des Herausgebers begnügt sich übrigens nicht 
mit der Konstatierung der Sachlage im Ganzen wie im Einzelnen, 
sondern sie geht auch den Schicksalen der verschiedenen Gruppen 
des Materials, selbst der einzelnen Korrespondenzen, soweit möglich 
nach, und schildert im Zusammenhang damit auch die Kanzlei- und 
Archivverhältnisse der Curie, wobei vielleicht auf die im zweiten 
Bande der >Nuntiaturberichte< des preußischen Instituts nachge- 
wiesene, epochemachende Neuordnung der Kanzlei nach dem Sturze 
Ricalcatis im Jahre 1537, hätte hingewiesen werden können. Endlich 
erhalten wir nicht übel gelungene Porträtskizzen der Hauptpersonen, 
des Papstes Pius IV, des Nepoten Borromeo (>San Carlo<), der Kar- 
dinallegaten Ercole Gonzaga (»Mantua<) und Seripando, des Kardinals 
von Ferrara Ippolito d'Este, der Nuntien oi. s. w. 

Wenn man den Ertrag der in unserem Bande veröffentlichten 
Materialien abschätzen will, so ist bei der Legatenkorrespondenz im 
Auge zu behalten, daß wir uns noch in den Vorstadien des Konzils 
befinden, dessen Zustandekommen erst durch diplomatische Verhand- 
lungen mit den Höfen gesichert werden mußte. An diesen Ver- 
handlungen aber waren die Konzilslegaten weder beteiligt noch übten 
sie einen maßgebenden Einfluß auf deren Verlauf aus; ja, die Curie 
hielt es meist nicht für der Mühe wert, ihre Legaten in Trient, was 
diese oft sehr mißfällig vermerken, auch nur über den Stand der 
Dinge auf dem Laufenden zu erhalten. Unter diesen Umständen 
behandelt die Korrespondenz der Legaten vorwiegend Dinge von 
verhältnismäßig geringer Tragweite, wie insbesondere die mannig- 
fachen einzelnen Vorbereitungen, die für den Zusammentritt des 
Konzils noch zu erörtern und zu erledigen waren, so die Berufung 
fremder Gelehrten (aus Deutschland besonders Stapylus), die Er- 
bietungen des Vergerio, die Gewinnung einzelner protestantischer 
Größen (wie Johann Sturm und Zanchi) für den Konzilsbesuch, 
andererseits die Veranstaltung eines literarischen Vorstoßes gegen 
den Protestantismus, nämlich die Widerlegung der Schrift Bullingers 
gegen die Konzilien durch die Herausgabe einer Schrift Reginald 
Poles ; femer die Aussichten des Konzilsbesuches im einzelnen, die An- 
kunft der ersten Besucher, die Unterstützung bedürftiger Konzilsväter 
durch die Curie, Vorsorge fur die Verpflegung des Konzils und Be- 



72 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

kämpfung der drohenden Wohnungsnot in Trient; dann bereits erste 
kleine Differenzen am Konzil, Präzedenzstreitigkeiten, Bekämpfung 
von Unabhängigkeits- und Sondergeliisten der Spanier ; endlich Fest- 
setzung des Zeremoniells der Eröffnung und Bestimmung des Er- 
öffnungstages, Erlaß einer Geschäftsordnung sowie von Vorschriften 
über das Verhalten der Konzilsbesucher und dergl. m. Von Zeit* 
fragen, die nicht unmittelbar das Konzil berühren, spielen hinein 
der Plan der Universitätsgründung in Duisburg durch Herzog Wilhelm 
von Cleve und die theologischen Wirren in Löwen, die sich an den 
Augustinianismus c!er dortigen Professoren Johann Hesseis und Michel 
Bajus, die Vorläufer des Jansenismus, anknüpften. Ein Aktenstück 
anderer Art, das hier ebenfalls seinen Platz gefunden hat, ist die 
Instruktion für den Kardinal Simonetta als Legaten in Trient vom 
19./20. November 1561 (Nr. 42^); sie läßt deutlich die Schranken 
erkennen, die det Papst dem Konzil von vornherein setzte, das seinen 
Intentionen gemäß von kurzer Dauer sein, sich so gut wie aus- 
schließlich mit den Dogmen beschäftigen und vor allem die Frage 
der päpstlichen Superiorität, sowie möglichst die Reformsache über- 
haupt, aus dem Spiel lassen sollte. 

So wichtig dies Dokument ist, so ruht der Schwerpunkt der 
Publikation im vorliegenden Bande doch auf den > Beilagen <, insbe- 
sondere auf den Korrespondenzen der Vertreter der Curie an den 
Höfen von Paris und Madrid mit ihrer Auftraggeberin über ihre 
Bemühungen, jene beiden Mächte für die Konzilspolitik des Papstes 
zu gewinnen. Es treten uns in diesen Dokumenten die einzelnen 
Phasen, welche die Verhandlungen durchlaufen haben, und die mannig- 
fachen großen Schwierigkeiten, die es zu besiegen galt, bis das Ziel 
erreicht war, deutlicher als irgendwo sonst vor Augen. Hier hat 
sich aber auch der Herausgeber ein besonderes Verdienst erworben 
durch seine eingehenden erläuternden Anmerkungen, welche die ein- 
zelnen Nachrichten mit einander in Verbindung setzen, den jeweiligen 
Stand der Frage präzisieren und ergänzend anderweitiges urkund- 
liche Material, so namentlich die Depeschen der diplomatischen Ver- 
treter des Kaisers in Rom und Paris aus den Wiener Archiven, 
heranziehen. Daß somit der Ton durchaus auf den >Beilagen< ruht, 
begründet freilich ein gewisses Mißverhältnis und besonders auch 
einige Unbequemlichkeit wie für den Herausgeber, so noch in höherem 
Grade für den Benutzer. Denn begreiflicher Weise fallen die beiden 
Hälften des Bandes stofflich nicht völlig auseinander; sie berühren 
und ergänzen sich vielmehr in mannigfaltiger Weise und es muß 
deshalb ein beständiges Verweisen aus einem Teil auf den andern 
statthaben, dessen man gern überhoben wäre. Vielleicht hätte es 



Die römische Curie and das Koiuil von Trient unter Pius IV. I. 78 

sich wenigstens für den vorliegenden Band empfohlen, von der Zwei- 
teilung des Materials überhaupt abzusehen; bei den künftigen Bänden 
wird freilich wohl die Legatenkorrespondenz an Wichtigkeit gewinnen 
und die >Beilagen< von selbst an die zweite Stelle zurücktreten. 

Nicht einverstanden kann sich Referent mit der chronologischen 
Anordnung erklären, der die Legatenkorrespondenz unterworfen 
worden ist. Die Stücke schließen sich nämlich nicht, wie in Urkunden- 
publikationen üblich ist, nach der Zeitfolge ihres Ausgehens aus den 
verschiedenen Kanzleien an einander, sondern maßgebend ist ihr 
Ausgehen in Trient oder ihr Eintreffen dort; das besagt, daß die 
Gegenschreiben des Kardinalnepoten zu dem Zeitdatum eingeordnet 
werden, an welchem sie den Konzilslegaten zugegangen, präsentiert 
worden sind. So geht beispielsweise der Bericht der Legaten vom 
21. April 1561 (No. 4) dem Schreiben Borromeos vom 16. des 
gleichen Monats vorauf, weil letzteres am 21. noch nicht in die Hände 
der Legaten gelangt war. Die Publikation soll, wie Susta sich aus- 
drückt, >die Eigenart einer geordneten Registratur< erhalten, »wie 
sie in der Präsidialkanzlei in Trient durch das Zusammenlegen der 
Minuten des Auslaufs mit den Originalen des Einlaufe entstehen 
konntet. Dem Referenten erscheint dies Verfahren als das eines 
Archivars, nicht eines Herausgebers; im besonderen aber hält er es 
deshalb für verfehlt, weil, wenn auf der einen Seite durch die ge- 
schilderte Anordnung allenfalls das Verständnis für die Ereignisse in 
Trient und die dort gepflogenen Erwägungen, die dort getroffenen 
Entscheidungen erleichtert wird, augenscheinlich in noch höherem 
Grade es dem Benutzer erschwert wird, den Vorgängen zu folgen, 
die sich an der Curie zu Rom abgespielt haben. Da nun aber, wie 
oben angedeutet wurde, und wie es übrigens auch das Vorwort selbst 
betont, von der vorliegenden Publikation wesentlich und in erster 
Linie gerade über die Einwirkungen der Curie auf den Gang des 
Konzils Aufschluß zu erhoffen ist, so liegt auf der flachen Hand, 
daß die Bevorzugung Trients zum Nachteil Roms, wie sie in der 
geschilderten Anordnung zu Tage tritt, die denkbar verkehrteste 
Maßnahme ist, die nach dieser Richtung hin getroffen werden konnte. 
Dazu kommt noch eine allgemeine Erwägung, daß nämlich der Her- 
ausgeber nicht immer mit Sicherheit den Zeitpunkt des Eintreffens 
der kurialen Gegenschreiben wird feststellen können. Auch wenn 
Susta im vorliegenden Fall versichert, daß ihm dies ausnahmslos 
möglich gewesen sei, so bedeutet das Verfahren doch allgemein be- 
trachtet die Einführung einer Fehlerquelle in die Edition und das 
sollte man lieber vermeiden. 



74 Göii. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

Dieser Einwand, der die äußere Einrichtung der Publikation 
angeht, ist nicht angetan, die Anerkennung zu schmälern, welche die 
Wissenschaft der Umsicht und Akribie des Herausgebers schuldet. 
Der vorliegende Band stellt eine eben so beträchtliche wie gediegene 
Arbeitsleistung dar; Susta nimmt es mit den Pflichten des Heraus- 
gebers sehr ernst; er gibt sich an keinem Punkte eher zufrieden, 
bis er den Gegenstand, so geringfügig dieser erscheinen mag, allseitig 
und unter Heranziehung aller ihm erreichbaren Hilfsmittel erläutert 
und aufgeklärt hat. So gestaltet sich sein Kommentar nicht selten 
zu förmlichen Exkursen, selbst über Dinge, die man hier kaum er- 
warten würde zu finden, wie über die kirchlichen Verhältnisse in 
Savoyen und Piemont (S. 100), in der Schweiz (S. 242 ff.) und sogar 
in Rußland (S. 285). Femer sehe man etwa die mühevolle Zusammen- 
stellung über die Ausgaben der Kurie am Konzil (S. 53 ff.), wobei 
noch darauf hingewiesen werden mag, daß ein Verzeichnis derer, die 
regelmäßige Unterstützungen von der Kurie zur Erleichterung des 
Konzilsbesuchs empfingen, für den Schlußband verheißen wird. 

Auch das Register ist den angestellten Stichproben nach mit 
großer Sorgfalt gearbeitet. Was das Sprachliche angeht, für das 
nach der Erklärung des czechischen Herausgebers S. Steinherz die 
Verantwortung trägt, so muß man sich nachgerade wohl an gewisse 
Austriazismen gewöhnen, die von österreichischen Veröffentlichungen 
nun einmal unzertrennlich zu sein scheinen ; gleichwohl möchte Referent 
Ausdrücke wie: der Papst glaubte mit zwanzig Scudi auslangen zu 
können; der > Erhalte (statt Empfang) der Briefe; ein Aktenstück 
>er]iegt< (statt befindet sich) in einem Archiv — nicht ohne Wider- 
spruch durchgehen lassen. Falsch ist auch S. 16 (und ähnlich 
mehrfach): Er wollte keinen Entschluß fassen, bevor der Gesandte 
nicht angekommen war, und dergleichen mehr. Verhältnismäßig 
zahlreiche Druckfehler sind dem Referenten aufgestoßen ; so ist z. B. 
S. 90 Z. 7 der Monatsname (September) ausgefallen, und S. 16 Z. 12 
tritt dem überraschten Leser statt eines Kardinals ein »Generale von 
Mantua entgegen. Doch das sind Kleinigkeiten, die den Wert der 
Publikation natürlich nicht beeinträchtigen. 

Stettin. Walter Friedensburg. 



Denkwürdigkeiten des Frh. Otto ron Manteuffel, hn. von H. Ton Poschinger. 75 



Unter Friedrich Wilhelm IV. Denkwürdigkeiten des Ministers 

Otto Freiherm Ton Manteaffel , hrs. von Heinrich von Poschinger. 

3 Bde. Berlin 1901. £. S. Mittler & Sohn. 
Preußens auswärtige Politik 1850—1858. Unveröffentlichte Documente 

aus dem Nachlaß des Ministerpräsidenten Otto Freiherm von Mantenffel, hrs. 

von Heinrich vonPoschinger. 3 Bde. Berlin 1902. £. S. Mittler ft Sohn. 

Da diese Anzeige verspätet erscheint, hat sie den Vorteil, daß 
sie auf die bereits von verschiedenen Seiten hervorgehobenen Flüchtig- 
keiten der beiden oben genannten Werke nicht einzugehen braucht, 
und sich gleich zu ihrem Inhalte wenden kann. Den Hauptinhalt 
beider Werke bilden die in Manteuffels Nachlaß enthaltenen Schrift- 
stücke, also Aufzeichnungen der verschiedensten Art, namentlich die 
umfangreiche Privatkorrespondenz mit den Vertretern Preußens im 
Auslande, mit fremden und einheimischen Staatsmännern und vielen 
anderen Personen, zahlreiche Schreiben des Königs, des Prinzen von 
Preußen und seiner Gemahlin, hier und da auch einzelne amtliche 
Akten. Für den bei weitem größten Teil der amtlichen Akten — 
einige sind schon öfters in Zeitungen und Zeitschriften zu Tage ge- 
treten — beruht unsere Kenntnis auch jetzt noch auf dem, was 
Sybel, der sie einsehen durfte, daraus in seinem Werke über die 
Begründung des deutschen Reiches mitteilt. 

Wenn im folgenden der Versuch gemacht wird festzustellen, wie 
weit durch diese beiden Werke unser Wissen bereichert wird, durch 
genauere Kenntnis der Tatsachen und besonders der Wirksamkeit 
Manteuffels, so ist, wie von vornherein bemerkt sei, das Ergebnis für 
die auswärtige Politik viel reicher als für die inneren Verhältnisse. 
Auch über diese erfährt man zwar für die späteren Jahre etwas 
mehr, für die beiden ersten Jahre nur sehr wenig. 

Ueber Manteuffels Jugend und frühere amtliche Tätigkeit, über 
seine Ernennung zum Minister des Innern im November 1848, über 
die schnelle Herstellung der Ordnung, die Verlegung der National- 
versammlung nach Brandenburg und ihre Auflösung scheint sich in 
Manteuffels Nachlaß nichts wesentliches gefunden zu haben. Neu 
sind ein Polizeibericht Hinckeldeys aus dem Dezember 1848 und die 
sehr interessanten Schriftstücke über den Widerstand des Königs 
gegen die Oktroyierung der Verfassung , an der er zum mindesten 
sehr zahlreiche Aenderungen forderte. Die Minister haben auf diese 
Wünsche wenig Rücksicht genommen und nur in einigen Punkten 
nachgegeben. Ueber die Gründe, die sie hierzu bestimmten und 
über Manteuffels Anteil an diesen Dingen wird nichts mitgeteilt. 
Auch für die Zwistigkeiten mit der neu gewählten und bald wieder 



76 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

aufgelösten zweiten Kammer wird man lediglich auf die Schriften 
der Zeitgenossen und auf die stenographischen Berichte über die 
Kammerverhandlungen verwiesen, aus denen einige Auszüge gegeben 
werden. Ebenso in betreff der nun folgenden bedeutenden Oktro- 
yierungen — Wahlgesetz, Preßgesetz, Vereinsgesetz, Disziplinargesetze 
— und für die energische Beeinflussung der Neuwahlen. Nur über 
die unruhigen Bewegungen, die im Frühjahr 1849 an verschiedenen 
Stellen zum offenen Aufstande führten, enthalten die Berichte einzelner 
Oberpräsidenten einige Angaben. Im weiteren Verlaufe des Jahres 
1849 wird die Verfassung durchberaten. Mit ihrem Abschluß ist der 
König nicht zufrieden ; über die jetzt noch von ihm geforderten Ab- 
änderungen werden einige Schriftstücke gegeben. Einen Teil dieser 
Forderungen hat Manteuffel bei erneuter Beratung in beiden Kammern 
durchgesetzt, er und Brandenburg haben nicht ohne Mühe erreicht, 
daß der König den Eid auf die neue Verfassung leistete. 

Von seiner bei dieser Gelegenheit gehaltenen Rede behauptet 
der Herausgeber, der König habe > einen eigenhändigen Entwurf 
Manteuffels wörtlich zugrunde < gelegt. Das wird ihm niemand 
glauben, weil die Rede in der charakteristischen Denkweise und Aus- 
drucksweise des Königs gehalten ist und durchaus den Eindruck 
eines persönlichen Aktes macht, wenn auch natürlich seine Berater 
gehört worden sind und ihre Hülfe geliehen haben. Manteuffel hatte 
gar keine Rede zulassen wollen *) ; wie groß seine Mitarbeit gewesen 
ist, würde nur beurteilt werden können, wenn sein Entwurf bekannt 
wäre. Der Herausgeber hat ihn in der Hand gehabt aber für sich 
behalten und statt dieses interessanten Aktenstücks die längst be- 
kannte, oft gedruckte Rede des Königs noch einmal abgedruckt. 

Die vielen wichtigen Gesetze des Jahres 1850 werden kurz be- 
rührt, bei dem Gesetze über die Ablösung der Reallasten erfährt 
man, daß der König sehr schwere Bedenken hatte. Die Gemeinde- 
ordnung^, die Manteuffel in hartem Kampfe und mit einer bei ihm 
seltenen Lebhaftigkeit und Wärme der Rede den Konservativen ab- 
gerungen hat, wird nur ganz nebenbei erwähnt. Eingehendere Mit- 
teilungen werden über die Verordnung vom 5. Juni 1850 gemacht, 
durch welche das Preßgesetz erheblich verschärft wurde. Den äußeren 
Anlaß dazu hatte ein am 22. Mai gegen den König verübtes Attentat 
gegeben. Manteuffel war anfänglich der Ansicht: >daß es nicht mög- 
lich und zweckmäßig wäre, solche Maßregeln zu ergreifen, indem 
dieselben leicht den Schein einer persönlichen Rache annehmen 

1) Leopold von Gerlachs Denkwürdigkeiten, I, 428. Dies Werk wird im 
folgenden kurzweg: »GerUch« sitiert. 



Denkwflrdigkeiten des Frh. Otto yon Manteuffel , hrs. von H. von Poschinger. 77 

könnten c. Auch hielt er eine neue Oktroyierung nicht für wünschens- 
wert. General von Gerlach war der entgegengesetzten Meinung, er 
schrieb dem Minister^): >Es ist wichtig, das Land und unser Staats- 
recht daran zu gewöhnen, daß die Regierung Verordnungen gibt und 
sie ausführt und daß die Kammern sie nachher sanktionieren. < 

Unter den auf die inneren Verhältnisse bezüglichen Zuschriften, 
welche Manteuffel in dieser Zeit erhielt, ist eine Beschwerde der 
Prinzessin Yon Preußen bemerkenswert über >eine geheime Kontrolle, 
welche die Mitglieder der königlichen Familie belauscht <. Manteuffel 
erwidert ihr, daß eine solche geheime Polizei > offiziell gar nicht be- 
steht, und daß, wenn man doch zuweilen in der für mich immer sehr 
peinlichen Lage sich befindet, geheime Forschungen anstellen zu müssen» 
diese sich inuner nur auf die im Dunkeln wühlende Umsturzpartei 
beziehen. Von Sanssouci und von Babelsberg sind diese Forschungen 
immer in schuldiger Entfernung geblieben. < Die Prinzessin will in 
ihrer Antwort die Richtigkeit dieser Erklärung nicht bezweifeln, hat 
aber doch > traurige Merkmale < solcher Forschungen wahrgenommen 
und sagt: »daß keine amtliche aber doch eine organisierte Kontrolle 
stattfindet, kann ich leider nicht bezweifeln <. 

Für Manteuffels Stellung zur deutschen Frage ist von Bedeutung, 
daß er das Rundschreiben Yom 3. April 1849 verfaßt hat^, welches 
den Gedanken des engeren Bundes wieder aufnahm und die Unions- 
politik einleitete. Eigentlich hätte dies der Minister des Auswärtigen 
Graf Arnim') tun müssen, dieser aber stimmte mit den anderen 
Ministem so wenig überein, daß sie den König baten, ihn zu ent- 
lassen. Auch Manteuffel unterschrieb diese Bitte und zog sich dadurch 
einen scharfen Tadel des Königs zu. 

An den weiteren Verhandlungen, deren Leitung Radowitz über- 
nahm , ohne gleich in das Ministerium einzutreten, war Manteuffel 

1) Manteuffelfi DenkwOrdigkeiten , I, 221 f. Im folgenden »Denkwflrdig- 
keiten« zitiert 

2) Denkwürdigkeiten, I, 91. 

3) Dem Herausgeber ist das Mißgeschick begegnet, diesen Grafen Heinrieb 
Friedrieb von Arnim - Heinricbsdorf mit dem Freiherm Heinrieb yon Arnim zu 
▼erwechseln, der im Jabre 1848 vom März bis zum Juni die auswärtigen An- 
gelegenbeiten verwaltet and am 21. März den bekannten EOnigsritt mit der 
ichwarz-rot-goldnen Fabne veranlaßt batte. Um solcbe Yerwecbslnngen lu ver- 
meiden, bezeicbnete man damals am Hofe den letzteren als »labmen Arnim«, den 
ersteren, einen bekannten Feinscbmecker, als »Eücbenamim«. In ähnlicher Weise 
unterschied man die drei Manteuffel: den Ministerpräsidenten, seinen Bruder den 
Mhdsterialdirektor, der später das landwirtschaftliche Ministerium leitete, und 
ihren Vetter den Flügeladjutanten als: Oberteufel, Unterteufel (später Ackerteufel) 
uid FlflgehtofeL 



78 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

zunächst nicht beteiligt. Er hatte damals als Minister des Innern 
vollauf zu tun, fand aber doch noch Zeit, sich sehr eingehend mit 
den auswärtigen Angelegenheiten zu beschäftigen und unterhielt weit 
ausgedehnte Verbindungen mit Männern der verschiedensten Lebens- 
Stellung und Parteirichtung, z. B. mit dem früheren sächsischen 
Minister von Zeschau, mit Hansemann, Georg Beseler, Ludwig Hahn, 
mit dem berüchtigten Witt von Dörring und vielen anderen. Auch 
die Prinzessin von Preußen hat im Juli 1850 in einem längeren 
Schreiben ihre Ansichten und ihre Besorgnisse über die politische 
Lage Preußens ausgesprochen. Am fleißigsten unter den Brief- 
schreibern ist der Geheime Legationsrat Kupfer, ein früherer Beamter 
des auswärtigen Ministeriums, der in ländlicher Zurückgezogenheit 
lebte, dann wieder sich längere Zeit in Berlin, in Paris aufhielt, 
überall mit scharfem Blick die politischen Ereignisse verfolgte und 
immer bemüht war, sie in ihrem geschichtlichen Zusammenhange 
zu erfassen. Er war ein Mann der strengsten konservativen Ge- 
sinnung, etwas einseitig in seiner unbedingten Abneigung gegen die 
Ideen der »Professoren und politischen Empiriker«, im übrigen von 
gesundem Urteil und gründlicher Kenntnis der europäischen Verhält- 
nisse. Die zahlreichen Denkschriften, mit denen er im Laufe der 
Jahre alle Fragen der auswärtigen Politik begleitete, boten ManteufPel 
ein vorzügliches Mittel sich zu unterrichten. In der Zeit vom Juli 
1849 bis zum Oktober 1850 sandte er acht Denkschriften über die 
deutsche Frage. 

Einen anderen und zwar etwas seltsamen Charakter tragen die 
Berichte des > politischen Agenten« Spiegelthal und des nassauischen 
Hofrates Forsboom Brentano. Ueber Spiegelthal schreibt Manteuffel 
im Juni 1849, er könne keine Garantie dafür übernehmen, ob der- 
selbe ein Ehrenmann sei, aber er erhalte von ihm bisweilen gute 
Nachrichten, ohne ihm jemals zu antworten. Im Oktober und 
November 1849 war Spiegelthal in Wien und wurde diesmal von 
Manteuffel »mit Instruktion versehen«. Er besuchte verschiedene 
Minister. Schmerling sprach ihm, wie er berichtet, die Hoffnung 
aus, daß Manteuffel Ministerpräsident würde, er sei gern bereit, mit 
ihm in »brieflichen freundschaftlichen Verkehr zu treten«. Brück 
freut sich zu hören, daß Manteuffel seiner mit Teihiahme gedächte, 
er wies auf die Vorteile hin, welche der Eintritt Gesamtösterreichs 
in den Zollverein für Preußen haben werde: >Oesterreich biete den 
Ueberfluß seiner gesamten Erblande«, > Preußen werde stets billiges 
Brot, mithin keine Revolution mehr haben <. Als Spiegelthal gegen 
Schwarzenberg die Ansicht äußerte: >von der Ernennung Manteuffels 
zum Ministerpräsidenten würde ein rasches Eingehen in die so 



Denkwürdigkeiten des Frh. Otto von Manteuffel, hn. von H. von Poschinger. 79 

kräftige und konsequente österreichische Politik zu erwarten« sein, 
sah ihn Schwarzenberg fragend an und sagte alsdann rasch und 
scharf: >Der Minister Yon Manteuffel geht aber noch recht flott mit.c 

Brentano >arbeitete in Wien an der Herstellung eines Einver- 
nehmens zwischen Oesterreich und Preußen.« Er schrieb hierüber 
gleichzeitig an Manteuflfel und an General yon Gerlach, ließ aber 
diesen, wie er ausdrücklich bemerkt, von seiner Verbindung mit 
Manteuffel nichts wissen. Am 10. Juli 1850 berichtet er Manteuffel 
über eine Unterredung mit Schwarzenberg. Er schreibt unter anderem: 
>Der Fürst erkennt vollkommen Ihre Gesinnungen an und zählt auf 
dieselben. Er würde Sie am liebsten allein an der Leitung des 
Staatsschiffes sehen. . . Ich habe bei dem Fürsten ein großes Ver- 
trauen in Ew. Exe. hervorzurufen vermocht und er zählt darauf, 
bald Ihre spezielleren Ansichten durch mich mitgeteilt zu bekommen. < 
Man wird Manteuffel nicht für jedes Wort solcher Unterhändler ver- 
antwortlich machen können, aber auffallend ist es doch, daß er in 
einer Zeit ernstlicher Spannung zwischen Preußen und Oesterreich 
derartige Verbindungen mit den österreichischen Ministern anknüpfte 
und sie geheim zu halten suchte. Gerlachs Briefe von demselben 
Berichterstatter scheinen anderer, rein sachlicher Art gewesen zu 
sein; er übersendet gelegentlich einen Brief Brentanos an Manteuffel; 
daß dieser ihm auch seine Briefe mitgeteilt habe, wird nirgends er- 
wähnt Noch weniger wird er sie Brandenburg und Radowitz gezeigt 
haben. 

Wenn Manteuffel der Begründung eines Bundesstaats im all- 
gemeinen zustimmte, so gefiel ihm doch, wie wir aus Leopold v. Gerlachs 
Denkwürdigkeiten^) wissen, die Art nicht, in der Radowitz diese 
Politik betrieb, namentlich war er unzufrieden mit dem Bundes- 
vertrage vom 26. Mai 1849 und hat sich darüber wiederholt gegen 
Gerlach ausgesprochen. An dem Erfurter Reichstage nahm Manteuffel 
als Vertreter eines Berliner Wahlkreises teil, er hat sich anfangs 
sehr zurückgehalten und wurde vom Könige in einem energischen 
Briefe an seine Pflicht erinnert. Ueber die wachsende Spannung mit 
Oesterreich im Frühjahr 1850 belehren uns die Berichte Edwin 
Manteuffels, der vom Könige nach Wien geschickt war. Die Gefähr- 
lichkeit der Lage bestimmte den Minister Manteuffel jetzt stärker 
mit seinen Ansichten hervorzutreten. Im Juli und im September 
hat er mehrmals lebhaften Widerspruch gegen die Fortsetzung der 
Unionspolitik erhoben; am 9. August legte er in einem ausführlichen 
Schreiben an den König seine Ansichten dar und stellte seine Ent- 

l) Q«rUch, I, 890. 416. 448. 449. 461. 



80 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

lassung anheim. Während der fünf Wochen, in denen Radowitz an 
der Spitze des auswärtigen Ministeriums stand, wollte Manteufifel 
dreimal den Abschied erbitten, ließ sich aber durch Gerlach und 
Brandenburg^) bewegen, damit noch zu warten. Als Brandenburg 
am 31. Oktober aus Warschau zurückkehrte, kam es rasch zur Ent- 
scheidung. Radowitz mußte zurücktreten, Manteuffel wurde sein 
Nachfolger und bald auch Präsident des Ministeriums. 

Ueber die Vorgänge im November bis zu Manteuffels Reise nach 
Olmütz und zum Abschluß der Olmützer Punktation am 29. November 
liegen einige Schriftstücke vor, welche zwar Sybels Darstellung nicht 
verändern, aber den Zwiespalt im Ministerium und einige andere 
Punkte etwas heller beleuchten: Briefe des Königs an Ladenberg, 
Manteuffel und Stockhausen, des letzteren an Manteuffel, ein Polizei- 
bericht über die Aufregung in Berlin, ein Bericht des Regierungs- 
präsidenten von Westphalen über die Mobilmachung und die an 1813 
erinnernde allgemeine Begeisterung, ferner ein Brief Niebuhrs, der 
für seine und seiner Freunde Anschauung kennzeichnend ist. Es 
heißt darin: »Ich würde den Krieg wünschen, wenn nicht Radowitz 
und der Prinz von Preußen wären. Aber durch diese beiden Personen, 
fürchte ich, werden wir der Revolution überliefert. < 

Mit dem November 1850 beginnt die zweite > Preußens aus- 
wärtige Politikc betitelte Veröffentlichung Poschingers. Sie bringt 
zuerst einige Stücke, die sich auf die gespannte Lage zur Zeit der 
Olmützer Verhandlungen beziehen. Gleich am 30. November, un- 
mittelbar nach dem Eintreffen von Manteuffels Bericht über den Ab- 
schluß des Vertrages zeichnete der König seine Erwägungen über 
denselben auf) und entschloß sich, ihn zu genehmigen, obgleich 
Manteuffel seine Instruktion weit überschritten hatte. Manteuffels 
gefahrvolles Zugeständnis der sofortigen vollständigen Abrüstung 
Preußens, während die Gegner erst nachher und nur teilweise ihre 
Rüstungen einzuschränken brauchten, wird in der Aufzeichnung des 
Königs nur kurz als > Beginn des gegenseitigen Desarmierens< ge- 
streift. Das größte Gewicht legt der König auf den sofortigen Zu- 
sammentritt der freien Konferenzen, >des Hauptpunktes unserer 
Negotiationen seit mehr denn Jahresfrist . . . und zwar nicht in 
Wien, sondern in Dresden«. In diesen Konferenzen hoffte er jetzt, 
nachdem die populären Versuche gescheitert waren, seine Wünsche 
für die Reform des deutschen Bundes durchzusetzen. Er hatte in 
Warschan den Eintritt der österreichischen Gesamtmonarchie in den 

1) Brandenburg an Manteuffel. Warschau, 27. Oktober 1850. Denkwürdig- 
keiten, I, 287. 

2) Aosw. Pol. I, 82/38. 



Denkwürdigkeiten des Frh. Otto von M&ntenffel, hrs. von H. von Poschinger. 81 

Band zugesagt unter der Bedingung völliger Parität zwischen 
Preußen und Oesterreich, einer gemeinsamen Exekutive dieser beiden 
Staaten und der Anerkennung des Unionsrechtes. Von dem letzteren 
war in Dresden nicht weiter die Rede. Auch die Frage der Parität 
suchte Oesterreich vorläufig hinzuziehen, um sie erst später zu er- 
ledigen. Zunächst wollte es den Gesamteintritt durchsetzen und die 
Form der Exekutive regeln, die letztere aber nicht allein mit PreuOen 
übernehmen, sondern noch andere deutsche Staaten, namentlich die 
Mittelstaaten, daran beteiligen. Dadurch entstand die Gefahr, daß 
Preußen überstimmt und gezwungen werden könnte, seine ganze 
Kraft in den Dienst Oesterreichs zu stellen. Sehr geschickt trat der 
preußische Bevollmächtigte Graf Alvensleben diesen Bestrebungen 
entgegen und wurde hierbei von Manteufifel kräftig unterstützt. 
Schließlich erkannte es Preußen als das beste, mit seinen Bundes- 
genossen ohne weiteres wieder in den Bundestag einzutreten.^) 
Fürst Schwarzenberg war hierüber sehr unwillig, er bezeichnete jetzt 
die früher von Oesterreich geforderte > Rückkehr zum alten Bundes- 
tage c als tein schmähliches testimonium paupertatis für die deutschen 
Regierungen< ^, doch blieb ihm nichts übrig als sich zu fügen. 
Oesterreich mußte dankbar sein, daß Preußen ihm einen Ersatz 
für die gescheiterte Hoffnung bot, mit seinem gesamten Besitz in 
den Schutz des deutschen Bundes zu treten, indem Preußen diesen 
Schutz auf drei Jahre übernahm durch ein Bündnis, das am 16. Mai 
in Dresden unmittelbar nach dem Schluß der Konferenzen unter- 
zeichnet wurde. 

Ueber diese Verhandlungen erhalten wir wichtige Aufschlüsse 
durch Manteufiels Briefwechsel mit Alvensleben und mit dem Prinzen 
von Preußen. Der letztere war sehr besorgt über den Gesamteintritt 
Oesterreichs. Manteuffel erwiderte ihm, daß er bei voller Gleich- 
berechtigung und bei gemeinsamer Führung der Angelegenheiten 
keine Gefahr darin erkenne, während andrerseits >das Auseinander- 
iallen der österreichischen Gesamtmonarchie oder der Austritt des 
ganzen Oesterreichs aus dem deutschen Bunde < Gefahren und Nach- 
teile bringen würde. Der Prinz aber glaubte, daß der Gesamteiotritt 
nur möglich gewesen wäre neben der von Preußen begründeten 
Union und in Verbindung mit dieser. Er schrieb am 25. März: 
»Der Warschauer Proposition lag immer der Gedanke zugrunde, daß 
Oesterreich und ein moralisch einiges Deutschland unter Preußens 
Führung (Union) sich neben einander in Union stellen würden. So 

1) Enndschreiben vom 27. März 1851. Denkwürdigkeiten I, 868. 

2) Schwarzenberg an Manteuffel. 17, M&rz 1851. Ausw. Pol. I, 131. 

0««^ 1*1. Ans. 1906. Hr. 1. 6 



82 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

wie jetzt Oesterreich seinen Gesamteintritt versteht, heiOt es etwas 
ganz anderes: es will mit 37 Millionen an die Spitze Deutschlands 
treten . . . und dann Preußen und alle deutschen Staaten nach seiner 
Pfeife tanzen lassen und deren Militärkräfte bundesmäßig dahin auf- 
bieten, wo seine Administration Aufstände , Revolutionen u. s. w. er- 
zeugt, c Dem Einverständnisse des Königs liege die Idee des Im- 
periums zugrunde, er denke durch diesen Antrag >zu seiner Lieblings- 
idee du moyen äge< zu gelangen. Den Gedanken der Riickkehr 
zum Bundestage begrüßte der Prinz mit Freuden. >Preußen<, schrieb 
er am 20. April, >muß sich glücklich schätzen, von seiner Warschauer 
Versprechung durch die Rückkehr zum Bundestag losgekommen zu 
sein, denn ohne Union in Deutschland ist der Gesamteintritt Oester- 
reichs in den Bund Preußens Tod, d. h. Mediatisierung<.^) 

Auch für die bald darauf beginnenden Verhandlungen über den 
Eintritt Oesterreichs in den Zollverein und die Erneuerung der 1854 
ablaufenden Zollvereinsverträge erhalten wir wertvolle Mitteilungen. 
Hervorzuheben sind die Berichte des Gesandten in Hannover über 
die politischen Strömungen daselbst und über die Frage, ob das 
glücklich erreichte Zollbündnis mit Hannover nach dem Tode des 
Königs Ernst August aufrecht erhalten werde. Der Handelsminister 
ist mit dem hannoverschen Vertrage nicht einverstanden, er fürchtet 
davon Nachteile für die Entwickelung der preußischen Industrie, läßt 
sich aber durch Manteuffel beschwichtigen.') Der König ist besorgt 
über Manteuifels sehr bestimmtes Auftreten^) gegen die Zollvereins- 
staaten und läßt ihn mehrmals durch Niebuhr zur Nachgiebigkeit 
auffordern.^) Dagegen mahnt der^Prinz von Preußen zur Festigkeit. 
So schreibt er am 23. September 1852:^) >Um alles in der Welt 
seien Sie standhaft gegen den König.« Manteuffel blieb auch in der 
Sache fest, in der Form zeigte er sich versöhnlicher und erlangte 
jetzt einen vollständigen Erfolg. Oesterreich verzichtete einstweilen 
auf den Eintritt in den Zollverein, während Preußen versprach, nach 
sechs Jahren aufs neue darüber in Verhandlung zu treten; vorläufig 
sollte ein Handelsvertrag abgeschlossen werden. Zu diesem Zwecke 
kam der Minister Brück nach Berlin,^ man verständigte sich, und 

1) Aasw. Pol. I, 186. 138. 149. 

2) Denkwürdigkeiten II, 8 f. 

3) Depeschen Manteaffels über den Abbrach der Yerhandhuigen vom 
27. September und 8. Oktober 1852. Denkw. U, 208 f. 

4) Denkw. II, 107 f. 
6) Ausw. Pol. I, 437. 

6) Berichte des Generalstenerdirektors von Pommer-Escbe über die Yerhand« 
langen mit Brack. Denkw. ü, 290f. 



Denkwürdigkeiten des Frh. Otto von Manteoffel, hn. von H. von Poschinger. 83 

nun konnte der Zollverein auf weitere zwölf Jahre erneuert 
werden. 

Auf Oesterreichs Nachgiebigkeit haben mitbestimmend gewirkt 
die durch Napoleons Staatsstreich erweckten Bersorgnisse. Manteuffel 
hatte zunächst den Staatsstreich mit großer Ruhe angesehen, er be- 
trachtete Napoleon als einen Bundesgenossen im Kampfe gegen Parla- 
mentarismus und Revolution. So hat er sich wiederholt gegen Graf 
Hatzfeldt, den preußischen Gesandten in Paris, ausgesprochen, be- 
sonders warm am 21. Dezember 1851 in einem französisch geschriebenen 
Briefe '), den der Gesandte vertraulich in Paris zeigen sollte. Seine 
Ansicht änderte sich etwas, als offenkundig wurde, daß Napoleon die 
Wiederherstellung des Kaisertums betrieb. Noch mißtrauischer als 
Manteuffel waren der König und die Kamarilla. So ging man auf 
die. von Oesterreich und Rußland gewünschte Verständigung ein; im 
Mai 1852 wurde ein geheimes Protokoll unterzeichnet^), durch welches 
die drei Mächte sich verpflichteten, in dieser Frage nur gemein- 
schaftlich zu handeln. Als nachher das gefürchtete Ereignis eintrat, 
war diese Vereinbarung eine recht lästige Fessel. Die Verhandlungen 
zogen sich in die Länge und die preußische Regierung geriet in Ver- 
legenheit. Man stand, wie Graf Hatzfeldt meinte: »nahe am mora- 
lischen Bruche mit Frankreich«.^ Manteuffel suchte die Antipathie 
des Königs zu überwinden, er hat durchgesetzt, daß die Anerkennung 
in verbindlicher, würdiger Form erfolgte.^) 

In betreff der orientalischen Frage lernen wir jetzt Manteuffels 
Ansicht genauer kennen, vornehmlich aus seiner Privatkorrespondenz 
mit dem Gesandten in Wien. Schon im Dezember 1853 hat sich 
Manteuffel ganz deutlich dahin ausgesprochen, daß er die Neutralität 
Preußens für undurchführbar halte, daß Preußen sich, wenn es wirk- 
lich zum Kriege komme, den Westmächten anschließen müsse. Außer- 
dem ist von großem Wert, daß wir etwas näheres über einen von 
Oesterreich in den letzten Tagen des Februar 1854 vorgeschlagenen 
Vertrag erfahren, durch den Preußen sich nicht nur gegen Oesterreich, 
sondern auch gegen die Westmächte an die Vertretung der in den 
Wiener Konferenzen beschlossenen Punkte binden sollte.^) Dieser 
Vertrag wird von Sybel nicht erwähnt, man wußte von ihm nur durch 
Andeutungen in Gerlachs Aufzeichnungen und an anderen Stellen. 
Jetzt kann man diese besser verstehen, man erkennt auch, daß 

1) Ausw. Pol. I, 296. 

2) Ausw. Pol. IT, 6. 

3) Ausw. Pol. II, 30. 

4) Die Depeschen hierüber : Denkw. II, 276 f. 

5) Denkw. II, 401. 

6* 



84 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

die Verhandlung über diesen Vertrag zur Entscheidung in einer oft 
besprochenen, bisher nicht ganz aufgeklärten Erisis der inneren 
Politik wesentlich beigetragen hat. Seit dem Juli 1853 suchte der 
König den gemäßigtsten Teil der Liberalen, die Partei des Preußischen 
Wochenblattes, für die Unterstützung seiner inneren Politik zu ge- 
winnen. Mit besonderem Eifer arbeitete er daran im Februar 1854. 
Die Führer dieser Partei Bethmann- Hollweg, Usedom, Pourtales 
wurden von ihm ausgezeichnet, dem letzteren versprach er die Stelle 
des Unterstaatssekretärs im auswärtigen Ministerium — sehr gegen 
den Wunsch Manteuffels, der sich nach einem möglichst farblosen, 
gefügigen Unterstaatssekretär umsah. ^) Noch am 3. März sprach der 
König davon, Manteuffel zu entlassen, am Morgen des 4. > während 
dem Ka£fee< wurde Pourtales, der sitsh beim Könige melden ließ, 
abgewiesen; der König ließ ihm sagen, er könne ihn nicht sprechen. 
Dann schalt der König auf die Leute, die bei Usedom zusammen- 
kämen und sagte zu Gerlach: >er habe Manteuffel sehr stark seine 
Meinung gesagt und ihm befohlen, Pourtales fortzuschicken, weil er 
eine andere Ansicht als die des Königs habe<. Am folgenden Tage 
wurde Bethmann-Hollweg zwar empfangen, aber > furchtbar angefahren«. 
Gerlachs Partei konnte triumphieren, die >Bethmänner< waren ge- 
stürzt, der König war für die Rechte zurückgewonnen. Gerlach war 
sich nicht klar darüber , welche Ursachen diesen Umschwung herbei- 
geführt hatten, noch im August bemerkt er bei einem Rückblick auf 
jene bewegten Tage, die Gründe seien ihm unbekannt.') 

Offenbar dachte der General, als er diesen Satz niederschrieb, 
nur an die inneren Verhältnisse, an den Kampf gegen die Revolution, 
der sein Denken beherrschte, und vergaß darüber einen Augenblick 
die durch jenen von Oesterreich vorgeschlagenen Vertrag hervor- 
gerufene Aufregung. Wie aus seinen eigenen Aufzeichnungen her- 
vorgeht, wollte die Bethmann-Hollwegsche Partei den König zur An- 
nahme dieses Vertrages bestimmen ; Usedom arbeitete ein Promemoria 
aus, »das von der Ansicht ausging, Preußen dürfe sich nicht isolieren 
und müsse daher der Konvention beitreten c ; am 3. März hat Manteuffel 
dies Promemoria sowohl Bismarck wie Gerlach vorgelesen, er hat 
sich damit einverstanden erklärt und war bereit, den Vertrag zu 
unterzeichnen. Der König wollte davon nichts wissen, er sagte dem 
Minister »sehr stark seine Meinung c. Dies muß am 3. März ge- 
schehen sein und war durch Manteuffels Hinneigung zu den West- 
mächten, durch seine Zustimmung zu Usedoms Promemoria veranlaßt 

1) Au8W. Pol. U, 239 und 273. 

2) Gerlach II, 89. 107. 114-117. 139. 195. Vergl. auch Gerlachs Brief an 
Bismarck vom 25. Febr. 1854. 



Denkwürdigkeiten des FrL Otto von Manteoffel, hn. von H. von Poschinger. 85 

In der inneren Politik hätte der König vielleicht der Bethmann- 
Hollwegschen Partei, mit der er seit acht Monaten unterhandelte, 
einige Zugeständnisse gemacht, aber in eine ganz andere Richtung 
wollte er sich nicht drängen lassen. Manteuffel fügte sich dem 
Willen des Königs, am 4. beklagte er zwar noch, daß Preußen durch 
ein iNeinc aus dem Konzert der Mächte heraustrete, aber am 
5. März meldete er nach Wien, daß Preußen den Vertrag ablehne. 

Der König hatte jetzt die Leitung der auswärtigen Politik selbst 
in die Hand genommen. Er schloß mit Oesterreich das Schutzbündnis 
vom 20. April, durch das er Oesterreich vom Angriffskriege gegen 
Rußland zurückhalten wollte, um so die Neutralität Deutschlands zu 
sichern. An dieser Neutralität hat er festgehalten, freilich nicht 
ohne viele Schwankungen. Denn Oesterreich hat immer neue Ver- 
suche gemacht, von Preußen und vom deutschen Bunde oder doch 
wenigstens von einem Teile der deutschen Staaten weitergehende 
Versprechungen zu erhalten, die Westmächte haben diese Bemühungen 
lebhaft unterstützt und dadurch mancherlei Sorgen und Aufregungen 
am preußischen Hofe hervorgerufen. 

In diesen späteren Stadien der Verhandlungen hat Manteuffel 
mit seiner abweichenden Meinung möglichst zurückgehalten, nur ab 
und zu, wenn die Besorgnisse des Königs vor Isolierung, vor Gewalt- 
maßregeln der Westmächte besonders lebhaft waren, hat er zum 
näheren Anschluß an diese geraten, so im Dezember 1854 und im 
März 1855. Sonst hat er sich begnügt, die nicht immer klaren 
und bisweilen einander widersprechenden Gedanken des Königs zu 
vertreten und auszuführen. >Er schwankt selbst mit den Schwan- 
kungen des ganzen Schiffes <, sagt Gerlach von ihm^), während er 
sonst in dieser Zeit sehr mit ihm zufrieden ist. > Manteuffel ist auf 
dem besten Wegec; > Warum ist Manteuffel, der bei dem Vertrage 
vom 20. April so schwach war, jetzt so vernünftig und kräftig? < 
>Manteuffel ist sehr gut<, heißt es in verschiedenen Notizen Gerlachs 
aus dem Juli, aus dem August 1854 und aus dem März 1855. Fast 
ohne Widerspruch sah der Minister zu, wie der König, manchmal 
geradezu hinter seinem Rücken, durch eigenhändige Briefe und 
Sondergesandtschaften mit den fremden Souveränen verhandelte. Sein 
Aerger darüber tritt in den vertraulichen, oft ironisch gefärbten 
Privatschreiben an die ständigen Gesandten bei eben diesen Höfen 
deutlich hervor. Ihm und den Gesandten war dies häufige unmittel- 
bare Eingreifen des Königs, waren > diese doppelten und parallelen 
Verhandlungen < sehr unbequem. Sie sind deshalb äußerst zurück- 

1) Gerlach, II, 363. 



86 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 1. 

haltend gegen die Nebengesandten gewesen und haben sich nicht 
gerade bemtiht, sie zu fördern. Zwei dieser Sondergesandten, General 
von Wedell und Geheimrat von Usedom, die ein halbes Jahr lang 
der eine in Paris, der andere in London gewesen waren, ohne irgend 
etwas ausrichten zu können, wollten Manteuffel für ihre Mißerfolge 
verantwortlich machen und beschwerten sich im Juli 1855 beim 
Könige, daß der Minister ihre Bemühungen durchkreuzt habe. Einen 
vollen Beweis dafür vermochten sie nicht zu erbringen. Der König 
begnügte sich schließlich, nachdem sich die Sache fast zwei Jahre 
lang hingezogen hatte, mit Manteu£fels Antwort und suchte die 
Beschwerdeführer durch die Verleihung hoher Orden zu beruhigen.^) 

Fast unmittelbar auf die Beendigung des Krimkrieges folgte der 
Streit über Neuenburg, in welchem der König anfangs sehr leiden- 
schaftlich auftrat. Manteu£fel suchte mäßigend auf ihn zu wirken 
und ihn zu bewegen, daß er sich mit dem Erreichbaren begnügte. 
Zu diesem Zwecke hat er auch Bismarcks Hülfe erbeten'), während 
ihm sonst dessen häufige Berufung nach Berlin meist recht pein- 
lich war. 

In den inneren Verhältnissen war durch den Gang nach Olmütz 
und das Aufgeben des nationalen Gedankens eine Veränderung ein- 
getreten, die reaktionäre Partei hatte den Sieg gewonnen. Von den 
Ministem war Brandenburg gestorben, Radowitz gestürzt, Ladenberg 
zurückgetreten. Der Ersatz entsprach den Wünschen der äußersten 
Rechten. Vergebens suchte dann Manteu£fel den Uebereifer 
Westphalens, den Pietismus Raumers in Schranken zu halten, da 
der König aut ihrer Seite stand und ihren Bestrebunben seine volle 
Sympathie zuwandte. In sehr vielen Punkten hat Manteuffel nach- 
gegeben, er hat zuletzt die Dinge gehen lassen, da er ihren Lauf 
nicht 'ändern konnte. Bisweilen ist er fest geblieben, er hat nicht 
zugegeben, daß die Verfassung aufgehoben und durch einen könig- 
lichen Freibrief ersetzt wurde. Es hieße die Geduld der Leser über 
Gebühr in Anspruch nehmen, wenn diese bereits zu lang gewordene 
Anzeige auch noch die vielen Streiflichter erläutern wollte, die auf 
einzelne Punkte in Manteuffels Kampf gegen die Kamarilla und die 
von ihr unterstützte Kreuzzeitung, die auf das in hoher Blüte 
stehende Spioniersystem fallen, oder wenn sie auf die große Zahl 
von Personen einginge, über die interessante Einzelheiten mitgeteilt 
werden. Es sind bedeutende Männer darunter wie der Seehandlungs- 
Präsident Bloch, Konstantin Frantz, Markus Niebuhr, aber auch 

1) Ausw. Pol. m, 148. 215 f 308. 337 f. 

2) Manteofifel an Bismarck, 19. Jan. 1857. Denkw. III, 149 f. 



Denkwürdigkeiten des Frh. Otto Ton Mantenffel , hrs. von H. von Potchinger. 87 

manche Leute recht zweifelhafter Art. Im Publikum war viel die 
Rede von einem Agenten Levinstein, der mit verschiedenen Staats- 
männern in Verbindung stand, z. B. an Manteuffel über Unterredungen 
mit Kaiser Napoleon, mit österreichischen Ministern berichtete*), 
der sich später an Bismarck heranzudrängen suchte. Man erzählte, 
daO Manteu£fel durch seine Vermittlung an der Börse spekuliere 
und so seine Kenntnis der politischen Verhältnisse ausnutze, man 
sprach von sehr bedeutenden Summen, die der Minister hierdurch 
gewonnen habe. Auf diese Gerüchte bezieht sich Manteuffel in dem 
Schreiben an den Prinz-Regenten vom 5. November 1858,^, mit dem 
er die ihm bei seiner Entlassung angebotenen Ehren abl^nt: Er- 
hebung in den Grafenstand, erblicher Sitz im Herrenhause für ein 
von ihm zu begründendes Majorat und Rang einer obersten Hof- 
charge. Das Schreiben ist in gereiztem Tone gehalten, da der 
Minister gehofft hatte, auch unter dem neuen Herrscher sein Amt 
weiter zu verwalten, obgleich er oft hart mit ihm zusammengeraten 
war und wußte, daß der Prinz andere Ziele verfolgte. In diesem 
Schreiben heißt es: >Was auch für böswillige Gerächte über mich 
verbreitet worden sind , mein Vermögen ist ein sehr mäßiges. Ich 
habe während meiner Anstellung als Minister für etwa 160000 Thaler 
Güter gekauft. . . . Darauf habe ich aus dem Vermögen meiner Frau 
etwa 50000 Thaler und aus dem meinigen und Erspamngen 30000 
Thaler bezahlt; den Rest verschulde ich. Das ist kein Besitztum, 
welches dem Grafentitel und einem erblichen Sitze im Herrenhause 
entspräche. € Die Gerüchte, denen Manteuffel mit solcher Offenheit 
entgegentritt, wurden damals allgemein für wahr gehalten, Gerlach 
und Bismarck sprechen von ihnen wie von einer bekannten Tatsache, 
auch der Prinz -Regent hat Manteuffel offenbar für sehr viel reicher 
gehalten, als er nach seinen eigenen Angaben war. 

Berlin. Paul Goldschmidt. 



1) Denkw. m, 234. 285. 

2) Denkw. H, 336. 



88 Gott gel Anz. 1906. Nr. 1. 



Julias Goldstein, Die empiristische Geschichtsaaffassang David 
Harnes, mit Berücksichtigung moderner methodischer und 
erkenntnistheoretischer Probleme. Eine philosophische Studie. 
Leipzig, Dürrsche Verlagsbuchhandlung, 1903. 57 S. 1,60 M. 

Hume ist in seiner Geschichtsauffassung Aufklärer ohne die 
Vorzüge der übrigen Aufklärer. Diese, besonders Voltaire, stehen 
zwar der Vergangenheit ebenfalls kritisch gegenüber, aber sie haben 
ein Kulturideal, während Hume an ein solches ebenso wenig glaubt, 
wie an (jiie Dogmen der Konfessionen. Er kennt auch keine Ent- 
wicklung des Menschen, sondern hält eine beschränkte Anzahl von 
Motiven — hierin, wie Referent zu bemerken sich erlaubt, Schopen- 
hauer sehr ähnlich — für die unabänderlichen Quellen seines Handelns. 
So hat ihm die Geschichte nur den Wert, > einmal den gebildeten 
Leser in seiner Phantasie, Tugend und seinem Wissen auf angenehme 
Weise zu bereichern und dann psychologisches Material zu geben 
zu einer Erkenntnis der Menschen c (S. 53). 

Dies alles hat Goldstein mit guter Kenntnis der Literatur sorg- 
fältig nachgewiesen. Nur die Schrift von Göbel, das Philosophische 
in Humes Geschichte von England, Marburg 1897, hat Goldstein 
nicht berücksichtigt, obgleich sie sein Thema sehr nahe berührt. 

Goldstein hält den Empirismus überhaupt für unfähig die Ge- 
schichte über >die öde Zusammenhangslosigkeit und Getrenntheit 
aller Dinge« zu erheben. Dies zu entscheiden ist hier nicht der 
Ort. Was aber Hume betrifft, so glaubt Referent, daß sein Empi- 
rismus und seine Kausalitätslehre weniger schuld sind an seiner 
Stellung zur Geschichte, als seine mangelhafte Psychologie und seine 
geringe Einsicht in die in der Gesellschaft tätigen Kräfte, von denen 
er nur Gewalt und Aberglauben sieht. 

Leipzig. Paul Barth. 



Für die Redaktion verantwortlich: Prof. Dr. Rudolf Meißner in Göttingen. 



Februar 1906. No. 2. 



Korfes iBAskriltler Indtil SeformatloneB adgiTne for Det Nonke Historiske 
Kfldeskriftfond. Forste Afdeling: Korges Lidtkriller med de »14re 
Raner udgivne ... Ted Sophus Bngge. Bd. 1. Christiaiua 1891—1903. 
VIII, 458 S. — Bd. 2, Heft 1, S. 461—596, ebenda 1904. - Indledning, Heft 1, 
128 S., ebenda 1905. 4<>. 

Der Plan dieses weit ausgreifenden Werkes, auf dem Umschlage 
des ersten Heftes entworfen, verspricht drei Abteilungen, von denen 
die erste, die norwegischen Inschriften mit den älteren Runen um- 
fassend, von Sophus Bugge, die dritte mit den Inschriften Norwegens 
in lateinischen Buchstaben von Ingvald Undset bearbeitet werden 
sollte, während die zweite, die norwegischen Inschriften mit den 
jüngeren Runen enthaltend, als gemeinsames Unternehmen Undsets, 
Andres und Bugges gedacht war. 

Ausführlichere sprachliche Erläuterungen waren nur für die erste 
Abteilung in Aussicht genommen, die beiden anderen sollten in 
wesentlich kürzerer Form behandelt werden. 

Als vorbereitendes Heft, nicht eigentlich als Beginn der zweiten 
Abteilung, ist bisher nur die Inschrift des Steines von H0nen, 
Ringerike, herausgegeben von S. Bugge, Ghristiania 1902, veröffent- 
licht worden. 

Der Abschluß der ersten Abteilung war 1898 mit dem fünften 
Hefte geplant, 1900 mit dem sechsten, doch wurde 1903 bei Aus- 
gabe dieses der Plan dahin abgeändert, daß mit dem sechsten Hefte 
der erste Band der Abteilung geschlossen würde, sowie daß die 
Nachträge, Anhänge, die allgemeinen Bemerkungen, die Register und 
Berichtigungen zu einem zweiten unter Mitwirkung Magnus Olsens 
herausgegebenen Bande gestaltet würden, der die Seitenzählung des 
ersten fortsetzend, nur äin Heft ausmachen sollte. Da sich aber 
1904 herausstellte, daß die Nachträge und Berichtigungen allein ein 
Heft füllen, wurde der Rest des zu bietenden auf ein zweites Heft 
verspart. 

1905 erschien dazu, mit neuer Paginierung anhebend, das erste 
Heft einer Einleitung, die sich mit der Herkunft und ältesten 6e- 

Oftti. f*l. Abi. 1906. Nr. S. 7 



90 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

schichte der Runenschrift befaßt und die Probleme des Buches von 
Ludv. F. A. Wimmer, Die Runenschrift, Berlin 1887, von neuem auf- 
rollt. Die Mitarbeiterschaft M. Olsens, deren Umfang eine Anmerkung 
S. 412 bestimmt, setzt bei Nununer 34 im sechsten Hefte ein. Als 
fertiggestellt ist demnach gegenwärtig nur der erste Band zu be- 
trachten, zu dem Titelblatt und Inhalt erschienen sind, und auf diesen 
Band will sich der nachstehende Bericht vorläufig beschränken, wobei 
aber allerdings die 1904 hierzu nachgetragenen neuen Auffassungen 
Bugges nicht außer Acht gelassen werden dürfen. 

Eine besondere Würdigung der noch nicht vollendeten Einleitung 
und der überhaupt noch ausständigen allgemeinen Bemerkungen muß 
einer späteren Zeit vorbehalten bleiben. 

Man würde dem Verdienste dieses großen, mit andauernder 
Forschertreue gepflegten Werkes nicht im gebührenden Maße gerecht 
werden, wenn man es nur nach den Hauptergebnissen, das ist der 
Feststellung des Textes und der Zeit, der grammatischen und inhalt- 
lichen Erklärung der behandelten Denkmäler Norwegens, 42 Nummern 
im ersten Bande, schätzte und nicht vielmehr auch die eingefügten 
Erörterungen und Ausläufe in sein Urteil einschlösse, die reichen 
Funde auf grammatischem und antiquarischem Gebiete, die dem Ver- 
fasser im Flusse der Arbeit gelangen, die Deutungen zahlreicher 
älterer und jüngerer nordischer, angelsächsischer und deutscher 
Runendenkmäler, die als kostbarer Nebengewinn der vergleichenden 
Tätigkeit dieses umsichtigen und immer mit dem Aufwände des ge- 
samten Rüstzeuges der Forschung schaffenden Gelehrten sich ein- 
stellten. Man würde aber auch geradezu unrecht tun, wenn man 
darauf ausginge, die Verschiedenheiten der Auffassung in der Lesung 
und Deutung der Inschriften herauszuheben, zu denen Bugge im 
Laufe der Jahre gelangt ist, die er uns nicht vei^schweigt, sondern 
stets nachbessernd mitteilt, unrecht, wenn man in kritischer Nach- 
weisheit aus ihnen den Mangel fester Ergebnisse ableiten wollte. 

Ein Werk, das, wie das vorliegende, sich über drei Lustra er- 
streckt, das sich unter Aufopferung von Zeit und Bemühungen so 
vielfach erst die Grundlagen seiner Darstellung selbst bereitet, hat 
vollen Anspruch darauf als ein geschichtlich gewordenes betrachtet 
zu werden, das volle Hingabe des Lesenden an den führenden Inter- 
preten heischt und kritische Erwägungen 'zwar gewiß zuläßt, doch 
niemals ohne die klare Einsicht der weitgehenden Abhängigkeit des 
eigenen Urteils von dem des vorausschaffenden Meisters. 

Die Verdienste des Werkes völlig auszuschöpfen, seine Ergeb- 
nisse als nett gerundete Schauware herauszustellen, zu allen an- 
geschlagenen Themen kritische Stellung zu nehmen und allesfalls 



Norges Indskrifter med de sldre Roner. 91 

abweichende Anschauungen zu begründen, ist dem Berichterstatter 
nicht möglich, namentlich dann nicht, wenn, was ja erforderlich wäre, 
zu den einzelnen Punkten auch die einschlägige Literatur heran- 
gezogen und abgewogen würde. 

Es ist innerhalb eines Referates, das sich in zulässigen Baum- 
grenzen bewegt, nur möglich die Hauptergebnisse zu skizzieren, sie 
kritisch zu beleuchten und über die behandelten Denkmäler als solche 
das notwendigste zu sagen. Volle Freiheit der Benutzung, die immer 
ein Studium sein wird, nicht eine glatte Entgegennahme von Resul- 
taten, wird dem Werke erst erwachsen, wenn die Indices erschienen 
sein werden, die das Aufschlagen der zu irgend einer Frage mit- 
geteilten Bemerkungen Bugges in handlicherer Weise ermöglichen 
werden, als dies gegenwärtig nach den auf den Umschlägen der 
Hefte gedruckten Verweisen geschehen kann. Die Behandlung der 
einzelnen Artikel zeichnet sich durch nichts übersehende Ausführ- 
lichkeit und peinlichste Sorgfalt aus. An der Spitze derselben findet 
sich regelmäßig ein Verzeichnis der gedruckten und handschriftlichen 
Literatur nebst der Angabe, ob Bugge das Stück selbst gesehen und 
untersucht habe, dann folgen Fundgeschichte und antiquarische Be- 
schreibung der Fundumstände, Transliterierung der Inschrift, in der 
Regel Zeichen für Zeichen gegeben, Deutung, endlich Textgestaltung 
und Uebersetzung. Von außerordentlichem Werte sind die nicht 
kärglich gespendeten Abbildungen, Wiederholungen älterer Dar- 
stellungen sowohl, als neue : Gesamtansichten der Gegenstände, Papier- 
abdrücke, Aufnahmen des Inschriftenfeldes in photograpischen Repro- 
duktionen mit aller erreichbaren Deutlichkeit und Genauigkeit 
wiedergegeben. Die Zeitbestimmung der einzelnen Inschriften ist 
immer ein Ergebnis umfassender Erwägungen des sprachlichen und 
palaeographischen Charakters, der Verwandtschaft mit anderen bereits 
bestimmten Inschriften, der begleitenden archäologischen Merkmale. 
Gegenständlich scheiden sich die Träger der Inschriften in Denksteine, 
die entweder unter freiem Himmel errichtet waren, oder einen 
Bestandteil der Ummauerung des Grabgewölbes ausmachten — dazu 
kommen ein paar Wandinschriften in gewachsenem Fels — , in Gold- 
brakteaten und in Schmuckstücke, Waffenteile, Geräte zum täglichen 
Gebrauche, wie das Kammfragment von Nedre Hov oder der Senk- 
stein von F0rde. 

Ich bespreche im folgenden die einzelnen Inschriften nicht in 
der Reihenfolge des Werkes, sondern in Gruppierungen, die ich 
nach Gegenständen und innerhalb derselben wieder nach dem Alter 
der Inschriften und nach ihrem textlichen Charakter zusammen- 
stelle. 

7* 



92 Gott. gel. Ans. 1906. Nr. 2. 

Die Sammlung wird mit der verhältnismäßig umfangreichen 
und belangreichen Inschrift des Steines von Tune als Nr. 1 er- 
öffiiet. 

Dieser, in der Literatur seit 1627 bekannt, ist ein auf den zwei 
Breitseiten beschriebener Obelisk aus rotem Granit von 1.92 m Höhe 
über der Erde und 0.64 m (a) beziehungsweise 0.71m (b) Breite an 
der Basis. Seine Spitze ist abgebrochen und die als b bezeichnete 
Seite weist unterhalb der Inschrift eine große Abschälung auf, ohne 
daß doch — das ergibt sich aus den restierenden Distanzen der 
Zeilenanfänge bis zum Bruche — die erste und zweite Zeile dieser 
Seite dadurch textliche Einbuße erlitten haben dürften. 

Die Inschrift der Seite a, transliteriert und in Worte geteilt: 
ek wiwan after wodari (r.) | de witadahalalban: worahto: r[anoB] (1.) 
endet mit der abgeschnittenen oberen Ecke einer Rune, besonders 
dargestellt S. 522 , die ja allerdings nach ihrer Konfiguration nicht 
nur einem r, sondern auch einem w oder b angehören könnte, die aber 
mit Rücksicht auf den zu erwartenden Sinn, sowie auf die Verbindung 
wurte runoB Tjurkö, runoR waritu Järsberg (Varnum) schon von 
Munch als Rest eines r bestimmt wurde. Die beiden Zeilen, deren 
Grundlinien zur Längenachse des Steines parallel laufen , stehen zu- 
einander im ßoootpofTjSöv-Verhältnisse und sind so geordnet, daß die 
Inschrift am rechten Rande vom Beschauer ungefähr auf der Höhe 
des oberen Viertels des unversehrt gedachten Steines beginnt, auf 
der Höhe des unteren Viertels umwendet und in der zweiten Zeile 
bis zur verlorenen Spitze des Steines läuft. Im Ausschnitte über- 
setzt ergibt sie den Text >ich Wiwas nach Wodurid, dem . .., 
machte die Runen«. 

Die Inschrift der Seite b besteht aus drei gleichfalls den Stein 
entlang laufenden Zeilen, deren untere Enden auf der Höhe etwa des 
zweiten Fünftels von unten liegen; sie lauten transliterjert und ein- 
geteilt: arbQa siJosteB arb^ano (r.) | pr^oa dohtria daiidan (}.) \ 
[afte]B wodaride: stalna: /// (1.). 

Von ihnen stehen 1 und 2 im ßooGtpo^tjSöv- Verhältnisse, 2 und 3 
in dem der Umschrift, 1 und 3 in dem der Umwendung um die als 
Axe gedachte Grundlinie und sind so geordnet, daß 1 im linken Felde 
vom Beschauer unten beginnt, sich der Kante mehr und mehr nähernd 
hinanläuft, 2 von oben nach unten zurückkehrt, doch so, daß die 
Umwendestelle nicht auf gleicher Höhe mit dem Ende von 1 sich 
befindet, sondern diesem gegenüber um drei Runen ausgerückt 
erscheint, daß endlich 3 auf der Höhe des unteren Endes von 2 
beginnend sich bis zum oberen Bruche des Steines erstreckt, wo sie 
möglicherweise einen Verlust erfahren hat. 



Norges Indskrifter med de seldre Runer. 98^ 

Der durch die Abschälung bedingte Verlust dieser dritten Zeile 
am unteren Ende läßt die Fußabschnitte von fünf geradlinigen Hasten 
unberührt, siehe die Abbildung S. 522, die sowohl auf Grund ihrer 
Distanzen, als auch mit Bezug auf das alter wodaride der Seite a 
mit großer Wahrscheinlichkeit zu '*'afteR ergänzt werden können.*) 
Ob vor diesem Worte noch weiterer Verlust anzunehmen sei, läßt 
sich aus dem Steine selbst nicht ausmachen. Was die textliche 
Folge dieser drei Zeilen betrifft, deren Sinn im Groben skizziert: 
>da8 Erbe die ... sten der Erben | drei Töchter teilten | nach 
Wodurid den Stein . . .< ist, muß bemerkt werden, daß einer Folge 
1, 2, 3 der Umstand ungttnstig ist, daß sowohl der in 1 hinter dem 
noch verfügbare Raum nicht genutzt erscheint, daß femer die Um- 
wendestelle einer ßoooTpo^iQSöv-Zeile auf gleicher Höhe mit der vor- 
hergehenden erwartet wird, daß endlich die Kurve von 1 falls sie 
durch das Vorherbestehen der Kurve von 2 bestimmt ist , sehr wohl 
als angestrebter Zeilenanschluß erklärt werden kann, während man, 
wenn 1 die erstgeschriebene Zeile wäre, erwarten müßte, daß sie 
vielmehr eine geradlinige Parallele zur Kante eingehalten hätte. 
Eine Folge mit 2 als dritter Textzeile, also 1, 3, 2 oder 3, 1, 2 ist 
ebenso graphisch wie textlich unmöglich und eine Folge 2, 3, 1, die, 
dann allerdings komplet und keiner Ergänzung bedürftig, stalna als 
Objekt zu dalldan erforderte, nicht eben textlich undenkbar, wohl 
aber graphisch wieder deshalb unwahrscheinlich, weil sie die Kurvatur 
der Grundlinie von 2, die ja durch 1 nicht bestimmt sein könnte, 
unerklärt ließe. Wäre überhaupt 2 die erstgeschriebene Zeile, so 
müßte man verlangen, daß sie eine zur Längsachse des Steines 
parallele Gerade eingehalten, mindestens angestrebt hätte. Aus dem- 
selben Grunde ist auch eine Folge 2,1,3, der unter Umständen 
textlich nichts entgegenstünde, abzulehnen und es erübrigt nur die 
Folge 3, 2, 1, die die Kurven von 2 und 1 erklärt, eine Umwende- 
stelle von 3 zu 2 auf gleicher Höhe zuläßt, wenn das hinter stalna 
folgende Wort geteilt war, und die bei dem o der Zeile 1 ein natür- 
liches Ende des Textes vor dem Ende des noch verfügbaren Raumes 
findet. 

Für diese Zeilenfolge, deren einzige Härte darin besteht, daß 
der Text mit einer linksgewendeten Zeile beginnt, entscheidet sich 

1) Noreen , An. gramnL I', S. 345 , vermutet einen Personennamen im Nom. 
und nimmt den folgenden Dativ als absoluten, von keiner Präposition regierten. 
Es ergibt sich aus der Abbildung bei Bugge, S. 519, daß dieser hypothetische 
Name auf -iJt ausgelautet haben müßte, da wegen der geringen Distanz zum 
letzten Buchstaben Y zwar eine Endung -in, nicht aber eine Endung -aR paläo- 
graphisch zulässig ist 



94 Gott. gel. Anz. 190<>. Nr. 2. 

auch Bugge S. 36 und ebenso S. 520—521, nur daß er hier Zeile b3 
als unmittelbare textliche Fortsetzung von a 2 betrachtet, den Verlust 
eines Verbums des >Errichtens< auf die Seite a verlegt und den 
Abschnitt {»r^OB bis arbQano als selbständigen Satz auffaßt. 

Nun kann man ja allerdings nicht beweisen, daß die abgebrochene 
Spitze des Steines nicht so hoch gewesen sei, um außer den vier 
mangelnden Buchstaben von r[unoÄ\ auch noch für die Ergänzung 
Bugges *Jah sato >und setzte< auf WitvaR bezogen Raum zu ge- 
währen, aber ich muß gestehen, daß mir die ganze auf diese Art 
gewonnene Textierung *ek Wiwan after Woduride . . . worahto runoB 
jah sato aftes Woduride staina nicht den Eindruck des Stilrichtigen 
macht, daß mir die Wiederholung des >post Voduridum< im zweiten 
Satze ebenso anstößig erscheint, als das Verlassen der Konstruktion : 
persönliche Bestimmung, Verbum, Objekt im ersten, aber Verbum, 
persönliche Bestimmung, Objekt im zweiten, koordinierten Satze. 
Außerdem bindet die Konjunktion iah, Järsberg (Vamum), und an- 
genommen emch jah y Kragehul, Subjekte und Objekte, nicht Sätze. 
Wenn man also schon mit Bugge annähme, daß der Name zweimal 
gesetzt sei, weil er auch auf der Kehrseite erscheinen sollte, und 
seinem zweiten Vorschlage der asyndetischen Anreihnng des zweiten 
Satzes an den ersten sich anschlösse, so würde man doch vielmehr 
*afteR Woduride staina sato auszufüllen geneigt sein und diesen Satz, 
der ja gleichfalls die syntaktische Stellung des vorhergehenden nicht 
wiederholte, als prosaischen Anhang der Verse der Seite a betrachten. 
Der Voraussetzung aber, die Bugges Erklärung letzterhand notwendig 
erheischt, daß die Inschriften der beiden Seiten nicht von verschiedenen 
Männern und zu verschiedenen Zeiten, sondern von £inem und gleich- 
zeitig angefertigt seien, wird man nicht ungerne beitreten, da sie 
einem schwierige und unfruchtbare paläographische Erwägungen über 
den angeblich verschiedenen Schriftcharakter der beiden Inschrift- 
seiten wohltätig erspart. Doch muß man sich dann freilich ent- 
schließen dem, was Bugge S. 24 hierüber gesagt hat, den Wert zu- 
treffender Beobachtung nicht mehr beizumessen. 

Im Texte der Seite a bedarf zunächst die Apposition wüadaha" 
laiban, Bugge S. 15 ff., zum Namen des Bestatteten einiger Worte. 

Bugge hat sich schon vor seiner gegenwärtigen Veröffentlichung 
für ein Kompositum ^witada-hlaiha entschieden, dessen erster Teil, 
germ. *tviteäa-, von ihm als eine, nur hinsichtlich des Suffixvokales 
verschiedene Doublette zu got. witöp n., in Komposition toüoda- be- 
ansprucht, dessen zweiter Teil mit got. gahlaiba >oo(i.|ta^T)D{c, aootpa- 
Titt>n]c<, ahd. galeipo >sodalis< gleichgesetzt wird, nur daß im urnord. 
Sekundärkompositum das Präfix ga- ebenso unterdrückt sei, wie in 



Norges Indskrifter med de asldre Runer. 95 

ahd. orrüno oder noistallo. Die ursprüngliche Auffassung Bugges 
war die der reinen Gleichung des urnord. mtaäa- mit got. witoda^ 
und darauf kommt er auch S. 199 wieder zurück mit der Erklärung, 
daß der zweite Vokal des Wortes im Kompositum schwächer betont 
gewesen sein könne, als die übrigen erhaltenen nebentonigen o in 
sijosteR, worahto, prijoa, arbijano. S. 511 ist aber Bugge die Hand- 
habe dieser Begründung wieder entglitten, da ihm die S. 199 vor* 
getragene Erklärung des Komplexes tiade, Bracteat von Aagedal, als 
aisl. tjddi, das wäre ahd. *gizehöta, nicht mehr aufrecht steht. Ich 
muß zunächst betonen, daß germ. Abstrakta auf -^ durch das S. 17 
verglichene got. faheps nicht bewiesen werden können, da die Neben- 
form faJieids, mit I im Suffixe, wohl auf ein Kontraktionsprodukt aus 
ja hinweist, dieses Abstraktum also zu einem Verbum *fdhjan gehören 
wird, wie fulleip Akk. Marc. 4, 28 zu fulljan. Ferner möchte ich be- 
achtet wissen , daß ahd. Entsprechungen des bezeugten got. Wortes 
then uuieeut »eam legem < und theru sdveru uuijgjsidi >eadem lege<, 
beide in Trierer Capitulare, einen Kurzvokal zeigen, dessen Abkunft 
aus älterem S doch durch uuizssod Is., dcu^ uuiha uuiessod Lorscher 
Beichte, uuieodhroth Monseer Matthaeus gesichert wird. 

Man wird demnach anzunehmen haben, daß die Quantität des 
Suffixvokales, die in der got. Orthographie allerdings als einheit- 
liche Länge ö erscheint, in der gesprochenen Sprache unter gewissen 
Bedingungeü der Tonschwächung, wie gerade in der dreisilbigen 
Themaform zu Kürze ö, also witöda- reduziert werden konnte. 

Darauf beruht dann, zugleich mit Abfärbung des Vokales urnord. 
*witäda- wie an. mdnapr zu got. menopSj wogegen die erhaltenen o 
in den übrigen Fällen der Inschrift, also auch in sijbsthn, sicher 
Nebenton besitzen und Länge bewahren. 

Auch sachlich scheint mir der urnord. *witadaMaiba aus den 
Stellen des Trierer Capitulares Licht zu empfangen und als >is qui 
eadem lege uiuit« definiert werden zu sollen. Das Wort enthält 
gleich den thie theru selveru uutjgzidi leven theru er selvo levü dieser 
Quelle einen politisch-rechtlichen Begriff, während Bugge von got. 
drauhtiwitop >otpat8[a< und der zweiten Bedeutung von gahlaiba 
beeinflußt S. 17 und 21 die Bedeutung als »Kriegskamerad« formu- 
liert, was voraussetzte, daß entweder das einfache urnord. witada- 
den Begriff des got. (/a-Kompositums übernommen hätte, oder daß 
das vollere urnord. Kompositum sich in seiner begrifflichen Ent- 
wicklung gleich dem einfacheren got. gahlaiba verhielte. >Kamerad< 
schlechthin verteidigt Bugge noch S. 512, wogegen nur einzuwenden 
ist, daß dieses Wort, wenigstens im Nhd., zu familiär und abgegriffen 
klingt, als daß es den >qui eadem lege uiuit< bezeichnen könnte. 



96 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

Eine Uebersetzung wie »Standesgenossec, lat. >coIlega< möchte wohl 
vorzuziehen sein. 

Bugges Gleichung des -Maiba im urnord. Kompositum mit dem 
volleren bahuvrihischen got. gahlaiba kann nicht angetastet werden, 
denn nicht nur finden sich im ahd. innerhalb der Sekundärkomposition 
wie orkiruno > auricular ins < zu girüno Graff 2, 525 und notgistallo 
ebenda 6 , 674 die entsprechenden vereinfachten Bildungen ohne gi-, 
sondern die Unterdrückung des Präfixes kann sogar am einfachen 
Kompositum wie ahd. stallo >der Genosse« ebenda 6, 679 oder mhd. 
sdle Rother für gesdle eintreten. 

Daß Bugge S. 511 v. Friesens Erklärungsversuch *witand(Maiba 
nicht zu teilen vermag, ist vollkommen begreiflich. Die graphische 
Möglichkeit nd zu lesen hat er ja allerdings selbst schon 1894, 
S. 199 Note 2, angedeutet, aber das spätere nordische Vergleichs- 
material partizipialer Zusammensetzungen stimmt als ganze Kategorie 
nicht zu dem urnord. Kompositum. 

Den Vokal des Personennamens Wiwan , zu dem Veblungsnses in 
Wiwüa eine Deminutivform bietet, erklärt Bugge S. 12 als lang, da 
kurz T durch das folgende a zu e umgelautet worden wäre. Daß 
dieser Name auch im zweiten Teile des got. Älauiuus vertreten sei, 
ist glaublich, ebenso aber auch in den northumbr. Namen auf -uio 
(auch -wiu), Bugge S. 322 nach PBB 18, 412—13, und dazu füge 
ich noch ags. *Merewio im Beowulf. Gehört dieses vermutliche 
Nomen agentis zu got. weihan >{jLdx6o^at< , Verbalstamm *u^9i so 
entsprechen die germ. Komposita hinsichtlich der Bedeutung wohl 
den griechischen auf -txaxoc. Formell aber müßte man das Element 
^tottoa- als sekundäre Maskulinbildung zu einem Femininum *ueiqäy 
nicht als Fortsetzung eines vorgerm. Maskulinum ^ueiqö- betrachten, 
da vorgerm. q im germ, vor dunklem Vokal die Labialisierung ver- 
liert, dagegen vor hellem Vokal und a beibehält. Dieses Femininum 
könnte wohl als erster Teil in den deutschen Personennamen Wtomad, 
Viorad^Wiufrid Fm. Nbch. II* 1621, 26 gelegen sein und der isolierte 
urnord. Wtwas wäre dann wohl eher für eine aus einem Kompositum 
abgezogene Kurzform, als für ein ursprüngliches Appellativum an- 
zusprechen. 

Den zweiten Teil des Namens * Wöäur^aR erklärt Bugge S. 14—15 
als Nomen agentis zum Verbum > reiten«, auch in späteren nordischen 
Namen wie Ätridr bezeugt. Den ersten Teil faßt er als Adjektiv. 
Ich wäre eher geneigt wöäu- als germ. ^u-Abstraktum zu betrachen. 

Die Auffassung von after als Präposition >post<, die der Ueber- 
setznng S. 21 zugrunde liegt, hält Bugge S. 23, wo er den Text der 
Seite a in zwei Langverse gliedert, aus metrischen Gründen für ver- 



Norges Indskiifter med de eldre Rnner. 97 

werf lieh, so daß er daselbst lieber an das Adverbinm >postea< denkt. 
Es ist zu beachten, daß sich das Adverbium »nachher« mit Bugges 
zuletzt gegebener Erklärung der ganzen Inschrift nicht verträgt, 
weil es den Parallelismus der beiden after Woduride aufhebt und 
außerdem textlich auf ein vorhergehendes Bezug nimmt, während 
doch nach Bugges letzter Beurteilung der Satz eJcWiwas . . . toorahto . . . 
der erste der ganzen Inschrift wäre. Sehr wohl aber verträgt sich das 
Adverbinm an dieser Stelle mit meiner im folgenden darzulegenden 
Anordnung des Textes. Interessant ist die Beobachtung Bugges S. 19, 
daß das Verbum > wirken«, zu dem toorahto die umord. 1. sing, praet. 
ist, in der isl. Literatursprache nur von Metallarbeit und von poeti- 
scher Leistung (vgl. nhd. Verse schmiden!) gilt. Ich finde darin 
eine Stätze für meine Ansicht, daß das umord. plurale tantum rünöR 
gleich dem lat. plurale tantum Utterac als »inschriftlicher Texte oder 
lat. >titulus<, die Bindung *ranöR wuricjan also gleich »titulum 
facere« zu verstehen sei. 

Die Wörter der Seite b bestimmt Bugge S. 24 ff. auf Grund aus- 
führlicher Erwägungen in folgender Weise : arUjano ist Gen. pl. des 
swm. got. arhja^ ahd. erpeo, afries. erva, an. ar/f; sijosteR ist Nom. 
pl. eines Superlativs, dessen Endung dem got. -östai^ an. -astir ent- 
spricht; arbija ist entweder thematische Form in einem Kompos. 
arbijasijosteB* oder Akk. sing, des Neutrums got. arbi, ahd. erbij afries. 
erve, an. erfi, das letztere nur in Compositis mit seiner ursprünglichen 
Bedeutung erhalten. prijoR ist Nom. fem. des Zahlwortes »drei<, 
an. ßriar, ahd. drio, ags. preo, dohtrxR ist echter konsonantischer Nom. 
pl. des umord. Wortes für > Tochter« entsprechend der späteren 
nord. Pluralform detr, dalidun ist die 3. pl. praet., an. deiläu, die 
got ^dailidedun lauten würde. [aftejR Woduride ist Präposition mit 
dem von ihr abhängigen Personennamen und staina endlich der Akk. 
sing, des urnord. Wortes für »Stein«. 

Grammatisch bezieht Bugge S. 29 , wo er die Inschrift noch als 
lückenlos erhalten ansieht, staina als Objekt zu dalidun, was zur 
Folge hat, daß arhija-sijosteR als Kompositum verstanden werden 
müßte, sowie daß die Inschrift in der Zeilenfolge 1, 2, 3 gelesen 
würde; S. 33 aber, da ihm diese Beziehung des Objektes unbe- 
friedigenden Sinn gibt, das vermeintliche Kompositum überhaupt 
verdächtig geworden ist und die Inschrift nicht mehr als vollständig 
erhalten gilt, verbindet Bugge arbija als Objekt zu dalidun. 

Die Monophthongierung dalidun für *dailidun bespricht Bugge 
S. 28. In sijosteR erblickt Bugge S. 34 ein Versehen des Steinmetzen 
für richtigeres *sHjosteR zu einem dem ahd. sippe, mnd. sibbe, afries. 
und ags. sib entsprechenden Adyektiv mit der Bedeutung > verwandt«. 



98 Gott. gel. Ans. 1906. Nr. 1 

S. 515 weist Bugge den Vorschlag Läfflers zurück, für den nrnord. 
Superlativ ein aus dem Pronominalstamme se- erwachsenes Adjektiv 
*8e)0' zugrunde zu legen, das in schwacher Form durch das afries. 
Wort sia > Nachkomme, Genosse« repräsentiert würde. 

Es ist mir auf Grund von Bugges Darlegungen nicht im geringsten 
zweifelhaft, daß afries. sia, Gen. pl. siana nichts anderes als swm. 
Nebenform zu süh, sid, PI. sithar »Genosse« mit zwischen vokalischem 
^-Schwund sei und den Ansatz eines Adj. ^sejo- nicht stützen könne. 
Aber der Ansatz als solcher ist durch den Fortfall des vermeintlichen 
Beleges nicht eigentlich unmöglich gemacht und Bugges Entwicklung 
der Form mit der bedenklichen Ergänzung eines b dadurch keines- 
falls zu irgend einem höheren Grad der Wahrscheinlichkeit erhoben. 

Ueberblicken wir nun den Inhalt der drei Textzeilen nach seinem 
möglichen Zusammenhange, so ergäbe sich bei Festhaltung der aus 
paläographischen Gründen verworfenen Folge 1, 2, 3 die Alternative: 
>haereditatem ...imi haeredum, tres filiae partitae sunt post Vodu- 
ridum lapidem«, oder >in haereditate ... imi haeredum, tres filiae par- 
titae sunt post Yoduridum lapidem < , d. h. der zweite Abschnitt der 
Inschrift spräche in keinem Falle von einer Erbteilung durch die 
drei Töchter, sondern vom Erhalten eines Anteiles am Denksteine, 
vermutlich also auch an der Grabstätte; es wäre demnach auf eine 
in späterer Zeit geschehene Nachbestattung der drei Töchter zu 
raten. Aber implicite würden allerdings nach der zweiten Formel, 
in der >...imi haeredum« Apposition zu »tres filiaec ist, die drei 
Töchter auch als Erben bezeichnet, während nach der ersten Formel 
dalidun als gemeinsames Prädikat stünde und die Erben von den 
Töchtern verschiedene Personen wären. Bei der Wahl der paläo- 
graphisch empfohlenen Folge 3, 2, 1, die eine auf die Errichtung 
des Steines bezügliche Ergänzung: *sato Bugge, *satiäa Noreen, 
*satiäun Laif 1er notwendig macht, ergibt sich entweder im Sinne 
Bugges, doch in anderer Stellung, »post Yoduridum lapidem posui< 
auf WiimR zurückgehend mit folgendem selbständigen Satze >tres 
filiae partitae sunt haereditatem, ... imi haeredum«, wobei die Appo- 
sition am Ende wie ein Relativsatz >quae fuerunt ...imi haeredes« 
wirkte, oder im Sinne Noreens >. . .s post Yoduridum lapidem posuit« 
wieder mit folgender selbständiger Nachricht von der Erbteilung, 
oder endlich nach den Möglichkeiten der Ergänzung Läfflers wiederum 
die Alternative >post Yoduridum lapidem posuerunt tres filiae; par- 
titae sunt haereditatem ...imi haeredum« mit identischem, oder 
stärker interpungiert mit zwei verschiedenen Subjekten. 

Von ausschlaggebender Bedeutung für die Beurteilung nicht nur 
dieser Möglichkeiten, sondern des gesamten Textes, sind die treff- 



'Sarges Indskrifter med de seldre Raner. 99 

liehen Bemerkungen Söderbergs, Bugge S. 516, über das Verhältnis 
der beiderseitigen Inschriften , dem wesentlichen Inhalte nach : die 
Runenformen sind die gleichen, nur dafi sie auf Seite b, wo mehr 
Text unterzubringen war, kleiner und weniger sorgfältig sind ; es ist 
alle Wahrscheinlichkeit gegeben , dafi beide Inschriften ^inen Text 
ausmachen. Für die Anordnung desselben gibt es aber eine feste 
Formel, die in den jüngeren nordischen Inschriften wiederkehrt > A ließ 
den Stein nach B errichten; C schrieb die Runen<. Es ist also die 
Seite b diejenige, von der aus der Text zu beginnen ist. 

Diese Argumentierung ist so zwingend, daß ich mich für einen 
einheitlichen Text mit der Folge b 3, 2, 1. a 1, 2 entscheide: [nftejn 
Woduriäe staina [sälunj^) prijoR dohtrin; daliäun arbija sijosten 
arhijano — ek Wiwan after Woduriäe mtaäahalaiban wcrahto rfunou/y 
wobei der Vorteil in die Augen springt, dafi auch am Text der Seite b 
die Merkmale metrischer Abfassung hervortreten und daß man das 
after der Seite a in der Tat ganz sinngemäß als Adverbium >postea< 
verstehen kann. Die genaue Bedeutung des superlativischen Adjek- 
tivs, mutmaßlich *sijaR im Positiv, wird uns vielleicht einmal die 
Zukunft enthüllen. Daß es im gegebenen Falle den Orad der Erb- 
folge definiere, scheint ja wohl durchzuschimmern und man könnte 
nach Bugge und den andern, die darüber gehandelt haben, wohl 
denken, daß der Superlativ >proximi< ausdrücke. Aus der ig. Sippe, 
ai. syatif sipäti, lett. sinu, seju, sit >binden< , griech. f|tAC) &s. simOj 
ags. sima >a corde, rope<, ags. sinn, ahd. senua >corda, habena«, 
aus der man eine Wurzel $i >binden< abzieht, könnte man auf den 
Begriff »coniunctus« gelangen, der wiederum leicht in >nahe< über- 
gehen kann. Aber das Adjektiv muß durchaus nicht >proximus< 
ausdrücken und uns nicht die Selbstverständlichkeit vermitteln, daß 
die nächsten Erben das Erbe teilen, sondern eher die Tatsache, daß 
in dem gegebenen Falle die Töchter die nächsten Erben sind; es 
kann also hinter dem Ausdrucke auch die Definition der gesetz- 
mäßigen Stellung der Tochter im Erbrechte stecken. Wenn wir uns 
mit Bugge S. 36 die Erbfolge des Gulatings- und Frostatingsgesetzes : 
Sohn, Vater, Tochter, Sohnessohn, oder des isländischen Gesetzes: 
Sohn , Tochter, Vater, vergegenwärtigen , so ist es denkbar , daß in 
dem von unserer Inschrift bezogenen Falle der Mangel näherer 
Erbberechtigter nicht bloß vorausgesetzt, wie das bei »proximi< 

1) So schon Bugge S. 35 Note. Ob übrigens *satun oder *8(Uidun dem 
Dialekte und der Zeit des Denkmals entsprechender sei, wage ich nicht zu ent- 
scheiden. Gedacht werden könnte auch an eine Ergänzung *fßorahtun, die zu 
Woduride aUiterierte. Stilistisch will es mir freilich nicht gefallen, dasselbe 
Yerbum, das auf Seite a wiederkehrt, auch hier einzusetzen. 



100 Gott, gel Ans. 1906. Nr. 2. 

wäre, sondern anmittelbar ausgesprochen sei, daß mit einem Worte 
sfjosteR nicht die >nächsten<, sondern die >letzten< oder auch die 
>letztUberlebenden< bedeute. Ein Adjektiv *sijar >posteru8<, *8ijo8tax 
>postremas, ultimusc läßt sich von dem Adverbium ahd. sid »po6tea<, 
an. siä »late« und Verwandten aus konstruieren — ib-Ableitung statt 
der dentalen ! — und mit einer Konstruktion muß es überhaupt vor- 
läufig sein Bewenden haben. Zusammenfassend glaube ich die In- 
scbrÜt des Steines, den Bugge zwischen 500 uud 550 datiert Oi 
Übersetzen zu dürfen: »post Voduridum lapidem posuerunt tres filiae; 
partitae sunt haereditatem , postremi haeredum. — ego Vivus post 
Yoduridum coUegam (oder postea Vodurido collegae) feci titulumc. 

Der Artikel bei Bugge enthält zahlreiche interessante Aus- 
ffihrnngen aber die umordischen Endungen anknüpfend an die der 
besprochenen Wörter, über Form und Gebrauch des proklitischen 
und enklitischen eJc >ich<, enklitisch auch erweitert -eka, über Rektion 
und spätere Formen der Präposition trfter, über älteren und jüngeren 
Sprachgebrauch der nordischen Runeninschriften und schließt S. 40 
bis 44 mit zwei Exkursen, in denen über neuere differierende Er- 
klärungen, sowie über die Geschichte der Deutung der Inschrift von 
Tune, die 1821 mit Wilhelm Grimm beginnt, Bericht erstattet wird. 

Von geringerem sprachlichem Umfange ist die Inschrift des Steines 
von Kjelevig oder Strand, Bugge Nr. 19. 

Der Stein, ein Obelisk aus grobkörnigem grauem Granit, 2.20 m 
hoch über der Erde — die gesamte Länge beträgt 2.70 m — und 
an der breitesten Stelle, das ist in der Mitte 0.53m breit, wurde 
im Herbst 1882 aufgefunden. Er zeigt eine dreizeilige, linksläufige, 
otoixiqSöv geordnete Inschrift, transliteriert und abgeteilt : haduIalkaB 
I ek hagustadaa | hiuriwido maga minino. 

Die Zeilen laufen an dem in situ befindlichen Steine von unten 
nach oben und sind im Verhältnis zueinander eingerückt und zwar 
so, daß 2 unter dem ik von 1, 3 unter dem ha von 2 beginnt. Die 
Grundlinien der Zeilen schreiten vom rechten Rande im Sinne des 
Beschauers gegen die Mitte des Schriftfeldes vor, dergestalt, daß 
der Anfang des Textes am rechten Rande nahe der Basis, das Ende 
ungefähr in der Mittellinie des Steines nahe der Spitze zu suchen ist. 

Zur Lesung ist zu bemerken, daß sich oben an der zweiten 
Hasta des h von haaitcido eine Art absteigenden Schrägstriches findet, 
der aber, wesentlich kürzer und seichter als die übrigen seitlichen 
Abstriche und Aufstriche der Runen, keineswegs Sicherheit gewährt, 

1) Ebenso Wimmer, Die Runenschrift S. 30B; 5. Jahrh. Noreen, An. Gramm. 
1», S. 345. 



Korges Indskrifter med ä% seldre Buner. 101 

dafi er literale Oeltung habe und das h zu einer Binderune Id er- 
gänzen solle. Rygh hält es, wie Bugge S. 272 mitteilt, nicht für 
unmöglich, daß dieser Abstrich nur zufällig sei und Bugge selbst 
S. 272 findet sich im wesentlichen nur durch die bisher anerkannte 
sprachliche Verbindung der Verbalform haaiwido mit dem Sachworte 
Maiwa der Inschrift von Be, got Maitc, bestimmt, ihn fär beabsichtigt 
zu halten. 

Ein anderer sehr deutlicher seitlicher Aufstrich, den Bugge 
S. 271 als Fehlhieb erklärt, findet sich am h der zweiten Zeile; vom 
Einsatzpunkte des mittleren A -Balkens ausgehend erweckt er den 
Eindruck, als ob entweder statt eines h: H die Runen iR IY eng 
aneinander gerückt daständen, siehe die Abbildungen Bei Bugge 
S. 270, 271, oder als ob eine Ligatur von H und Y beabsichtigt sei. 

Die Gleichung Bugges des umord. Personennamens Haä^ikan 
S. 273 mit dem im ahd. Ortsnamen Hadaleihinchova, Hadlikon bei 
Zürich gelegenen, sowie mit dem Schwertnamen HcUMoke eines 
mittelenglischen Gedichtes ist so sehr unmittelbar überzeugend, daß 
die sonstige umord. Schreibung des Elementes hapu- mit p, nicht 
^Rune, dagegen nichts ausmacht und keineswegs zu dem Versuche 
berechtigt, das hadu- unserer Inschrift als *hafnjdu' zu deuten. 

Um die Schreibung HadülaikaR neben der mindestens um ein 
Jahrhundert jüngeren HApatool^R der Blekingeschen Inschriften 
(Stentofta, Istaby, Gommor) zu erklären, scheint es mir auch nicht 
der richtige Weg, mit Bugge den Hauptton des Kompositums ur- 
sprünglich auf einer andern Silbe als der Stammsilbe ruhen zu lassen 
und fur die Schreibung mit p lautliche Beeinflussung vom einfachen 
Appellativum *hapuR her anzunehmen, da es. keineswegs wahrschein- 
lich ist, daß das p der Blekingeschen Inschriften in diesem Namen- 
elemente etwas anderes sei, als bloß orthographische Darstellung 
eines gesprochenen ä mit der Rune p. Ich bin also der Meinung, 
daß nicht p sondern ä der german. Form des Abstraktums *kadus 
gerecht sei, was sich bei vorgerm. Endbetonung *hatü' leicht begreift. 

Daß hagustaäaR sich hinsichtlich der I-Auslassung vor tf , also 
'StaläaR, nicht allein mit Oodahid Bezenye, sondern mit zahlreichen 
einschlägigen Fällen innerhalb des agerm. Namenschatzes decke, ist 
sicher, ebenso daß haaiwido magu minino dem Sinne nach >sepeliui 
filium meum< bedeuten müsse. 

Minder sicher aber dünkt es mich, daß HagustaäaR selb- 
ständiger Personenname sei und für sich allein die zweite Person 
des Textes, den überlebenden Vater benenne, während Ha/MaikoM^ 
wonach starke Interpunktion gedacht werden müßte, den Namen des 
bestatteten Sohnes darstellte. 



102 Gott, gel Anz. 1906. Nr. 2. 

Nach meiner Meinung ist der Name des Sohnes überhaupt gar 
nicht genannt, HaäulaikaR Subjekt und Hauptname des überlebenden 
Vaters, hagustaäuR aber eine Apposition hierzu. 

Da anorweg. haukstcddr > vornehmer Mann« bezeichnet — Bugge 
S. 347 erklärt das Wort als Nebenform mit au für p wie in audlingr 
neben pdlingr und bloß orthographischem k für g — , kann diese 
Apposition eine Standesbezeichnung sein, die hier nur nachgesetzt 
ist, während die sehr viel bekanntere Standesbezeichnung erilaR der 
Inschriften von By, Kragehul, Veblungsnses dem Personennamen vor- 
ausgeht. Das Verhältnis der Stellung ist also etwa das von * Wodu' 
riäaR ivUaäahlaiba des Steines von Tune. 

Diese anorweg. Bedeutung möchte wohl eine besondere Ent- 
wicklung aus dem dritten der zu ags. hcegsteald >mansionarius, caelebs, 
iuuenis« bei Bosworth-Toller verzeichneten Werte sein und sich ihrem 
Ursprünge nach etwa wie nhd. »Junker« verhalten. Immerhin kann 
aber auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden, daß das Wort 
nicht eigentlich Standestitel, sondern Beiname sei, denn die ahd. 
Beispiele von HagastoU als Personenname, z. B. Libri confrat., müssen 
von der Setzung des Appellativums als Beiname den Ausgang haben. 

Der Auslaut des umord. Possessivpronomens im mask. Akk. minino^ 
got. meinana, und sein Verhältnis zu den gedeckten got. Akkusativen 
hwarjanoh und ainnohun neben ungedecktem hwarjana, ainana ist 
nach Bugges Ausführungen S. 275—276 nicht völlig geklärt; doch 
wird es sich bei umord. -ino zu got. -^tnOj -ana hinsichtlich des 
Zwischenvokales wohl um Ablaut ^: ö^ nicht um Schwächung a >> ^ 
handehu 

Die Bewertung des zweifelhaften Hakens an der zweiten Hasta 
des h von hiaiwido als ligiertes 2, die für Bugge 1898 noch feststand, 
läßt sich heute kaum mehr aufrecht erhalten, da in der 1903 ge- 
fundenen Steininschrift von Amle Bugge S. 573-585 auf einmal 
das Partizipium perfecti des Verbums von Ejolevig in der Gestalt 
haiwidüR emporgetaucht ist. 

Mit Becht sagt Bugge S. 579 : Diese Uebereinstimmung in der 
Schreibung ohne l könne nicht zufällig sein, diese Schreibung könne 
nicht mehr als bloßer Fehler der graphischen Darstellung verstanden 
werden. Da Bugge aber trotzdem an der Ableitung von hlaiwa fest- 
hält, sucht er an der zweiten Stelle die Schreibung aus einer be- 
sonderen Aussprache des l abzuleiten. Es ist mir schwer an eine 
derartige Aussprache zu glauben, zu der man vielleicht das spiran- 
tische cymr. U vergleichen könnte — Bugge selbst vergleicht hierzu 
S. 579 Note 1 poln. -armen, oder etruskisch A aus 2 — , denn die 
ehemalige Spirans x scheint doch wohl auch in der anlautenden 



Norges TDclskrifter med de seldre Raner. 103 

Bindnng mit Liquida Ij r oder Nasalis schon im Urnordischen zum 
bloßen Hanchlante h geworden zu sein, der keinen Anlaß zu einer 
spirantischen Umformung des l mehr geben konnte. Das wäre freilich 
noch kein zwingender Grund gegen Bugges Ausweg, wenn, es un- 
möglich wäre, das Yerbum *haiwjan unabhängig von Maiwa zu er- 
klären. Das aber ist nicht der Fall, sondern es eröffnet sich aus 
der Sippe got. heitoafrauja >oi)coSeGicötT)c<, kroat. poSivam^ padivati 
>ausruhen, sterben«, sloven. pod/;em, podUi >rasten<, aksl. j>oifeo/, 
litt, pakdjus »Ruhe«, got. havns, griech. xo[{taa> > bette, schläfere 
ein<, xoi{tY)ti{ptov, franz. citnetihe, griech. xsliiai >liege<, lat. quies^ 
quieseOj ai. fi >cubare< die Möglichkeit ein Yerbum *haiwjan mit der 
Bedeutung >zur Ruhe bringen, bestatten« abzuleiten, das mit hlaitca 
»tumulus« etymologisch gar nichts zu schaffen hat. Das zwischen- 
liegende Nomen entgeht uns allerdings; es kann in thematischer 
Form als *haiwa-^ *haiwi- oder ^haiu- angesetzt, seine Bedeutung 
als >Ruhe, Ruheort« oder >Lager« ermittelt werden. 

Die äußere Seitenhasta an dem h von hagustadaR kann ja wohl 
fehlgehauen sein. Wimmer, Die Runenschrift S. 149 Note, gibt 
hierfür eine recht plausible Erklärung. Wäre dem aber nicht so, 
sondern hätten wir es mit einer beabsichtigten Ligatur ah zu tun, 
so müßte man das s zum vorhergehenden eh ziehen und in *€}cr eine 
mit dem Nominativzeichen singularis der Substantiva erweiterte Form 
des persönlichen Pronomens erblicken, die ja, wie ich gerne zugestehe, 
ebenso überraschend wie vereinzelt wäre. 

Nicht eigentlich Verse enthielte die Inschrift, meint Bugge S. 277, 
der ihre Zeit auf die Mitte des 6. Jahrhunderts bestimmt^), aber 
doch wiese sie die Anzeichen gehobener Sprache auf. Diese Anzeichen 
werden noch greifbarer, wenn man meinem Vorschlage gemäß die 
beiden Namen auf Sine Person bezieht, wonach HadulaikaR \ ek ha- 
gustaäoR wohl geradezu einen alliterierenden Langvers bildet und 
auch haaitoido magu \ mJnino als solcher gelten kann. 

Der Stein von Amle Nr. 46 , dessen Inschrift wir das genannte 
Partizipium verdanken, eine schwere Platte aus weißem Granit oder 
Glimmeradamellit von 2.30m Länge, 0.83m Höhe und 0.21m bis 
0.33 m Dicke ist nach Bugges Ansicht in seiner gegenwärtigen Form 
vollständig bewahrt mit Ausnahme eines kleinen Stückes, das an der 
linken oberen Ecke abgeschlagen eine Verletzung der ersten Rune 
der Zeile nach sich gezogen hat. Bugge transliteriert und teilt die 
am oberen Rande von links nach rechts sich hinziehende Inschrift, 

1) Allgemeiner: erste EUdfte des 6. Jahrhunderts, Wimmer, Die Bonenscbrift 
S. 308, und Noreen, An. Gramm. P, S. 838. 



104 Gott gel Anz. 1906. Nr. 2. 

abgebildet S. 575 und 576 : /1b haiwidaB par und macht verschiedene 
Versuche, den vor dem >sepultus hic< zu vermutenden Personennamen 
auf Grund der Annahme, daß die vor dem -In stehende teilweise 
beschädigte Rune — man kann sie für i, { oder t^) ansprechen — 
die erste des ursprünglichen Textes sei, zu ergänzen. 

Aber diese Versuche scheinen mir nicht voll überzeugend und 
ich denke, daß man doch wohl einen etwas größeren Abgang an 
Buchstaben anzunehmen habe. 

Der Gegengrund Bugges S. 580, daß man die Fußspur einer vor 
der erhaltenen ersten Hasta stehenden Rune noch sehen müsse, ist 
doch, wenn man die Distanzen z. B. zwischen w und i oder a und r 
oder a und r abmißt, nicht zutreffend, und das Aussehen des Steines 
kann die Möglichkeit nicht ausschließen, daß etwa schon in alter 
Zeit ein größeres Stück der Platte mit entsprechenden Textteilen 
abgebrochen sei. Der Stein, dessen Inschrift Bugge um 600 ansetzt, 
kann vermöge seiner Form nicht als Denkmal aufgerichtet gewesen 
sein, lieber seine ursprüngliche Lagerung in oder auf einem 
Grabhügel ist Bugge S. 584 zu einem völlig gesicherten Urteil nicht 
gelangt 

Sicher aus einem Grabhügel stammt der Stein von Opedal, 
gefunden 1890, Bugge Nr. 22, chlorithaltiger Glimmerschiefer, der 
unmittelbar vor Entdeckung der Runen in zwei Stücke gesprengt 
wurde, ohne daß doch die Inschrift Schaden gelitten hätte. Der 
Hauptteil, 1.32m lang und an der beschriebenen Seite 0.39m breit, 
zeigt eine zweizeilige, S. 300 nach einem Abklatsch treiflich wieder- 
gegebene Inschrift, die an der oberen Kante des Feldes von rechts 
nach links läuft und zwar so, daß die zweite Zeile um neun Runen 
ausgerückt erscheint; ihre zehnte Rune steht ungefähr unter der 
Anfangsrune der ersten Zeile. 

Nach Bendixens Meinung war der Stein ursprünglich auf die 
vom Beschauer linke Schmalseite gestellt, so daß die Inschrift von 
oben nach unten orientiert gewesen wäre. Dagegen halt Bugge 
dafür, daß der Stein, der übrigens auch nach Bendixens Ansicht 
seinen Platz im Innenraum eines Grabhügels gehabt habe, auf die 
untere Langseite gelegt war, so daß die Zeilen horizontal verliefen. 

Die Inschrift transliteriert und abgeteilt birgnggu b//r// sirestar 
mlna | liubu mea wage zeigt zweimal, das ist hinter dem b und r 
der ersten Zeile ein Zeichen, das nur die halbe Höhe der übrigen 
erreicht und im wesentlichen als ein rechts vom Beschauer mit einer 



1) Nach der Abbüdong bei Bugge S. 576 würde ich überhaupt uur liR oder 
tiB für möglich halten. 



Norges Indskrifter med de aeldre Runer. 105 

aufrechten Hasta geschlossenes, sonst offenes Schrägkreuz m bezeichnet 
werden kann, dessen absteigender Strich übrigens an zweiter Stelle 
wellenförmig geschwungen, an erster mehr geradlinig erscheint. Die 
geringere Höhe teilt dieses Zeichen mit der y^-Rune der Inschrift, 
einer regulären geschlossenen Raute, aber seine Stellung hält sich 
nicht wie bei dieser auf dem Niveau des mittleren Zeilenraumes, 
sondern fußt im ersten Falle auf der Grundlinie, im zweiten auf der 
Mittellinie, so daß es also hier im oberen, dort im unteren Zeilen- 
raume steht. 

Dieses Zeichen hatte Bugge im 8. Bande des Arkivs f. nord. 
fil. 1892 für ein Abkürzungszeichen gehalten, während es Noreen 
in der zweiten Ausgabe der An. Granmi. als o las. Im vorliegenden 
Werke ist Bugge zunächst S. 307 geneigt, dasselbe entweder als 
umgelegtes o St, oder als graphische Vereinfachung einer Ligatur 
von St mit H zu fassen, also entweder o oder diphthongisch öu zu 
lesen, während er S. 559 sich dahin entscheiden zu sollen glaubt, 
daß das Zeichen graphisch als Ligatur zweier ti-Runen, einer auf- 
rechten und einer gestürzten anzusehen, alphabetisch aber als Aus- 
druck für langes ü zu bewerten sei. 

Was die Deutung anlangt wird durch diese veränderte Auffassung 
freilich eine weitere Verschiebung nicht begründet. *ba oder *6ö 
oder *böu wäre nach Bugge in jedem Falle Imperativ des Verbums 
büa, ostnord. boa >habitare< und *ru oder *rö oder *röu irgend eine 
Form entweder des Substantivs an. ro >quies<, etwa mit adverbialer 
Bedeutung, oder eine solche des Adj. ror >quietus<, die ganze Phrase 
also ein umord. >requiescas in pace«. 

Diese Erklärung scheint ja wohl überzeugend, aber wir sind ihr 
gegenüber in der merkwürdigen Lage, zwar den Sinn, ja auch im 
allgemeinen die Wörter zu kennen, über Laut, Zeichen und genauere 
Formulierung aber einer sicheren Entscheidung zu entbehren. 

Ich vermag die Zuversichtlichkeit nicht zu teilen, mit der Bugge 
an der letzten Stelle sich für Ligatur zweier u ausspricht, denn die 
zusammengesetzten Zeichen, die er aus anderen, späteren Inschriften 
hierzu vergleicht sind dem Ansehen nach mit dem von Opedal keines- 
wegs gleich und die Erklärung der erschlossenen Sprachform *ruu 
aus älterem *röwu als eine Art Umlaut durch folgendes w + ü, wie 
in dem wohl vom Dat. plur. ausgehenden an. Nom. plur. sM<w aus 
*sköwö& neben Nom. sing, skor aus *8köhaR Bugge S. 559, halte ich 
nicht für schlagend genug, daß sie mir über die enttäuschte Er- 
wartung einer Form mit umord. ö in der Stammsilbe, also *rö oder 
*röu hinweghülfe. 

Da eine Lesung *bü röu >mane quiete< oder >quieta€, also mit 

GOU. gel. Ans. 190«. Mr. 8. 8 



106 Gott. gel. Anz. 1906. Kr. 2. 

verschiedenem Lautwerte des Zeichens nicht gewagt werden kann, 
trotzdem es an den zwei Stellen weder formell ganz gleich, noch in 
identischer Weise angebracht ist, da femer eine einheitliche Lesung 
uu nicht empfohlen, ja nicht einmal für das erste Wort begründet 
ist, denn es war für den Verfertiger der Inschrift wohl kein Hindernis 
auch in diesem Worte die noch viermal vorkommende gewöhnliche 
ti-Rune anzubringen, kann ich nicht anders, als die frühere S. 307 fL 
vorgetragene Ansicht Bugges als die auf richtigeren Bahnen wandelnde 
zu betrachten und einheitlich *böu röu zu lesen. Ich möchte dabei 
die Alternative offen halten , daß das erste Wort als fem. Substantiv 
und Entsprechung zu aksl. m-bava > Aufenthalte, aschwed. bö > Wohn- 
sitze, griech. in (pcD-Xsög > Wildlager«, Noreen, Abriß S. 35, zu er- 
klären sei. 

In diesem Falle hätten beide Wörter die identische Flexion des 
Nominativs oder wohl besser des Akk. sing, und bildeten , von einem 
weggelassenen Imperativ oder Optativ »habeas« abhängig, einen 
Wunsch oder Zuruf an den Verstorbenen, der gleich dem krimgot 
knauen tag konstruiert und als >sedem quietam« oder freier >bonam 
pacem« zu verstehen wäre. Dies jedoch nur als zweite Möglichkeit| 
denn ernstliche Schwierigkeiten, *höu als Imperativ zu fassen, sehe 
ich doch eigentlich nicht und die got. Redensart aid bauan >ein 
Leben führenc zu 1. Tim. 2, 2 ist zu verlockend, als daß man nicht 
das erste Wort der Phrase *böu röu in verbalem Sinne verstünde. 
Geht westnord. büa, ostnord. böa, got. bauan auf langdiphthongisches 
*böuan zurück, was wegen des westnord., westgerm. Wandels von ö 
zu ü doch recht wahrscheinlich ist, so ergibt sich ein Imperativ mit 
auslautendem u ja ganz von selbst. 

Daß dieser Wunsch möglicherweise christlichen Ursprunges und 
Nachahmung aus lateinischen Inschriften sei, will ich nicht bestreiten; 
was er aber in dieser angenommenen Eigenschaft beitrage, das Alter 
der Inschrift von der Mitte des 6. Jahrhunderts, S. 310, in die Zeit 
von 600 bis 650, Bugge S. 560, heraufzurücken ^), entzieht sich meiner 
Einsicht. 

Bei einem effektiven Werte öu für das Zeichen x ist nun die 
graphische Ableitung aus einem um einen rechten Winkel nieder- 
gelegten einfachen St ausgeschlossen und es muß angenommen werden, 
daß es vielmehr ein Ergebnis alphabetischer Ligatur sei. 

Abweichend von Bugge, der S. 307 den Versuch machte, dasselbe 
aus mehr u herzuleiten, wobei ich kein Gewicht darauf lege, daß 
der lautphysiologischen Folge der Buchstaben keine analoge graphische 

1) Noreen, An. Gramm. 1», 8. 840: 6. Jahrhundert. 



Norges Indskrifter med de seldre Roner. * 107 

Folge in der Kombination entspräche — Bugges Ligatur mit dem u 
voran ergäbe ja graphisch die Folge uo — , bin ich der Meinung, 
daß das Zeichen auf einer älteren Ligatur von a-jru beruhe , ur- 
sprünglich für den Ausdruck des Diphthongen au gebildet sei und 
später, da umord. au zu ou gewandelt wurde, ein Vorgang der für den 
Text von Opedal als eingetreten vorauszusetzen wäre, eben für diesen 
Diphthong gegolten habe. Für etymologisch zweisilbiges -d-u, mindestens 
in *röu^ vielleicht aber auch in *böu konnte das ligierte Zeichen 
ou gesetzt werden, weil sich die beiden Wörter in der gesprochenen 
Sprache der diphthongischen Einsilbigkeit genähert haben werden. 

Es ist ja allerdings ein Hindernis für die unmittelbare Anschau- 
lichkeit dieser Behauptung, daß im älteren Runenalphabet von einer 
derartigen Ligatur ou nichts weiter zu spüren ist. Daß aber die 
Tendenz, eine solche Ligatur zu bilden, gewiß da war, beweist die 
ags. ^a-Bune f, die auf irgend einer Kombination von Zeichen für 
a und u beruhen muß, und daß es vereinzelte Beispiele von 
Ligaturen geben kann, beweist die eine got. Ligatur au, die in den 
Exzerpten der Salzburger Handschrift einmal in der Sigle xäus über- 
liefert ist Darauf, daß die Figuren der lateinischen Majuskeln A 
und V in dem Zeichen der Opedaler Inschrift, rechts gewendet k, 
enthalten seien, will ich mich keinesfalls berufen, aber eine Ligatur 
auf runischer Basis ist wohl möglich, wenn in der Bindung eines ^ 
mit gestürztem V die beiden Abstriche des a zu Einern vereinfacht 
werden. Ein anderes Zeichen für ati:fl, das ist aH + tiPl, findet 
sich in dem reformierten jüngeren Fupark Thörodds, siehe B. M. Olsen, 
Runerne i den oisl. lit. Kobenh. 1883, S. 85. 

Dem gegenüber muß man die ursprüngliche Meinung Bugges, 
daß b. n im Sinne von >lod reise« oder >Iod gjöre runerne« aus- 
zufüllen und gleichsam als ein umord. > faciendum curauit« zu ver- 
stehen habe, fallen lassen. Um so mehr, als sich die vermeint- 
liche kreuzförmige Interpunktion des Steines von Möjebro seither 
als vollwertiger Buchstabe herausgestellt hat, Noreen, An. Gramm. 
P S. 340, und sich außerdem an späterer Stelle dieser Besprechung 
die ähnliche Interpunktion des einen Steines von Myklebostad gleich- 
falls als literales Zeichen erweisen wird. % 

Alles übrige im Texte ist durchsichtig. *Birgingu ist Vokativ, 
ebenso die Apposition hierzu swestar minu und liubu men Wage ver- 
tritt einen an diese anknüpfenden Relativsatz. Der ganze Ausrufungs- 
satz kann mit > Birginga mane quieta, soror mea, dilecta mihi Vago!< 
ziemlich einwandfrei übersetzt werden. 

Daß der Personenname *Wagas gleich dem norweg. Volksnamen 
Vagar sei, wie ich Z. f. d. A. 45, 134 vermutete ^ halte ich auch 

8* 



108 • Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

heute noch für möglich. Das proklitische Pronomen men hat eher 
Kürze des Vokales ^ als Länge. Ueber die silbische Geltung der 
tftjf-Rune im Frajiennamen ist kein Wort zu verlieren. Auf die Al- 
literationen des Textes : b und m und seine rythmische Folge macht 
Bugge S. 309 mit Recht aufmerksam. 

Zu den wortreicheren Grabschriften der ältesten Zeit gehörte 
auch das Fragment des Steines von Vetteland, Bugge Nr. 39, aus 
der Erde gepflügt 1896. Das Bruchstück, lichtroter Granit, ist 
1.11m lang, 0.76m breit, 0.18m dick. Die Inschrift, drei rechts- 
läufige Zeilen im GtocxtiSöv -Verhältnisse, abgebildet S. 439, 441, 442, 
dürfte an dem in situ gedachten Steine, der sicherlich unter freiem 
Himmel aufgerichtet war, von unten nach oben gegangen sein. Ihre 
Transliterierung ergibt den lückenhaften Text: ...ist | ...Ina | 
...das faihido. Vor dem Verbum faihiäo »scripsi« am Ende der 
Inschrift, das in der gegebenen Form schon vom Einangersteine her 
bekannt war, hat ein mask. Personenname gestanden, dessen zweiter 
Teil 'StaldaH oder -^idaR oder irgend ein anderes Wort des urnord. 
Namenschatzes mit anlautendem d in zweiter Silbe gewesen sein muß 
und der vielleicht mit einleitendem *ek verbunden war. Die drei 
Buchstaben der zweiten Zeile ergänzen Bugge und Olsen zu *staina^ 
die drei der ersten zu *raist als urnord. Form des Präteritums von 
an. rista stv. »schreiben«. Die Konkurrenz der beiden Synonyma 
für »schreibenc in dem einen Texte wird S. 441 so aufgeklärt, daß 
an erster Stelle der Auftraggeber, der die Inschrift machen läßt, an 
zweiter aber der Runenmeister, der sie körperlich ausführt, gemeint 
und genannt sei. Daß dies möglich sei bewiese der Ausdruck faßi 
fapiB des Röker Steines, von der Person gebraucht, die die Kunen 
schreiben ließ. Den Akkusativ *8iaina denken sich Bugge und 
Olsen von einer Präposition, etwa an, abhängig und konstruieren ein 
Textgerippe: >N. N. nach N. N. schrieb die Runen auf diesen Stein. 
Ich ...d malte sie«, aber S. 571 hält Bugge mit Berufung auf die 
Textierung der aus dem späten Mittelalter stammenden Inschrift von 
Eggemoen, in der rceUt > schrieb« und rceisti » errichtete < aufeinander 
folgen : . . . rceisi : mik : ok : rceisti \ amunde, in der zweiten Zeile auch 
einen Satz »und errichtete diesen Stein« für möglich, so daß der 
Akkusativ dann doch direkt vom Verbum abhinge. Die Inschrift 
datieren die Herausgeber mit Berufung auf die Verwandtschaft des 
Steines von Einang um das Jahr 400. 

Das ist selbstverständlich nur ein Versuch, der aber immerhin 
darüber belehrt, wie viel ungefähr an der Inschrift fehlt. Da faihjan 
vermöge seiner etymologischen Herkunft ursprünglich >pingere€ be- 
deutet und H. Pipping auf den in der Grundmauer der Kirche zu 



Norges Indskrifter med de seldre Rnner. 109 

Ardre 1900 gefundenen Platten mit jüngeren Runen zum Teil Aus^ 
malung der Buchstaben mit Mennig festgestellt hat, so könnte die 
Doppelheit von rista und fd in unserm Falle auch auf die zweifache 
gewerbliche Tätigkeit des Steinmetzen und des Malers bezogen 
werden. 

Einfacher ist eine kleine Gruppe von Inschriften B0, Stenstad 
und Tomstad, bei der lediglich der Name des Bestatteten im Genitiv 
zusammen mit einem auf das Grabdenkmal gehenden Sachworte 
auftritt. 

Die Inschrift des Steines von Bo, Bugge Nr. 16 — die ersten 
Nachrichten über denselben stammen aus 1865 — , einer 1.87 m hohen 
und an der breitesten Stelle 0.60 m breiten Säule aus feinkörnigem 
lichtgrauem Granit, die ursprünglich unter freiem Himmel aufgestellt 
war, erstreckt sich in der Ausdehnung des zweiten oberen Viertels 
mit rechts gewendeten Runen von oben nach unten. Die Lesung 
der einen Zeile , siehe die Abbildungen S. 238 und 239 , ergibt nach 
Bugges berichtigender Beobachtung den Text hnabdas hlalwa. Das 
zweite Wort ist die umord. Entsprechung zu got. hlaiw n. yxtitpo^^ 
(iV7)(i£iov<, ahd. hUieo >mau8oleum, aceruus, tumulus, agger«, as. hlio, 
ags. hUtv, hltew, mhd. le, das erste der Genitiv eines mask. Personen- 
namens *HnaSäaR, den ich Z. f. d. Ph. 32, 295 als Beinamen definiert 
habe. Wimmer, Die Runenschrift, S. 303, setzt den Stein in die 
zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts, wogegen Bugge S. 243 nichts 
wesentliches einzuwenden hat, doch die Bemerkung macht >so genau 
lasse sich die Zeit doch wohl nicht festsetzen, auch sei es unver- 
ständlich, warum der Stein von B0 als jünger angesehen werde als 
der von Strand«. Allgemeiner >6. Jahrhundert« gibt Noreen, An. 
Gramm. P, S. 335, an. 

Mit einem anderen Sachworte verbunden ist der Personenname 
der Inschrift von Stenstad, Bugge Nr. 9. 

Der schon 1781 in einem Grabhügel gefundene Rollstein, Quarz, 
von mäßigem Umfange, trägt, auf eine kräftig markierte Grundlinie 
gesetzt, in rechtsläufigen Buchstaben die eine unabgeteilte Zeile 
igQon fialSB, nach Bugges Situierung des bimförmigen Steines, 
S. 176, von oben nach unten verlaufend und die linke Hälfte des 
Feldes beherrschend. 

Die vierte Rune liest Bugge als iig, wiewohl er S. 179 die 
Lesung ;, gegen die sich vom sprachlichen Standpunkte nichts ein- 
wenden lasse, in Erwägung zieht. 

Ich kann, je länger ich dieses Zeichen mir einpräge, das an 
Höhe den übrigen Runen gleich aus zwei Hastenhälften besteht, einer 



110 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

oberen vertikal herabsteigenden und einer unteren mit schiefen 
Winkeln auf die Grundlinie einsetzenden, die beide durch eine, einem 
liegenden S gleichende Kurve verbunden sind, um so weniger zur 
Ueberzeugung kommen, daß es von der auf eine Ecke gestellten 
Baute, dem nach meiner Meinung typischen Zeichen des ng seinen 
Ausgang habe und nicht vielmehr eine besondere Form der, wiederum 
nach meiner Ansicht ursprünglichen, runden auf dem lat. Q unmittel- 
bar beruhenden ;-Rune sei. 

Bugge meint S. 179 das Zeichen von Stenstad gliche mehr dem 
offenen Zeichen der Skäängerinschrift, das sicher ^ sei, als der ge- 
schlossenen j-Bune des Bracteaten von Vadstena. Aber das eben, 
daß das Zeichen von Skääng ng sei, bezweifle ich lebhaft, und finde 
in der Stenstader Bune nichts anderes als eine dritte besondere und 
offenbar fakultative Ausprägung ein und desselben typischen Zeichens 
für j. 

Aber nicht nur paläographisch, das ist auf Grund der Verwandt- 
schaft des geometrischen Bildes, empfiehlt sich diese Lesung, sondern 
auch sprachlich, denn der Frauenname B%rg(i)nggu des Steines von 
Opedal zeigt schon, daß die Feminina zu den urnord. mask, tn^o- 
Ableitungen : JEToI^in^aii Gallehus, iu^m^ais Beistad als starke d-Stämme, 
nicht als schwache dn-Stämme, gebildet wurden. 

Bugges Erklärung des Wortes hdlaR mit orthographisch ein- 
facher Schreibung der eigentlich gebührenden Geminata U, wie 
urnord. Fino Berga statt *Ftnno, also *hall<iR gleich an. hallr »Stein«, 
litt. Jcdlnas >Berg< , aber got. ti-Thema: Jiallus, ist um so mehr 
treffend, und die Möglichkeit, daß das Wort Personenname sei, um 
so mehr auszuschließen, als Bugge diesen Ausdruck auch in der 
jüngeren Runeninschrift von Tose, sowie in modern schwed. dial. 
lihhall m. > Leichenstein, Grabmal« nachzuweisen vermag. 

Den Stammvokal des im possessivischen Genitiv stehenden 
Frauennamens ^Igijo muß man nach der von Bugge S. 32 aus 
Brugmanns Grundriß wiederholten ig. Regel: >im Inlaut vor Vokal 
steht Halbvokal j nach Kürze und einfacher Konsonanz, aber ij nach 
Länge und einfacher, oder nach Kürze und mehrfacher Konsonanz«, 
für lang halten, was nicht ausschließt, daß das Element mit dem in 
got. Igila Urk. v. Neapel gelegenen identisch sei, da wir ja die 
Qualität des letzteren nicht kennen. Aber freilich, so streng wird es 
mit dieser Regel nicht zu halten sein, da wir neben der in ihrem 
Sinne korrekten Schreibung Harja des Kammes von Vi, vgl. Wimmer, 
Die Runenschrift, S. 63, auf dem Steine von Skääng die derselben 
nicht entsprechende Harija mit ij statt j finden. Wimmer, Die 
Runenschrift, S. 303, setzt die Inschrift in die zweite Hälfte des 



Norgefl Indskrifter med de aeldre Runer. Ill 

6. Jahrhunderts. Die bei Bngge S. 182 mitgeteilten archäologischen 
Urteile über die mit dem Steine gefundenen Gegenstände ergeben 
eine Datierung um das Jahr 500, der sich auch Noreen, An. Gramm. 
P, S. 342, > gegen 500«, anschließt. 

Der dritte Stein dieser Untergruppe ist das Fragment von 
Tomstad, Bugge Nr. 12, gefunden 1851 oder 1852, eme Platte aus 
Hornblende-Granit, 0.66— 0.85m lang, 0.47 m breit, 0.11m dick. 
Der Stein stammt nach Wimmers Annahme, Die Runenschrift, S. 301, 
aus einem Grabhfigel und gewährt eine die Mittellinie entlang 
laufende Zeile in linksgewendeten Runen, siehe die Abbildung bei 
Bugge S. 207, transliteriert ...an : warna, in der ein Sachwort 
toaruR mit dem possessivischen Genitiv eines auf -n auslautenden 
mask. Personennamens verbunden ist. Die Bedeutung des Sach- 
wortes scheint mir freilich noch nicht gesichert,, da das von Bugge 
S. 208 verglichene isl. Wort aus den Sagas: vor fem., neunord. vor 
mask. > Reihe aufgelegter Steine an einer Landungsstelle« doch wohl 
von dem Neutrum v^r gleich ags. wtxroV >Platz an der See«, Noreen, 
An. Gramm. P, S. 167, 5, etymologisch nicht verschieden sein wird. 
Deshalb kann der von Bugge ermittelte Sinn > Steinsetzung < , oder 
Noreens »Steinkreis<, An. Gramm. P, S. 344, nur als Versuch, nicht 
als wirkliche Lösung angesehen werden. Die Zeit des Denkmals 
bestimmt Wimmer, Die Runenschrift S. 303, auf die zweite Hälfte 
des 6. Jahrhunderts, womit sich Bugge S. 209 einverstanden erklärt, 
Noreen, An. Gramm. P S. 344, in weiteren Grenzen auf das 6. Jahr- 
hundert überhaupt. 

Einen anderen textlichen Typus, der weder von Stiftung des 
Denkmales in irgend einer Form ausdrücklich spricht, noch auch ein 
charakteristisches Sachwort gewährt, sondern sich nur in Personen- 
namen bewegt, stellt die Inschrift des Steines von Aarstad, Bugge 
Nr. 15, dar. 

Dieser 1.21m hohe, an der Basis 0.78m breite, 0.13m dicke, 
nach oben spitz zulaufende Stein, Granit, stammt aus einem um 1855 
eröffneten Hügel mit Grabkammer, außerhalb deren westlicher Wand 
er errichtet war. Unter den Beigaben des Brandgrabes, stark ver- 
rosteten Eisensachen, fanden sich auch Perlen. 

Die Inschrift besteht aus drei parallelen, auf die Längsachse 
senkrechten, von links nach rechts zu lesenden Zeilen, von denen 
die erste und zweite in der oberen Hälfte des Steines liegen, die 
dritte sich ganz unten am Rande hinzieht. Der Text ist, transliteriert, 
hiwlgaa I saralu | pingwlnaa, nicht ohne mehrfache Zweifel, da 
Bugge S. 229—230 neben hiwigan auch hüifiaR zuläßt, obwohl er 
seine Erklärungen dieses Namens hier wie später S. 540 doch auf 



112 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

die Lesung mit w, nicht Z, gründet, beim dritten Worte aber es 
zuerst S. 230 mit einer Lesung engwinau versucht, dieselbe S. 233 
auf Grund neuer, zusammen mit Rygh ausgeführter Untersuchung 
durch pingwinaR ersetzt und endlich S. 539 — 540 wieder xingwinaR für 
möglich hält. 

Die beiden phototypischen Abbildungen bei Bugge S. 226 und 
227 scheinen mir allerdings die Lesung UwigaR zu bestätigen und 
eine Lesung ping\.. mindestens zu gestatten; glaubt man doch 
an der ersten Hasta noch einen Schimmer des seitlichen Bogens der 
j^-Rune zu sehen. Das auslautende r des dritten Komplexes ist nach 
Bugge, der S. 230 noch die Spur eines linken Abstriches zu er- 
kennen meint, ein gestürztes A- Ich muß gestehen, daß ich, 
freilich nicht nach der ersten, wohl aber nach der zweiten Ab- 
bildung S. 227 versucht gewesen wäre, auf ein zu dem der ersten 
Zeile stimmendes aufrechtes Y zu raten ; das Nebeneinanderbestehen 
beider Formen in einer Inschrift wird aber allerdings durch Järsberg 
(Varnum) mit drei A gegen ein Y und By mit einem A gegen sechs 
Y gewährleistet. 

Der Auffassung Bugges: hiwigaR mask. Personenname mit a-Thema 
im Nominativ S. 231, a,her pingtvinaR mask. Personenname mit i-Thema 
im Genitiv wie der Genitiv des i-Stammes pulaR Snoldelev S. 234, 
stimme ich vollinhaltlich zu, nur nicht der auch von Bugge in Zweifel 
gezogenen Ansicht, daß die Flexion des Genitivs des mask. t-Stammes 
urnord. *winiRj an. vinr: urnord. -winaRy an. t'inar eine Entlehnung 
aus der a-Deklination , also vinar nach sunar, oder die der fem. 
i-Stämme eine solche aus der ö-Deklination, also dstar nach giafar 
wäre. Es ist mir sehr viel wahrscheinlicher, daß die nord. Genitiv- 
endung der mask, und fem. t-Stämme einheitlich auf -aie zurück- 
gehe, das beim got. Fem. anstais erhalten ist, während es bei den 
Maskulinen -fadis z. B. durch die Flexion der ö»-Stämme ersetzt 
wurde. 

Für die Lesung des Anlautes ist der Bestand eines ahd. Namens 
Dingwin a. 801 und 823, Dronke Cod. dipl. Fuld., sowie anderer 
Composita mit diesem Elemente wie die deutschen Thinghraht, TJnn- 
gold , ags. pingfriä^ aschwed. pingfastr^ pifigbj^m , pingulfr doch von 
solchem Belange, daß wir sie der Lesung *IngwinaR vorziehen müssen, 
die uns eine unerklärte Hasta zurückließe, sowie der Lesung ^Eng- 
winaR, bei der man nicht begriffe, wieso hier der german. Regel 
entgegen vor gedeckter Nasalis sich altes d* erhalten oder gar neues 
^ für l hätte eintreten können. Mit Bugges letztem Vorschlage n 
aber ist wohl am allerwenigsten etwas anzufangen, eine Doppel- 
schreibung nicht gerechtfertigt und eine Deutung derselben als 



Norges Indskrifter med de aeldre Runer. 113 

Kürzung für ini, Bugge S. 539—541, weder graphisch glaublich noch 
textlich ein Gewinn. 

Dem Fehlen eines Themavokales in dem mutmaßlichen Namen 
"^pingwinxR, das Bugge schon S. 234 beirrt, legt er auch an der 
späteren Stelle ein viel zu großes Gewicht bei. 

Eine Thema ^pinga- müßte man ja gar nicht fordern, da das 
Wort nach Ausweis von langobard. thinx alter «-Stamm ist. Man 
kann also auch das konsonantische Thema zugrunde legen. Aber 
allerdings vermag man dem Kompositum *pingwiniR nicht mehr 
anzusehen, ob in dasselbe konsonantisches ^ping- aus *pingR oder 
vokalisches *pingu- aus *pinguH eingetreten ist. 

Hinsichtlich des ersten Namens HiwigaR bin ich mit Bugge 
S. 231 der Ansicht, daß derselbe wie deutsches Ödagj an. *Auäigr 
im Ortsnamen Audigxstadir ein Adjektiv auf -ga sei % aber die Ab- 
leitung betreifend möchte ich doch weder mit Bugge auf an. hy aus 
*hiwa^ reflektieren, noch die Länge des Stammvokales für ausgemacht 
halten. Ich möchte am liebsten das germ. ib-Neutrum got. hiwi 
>|iöp(pü>otc, forma, species <, ags. hiw, hiow^ heo > species, figura, forma, 
decus« zugrunde legen und urnord. hiwiguR, das man dann als 
suffixale Parallele zu ags. hiwe > beautiful < betrachten kann, als 
>formosus, pulcher< erklären. Der Name ist Beiname gleich dem 
lateinischen Adjektiv etwa in der Kombination P. Claudius Pulcher 
bei Livius und bedarf nach der kategorischen Seite hin keiner 
weiteren Auseinandersetzungen. 

Was den mittleren Komplex der Inschrift saralu angeht, möchte 
ich dem älteren Bugge gegenüber dem jüngeren zum Rechte ver- 
helfen. 

Daß es gewagt und unsicher sei, sar als Adverbium >hier<, ahd. 
gelängt sär >auf der Stelle, sofort«, zu nehmen, versichert uns Bugge 
S. 540 selbst, wo er die Erklärung von S. 232—233 sar alu >hier 
der Schutz, das Schutzzeichen < verläßt und einem Kompositum 
*sär-alu aus *sa%ra'alu das Wort redet.*) Aber im Jahre 1871 hat 
Bugge, wie er Note 3 zu S. 231—232 mitteilt, den ganzen Komplex 
für einen weiblichen Personennamen gehalten und bemüht sich nun 
an dieser Stelle seine alte, meiner Ueberzeugung nach ganz richtige 
Beurteilung aus den Aarbegern, der auch Wimmer, Die Runenschrift 
215, beigetreten ist, zurückzuweisen, da eine weibliche Nebenform 

1) Ebenso sa wilagaR Lindholm. 

2) Die im Zusammenhange damit vorgeschlagene neue Erklärung des Ein- 
ganges *hiv>-ig (GjdRj das ist Präteritum hiu mit enklitischem Pronomen »ich 
hiebe und * OdR als Personenname an. Geirr ist meiner Ansicht nach ein Rück- 
schritt gegenüber der früheren. 



114 QM. gel Anz. 1906. Nr. 2. 

ZU an. 8frli:*8artdo lauten müßte und eine anf -d, nicht -du, 
gebildete Form, die an. *Sfrfd oder *Sprl wäre, weder nachgewiesen 
noch etymologisch erklärt werden könne. 

Nun kann man bereitwillig zugeben, daß der Mangel eines ent- 
sprechenden an. Frauennamens ein bedauerlicher Ausfall sei, aber ein 
Beweis gegen die Existenz eines umord. Fem. Sardlu ist dieser 
Entgang doch keineswegs und die Voraussetzung Scurcdu könne nur 
als Z-Deminutivum, wie eben S^rli, ahd. Saralo, Sarelo, nach got. ma- 
gula, matüilOy barnilo konstruiert werden, ist durchaus unzutreffend. 

Wir konstatieren ja im germ. Namenschatze auch eine Gruppe 
von adjektivischen Bildungen auf l wie Thancal, Wg. Trad. Corb. 9, 
Tancolj Mur. 1692, 2: ags. pancol, panctd; Idalus, Pol. Irm. 8, Idala 
ebenda 8, Idela Pol. R.: ahd. Ual >uanus, inanis«; Hwadoi St. 6. 
a. 799 wohl: ahd. wadal >egenus, pauper< und dazu gehört schon 
got. Amol bei Jordanes. 

Der Auslaut dieser Maskulina erweist uns das u von Saralu als 
umord. Flexion eines germ. d-Themas und die Bedeutung eines Adj. 
wie ahd. worfai »uerbosus< , oder eines Personennamens wie Pieala 
Meichelbeck 11: bie >mor8us<, also >niordax< führt gleich den 
got. Vertretern dieser Kategorie slahals^ slahuls >zum Schlagen 
geneigt«: slahs, sakuls > streitsüchtig« : ahd. sahha, weitiuls >irApotvoc« : 
wein auf den Begriff der > Geneigtheit zu etwas«. 

Es ist ja selbstverständlich nicht gut ^möglich noch einen Schritt 
weiter gehen und die genaue appellativische Qualität des im urnord. 
Nomen gelegenen Adjectivs feststellen zu wollen. Die reiche Be- 
deutungsentfaltung des Wortes searu im ags., zu dem bei Bosworth- 
ToUer 15 lateinische Glossierungen angegeben sind, muß zur Vorsicht, 
wenn nicht zur Enthaltung mahnen, immerhin könnte man von diesen 
etwa >ars, dolus, insidiae« hervorheben, falls die Bedeutung auf 
geistigem Gebiete gesucht werden soll. Aber auch der gewöhnliche 
auf Waffen und Rüstung gehende Inhalt des germ. Wortes kann als 
Basis eines entsprechenden Adjektivs und im weiteren eines walkü- 
rischen Frauennamens sehr wohl in Verwendung gezogen werden. 

Die «(^-Synkope in Saralu für *Saru;alu kann aus der analogen 
Erscheinung im ahd. wureala gegen ags. wyrtwahi erläutert werden, 
nur daß sie eben älteren Datums wäre. 

Die syntaktische Verknüpfung der drei Namen ergibt sich mir aus 
der Annahme, daß sarala nicht Nominativ sondern Dativ sei. Ich kon- 
statiere demnach zwischen UiunijaR Sarala dasselbe Widmungsverhältnis, 
das aus Heida n KHnimu(n)äiu Tjurkö bekannt ist und zwischen Sarala 
fiingwinan dieselbe patronymische Beziehung, die in A(n)sugJsa1as 
Muha Kragehul angenommen wird, d. h. UiicigaR ist der überlebende 



Norges Indskrifter med de »Idre Rtiner. 115 

Stifter des Grabmales, Sardu die Bestattete nnd ^pingwiniR ihr 
Vater. Das Vorhandensein von Perlen unter den Beigaben des 
Grabes wird für die Annahme, daß eine Frau in demselben zur Ruhe 
gebettet sei, nicht bedeutungslos sein. Das mutmaßliche nähere 
Verhältnis des Dedikanten zur Beerdigten kann als das des Sohnes 
zur Mutter oder des Gatten zur Gattin aufgefaßt werden. Bugge 
S. 235 setzt den Stein an das Ende 6. Jahrhunderts. Ebenso Noreen, 
An. Gramm. P, S. 347, »gegen 600«, etwas später um 625 Wimmer, 
Die Runenschrift S. 304. 

Die Sprache der bisher behandelten Denkmäler ist im wesent- 
lichen gleichartig und gewährt den ältesten Typus des Urnordischen. 
Das gilt nicht mehr für die Inschrift von By, Bugge Nr. 6 , die ich 
deshalb gesondert bespreche, wiewohl sie ihrem textlichen Charakter 
nach bei der ersten Gruppe, der ausführlicheren Grabinschriften, 
unterzubringen gewesen wäre. 

Der Stein von By, eine Granitplatte von 1.68m Länge, Im 
Breite und 0.24m Dicke, von dem eine Notiz in der hsl. >6eskri- 
velse angaaende Eger, Modum og Sigdals Sorenskriveriesdistrict« 
von G. Falch aus dem Jahre 1744 berichtet, daß er früher auf einem 
Erdhügel lag, trägt am vom Beschauer rechten Ende der einen 
langen Schmalseite eine am untern Rande von links nach rechts 
laufende Inschrift, die mit einer kurzen zweiten auf der ersten un- 
gefähr senkrechten Zeile am rechten Rande dieser Seite abschließt. 

Bugges Lesung auf Grund des Originales, vgl. den Papier- 
abdruck S. 93, ergibt mit Benutzung sowohl der Zeichnung Falchs, 
als auch einer solchen von Haslef aus dem Jahre 1810 den ge- 
sicherten Text: eirilaB hroBaa EroBea orte pat aalna . . . | rmps. 

Nach amna bis zur Ecke ist noch Platz für etwa neun Runen, 
deren Spuren die Lesung utalaia mit folgendem aus Haslefs Zeich- 
nung herübergenommenen da zu ergeben scheinen. Zwischen u und 
t glaubt Bugge noch den oberen Bogen eines B zu erkennen und 
für das letzte u, das ein umgewendetes ist, nimmt er S. 108 Ligatur 
mit B :ub, doch bu zu lesen, an, S. 198 aber nach neuerlicher mit 
Rygh angestellter Untersuchung eine solche von u + f, textlich : fu. 

Die aufsteigende Kurzzeile, deren letzte Rune ^ Bugge, dem 
mutmaßlichen Lautwert e Rechnung tragend , mit b transliteriert, ist 
zwischen zwei parallelen Linien eingeschlossen. 

Die ersten drei Worte des gesicherten Textes deutet Bugge 
S. 97 ff. als Kombination von Titel eirüaR , sonst erüaR , Personen- 
namen HröRQR, zu dem Adj. ags. hrorj as. hrör^ nhd. in Hihrig und 
Patronymikon HröR^R mit Endsilbe -^r aus älterem -Tä, das seiner- 
seits gleich got. -eis in hairdeis, Kontraktion aus -j^ ist. 



116 Gott. gol. Anz. 1906. Nr. 2. 

Dasselbe patronymiscbe Suffix, das dem kelt. und griech. -toc 
entspricht, findet sich in HaeruwulafiR Istaby, schon von Lyngby und 
Wimmer in diesem Sinne erklärt. Das Verhältnis der älteren Endung 
'U zur jüngeren -^r sei dasselbe von älterem an. hiräir zu späterem 
hiräer. 

Bugge findet es wahrscheinlich , und ' man wird ihm darin zu- 
stimmen, daß der Umlaut von an. hrepe, obwohl in der Schrift nicht 
kenntlich gemacht, doch in der Aussprache von HröneR vorhanden 
gewesen sein müsse. 

Die S. 100 mitgeteilten an. Beispiele von Gleichnamigkeit des 
Vaters und Sohnes, auch in patronymischen Kombinationen bezeugt, 
beseitigen jedes Bedenken hinsichtlich der von Bugge gegebenen 
Auslegung. 

Das Verhältnis von urnord. erilaR zu an. jarl, an. eorl, as. erl 
deutet Bugge S. 100 f. als ein solches von Doubletten mit und ohne 
Suffixvokal und findet bei dieser Gelegenheit, der Bogen ist 1892 
gedruckt, die einzig richtige Erklärung des got. Frauennamens bei 
Jordanes Erelteua als wulf. "^Airilagiha, 

Da zu diesen Doubletten auch der alte Volksname Herüli gehört, 
der nach meiner Meinung eine Latinisierung mit Einwirkung von 
hi^rtis, also auf deminutives h^rülus umgedeutet ist, wirft sich für 
Bugge die Frage auf, ob nicht erilüR hier wie in anderen Fällen ur- 
nordischer Inschriften als Volksname zu verstehen sei. S. 101 ent- 
scheidet er sich noch für den Standestitel, aber S. 530—531 ist ihm 
der als Personenname verwandte Volksname wahrscheinlicher ge- 
worden. 

Eine an orte > fecit < geknüpfte Betrachtung über urnord. w im 
Anlaute vor dunklem Vokal führt Bugge S. 103 zu dem Ergebnis, 
daß der Abfall des w in die Mitte des 7. Jahrhunderts, der auch die 
Inschrift von By angehöre (S. 115)^), zu verlegen sei. 

Das Objekt zum Verbum pat amna bietet die auch im finn. 
arina bewahrte urnord. Entsprechung zu an. arttin, nur mit dem 
Unterschiede, daß dieses Maskulinum ist, jenes aber Nentrum 
sein muß. 

Die Bedeutung des an., isl. Wortes ist >Heerd< aber auch 
»Erhöhung, Bühne, Gestell«, die des finn. auch >Klippe< im Meere. 
Innerhalb dieser Bedeutungen, zu denen noch »Fußboden, Tenne« 
und > Altäre kommt, halten sich auch aschwed. cerinj ahd. erin^ 
mhd. eren, ern m. und n. 

Für den vorliegenden Fall hege ich keinen Zweifel, daß aRina 

1) In weiteren Grenzen 7. Jahrhundert, Noreen, An. Qramm. P, S. 835. 



Norgcs Indskrifter med de seldre Runer. 117 

nicht (lie flache Steinplatte bezeichne, sondern den Erdhügel, der 
über dem Grab errichtet war. Ich übersetze das Wort mit > tumulus« 
und betrachte es für diese Auffassung als irrelevant, ob die Platte 
schon ursprünglich außen auf dem Hügel lag, oder wie Bugge S. 116 
vermutet, innerhalb desselben die Grabkammer deckte. 

Daß alaiuf\ um auf den unsicheren Teil des Textes zu kommen, 
gelesen *ala%fu, ein Obliquus, Akkusativ nach Bugge S. 108, jenes 
Frauennamens sei , der im historischen Altnordisch Älof oder Ölof 
lautet und ein umord. *Anulaihu, so besser nach Noreen, An. Gramm. 
P S. 77 Anm. , voraussetzt , ist einleuchtend und die Erklärung des 
f an Stelle eines erwarteten h bei Bugge S. 109 plausibel. 

Zweifelhaft aber glaube ich ist Bugges Gleichung seiner Lesung 
übt oder upt mit dem häufigen uft der jüngeren nordischen Inschriften, 
worin das u eine Aussprache deckt. Da es sehr möglich ist, daß 
überhaupt nur ut ohne ein drittes Zeichen dazwischen auf dem Steine 
gestanden hat, möchte ich befürworten, an das bekannte Adverbium 
üt zu denken und es zu dem vorhergehenden Verbum orte ... ü^ zu 
beziehen. Eine Verbindung *üt yrhia oder *yr1cia üt wie schwed. 
utßra, dän. udfere, mhd. üzwürken, üzrihten, üzarheiten scheint ja 
möglich; wir hätten sie als >perficere< oder genauer als >exstruere< 
zu verstehen. 

Für das hinter dem Personennamen stehende dR gewährt Bugge 
die Auflösung *dohfun, wobei nur zu bedenken wäre, ob nicht in 
demselben Texte, der orte für älteres ^tvarfUe bietet, eher *dottttR 
oder mit Verinfachung *dotuB erwartet werden solle. 

Beide aber, den Personennamen und die Apposition hierzu, nehme 
ich als Dative und glaube, daß auch in diesem Sinne die von Bugge 
S. 113 metrisch gegliederten Zeilen: EirilaR HröRaR \ HröReR orte \\ 

/ IL 

pat aRina üt \ Alaifu dötuR weder grammatisch noch metrisch irgend 
einen Einwand erfahren können. 

Die vier Runen der Kurzzeile am Ende sind offenbar die Anfangs- 
buchstaben einer gekürzten, formelhaften Phrase. Bugge vermutet 
S. 111 *runoR markide Pqr shaR d. i. >litteras scripsit has...« mit 
folgendem Personennamen im Nominativ. Ich möchte nur bemerken, 
daß, nachdem HröRUR . . . orte in dritter Person eingeführt ist, der 
Runenschreiber eher in erster Person sprechend gedacht werden muß, 
wonach *markiäo auszufüllen wäre, sowie daß mir die proklitische 
Form des Demonstrativpronomens von Einang pan hier nicht an- 
gebracht scheint. Das Pronomen wäre hier seiner Stellung nach 
betont zu denken, wie in rufiAB paiAR Istaby, an. peer, und es ist 
nicht ausgemacht, daß diese betonte Form ungefähr gleichzeitig mit 
der Form von Istaby auch "^päR gelautet haben kSmie. 



118 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

Den Namen, der sich hinter der iA-Rune birgt und der ja wohl 
mit der umord. Form des Namens dieser: *ehaR oder *lÄaÄ, Bugge 
S. 111, identisch ist, findet Bugge auch in der Inschrift des Brak- 
teaten von Aasum Ehe oder ihe ik akaa fahl, ehe bei Noreen, An. 
Gramm. P S. 347. Die Wortstellung vergleicht Bugge 112 mit 
jüngerem kund kiarßi ßatsi kitil slaJca aus Lilj. R. U. 895. 

Das Verbnm merkja ist aus jüngeren nord. Inschriften bekannt, 
ags. Beow. heißt es allerdings park runstafas mearcian. 

Viel weniger glücklich, glaube ich, ist der Vorschlag, den Bugge 
S. 531 macht, den Komplex dn rmps nach der Inschrift von Opedal 
in *dohtaR rowe minu par ine zu ergänzen. Ich kann in demselben, 
der stilistisch weitaus schwächer ist, der die metrische Anordnung 
des vorhergehenden Textes aufhöbe und mit der dritten Person des 
Verbums orte >fecitc, nicht orta »feci«, kaum vereinbar wäre, einen 
Fortschritt gegenüber dem vorher gegebenen keinesfalls erblicken. 

Gleichfalls um 650, doch wohl noch etwas nach diesem Zeit- 
punkte ^) , setzt Bugge S. 339 die Inschrift von Myklebostad B , die 
er unter Nr. 27 behandelt. 

Der Stein, ein Obelisk aus Hornblendegneis, ist 1.50 m hoch, an 
der Basis 0.45 m, am Kopfende 0.20 m breit und 0.11— 0.14 m dick. 
Es ist vermutlich derselbe Stein, über dessen Auffindung im Jahre 
1852 sich Pfarrer Kraft in einem 1857 geschriebenen Briefe äußert. 
Nach den Mitteilungen Krafts und Bendixens vom Jahre 1870, sowie 
nach seiner Form zu schließen, muß man annehmen, daß der Stein 
früher, bevor er zum Treppenstein degradiert wurde, unter freiem 
Himmel errichtet war, so daß die Inschrift, siehe die Abbildung 
S. 318, sich von unten nach aufwärts erstreckte. Diese Inschrift, 
die mit rechtsgewendeten Runen ungefähr die Mittellinie des Steines 
entlang läuft, besonders dargestellt S. 330, transliteriert und ergänzt 
Bugge S. 337 : writea aiha{>row[B] a[f]ti[B]. oramalaib[a] und deutet 

*tvrUeB als 3. sing, praes., an. ritr > schreibt <, *AihupröwR als Nom. 
eines mask. Personennamens, dessen erster Teil got. aiwi- in ahd. 
eo- : Eopirin, Eoperht, Ediup gelegen sei, dessen zweiter zu hu.pröasky 
ags. prowian gehörig in den an. Namen prör und Duraprör vor- 
komme, *aßiR als Präposition »nach« und *Oru^ndla%ba als Akkusativ 
eines nord. mit dem Elemente von Ormr^ Ormarr, Ornihüdr, ags. 
Wyrmhere, ahd. Wurmhari im ersten und 4aibaR im zweiten Teile 
gebildeten Namens. 

Wie unsicher die Lesung sei, zeigen die Unterpungierungen und 
Einklammerungen in Bugges voranstehender Transliterierung. Seine 

1) S. 338 auf 675—700 emgeengt. 



Korges Indskrifter med de spldre Runer. 119 

Deutung allerdings gibt einen einfachen und gerundeten Sinn, hu 
ist nach Bugge S. 337 eine Ligatur mit linksgewendetem m, das r 
in prow(R) ein solches ohne Hauptstab wie in der zum Röck-Typus 
gehörigen Inschrift von Gursten, Runverser S. 361. 

Noch jünger, um 725, ist nach Bugges Bestimmung S. 295 die 
Inschrift des Steines von Terviken B, die Wimmer, Die Runenschrift 
S. 304 in den Anfang des Zeitraumes von 600(625)— 675 verlegt. 

Der Stein, Bugge Nr. 21, ist 1883 in derselben Grabkammer 
gefunden, aus der der später zu behandelnde Stein A stammt, wo 
er einen Teil der seitlichen Ausmauerung bildete. Die Platte aus 
Glimmerschiefer hat eine Länge von 2.70 m, eine Breite von 0.68 m 
und ist 0.09 m dick. 

Die Inschrift, besonders dargestellt S. 285, dazu S. 287 und 293, 
läuft am Steine in der horizontalen Mittellinie etwas einwärts vom 
rechten Rande beginnend von rechts nach links und wurde früher 
pieprodwengk oder . . . wlngk transliteriert , so Bugge noch S. 223 
im Jahre 1894. Neuerdings hat Bugge am Beginne und am Ende 
dieser in kräftigen Runen geschriebenen Zeile noch feiner geritzte 
Zeichen entdeckt, die er mit der deutlicheren Hauptinschrift textlich 
verbindet. Zugleich interpretiert er aber auch diese, an deren Buch- 
staben eine ganze Reihe von accessorischen Seitenhasten an den 
Fußenden wie an den Köpfen auffallen, anders und glaubt, S. 294, 
eine versifizierte Fassung. *J;ji/ pinne päR runö \ ond, Twmtteng! 'k hiö^ 
das wäre >Ini! für Meine Seele diese Runen, des Twenna Sohn! habe ich 
gehauen«, vorschlagen zu können, die S. 556 fif. wieder modifiziert wird. 

Die Sache ist so zweifelhaft, daß Noreen diese Inschrift, obwohl 
sie ersichtlich in den älteren Runen verfaßt ist, in seine Sammlung 
der wichtigsten umord. Inschriften, An. Gramm. P, überhaupt gar 
nicht mehr aufgenommen hat. 

Daß wir es bei den zehn runischen Gebilden derselben zum Teil 
mit komplizierten Ligaturen zu tun haben, scheint ja klar, in welcher 
Weise aber z. B. ein Gebilde wie tl, das die graphischen Figuren 
von l, e und t enthält, gelesen werden soll und welche Bedeutung 
den schiefen Aufstrichen an den Hastenfüßen zukomme, das scheint 
mir noch völlig ungelöst. Die Inschrift kann also nicht wegen ihres 
Inhaltes, der unbekannt ist, sondern nur wegen ihrer Fundstätte der 
Gruppe der wortreicheren Grabinschriften angereiht werden. 

Textlich schlösse sich hieran noch die Inschrift des Steines von 
Gimso, Bugge Nr. 33, eines Granitobelisken von 1.70 m Länge, 
0.40 m unterer und 0.22 m oberer Breite, 0.53 zu 0.27 m nach oben- 
hin abnehmender Dicke. 

Pie Inschrift des Steines, von Bugge mit einem erstaunlichen 



120 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

Aufwand von Sehkraft und Scharfsinn aus einer arg mitgenommenen 
Fläche herausgelesen, ist in jüngeren Runen verfaßt und wird S. 411 
um das Jahr 825 datiert. Bugge hat sie in die Sammlung der 
älteren Inschriften aufgenommen, weil, wie er S. 384 mitteilt, einzelne 
Runenformen derselben Beziehungen zum älteren Alphabete auf- 
weisen. Ich gehe auf dieselbe nicht des weiteren ein. 

Bei allen bisher behandelten Denkmälern war die Beziehung auf 
einen bestatteten Toten entweder in unzweideutigen Ausdrücken aus- 
gesprochen, oder doch aus der syntaktischen Verbindung blosser 
Personennamen zu erschließen. 

Es gibt aber eine kleine Gruppe von Grabinschriften, die weder 
den Toten nennt, noch ein auf die Denkmalserrichtung bezügliches 
Sachwort enthält, sondern sich lediglich mit der Angabe des >titulum 
fecic begnügt. 

Das klassische Beispiel hierfür ist die Inschrift des Steines von 
Einang, Bugge Nr. 5. Dieser seit 1871 bekannter gewordene, 1.47 m 
hohe, 1.5 m breite und 0.13— 0.18 m dicke Stein aus grobem Schiefer 
ist nach Bugges Bericht S. 75 der einzige norwegische Runenstein 
aus der älteren Eisenzeit, der noch heute auf dem Grabhügel steht, 
auf dem er ursprünglich errichtet wurde. 

Die Inschriftzeile desselben, 0.66 m lang, läuft mit linksgewendeten 
Runen von oben nach unten, ungefähr der Mittellinie der oberen 
Flächenhälfte entsprechend. 

Der Stein ist von brüchiger Beschaffenheit und die Möglichkeit 
nicht ganz abzuweisen, daß ein Teil der Inschrift im Laufe der Zeit 
abgebröckelt sei. 

Daß die dastehende Zeile überhaupt eine Zeit von 1200 Jahren 
— nach Bugge S. 88 und 445 vielmehr IV2 Jahrtausenden — über- 
dauert habe, erklärt Rygh, bei Bugge S. 76 , aus der Annahme, daß 
der Stein bald nach seiner Aufrichtung mit der Inschriftseite zur 
Erde gewendet umgefallen und erst in neuerer Zeit wieder auf- 
gestellt worden sei. 

Die eine Zeile, abgebildet S. 73 und 78, transliteriert und teilt 
Bugge: dagaB paa runo faihido und erklärt Dagan als mask. 
Personennamen entsprechend der historischen an. Namensform Dagr^ 
püR rüno als Akkusativ plur. wie an. Jker rünar und faihido als 
1. Person sing, praeteriti gleich an. fdda >ich schrieb«. 

Dem Demonstrativpronomen J5aÄ möchte Bugge lang ä zuerkennen, 
das in der historischen an. Form pwr durch Einfluß des folgenden 
R zu d umgelautet sei ; doch sei es sehr unsicher, das Verhältnis der 
nord. Form zu got. ßös zu bestimmen. Ich sehe von der historischen 
Form pch ab, deren wohl diphthongische Vorstufe aber doch sicher- 



Norges Indskrifter med de seldre Raner. 121 

lieh in dem PaIar yon Istaby gegeben ist, indem ich die Form von 
Einang als proklitische Abfärbung und Kürzung pän durch *pöR aus 
*PöB gleich got. pös erkläre. Den üebergang eines aus etymologischem 
ö stammenden ^ zu a in unbetonter Position habe ich auch in urnord. 
idtäSa-y Tune, geltend gemacht. Und wie an dieser Stelle bin ich auch 
hier geneigt neben betontem got. pös ein unbetontes '''^s zuzulassen 
und möchte auch hier erinnern, daß man sich von dem Vorurteile 
emanzipiere, die gotischen Langvokale seien auch überall und unter 
allen Umständen lang zu sprechen und nicht vielmehr vielfach eine 
Erscheinung des bloßen orthographischen Zwanges. 

Gegen die Ansicht Wimmers, pan sei hier das Ortsadverbium 
par, wendet Bugge mit Recht ein, daß dieses immer mit der reiä- 
Rune, nicht mit der jfr-Rune geschrieben werde und daß sich die 
scheinbar analogen Schreibungen mit r von aftcR >efter€ Tune und 
uhüR >over< Järsberg (Vamum) nicht heranziehen ließen, da diese 
Zweisilber ihr r der Angleichung an die Komparativformen mit r 
aus e verdankten, die bei den einsilbigen Adverbien par, huar Rök, 
Mar Kolunda nicht statt haben könne. 

Der Erklärung Brätes von runo als lautgesetzlicher Akkusativ- 
form pluralis mit -ö aus -ans, der auch Noreen unter Verweisung 
auf aschwed.-run. runq, runa zustimmt, hält Bugge S. 82 den Nach- 
weis des auslautenden r-(A-) Verlustes in run. hena, sunt, an. hennar, 
synir entgegen, der sich ohne Schwierigkeit beispielsweise auch für 
runa pasi, Lilj. R. U. 968, geltend machen läßt. 

Aber Bugge zögert doch, dieselbe Annahme des gelegentlichen 
22 -Verlustes, etwa als Sandhi- Erscheinung vor folgendem tonlosem /*, 
auch für den Fall von Einang zu machen und scheint sich später 
S. 288 , wo er mit Rücksicht auf runo . . . raginaJeudo des Steines 
von Fyrunga (Noleby) seine Annahme eines bloß graphischen 
Ausfalles zurückzieht, doch der Meinung Brätes zuzuneigen. S. 528 
aber akzeptiert er die Erklärung Kocks, nach der der is -Verlust von 
runo als dissimilatorischer Abfall auf Grund des anlautenden r be- 
ansprucht wird. 

Ich bin natürlich nicht in der Lage eine Endung -d als laut- 
gesetzliche Entwicklung aus -an^ anzuerkennen, das bei Nasalverlust 
ebenso zu -ör werden mußte, wie es die Flexion des Nominativs 
pluralis -as geworden ist, bei 5 -Verlust aber das n der Flexion zu- 
nächst bewahren mußte. Für die Erklärung des gelegentlichen 
it-Abfalles in rüno ist meinem Verständnisse die Annahme einer 
Sandhi-Erscheinung am zugänglichsten und wenn nicht alles täuscht 
habe ich wohl einen ähnlichen Fall schon Z. f. d. A. 45, 134 
in dem nordischen Volksnamen Bergio bei Jordanes nachgewiesen. 

QWL f •!. Ani. 190e. Nr. 2. 9 



122 Gott, gel Adz. 1906. Nr. 2. 

Bugge S. 88 setzt die Inschrift zwischen 400 und 450, Wimmer, 
Die Runenschrift S. 303, zwischen 500 und 550, Noreen, An. Gramm. 
P, S. 336, ins 4. Jahrhundert. 

Zur Gruppe der Grabschriften ohne Namen des Toten rechne 
ich, nicht im Einklänge mit den nordischen Gelehrten, wie ich 
vorausschicken mu£, auch die Inschrift von Reistad, Bugge Nr. 14. 

Der 1857 oder 1858 aus der Erde gepflügte Stein, Hornblende- 
granit, 0.65m hoch, 0.60m breit, 0.22m dick, stammt nach Bugge 
S. 224 aus dem Innern eines Grabhügels. Er trägt in drei parallelen, 
von links nach rechts die Breitseite querüberlaufenden Zeilen die 
Inschrift inpingas | Ik wakraB : unnam | wraita. 

Umord. tvraita identifiziert Bugge S. 222 mit dem ahd. Mask. 
reiß >linea, nota<, an. reitr >Ritz, Furche <, in den älteren an. Hand- 
schriften als ti-Stamm, in den jüngeren als a-Stamm flektiert. 

Da wraüa AJdcusativ sing, ist, kann man nicht ersehen, ob dieses 
zu uoritan gehörige Nomen acti wie staina^ Tune, Maskulinum oder 
gleich Maiwa, B0, ßcU aninaf By, Neutrum sei; die Gemeinsamkeit 
des an. und ahd. Genus aber wird uns berechtigen ein umord. Mask. 
*toraüa& anzusetzen. 

unnam assimiliert aus "^undnam ist wegen ik erste Sing, praet., 
die Phrase *wraita undniman offenbar nur in den Wörtern, nicht im 
Sinne von *rünoB wurkjan Tune oder *mnoB faihjan Einang unter- 
schieden. 

In lupingas erblickt Bugge S. 222 den Namen des Bestatteten, 
während WakraR der des Verfertigers der Inschrift wäre.^) 

Ich beziehe beide Namen auf eine Person und betrachte 
lupingas ik Wakran als eine Kombination wie UlewagastiR HoUif^an 
Gallehus, oder ähnlich HronaR Storcr By, HipuwulafR HAeruwulafiR 
Istaby, HaäulaikaR ek hagustaäaR Kjolevig, ErilaR sa wilagaR Lind- 
holm , FrawaradüR anahdha Möjebro , Hariuha . . . fauauisa Seeland 
und andere. 

Insbesondere halte ich lußingaR für den Volksnamen röm.-germ. 
luthungi, auch in matres Suebae Euthungae^ als Personenname in 
bair. Eodunc, ledunc fortgepflanzt, und WakraR für den eigentlichen 
Namen an. Fotr, ahd.TfocÄar, Bugge S. 221, der aber allerdings auch 
kein Voll-, sondern nur ein Beiname ist. In anderer Formulierung 
könnte lupingaR Hauptname und WakraR Beiname sein, aber 
HoÜingaR Gallehus verstehe ich als geographischen Stammnamen und 
so mag es sich wohl auch in unserm Falle verhalten, in welchem 

1) Auch diese Deutung stöfit Bugge S. 541 ff. um und wül daselbst den ein- 
eitenden Komplex in *{h)iu pin GdR »diesen (Stein) hieb GäBc zerlegen. Ich 
kann nicht finden, daft diese spätere Auffassung der früheren vorzuziehen w&re. 



Norges Indskrifter med de seldre Raner. 123 

Falle dann WaktuR durch das zwischengesetzte ik als eigentlicher 
Name hervorgehoben wäre. 

Der Stein wird von Bugge S. 224 auf das Ende des 6. Jahr- 
hunderts datiert — ebenso von Noreen, An. Gramm. I*, S. 341, gegen 
600 — von Wimmer, Die Runenschrift S. 304, in den Beginn des 
Zeitabschnittes 600(625) — 675 verlegt. Der Text scheint metrisch 
zu sein : lupingaR ik WäkraR \ unnam wrdita. 

Der dritte Repräsentant dieser Gruppe gehört einer jüngeren 
Zeit an. Es ist das der Stein von Vatn, Bugge Nr. 29, der 1871 aus 
einem eröfheten GrabhUgel gehoben wurde. Der Stein, blaugrauer 
Tonschiefer, ist 0.81m lang, 0.36m breit, 0.04 bis 0.05m dick. 
Die Buchstaben laufen an dem auf die eine Langseite gelegten Steine 
von links nach rechts. 

Das erste, schon länger bekannte, in weiter spatiierten Buch- 
staben und kräftiger eingehauene Wort der Inschrift, das die mittleren 
zwei Viertel des Feldes beherrscht, ist der Personenname rhoaltB, 
an. Hröaidr, das zweite von Bugge nach einer Untersuchung vom 
Jahre 1898 dazu gewonnene Wort , auf der photographischen Nach- 
bildung S. 355 hinsichtlich der beiden ersten Runen ziemlich deut- 
lich, scheint '^'fala zu sem. 

Die Inschrift wird von Bugge S. 362 zwischen 725 und 750 an- 
gesetzt, von Wimmer, Die Runenschrift S. 304, um 725, allgemeiner 
von Noreen, An. Gramm. P, S. 346 : 8. Jahrhundert. 

Orthographisch beachtenswert ist die verkehrte Schreibung rh 
für Ar, das Nebeneinanderbestehen der zwei 6kRunen: Y im Namen 
und ^ im Verbum, die Bezeichnung des d-Lautes nach jüngerer 
Weise durch die ^Rune, deren oberes Dach in der Inschrift übrigens 
nicht erhalten ist, sondern ergänzt wird, die jüngere Form der 
ii-Rune A statt älterem Y» sowie die Funktion der i-Rune für j im 
Verbum. 

Ist dasselbe richtig gelesen, so werden wir es wohl als *fä-iu 
verstehen und könnten mit Bugge glaulien, daß (^ hier für den 
langen Vokal, ^ aber den herrschenden Anschauungen von der 
Abkunft dieses Zeichens aus der alten järorBxme entgegen für den 
kurzen gebraucht sei, eine Unterscheidung, die, wie Bugge S. 360 
bemerkt, in kemer andern Inschrift begegnete. 

Aber die Sache kann auch anders sein. Der gleiche Name ist 
auf dem Sterne von Snoldelev im Genitiv rolialta, das ist *Hr6alds 
geschrieben, worin das h nicht mit Wimmer, Die Runenschrift S. 339, 
als verkehrte Schreibung gleich rhaaUk, das ist *HraulfR Helnsßs, 
rhafkmka, das ist *Erafnunga Laeborg, oder in unserm Namen von 
Vatn zu fassen ist, sondern zweifellos als intervokalisches Hiatus-/», 

9* 



124 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

anders gesagt als graphischer Ausdruck des mit Spiritus lenis ein- 
setzenden Silbenanlautes &, 

Erinnern wir uns nun, daß die Rune Y im jüngeren nordischen 
Fupark das alphabetische Zeichen für h ist, das aber in etwas älteren 
Inschriften auch a bedeuten kann, so werden wir den Namen des 
Yatner Steines vielleicht mit rhohalta , das ist *HröäldR transliterieren 
und den Unterschied beider Zeichen der Inschrift nicht in Kürze 
und Länge, sondern in Aspiration und Nichtaspiration begründet 
finden dürfen. 

Ungewöhnlich in dem kleinen Texte ist das Präsens faiu >ich 
schreibe«, wofür wir sonst regelmäßig das Präteritum »schrieb« an- 
treffen. 

Eine weitere Gruppe der nordischen Grabinschriften bilden jene, 
bei denen der Text sich auf einen bloßen Personennamen beschränkt. 
Der Name kann im Nominativ oder im Genitiv stehen. Der Genitiv 
mag sich aus der bereits abgehandelten Gruppe erklären, wo er, ein 
possessivischer, mit dem Nominativ eines auf die Beisetzung zielenden 
Sachwortes verknüpft ist. Der Nominativ erläutert sich aus den nur 
^inen Namen tragenden Gerätinschriften, insoferne dieser den Namen 
des Besitzers darstellt. In ganz ähnlicher Anschauung kann auch 
der Bestattete als Eigner des Ruheplatzes angesehen werden. 

Hierher gehört zunächst der Stein von Terviken A, Bugge Nr. 20, 
Quarzschiefer von vierkantiger Form, 2.34 m hoch, 0.70 m breit, 
0.08 m dick, der 1880 in einer Grabkammer aufgefunden wurde, nach 
Bugges Vermutung aber, bevor er in die Kammer vermauert wurde, 
einmal unter freiem Himmel errichtet war. 

Die Inschrift läuft an dem in situm gebrachten Stein, S. 279, 
mit linksgewendeten Runen im unteren Drittel der Mittellinie von 
oben nach unten und bietet transliteriert die Lesung ladawar^aB. 

Von der Rune Y am Ende ist nur das rechte Seitendetail er- 
halten, hinter dem der Stein abgebrochen ist, doch ist die Lesung 
derselben keinem Zweifel unterworfen. Ueber den Runen a und tc, 
genau auf die beiden Hastenköpfe orientiert, steht ein etwas kleineres 
u A) dessen Bedeutung Bugge als dunkel bezeichnet. Die drittletzte 
Rune des Namens liest Bugge S. 280 nicht ; sondern ng, trennt den 
Komplex in *La(n)da WarinyaR und erklärt denselben als Namen 
mehr einem Patronymikon auf inga-^ beide im ahd. als Lanto und 
Warinc belegbar. Von diesem Gesichtspunkte aus würde man das 
übergesetzte u mit Wimmer, Die Runenschrift S. 166—167 als 
Trennungszeichen erklären müssen. 

Aber übergeschriebene Buchstaben sind doch sonst, d. h. in Hand- 
schriften^ nicht Trennungszeichen, sondern Nachträge oder Korrekturen, 



Norges Indskrifter med de aeldre Raner. 125 

wofür auch bei den Buneninschriften Beispiele nicht völlig entgehen.' 
So ist z. B. das g in der ags. Inschrift des Steines von Hartlepool : 
Mid — dlfyp, Victor, Die northumbr. Bunensteine, Tafel IV, Fig. 11, 
offenbar ein orthographischer Nachtrag\ nach dessen Analogie man 
annehmen müßte, der Bunenmeister von Torviken A habe statt ein- 
fachem 10 eine Schreibung uw herstellen wollen, also eine Schreibung, 
die z. B. auch Beow. 58 in guäreouto : u + M?-Bune, begegnet und an 
die Darstellung des germ, w bei lateinischen Autoren des späteren 
Altertums mit üb auch ouu und ou erinnert. 

In der Tat ist auch das nachgetragene X des Frauennamens von 
Hartlepool mit seinen Fußenden genau so auf die Hastenköpfe des 
I und 1^ orientiert, wie das bei dem A von Torviken A der Fall ist. 

Falls man also Bedenken trüge eine angestrebte Korrektur von 
lada- zu ladu- anzuerkennen, würde man sich zu einer Trans- 
literierung ladauwnr^aB entschließen müssen. 

Meiner schon früher verteidigten Lesung der drittletzten Bune 
als j hat sich Noreen, An. Gramm. P, S. 345, angeschlossen und den ^inen 
Namen, indem er d, wie in dem Dativ Kunimudiu von Tjurkö, als ortho- 
graphische Darstellung für nä nimmt, mit dem deutschen Lantwari 
von St. P., Landoarius der Libri confrat., dem westfränk. Landoerus 
des Pol. B. identifiziert. Das o der beiden letzteren Belege ist, wie die 
vollere Form Lafidouuarius MG. Dipl. 1, 74 lehrt, der durch folgendes 
w dunkler gefärbte Themavokal a , nicht orthographische Vertretung 
des w\ es wäre daher nicht ungereimt auch im urnord. Namen an 
eine analoge Verdunklung von a zu u zu denken. Jedesfalls aber 
haben wir es nur mit Einern Personennamen zu tun, dessen zweiter 
Teil den röm.-germ. Volksnamen auf -uarii entspricht und der in 
toto mit dem ags. Appellativum landwaru >the people of a country, 
country« zusammenhängt und sich in appellativischer Hinsicht von 
dem bahuvrihischen ahd. gelando nicht unterscheidet. 

Da der Stein, den Bugge S. 283 ins 6. Jahrhundert setzt (ebenso 
Noreen, An. Gramm. P, S. 345; aber enger begrenzt in die zweite 
Hälfte des 6. Jahrhunders, Wimmer, Die Bunenschrift S. 303), hinter 
dem Namen abgebrochen ist, so ist es streng genommen nicht sicher, 
daß nur der eine Name ursprünglich dagestanden habe, doch glaubt 
Bugge S. 280 nicht annehmen zu sollen, daß außer diesem noch 
weiterer Text vorhanden war. 

Aehnliche Zweifel kann man auch in betreff des Steines von 
Myklebostad A, Bugge Nr. 26, hegen, eines vierkantigen 0.79m 
langen, 0.445 m breiten und 0.12 m dicken Blockes aus stark schief e- 
richtem Hornblendegneis, der, an beiden Enden abgebrochen, 1888 
aus der Erde gegraben wurde. 



126 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

Die Inschrift läuft mit rechtsgewendeten Runen an dem in die 
wahrscheinliche ursprüngliche Stellung gebrachten Steine (Bugge 
S. 525), der vermutlich einmal unter freiem Himmel errichtet war 
und derselbe Stein sein kann, dessen Pfarrer Kraft in seinem Briefe 
vom Jahre 1857 nach dem Hörensagen gedenkt (Bugge S. 327), von 
unten nach aufwärts. Sie erstreckt sich im linken Felde der oberen 
Hälfte des Steines, etwas über der Mitte beginnend bis zum Rande, 
wo sie mit einer aufrechten Hasta ohne Seitendetail abbricht. Ihre 
Transliterierung ergibt die Lesung asngas//!; an der durch zwei 
Striche markierten Stelle steht ein von Bugge nach Rygh als 
Trennungszeichen gefaßtes Gebilde, das man als ein oben und unten 
mit einem Querstriche geschlossenes schräges Kreuz beschreiben 
kann. Dasselbe ist etwas kleiner als die Runen der Inschrift und 
zur langen Mittellinie symmetrisch orientiert, d. h. es schwebt über 
der Grundlinie und erreicht nicht die obere Zeilengrenze. Unmittel- 
bar am Bruche zeigt das Original noch eine etwas unterhalb der 
Mittelhöhe der Buchstaben beginnende schräg nach links ansteigende 
Vertiefung, die alt zu sein scheint und als Teil einer Rune angesehen, 
dem unteren Aufstriche eines ^ entsprechen könnte. Bugge, der 
diesen Schrägstrich schon S. 123 beschreibt und ihn daselbst von der 
Basis der Runen ausgehen läßt, ist später, S. 326, nicht mehr geneigt 
demselben literale Bedeutung beizumessen. 

Bugge erklärt den Komplex asugas als Genitiveines aus *ansuR 
pss mit gutturalem Suffixe abgeleiteten Personennamens *Ä(n)8ugaR 
und vermutet in dem folgenden, durch das angebliche Trennungs- 
zeichen geschiedenen i den Anfang eines nicht mehr ergänzbaren 
Wortes, das entweder im Nominativ gedacht den Genitiv des Personen- 
namens regiert, oder im Genitiv als Apposition zu diesem verstanden 
werden dürfte. 

S. 562 denkt Bugge an Ergänzung nach an. inni »Herberge< im 
Sinne von > Grabesraum«. 

Die vorausgesetzte Verwendung des Suffixes ga- zur Ableitung 
eines Personennamens (aus einem persönlichen Begriffe!) bezeichnet 
Bugge selbst als eine in logischer Hinsicht einzelstehende und durch 
Analogien nicht gestützte, doch verweist er später, S. 562, auf das 
von ihm für die Gjevedaler Inschrift erschlossene Adjektiv * ansog. 

Es ist ohne Vergleichung des Originales nicht tunlich, die Ver- 
mutung Bugges, daß der ansteigende Schrägstrich am Bruche keinerlei 
literale Bedeutung habe, zu bekräftigen oder zu bezweifeln, noch aus 
den beschreibenden Angaben möglich, ein genaues Bild über Lage, 
Ausdehnung und Steilheit dieses Striches im Sinne der denkbaren 
Seitenhasta eines Buchstaben zu gewinnen; ich sehe daher von 



Norget Indskrifter med de seldre Runer. 127 

demselben vollständig ab, indem ich vorschlage, das vermeintliche 
Trennungszeichen als d zu lesen und zu dem hierdurch gewonnenen 
Komplexe asngasdi hinter dem Bruche ein r zu ergänzen. 

Daß das angenommene Trennungszeichen nicht die Zeilenhöhe 
der benachbarten Hasten erreicht, sondern nur, wie Bugge sagt, die 
Hälfte, wie mich aber die Abbildung S. 325 belehrt, doch nahezu 
zwei Drittel dieser beträgt, namentlich , wenn man die untere Breite 
des liegenden Zeichens abmißt und sich dieselbe als Höhe aufgestellt 
denkt, könnte gegen seine literale Bewertung ebenso wenig geltend 
gemacht werden, wie seine über der Grundlinie schwebende Stellung, 
oder seine im Verhältnis zu einem gewöhnlichen (f : M uiii einen 
rechten Winkel gedrehte Konfiguration Y. Nur ist in diesem Falle 
die geringere Größe und Anordnung im Mittelraume der Zeile fakul- 
tativ, während sie bei dem regulären k : 7 oder ng : o^ typisch ist, 
ebenso fakultativ wie das wesentlich kleinere n : T ain Ende des 
erhaltenen Teiles der Kamminschrift von Whitby, Stephens Hand- 
book 118, das kleinere ; : T der Zwinge von Torsbjserg, Wimmer, 
Die Runenschrift S. 147, das kleinere o : J der zweiten Nordendorfer 
Inschrift , Photographie , das h:T des Kragehuler Lanzenschaftes, 
Wimmer, Die Runenschrift S. 124, das zugleich ein Beispiel für die 
auch bei Bugge S. 307 erwähnte Drehung der Ä;-Rune um einen 
rechten Winkel darbietet, die ja bekanntlich in den späteren stab- 
mäßigen Ausgestaltungen dieser Rune nordisch Y Forde und nord. 
wie ags. JL ae. Münze des Brit. Mus. bei Wimmer, Die Runenschrift 
S. 87, typisch geworden ist. 

Da sich das angebliche kreuzförmige Trennungszeichen der In- 
schrift von Möjebro, auf das sich Bugge S. 326 noch berufen konnte, 
nunmehr als ein graphisch kleineres aber vollwertiges g erwiesen 
hat, Noreen, An. Gramm. P, S. 340, wird die Wahrscheinlichkeit 
literaler Geltung für den vorliegenden Fall wesentlich gesteigert. 

Zur Schreibung des so gewonnenen maskul. Personennamens 
*ÄfiugasdiR mit d statt t nach s — die Inschrift verlegt Bugge 
S. 327 ins 6. Jahrhundert^) — können die ahd.-rheinfränk. Schreibungen 
priesdciy gidrosda, dursdage, Braune, Ahd. Gramm., die Keronischen 
munisdiures y kidursdlihho, Tcihrusdiy Kögel, Ueb. d. Keron. Glossar, 
ebenso verglichen werden, wie die älteren ws. ^^ für st: fcesä, düsä^ 
watsdm, aärisärigany die Sievers, Ags. Gramm. § 196, verzeichnet, 
oder die lateinischen Schreibungen Sexdius, Aufusdiae bei Schuchhardt, 
DerVokalism. d. Vulgärlat. 1, 126. 

Der Name, korrekt *AnsugasHR, reiht sich den umord. SaUgasÜR 

1) Ebenso Noreen, An. Gramst P, S. 340. 



128 Gott gel Anz. 1906. Nr. 2. 

Berga, ElewagasÜR Gallehus den an. por-^ Heim-, Ood-, Noma-gestr, 
den salfränk. SalegasHs, Bodogastis Lex Sal., den deutschen Etbegcat 
Tit., von Tenemarke der künic Liudgast Nib. an, wobei insbesondere 
die Bildungen mit Gottnamen im ersten Teile fur ihn lehrreich sein 
werden. 

Weiteren Text muß die Inschrift nicht notwendig enthalten 
haben. 

Der Stein von Bratsberg, Bugge Nr. 30, heute verschollen, wurde 
1806 aus einem Grabe gehoben, in dem er als Teil der Decke des 
Gewölbes diente. 

Klüwer, >Norske Mindesmaerker« , beschreibt ihn als eine 
V/2 Ellen lange und breite Granitplatte (Graustein!), aber seine bei 
Bugge S. 364 reproduzierte Abbildung gibt nicht genau quadratische 
Form, sondern zeigt ein allerdings nicht bedeutendes Ueberwiegen 
der Breite. 

Die Inschrift, fünf rechtsgewendete Bunen, erstreckt sich an 
der oberen linken Ecke des Steines, knapp an der Längenkante be- 
ginnend, parallel zum oberen Rande nach einwärts und war von 
Klüwer, wie ein gleichfalls bei Bugge S. 364 reproduzierter, aus dem 
Jahre 1806 stammender Abdruck der Runen, den M. F. Arendt 
genommen hat, lehrt, ganz richtig palin gelesen. Bugge erklärt 
S. 365 das Wort als mask. Personennamen im Nominativ, dessen 
etymologische Erklärung zweifelhaft sei, da der Name sich sonst 
nirgends nachweisen lasse. Die Endung könne ebensowohl die eines 
i-Stammes -7/?, als auch die eines ia-Stammes, d. i. mit ursprünglicher 
Länge -Tr sein, die Quantität des ä sei nicht ausgemacht und die 
Liquida könne einfach sein, aber auch Geminata II darstellen. Am 
plausibelsten dünkt Bugge, der die Inschrift ins 6. Jahrhundert ver- 
legt^), ein Stamm * pallia- aus sn. poll > Föhre <, weitergebildet wie 
an. pymir > Dornbüsche aus pom und gleich diesem sekundär ab- 
geleiteten Maskulinum als Personenname verwandt. 

Das hier gegebene Wort scheint mir aber doch als Bestandteil 
germanischer Namen auch anderweitig vorzukommen; so vermutlich 
in TaloarduSj var. Thaioardus dux Langobardorum zum Jahre 574 
bei Fredegarius Chronicar. liber 3. MGH Scriptores rer. Merov. 2, 111, 
sowie in dem zum Jahre 865 bei Fm. Nbch. P aus Hontheim historia 
Trevir. nachgewiesenen Deminutivum Thidilo. 

Dieses Element hat im longobardischen Namen dunkelvokalisches 
Thema, weshalb die Endung im urnordischen Namen wohl tatsächlich 

1) Ebenso Noreen, An. Gramm. P, S. 335 ; enger : zweite Hälfte des 6. Jahr- 
hunderts, Wimmer, Die Ronenschrift S. 303. 



Norges Indikriftar med de seldre Raner. 129 

'U aus -iaR sein wird. Die außerordentlich regelmäßige Form der 
rechteckigen Platte macht es wahrscheinlich, daß der Name komplet 
dastehe, daß also keine dem p vorangehende Runen abgebrochen 
seien. 

Etwas jünger, nach Bugge S. 455, der ersten Hälfte des 7. Jahr- 
hunderts angehörig, ist die Inschrift von Eidsvaag, Bugge Nr. 41, 
entdeckt 1901. 

Das Denkmal, ein Obelisk von dreieckigem Querschnitt aus fein- 
körnigem granitartigem Gestein, 3.20m lang, 0.50m breit, 0.23m 
dick, wurde innerhalb eines Steinkreises umgestürzt, fast vollständig 
mit Erde bedeckt vorgefunden. Die Inschriftseite lag nach abwärts, 
die Basis des Steines noch im Zentrum des Kreises, in dem er auf- 
gerichtet war. Eohlenreste innerhalb desselben deuten auf ein 
Brandgrab. 

Die Inschrift, abgebildet S. 450 und 452, beginnt etwas oberhalb 
des unteren Drittels und läuft in der Mittellinie von oben nach ab- 
wärts. Sie enthält nur ^in Wort, transliteriert haoasaB, das Bugge 
und Olsen S. 454 als ältere Form des an. Personennamens Hdvarr, 
ahd. Hoger, aus *HauhagaimR durch eine Form *HaoJiaBaR vermittelt 
erklären. Die Lautgruppe ao in HaoaROR sei als Langdiphthong So 
anzusprechen, die Kürzung des zweiten Teiles *gaiRaR zu -arr finde 
sich auch, Bugge und Olsen S. 455, in an. Hroarr, ags. Hrodgär, 
in an. nafarr neben ahd. napakerj finn. napakaira^ der Ausfall des g 
auch in ^uaiR Helnaes aus *AnugaiRaR. 

Eine besondere Form zeigt die dritte Bune des Namens, be- 
sonders abgebildet S. 453, das ist ein o : 5^, dessen Beine sich nicht 
kreuzen, sondern sich nur dem Kreuzungspunkte nähern, um dann 
nach beiden Seiten auseinanderzuweichen. Man kann dieses o, dessen 
Form außerdem eine gerundete ist, als ein unten offenes bezeichnen. 
Der graphische Vorgang bei der Bildung dieser besonderen Form 
ist offenbar der, daß der quadratische oder rhombische Körper des 
5^ abgerundet und zugleich das untere Ende des links absteigenden 
Beines zum oberen des rechts absteigenden und umgekehrt geschlagen 
wird. Das Zeichen ist dadurch der ersten Form des griech. o>, die 
auf der Tafel zu S. 416 des Handb. der klass. Altertumswiss. Bd. 1 
aus Kleinasien nachgewiesen wird: R, außerordentlich ähnlich geworden. 

Noch jünger, nach Bugge und Olsen S. 435 zwischen 725 und 
775 zu datieren, ist die Inschrift von Tveito, Nr. 37, auf einem 1896 
in einem Grabhügel gefundenen Steine. Der unregelmäßige Block 
aus blauem Steatit, 1.15 m lang, 0.50 bis 0.85 m breit, 0.35 bis 0.50 m 
(abfallend bis zu O.Ol m) dick, trägt auf einer ebenen Bruchfläche die 
rechtsgewendete Inschrift taita mit jüngerem a : ^ und r : i^, sowie 



130 Qöti gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

mit doppelt konturiertem Dach des zweiten ^ : f , worin der an. 
Personenname Teitr, ags. T(U, ahd. Zeie nicht zu verkennen ist. 
Bemerkenswert ist der Umstand, daß in demselben Grabhügel nicht 
nur Gegenstände aus der älteren Eisenzeit, etwa um 500 anzusetzen, 
sondern auch Sachen aus der jüngeren Eisenzeit gefunden wurden. 
Bugge und Olsen , S. 432 , halten dies für einen Zufall , ich glaube 
aber, daß wir es hier mit einer Nachbestattung in einem alten 
Grabe zu tun haben und daß demnach die Inschrift, die ja sicher 
dem 8. Jahrhundert angehört, sich nicht auf den ursprünglichen 
Eigner des Grabes, sondern auf den ein paar Jahrhunderte später 
in demselben zur Ruhe Gebetteten beziehe. 

Ein glänzendes Beispiel scharfsinniger Rekonstruktion ist das 
der Lesung ""wadaradas aus den zwei höchst mangelhaften typo- 
graphischen Nachbildungen der Inschrift des verschollenen Steines 
von Saude (Bugge Nr. 10) in den beiden Ausgaben von Olai Wormii 
Danica Literatura antiquissima, Hafniae, 1636 (S. 68) und 1651 (S. 66), 
woselbst das Denkmal als »monumentum Söifuerense< bezeichnet ist. 
Die Form, in der d wieder die Geltung nd hat, erklärt Bugge S. 184 
als Genitiv eines Personennamens : urnord. * WandaradaR, der ja im 
an. und aisl. als Vandrddr mehrfach bezeugt ist. Dieser Name ist 
ein Pendant zu dem Frawaradan von Möjebro und scheint sich, mit 
aisl. vandr Adj. >difficult, requiring pains and care< zusammengesetzt, 
den apellativischen Bildungen aisl. Ülräär >wicked« (auch Beiname), 
sowie kaldrddr »cunning« anzuschließen, demnach gleichfalls eigent- 
lich ein Beiname zu sein. 

Der Genitiv hängt, wie schon früher bemerkt, von einem ge- 
dachten Sachworte ab, wozu sich aus jüngerer. Zeit die Inschrift von 
Kallerup humbnra | staln . 8iill)k8, altdän. *Hornbora stceinn Swiäings, 
Wimmer, Die Runenschrift S. 336 — 337, vergleicht. 

Bugge setzt S. 185 die Inschrift des Steines von Saude, über 
dessen Form und Fundumstände uns Worm keine Nachrichten über- 
liefert hat , ins 6. Jahrhundert , woran sich Noreen , An. Gramm. P, 
S. 341, fragend anschließt. 

Die Analogie dieser Inschrift ist auch für den Obliquus kepan 
des Steines von Beiland, Bugge Nr. 13, entscheidend. 

Dieser Stein, ein Granitblock von 1.65m Länge, 0.95 m Breite 
und 0.70 m Dicke, ist in der Literatur seit 1850 bekannt und hat 
bis 1893 als Steg über einen Bach gedient. Aus seiner unregel- 
mäßigen Form schließt Bugge, daß derselbe früher nicht unter freiem 
Himmel errichtet gewesen sein wird, sondern, wie auch Wimmer, 
Die Runenschrift S. 301, glaubt, im Innern eines Grabhügels ange- 
bracht war. 



Norges Indskrifter med de sBldre Rnier. 131 

Die Inschrift des Steines, kepan, abgebildet S. 211 und 212, 
läuft in einer zu den Langseiten parallelen Zeile nahe dem linken 
Rande, nach der Orientierung S. 211 etwas vor der Mitte beginnend 
von links nach rechts. Beachtenswert ist an ihr das ä; : < , das wie 
bei der Freilaubersheimer Spange die volle Hastenhöhe der übrigen 
Buchstaben erreicht. 

Der maskul. Personenname Kepa ist allerdings einzelstehend. 
Bugge erinnert, indem er das e als kurzes nimmt, an den späteren 
run. Frauennamen Kipa^ Lilj. R. U. 668, literarisch im 14. Jahr- 
hundert Kie^ KycB, S. 538 aber an den norweg. Ortsnamen i Kiada- 
hivrghi (heute Kjaherg), dessen erster Teil der Genitiv eines Personen- 
namens zu sein scheint. 

Wimmer, Die Runenschrift S. 303, hatte die Inschrift in die 
zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts verlegt, wogegen Bugge S. 215 
nichts wesentliches einwendet. Noreen, An. Gramm. P, S. 354, setzt 
sie fragend gegen 600 an. 

S. 214 erklärt Bugge — mit Rücksicht auf das gleiche Verhalten 
der Genitive sing, von mask. n-Stämmen und der Akkusative plur. 
von ^-Stämmen : umord. -an, an. hana^ got. hanins und umord. ^-an^ 
an. daga, got. cUiganSy vorgerm. -öns, ferner mit Hinblick auf die 
Verschiedenheit der an. Flexion hana und daga von der Nominativ- 
bildung an. pjoäann^ umord. *peudanaR — die Genitivflexion der 
mask. n-Stänmie nicht aus Grundformen -efios oder -ewes, sondern 
aus -ns. Das umord. -n des Genitivs Kepan geht nach seiner Ansicht 
durch -ttir auf -ns zurück. 

Es ist aber meines Erachtens doch sehr die Frage, ob die 
umord. Genitivendung -an überhaupt eine lautgesetzliche Entwicklung 
aus einer Form mit auslautendem $ sei und nicht vielmehr als 
grammatischer Ausgleich nach den anderen Obliquen singularis an- 
gesehen werden müsse. 

Zu diesen einzelnen Namen im Genitiv füge ich mit entsprechencfem 
Vorbehalt die Inschrift des Steines von Tanem, Bugge Nr. 31. 

Der Block aus Tonglimmerschiefer, nach 0. Ryghs Beschreibung 
39" lang, 28^" breit und 6" dick, wurde 1813 in einem Grabhügel 
vorgefunden und, nachdem er einige Zeit verschollen war, 1864 
wieder zustande gebracht. 

Die Inschrift besteht aus ^inem Worte, dessen Buchstaben, zwischen 
parallele Horizontallinien eingeschlossen, von links nach rechts ge- 
ordnet sind. 

Elüwer, der 1823 in Norske Mindesmserker eine Abbildung mit- 
teilte (reproduziert bei Bugge S. 368), las manri/// und diese Lesung 



182 GOti gel. Ans. 1906. Nr. 2. 

ist als ältere Feststellung von Wert, da die erste Rune heute so 
stark abgeschliffen ist, daß man das innere Kreuz des M nicht mehr 
wahrzunehmen vermag. 

Die phototypische Abbildung bei Bugge S. 369 zeigt im ganzen 
neun vertikale Hasten, von denen die letzte, im stumpfen Winkel 
nach einwärts gebrochen, der Umrandung angehören kann, doch so, 
daß die Inschrift ohne vorderen Randstrich mit der ersten Hasta 
des m begänne. Bugge liest die Inschrift S. 371 mälrie, Wimmer, 
Die Runenschrift S. 170, woselbst gleichfalls eine Nachbildung gegeben 
ist, hatte malrlB transliteriert und Noreen, An. Gramm. P, S. 344, 
bietet nudrlB r, d. h. nur der letztere hat außer den sieben voran- 
stehenden Hasten auch die achte und neunte als literale Bestandteile 
interpretiert. Die Lesungen scheiden sich also nach den, auch auf 
der Abbildung Bugges S. 369 ziemlich sicher erkennbaren Runen 
airl bei dem sechsten Zeichen, das seinem Aussehen nach an ein 
einstabiges, abgerundetes und oben geschlossenes, jünger nordisches 
m : 9 erinnert — über das Vorkommen dieser Form siehe : Wimmer, 
Die Runenschrift S. 204 — , formell aber allerdings auch als ein ab- 
gerundetes Y mit der älteren Geltung, das ist r, aufgefaßt werden 
könnte, wie das ja Wimmer, der dabei an das mask. Z-Deminutivum 
mrla der Etelhemer Spange denkt, a. a. 0. tatsächlich getan hat. 

Dagegen wendet Bugge ein, daß ein derartiges i^-Zeichen kein 
zweites Mal begegne und daß bei einer Ableitung mit Suffix -üaRy 
wie in an. Mcevüly das i vor l nicht synkopiert worden wäre. Das 
ist ja gewiß richtig, aber auch ein runisches e von der hier be- 
haupteten Form, das man doch wohl nicht aus dem späteren punk- 
tierten e:\ ableiten dürfte, kommt kein zweites Mal vor, während 
allerdings die «-Synkope in einem nach Bugges Aufstellung aus 
älterem *Marila hervorgegangenen *Mcerle nicht beanstandet werden 
könnte. 

Ich möchte deshalb hier auf die einbeinigen ags. o -Formen, 
alphabetisch eäd\ die Variante ^ im cod. Gott. Galba A 2 und das 
(B des Themsemessers ^, verweisen, die es möglich erscheinen lassen, 
das fragliche Zeichen von Tanem als o zu lesen. Zwischen diesem 
Zeichen und dem glaublich abschließenden Rahmenstriche findet sich 
eine gleichfalls in der Mittelhöhe etwas nach einwärts geknickte 
Hasta, an der man, nach dem Bilde bei Bugge, den Querstrich eines 
n : f zu erkennen glaubt. 

Wir gewinnen demnach eine Lesung mairio, oder eher mairloii, 
das ist einen Obliquus, einen Genitiv, der auf älterem ^Märüön 
beruht und in dem die Gruppe ai wohl ebenso, wie in den von 
Bugge herangezogenen Beispielen, den Umlaut ^ bezeichnet. Dem- 



Korges Indskrifter med de seldre Eaner. 13S 

nach hätten wir es nicht mit einem maskulinen, sondern einem 
weiblichen Personennamen als Pendant zum got. Merüa der Neapler 
Urkunde zu tun. 

Die ersten fünf Hasten, vgl. Bugge S. 369, reichen bis zur 
unteren Randlinie, die letzten drei, beziehungsweise vier, scheinen 
an der Mittellinie des Zeilenraumes zu endigen ; nicht so in Wimmers 
Holzschnitt, der auch die Hasten vom l angefangen nach rechts bis 
zur unteren Randlinie herabführt. 

Täuscht Bugges Abbildung nicht und sind die Hasten nicht 
bloß abgeschliffsn, so könnte man an das Fujmrk von Maeshowe, ab- 
gebildet bei Wimmer, Die Runenschrift S. 237, erinnern, wo gleich- 
falls die fünf ersten Buchstaben, nach abwärts verlängert, die 
doppelte Höhe der folgenden besitzen. Aber auch, wenn die vier 
letzten Hasten der Tanemer Inschrift nur abgeschliffen wären und 
der dann weitaus zu hoch gesetzte, angenommene Querstrich des 
glaublichen n sich als zufällige Verletzung erwiese, würde man die 
Ergänzung der vorletzten Hasta zu einem n nicht notwendig auf- 
geben müssen, da dann das entscheidende Detail mit der unteren 
Hälfte der Hasta verschwunden sein könnte. 

Eine Gruppe für sich bilden die Felswandinschriften, von denen 
es nicht ganz klar ist, welchem Antriebe sie entspringen und welchem 
Zwecke sie dienen. Die dritte jüngere der hier zu besprechenden 
ist allerdings nach Bugges Deutung eine Gedächtnisinschrift nach 
einem Toten, aber leider ist gerade sie nicht in allen Teilen sicher 
und aus dem Texte der beiden älteren ergibt sich nichts charak- 
teristisches für diese Zweckbestimmung. 

Die Inschrift von Valsfjorden (Bugge Nr. 28) ist in eine Fels- 
wand (gestreifter Granit von mittlerem Korn) über dem Fjord, mit 
der untersten Rune 20' über dem höchsten Wasserstand beginnend, 
angebracht. Sie wurde von dem Besitzer des Grundes Daniel Oksvold 
entdeckt, der hiervon 1872 K. Rygh Mitteilung machte. Die Inschrift 
läuft in vertikaler Zeile mit linksgewendeten Runen von unten nach 
oben. Die Länge der Zeile beträgt 1.30 m. Die Lesung der 
25 Runen ergibt den Text: ek hagastaldln |>ewaB godagas. 

Darin ist peuaR gleich got. pius als Appellativum zu verstehen, 
das die Art des Dienstverhältnisses der ersten Person zur zweiten 
definiert. 

Den Genitiv Chdagas hält Bugge S. 348 für den eines zusammen- 
gezogenen Namens *GödagaE aus älterem *CrödadagaB, dem ags. 
Godasg oder Goddoeg entsprechend. Den dissimilatorischen Ausfall 
des einen da vergleicht er mit lat. semodius ans semimodius und 
verwirft nunmehr die von ihm selbst früher aufgestellte Möglichkeit, 



184 Qött. gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

den Namen *GodagaR als adjektivische agra-Erweiterung aus einfachem 
*göda' zu erklären. Den Auslaut -ir des ersten Namens HagustaldiR 
findet Bugge S. 347 mit Rücksicht auf das thematische a von 
hagustadaR Ejelevig (Strand), sowie des Appellativums as. hagastoldos, 
ags. hcegstealdas, got. aglaitgastcUdans auffallend. Aber S. 563 erklärt 
er die Form von YalsJ^orden nach Haeruundafir von Istaby als eine 
patronymische. 

Hinsichtlich der Zeit meint Bugge S. 349 , die Inschrift gehöre 
ins 6. Jahrhundert, könne aber allesfalls auch noch etwas älter sein. 
In die erste Hälfte des 6. Jahrhunderts hatte sie auch Wimmer, Die 
Runenschrift S. 303, verlegt, in den Anfang desselben Jahrhunderts 
setzt sie Noreen, An. Gramm. P, S. 346. 

Neben dieser Hauptzeile hat Krefting 1873 eine zweite entdeckt 
— siehe die Abbildungen S. 344 und 350 — , die an der linken 
Seite etwas vor dem Anfange dieser beginnt und im Zwischenräume 
des t und a derselben endigt. Die Runen dieser Inschrift stehen 
von denen der Hauptzeile abgewendet und sind von links nach rechts 
zu lesen. 

Bugge glaubt den Bestand dieser sehr undeutlichen Zeile nach 
einer Photographie mit Reserve als ek iilI>eaB feststellen zu können, 
nach seiner Meinung den Namen WolpufewaR des Torsbjserger Be- 
schlages in einer jüngeren Form enthaltend. 

Diese zweite Zeile ist nach Bugges Ansicht zu Ende des 7. Jahr- 
hunderts geschrieben. 

In ganz analoger Weise verhält sich die 11' bis 12' über dem 
höchsten Wasserstande des Romsdalsfjords in gewachsenen Fels ge- 
hauene Inschrift von Veblungsnes, Bugge Nr. 25. 

Die Inschrift ist seit langer Zeit bekannt, die älteste handschrift- 
liche Aufzeichnung datiert aus dem Jahre ca. 1700; sie läuft in 
horizontaler Zeile von links nach rechts und ist mit einer aufrechten 
Hasta abgeschlossen. Bugge gewährt S. 320 eine treffliche Abbildung 
nach einem 1895 vom Archivar Koren genommenen auf Gips über- 
tragenen Abdruck in Lehmplatten. 

Der Text, transliteriert eirilae wiwila|, besteht aus dem be- 
kannten Standestitel, den Bugge aber neuerdings, S. 530, als Volks- 
namen faßt, mehr einem mask. Personennamen, der ersichtlich ein 
Z-Deminutivum zu dem Namen WiwaR von Tune ist. Die Schreibung 
des Standestitels mit ei für e und die Form der Rune e : M nüt Ver- 
längerung des linken Striches am Innendetail bis zur rechten Hasta 
hat diese Inschrift mit der von By gemeinsam. Bugge datiert die 
Inschrift um die Mitte des 7. Jahrhunderts, Wimmer, Die Runen- 



Korges Indskrifter med de seldre Runer. 135 

Schrift S. 303, verlegt sie in die zweite Hälfte desselben, Noreen, 
An. Gr. S. 346, ins 7. Jahrhundert. 

Bugge glaubt, daß dßr in der Inschrift genannte Witoila auch der 
Verfertiger derselben sei, der sich in ihr verewigt habe. 

Ich glaube aber, die Möglichkeit , daß die Inschrift einen Toten 
nenne, ist nicht auszuschließen. Nur würde es sich hier, nach der 
Art ihrer Anbringung zu urteilen, um einen im Meere Umgekommenen 
oder etwa auch im Meere Bestatteten handeln. 

Ja auch die Inschrift von Valsfjorden könnte in diesem Sinne 
verstanden werden, wobei natürlich der sprechende Hagustaldis der 
Dedikant sein müßte, aber *GödagaK der Tote, dem die Gedächtnis- 
zeile gilt. 

Zu diesen beiden alten Inschriften kommt die wesentlich jüngere, 
von Bugge S. 382 um 750 datierte Felswandinschrift von Hämmeren 
(Nr. 32), eine horizontale Zeile, 1.83m über dem am Fjorde sich 
hinziehenden Weg, die 1897 von dem vorüberfahrenden Kapitän 
Herdal entdeckt wurde. Von den sieben Runen der Zeile (siehe die 
Abbildung S. 374) sind 1—4 linksgewendet, 5—7 rechtsgewendet. 
Vor der siebenten, um einen Platz ausgerückt, findet sich außerdem 
in oberer Zeile ein linksgewendetes runisches JT-artiges Gebilde mit 
bogenförmigen Seitenhasten, die übrigens nicht in einem Punkte die 
aufrechte Hasta berühren, sondern eine kleine Distanz zwischen sich 
lassen. Bugge interpretiert dieses Zeichen als Bindung zweier 

u-Runen. Die Zeile ist transliteriert if lapf 1> wobei das erste Zeichen 

< > 

1^ von Bugge zunächst als i transliteriert wird. Bugge liest, indem 
er das ligierte als uu gedeutete Gebilde auf den Anfang und das 
Ende der Zeile verteilt, S. 381 *ulfpalfiu und löst diesen Komplex 
in *UlfE fääa Alfiu auf, übersetzt: >(ich) ülfr schrieb (diese Runen) 
für Elfr<, mit dem an. Frauennamen Elfr an zweiter Stelle. 

Das war wenig überzeugend; aber S. 565 schlägt Bugge, da ihm 

die Verteilung der übergeschriebenen Binderune bedenklich geworden 

t I I 

ist, die Lesung üalfI)alfB vor, die er als TJlfi fdpi Älfe oder Alfi mit 

dem Mannsnamen Älfr an zweiter Stelle erklärt; dem Inhalte nach 
also eine zweifellose Gedächtnisinschrift nach einem Verstorbenen. 

Diese Deutung, die zwischen den linksgewendeten und den 
rechtsgewendeten Stock der Zeile eine Wortgrenze verlegt, befriedigt 
weitaus mehr, obwohl auch bei ihr noch die Sonderbarkeit in Kauf 
genommen werden muß, daß die beiden ersten Worte gegen die 
Schriftrichtung der Buchstaben, also zurückgelesen werden müssen, 
was doch bei der Inschrift von Odemotland, auf die Bugge S. 569 ver- 
weist, nicht der Fall ist, und die Härte, daß das erste f haplographisch 



136 Gott gel. Ans. 1906. Nr. 2. 

funktionierte, trotzdem es, nach Bugges Auflösung mit folgendem -t, 
das erste Wort nicht schließt. Dagegen scheint mir das ausgerückte 
und übergeschriebene auch größere uu nicht mehr so überraschend, 
wenn auch in Runeninschriften vereinzelt, es wird nach Art der 
Initialen in Handschriften zu beurteilen sein. Ich möchte, um dem 
f seine haplographische Stellung zu sichern, vorschlagen nicht *<Mc//i 
sondern iSüf zu lesen und in dieser B-losen Form des Personennamens 
an. Ulfr^ ahd. Uulf Lacombl. a 820, FW/* St. P. einen Vokativ er- 
blicken, der an Stelle des Nominativs getreten ist. 

Dasselbe gälte dann auch von dem Personennamen in der von 
Bugge S. 566 ff. hierzu verglichenen Inschrift von Konghell, getrennt 
transliteriert: mk tp kfiokffof, ausgefüllt *mik fapi Kuukuuf und 
ich meine, daß man die beiden Formen ütdf und tmf zwar aller- 
dings zu verbinden habe, 'doch auf einer anderen Basis als Bugge 
S. 568 tut.^) (iuf{R) für *uulf{B) scheint mir dieselbe 2- Assimilation 
an f zu enthalten, die im ahd. Uuoffo, Wofo, Offo, TJffo, Ädälof^ 
Ädalufus^ Erlof, Erlub, Erluffo neben Erlulf, anlautend Ofheri und 
Ofmar, Beispiele aus Libri confrat. und Wg. trad. Corb., sowie aus 
dem ags. Wuffa, üffa, Ufa, Offa, Yffe bekannt ist. 

Daß diese Umbildung nicht bloß bei vokalischer Deckung, sondern 
auch im reinen Auslaute eintreten konnte, beweisen die FÜle Ädalaf, 
mhd. appellativisch gellof >levir« zu gelle swf. >Eebse<, doch ist es 
für das Nordische sehr wohl möglich, daß die Entwicklung von uuf 
schon auf der zweisilbigen Stufe *uufaR aus *uulfaR erfolgte. 

Dieser Auffassung scheint, da die Dehnung des Vokales in Mfr 
doch sehr viel später eintrat (Noreen, An. Gramm. P, S. 119, 3), die 
angenommene Länge des Vokales hinderlich, die ja auch Bugge S. 568 
veranlaßt hat nach einem anderen Etymon mit ü suchen. 

Aber die Binderune uu muß nicht als a, sie könnte auch als uü 
interpretiert werden, so daß man *wulf und *umf zu lesen berechtigt 
wäre. Das wären dann allerdings Formen, die sich dem gleichzeitigen 
«^-Schwund vor dunklem Vokal entzogen hätten; bei einem Namen 
keineswegs unerhört, da im Namenmaterial aller germ. Dialekte altes 
und neues, gewissenhaft konserviertes und rücksichtslos umgebildetes 
beisammen liegt. Auch im ersten Teile des Namens von Konghell 
Kuuk^f den wir als sekundäre Namendeterminierung und nicht 
gleich den mhd. Bildungen ginolf »Narr«, triegolf >Betrüger< als 
Ableitung verstehen werden, könnte mit Rücksicht auf ags. cwucu 
neben cucu^ an. kuik{k)r die Lautgeltung u>ü verteitigt werden. Doch 

1) Modern norweg. dial hergulv neben schwed. berguf »Steinenle« zu an. üfr 
iit dodi zweifellos eine späte Umformung. 



Norges Indskrifter med de seldre Raner. 137 

scheint diese Bewertung des Zeichens für das ganz gleichgebildete 
der Inschrift von Odemotland nicht möglich und die Annahme einer 
besonderen alphabetischen Ligatur fiir die Lautverbindung wu in 
keinerlei Bedürfiiis begründet. 

Ich glaube demnach die Sache am einfachsten so zu lösen, daß 
ich die Binderune uu als neues Zeichen für den Laut w erkläre — 
die alte Rune hierfür p fehlt in der Odemotlander Inschrift! — das 
nach Analogie des handschriftlichen german. uu der mittelalterlichen 
Orthographie gebildet ist und gleich der Rune P auch vokalisch, 
das ist für ä gebraucht werden konnte. Demnach ergibt sich Ulf 
für Hämmeren und Kük-Üf für Konghell, wobei der erste Teil in 
der Tat nach Bugges Vorschlag mit an. kükr und dem Beinamen in 
Äslakr Kükr gleichgesetzt werden kann. 

Von den Steininschriften habe ich noch die von Elgesem, Bugge 
Nr. 7, zu besprechen, die einzige, die ein alleinstehendes Sachwort 
enthält, das um so mehr interessiert, als es gleichfalls allein oder in 
Verbindung mit Personennamen auch auf Bracteaten erscheint. 

Die viereckige, aber oben nach Art unserer Grenzsteine ab- 
gerundete 1.72m lange, 0.90m breite, 0.18m dicke Granitplatte 
wurde 1870 am Abhang eines Grabhügels unter dem Rasen auf- 
gefunden; unter Umständen der Lagerung, die darauf schließen 
lassen, daß der Stein niemals aufgestellt war, sondern sich von 
vornherein in der liegenden Position befand, in Mer er entdeckt 
wurde. 

In der Mittellinie des Steines, nahe dem abgerundeten Ende 
steht in linksgewendeten Runen von oben nach abwärts zu lesen das 
Wort alu. 

Die Gegenstände, auf denen dieses Wort sonst noch vorkommt, 
zählt Bugge S. 161 ff. auf; ich ergänze die Aufzählung in einzelnen 
Stücken : 

I. alu ohne weiteren Beisatz auf den Bracteaten von Slangerup, 
Stephens Nr. 15; von Dietmarschen, Stephens Nr. 16, Henning 
Nr. XV; von Gotland, Stephens Nr. 88; wozu noch der Bracteat 
von Bjornerud, Bugge S. 428 ff., konunt. 

II. In Verbindung nüt anderen Wörtern: 

1. laukaa | aln, Bracteat von Skrydstrup, Stephens Nr. 18, 
Noreen, An. Gramm. P, S. 342. 

2. Mit einem getrennt geschriebenen Komplexe hag verbunden, 
Bracteat von Ölst, Stephens Nr. 68. 

3. nlnJU. aln, Bracteat von Darum I, Noreen, An. Gramm. P, 
S. 332. 

09%%, c»L Au. 190«. Nr. 2. 10 



138 Gfött gel Anz. 1906. Nr. 2. 

4. Ronisches Monogramm mehr aln, Ring von Körlin, Henning 
Nr. XI. 

5. Beingeräte von Lindholm aln am Schlüsse einer zweizeiligen 
Inschrift, Stephens I, S. 219. 

6. lapa lau^aB • gaa£iui aln, Bracteat aus Schonen, Stephens 
Nr. 19; Noreen, An. Gramm. P, 8. 341. 

Dazu kommen nach Bugges Meinung noch die Inschrift salu 
saln, Bracteat von Sellinge, Stephens Nr. 20, die zweite Zeile 
der Aarstader Steininschrift saralu, der kleine Stein von Kinneved 
mit Bhuüah, Stephens 3, 21; und das Wort aluko auf dem 
Senkstein von Forde. 

Aber dieser Bestand vermindert sich, denn S. 314 hat Bugge 
die Zugehörigkeit des letzteren Wortes zu alu selbst aufgegeben, die 
des Personennamens Saralu habe ich im vorhergehenden beseitigt und 
das doppelt gesetzte Wort scUu des Bracteaten von Sellinge entferne 
ich sofort, indem ich es mit dem ahd. stf. sala >traditio, delegatioc, 
auch im Kompositum salaman, an. solumaär >person til hvem en har 
solgt noget< Fritzner aus Gul. 267 identifiziere. Es erübrigt nur 
siiuduh von Kinneved, immerhin eine achtenswerte Stütze für Bugges 
Ansicht, daß alu neutrale Nebenform zum got. konsonant. Fem. alhs 
>i6pöv, vaö<;< sei, das in northumbr. Personennamen als aluch' er- 
scheint und mit griech. aXex- , £Xxap u. s. w. zusammengehöre , aber 
keineswegs ein zwingender Beweis. 

Die Bewahrung des auslautenden h in der Form von Kinneved 
wird ja als Analogiebildung nach den gedeckten Obliquen Nom. *(üu^ 
Gen. *aluhs in einwandfreier Weise erklärt and die Bedeutung 
>Schutz« nach ags. ealgian >defendere< in zulässiger Art entwickelt; 
aber das sind bloße grammatische Möglichkeiten, aus denen doch nicht 
hervorgeht, wieso ein im Got. >Tempel< bedeutendes Wort im Urnord. 
hätte > Schutze bezeichnen können und die vor allem die Inschrift 
von Kinneved so dunkel lassen wie zuvor. S. 428 kommt Bugge 
noch einmal auf die Sache zurück und sagt, daß alu nicht, wie ich 
vorgeschlagen habe, >Gedeihenc bedeuten könne, weil an. ala gleich 
lat. aiere > nähren« sei. 

Ich bin gerne bereit anzuerkennen, daß intransitives >Gedeihen< 
sich mit transitivem an. ala >ernähren<, insbesondere auch »Kinder 
aufziehen« nicht wohl reimen lasse, aber allerdings hatte ich gedacht, 
daß dem got. alan in 2. Tim. 2, 17 >voii.i]v l/siv« ein intransitiver 
Wert beizumessen sei, der von »crescere« nicht allzuweit abläge. 

Mich stört in meinem Vorschlage doch etwas ganz anderes, 
nämlich, daß das Wort nicht nur auf Gegenständen, die man mit 



Norges Indskrifter med de seldre Raner. 189 

einem Wunsche schenken kann, sondern auch auf einem Steine vor- 
kommt, der ersichtlich mit einem Grabhügel in Verbindung stand. 
Da scheint ja wohl >incrementum< wenig zu passen und »Schutz«, 
etwa vor Zerstörung und Entweihung, viel eher am Platze zu sein. 
Wenn wir aber zur Inschrift von Skydstrup die der Bracteaten von 
Darum 11 Frohila . liipn und Fünen Horaa | lapu {...), Noreen, 
An. Gramm. I^ S. 336 , 337, vergleichen und berücksichtigen , daß 
auf dem Bracteaten von Schonen beide Sachwörter nebst zwei 
Personennamen vorkommen, so werden wir uns der Einsicht nicht 
entziehen können, daß lapu und alu nicht nur analoge Formen seien, 
sondern auch verwandte Bedeutung haben müssen. Nun ist laßu 
die umord. Form zu an. loa »Einladung«, bjoäa . . . loa >einladen<, 
ladar ßurfi >der Einladung bedürftige und kann als Bracteatinschrifb 
doch wohl nur so verstanden werden, daß die Münze als ein zu 
Gelegenheit einer Einladung oder im Sinne einer solchen gegebenes 
Geschenk betrachtet wird. Was man kulturgeschichtlich darunter zu 
verstehen habe, dürfte kaum zweifelhaft sein; es ist wohl die Ladung 
zu einer Festlichkeit, oder im allgemeinen ein Zeichen des Will- 
kommenseins, der angebotenen Gastfreundschaft, und dann ist der 
damit verbundene Personenname auf jenen Mann zu beziehen, von 
dem die freundliche Gesinnung ausgeht. 

Das wird um so klarer, als wir neben lapu einmal auch die 
Form lapodu finden, die ersichtlich das Verbalabstraktum got. *lapodu8 
zu lapon, gebildet wie gabaurjopus^ enthält Bugge (S. 173 Note 1) 
wollte die Bracteatinschchiift (Stephens Nr. 27) tawol | a^du aller- 
dings als Zahlwort *twö mehr einer ersten Dualis praeteriti des 
Yerbums aufklären, das ist aber aus mehr als ^inem Grunde nicht 
wahrscheinlich. Da nun lapoäu nicht Nominativ ist, der *lapoäuR 
lauten müßte, sondern ein Obliquus, so wird auch lapu ein Obliquus 
sein, und ich denke, es sei am schicklichsten, ihn als instrumentalen 
Dativ *lapa zu fassen, so daß sein Sinn etwa »cum invitatione< oder 
>invitationis causa< bestimmt werden kann. Dasselbe gilt auch für 
* lapodu, wobei ich wegen der nicht monophthongischen Dativflexion 
-tu von Tjurkö auf die got. Dative mit -a neben den paradigmatischen 
auf -au verweise. Tawo aber müßte man für einen fem. Personen- 
namen halten, nicht unmöglich, da das Calendar. Merseburgense zum 
Jul. einen Frauennamen Zawa verzeichnet, Meichelbeck hist. Fris. 
ein Mask. Zawuni gewährt. 

Im Einklänge damit wird das doppelte * salü von Seilinge >tra- 
ditionis, delegationis causae die Eigenschaft des > Geschenkes« defi- 
nieren und * aiü vielleicht das Motiv. Ich bin nunmehr der Ansicht, 

10* 



140 Gott gel Anz. 1906. Nr. 2. 

daß umord. alu die Grundlage des an., aisl. Adj. elslcr >liebend< sei, 
das schon Kluge, Nom. Stammb. § 211, als germ. i^Xro- Ableitung an- 
gesehen hat. Da germ, -iska wie lat. -ico wirkt, werden wir el-skr 
»liebende zu *al' wie lat. am-fcus > freundlich gesinnt, geneigte zu 
äm-o, äm-or in Parallele setzen und für das fem. umord. alu die 
Bedeutung >amor« erschließen dürfen. In den Inschriften wird es 
sich zumeist empfehlen nicht Nominativ sondern instrumentalen DaÜY 
*alü anzunehmen, der demnach »ex amore< oder >amoris causae 
übersetzt werden kann. Das stimmt fur die Bracteaten, das für den 
Ring von Körlin, das ist schließlich auch auf einem Grabhügel als 
Motiv der Errichtung in Ordnung. Die Bracteatinschrift von Magie- 
mose Hojt lihek pAt diu (korr. aus a2Z), Noreen, An. Gramm. I^ 
S. 339, ergibt dann den gerundeten Sinn >. . . possideo hoc ex amore 
(datum) <. 

Die Inschrift von Elgesem verlegt Bugge S. 167 vielleicht noch 
ins 6. Jahrhundert , Wimmer , Die Runenschrift S. 304 Note 1 , an 
das Ende des Zeitabschnittes 550—700, Noreen, An. Gramm. P, 
S. 336, fragend um 600. 

Ich wende mich zur Besprechung der Gerätinschriften, Gegen- 
stände aus Metall, Bein und Stein, die sich als Teile der Ausrüstung 
und Gewandung, als Schmuck und als Werkzeuge des täglichen Ge- 
brauches zur Körperpflege oder zur Ausübung einer Erwerbstätigkeit 
präsentieren. 

Zunächst sei das der älteren Eisenzeit angehörige Speerblatt 
von Ovre Stabu, Bugge Nr. 34, besprochen, das um 1890 mit anderen 
archäologisch auf das 4. Jahrhundert bestimmbaren Waffenresten in 
einem Grabhügel gefunden wurde. 

Das Eisenblatt, abgebildet S. 413 und 415, die Inschrift be- 
sonders S. 416, zeigt gleich den beiden kontinentalen Speerblättern 
von Kowel und Müncheberg eine einzeilige kurze Inschrift, für deren 
Bewertung als bloßer Personenname die Analogie eben dieser von 
Bedeutung ist. 

Die Inschrift, im April 1900 vom Konservator Schetelig entdeckt, 
läuft mit rechtsgewendeten, auf die Mittellinie des Blattes als Grund- 
linie gestellten Runen von der Basis zur Spitze und ist von zwei 
punktierten Einfassungslinien umgeben, die sich hinter der letzten 
von Bugge und Olsen anerkannten Rune a zu schließen scheinen. 
Die Hasten setzen sich aus kurzen, parallelen, gravierten Querstrichen 
zusammen, die hier dichter zusammengedrängt sind, als bei den auf 
gleiche Art hergestellten omamentalen Bandlinien des Speerblattes. 
Ihre Höhe fällt von der ersten Rune zur letzten allmählich ab. 



Norges Indskrifter med de seldre Runer. 141 

Die Lesung Bugges and Olsens ergibt einen Komplex raniilfi^a 
mit deutlicher n^-Raute, doch findet sich hinter dem Schluß-a und 
dem bogenförmigen Vereinigungsteile der oberen und unteren Ein- 
fassung nach den Worten des Textes S. 416 und der Abbildung 
S. 415 noch 6ine kurze aufrechte Hasta mit der Schraffierungsdichte 
der Runen, die, der Meinung der Verfasser entsprechend, zur Aus- 
füllung des leeren Raumes dient. In Merks Zeichnung S. 416 stehen 
zwei derartige Hasten hinter dem a und nach diesen ein deutlicher 
punktierter Vereinigungsstrich der Einfassung, während der von 
Bugge und Olsen S. 416 behauptete bogenförmige Zusammenschluß 
hier kaum angedeutet ist. 

Ich bin daher nicht darüber beruhigt, daß das Wort tatsächlich 
mit dem a endigd, wenngleich mir die Abbildungen für eine Lesung 
umord. Nom. -ür oder Gen. -a« keinen Anhalt gewähren. 

Aber eine urnord. schwachformige Bildung eines patronymischen 
oder geographischen Personennamens auf -Inga kann ich mit Hinblick 
auf die HoltingoR Gallehus, lupingan Reistad, Birg(i)figgu Opedal 
nicht zugeben und muß fordern, daß wenn nicht der Nom. *RauningaR, 
so doch irgend ein Obliquus dieser zu erwartenden Form von der 
Inschrift geboten werde. 

Da ist es denn nicht unmöglich die beiden in Merks Zeichnung 
hinter dem a folgenden aufrechten Hasten, sei es daß sie oben ver- 
bunden waren oder auch nicht, als runisches e auszulegen und in 
*Rauningae einen Widmungsdativ zu erblicken, dessen orthographische 
Darstellung mit ae für e sich sowohl im Sinne der lateinischen, als 
auch der älteren ags. Orthographie: getrenntes ae statt Ligatur ce, 
erklären läßt. Auch das Verbum toraet >scripsi< oder >scripsit< der 
Spange von Freilaubersheim bietet diese Schreibung, die ich freilich 
in dem Falle einmal für diphthongisches ae = ai angesprochen habe. 

Wäre die präsumptive e-Rune unverbunden zu denken, so böte 
sie genau die Oestalt des latein. kursiven auch epigraphisch vor- 
kommenden II, auf dem ja die c-Rune fl oder M beruht. Schlösse 
das Wort aber wirklich mit dem a, so müßte ich annehmen, daß der 
Dativ kein nordischer, sondern ein gotischer, also auch das Speerblatt 
gotischer Herkunft sei. 

Die Beispiele, deren sich die Verfasser bedienen, um den Bestand 
schwachformiger urnord. tfi^a-Ableitungen zu erhärten, scheinen mir 
nicht beweiskräftig. Für Müncheberg halte ich an der Lesung got. 
Ranja, das ist etwa *Bahnja zu ahd. rahanen >spoliaric fest, ebenso 
für Sk&äng und Vimose (Kamm) an einer solchen umord. Harija 
und Harja, wobei hinsichtlich der ersten Schreibung allesfalls auch 



142 Göti gel Anz. 1906. Nr. 2. 

an die ahd. Zerdebnung Herige hämo nastr^ ^lesi^ de Engeragowe 
vom Jahre 1079 , Dronke Cod. Fuld. N. 766 , erinnert werden kann, 
ein Patronymikon *Ümnga aus der ersten Zeile der Vier Spange zu 
gewinnen bin icb nicbt in der Lage — icb lese vielmebr Laasauwija — 
die erste Zeile des Steines von Krogsta mit einem Zeichen am Ende, 
das weder einem ng nocb einem j genau gleicht und einer folgenden 
verletzten Rune, die sowohl n (Bugge) als auch i (Noreen, An. Gramm. 
I^ S. 339) gewesen sein kann, ist überhaupt zweifelhaft und selbst 
die Lesung des Namens von Tanum als Obliquus praivif^an, dessen 
drittletztes Zeichen mir Arkiv f. n. fil. 14, 117 eine abgerundete 
und seitlich verschobene n^-Raute zu sein schien, bestreite ich nun- 
mehr in diesem Punkte und verstehe das Zeichen als liegende, das 
ist um einen rechten Winkel gedrehte ;-Rune. 

Das Zeichen des Hobels von Vi allerdings ist eine in der verti- 
kalen Axe geöffoete Raute und nicht anders als f^ zu lesen, aber 
daß der Komplex talingo, der die Inschrift eröffiiet, ein fem. dn- 
Stamm sei, folgt daraus nicht, das Wort kann ja, und das ist in 
der Tat meine Meinung, der Gen. plur. einer maskulinen Uigor 
Ableitung sein. 

Ueber die Etymologie des Namens des Speerblattes von Ovre 
Stabu, das sie S. 419 ins 4. Jahrhundert verlegen,, haben die Ver- 
fasser verschiedene Versuche angestellt: an. raun f. >Probe<; 
^-Synkope in *Rauäninga aus einem Namen *Rauda ; m-Assimilation 
in ^Raumninga zum an. Volksnamen Raumar, Sing. swm. *Rauina^ 
an deren Stelle Bugge S. 570 eine etymologische Verbindung dieses 
Namens mit dem von ihm so gelesenen *Raninga des Müncheberger 
Blattes auf der Basis von *Rahninga mit etymologischem htv her- 
stellt. Die beiden Namen wären bloße Doubletten und könnten, 
ethnographisch gefaßt, einen aus dem nordischen Ränriki stammenden 
Mann bezeichnen. 

So einleuchtend aber Bugges Behauptung ist, daß die Kunst 
der Runenschrift bei den Germanen innerhalb einzelner Geschlechter 
fortvererbt wurde und so klug ersonnen seine hier nur skizzierte 
Ansicht, daß die Ausübung dieser Kunst im Norden durch Männer 
erulischen Stammes gepflegt wurde, so richtig die Beobachtung, daß 
die Ableitung -inga in alter Zeit zur Bildung ethnographischer 
Namen verwandt wird, so geht die familiengeschichtliche Verbindung 
der Namen von Ovre Stabu und Müncheberg doch wohl zu weit 
und die Herleitung wenigstens des nordischen Namens dieses verr 
meintlichen Paares aus dem der Landschaft Rdnriki möchte man 
etwas tiefer begründet wünschen, um sich ihr anschließen zu können. 



Norges Indskrifter med de »Idre Boner. 143 

Das BronzefigQrchen von Freibov, bartloses Menscbenbild mit 
kurzer, enger Tunika, nackten Beinen, ausgestreckten Armen und 
in die Stirne gekämmten Haaren, ist 1865 mit einem Bronzekessel, 
gefüllt mit gebrannten Knochen und anderen Bronze- und Eisen- 
bestandteilen von Waffen gefunden. Alle diese Gegenstände aus der 
älteren Eisenzeit, um 500, lagen auf den Knocben im Kessel als 
Ueberreste nach dem Leichenbrande. 

Bugge vermutet, daß das Figürchen, in natürlicher Größe ab- 
gebildet S. 46, nebst einer Anzahl mit ihm zusammen gefundener, 
hohler Knöpfe an einem Gürtel als Zier befestigt gewesen sei. 

Am Stocke der Tunika stehen drei Zeichen, anscheinend von 
rechts nach links zu lesen, links davon noch die Spuren von einem 
oder zwei weiteren Zeichen. Das erste, von Bugge als omamental 
angesehen, besteht aus einer aufrechten mit einem Kreise gekrönten 
Hasta, von der außerdem zwei Seitenstriche nach links ausgehen, 
der eine vom Hastenkopfe absteigend, der zweite von der Mitte aus 
so ziemlich im rechten Winkel abzweigend ^. Das zweite Zeichen 
ist ein linkes runisches a, das dritte ein oben und unten geschlossenes 
runisches d, oder, wie Bugge sich ausdrückt, ein liegendes in einen 
viereckigen Rahmen eingeschriebenes Kreuz B- Darauf folgt ein 
nach links absteigender Strich , den Bugge S. 49 Anm. 5 als Rest 
eines a nicht anerkennt, während S. 525 — 526 nach einer neuerlichen 
Untersuchung Magnus Olsens die Möglichkeit zugegeben wird, daß 
diese letzte, erst in neuerer Zeit abgekratzte Rune ein a gewesen sei. 
Bugge hält es S. 49 wegen des dem diQ des Koweler Speerblattes 
ähnlichen Zeichens fur möglich, daß die Inschrift gotisch sei. S. 526 
denkt er an einen mask. Personennamen ada. 

Es scheint mir empfehlenswerter, wenn schon überhaupt der 
Komplex einen Namen, was nicht unwahrscheinlich ist, und zwar in 
Runen darstellen soll, auch an dem ersten Zeichen nicht vorüber- 
zugehen; ich halte es für möglich, daß es die Geltung w habe. 

Der Name lautet dann Wada und gibt sich als umord. Ent- 
sprechung zu an. Vaäi, ags. Uada, Wade^ ahd. Uuudo, Uuato zum 
stv. ahd. watan, wobei aber doch die Qualität des Stamm vokales in 
Schwebe gelassen werden muß, denn ahd. scheint es, nach üu&to 
Libri confr. zu urteilen, auch eine langvokalische Form gegeben zu 
haben, deren etymologische Abkunft ja wohl auch eine ver- 
schiedene ist. 

Epigraphisch ergebnislos sind die beiden viereckigen Schmuck- 
plättchen aus Silber (Bugge Nr. 38), die 1898 als Teile eines reichen 
Grabfundes der mittleren Eisenzeit aus einem eröflEneten Hügel ge- 



144 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

hoben wurden. Die zierlich ornamentierten Plättchen dienten ver- 
mutlich als Beschläge an der Mündung einer Schwertscheide und 
tragen an den glatten Rückseiten Spuren von Runen, die jedoch 
keinerlei gesicherte Lesung gestatten. 

Von mäßigem Ertrage blieb Bugge die Inschrift der Spange von 
Fonnaas (Nr. 4) , obwohl die an der glatten Rückseite angebrachten 
Runen keineswegs undeutlich geritzt sind. Diese prachtvolle, an der 
reich ornamentierten Vorderseite zum größten Teil vergoldete Silber- 
spange (siehe die Abbildung, Tafel zu S. 64)^) wurde 1877 bei An- 
lage eines Neubruches in einer Tiefe von ungefähr einem Meter 
unter der Erde, vereinzelt liegend, ohne Spuren eines Grabes, zu 
dem sie gehörte, aufgefunden. Die Spange wird nach ihren archäo- 
logischen Merkmalen von Rygh ins 7. Jahrhundert, von Montelius 
ins 5. Jahrhundert mit dem spätesten Termin 500 gesetzt. Der 
Spangentypus ist über einen großen Teil von Europa verbreitet, 
besonders häufig in Norwegen. Man kennt 60—70 nordische Exem- 
plare, teils in Silber, teils in Bronze. 

Das Alter der Spange ist, wie Bugge S. 69 mit Recht hervor- 
hebt, für das Alter der Inschrift nicht bindend, da ja diese auch in 
beträchtlich späterer Zeit angebracht worden sein kann. 

Die Inschrift datiert Bugge a. a. 0. in Uebereinstimmung mit 
Wimmer, Die Runenschrift S. 304, zwischen 650 und 675, Noreen, 
An. Gramm. P, S. 337, allgemeiner: 7. Jahrhundert. 

Hinsichtlich der Anordnung der Inschrift beobachte ich folgendes : 

Die vier Inschriftzeilen gliedern sich nach der Abbildung bei 
Bugge in eine rechtsläufige am inneren Längenrande der viereckigen 
Hauptplatte vom Nadellager zum Breitenrande sich erstreckende 
Zeile b, die zwischen zwei Parallelen, das ist einer Grundlinie und 
einer Eopflinie eingeschlossen ist, sowie in drei linksläufige unter- 
einander im oToix7]8öv -Verhältnisse stehende, von mir als c, d, e be- 
zeichnete Zeilen, von denen c und d auf der gleichen (linken) Hälfte 
der Platte vom äußeren Längenrande gegen innen zu, das ist senk- 

1) Die rechteckige Querplatte zeigt einen mehrfach profilierten Rahmen, 
der an den beiden Außenseiten und oben von einer zusammenhängenden Bordare 
in Flechtomamentik umgeben ist. Dieser Rahmen schließt, durch ein Flechtband 
getrennt, einen kleineren zweiten ein, innerhalb dessen sich eine tapetenartige 
Flächendekoration mit einem haftelartigen Ornamente 8 findet. Das kreuzf(5rmige 
Langstück weist eine MitteUeiste mit Verzierung in gezackten Linien sowie mehr- 
fach aasgebuchtete und geschwungene Rahmenteile, die an den drei Kreuzenden 
mit ornamentierten Menschenlarren schließen. Die Zwischenräume der Leisten 
sind mit Flechtdekoration ausgefüllt. 



Korges Indskrifiier med de eldre Raner. l4l( 

recht gegen die Onindlinie der Zeile b sich erstrecken, die dritte e 
in der gleichen Richtung verlaufend den mittleren Raum der zweiten 
(rechten) Plattenhälfte beherrscht. Eine vereinzelte a-Rune scheint 
im breiten Zwischenräume von d und e am Rande des rechtwinklig 
sich abgrenzenden Nadellagers angebracht und zwar so, daß sie nach 
links gewendet den Fuß gegen d, den Kopf gegen e kehrt. Es ist 
hervorzuheben, daß diese Rune zu d kein textliches und zu e kein 
kein graphisches Verhältnis hat, daß sie aber allerdings mit b ins 
Verhältnis der Umschrift und zwar als Wenderune gesetzt werden 
kann. Ich bezeichne diese einzelne Rune als Zeile a. Den Anfang 
der Inschrifft sollte man nach der ganzen Einteilung bei b suchen, 
nicht bei der Zeile c oder d, die ja, wenn b noch nicht dastand un- 
gehindert bis zum korrespondierenden Rande hätten geführt werden 
können, sicherlich nicht bei e, da einer Folge e, b der Mangel eines 
graphischen Verhältnisses zwischen diesen beiden Zeilen entgegen- 
steht und bei einer Folge e, d, c für das unmotivierte Abbrechen 
vor dem Rande dasselbe gälte, was soeben gegen die Folge c, d als 
Anfang der Inschrift geltend gemacht wurde. 

Bugge hat auf Grund seiner mit großem Scharfsinn geführten 
Untersuchung des Textes, die bei dem mit r auslautendem Komplexe 
der Zeile d als glaublichem mask. Personennamen einsetzt, eine 
Folge d, c, e, a, b feststellen zu können geglaubt. 

Aber auch in betreif der Lesung muß ich einer von Bugge ab- 
weichenden Anschauung Ausdruck geben. Bugge interpretiert das 
dreimal auftretende Zeichen f^ als ^; nach meiner Ansicht ist das 
Zeichen vielmehr die ^äm- Rune, hier der Zeit des Denkmales ent- 
sprechend natürlich mit dem späteren Werte a. Ich kann nicht 
finden, daß dieses Zeichen, das die nordischen Gelehrten auf dem 
Bracteaten von Vadstena, dem Bracteaten von Skodborg (Wimmer, 
Bugge, Noreen), auf dem Steine von Tune (Bugge und Noreen), auf 
dem älteren Steine von Terviken und der Zwinge von Torsbjssrg 
(Noreen) als ; lesen, das außerdem in typisch einstimmender Form 
jetzt in Fupark des Steines von Kylfver (Bugge, Einleitung S. 7) zu 
Tage gekommen ist, sich im Wesen von der in Rede stehenden 
Rune der Fonnaaser Inschrift unterschiede, sehe aber den typischen 
Unterschied dieses Zeichens vom runischen ng durch dieses neu ent- 
deckte Fupark, in dem das n^-Zeichen ein stehendes Rechteck D 
ist, auch aufs Neue ausgesprochen. 

Dagegen schließe ich mich in betreff der fünften Rune der 
Zeile e PI, die schon Wimmer, Die Runenschrift S. 127, als eine 
>Veränderung< der eckigen ;Vira-Rune H bezeichnet und in dem 



146 Gott gel Ans. 1906. Nr. 2. 

Worte sAgum, das ist sagum des Böker Steines, nachgewiesen hat, 
der Auffassung dieses und Bugges Bewertung mit a an, wenn auch 
die Zeichen von Bök und Fonnaas nicht völlig kongruent sind, das 
erstere eine geschlossene H (siehe Wimmer a. a. 0. und Bugge S. 70), 
das zweite eine mehr offene Form hat. 

Aber es liegt nicht an der nach meiner Meinung unrichtigen 
Anordnung der Textfolge und der unrichtigen Auslegung der jora- 
Bune allein, daß Bugges Lesung nglskla | wksha | ingasAngsrbse | 
a I ihspldaltl und seine Deutung *AngilashükR Wakrs husingR sä 
Ingisarbiske aih ^ndid tel, das wäre >A. Wakrs Hausmann der 
Ingisarbische (von einem Ortsnamen!) besitzt (diese) gute Nadele, 
einen mehr als problematischen Eindruck macht, denn, wie man 
sieht, sind hier nicht nur Vokale, sondern auch Konsonanten in 
größerer Zahl und in Positionen ergänzt, deren Zulässigkeit durch 
die These einer > verkürzten Schreibart < zwar gedeckt, aber doch 
nicht in jedem einzelnen Falle zu überzeugender Sicherheit er- 
hoben wird. 

Tatsächlich nimmt denn auch Bugge in den Berichtigungen 
S. 526—527 seiner eigenen Deutung gegenüber ein höchst skeptischen 
Standpunkt ein und hält nur seine Anordnung der Zeilen für ein 
gesichertes Besultat, sowie ganz im allgemeinen die Feststellung 
eines Personennamens auf -r in seiner Anfangszeile, zu dem die an- 
genommene folgende Ableitung auf -ingR als Apposition und das mit 
dem Artikel sa eingeleitete Substantiv auf -e als nähere Bestimmung 
gehöre. 

Es ist ja offenkundig, man kommt ohne Annahme von Kürzungen 
nicht aus, auch wenn man meine Transliterierung '^'a | ihsbidalü | 

a b 

wksha I aIsUb | iABsQisrbse zugrunde legt, da auch hier konsonan- 

e d « 

tische Häufungen zurückbleiben, die, um sprechbare Wörter ergeben 
zu können, der Einschaltung von Vokalen bedürfen. Aber man sieht 
doch , daß in diesem Falle nur drei Vokale und zwar immer in un- 
mittelbarer Nachbarschaft einer Liquida l oder r in tl, skh und rbse 
ergänzt werden müßten. 

Ein wirklicher Gewinn ergibt sich mir dazu aus den nur neben- 
hin mitgeteilten Beobachtungen Bugges S. 527, daß die ^-Bune in tl 
an der Basis einen Aufstrich zum l zeige, so daß man sie als Ligatur 
von t und t. auslegen könnte, daß femer das w in wksha vielleicht 
vokalische Geltung habe, wie auf dem Steine von Frerslev vokalisches 
w neben u vorkomme. Transliterieren wir nun tll, ganz abgesehen 
davon, ob es mit der angenommenen Ligatur seine Bichtigkeit habe 



Norges Indikrilfcer med de »Idfe Roner. 147 

oder nicht — der Aufstrich am Fuße des i steht allerdings da — , 
und tikshü, wobei wir einen quantitativen Unterschied des vokalischen 
w und des u voraussetzen dürfen, und bringen wir das h dieses Wortes, 
das ein orthographisch versetztes sein wird — man vergleiche ahd. 

Liutarhtj lUhbald^ lUiboUh Libri confrat. für -hart, hilt-, hilti an 

seine richtige Stelle, so erhalten wir die Phrase *til huksü^ worin 
man die Präposition til mit Genitiv und ein zum Adjektiv aisl. hugsi 
>thoughtful, meditative<, swv. hugsa >to remember< gehöriges swf. 
Abstraktum *hugsa >memoria< ohne Mühe erkennt. *aih . . . tu 
hugsa kann also sehr wohl heißen >possideo€ oder »possidet ... in 
memoriam< und der folgende Eomptex ilskh wird dann gewiß einen 
Personennamen im Nominativ oder im Genitiv enthalten. Es ist 
vielleicht erlaubt *Älshilji oder *ÄlskilaR auszufüllen und den zweiten 
Teil aus an. skil neutr. Plur. > Unterschiede mit der Begriffsentwick- 
lung, die dieses Wort im engl, skill durchgemacht hat, zu erklären. 
Daß man Bugges Erklärung von sbidal als *spifidul > Gewandspange < 
aufgeben müsse, glaube ich nicht. Allerdings frz. epingle, mlat. 
espingla >acicula< ist nur >Stecknadel<, aber mhd. bietet Lexer 
außer ^[^enel >StecknadeU auch spendel >monile, spinter<, d. h. wenn 
das lateinische Lehnwort auch auf >Hal8band< und >Armspange< 
übertragen werden konnte, die einer Nadel entbehren, mußte das um 
so leichter für die Gewandspange möglich sein, bei der technisch 
eben die Nadel die Hauptsache ist. Aus vulgärlat. ^spinla, *espinlaj 
auf dem ipingle beruht, ergibt sich für das Germanische eine neutrale 
Lehnform *spindla ohne Schwierigkeit, aus der späteres *spindul 
mit Sekundärvokal entwickelt zu denken ist. Der Eingang der In- 
schrift wäre also >possideo fibulam in memoriam . . .<, und darnach 
werden wir eher den Genitiv >alicuius<, als den Nominativ des Be- 
sitzers erwarten. Dieser Name des Besitzers kann vielmehr in dem 
folgenden Komplexe (ür stehen, der als *%aRj *%haR interpretiert mit 
dem von Bugge auf dem Bracteaten von Aasum nachgewiesenen und 
für die Inschrift von By vermuteten Personennamen ehaR oder ihaR 
identisch sein mag. Ist nun die fünfte Rune der Zeile tatsächlich gleich 
dl, wobei die Annahme, daß sie aus der eckigen ;ara-Rune stamme, 
wie ich unten S. 158 f. zeigen werde durchaus nicht hinderlich er- 
scheint, so gewinnen wir in sä.. . rbse einen Beinamen, der nur nicht, 
wie Bugge wollte, sich auf ÄlsklR, sondern auf ior bezieht. 

Was nun rbse betrifft, so ist zunächst zu betonen, daß eine Be- 
wertung des b als S zwar naheliegend, aber doch keinesfalls einzig und 
allein möglich sei. Man kann das b sehr wohl auch als p verstehen. 
Ferner mache ich aufmerksam, daß rbse eine nordische Maskulin- 



148 Gott. ^1. Anz. 1906. Kr. 2. 

bildung mit Suffix -si, wie bersi >ur8U8< zu ahd. bero, gassi >gander< 
zu gas >Gan8<, sein wird, so daß wir rpse vielleicht in *erpse aus- 
füllen dürfen, das sich des weiteren aus an. iarpr, ags. eorp, ahd. 
flektiert erpfer > braun, fu8cus< leicht erklärt. Um so mehr scheint 
diese Beziehung gestattet, als das Adjektiv im Altnordischen auch 
als Pferdename Iarpr und Fem. lorp, wie nhd. dial, der Braun, 
dem. Bräunl, sowie als sagenhafter mask. Erpr und als weiblicher 
mythischer Name Irpa, -u auftritt und ein aus diesem Adjektiv ge- 
bildeter römisch - germanischer Beiname Arpus, mit vulgärlat. a für 
germ, e, schon bei Tac. Ann. bezeugt ist. Es erübrigt nur noch das 
zwischen sä und *erpse stehende as. Man kann die Meinung haben, 
daß dasselbe mit sä zusammenzulesen sei und das säas Doppel- 
schreibung enthalte, säs wäre dann entweder nach ahd. th4}se, dese^ 
ags. pes, an.-run. säst > dieser c zu beurteilen und das s wäre das 
des deiktischen Elementes -se, -s. Man kann aber auch säs mit dem 
aschwed.-run. sas >der welcher< gleichsetzen, das nach Noreen, An. 
Gramm. II, S. 94,5, aus sa es >ille qui< zusammengezogen ist. 
Nach der Seite der Bedeutung hin muß man sogar das letztere vor- 
ziehen, da >ille quic gar nicht anders wirkte, als das aus lateinischen 
Texten bekannte Beinamen anfügende »qui et<. Aber auch formell ist 
das Bedenken einer Doppelschreibung mit zwei verschiedenen Runen 
schwer zu überwinden, um so mehr, als das Zeichen in sa ja ohne- 
hin schon eine Ligatur zweier a:V\, somit alphabetisches lang-a 
ist. Ich bin daher geneigt die Stelle sH as zu transliterieren und 
in sa as die nicht verschmolzene Paarung von Demonstrativum und 
Relativum, also Noreens sa es zu erblicken, wobei für das zweite 
dieselbe seltene Schreibung anzunehmen ist, die Noreen, An. Gramm. 11, 
S. 512 Anm. 1, in einigen jüngeren Inschriften konstatiert. Die 
Wirkung der grammatisch unverschmolzenen Bindung sä as ist natür- 
lich keine andere als die des zusammengezogenen säs. Das Bedenken, 
das aus der Annahme dreier a-Runen in äiner Inschrift gegen die 
richtige Interpretierung überhaupt erhoben werden könnte, läßt sich 
mit dem Hinweise auf die Inschrift von Snoldelev, Wimmer, Die 
Runenschrift S. 338, beseitigen, denn auch hier finden sich drei 
a-Runen : ^ (zweimal) , f (fünfmal) , f^ (einmal) nebeneinander. Die 
separat angebrachte Rune a der Fonnaaser Inschrift, die, mit dem 
ih der ersten Vollzeile zusammengelesen, das einleitende Verbum 
aih ergibt, könnte man allesfalls als nachgetragene Korrektur an- 
sehen. Doch dünkt es mich wenig glaublich, daß der Schreiber den 
graphischen Ausdruck des prononzierten Anlautes von aüi hätte 
übersehen können und ich bin daher vielmehr der Ansicht , er habe 



Norges Indskrifter med de seldre Runer. 149 

die ursprüngliche Absicht gehabt, die Inschrift mit linksgewendeter 
Zeile in der Mitte der Platte zu beginnen, habe das linksgewendete 
a geritzt und unmittelbar darauf seine erste Absicht, gewiß aus 
GrUnden der überlegten Raumeinteilung aufgegeben und die Inschrift 
am Rande weitergeführt. Das einmal geschriebene a aber habe er 
als Anfang der Inschrift trotz der etwas ungewöhnlichen Position in 
voller Geltung stehen lassen. 

Das Beinkammfragment von Nedre Hov, Bugge Nr. 35, abgebildet 
S. 421 und 423, 1868 mit anderen auf eine Frau deutenden Gegen- 
ständen in einem Grabhügel, Brandgrab, gefunden, gehört archäo- 
logisch der Zeit der Moorfunde, 300—500 nach Rygh, 200—500 nach 
Sophus Müller, 200—400 nach Montelius, an. Das Fragment zeigt 
auf der einen Seite nicht sicher bestimmbare Runen, auf der anderen 
den deutlichen Komplex ekad . . . , das ist ohne Zweifel das Pronomen 
>ich€ mehr einem folgenden Personennamen im Nominativ. Bugge 
ergänzt denselben zu *Ääa, aschwed. Adhi, adän. Adce^ ahd. Ado 
und Ato. Da aber S. 421 gesagt ist, daß etwas mehr als die Hälfte 
des Kammes fehle, hat man keine Sicherheit, daß der Name nicht 
länger gewesen sei, obwohl freilich auch ein folgendes Verbum *aih 
den Raum füllen würde. Außerdem möchte man auf einem aus einem 
Frauengrab stammenden Kamme einen weiblichen Namen erwarten. 

Von noch nicht sicher erkannter Bestimmung ist das Beingeräte 
von Odemotland, Bugge Nr. 17, das 1886 an das Museum zu Bergen 
eingeliefert wurde. Das Geräte, in natürlicher Größe abgebildet 
S. 244, ist kalziniert, muß also dem Feuer ausgesetzt gewesen sein. 
Die Inschrift läuft innerhalb zweier paralleler, von Randleisten ein- 
gefaßter Zeilen, in der unteren von links nach rechts, in der oberen, 
wobei das Geräte umgedreht werden muß, von rechts nach links. 
Die Uastenköpfe sind demnach einander zugewendet, die Füße von- 
einander abgewendet. Die Randleisten gabeln sich am Anfange der 
SchriftzeUen gegen das linke Ende in ein Delta, das noch besonders 
konturiert ist. Deltaartige Figuren sind auch in die leeren Räume 
vor dem Anfange und am Ende der zwei Buchstabenreihen ein- 
geschrieben. Die Buchstaben sind zum Teil doppelt konturiert, 
bandartig, zum Teil einfach, bei einigen Zeichen wechselt die Kontu- 
rierung innerhalb derselben; die Seitenhasten sind ein paarmal will- 
kürlich vermehrt, außerdem finden sich Wenderunen und Ligaturen. 
Bugge hält S. 263—264 den Gegenstand samt seiner Inschrift für 
eine Kopie nach älterem Muster, das seinerseits hinsichtlich seiner 
Form und Ornamentierung auf eine noch ältere Vorlage zurück- 
gehe. 



150 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

Die Inschrift selbst transliteriert Bugge S. 259 : 
aliaiirtebarinaailjidlinua — aetaapabiahnfpitiardplnaa , 

wobei zunächst bemerkt werden soll, daß die Ligatur te nach der 
Folge der Zeichen eigentlich et ist — der rechte, äußere Abstrich 
des t ist dabei doppelt wie der des folgenden a dreifach — , 
daß ferner an Stelle von Bugges Jl ein einfaches Zeichen von dem 
Orundtypus X dasteht und daß das letzte u dieser Zeile eine Sturz- 
rune ist. In Worte geteilt und ausgefüllt ergibt sich Bugge der 
Text *Üha urte^ Umrinu aijiä pinnu \ w6; Tuupa bi ühan fähidi 
tiard pinnu. Üha, *Eburinu, *Tuupa sind dabei als Personennamen 
gefaßt, aiiid als 3. Sing, praes. ind. aih mehr einer enklitischen 
Pronominalform »det<, urte >fecit€ und * fähidi >scripsit< zwei 
weitere Verba und u€ »heiliger Gegenstand« sowie das Kompositum 
ti-ard, das >Inschrift< bedeuten soll, die Objekte dazu ; bi wäre Präpo- 
sition >bei« und pinuu das Pronomen demonstrativum ahd. den mehr 
einem*enklitischen, deiktischen nü. Einleuchtend daran ist der Eingang: 
swm. Personenname Ulia mehr Verbum urte > fecit <, die Konstatierung 
eines Frauennamens in dem folgenden Komplexe burinu, die Ver- 
mutung, daß aifid eine Form des Verbums aigan >possidere< ent- 
halte, ferner die Beziehung von ulin als Obliquus zum Namen Uha 
und Z*^ als 3. Sing, praet. zu an. fd » schreiben <. Wahrscheinlich 
ist, daß das doppelte pinuu ein Demonstrativpronomen enhalte. 

In den Berichtigungen S. 545 ff. ist Bugge der wichtige Wurf 
gelungen, das Zeichen K > ^^ ^t^ vorher zweimal als r, einmal als b 
interpretiert hatte, in Uebereinstimmung mit den Zeichen von 
Hämmeren und Konghell als uu zu erkennen, aber die sonstigen 
Deutungen an dieser Stelle *Uha urte Ebuuuinu ai ingd, was S. 547 
in *ing[wanj oder *%ng[winaR] dfohtarj ausgefüllt wird, und *pinuu 
ue-tuupa >den geweihten Zahn< als Objekt, ferner der Schluß S. 550 
*uu% uhfaj [ajn f[dh]pi Ti auue (B)[bu]uu[i]nuu »auf diesen ge- 
weihten Gegenstand schrieb Uha: Ty (das ist der Gottname) sei der 
Ebuuvinu günstig !< schließen eher einen Rückschritt ein. S. 554 
berichtet Bugge, er sei nach Drucklegung des Bogens (1903) be- 
züglich des Komplexes aoaeeaanao, das ist also des .Schlusses der 
zweiten Zeile in neuer Transliterierung zu einer differierenden Auf- 
fassung gelangt, die er in den > Allgemeinen Bemerkungen« mit- 
teilen werde. 

Ich habe keinen Grund gegen diö Gleichsetzung des Personen- 
namens umord. Uha mit ahd. Üo, Üvo Mchb. hist. Fris. (Bugge S. 247), 



I 



Norges Indskrifter med de seldre Rnner. 151 

auch Fem. Üva Libr. confr. etwas einzuwenden, auch nichts gegen 
die appellatiyische Identifizierung dieses Namens mit ahd. üwo, üvo 
»bubo, Uhu< demin. in üunla >noctua, £ule< Graff 1, 172, ags. üf, 
an. üfr, wozu ich noch nhd. dial, der auf und auvogd nach- 
tragen kann, aber freilich als zweiten Teil des umord. Personen- 
namens Hariuha, Bract, von Seeland, kann ich denselben nicht an- 
erkennen und seine Verbindung mit dem uidf von Hämmeren muß 
ich zurückweisen. Dagegen scheinen mir die etymologischen Ver- 
suche, den folgenden Frauennamen zu deuten, überhaupt verfehlt 
und das Bestreben, demselben noch ein vorhergehendes e anzuhängen, 
in nichts gerechtfertigt. Liest man Büwinu, so ist dieser Name ja 
nichts anders als eine fem. inid-Motion zu an. BüL ahd. Püwo St. G. 
a. 817 und bedarf keiner weiteren Bemühungen. Das Zeichen %, bei 
Bugge einmal als v> d&s anderemal als ng gelesen, ist doch eine 
offenbare ^-Rune, deren besondere Ausprägung ich schon Z. f. d. Ph. 
32, 295 aus einem ags. Fupark nachgewiesen habe. Es ergibt sich 
also die Lesung aigä, wohl in *aigiä aufzulösen als analogische 3. Sing, 
praes. nach dem PI. an. eigom, Inf. eiga > besitzen < gebildet. Was 
die zweite Zeile angeht, scheint mir das unterpungierte u vielmehr 
ein r zu sein, das unmittelbar folgende ist eine Wenderune u, der 
Schluß aber, glaube ich, ist tiaum^inaa zu lesen. Die gleiche 
Form des d:M mit Verwandlung des inneren Kreuzes in zwei ein- 
springende einander nicht berührende Haken ü bietet ja zweimal die 
Inschrift von ValsQorden (siehe Bugge S. 344 und 346). Wenn uha, 
ausgefüllt *ühan, Dativ des Interesses »für Uha< ist und *fßjpi 
das bekannte Verbum > schriebe, so haben wir hierzu Subjekt 
und Objekt zu suchen. Wie Bugge in seiner ersten Beurteilung 
sehr richtig gesehen hat steckt das Subjekt, ein Personenname in 
dem Komplexe am Eingange der Zeile, das Objekt in dem zwischen 
dem Verbum und dem Pronomen. Ich vermute einen Personennamen 
*UHrüp(R), dessen erster Teil mit dem der an. Namen Ve-geirr, 
-gestTy 'tnundr und anderen zusammenfällt, während der zweite 
sich mit aisl. irudr >a juggler <, auch Beiname Ann truär^ ags. truä 
>liticen, histrioc identifizieren läßt, wonach man es, das lehren schon 
die Bedeutungen dieses Wortes, mit einem Beinamen zu tun hat. 
a JJl kann örtliche Bestimmung >zu Vfc ^) sein und in tuaSud birgt 

1) Legt man hierfür an. vi n. als »aedes« oder »templom« zugrunde, so 
ist das bewahrte i nach Noreen, An. Gramm. P, § 107, 1, nur dann zu verstehen, 
wenn man Yon dem aus dem Althochdeutschen bekannten Lokatiy auf -t ausgeht, 
a ttttl also auf "^on vüki zurückführt. Der Schwund der Nasalis in der glaub- 
lichen Präposition an gegenüber den Nichtschwund in der Rexion Mh(a)n erkl&rt 
sich leicht aus der untertonigen Proklise dieses Bedeteiles. 



152 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

sich doch wahrscheinlich das gemeingerm. Wort ^auäa-, an. auär m., 
ags. eod, as. od >bonum, possessio < in irgend einer Zusammensetzung, 
etwa ^ti-auäR, die es gestattet die gelegentliche Bedeutung desmhd. 
Jdeindt > kleines Hausgeräte < (Lexer) auf dieselbe zu übertragen, oder 
eine analoge ausfindig zu machen. 

Das von Bugge angesetzte deiktische Element in pinuu^ ahd. 
then^ findet sich in ahd. sinu^ senu >ecce< wieder und ist wohl sicher 
die Partikel nü. Textlich ist zu beachten, daß hier auch der 
Schreiber in der dritten Person von sich spricht, was nach Bugges 
Bemerkung für die Textfassung der jüngeren nordischen Runen- 
inschriften charakteristisch ist. 

Das Fehlen des Nominativzeichens r in *üstrüp kann aus der 
von Noreen, An. Gramm. 11, § 383e8, für das Altschwedische for- 
mulierten Regel erläutert werden, wonach dasselbe in Titeln un- 
mittelbar vor dem zugehörigen Namen, später auch im Namen vor 
dem Patronymikon, also im nebentonigen proklitischen Worte unter- 
drückt wird. In unserem FaUe konnte die folgende Ortsbezeichnung 
uStrüp ä uuT gleich dem Hauptnamen wirken und uBtrüp stünde wie 
ein Titel, was es ja vielleicht ohnehin ist. 

Der vermutlich für eine Angelschnur bestimmte Senkstein von 
Ferde, aus Steatit (Bugge Nr. 24), 0.12 m lang, 0.05 m breit, im ver- 
kleinerten Maßstab, halber natürlicher Größe abgebildet S. 313, in 
etwas über natürlicher Größe S. 314, wurde 1874 gefunden. Die In- 
schrift alako steht zwischen zwei Bohrlöchern eingeschnitten senk- 
recht auf die Längenachse des Steines und ist von links nach rechts 
zu lesen. Die Runenhöhe läßt an den Rändern oben und unten nur 
mäßig freien Raum übrig. 

Den Komplex erklärt Bugge nunmehr als Frauennamen mit 
deminutivischem i-Suffix als Pendant zu dem northumbr. Mask. 
Äluca, ndd. Äluco (Werden), 9. Jahrhundert, ausgehend von einem 
Vollnamen der an. ol- : Olbjorn, Qlmodr, ags. ealu- : Ealuburh, Ealu- 
bearht, Äloburg im ersten Teile besaß. 

S. 315 setzt Bugge die Inschrift zwischen 650 und 700, Wimmer 
die Runenschrift S. 304 Note 1 gegen Schluß der Periode 550—700, 
ebenso gegen 700 Noreen, An. Gramm. I* S. 337. 

Ich möchte nur bemerken, daß das £lement alu-, trotzdem die 
Inschrift weder magisch ist, Wimmer a. a. 0., noch mit >Schutz< 
etwas zu tun hat, Bugge, S. 162 ff., mit dem in dem einfachen alu 
repräsentierten Worte gleich sein kann. 

lieber die Zeit, der die mit Inschriften in den älteren Runen 
versehenen Goldbracteaten angehören, äußert sich Bugge S. 45, daß 



Norges Indskrifler med de seldre Rimer. 153 

man die Hauptmenge derselben ins 6. Jahrhundert verlegen mttsse. 
Auf diesen Zeitabschnitt führen die von den nordischen Antiquaren 
gegebenen Grenzen: 5. Jahrhundert bis erste Hälfte des 6. Jahr- 
hunderts Montelius, 550—700 Wimmer, Die Runenschrift S. 304 
Note 1. 

Die Inschriften der Bracteaten sind nicht immer deutbar und 
zwar nicht etwa bloß aus dem Grunde, daß die mitunter in graphisch- 
omamentale Gebilde zusammengeschlossenen Runen sich der Ent- 
wirrung entziehen, sondern auch deshalb, weil die erhaltenen Brac- 
teaten nicht immer Originale sind. Sie wurden ja vielfach rein 
mechanisch nachgebildet, wobei die ursprünglich sinnvollen Inschriften 
in unheilbarer Weise entstellt werden konnten. 

Die Bracteaten von Sotvet, zwei Exemplare, 1879 in einem 
Grabhügel mit Schmuckresten und etwa um das Jahr 600 datierbaren 
Gegenständen gefunden, die auf ein Frauengrab schließen lassen, 
sind mit demselben Stempel geprägt, in Bild und Wort vollkommen 
gleiche Doubletten. 

Die Inschrift des Bracteaten, abgebildet S. 170, steht in zwei 
Partien rechts und links vom Henkel, in dem von Perlenschnüren 
umgebenen Bildfelde mit linksläufigen, auf eine äußere Grundlinie 
orientierten Buchstaben, gibt sich also als Umschrift, die rechts oben 
beginnt, beinahe drei Viertel des Kreises überspringt und links oben 
endigt. Sie lautet transliteriert: 

aelwao— nl. Am Anfange der zweiten Partie steht ein von Bugge 
als nicht literal angesehenes, dreiarmiges Zeichen Xj d&s auch auf 
anderen Bracteaten vorkommt und gleich dem Hakenkreuze ein 
Symbol sein wird. 

Bugge liest elwa onla, oder orUa ehoa und sieht in diesen 
Wörtern zwei Nominative auf a, von denen der eine, onla^ mit dem 
Suffixe von Wi^DÜa Veblungsnes, sowie der Namen Frohila, Nitiwila^ 
NiujilfaJ der Bracteaten von Darum ü, NaBsbjaerg und Darum I, 
Mrla der Spange von Etelhem gebildet, mit ags. Onela, Beow., dem 
Namen eines schwedischen Königs des 6. Jahrhunderts und an. 
Ölif Öli oder Ali identisch sein könne. Doch müßte man mit Bugge, 
S. 171 erwarten, daß das a bei Entsprechung zu ags. Onela, ahd.- 
dän. Änulo, Einh. zum Jahr 812, zur Zeit des Bracteaten noch be- 
wahrt sei und dieses Bedenken leitet Bugge, wenn er S. 535—536 den 
Onla von Setvet auf Äunila zurückführt und den Namen gleich dem 
Fröhila von Darum als gotisch erklärt; d. h. Bugge nimmt an, daß 
bei den Nordleuten auch Namen gotischer Form und Herkunft in 
Gebrauch gewesen seien. Daß dagegen der Vokal des zweiten Namens 

06ti. gd. Axa, 190«. Nr. 2. 11 



154 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

dwa, nicht iltva^ streite, den Bugge als swm. Form des ahd. Ad- 
jektivs do, elawSr >gelb< bestimmt, hebt der Verfasser ausdrück- 
lich hervor, meint aber, das e statt i könne wohl auch dialektisch 
sein. Ich muß gestehen, daß mir der Umweg über das Gotische 
ebensowenig überzeugend erscheint, als die Uebertragung des latei- 
nisch-gotischen ö für gotisch au auf den Fröhila des Bracteaten von 
Darum. Der Name kann auch germ, ö haben, zum ahd. Adv. frö^ 
fruo >mane<, auch Adj. fruer >matutinus, antelucanus< Oraff 3,655 
gehören und sich mit dem ahd. Fruölo der Libri confrat. vollständig 
decken. Dieses Element kommt ja auch sonst noch vor; so mög- 
licherweise in Fruarit Trad. Wiz. a. 808, Fruorit Dronke a. 802 und 
Fruosint Libr. confr., die man freilich auch aus fruot- ableiten kann. 
Sicher aber ist das Wort in Fruogia, Libri confr., einem Beinamen, 
der ganz und gar dem römischen Eognomen Mätütina gemäß ist. Ich 
glaube daher behaupten zu dürfen, daß der Name Fröhila unbe- 
denklich als urnordischer angesehen werden dürfe und zwar als De- 
minutivform eines einfachen, dem römischen Eognomen Mätütlnus 
entsprechenden Beinamens, etwa *FröjaR. Nicht anders verhält sich 
die Sache bei dem Deminutivum NiujilfaJ', es gehört zu einem ein- 
fachen Beinamen, der wie das römische Eognomen Növus zu ver- 
stehen ist, und ich zweifle nicht, daß beide sich bedeutungsmäßig 
auf Oeburtsumstände beziehen werden. 

Demnach stehe ich dem angeblich gotischen *aunila in onla mit 
noch größerem Mißtrauen gegenüber als der früheren Gleichung 
Bugges mit ags. Onela. Aber die Sache wird sich auch hier auf 
drittem Boden entscheiden. Aus dem Eomplexe iong des Hobels von 
Vi wissen wir, daß germ, ü im Urnordischen auch vor gedeckter 
Nasalis als ö auftreten könne. Ich gehe daher für Onla von einer 
Form *Onnila aus und diese ist klärlich wieder nichts anderes, als 
eine Deminutivbildung zu dem einfacheren Namen ags. Onna, ahd. 
Unna, Libr. confr., beziehungsweise eine deminuierte Eurzform aus 
einem Eompositum wie Unnari, ebenda, Onnhardus Necrol. Germ. 
111,326. Bleiben wir, was am nächsten liegt, bei Unno^ so erkennen 
wir darin unschwer das zum Verbum ahd., ags. unnan >dare, attri- 
buere, concedere< an. unna gehörige swm. Abstractum unna in der 
dritten Bedeutung bei Bosworth-Toller »a grant, what in given<, 
von >Gabe< wenig verschieden in dem a. a. 0. ausgezogenen Passus 
se de das lyfu and äisne unnan unlle Gode and sancte Pdre ceibredan 
»wer diese Gabe und Gunst Gott und St. Peter entziehen will«, 
d. h. ahd. Unna ist ein Beiname, der im römischen Eognomen Con- 
C€s$u$ eine genaue Parallele hat 



Norges Indskiifter med de seldre Raner. 155 

Aber auch Elwa ist Beiname, ahd. Elo Libri confrat. und seiner 
Bedeutung nach gewiß mit dem römischen Kognomen Flavus gleich, 
denn der appellativische Wert des Adj. ahd. do wird sich nach den 
Belegen bei Graff 1,225, wie elewü laehin »sacellum crisum«, als 
> lichtgelb € bestimmen lassen. Dieser Beiname ist demnach aus der 
Komplexion geschöpft. 

Was die Folge der Namen auf den Bracteaten anbelangt, muß 
ich mich für dwa, onla entscheiden, da es unglaublich ist, daß die 
Inschrift am Ende des Schriftraumes im rechten oberen Felde be- 
ginne und nicht vielmehr am Anfange desselben. Das a vor dem 
Namen Elwa ist um die Hälfte kleiner als das folgende e, ich bin 
der Ansicht, daß der Stempelschneider, wie er auch die Größe des 
l aus Raumgründen reduzieren mußte, den letzten Buchstaben des 
zweiten Namens vor dem Anfangsbuchstaben des ersten eingeflickt 
habe, da er denselben auf der linken Seite nicht mehr unterbringen 
konnte. 

Das Verhältnis der beiden Namen ist entweder das von zwei 
Beinamen zweier Personen, oder das von zwei Beinamen einer 
Person. Es ist ja richtig, daß wir in diesem letzteren Falle eher 
die Folge Onla Elwa als die tatsächlich anzunehmende Elwa Onla 
erwarteten, aber entscheidend ist das doch nicht, da z. B. der Folge 
Totila qui et Baduüla im chron. Sigeb. die umgekehrte Baduüla 
qui d Totila dicebatur in Ekkeh. chron. univers. gegenübersteht, d. h. 
man hat es mit zwei freien und von einander unabhängigen, nicht 
zu einem festen Systeme verbundenen Namen zu tun. 

Nur ^inen Namen gewährt der aus Norwegen stammende, heute 
im Nationalmuseum zu Kopenhagen autbewahrte Bracteat, Bugge 
Nr. 42, abgebildet S. 457. Hinter dem das Mittelfeld einnehmenden 
Menschenhaupt findet sich innerhalb eines Bandrahmens der links- 
läufige Komplex anoana, den die Verfasser mit ahd. Änawan ver- 
gleichen. Der erste Teil enthielte ahd. ano, wozu auch die nordischen 
Namen Ali, Oli und Älof, Öluf, urnord. Alaifu By gehörten, oder 
die Präposition an, der zweite entweder got. tcans, an. vanr, ahd. wan 
> mangelnd«, oder an. vanr »gewohnt an«. Das o sei wie in hoiE des 
Steines von Rök als konsonantisches u zu bewerten. Diese ortho- 
graphische Darstellung o für u ist allerdings in irgend einem Punkte 
richtig, man könnte z. B. ahd. choat neben chat im älteren Physio- 
logus vergleichen, aber Anawän habe ich schon an anderer Stelle, 
A. f. d. A. 27, 133 als Speratus erklärt und setze demgemäß urnord. 
*ana'wana mit got. aswSna »exspes, &ic6Xic(Ca>v< ins Verhältnis. Das 
der belegten Form anoäna ist demnach etymologisch eigentlich das 

11* . 



156 Qött gd. Anz. 1906. Nr. 2. 

durch folgendes w dunkelgefarbte auslautende a der Präposition got. 
ana-, bedingt aber allerdings auch den Anlaut w in der wirklichen 
Aussprache, die sich mit deutlichem Gleitlaute ^ zwischen beiden 
Vokalen vollzieht. Der Bedeutung nach kann Anoäna nicht passivisch 
sein wie ahd. Anawän^ sondern nur aktivisch >sperans, exsperans«. 

Einen mask. Personennamen auf -r wird man auch für den zirka 
1805—1810 in einem Brandgrabe gefundenen Bracteaten von Fredriks- 
stad, Bugge Nr. 2, vermuten dürfen, abgebildet S. 44, obwohl die 
Lesung des Komplexes, der von bandartiger Umrahmung abgegrenzt, 
am linken oberen Rande, vor dem Gesichte der Reiterfigur im Bild- 
felde derselben steht, der Lesung Schwierigkeiten entgegen setzt. 

Bugge hält S. 45 die Inschrift für die entstellte Kopie nach 
einer älteren Vorlage, gelangt aber S. 524—525 doch zur Memung, 
daß der Bracteat ein Original sei und schlägt eine Lesung ndaiiB, 
d.i. einen Personennamen vor, der *udd'üuR oder -m zu konstru- 
ieren wäre und im ersten Teile an. odd-, ahd. ort-, im zweiten aber 
die umordische Form des modern nord. dial. Maskulinums tir »Stein- 
eule« enthalte, verwandt also mit dem Namen Üha von Memotland. 
Das ist unter der Voraussetzung, daß man *udd'üR als Beinamen 
fasse, ja gewiß möglich; man könnte dazu allesfalls auch das 
appellativische Kompositum ortfoda >accipiter< der malbergischen 
Glosse vergleichen. 

Ergebnislos blieb Bugge die Inschrift des Bracteaten von Sogn- 
dal, Nr. 23, abgebildet S. 311, der 1861 gefunden ist. 

Die Inschrift steht im linken unteren Viertel hinter den Beinen 
eines nach rechts sprengenden Reitpferdes. Die Zeichen sind in der 
Tat schwer entwirrbar, Bugge hält dieselben für mechanische Nach- 
ahmung nach einem älteren Bracteaten. 

Ebenso verhält sich die Sache mit dem Goldmedaillon von 
Mauland, Bugge Nr. 40, abgebildet S. 446, das 1899 vom Museum 
zu Stavanger erworben wurde. Die Aversseite dieses Medaillons 
zeigt ein römisches Kaiserbrustbild und trägt eine nur das untere 
Viertel des Kreises freilassende Umschrift in lateinischen Buchstaben 
und Runen. Die Reversseite enthält eine Menschenfigur zu Pferde, 
einen Kranz emporhaltend und davor stehend eine zweite Figur mit 
langem Gewände. 

Bugge hält das Medaillon für Nachbildung einer römischen 
Kaisermünze — die Aversseite erinnere sehr an die Darstellung des 
Kaisers Valens (375 — 378) — - die Inschrift gleichfalls für eine mecha- 
nische Nachbildung ohne sprachliche Bedeutung. Derartige Nach- 
bildungen römischer Goldmünzen sind in Norwegen im ganzen sechs 
gefunden. 



Norges Indskrifter med de «Idre Raner. 157 

In ähnlicher Weise beurteilt Bugge auch die Inschrift des großen 
Bracteaten von Selvig, Nr. 18, mit 38 mm Durchmesser, der 1846 
mit anderen Bracteaten und Goldsachen gefunden wurde. Die In- 
schrift mit linksgewendeten Runen tan, abgebildet S. 267, findet 
sich vor der Nase des linksgewendeten Menschenkopfes im Mittel- 
felde und läuft vom Fuße des u an in eine merkwürdige Umrahmung 
aus, deren Anfangsstttck ganz einem griechischen £ gleicht. Außer- 
dem stehen die vier Runenhasten auf vier Postamenten, die ihrer- 
seits wieder auf einem freien langgestreckten Rahmenteile aufsitzen. 

Bugge ist nicht der Ansicht, daß die Inschrift ein wirkliches 
Wort sei, sondern hält sie für eine Entstellung aus alu. 

Die Runen sind aber so klar und sicher, daß es schwer scheint, 
dieselben als bloße Entstellung anzusehen, ich meine daher, daß die- 
selben ein Sachwort mit der Flexion von alu, lapu, oder einen Namen 
enthalten. 

Man kann zweisilbiges *tä-u in *tä-u)u rekonstruieren und darin 
entweder die umordische Entsprechung zu got. tewa^ stf. »t^yil«, 
ordo<, oder zum ahd. Frauennamen Zawa des Cal. Merseb. Jul. 
finden.') Wäre das Wort ein Sachwort, so könnte man insbesondere 
an ahd. gizanua, stf. >das Gelingen« zum swv. eauoen >glücken, ge- 
lingen, zu teil werden« denken.^) Demnach würde man *tawü als 
instrumentalen Dativ, wie >mit dem Wunsche des Gelingens, des 
Glückes« oder >in bonam fortunam« erklären dürfen. 

Ein Sachwort, auch nach Bugges Meinung, bietet der Bracteat 
von Bjomerud, Nr. 36, der 1895 von der üniversitätssammlung nordi- 
scher Altertümer in Christiania erworben wurde. Es ist das bereits 
besprochene Wort aln, das in linksgewendeten Runen vor dem im 
Profil dargestellten Menschenkopfe steht. Daß das u derselben ein 
rechtsgewendetes sei, kann ich auf der Abbildung S. 428 nicht sehen. 
Im übrigen möchte ich nur hinzufügen, daß mir die vorausgesetzten 
Dative mit den germanischen adverbialen Dativen, wie got. allaim 
haidum »icavtl Tpöic(|>< Beziehungen zu haben scheinen. 

Eine längere, aber späterer Zeit angehörige Inschrift leistet der 
Bracteat von Aagedal, Bugge Nr. 11, in vergrößertem Maßstab ab- 
gebildet S. 188, der 1879 als Teil eines großen Grabfundes zu Tage 

1) Vgl. das anter Elgesem zum Bracteaten Stephens, Nr. 27^ Gesagte! — 
welche Gründe Bngge hestimmen, S. 554 diese Yerhindang ohne weiteres abzu- 
lehnen, ist mir nicht verständlich. 

2) Otfrid in der »Invocatio scriptoris ad Dominnmc. 1,2,^ gizduua mo 
firlihe ginada thin theig thihe »verleihe deine Gnade ihm (d. L meinem Worte), 
Gelingen, auf daß es gedeihe«. 



158 G6U. gel. Ans. 1906. Nr. 2. 

kam. Die Gegenstände lassen auf ein Frauengrab schließen und sind 
archäologisch etwa um das Jahr 700 zu datieren. 

Die volle Umschrift läuft mit linksgewendeten Kunen zwischen 
einem äußeren und einem inneren Kreise eingeschlossen, am Rande 
um das Bild, eine Reiterdarstellung. Bugge liest S. 200 zusammen- 
gefaßt apilR RikipiR ai eirüidi, Uha ifalh fahd Hade eliß an it und 
übersetzt »der edle R. besitzt den Häuptlingsschmuck. Uha gra- 
vierte, schrieb, ordnete die Eibin (das wäre das Bild des Bracteaten!) 
darauf«. S. 553 ändert er den Schluß in fahd ti-ad ee lifi an it, 
übersetzt >(Uha) . . . schrieb darauf: kriegerischer Ty (der Gott- 
name I), er lebe!< 

Die Buchstaben sind in vielen Stücken so deutlich, daß man von 
weiteren Bemühungen um die Inschrift die Erlangung eines in allen 
Stücken befriedigenden Ergebnisses erwarten darf. 

Einige Worte habe ich noch den Exkursen zu widmen, die zum 
Teil Probleme der runischen Schriftzeichen erörtern, zum Teil Deu- 
tungen nichtnorwegischer Inschriften einflechten. 

Der Exkurs über die Rune der Fonnaaser Spange d, so in rechts- 
gewendeter Schrift, S. 70f., begründet die Herleitung dieses Zeichens 
aus der eckigen ;ara^Rune, deren Name später zu ära, an. dr wurde, 
so daß mit dem Abfalle des anlautenden ; auch das Zeichen seine 
ursprüngliche Lautgeltung zugunsten einer neuen ä verlor. Nur hat 
Bugge nicht hervorgehoben, daß das Zeichen von Fonnaas nicht bloß 
eine graphische Veränderung der eckigen, schon auf dem Lanzen- 
schafte von Kragehul in dieser Form vorkommenden ;ara-Rune H 
sei, sondern offenbar eine Doppelsetzung dieses Zeichens, eine Li- 
gatur aI, die also nicht nur ausdrücklich tür die Schreibung des 
lang a erfunden ist, sondern auch voraussetzt, daß zur Zeit, als sie 
gebildet wurde, das einfache H als alphabetischer Ausdruck der 
Länge nicht mehr angesehen sein könne. Die Inschrift des Krage- 
huler Lanzenschaftes, abgebildet bei Wimmer, Die Runenschrift 
S. 124, wird von diesem selbst S. 303 in die erste Hälfte des 6. Jahr- 
hunderts gesetzt, während Montelius geneigt war, sie über 100 Jahre 
früher, um 400 zu datieren. Das ist vermutlich übertrieben, aber so 
viel ist sicher, daß die eckige /ära-Rune mit der runden 9 von Tune 
z. B. gleichzeitig ist. 

Wäre aber selbst die eckige järchRnne früher bezeugt als die 
runde, was man schon mit Rücksicht auf das runde S der Thors- 
bjsBrger Zwinge, die Wimmer, Die Runenschrift S. 303, zwischen 400 
und 500 datiert, nicht zuzugeben braucht, so wäre das noch immer 
kein Beweis, daß die eckige Form auch die alphabet-geschichtlich 



Norges Indskrifter med de nldre Raner. 159 

ältere sei, denn sie ist offenbar die Form der Holztechnik und es 
ist kein Zufall, daß sie zuerst auf einem Holzgeräte auftaucht, 
während sie später auch in Steininschriften, wie Istaby, eintreten 
konnte. Wir müssen also annehmen, daß die runde Form der 
Metalltechnik und die eckige der Holztechnik im 6. Jahrhundert 
gleichzeitig nebeneinander bestanden haben, daß aus der letzteren 
eine Ligatur äa gebildet wurde und nur aus dieser graphisch ge- 
bildet werden konnte und ich finde daher keinen Widerspruch darin, 
daß in der Fonnaaser Inschrift, die nach meiner Aufstellung runde 
Form und die aus der eckigen der Holztechnik hervorgegangene 
Ligatur nebeneinander vorkommen. 

Von beträchtlichem Umfange, S. 117 — 148, ist der Exkurs Bugges 
über die 13. Kune des germanischen Fuparks, deren rechtsläufige 
Normalform nach meiner Ansicht die des Themsemessers und des 
Bracteaten von Vadstena 1 ist. 

Bugge zieht zunächst die ags. Schulüberlieferung der runischen 
Alphabete heran, in der nicht alles klar ist, so z. B. schon nicht, ob 
die Wertangabe im Fufuirk der Salzburger Handschrift % & h, wie 
bei n d: g, d. i. = ng, additiv: lÄ, ob sie alternativ: T oder A, ob 
sie nur bestimmend: h in der Qualität nach r, d. i. palatales x, ge- 
meint sei. 

Bugge erschließt den letzteren Wert für die Rune im Worte 
aimehttig des Kreuzes von Ruthwell, während sie in den übrigen ags. 
Inschriften einen t-Laut, wofür die Transliterierung i vorgeschlagen 
wird, in den nordischen aber einen i-Laut oder ^-Laut vertrete, den 
er S. 123 mit i oder b transliteriert. Ich habe nicht die Absicht, 
gegen den in nordischen Inschriften zuweilen anzunehmenden Laut- 
wert ^ etwas einzuwenden und muß dementsprechend den Wechsel 
der Transliterierung i und b als einen wohlbedachten anerkennen. 
Der Wechsel des Wertes wird sich ja ähnlich wie bei der ^ära-Rune 
verhalten, die zuerst ;, dann a bedeutet, Bugge S. 123, und wie bei 
dieser mit einem lautlichen Vorgänge am Runennamen zusammen- 
hängen, d. h. das Zeichen, das ursprünglich dem Namen *ihaR ent- 
sprechend, einen t-Laut bezeichnete, mußte später, da derselbe nach 
Analogie der Beispiele bei Noreen, An. Gramm. P § 107,2 zu *ShaB 
geworden war, auch als Bezeichnung eines 6-Lautes funktionieren. 
Wenn es eine Zeit gab, in der nach dem zitierten an. vorliterarisch 
wirkenden Lautgesetze Nom. *^haR und Dat. *ihs, Bugge S. 123, un- 
ausgeglichen nebeneinander bestanden, so könnte für diese Periode so- 
gar ein Schwanken des alphabetischen Lautwertes behauptet werden, 
obwohl man denken sollte, daß derselbe doch wesentlich durch den 



160 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

Nominatiy des Runennameiis bestimmt war. Aber diese aktuellen 
LautgeltuDgen im Altnordischen haben mit der Abkunft des Zeichens 
nichts zu tun und könnten als Beweis gegen meine graphische Her- 
leitung derselben aus lateinischem Z mit dem vertauschten Werte y 
nicht aufgeführt werden. Die von mir vorgeschlagene Transliterierung 
y^ die dem Lautwerte nicht präiudiziert, beruhte auf der Beobach- 
tung des Wechsels von i und unfestem y in der angelsächsischen 
Orthographie mit lateinischen Buchstaben, zu der die Verwendung 
der iA-Rune in angelsächsischen Inschriften sich ganz analog verhält. 
Wenn in der Inschrift des Braunschweiger Reliquienschreines der 
Genitiv des Pronomens hirce mit 4^ statt % geschrieben ist, so muß 
man doch schließen, daß dieses Zeichen wenigstens orthographisch 
etwas anderes sein soll als i : i, und da wir diphthongisches ie wegen 
der in derselben Inschrift vorkommenden Schreibung hcel^g aus- 
schließen müssen, so lag es nahe, das Zeichen nach der gelegent- 
lichen Schreibung hyre als unfestes y zu interpretieren, um so mehr, 
als sich ags. neben ican auch die Schreibung ycan findet — dies 
zur Inschrift des Schwertgriffes von Gilton ^ce ic sigi >augeo uicto- 
riam< — und auch ahd. orthographisches y zuweilen für i steht, 
s. Braune, Ahd. Gramm. § 22. 

Der Exkurs gibt Bugge die Gelegenheit, die angelsächsischen, 
urnordischen und deutschen Denkmäler, in denen diese Rune vor- 
kommt, zu besprechen und in einem besonderen Auslaufe, S. 133 
bis 136, nachzuweisen, daß der alte Name der Rune 1 ags. ih, im 
Norden auf die iz-Rune: Y in älterer Zeit, X. in jüngerer übertragen 
worden sei, aus welchem Namen dieser Rune in jüngeren Inschriften 
auch vokalische Geltung: y und e, erwuchs. In einem Schlußworte, 
S. 145—148, stellt Bugge die Meinungen früherer Runenforscher über 
die VRune zusammen. 

Bei der Deutung der Inschriften innerhalb dieses Exkurses 
bleiben doch noch manche Fragen ungelöst, so z. B. wie die Doppel- 
schreibung des i in dem Worte liinmu des Braunschweiger Kästchens, 
falls das ags. limu > membra < wäre, zu verstehen sei, oder die Er- 
klärung der Inschrift des Bronzegegenstandes aus der Themse, die in 
toto nicht überzeugt. Ein schöner Gewinn ist die Verständlichmachung 
der Inschrift des Danneberger Bracteaten, gllaugin um rfuJnfojR, 
S. 125 ff., aber die Beurteilung der Inschrift von Krogsta muß ich z. T. 
für ergebnislos halten. Die Lesungen und Erklärungen der deutschen 
Denkmäler, die sich von Hennings und Wimmers Auffassungen stark 
entfernen, scheinen mir am allerzweifelhaftesten, doch wird man die 
S. 140 gegebenen Beispiele orthographischer Buchstabenversetzungen 



Norges Indskrifter med de sftldre Boner. 161 

in jüngeren nordischen Inschriften aus der reichlich spendenden Hand 
des grammatischen Forschers als wichtigen Behelf fttr die Beseitigung 
so mancher Schwierigkeiten, auch in den älteren Inschriften, mit 
Dank entgegennehmen. 

Der nächste Exkurs, S. 148—158, behandelt die goüändische 
Spangeninschrift von Etelhem mkmrlawrta^), deren Verbalform wrta 
mit Auslaut a wie got. waurhta, nicht e wie umord. wurte l^nrkö, 
orte By, sjde Gommor, dieselbe als gotisch erscheinen läßt. 

Daran knüpft Bugge die ethnologische Betrachtung, daß die 
Gotländer, die sich selbst Gutar nannten, mit den festländischen 
Goten an der Weichselmündung ^ines Stammes gewesen, dann in 
späterer Zeit, nach der Auswanderung der festländischen Goten im 
3. Jahrhundert vom Stamme losgelöst, allmählich zu einem nordi- 
schen Volke geworden wären. 

Die ältesten gotländischen Denkmäler der historischen Zeit, dem 
10. Jahrhundert angehörige Runeninschriften, seien schon ausgemacht 
rein nordisch, nicht mehr gotisch. Doch glaubt Bugge aus einer 
Beihe gotländischer Idiotismen, die S. 154—158 vorgefllhrt werden, 
noch Beziehungen zum gotischen Wortschatze nachweisen zu können. 
Ist diese Darlegung richtig, und ich zweifle nicht, daß sie es im 
großen und ganzen ist, so muß man doppelt bedauern, daß der Ver- 
fertiger der Inschrift uns die Binnenvokale der drei Wörter vorent- 
halten hat, die erst volle Sicherheit über die nationale Herkunft der 
Inschrift gewährten. Noreen löst mit nordischem Vokalismus auf fn[i]k 
m[a]r[i]la tofujrtaa — hinter dem Schluß-a folgt noch ein Zeichen, 
dessen Geltung, ob literal a oder bloßes Schlußzeichen wie die Ab- 
schlußzeichen in Veblungsnes oder Skääng umstritten ist. — Bugge 
S. 152 hält aber auch eine Ausfüllung mfsjrßjla für möglich. 

In einem weiteren Exkurse, S. 264—66, sucht Bugge mit Rück- 
sicht auf seine Erklärung des Wortes ue in der Odemotlander In- 
schrift als maskulines Substantiv > heiliger Gegenstand«, die Existenz 
dieses Wortes, das als Substantivierung des A4j. got. weü^ zu ver- 
stehen wäre, auch aus anderen Inschriften wie der des Bracteaten 
von Naesbjserg, Stephens Nr. 79, liliBidwQi, der des gotischen Gold- 
ringes von Pietroassa und aus dem Komplexe #da der Inschrift von 
Fyrunga zu begründen, ein Versuch, der mir in keinem Falle ge- 
lungen schemt. 

Ein Exkurs, obschon nicht als solcher gekennzeichnet, ist auch 

1) 5. Jahrhundert, sp&testens um 600 nach MonteUus (Bugge S. 154), 550 
bis 600 Wünmer, Die Runenschrift, S. 304, etwas nach 500 Noreen, An. Gramm. I' 
S. 336. 



162 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

die in Nr. 35, Kamm von Nedre Hov, eingefügte Erklärung der In- 
schrift der Spange ans dem Viermoore, S. 424—427. ^) 

Die Verfasser, Bugge und Olsen, transliterieren nach der Ab- 
bildung bei Wimmer, Die Runenschrift, S. 147 laasauwlnga (r.) 
aadagäsu (umgewendet r.) und deuten die weder von Wimmer, der 
in ihr wirkliche Wörter überhaupt nicht anerkennen wollte, noch von 
Noreen erklärte Inschrift, als Namenkombination *Aadaga[n]$uJaa 
sa Uwinga. Dagegen ist aber einzuwenden, daß ein Auslaut mit 6e- 
minata a, also lang a bei einem mask. n-Stamme lautlich nicht zu 
verstehen sei und daß sich die von den Verfassern berührte Möglich- 
keit, es wäre durch die nur graphische Geminata am Ende des Wortes 
eine symmetrische Zusammenfassung und Abgrenzung desselben gegen 
die folgenden Teile der Inschrift bezweckt, durch keinerlei Beispiel 
stützen lasse. Abgrenzung wenigstens wäre durch ein Trennungs- 
zeichen weit bequemer und unzweideutiger erreicht. Femer ist 
geltend zu machen, daß man den Beginn der Inschrift eher bei der 
inneren Zeile erwartet, als bei der am äußeren Rande angebrachten, 
endlich, daß die Lesung der vorletzten Rune der Seite als ng nicht 
bloß dubios, sondern offenbar unrichtig ist. Das Zeichen ist typisch 
genau dasselbe von Torsbjserg, Vädstena, Tune, Skodborg, Torviken 
und kann nur ;, nicht ng gelesen werden. Materiell läßt sich gegen 
die Deutung der Verfasser die Häufung der Vogelnamen >Gans< im 
Hauptnamen und >Uhu€ im Patronymikon einwenden, die bei aller 
Anerkennung des altgermanischen Witzes in Namen denn doch des 
Guten etwas zu viel tut. Formell ist die schwache Bildung des ver- 
meintlichen Patronymikons anfechtbar, ungewöhnlich die Deminution 
eines zusammengesetzten Namens. 

Die Gleichung des Elementes äda- zu isl. (kpr >Eidergans< einer 
movierten fem. Form mag ja richtig sein, obgleich uns in den alt- 
hochdeutschen Namen Äto^ Ato, Aata Libri confrat. ein mit umord. 
aäor vergleichbares Element zu Gebote steht, das doch wohl anderes 
Ursprunges ist, und gegen Bezug des Komplexes gctsu auf ein urnord. 
Mask. *gan$uB >Gans< habe ich keinerlei Bedenken vorzubringen, 
um so weniger, als ja an. Gassi, ahd. Gansalin Graff, Ccensili Libr. 
confr., röm.-germ. Gandestrius Tac. als Beinamen begegnen, aber die 
von den Verfassern behauptete Deminutivform ist mir nicht nur 
sprachlich bedenklich, sondern scheint auch paläographisch weniger 
empfohlen, als die einfache aadagafnjsu, die bei einer ganzzeiligen 
Lesung laasauw^a | aadagäsu sich ergibt. 

1) Erste H&lfte des 6. Jahrhunderts, Wimmer, Die Runenschrift, S. 303, 
zweite Hälfte des 3. Jahrhunderts, Noreen, An. Gramm. P S. 347. 



Norges Indskrifter med de eldre Raner. 168 

Der Vorteil dieser Anordnung ist unverkennbar. Wir gewinnen 
zwei zusammengesetzte Namen, den einen im Nominativ, den an- 
deren im Dativ und können sofort ausmachen, daß das Verhältnis 
beider nicht anders wie bei HeldaR Kunimufnjdiu . . . Tjurkö oder 
Manios med fefdked Numasioi, Fibel von Praeneste zu denken sei, 
daß wir es also jedesfalls mit einem Dativ des Interesses >Lä8auwija 
für Ädaga[n]suB< zu tun haben. 

Der Dativ -gafnjsü verhält sich dabei zu dem aus Tjurkö belegten 
Dat. 'mufnjdiu wie die gotischen gelegentlichen monophthongischen 
Dative auf -u zu den paradigmatischen auf -oti. Die Restitution 
eines n ist nach Afnjsugisaias Eragehul ganz in Ordnung. 

Lasauwija aber müßte man als Ableitung aus einem Ortsnamen 
oder Ortsappellativum *Lasatoi ansehen, so wie HoltingaR Gallehus, 
oder wie etwa röm.-got. Uidigöia auf eine territoriale Bezeichnung 
*widugawi > das Waldland c zurückgeht, oder die deutschen Personen- 
namen auf -gouwo von Ortsnamen mit -gouui im zweiten Teile ab- 
stammen. Aus einfachem *a%o% abgeleitet ist der ahd. Personename 
Ouuiw Libri confr., entsprechend dem röm.-germ. Volksnamen Auiones. 

Der erste Teil des Kompositums könnte etwa im ags. Ices^ -tce, 
-e >pascua<, mod. engl, leasow gefunden werden, einem Worte, das 
im ags. tta-Stamm vielleicht ursprünglich ti-Stamm: ^läsu-^ got. *lssu' 
gewesen sein kann. Das thematische wa oder u müßte also im Kom- 
positum synkopiert sein. 

Das Wort scheint übrigens von ags. Ices f. »a letting« etymo- 
logisch nicht verschieden. Ob das Element im deutschen Ortsnamen 
Laasdorp a. 945, heute »Lastrup« in Oldenburg, siehe Förstern. 
Nbd. IV, angenommen werden dürfe, kann ich nicht ausmachen. 

Ich will damit mein Keferat abbrechen. Daß dasselbe die Fülle 
der von Bugge aufgegriffenen Probleme nur ausschnittsweise vor- 
führen konnte, war von vornherein ebenso entschieden, wie daß es 
nur zu den inschriftlichen Fragen, die sich an die älteren norwegi- 
schen Denkmäler, als den Rückgrat des ganzen Werkes, knüpfen, 
Stellung nehmen konnte. 

Daß dies zum Teil in Richtungen geschah, die von Bugge selbst 
angebahnt sind, ist dem Reichtum seiner Eingebungen zu danken, 
doch hofft der Berichterstatter, der eher ein Mitarbeiter sein wollte 
als ein Kritiker, in einigen Punkten wenigstens, der Runenforschnng, 
dieser nach sachlicher Grundlage und Arbeitsleistung fast ausschließ- 
lich nordischen Angelegenheit, auch eigene, fordernde Gedanken zu- 
geführt zu haben. 
Czernowitz. Theodor von Grienberger. 



166 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

hafte geistliche Rhetorik auf deutsch kaum zu lesen ertragen, nur 
die fremde Sprache hält die Aufmerksamkeit wach. Die Dogmatik 
des Mar Jakob kann nur der würdigen, dem eine genaue Kenntnis 
der Dogmengeschichte und speziell der syrischen Patristik einen 
Maßstab der Vergleichung bietet. Sein Monophysitismus tritt hier 
nirgend sehr deutlich, namentlich nirgend polemisch auf. Für den 
Kenner mag er sich darum doch bemerklich machen. Es fällt auf, 
wie sehr Mar Jakob bestrebt ist, unter dem Einfluß griechischer 
Philosophie die biblischen Anthropomorphismen aufzulösen: Gott 
kommt nicht wirklich auf den Sinai herab, ruft nicht wirklich die 
zehn Gebote den Juden laut in die Ohren, schreibt sie nicht wirk- 
lich mit eigener Hand auf die zwei Tafeln u. s. w. Dabei kommt er 
freilich nicht über ein widerspruchsvolles Schwanken heraus; er läßt 
trotzdem den sogenannten biblischen Realismus gelten, auch in seiner 
Auf&ssung der Sakramente. Die christliche Taufe betrachtet er als 
Fortsetzung der Taufe (im passivischen Sinn) Jesu, als Sohnwerdung 
durch den heiligen Geist; doch entsündige die Kirche durch ihre 
Sakramente auch diejenigen, die kein Bewußtsein davon haben, z. B. 
die Kinder und die Toten. Man solle nicht an den Gräbern weinen, 
sondern Opfer für die Verstorbenen (d. h. Beiträge an Brot und 
Wein fUr die Eucharistie) in die Kirche bringen und sie nicht etwa 
hochmütigerweise nur durch eine Magd hinschicken; denn davon, 
was die Lebendigen opfern, haben die Toten Gewinn. Heilige solle 
man aber nicht anrufen. Im Verhältnis zu dem Herrn steht nicht 
etwa, wie bei den Gnostikern, die Seele, sondern die Kirche; das 
Alte Testament wird vorzugsweise als Vorbildung der Kirche ver- 
wertet, weniger als Weissagung auf Jesus Christus. Indessen, das 
Dogma wird im ganzen eher vorausgesetzt, als eingeschärft; die 
neblige und amorphe Sphäre, die um den festen Kern herum liegt, 
tritt dagegen stark hervor. Aus den biblischen Themata, die Mar 
Jakob seinen Betrachtungen zugrunde legt, zieht er weit mehr und 
weit Phantastischeres heraus, als was die eigentliche Dogmatik ent- 
hält — wie das ja auch sonst bei Predigten üblich ist Zum Teil 
schöpft er dabei wohl aus seinem eigenen Busen, zum Teil aber aus 
einer hergebrachten, halbmythischen Exegese. Den reichen Jüngling 
(Matth. 19) schilt er als einen hochmütigen Heuchler; den Lot lobt 
er als verständig, weil er seine Töchter für die Gerechtigkeit aus* 
liefern wollte. Jesus ist der Honig aus dem Aas von Simsons Löwen, 
er hat den Löwen Tod getötet. Er ist auch der Hirsch, der für die 
Schlange perniziös ist; es wird da wohl auf eine Legende Bezug 
genommen, über die man sich aus dem Physiologus wird unterrichten 



Mar Jacob! Sarugensis homiliae ed. Bedjan. I. 167 

können. Jedem Frommen steht sein Engel im Himmel in der Ver- 
suchung bei; zuweilen indessen läßt Gott ihn allein gegenüber der 
Anfechtung, und dann wird die Sache schlimm, wie bei Hieb. Das 
Brot für den Tag soll man deshalb erbitten, weil es nicht zuträglich 
und auch kaum möglich ist, die Portion für zwei Tage an einem 
einzigen zu fressen, wie es die Könige und die Reichen tun möchten. 
Man sieht, daß hier das alte lachma amina d'jauma (das be- 
ständige Brot für den Tag) zugrunde liegt, entsprechend der Lesart 
des Lukas (töv äptov töv lÄto6otov tö xa*' i^iiipav), die in der Vetus 
Syra auch bei Matthäus erscheint, wo die griechische Ueberlieferung 
a7]|i6pov statt xad*' f^|i^pav bietet. 

Wie sich für einen alten syrischen Kirchenvater von selbst ver- 
steht, ist Mar Jakob auf das innigste mit der Bibel vertraut, nicht 
zum wenigsten mit dem Alten Testament; er lebt und webt darin. 
Gelegentlich benutzt er auch die Apokryphen, die Berechtigung des 
Meßopfers für die Verstorbenen stützt er auf das zweite Makkabäer- 
buch (12,43—45). Um die Epitheta, die er gebraucht, und die An- 
spielungen, in denen er sich ergeht, zu verstehen, dazu gehört eine 
Bibelfestigkeit, wie sie nachgerade selten geworden ist. Der Heraus- 
.geber hätte hier wohl ein Uebriges tun können, um dem Leser zu 
helfen. Er gibt nur sehr selten Bibelstellen an ; es wäre nötiger ge- 
wesen, Act. 5,25 zu Seite 39,17 zu zitieren, als Isa. 5,1 zu Seite 
330, 16. 

Sprachliche Beobachtungen habe ich wenig gemacht, da ich 
dafür nicht recht vorbereitet bin. Für den untergeordneten Satz 
wird auffallend häufig (etwa wie im Aethiopischen) das nackte Im- 
perfekt verwandt, statt des Infinitivs oder des mit der Partikel de 
präfigierten Imperfekts. Das Lamed des Akkusativs scheint weit 
seltener vorzukommen, als in der Prosa üblich ist. Für er war im 
Begriff zu fallen oder aufzusteigen heißt es ^"^^^^ {o» oder 
«Attl^ {oi (18,7. 33,10). Die lexikalische Ausbeute ist gewiß nicht 
geringfügig; es kommen manche seltene Wörter vor und noch mehr 
seltene Bedeutungen bekannter Wörter. So «o^ (240, 3. 324, 14) im 
Sinne von jo mit der Präposition ;q^ = etwas mit einem abmachen, 
paktieren. Der Imperativ {&<^ des denominativen Paels Jb^^ ist 
durch 228,5 zu belegen. Häufig wird ^läa in einem sehr abge- 
blaßten Sinn gebraucht (z. B. 462, 7 : Schweigen üben), ebenso manch- 
mal Jb^^ im Sinne von empfangen (58,18. 156,2). Die Bedensart 
^o»L JLu)o{ (476,17) bedeutet der Weg wird begangen, ebenso 
wie oU ji^)( die Erde wird bewohnt. Neben {^ findet sich 
im gleichen Sinne das intransitive )^ (z. B. 5, 6). Das Wort l^,^ 



168 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 2. 

für Streit findet sich 336,8; ich verstehe aber den Satz nicht. 
Ebenso wennig verstehe ich das Verbum lyski^ (24,5). Die hand- 
schriftliche Ueberlieferung scheint mir hie nnd da bedenklich zn sein. 
Sie schwankt stark, wie man ans der kleinen Probe erkennen kann, 
welche Bnrkitt in seiner neuen Ausgabe der alten syrischen Evan- 
gelien (2, 269) gegeben hat. Bedjan gibt nur eine Auswahl aus dem 
Ballast der Varianten. Er hätte öfters die Variante in den Text 
setzen müssen, z. B. in dem Verse 486, 3, obgleich es schade ist, 
daß dann das interessante o;^^ (für {Lo;^^^^, die Weisheit von Be- 
rytus) verschwinden würde. In vi^^W (541,11) hätte er am Schluß 
wohl ein Ghet statt des 'Ain schreiben dürfen. Im Uebrigen hat er 
sich seine Aufgabe keineswegs leicht gemacht. Er hat den Text, 
wie er immer zu tun pflegt, durchgängig punktiert, wobei er in- 
dessen ungewöhnliche Aussprachen, die durch das Metrum erfordert 
werden, unberücksichtigt läßt, ohne Zweifel mit Absicht. Es mag 
dabei allerlei Subjektives mit untergelaufen sein, und von rein 
wissenschaftlichem Standpunkte lassen sich Einwendungen dagegen 
erheben, daß aus praktischen Zwecken ein westsyrischer Autor ganz 
nach ostsyrischer Weise vokalisiert wird. Aber die vollständige 
Punktierung des Textes bedeutet doch einen wertvollen durchlaufen- 
den Kommentar, den nur wenige europäische Gelehrte in dieser 
Weise hätten schreiben können und der die Lektüre sehr er- 
leichtert. 

Aus Versehen ist S. XII das letzte Buch des Bellum Judaicum 
statt des vorletzten angegeben. Mehrere Seitenzahlen am Anfang 
des Inhaltsverzeichnisses S. IX und X sind verdruckt. 

Göttingen. Wellhausen. 



Für die Redaktion verantwortlich: Prof. Dr. Rudolf Meißner in GOttingen. 



Mflrz 1906. No. 3. 



Fr. GleMlbreelit, Die ftlttestamentliche Schätzung des Gottes- 
namens und ihre religionsgeschichtliche Grandlage. Königsberg, 
Thomas &Oppermami (F. Bejersche Bachhandlang), 1901. VI, 144 S. Mk. 4.— . 

Vorliegende interessante nnd in ihren Ergebnissen bedeutsame 
Schrift beschäftigt sich mit einem Problem der alttestamentlichen 
Wissenschaft, das zwar auch schon vorher mehr oder weniger deut- 
lich empfunden wurde, aber ohne eine allseitig befriedigende Lösung 
geblieben war. 1898 hatte J. Boehmer eine Monographie veröffent- 
licht, die der gleichen Frage gewidmet war (Das biblische >im 
Namen €. Eine sprachwissenschaftliche Untersuchung über das hebrä- 
ische Dth und seine griechischen Aequivalente, Gießen, Ricker), sich 
aber über den alttestamentlichen Bereich hinaus auch und besonders 
auf das neue Testament erstreckte und eine Lösung lediglich im 
Rahmen der biblischen Literatur suchte. Auch diese Arbeit brachte 
noch keine genügende Lösung, wie Giesebrecht in zuweilen recht 
temperamentvoller Auseinandersetzung darzutun sucht. Giesebrecht 
selbst beschränkt — mit gutem Grunde — seine Aufgabe auf das 
alte Testament, schlägt aber einen neuen, in unserem religions- 
geschichtlichen Zeitalter naheliegenden Weg ein, den oft so auffälligen 
Gebrauch des Gottesnamens (es handelt sich dabei um den Ge- 
brauch des Ausdrucks DtD in Beziehung auf Gott, des T\lTy^ utD als 
einer Art selbständigen Wesens neben dem Gotte Jahwe) im alten 
Testament zu einem wirklichen vorstellungsgeschichtlichen Verständnis 
zu bringen. 

Es finden sich, wenn nicht überall, so doch sehr weit verbreitet 
innerhalb der Völkerwelt abergläubische Vorstellungen und Gebrauchs- 
weisen von Namen überhaupt und insbesondere von Namen göttlicher 
oder gottverwandter Wesen (Giesebrecht bietet im in. Teil seiner 
Arbeit ausreichende Beweise hierfür), die mit den auffälligsten Er- 
scheinungen im alttestamentlichen Gebrauche des Gottesnamens un- 
verkennbare Verwandtschaft zeigen und uns die ersehnte Erklärung 
für sie zu bieten verheißen. 

0«H. gel. Abs. 1900. Nr. 8. 12 



170 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

Giesebrechts Arbeit ist zweifellos erfolgreich gewesen. Sie hat, 
indem sie den alttestamentlichen Gebrauch in den ZusammenhaDg 
jener allgemeingeschichtlichen Erscheinungen hineingestellt, den rich- 
tigen Weg zu seinem Verständnis gezeigt. Das beweist auch die 
nicht unbeträchtliche Literatur, die ihr gefolgt und von ihr wesent- 
lich befruchtet ist, wie W. Heitmüllers Buch (Im Namen Jesu 1903), 
wie das des Rabbiners B. Jacob (Im Namen Gottes. Eine sprach- 
liche und religionsgeschichtliche Untersuchung zum alten und neuen 
Testament, 1903), der freilich (begreiflicherweise, aber vergebens) 
das alte Testament möglichst von dem im Sinne Giesebrechts all- 
gemeinmenschlichen , d. h. heidnischen Einschlag zu entlasten sucht, 
ferner W. Brandts Aufsatz in der Theol. Tijdschr. 1904 (De too ver- 
kracht van namen in oud en nieuw testament) und J. Boehmers, 
Giesebrechts wie Heitmüllers und Jacobs Schrift kritisch besprechender 
Aufsatz, den er in der von ihm herausgegebenen Monatschrift >Die 
Studierstube € 1904 (Juni bis Okt.) veröffentlichte unter dem Titel: 
Das biblische >Im Namen«: Zauberformel? Phrase? Glaubens- 
bekenntnis? 

Leider haben oft recht schwere, die Ausführung von Arbeiten, 
die über meine nächsten Berufspflichten hinausgingen, arg hemmende, 
äußere und innere Umstände in meinem persönlichen Leben und teils 
auch dazwischen hineinfallende unaufschiebbare Arbeitspflichten zur 
Folge gehabt, daß sich die von mir gern übernommene Anzeige der 
für das vorliegende Problem grundlegenden Arbeit Giesebrechts so 
ungebührlich lange verzögert hat. Ziemlich ausgedehnte Vorarbeiten 
für ihre Besprechung hatte ich zeitig genug begonnen und mit 
häufigen Unterbrechungen auch schon vor geraumer Zeit abgeschlossen, 
aber der zusammenfassenden Darstellung dessen, was ich zu sagen 
habe, stellten sich leider immer von neuem Hindernisse in den Weg. 
Angesichts der angeführten, inzwischen erschienenen ansehnlichen 
Literatur hätte ich wohl Bedenken tragen können, ob es angebracht 
sei, die Anzeige jetzt noch so spät ausgehen zu lassen. Aber gute, 
die weitere Forschung wirklich befruchtende Bücher verlieren ihren 
Wert ja nicht, und ein Hinweis auf sie an bedeutsamer Stelle kann 
darum nicht ohne weiteres für überflüssig gehalten werden, auch 
wenn er spät erfolgt. Dieser Gedanke, aber nicht minder auch die 
Ueberzeugung , mit der Anzeige zugleich aus meiner eigenen Arbeit 
etwas förderliches zur Diskussion des Problems beitragen zu können, 
hat mir Mut gemacht, anstatt mich unter Entschuldigungen zurück- 
zuziehen, jetzt noch die Anzeige darzubieten. Möge das, was ich 
bieten zu dürfen glaube, mich rechtfertigen. 



Giesebrecht, Die alttestamentliche Schätzung des Gottesnamens. 171 

Giesebrecht charakteirisiert in einleitenden Ausführungen das 
Problem und stellt als Aufgabe, die er lösen will, den Nachweis fest, 
daß das alte Testament in seiner Schätzung des Oottesnamens von 
einer anderen Weltanschauung ausgehe als wir (S. 4). Es handle 
sich auch nicht um eine lediglich biblische Erscheinung, sondern um 
einen uralten, über die ganze Mtoschheit verbreiteten und für die 
antike Religion überhaupt charakteristischen Gebrauch des »Götter- 
nameDS< (S. 3). Besonderen Dank verdient er für den Hinweis auf 
Origenes' bedeutsame Ausführungen zu derselben Frage in der Schrift 
c. Gels. 1,24 f.; 5,45. Die Vermutung, es würde ihm auf Grund 
seiner Arbeit der Vorwurf der Entwicklungstheorie gemacht werden, 
gibt ihm Anlaß zu einigen Bemerkungen über die religionsgeschicht- 
liche Methode in ihrer Anwendung auf die alttestamentliche Religion. 
Es könnte mich reizen, dazu einiges zu sagen, aber ich möchte den 
Baum doch für Wichtigeres sparen. 

Im ersten Teil (S. 7—45) seiner Arbeit führt Giesebrecht dem 
Leser den Tatbestand des alttestamentlichen Gebrauchs des Wortes 
üt vor Augen und zwar einerseits in seiner Anwendung auf Wesen 
außer Gott und andererseits in seiner Verbindung mit Gott, beides 
nach den verschiedenen Sichtungen des wirklichen Gebrauchs. Im 
zweiten Teil (S. 45—68) läßt er, um die bisher gegebenen Erklä- 
rungen des Tatbestandes vorzuführen, eine Beibe von Gelehrten ihre 
Meinungen vortragen und unterwirft sie dann einer eingehenden 
Kritik. Er beschließt diesen Teil (S. 66 — 68) mit einer möglichst 
knapp formulierten Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Kritik. 
In sieben Sätzen legt er fest, in welchen Bichtungen der alttesta- 
mentliche Tatbestand bisher noch keine ausreichende und überzeu- 
gende Erklärung gefunden hat. 

Als erstes, das bisher noch keine ausreichende Erklärung ge- 
funden, bezeichnet Giesebrecht die außerordentliche Häufigkeit des 
Gebrauchs des > Namens Gottes c. Gewiß, sagt er, hätten Propheten 
und Psalmisten einen Kampf gegen die anderen Götter führen 
müssen, und es sei daher wohl begreiflich, daß sie hierbei den 
Jahwenamen als den Namen, den fromme Israeliten allein in den 
Mund nehmen durften, stärker betonten, als es später wohl nötig 
gewesen sei, aber damit sei die Frage für die überwiegende Masse 
des vorliegenden Materials noch nicht erledigt, warum der Ausdruck 
»Name Gottes (Jahwes) < so häufig angewandt werde. 

Das ist an sich gewiß alles richtig. Aber gerade der Gegensatz, 
der zwischen dem Hinweis auf die Propheten (die Psalmisten müssen 
zunächst begreiflicherweise ausscheiden; sie zeitlich im einzelnen fest- 
zulegen, ist ja bisher unmöglich) und dem Satze zutage tritt, es sei 

12* 



172 Gott. gel. Anz. 1906. Nr.- 3. 

vielleicht später eine so starke Hervorhebung des Jahwenamens 
nicht mehr nötig gewesen, zwingt mich unter dem gleichzeitigen 
Einfluß der heutigen Lage der alttestamentlichen Textkritik zu einer 
Zwischenfrage, von deren Beantwortung meines Erachtens die Ent- 
scheidung auch der von Giesebrecht aufgerollten besonderen religions- 
geschichtlichen Frage recht wesentlich mitbestimmt, vielleicht sogar 
in eine neue bedeutsame Beleuchtung gerückt wird. Die genaue 
Feststellung dieser Zwischenfrage mag sich aus dem Folgenden er- 
geben. 

Stade hatte schon in seiner Geschichte des Volkes Israel II, 247 ff. 
die Beobachtung mitgeteilt, der hier in Frage stehende Gebrauch des 
Gottesnamens gehöre zu den Eigentümlichkeiten der deuterono- 
mistischen Schule und habe dann in nachexilischer Zeit (also ge- 
rade in der Zeit, wo, wie wir hörten, nach Giesebrecht vielleicht an 
sich eine so starke Hervorhebung des Jahwenamens nicht mehr nötig 
gewesen wäre) stärkere Verbreitung gefunden. In seiner Biblischen 
Theologie des alten Testaments (1905) I § 25 erklärt er im Einklang 
damit, Einwirkungen des Namenaberglaubens (diesen selbst setzt er 
freilich, wie es scheint, in Israel stillschweigend auch für ältere 
Zeiten voraus) >auf Kult und Religion« ließen sich »erst seit dem 
7. Jahrhundert belegen«. Giesebrecht hat selbstverständlich auf 
Stades Urteil an jener ersten Stelle kritische Rücksicht genommen 
(S. 33 ff.), aber seine zeitliche Begrenzung des Gebrauchs des Gottes- 
namens in bestimmter kultischer Beziehung vermag er schließlich 
doch nicht anzuerkennen. 

Diese Differenz zwischen Giesebrecht und Stade, vornehmlich 
aber die unbestreitbare Gewißheit, daß die älteren Schriften nicht 
ganz selten und dazu in oft durchaus nicht unwesentlichen Dingen 
vom Standpunkt jüngerer Zeit und veränderten Glaubens aus eine 
das Alte abändernde Bearbeitung erfahren haben, gab mir Veran- 
lassung zu prüfen, ob Stade oder Giesebrecht im Rechte sei. Je 
mehr ich nun in das zur Untersuchung stehende Material kritisch 
eindrang, um so schärfer drängte sich mir die Erkenntnis der 
Wichtigkeit auf, die eine möglichst genaue Feststellung der Zeit, 
seit wann, eventuell auch wo der merkwürdige Gebrauch des 
Gottesnamens nachweisbar sei, für die religionsgeschichtliche Er- 
kenntnis auf alttestamentlichem Boden überhaupt haben könne und 
haben müsse. Gewiß findet sich jetzt jener Gebrauch des Gottes- 
namens in literarischen Zusammenhängen, die uns in Zeiten hinauf 
führen, die vor der von Stade bezeichneten Grenzlinie liegen. Aber 
es ist doch die Frage, ob auch nur an einer einzigen Stelle wir dem 
DV Gottes (Jahwes) in ursprünglichem Zusammenhang begegnen. 



Giesebrecht, Die alttettamentliche 8ch&tzang des Gottesnamens. 173 

Natürlich erkennt auch Giesebrecht für eine große Anzahl von 
Stallen deuteronomistischen oder doch jüngeren Ursprung an, aber 
einzelne nimmt er davon doch mit größerer oder geringerer Ent- 
schiedenheit aus. Mir aber drängte sich bei meiner Durcharbeitung 
des Materials die Frage auf, ob nicht auch diese Stellen genau so 
wie jene anderen beurteilt werden müssten, und das Ergebnis meiner 
Untersuchung rechtfertigte diese Frage vollkommen. 

Mit der Möglichkeit, daß Stades These der Wirklichkeit ent- 
spreche, tauchte sodann vor meinen Augen eine neue, von Giese- 
brecht nicht erwogene Frage von nicht geringerer religionsgeschicht- 
licher Tragweite auf. Ich mußte mir, wenn Stade Recht haben sollte, 
die Frage vorlegen, wie es sich erkläre, daß der auffällige Gebrauch 
des Gottesnamens in so junger Zeit aufkam, ob sich derselbe aus der 
geistesgeschichtlichen Entwicklung Israels selbst und allein begreifen 
lasse, oder ob sich in seinem Aufkommen nicht vielmehr auch der 
Einfluß von Beziehungen geltend mache, in die in jenen Zeiten das 
Volk zu fremden religiösen Vorstellungskreisen gekommen war. Die 
Möglichkeit eines solchen Einflusses und auch einer Verkörperung 
desselben im religiösen Sprachgebrauch der jüdischen Gemeinde läßt 
äich sicher nicht ohne weiteres von der Hand weisen. Und sollten 
Bich positive Gründe für die Erhebung dieser Möglichkeit wenig- 
stens zur Wahrscheinlichkeit finden lassen, so könnte das Ergebnis 
auch für andere religionsgeschichtliche Probleme auf alttestament- 
lichem Boden von nicht geringer Bedeutung werden. 

Ich habe nun diese Fragen mir wirklich vorgelegt und auf sie 
eine Antwort gesucht. Wie ich meine, ist die Mühe nicht umsonst 
gewesen. Wir können in den angegebenen Richtungen noch sichere 
Schritte vorwärts tun. Es sei mir gestattet, hier in möglichster 
Kürze den Ertrag meiner Arbeit mitzuteilen. Es versteht sich von 
selbst, daß ich schon mit Rücksicht auf den Raum meine kritischen 
Erwägungen nicht in extenso zur Darstellung bringen kann, das muß 
ich mir, so weit es nötig ist, für eine andere Gelegenheit vorbe- 
halten. Ich werde mich meist mit nur kurzen Ausführungen oder 
gar nur Andeutungen begnügen. 

Zunächst aber noch eine methodische Bemerkung. Es ist ein 
das Endergebnis der Untersuchung leicht übel beeinflussender me- 
thodischer Fehler, bei einer zugleich kritischen Darlegung des in 
Frage stehenden Materials nur eine sachliche Gruppierung desselben 
zu bieten, ohne dabei die für die geschichtliche Beurteilung seines 
Vorstellungsinhaltes doch sehr bedeutsamen literarhistorischen Ge- 
sichtspunkte mit allem Ernste zu beachten. Bei einer bloß sach- 
lichen Gruppierung ist die Gefahr sehr groß, daß die von einem 



174 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

Teile der Beweisstellen vertretene, aber vielleicht oder gar sicher 
erst einer jüngeren Entwicklungsstufe angehörige Vorstellung das 
Auge des Forschers derart gefangen nimmt, daß es auch andere 
älterer Zeit entsprossene und tatsächlich inhaltlich abweichende 
Stellen in der von jenen gebotenen Beleuchtung schaut und das Ur- 
teil alsdann irreleitet. Giesebrecht ist dieser Gefahr auch nicht ent- 
gangen. Es sind doch nicht ganz wenige Stellen, die für ihn unter 
den vom sogenannten Namenglauben oder -aberglauben dargebotenen 
Gesichtswinkel gerückt sind, ohne daß sie es in Wahrheit verdient 
hätten. Dieser Gefahr kann die religionsgeschichtliche Untersuchung 
überhaupt nur entgehen, wenn sie bei der Zusammenstellung und 
Bearbeitung des Materials aufs strengste die wenigstens subjektiv 
als sicher angesehenen Ergebnisse der literarhistorischen Arbeit am 
alttestamentlichen Schrifttum beachtet. 

Eine diesem längst erprobten, aber leider nicht allseitig be- 
folgten Grundsatz entsprechend aufgestellte statistische Uebersicht 
über den Gebrauch des Wortes üW in Verbindung mit der Gottheit, 
soweit er hier in Betracht kommt, zeigte mir sofort ein Bild, das 
sich mit überraschender Deutlichkeit der Position Stades günstig 
erwies. Es ist wirklich so: einerseits das Deuteronomium, 
andererseits das Buch Jeremia in der Gestalt, in der 
beide Bücher heute uns vorliegen, bilden sichtlich 
wenigstens im allgemeinen zeitlich nach rückwärts 
eine feste obere Grenze für das Auftreten des >Namens< 
Gottes im religiösen Sprachgebrauch überhaupt oder 
doch mindestens für sein auffällig starkes Auftreten 
in dem von Giesebrecht gemeinten Sinne. Die Zahl von 
Stellen, die nach ihrer Umgebung oder dem literarischen Zusammen- 
hang, in dem sie stehen, älteren, vor jener Grenze liegenden Zeiten 
anzugehören beanspruchen und die anscheinend den gleichen Namen- 
glauben bekunden wie andere zeitlich unterhalb jener Grenze liegende 
Stellen, ist auffällig gering, und die Kleinheit ihrer Zahl wird 
noch eindrucksvoller, wenn man sie im Zusammenhange der Schriften 
oder Schriftteile betrachtet, wozu sie zunächst gehören. Da sieht 
man sich unwillkürlich zu der Frage gedrängt, ob es sich bei den 
ganz vereinzelten Stellen wirklich um ursprüngliche Aussagen der 
alten Verfasser handele und nicht vielmehr um Einschübe von jün- 
geren Händen, oder ob man recht daran tue, sie im Sinne von 
Giesebrechts Erklärungsversuch zu verstehen, und nicht vielmehr 
richtiger handle, wenn man einer harmloseren Auffassung das 
Wort rede. 

Es liegt auf der Hand, daß es von besonderer Beweiskraft für 



Glesebrecht, Die alttestamentliche Sch&tzang des Qottesnamens. 175 

das Vorhandensein des sogenannten Namenglanbens in der Jahwe- 
religion auch schon in älterer vorexilischer Zeit sein würde, wenn 
sich in den älteren Prophetenschriften kritisch unanfechtbare 
Stellen fänden, die man im Sinne dieses Aberglaubens deuten müßte 
oder doch deuten könnte. Meines Erachtens finden sich aber solche 
Stellen nicht. 

Im Buche Amos stoßen wir auf mehrere Stellen, die im Sinne 
Giesebrechts in Betracht kommen können, aber alle ohne Ausnahme 
bieten der Textkritik verheißungsvolle Angriffspunkte. Zunächst be- 
gegnet uns das formelhafte iTO nn*» 5,8; 9,6 oder 'tJ rYT«ax -^nbÄ '^'» 
4,13; 5,27 (vgl. Giesebrecht S. 30). In 5,27 streichen Wellhausen, 
Nowack, Marti Wto als Zusatz jttngerer Hand, wohl mit Recht. Die 
drei anderen Stellen gelten vielen Kritikern, auch wohl Giesebrecht, 
als Teile jttngerer doxologischer Einschübe, und unleugbar bieten sie 
Anlaß zu Bedenken gegen ihre Ursprünglichkeit, wenigstens in der 
überlieferten Form. 4, 12 f. ist offenbar nur ein trümmerhafter Text; 
5,8.9 zerreißen jetzt den Zusammenhang, abgesehen von anderen 
Schwierigkeiten in v. 6—10; 9, 5 f. schließt sich formell auch nicht 
gut an das Vorausgehende an, v. 6^ ist dazu == 5, 8^, v. 5^ = 8,8^ 
Die Möglichkeit, daß hier jüngere Zusätze vorliegen, muß zugegeben 
werden. Diese Möglichkeit wird in Bezug auf jenes formelhafte 
1t3tb TVXV^ umso näher gerückt, als dasselbe in der ganzen älteren 
prophetischen, ja, auch der außerprophetischen Literatur bis auf das 
Jeremiabuch hinab unbekannt ist, eine scheinbare Ausnahme im 
Exodus wird uns noch beschäftigen. Wäre diese doxologische Formel 
zur Zeit des Amos so geläufig gewesen, wie die Stellen seines Buches 
vermuten lassen, so sollte man erwarten, daß sie uns auch z. B. bei 
einem Jesaja begegnete, dessen Prophetie ihrem Inhalte wie ihrer 
Form nach nicht selten Gelegenheit geboten hätte, so nachdrücklich, 
wie es in jenen Amosstellen geschieht, auf den Namen Jahwes hin- 
zuweisen. Jedenfalls können diese Stellen nicht beweisen, daß die 
Formel dem Amos und dann unter den prophetischen Schriftstellern 
der vorexilischen Zeit ihm allein geläufig war, am wenigsten aber 
können sie beweisen, daß man schon in jener Zeit, d. h. im 8. Jahr- 
hundert, mit dem üW Jahwes besondere Vorstellungen im Sinne des 
Namenglaubens verknüpfte. — 9,12 finden wir die an sich freilich 
harmlose, nur ein Besitzverhältnis ausdrückende, immerhin aber wegen 
des starken Hervortretens des göttlichen üW bemerkenswerte Formel 
b:p v-» uw Änp3. Kritiker wie Wellhausen u. a. halten den verheißen- 
den Schlußabschnitt überhaupt fur einen Zusatz. Wenn ich nun 
auch nicht glaube, diesem radikalen Urteil zustimmen zu dürfen, so 
hege ich doch ernstliche Bedenken gegen die Ursprünglichkeit des 



176 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

V. 12. Man beachte nur die sehr üble grammatische Verkflüpfung 
des Satzes mit v. 11. Auch der Inhalt, zumal der Hinweis auf Edom, 
ist nicht ohne Bedenken. 

Bedeutsamer ist die Stelle 2, 7*. Nowack (D. kl. Proph. * z. St) 
bemerkt dazu unter ausdrücklicher Berufung auf Giesebrecht (vgl. 
S. 27 f. und 33flF.; S. 27 ist übrigens statt Amos 2,26 zu lesen 2,7*), 
hier sei > absichtlich von Jahwes DO die Rede, habe er doch gerade 
im Tempel seine Stätte«, d. h. im Sinne Giesebrechts, der >Name< 
Jahwes wohne als eine Art selbständigen Wesens (Hypostase), abge- 
löst von dem transcendenten Jahwe, in dem ihm geweihten Heilig- 
tum, und dieser heilige >Name< Jahwes werde durch das unzüchtige 
Treiben der Israeliten entweiht. Ob diese Auffassung richtig ist, 
bleibe dahingestellt. Ich habe Bedenken gegen die ursprüngliche 
Zugehörigkeit von 2,7* zum Amostexte. Kaum kann es des Pro- 
pheten Meinung sein, nur das in diesem Verse gemeinte zuchtlose 
Treiben verletze Jahwes heiligen >Namen<, nicht auch das abscheu- 
liche Treiben an heiliger Stätte, wovon v. 8 die Rede ist. Beachtet 
man ferner, daß ürh^n u^'^'Xi und w^tn^ p"^ v. 8 sich sachlich eng 
an die Sünden anschließen, auf die v. 6^. 7"" hinweisen, so empfindet 
man v. 7^ als eine Störung dieses sachlichen Zusammenhangs. Dazu 
kommt, daß Amos (sich dadurch einigermaßen von Hosea unter- 
scheidend) wenn auch nicht allein, so doch vorwiegend die Nicht- 
achtung und Vergewaltigung von Recht und Gerechtigkeit als Ur- 
sache für Jahwes richterliches Eingreifen bezeichnet. Es könnte also 
allenfalls auch dies v. 7^ als Störung des ursprünglichen Zusammen-* 
hangs erscheinen lassen. Ich könnte schließlich auch rhythmisclie 
Gründe ins Feld führen, nur tue ich das nicht, weil für die text- 
kritische Beurteilung prophetischer Rede sichere rhythmische Mafi- 
stäbe, wenigstens bisher, nicht vorhanden sind. Aber jene Beob- 
achtungen genügen auch, Zweifel an der Ursprünglichkeit des Saties 
in den Bereich der Möglichkeit zu rücken. Eine wesentliche Steige- 
rung erwächst diesem Zweifel aus einer weiteren Beobachtung. Die 
Wendung •»thj; D«-nÄ Vm oder blos ^t?« oder auch ^hb« otD kommt 
in keiner prophetischen Schrift vor Ezechiel vor, außer in unserer 
Amosstelle und einer auch höchst einsamen Stelle im Jeremiabuche 
34,16, wo überdies das Sätzchen ohne Schädigung des Zusammen- 
hangs fehlen (ohne es würde der Zusammenhang vielleicht sogar 
besser) und unter dem Einfluß des Schlußsatzes des v. 15 später 
eingefügt sein könnte. Von LXX bezeugt wird sie auch Jes. 48,11 
(ein verwandter Ausdruck steht 52,5). Es handelt sich bei jener 
Wendung innerhalb der Prophetie um einen spezifisch ezechielischen 
Ausdruck. Sie findet sich sonst nur noch im. Bereiche der das sog. 



Giesebrecht, Die alttestamenUiche Schätzung des Gottesnamens. 177 

Heiligkeitsgesetz in sich bergenden Kapp, des Leviticus (vgl. Lev. 
18,21; 19,12; 20,3; 21,6; 22,2.32), aber ob sie schon dem Heilig- 
keitsgesetz selbst angehörte und nicht vielmehr von jüngerer, von 
Ezechiel beeinflußter Hand abstammt, danach darf man meines Er- 
achtens wohl fragen. Dieser Tatbestand ist, wie man zugeben wird, 
doch recht merkwürdig.^) Natürlich vermag auch er allein nicht die 
Unechtheit des Satzes bei Amos zu beweisen, aber in Verbindung 
mit den vorher geltend gemachten Bedenken steigert sich doch die 
Beweiskraft recht erheblich. Auf alle Fälle aber halte ich es nun 
für untunlich, die Stelle ohne weiteres zu dem Beweise zu ver- 
werten, Amos habe den Namenglauben geteilt und bezeuge, daß der- 
selbe zu seiner Zeit in der Vorstellungswelt der Jahwereligion einen 
festen Platz innegehabt habe. Man darf dabei auch nicht übersehen, 
wie dieser Prophet durchweg von Jahwe und seinem innerweltlichen 
Wirken redet Auch das spricht nicht dafür, daß er, selbst wenn 
jene Stelle sein Eigentum wäre , das 'p üio in dem Sinne Giese- 
brechts resp. Nowacks verstanden haben sollte. Solche oder ähn- 
liche Hypostasen oder Mittelwesen zwischen Jahwe und der irdischen 
Welt sind der religiösen Vorstellung des Amos meines Erachtens 
ganz fremd. 

Aber diesem Urteil scheint doch die eine Stelle ^,10 ent- 
schieden zu widersprechen. An ihr findet sich wirklich eine posi- 
tive Scheu vor dem Aussprechen des »Namens« Jahwes, also ein 
deutliches Merkmal des Namenaberglaubens. Aber haben wir hier 
wirklich echten Amostext? Daß wir dort nur Trümmern des ur- 
sprünglichen Textes gegenüberstehen, bezweifelt niemand, der ge- 
lernt hat, den biblischen Text mit kritischem Auge anzusehen. Die 
kritische Arbeit zur Auffindung des wirklich ursprünglichen Textes 
ist bisher vergeblich gewesen und wird es wohl auch bleiben. Ein- 
zelne Kritiker haben das letzte hier in Frage stehende Glied des 
Satzes für einen Zusatz erklärt (vgl. überhaupt zur Kritik des Verses 

1) Befläufig erwähne ich, daß V$Ti überhaupt Yomehmlich zum Sprach- 
gebrauch Ezechiels und des Heiligkeitsgesetzes gehört. £& kommt im Alten 
Testament nur 75 Mal vor, davon finden sich bei Ezechiel 29, im Heiligkeits- 
gesetz 15 Stellen. In Prophetenschriften findet sich außer unserer Amosstelle nur 
noch eine SteUe bei Sefanja, 3 Stellen bei Jer., 5 bei Deut-Jes. und 8 bei 
MaleachL Sonst findet es sich noch Gen. 49,4; Ex. 20,25; 31,14; Num. 18,82; 
30,3 (nur die drei letzten SteUen in P, auch bemerkenswert). Deut. 20,6 (bis); 
28,80 steht V$T\ in ganz besonderer Verwendung. Sonst begegnen wir ihm noch 
1 Mal in Threni, 5 in Psalmen (davon 3 in Fs. 89), 2 in Neh., 1 in I. Chron. 
(= (Jen. 49,4); 1 in Dan. — bh findet sich nur 7 Mal im Alten Testament, da- 
von 4 in £z. und 1 in Lev. 10,10; sonst nur noch 1. Sam. 21,5.6. Diese 
statistische Uebersicht ist auch für die AmossteUe nicht ohne kritischen Wert. 



178 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

den Bericht bei Nowack z. St.), und ich gestehe, mir scheint dies 
radikale Urteil nicht unbegründet zu sein. Das Schlußsätzchen 
macht wirklich den Eindruck, als wolle jemand dem Leser, der nicht 
weiß, warum vorher ün geboten werde, die erforderliche Belehrung 
geben. Aber sollte Amos, wenn er selbst jenen Namenglauben oder 
-aberglauben besessen und bei seinen Hörern und Lesern als festen 
Besitz vorausgesetzt hätte, es für nötig gehalten haben, den be- 
gründenden Satz hinzuzufügen? Und, wenn dies, würde er die Be- 
lehrung wohl in der vorliegenden Form gegeben haben? So darf 
man mit Rücksicht auf den charakteristischen Stil dieses Propheten 
sehr wohl fragen. Mir scheint das Sätzchen schon aus diesem 
Grunde allein recht bedenklich zu sein. Und wenn ich die Unwahr- 
scheinlichkeit hinzunehme, daß der »Name< Jahwes an den anderen 
Stellen Amos' Eigentum ist, so verdichten sich meine Bedenken 
auch gegenüber jenem Sätzchen in 6, 10 zu der Ueberzeugung, auch 
in ihm mache sich eine jüngere Hand bemerkbar, es sei also über- 
haupt kein haltbarer Grund vorhanden, Amos zum Zeugen für das 
Vorhandensein des Namenglaubens, wenigstens innerhalb der bewußt 
jahwegläubigen Kreise, im Volke seiner Zeit zu machen. Und in 
dieser Ueberzeugung bestärkt mich der Befund bei den ihm folgen- 
den Propheten bis auf Jeremia hinab oder richtiger: bis auf das Jeremia- 
buch hinab, da es sogar, wie wir sehen werden, sehr zweifelhaft 
ist, ob selbst Jeremia schon jenen Glauben besessen und in Wort 
und Schrift zum Ausdruck gebracht hat. 

Eine sehr starke Bestätigung unseres Urteils über Amos bietet 
die Tatsache, daß bei seinem prophetischen Zeitgenossen Hosea auch 
nicht eine sichere Spur von dem Vorhandensein jenes Glaubens ge- 
funden wird. 12,6, wo wir inDT nirr^ ... im Sinne von yüW'^''^ finden, 
ist kritisch stark angefochten, und wohl mit Recht, im übrigen hat 
der Satz mit dem Namenglauben nichts zu tun. Deutlicher scheint 
dieser freilich 1,7 herauszublicken, wo n'in'^i ja geradezu dem 
'ai ntiga parallel steht, aber daß dieser Vers ein Einschub ist, kann 
man nicht wohl bezweifeln. Transzendenz und Immanenz stoßen sich in 
Hoseas Gottesvorstellung ebensowenig wie in der des Amos. Nirgends 
kann man bei ihnen das Bedürfnis, sei es auch nur ein unbewußt 
empfundenes, herausfühlen nach einer Ausgleichung beider durch 
eine vermittelnde Vorstellung, wie sie der Namenglaube zu bieten 
vermöchte (der -fsbtt Hos. 12,5 steht diesem Urteil nicht im Wege, 
da, abgesehen von der kritischen Lage der Stelle überhaupt, die 
Geschichte dieser Vorstellung meines Erachtens auch etwas anders 
liegt, als man allgemein annimmt). Und dies Urteil dürfen wir nun, 
wie ich meine, auch getrost auf die ganze, wahrhaft jahwegläubige 



Oiesebrecht, Die alttestamentliche Schiitzang des Gottesnamens. 179 

Gemeinde der Zeit dieser beiden Propheten im Süden wie im Norden 
des Landes ausdehnen. Ihrer religiösen Vorstellungswelt wie ihrer 
religiösen Sprache war der üxb Jahwes im Sinne des Namenglaubens 
mindestens nicht geläufig, wahrscheinlich aber gänzlich fremd. 

Damit stimmt auch, was wir bei Jesaja und Micha finden. — 
Im Protojesajabuche begegnen wir allerdings ein paar Stellen, die 
den Namenglauben voraussetzen, aber sie sind so vereinzelt, daß sie 
schon darum Bedenken gegen ihre Beweiskraft erwecken. Ueberdies 
legen die kritischen Verhältnisse der Texte, wo sie sich finden, das 
Urteil nahe, daß sie zwar das Vorhandensein jenes Glaubens zur 
Zeit, als das Jesajas Namen tragende gegenwärtige 
Buch entstand, beweisen, nicht aber sein Vorhandensein auch 
bei Jesaja persönlich und beim jahwegläubigen Volke seiner Zeit. 
Meines Erachtens trifft dies Urteil das Richtige. Jesaja selbst hat 
vom ütb Jahwes in dem hier gemeinten Sinne nichts gewußt. Er 
hatte, wie man sich leicht vergegenwärtigen kann, wenn man einmal 
alle für echt gehaltenen Stücke des Jesajabuches daraufhin prüft, 
auch noch nicht das Bedürfnis, in seiner Vorstellung wie in seiner 
Rede Jahwe, den überweltlichen Gott, persönlich gleichsam aus der 
unmittelbaren innerweltlichen Wirksamkeit auszuschalten und zwischen 
ihm und der Ausführung seines Willens in der diesseitigen Welt 
eine Vermittelung in mehr oder weniger persönlich oder selbständig 
gedachten Machtwesen zu schaffen. Von Engeln weiß er auch nichts. 
Was wir Jes. 6 lesen, steht dem meines Erachtens keineswegs ent- 
gegen. Er redet von Jahwe oder bei ihm redet Jahwe von sich 
und seinen Beziehungen zum Volke, zum Lande und zum Tempel 
überall ganz in der schlichten naiven Weise, wie man es von 
früheren Zeiten her gewohnt war. Die Vorhöfe des Tempels nennt 
Jahwe 1,12 >meine Vorhöfe < und überall in 1,10 ff. hat man den 
Eindruck, als sei Jahwe unmittelbar persönlich im Heiligtum auf 
dem Zion gegenwärtig gedacht (ähnlich wie Amos 1,2), und den 
gleichen Eindruck behält man auch sonst überall ; vgl. z. B. auch 
29, 1 ff. Wir sind daher nach meiner Ueberzeugung durchaus be- 
rechtigt; mit kritischen Bedenken an die zwei vereinzelten Stellen 
18,7 und 30,27, wo DO in auffälliger Weise vorkommt, heranzutreten. 
Die allenfalls noch hierher gehörige Stelle 12,4 (vgl. Giesebrecht 
S. 27 ff.) fällt außer Betracht , weil die jesaianische Herkunft des 
Hymnus c. 12 nicht ohne Grund angezweifelt wird. Im übrigen vgl. 
Motä nSito mit 2,11.17; es ist nicht ohne weiteres nötig, den Aus- 
druck im Sinne des Namenglaubens zu verstehen. 

Von manchen Kritikern (z. B. Cheyne, Duhm, Marti) wird nun 
18,7 ganz als jüngerer redaktioneller Zusatz beurteilt. Dem kann 



178 Oött. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

den Bericht bei Nowack z. St.), und ich gestehe, mir scheint dies 
radikale Urteil nicht unbegründet zu sein. Das Schlußsätzchen 
macht wirklich den Eindruck, als wolle jemand dem Leser, der nicht 
weiß, warum vorher ün geboten werde, die erforderliche Belehrung 
geben. Aber sollte Amos, wenn er selbst jenen Namenglauben oder 
-aberglauben besessen und bei seinen Hörern und Lesern als festen 
Besitz vorausgesetzt hätte, es für nötig gehalten haben, den be- 
gründenden Satz hinzuzufügen? Und, wenn dies, würde er die Be- 
lehrung wohl in der vorliegenden Form gegeben haben? So darf 
man mit Rücksicht auf den charakteristischen Stil dieses Propheten 
sehr wohl fragen. Mir scheint das Sätzchen schon aus diesem 
Grunde allein recht bedenklich zu sein. Und wenn ich die Unwahr- 
scheinlichkeit hinzunehme, daß der >Name< Jahwes an den anderen 
Stellen Amos' Eigentum ist, so verdichten sich meine Bedenken 
auch gegenüber jenem Sätzchen in 6,10 zu der Ueberzeugung, auch 
in ihm mache sich eine jüngere Hand bemerkbar, es sei also über- 
haupt kein haltbarer Grund vorhanden, Amos zum Zeugen für das 
Vorhandensein des Namenglaubens, wenigstens innerhalb der bewußt 
jahwegläubigen Kreise, im Volke seiner Zeit zu machen. Und in 
dieser Ueberzeugung bestärkt mich der Befund bei den ihm folgen- 
den Propheten bis auf Jeremia hinab oder richtiger: bis auf das Jeremia- 
buch hinab, da es sogar, wie wir sehen werden, sehr zweifelhaft 
ist, ob selbst Jeremia schon jenen Glauben besessen und in Wort 
und Schrift zum Ausdruck gebracht hat. 

Eine sehr starke Bestätigung unseres Urteils über Amos bietet 
die Tatsache, daß bei seinem prophetischen Zeitgenossen Hosea auch 
nicht eine sichere Spur von dem Vorhandensein jenes Glaubens ge- 
funden wird. 12,6, wo wir *inDT n^in*^ ... im Sinne von yow'^''^ finden, 
ist kritisch stark angefochten, und wohl mit Recht, im übrigen hat 
der Satz mit dem Namenglauben nichts zu tun. Deutlicher scheint 
dieser freilich 1,7 herauszublicken, wo TXM^^^ ja geradezu dem 
'^"\ n^a parallel steht, aber daß dieser Vers ein Einschub ist, kann 
man nicht wohl bezweifeln. Transzendenz und Immanenz stoßen sich in 
Hoseas Gottesvorstellung ebensowenig wie in der des Amos. Nirgends 
kann man bei ihnen das Bedürfnis, sei es auch nur ein unbewußt 
empfundenes, herausfühlen nach einer Ausgleichung beider durch 
eine vermittelnde Vorstellung, wie sie der Namenglaube zu bieten 
vermöchte (der -[«bTO Hos. 12,5 steht diesem Urteil nicht im Wege, 
da, abgesehen von der kritischen Lage der Stelle überhaupt, die 
Geschichte dieser Vorstellung meines Erachtens auch etwas anders 
liegt, als man allgemein annimmt). Und dies Urteil dürfen wir nun, 
wie ich meine, auch getrost auf die ganze, wahrhaft jahwegläubige 



Giesebrecht, Die alttestamentliche Schätzung des Gottesnamens. 179 

Gemeinde der Zeit dieser beiden Propheten im Süden wie im Norden 
des Landes ansdehnen. Ihrer religiösen Vorstellungswelt wie ihrer 
religiösen Sprache war der üxb Jahwes im Sinae des Namenglaubens 
mindestens nicht geläufig, wahrscheinlich aber gänzlich fremd. 

Damit stimmt auch, was wir bei Jesaja und Micha finden. — 
Im Protojesajabuche begegnen wir allerdings ein paar Stellen, die 
den Namenglauben voraussetzen, aber sie sind so vereinzelt, daß sie 
schon darum Bedenken gegen ihre Beweiskraft erwecken. Ueberdies 
legen die kritischen Verhältnisse der Texte, wo sie sich finden, das 
Urteil nahe, daß sie zwar das Vorhandensein jenes Glaubens zur 
Zeit, als das Jesajas Namen tragende gegenwärtige 
Buch entstand, beweisen, nicht aber sein Vorhandensein auch 
bei Jesaja persönlich und beim jahwegläubigen Volke seiner Zeit. 
Meines Erachtens trifft dies Urteil das Richtige. Jesaja selbst hat 
vom üW Jahwes in dem hier gemeinten Sinne nichts gewußt. Er 
hatte, wie man sich leicht vergegenwärtigen kann, wenn man einmal 
alle für echt gehaltenen Stücke des Jesajabuches daraufhin prüft, 
auch noch nicht das Bedürfnis, in seiner Vorstellung wie in seiner 
Rede Jahwe, den überweltlichen Gott, pei*sönlich gleichsam aus der 
unmittelbaren innerweltlichen Wirksamkeit auszuschalten und zwischen 
ihm und der Ausführung seines Willens in der diesseitigen Welt 
eine Vermittelung in mehr oder weniger persönlich oder selbständig 
gedachten Machtwesen zu schaffen. Von Engeln weiß er auch nichts. 
Was wir Jes. 6 lesen, steht dem meines Erachtens keineswegs ent- 
gegen. Er redet von Jahwe oder bei ihm redet Jahwe von sich 
und seinen Beziehungen zum Volke, zum Lande und zum Tempel 
überall ganz in der schlichten naiven Weise, wie man es von 
früheren Zeiten her gewohnt war. Die Vorhöfe des Tempels nennt 
Jahwe 1,12 >meine Vorhöfe < und überall in 1,10 ff. hat man den 
Eindruck, als sei Jahwe unmittelbar persönlich im Heiligtum auf 
dem Zion gegenwärtig gedacht (ähnlich wie Amos 1,2), und den 
gleichen Eindruck behält man auch sonst überall ; vgl. z. B. auch 
29, 1 ff. Wir sind daher nach meiner Ueberzeugung durchaus be- 
rechtigt, mit kritischen Bedenken an die zwei vereinzelten Stellen 
18, 7 und 30, 27, wo üt in auffälliger Weise vorkommt, heranzutreten. 
Die allenfalls noch hierher gehörige Stelle 12,4 (vgl. Giesebrecht 
S. 27ff.) fällt außer Betracht, weil die jesaianische Herkunft des 
Hymnus c. 12 nicht ohne Grund angezweifelt wird. Im übrigen vgl. 
"rata Xito mit 2,11.17; es ist nicht ohne weiteres nötig, den Aus- 
druck im Sinne des Namenglaubens zu verstehen. 

Von manchen Kritikern (z. B. Cheyne, Duhm, Marti) wird nun 
18,7 ganz als jüngerer redaktioneller Zusatz beurteilt. Dem kann 



178 Oött. gel. Am. 1906. Nr. 3. 

den Bericht bei Nowack z. St.), und ich gestehe, mir scheint dies 
radikale Urteil nicht unbegründet zu sein. Das Schlußsätzchen 
macht wirklich den Eindruck, als wolle jemand dem Leser, der nicht 
weiß, warum vorher ün geboten werde, die erforderliche Belehrung 
geben. Aber sollte Arnos, wenn er selbst jenen Namenglauben oder 
-aberglauben besessen und bei seinen Hörern und Lesern als festen 
Besitz vorausgesetzt hätte, es für nötig gehalten haben, den be- 
gründenden Satz hinzuzufügen? Und, wenn dies, würde er die Be- 
lehrung wohl in der vorliegenden Form gegeben haben? So darf 
man mit Rücksicht auf den charakteristischen Stil dieses Propheten 
sehr wohl fragen. Mir scheint das Sätzchen schon aus diesem 
Grunde allein recht bedenklich zu sein. Und wenn ich die Unwahr- 
scheinlichkeit hinzunehme, daß der >Name< Jahwes an den anderen 
Stellen Amos' Eigentum ist, so verdichten sich meine Bedenken 
auch gegenüber jenem Sätzchen in 6, 10 zu der Ueberzeugung, auch 
in ihm mache sich eine jüngere Hand bemerkbar, es sei also über- 
haupt kein haltbarer Grund vorhanden, Amos zum Zeugen für das 
Vorhandensein des Namenglaubens, wenigstens innerhalb der bewußt 
jahwegläubigen Kreise, im Volke seiner Zeit zu machen. Und in 
dieser Ueberzeugung bestärkt mich der Befund bei den ihm folgen- 
den Propheten bis auf Jeremia hinab oder richtiger: bis auf das Jeremia- 
buch hinab, da es sogar, wie wir sehen werden, sehr zweifelhaft 
ist, ob selbst Jeremia schon jenen Glauben besessen und in Wort 
und Schrift zum Ausdruck gebracht hat. 

Eine sehr starke Bestätigung unseres Urteils über Amos bietet 
die Tatsache, daß bei seinem prophetischen Zeitgenossen Hosea auch 
nicht eine sichere Spur von dem Vorhandensein jenes Glaubens ge- 
funden wird. 12,6, wo wir r\D1 rr\r\^ ... im Sinne von raW'^'^ finden, 
ist kritisch stark angefochten, und wohl mit Recht, im übrigen hat 
der Satz mit dem Namenglauben nichts zu tun. Deutlicher scheint 
dieser freilich 1,7 herauszublicken, wo rr\T\^^ ja geradezu dem 
'^^ n^a parallel steht, aber daß dieser Vers ein Einschub ist, kann 
man nicht wohl bezweifeln. Transzendenz und Immanenz stoßen sich in 
Hoseas Gottesvorstellung ebensowenig wie in der des Amos. Nirgends 
kann man bei ihnen das Bedürfnis, sei es auch nur ein unbewußt 
empfundenes, herausfühlen nach einer Ausgleichung beider durch 
eine vermittelnde Vorstellung, wie sie der Namenglaube zu bieten 
vermöchte (der -[«bTO Hos. 12,5 steht diesem Urteil nicht im Wege, 
da, abgesehen von der kritischen Lage der Stelle überhaupt, die 
Geschichte dieser Vorstellung meines Erachtens auch etwas anders 
liegt, als man allgemein annimmt). Und dies Urteil dürfen wir nun, 
wie ich meine, auch getrost auf die ganze, wahrhaft jahwegläubige 



Giesebrecht, Die alttestamentliche Schätzung des Gottesnamens. 179 

Gemeinde der Zeit dieser beiden Propheten im Süden wie im Norden 
des Landes ausdehnen. Ihrer religiösen Vorstellungswelt wie ihrer 
religiösen Sprache war der üxb Jahwes im Sinae des Namenglaubens 
mindestens nicht geläufig, wahrscheinlich aber gänzlich fremd. 

Damit stimmt auch, was wir bei Jesaja und Micha finden. — 
Im Protojesajabuche begegnen wir allerdings ein paar Stellen, die 
den Namenglauben voraussetzen, aber sie sind so vereinzelt, daß sie 
schon darum Bedenken gegen ihre Beweiskraft erwecken. Ueberdies 
legen die kritischen Verhältnisse der Texte, wo sie sich finden, das 
Urteil nahe, daß sie zwar das Vorhandensein jenes Glaubens zur 
Zeit, als das Jesajas Namen tragende gegenwärtige 
Buch entstand, beweisen, nicht aber sein Vorhandensein auch 
bei Jesaja persönlich und beim jahwegläubigen Volke seiner Zeit. 
Meines Erachtens trifft dies Urteil das Richtige. Jesaja selbst hat 
vom üW Jahwes in dem hier gemeinten Sinne nichts gewußt. Er 
hatte, wie man sich leicht vergegenwärtigen kann, wenn man einmal 
alle für echt gehaltenen Stücke des Jesajabuches daraufhin prüft, 
auch noch nicht das Bedürfnis, in seiner Vorstellung wie in seiner 
Rede Jahwe, den überweltlichen Gott, persönlich gleichsam aus der 
unmittelbaren innerweltlichen Wirksamkeit auszuschalten und zwischen 
ihm und der Ausführung seines Willens in der diesseitigen Welt 
eine Vermittelung in mehr oder weniger persönlich oder selbständig 
gedachten Machtwesen zu schaifen. Von Engeln weiß er auch nichts. 
Was wir Jes. 6 lesen, steht dem meines Erachtens keineswegs ent- 
gegen. Er redet von Jahwe oder bei ihm redet Jahwe von sich 
und seinen Beziehungen zum Volke, zum Lande und zum Tempel 
überall ganz in der schlichten naiven Weise, wie man es von 
früheren Zeiten her gewohnt war. Die Vorhöfe des Tempels nennt 
Jahwe 1,12 >meine Vorhöfe < und überall in l,10flF. hat man den 
Eindruck, als sei Jahwe unmittelbar persönlich im Heiligtum auf 
dem Zion gegenwärtig gedacht (ähnlich wie Amos 1,2), und den 
gleichen Eindruck behält man auch sonst überall ; vgl. z. B. auch 
29,1fr. Wir sind daher nach meiner Ueberzeugung durchaus be- 
rechtigt, mit kritischen Bedenken an die zwei vereinzelten Stellen 
18,7 und 30,27, wo üt in auffälliger Weise vorkommt, heranzutreten. 
Die allenfalls noch hierher gehörige Stelle 12,4 (vgl. Giesebrecht 
8.27 ff) fällt außer Betracht, weil die jesaianische Herkunft des 
Hymnus c. 12 nicht ohne Grund angezweifelt wird. Im übrigen vgl. 
•nsÄ aSite mit 2, 11.17 ; es ist nicht ohne weiteres nötig, den Aus- 
druck im Sinne des Namenglaubens zu verstehen. 

Von manchen Kritikern (z. B. Cheyne, Duhm, Marti) wird nun 
18,7 ganz als jüngerer redaktioneller Zusatz beurteilt. Dem kann 



178 Oött. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

den Bericht bei Nowack z. St.), und ich gestehe, mir scheint dies 
radikale Urteil nicht unbegründet zu sein. Das Schlußsätzchen 
macht wirklich den Eindruck, als wolle jemand dem Leser, der nicht 
weiß, warum vorher Dn geboten werde, die erforderliche Belehrung 
geben. Aber sollte Arnos, wenn er selbst jenen Namenglauben oder 
-aberglauben besessen und bei seinen Hörern und Lesern als festen 
Besitz vorausgesetzt hätte, es für nötig gehalten haben, den be- 
gründenden Satz hinzuzufügen? Und, wenn dies, würde er die Be- 
lehrung wohl in der vorliegenden Form gegeben haben? So darf 
man mit Rücksicht auf den charakteristischen Stil dieses Propheten 
sehr wohl fragen. Mir scheint das Sätzchen schon aus diesem 
Grunde allein recht bedenklich zu sein. Und wenn ich die Unwahr- 
scheinlichkeit hinzunehme, daß der >Name< Jahwes an den anderen 
Stellen Amos' Eigentum ist, so verdichten sich meine Bedenken 
auch gegenüber jenem Sätzchen in 6,10 zu der Ueberzeugung, auch 
in ihm mache sich eine jüngere Hand bemerkbar, es sei also über- 
haupt kein haltbarer Grund vorhanden, Amos zum Zeugen für das 
Vorhandensein des Namenglaubens, wenigstens innerhalb der bewußt 
jahwegläubigen Kreise, im Volke seiner Zeit zu machen. Und in 
dieser Ueberzeugung bestärkt mich der Befund bei den ihm folgen- 
den Propheten bis auf Jeremia hinab oder richtiger: bis auf das Jeremia- 
buch hinab, da es sogar, wie wir sehen werden, sehr zweifelhaft 
ist, ob selbst Jeremia schon jenen Glauben besessen und in Wort 
und Schrift zum Ausdruck gebracht hat. 

Eine sehr starke Bestätigung unseres Urteils über Amos bietet 
die Tatsache, daß bei seinem prophetischen Zeitgenossen Hosea auch 
nicht eine sichere Spur von dem Vorhandensein jenes Glaubens ge- 
funden wird. 12,6, wo wir 'inDT tT\rv ... im Sinne von Myd*^'*^ finden, 
ist kritisch stark angefochten, und wohl mit Recht, im übrigen hat 
der Satz mit dem Namenglauben nichts zu tun. Deutlicher scheint 
dieser freilich 1,7 herauszublicken, wo rr\T\^^ ja geradezu dem 
'y\ ntfga parallel steht, aber daß dieser Vers ein Einschub ist, kann 
man nicht wohl bezweifeln. Transzendenz und Immanenz stoßen sich in 
Hoseas Gottesvorstellung ebensowenig wie in der des Amos. Nirgends 
kann man bei ihnen das Bedürfnis, sei es auch nur ein unbewußt 
empfundenes, herausfühlen nach einer Ausgleichung beider durch 
eine vermittelnde Vorstellung, wie sie der Namenglaube zu bieten 
vermöchte (der ^bü Hos. 12,5 steht diesem Urteil nicht im Wege, 
da, abgesehen von der kritischen Lage der Stelle überhaupt, die 
Geschichte dieser Vorstellung meines Erachtens auch etwas anders 
liegt, als man allgemein annimmt). Und dies Urteil dürfen wir nun, 
wie ich meine, auch getrost auf die ganze, wahrhaft jahwegläubige 



Giesebrecht, Die alttestamentliche Schätzung des Gottesnamens. 179 

Gemeinde der Zeit dieser beiden Propheten im Süden wie im Norden 
des Landes ausdehnen. Ihrer religiösen Vorstellungswelt wie ihrer 
religiösen Sprache war der üxb Jahwes im Sinae des Namenglaubens 
mindestens nicht geläufig, wahrscheinlich aber gänzlich fremd. 

Damit stimmt auch, was wir bei Jesaja und Micha finden. — 
Im Protojesajabuche begegnen wir allerdings ein paar Stellen, die 
den Namenglauben voraussetzen, aber sie sind so vereinzelt, daß sie 
schon darum Bedenken gegen ihre Beweiskraft erwecken. Ueberdies 
legen die kritischen Verhältnisse der Texte, wo sie sich finden, das 
Urteil nahe, daß sie zwar das Vorhandensein jenes Glaubens zur 
Zeit, als das Jesajas Namen tragende gegenwärtige 
Buch entstand, beweisen, nicht aber sein Vorhandensein auch 
bei Jesaja persönlich und beim jahwegläubigen Volke seiner Zeit. 
Meines Erachtens trifit dies Urteil das Richtige. Jesaja selbst hat 
vom üW Jahwes in dem hier gemeinten Sinne nichts gewußt. Er 
hatte, wie man sich leicht vergegenwärtigen kann, wenn man einmal 
alle für echt gehaltenen Stücke des Jesajabuches daraufhin prüft, 
auch noch nicht das Bedürfnis, in seiner Vorstellung wie in seiner 
Rede Jahwe, den überweltlichen Gott, persönlich gleichsam aus der 
unmittelbaren innerweltlichen Wirksamkeit auszuschalten und zwischen 
ihm und der Ausführung seines Willens in der diesseitigen Welt 
eine Vermittelung in mehr oder weniger persönlich oder selbständig 
gedachten Machtwesen zu schaifen. Von Engeln weiß er auch nichts. 
Was wir Jes. 6 lesen, steht dem meines Erachtens keineswegs ent- 
gegen. Er redet von Jahwe oder bei ihm redet Jahwe von sich 
und seinen Beziehungen zum Volke, zum Lande und zum Tempel 
überall ganz in der schlichten naiven Weise, wie man es von 
früheren Zeiten her gewohnt war. Die Vorhöfe des Tempels nennt 
Jahwe 1,12 >meine Vorhöfe< und überall in 1,10 ff. hat man den 
Eindruck, als sei Jahwe unmittelbar persönlich im Heiligtum auf 
dem Zion gegenwärtig gedacht (ähnlich wie Amos 1,2), und den 
gleichen Eindruck behält man auch sonst überall ; vgl. z. B. auch 
29, 1 ff. Wir sind daher nach meiner Ueberzeugung durchaus be- 
rechtigt, mit kritischen Bedenken an die zwei vereinzelten Stellen 
18,7 und 30,27, wo üt in auffälliger Weise vorkommt, heranzutreten. 
Die allenfalls noch hierher gehörige Stelle 12,4 (vgl. Giesebrecht 
S. 27ff.) fällt außer Betracht, weil die jesaianische Herkunft des 
Hymnus c. 12 nicht ohne Grund angezweifelt wird. Im übrigen vgl. 
yüt nsito mit 2,11.17; es ist nicht ohne weiteres nötig, den Aus- 
druck im Sinne des Namenglaubens zu verstehen. 

Von manchen Kritikern (z. B. Cheyne, Duhm, Marti) wird nun 
18,7 ganz als jüngerer redaktioneller Zusatz beurteilt. Dem kann 



180 GcHt gel. Anz. 1906. Nr. S. 

ich wie Giesebrecht (S. 36) nicht ohne weiteres zustimmen, aber das 
Wort DV halte ich für einen jüngeren Zusatz. Zwar zeigt LXX, daß 
es alt im Texte ist, aber das beweist nicht, daß es von Jesaja selbst 
herrühren müsse. Meines Erachtens fehlen, wie ich schon andeutete, 
bei dem wirklichen Jesaja die theologischen Voraussetzungen, auf 
denen der Ausdruck TXrrr^ üxo Dipio beruht. Wenn der Satz von Jesaja 
herrührt, hat er sicher nur TXyrx^ Dipio geschrieben. Dafür scheint 
mir auch "^SiDtt v. 4 (zu pDü vgl. Salomos Tempelweihspruch 1. Reg. 
8, 12 f., auch Jes. 4,5) zu sprechen, denn ich glaube in der Tat, 
Jesaja hat dabei wirklich an Jahwes irdische Wohnstätte gedacht, 
an der sich ja, wie er immer und immer wieder ankündigen mußte, 
die Sturmwellen des Assyrerheeres brechen sollten. Auf sie war 
meines Erachtens daher ganz naturgemäß sein Blick auch in einem 
solchen Worte an fremde Gesandte in erster Linie gerichtet, auch 
wenn er wohl wußte, wo die eigentliche Wohnung des Heiligen 
Israels zu suchen sei. 

Ebenso halte ich auch in 30, 27 (vgl. Giesebrecht S. 44) Uta für 
einen jüngeren Zusatz. Von einzelnen Kritikern ist der ganze Schluß- 
abschnitt 30, 27 ff. für unecht erklärt worden (so von Cheyne und 
Marti, aber nicht von Duhm). Wäre dies Urteil richtig, was auch 
ich nicht anerkenne, fiele auch rm^ üt6 für Jesajas religiöse Vor- 
stellungswelt und Rede außer Betracht. Bemerkenswert ist Gheynes 
urteil zur Stelle (vgl. s. >Einleitung in das Buch Jesaja<): der Aus- 
druck >Jahwes Name< finde sich in nicht angefochtenen Stücken 
Jesajas nirgends. Darin hat er sicher recht. Duhm hat sich (Das 
Buch Jesaja ^S. 195) auch (teils polemisch) eingehender zu dem Aus- 
druck an dieser Stelle geäußert und gesagt, wenn üW verdächtig sei, 
was er freilich nicht glaubt (mit Unrecht zieht er übrigens den 
Mal'akh Jahwe im Deboraliede Jud. 5,23 heran; der ist dort, wie 
der Rhythmus lehrt, sicher auch eingearbeitet und nicht ursprüng- 
lich, vgl. meinen Aufsatz ZDMGLVI [1902] S. 466), so würde es 
einzig korrekt sein, blos dies Wort zu streichen. Und das ist in der 
Tat notwendig. Die hier vorliegende Vorstellung vom > Namen < 
Jahwes ist in noch höherem Maße, als die 18,7, mit der religiösen 
Denk- und Redeweise des wirklichen Jesaja unvereinbar. Ich möchte 
gerne in echten Jesajareden auch nur eine Stelle nachgewiesen 
sehen, aus der man mit unzweifelhafter Gewißheit schließen müßte 
od^ auch nur allenfalls schließen könnte, der Prophet habe je in 
seinem Leben Anstoß daran genommen, derartiges wie 30, 27 ff. von 
Jahwe unmittelbar auszusagen, es habe sich seinem religiösen Em- 
pfinden und Denken das Bedürfnis aufgedrängt, eine solche causa 
q^edia, wie sie sein UfD für spätere Zeiten darstellte, zwischen Jahwes 



Giesebrecht, Die alttestamentliche Scbätzung des Gottesnamens. 181 

transzendente Person und die irdische Sphäre seiner Wirksamkeit 
einzuschieben. Dazu bezieht sich alles, was hernach in 'yi 1&M m 
ausgesagt wird, auf TV^rv und setzt nur dies voraus, nicht aber 
tx6, von dem sicher weder Jesaja noch sonst ein Prophet gesagt 
haben würde, er habe Nase, Lippen oder Zunge. Freilich weiß ich, 
daß es gut hebräisch sein kann, die sachlichen Prädikate gramma-, 
tisch vom Genitiv in einer Konstruktusverbindung abhängig sein zu 
lassen. Aber diese grammatische Möglichkeit kann hier nicht ent* 
scheiden. Man hat hier doch bei unbefangener Lektüre den Ein- 
druck starker Unnatur, wenn man von dem durch T\:in so stark be- 
tonten üW her zu den hernach folgenden stark menschlichen Aussagen 
gelangt. Sonst scheut sich aber Jesaja keineswegs, von Jahwe direkt 
in nicht minder stark menschlichen Formen zu reden. Hält man also 
an der jesajanischen Herkunft des Abschnittes fest, dann bleibt 
nichts übrig, als üt kritisch auszuscheiden. Jesajanisch ist das Wort 
und die in ihm ausgesprochene religiöse Vorstellung jedenfalls nicht 
Wir würden also keine Stelle haben, die beweise, daß zur Zeit 
Jesajas, d. h. bis rund 700 v. Chr., jener Namenglaube in der Jahwe- 
religion vorhanden gewesen sei, und sollte er der breiten Masse des 
Volkes nicht fremd gewesen sein, so würde sich doch ergeben, daß 
derselbe wenigstens bei denen, die wirklich auf der Höhe der Jahwe- 
religion standen, bis zu jener Zeit noch keinen wesentlichen Einfluß 
auf Denken und Reden gewonnen hatte. Und das finde ich nun auch 
bei Micha bestätigt. Auch dieser Prophet, der jüngere Zeitgenosse 
Jesajas, hat vom üt Jahwes in dem fraglichen Sinne noch nichts ge- 
wußt. In den kritisch unangefochtenen, drei ersten Kapiteln des 
Michabuches findet sich gar nichts, das an das Vorhandensein eines 
derartigen Namenglaubens zu erinnern vermöchte. 3,11 bestätigt für 
die Zeit Michas unser Urteil zu Jes. 18,7. Auch hier, aus der Ver- 
bindung von V. 11 und v. 12, sieht man, wenn man nur will, daß 
das Bedürfnis, Transzendenz und Immanenz Jahwes durch eine ver- 
mittelnde Vorstellung auszugleichen, damals noch gar nicht erwacht 
war. Und das ist auch von Wichtigkeit für die Beurteilung der 
wenigen Stellen in den folgenden, von vielen hart angefochtenen 
Kapiteln, die vom qtd Jahwes reden : 4, 5 ; 5,3 und 6, 9. 

4,1 — 4 findet sich ja auch Jes. 2,1—4 (hier freilich nicht so 
vollständig). Die Weissagung bietet ein unlösbares literarhistorisches 
Rätsel. Und diesem Urteil unterliegt vornehmlich auch v. 5, dem 
deutlich Jes. 2,5 entspricht, trotz formeller und inhaltlicher Difie- 
renzen. Schwerlich stammt dieser Vers von Micha. Insbesondere aber 
hat Micha schwerlich gesagt "Ti DiDn -fbn, das darum schon auffallig 
ist, weil diese Verbindung überhaupt im alten Testament nicht mehr 



182 Gott. gel. Anz. 190G. Nr. 3. 

vorkommt. DTD wird umso auftälliger, als in Jes. 2, 5 vielmehr ^'^ ^1«n 
steht und der Grieche das erste n'^nbK Dtin überhaupt nicht gelesen 
zu haben scheint. LXX weist auf eine Vorlage ysy^'s, W^Ht, dann liest 
sie freilich auch Iv övö|iau xopteo (x. fehlt cod. A) *6oö %äv. Aller- 
dings findet sich eine Parallele Sach. 10,12, aber dort ist statt 
nDbnn'' wahrscheinlich mit LXX ib^nn*^ zu lesen. Giesebrecht (S. 42) 
übersetzt DiDn hier »in Kraft des Namens«. Ob das wirklich richtig 
ist, lasse ich dahingestellt. Es ließe sich auch anders deuten und 
die Notwendigkeit, DID als > Machtmittel aufzufassen, vermeiden. 
Jedenfalls aber kann dieser Vers nicht beweisen, daß der Namen- 
glaube schon zu Michas Zeit in Israel irgendwelche Bedeutung in 
der wirklichen Yorstellungswelt der Jahwegläubigen besessen hat. 
Und das gilt auch von 5,3, auch wenn man wie ich im Gegensatz 
zur neueren Kritik die messianische Weissagung wirklich von Micha 
herleitet, n^rv* Tbl nötigt nicht, im parallelen ^'^ DTD ein von Jahwe 
losgelöstes Machtwesen oder -mittel zu erblicken. Eine harmlosere 
Auffassung liegt meines Erachtens ebenso nahe. Aber ist DTD oder 
'^''^ DTD hier überhaupt ursprünglich? Sollte, gerade wegen des Pa- 
rallelausdrucks, nicht vielmehr 'bht ^'^ t^^^ oder noch wahrschein- 
licher nur n*>nb«'3in ursprüngliche Lesart sein? Auch der übel 
überlieferte und vielfach sicher überarbeitete Text legt nahe, hier 
wie in den Jesajastellen an jüngere Einschiebung zu denken. — 
Nicht anders ist meines Erachtens zu 6,9 zu urteilen, wo der Text 
ohne allen Zweifel arg verderbt ist. LXX übersetzt, als stände da: 
tot} ^iKy; T^tnr\\ Ich würde wenigstens nicht wagen , aus dieser 
Stelle einen Schluß auf den Gebrauch des »Namens« Gottes bei 
Micha zu ziehen. Entscheidend bleibt freilich für mich die Tatsache, 
daß nach den kritisch im wesentlichen unangefochtenen Teilen des 
Michabuches der Prophet Micha ebensowenig wie Jesaja sich ge- 
scheut hat, Jahwe unmittelbar in der diesseitigen Welt wirken und 
auch an seinem irdischen Wohnorte wohnen zu lassen. Freilich könnte 
man sagen, die von Micha zuerst ausgegangene Drohung, auch 
Tempel und Tempelberg könnten der Verwüstung preisgegeben, also 
Jahwe nach seinem eigenen Willen genötigt werden, seine irdische 
Wohnstätte zu verlassen (vgl. Ez. 10,18fif.; 11,22 ff.), habe den 
grundlegenden Anstoß zu der Entwicklung innerhalb der jüdischen 
religiösen Vorstellungswelt gegeben, die schließlich auch zu dem 
Gebrauch des üt Jahwes in dem hier fraglichen Sinne führte. 

Nach den bisherigen Ausführungen haben wir also keine sichere 
prophetische Stelle, die beweisen könnte, daß der Namenglaube oder 
-aberglaube in der religiösen Vorstellungswelt oder Rede des 8. Jahr- 
hunderts heimisch gewesen sei. Zu dem gleichen Ergebnis gelangen 



Giesebrecbt, Die alttesfamentlicbe Schätzung des Gottesnamens. 183 

wir aber nun auch für das 7., das letzte vorexilische, Jahrhundert. 
Zunächst finden wir weder bei Nahum, noch Habakkuk, noch *Oba(]ya 
(ür'obadja) etwas derartiges. Bei Sefanja (c. 630) freilich stoßen wir 
auf ein paar Stellen, die vom ülb Jahwes reden und zur Diskussion 
gestellt werden können. Aber zweifelhaft ist es auch hier wieder, 
ob die Stellen wirklich echt sind. Zeitlich vorauf gingen die 
schlimmen Zeiten der Könige Manasse und Amon. Wie wenig wir 
von ihnen auch wissen, so viel aber wissen wir doch, daß zu ihrer 
Zeit und wohl auch durch ihre Schuld ein starker Strom fremden 
religiösen Wesens oder Unwesens in Juda und Jerusalem, ja, bis in 
die Räume des Jahwetempels selbst hineinflutete. Es ist daher wohl 
begreiflich, daß die, wie gesagt, vielleicht in Michas Prophetie ge- 
schichtlich wurzelnde Richtung im religiösen Glauben und Denken, 
die darauf hindrängte, das heilige Wesen Jahwes von der Berührung 
mit der irdischen Unreinheit zu scheiden und das innerweltliche 
Wirken des heiligen Gottes durch causae mediae begreiflich zu 
machen, in dieser Zeit starke Förderung erfuhr. Aber daß sie 
gleich den Gebrauch des ütt Jahwes herbeigeführt habe, ist doch 
nicht sicher, kann meines Erachtens auch aus dem Sefanjabüchlein 
nicht erwiesen werden. 

Die in ihm in Betracht kommenden Stellen stehen alle im 
3. Kapitel. Dies 3. Kapitel gilt nicht wenigen Kritikern (vgl. Marti) 
ganz als unecht; andere (vgl. Nowack) beanstanden nur einzelne 
Teile desselben (in wie weit mit Recht, kann hier nicht untersucht 
werden). Ungewiß ist jedenfalls die Echtheit seines Inhalts im 
ganzen überlieferten Umfange. Es ist möglich, daß fremde Hände 
darin tätig waren, also auch, daß eine Vorstellung wie die vom 
üw Jahwes später eingearbeitet ist. 

Zunächst lesen wir 3,9 die Redewendung '^''^ DM «np im Sinne 
der kultischen Anrufung und Verehrung. Bemerkenswert ist schon, 
daß diese, an sich ja mit dem Namenglauben nicht notwendig zu- 
sammenhängende, Wendung in keiner älteren Prophetenschrift vor- 
kommt außer Jes. 12,4, d. h. in einem schwerlich jesajanischen 
Hymnus. Nicht minder beachtenswert ist die Tatsache, daß sie auch 
dem Zeitgenossen Sefanjas, dem Propheten Jeremia, nicht gerade 
besonders geläufig gewesen zu sein scheint. Wir finden sie Jer. 10, 25 
(= Ps. 79, 6 f.) in einem kritisch anfechtbaren Satze, sodann nur 
noch, so viel ich sehe, 44,26, dort aber vom Nennen des Namens 
Jahwes beim Schwur, d.h. in der (feststehenden) Schwurformel. 
Sonst findet sich n« »np 29,12 und b« 'p 11,14; 33,3, aber ohne 
DID. Von Jeremia aus läge daher der Schluß nahe, auch Sefanja sei 
jene Redewendung nicht geläufig gewesen; es sei also das kritische 



184 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

Bedenken gegen die Echtheit von v. 9. 10 nicht unbegründet. Be- 
weiskräftiger würde dagegen, Echtheit vorausgesetzt, y. 12 sein (vgl. 
Giesebrecht S. 41), und die maßvollere Kritik läßt v. 11—13 unan- 
gefochten. Der Satz 'i") Dtin ^on*} läßt wirklich den >Namen< Jahwes 
als eine Macht oder ein Machtwesen erscheinen, wobei man wirk- 
samen Schutz gegen alle Gefahren finden kann. LXX bietet ab- 
weichend und Beachtung verdienend : xal s^XaßiQ^aovtat inb too 6v6- 
(iatoc xopCoo ot xatdXoiTcoi too 'lapai^X, aber es könnte vom Svo(i.a xop. 
die gleiche Vorstellung enthalten, wie die hebräische Lesart (vgl. 
Giesebrecht S. 42), wenngleich es meines Erachtens nicht unbedingt 
nötig ist, in der Wendung : den Namen Gottes fürchten, sich vor ihm 
scheuen, ohne weiteres eine realistische Auffassung des > Namens« 
neben Jahwe im Sinne des Namenglaubens zu suchen. Bedenklich 
wird aber die Sache, wenn wir feststellen müssen, daß im ganzen 
Alten Testamente nur an dieser einen Stelle non mit ''''' nm ver- 
bunden vorkommt, überall sonst wird es ohne Scheu unmittelbar mit 
mn"»n oder a mit entsprechendem Pronominalsuffix verknüpft. Nach 
meinem Gefühl verträgt sich mit v. 12* auch nicht recht 'te'' tr^^vcD 
in V. 13*. Mir scheint hier am ursprünglichen Texte gearbeitet zu 
sein. Wie der ursprüngliche Text gelautet haben mag, lasse ich un- 
erörtert (es käme auch der Rhythmus in Betracht). Ich halte es 
für sehr wahrscheinlich, daß ^''^ ütb^ von jüngerer Hand herrührt. 
Einfaches ''a (woraus leicht mn^^a entstehen konnte) wäre in der 
persönlichen Jahwerede ohnehin angemessen. Und warum steht 3,2 
nur Ttin'^a rroa und nicht auch •»'•» Dtia? Es läßt sich also jedenfalls 
auch mit dieser Stelle nicht beweisen, Sefanja habe den Namen- 
glauben vertreten. — Die Stelle 3, 20 : ninribn Dtob kommt sachlich 
nicht weiter in Betracht. Ich bemerke nur, daß auch diese Wort- 
verbindung, so weit ich sehe, in älteren Prophetenschriften nie vor- 
kommt, sondern sich zuerst ein paarmal im Jeremiabuche findet 
(13,11; 33,9, hier fehlt aber üt in LXX, ähnlich 32, 20: sich DV 
machen). 

Bis auf Sefanja herab fehlen also sichere prophetische Zeug- 
nisse für das Vorhandensein der abergläubischen Schätzung des 
Gottesnamens im religiösen Denken und Beden der vornehmsten 
Träger des Jahweglaubens. Anders wird das Bild, sobald wir an 
das Jeremiabuch kommen. Das Buch bietet eine große Zahl von 
Stellen, wo der >Name< Jahwes in der einen oder anderen Ver- 
bindung gebraucht wird, die im Sinne des Namenglaubens gedeutet 
werden zu müssen scheint. Das ist, zumal nach unserem bisherigen 
Ergebnis, doch recht auffällig. Es erfordert genauere Untersuchung, 
ob wirklich Jeremia selbst für das fast plötzliche Auftauchen so 



Giesebrecht, Die ftlttfistamentliche Schätzung des Gottesnamens. 185 

vieler derartiger Stellen in seinem Buche verantwortlich gemacht 
werden darf. Und müßten wir die Frage bejahen, so ständen wir 
sofort vor der weiteren Frage, wie es sich erkläre, daß gerade bei 
diesem Propheten zuerst jener Namenglaube und der ihm Ausdruck 
gebende Sprachgebrauch hervortritt und zwar gleich in so starkem 
Maße ; ob sich etwa schon in der älteren nichtprophetischen Literatur 
vorbereitende Spuren davon vorfinden oder ob wir von anderwärtsher 
eine Erklärung für die auffällige Erscheinung zu gewinnen ver- 
mögen. 

Nun stelle ich aber sofort die sehr bedeutsame Tatsache fest, 
daß sich alle Stellen des Buches, wo vom Dti Jahwes in irgend einer 
hier in Betracht kommenden Verbindung die Rede ist, außerhalb von 
c. 1 — 6 finden, d. h. außerhalb des großen (wenigstens c. 2— 6 um- 
fassenden) Zusammenhangs, in dem man zu allemächst berechtigt 
ist, jenes erste Weissagungsbuch zu suchen, das nach c. 36 Jeremia 
persönlich dem Baruch in die Feder diktierte. Nur 3, 17 begegnet 
eine Stelle, die dieser Feststellung zu widersprechen scheint Indes, 
sie gehört zu einem den ursprünglichen Zusammenhang sprengenden 
Einschub, gleichviel, ob man diesen Einschub auf 3,14—18 be- 
schränkt, wie ich tue, oder ihm mit anderen größere Ausdehnung gibt. 
Obendrein hat LXX in ihrer Vorlage die Worte rhtnr^b mry^ Dtfc 
noch nicht gelesen; sie bilden also in dem Einschub noch einen 
jüngeren Einschub. Die Tatsache bleibt also bestehen, daß Jeremia 
in diesen Kapiteln vom *>'*> ütD nichts weiß. Das ist aber um so be- 
deutsamer, als es auch in diesen Beden nicht an Gelegenheiten ge- 
fehlt hätte, statt von mn'> vom mrx^ ü6 zu reden, wenn der Prophet 
selbst theologisch das Bedürfnis gehabt hätte, der darin ausgeprägten 
Vorstellung Ausdruck zu verleihen. 

Beachten wir nun weiter, daß von c. 7 an nach dem Ausweise 
der einleitenden und überleitenden Formeln die Beden Jeremias fast 
durchgehends von anderer Hand berichtet werden, so eröffiiet sich 
uns die Möglichkeit, das Vorkommen des üW Jahwes ebensogut, wie 
auf Jeremia selbst, auf jenen Berichterstatter (Baruch?) zurück- 
zuführen, ja, wer weiß, ob wir nicht sogar die Redaktion unseres 
gegenwärtigen Jeremiabuches dafür verantwortlich machen dürften. ^) 

1) Dazu ist auch die TextdifFerenz zwischen LXX und dem masoretischen 
Jeremiabache nicht zu yergessen. Sie lehrt, daB sogar noch, als die der LXX 
zugronde liegende Textgestalt schon nach Aegypten verpflanzt war, auf palästi- 
nensischem Boden am Texte redigiert worden ist Es müßte also auch bei jeder 
einzelnen SteUe die Möglichkeit erwogen werden, daß an ihr Dti ganz spät ein- 
gefügt und vieUeicht sogar erst nachträglich in die handschriftliche Tradition der 
LXX eingedrongen sei. Wir sahen ja schon, daß 3, 17 LXX vom ^vojia Jahwes 
noch nkdits weiß. 

Q«tk. f^ Am. IM. Vr. 9. 13 



186 Mit. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

Damit ist aber schon, wie man zugeben wird, die Gewißheit, daß 
Jeremia der erste in der Reihe der Propheten gewesen sei, der 
vom > Namen < Gottes im fraglichen Sinne Gebrauch gemacht, stark 
erschüttert. Wahrscheinlich schwände diese Gewißheit gänzlich, wenn 
wir bei allen Stellen sicher bestimmen könnten, wie weit für ihren 
Wortlaut fremde Hände verantwortlich sind. So viel ist sicher, viele 
der in Betracht kommenden Stellen gelten nicht wenigen Kritikern 
als nichtjeremianisch. Immerhin aber müssen wir mit der Möglich- 
keit rechnen, daß auch Jeremia selbst schon häufiger vom ülö Jahwes 
geredet und dadurch jüngerer Zeit Anlaß geboten hat, Vorstellung 
und Redeweise von diesem DID stärker zu beleben und ihr auch in 
seinem Buche stärkeren Eingang zu verschaffen. Meines Erachtens 
läßt sich jedoch mit einigermaßen genügender Sicherheit nur eine 
Redewendung auf ihn selbst zurückführen und dazu noch eine im 
Grunde ziemlich harmlose. 

Die Redewendung, die ich meine, ist die, welche das göttliche 
Eigentumsverhältnis zu einer Person oder Sache umschreibt und so 
lautet: b? ''''» DtD «npj?. Wir finden sie 7,10.11 (ob hier wirklich 
ursprünglich?). 14 (ebenso? man beachte den Paseqstrich). 30; 
14,9; 15,16 (auch?); 25,29; 32,34 (= 7,30); 34,15 (Dan. 9,18.19 
beruhen wohl auf einer Nachwirkung Jeremias). Der Ausdruck an 
sich entstammt der Umgangssprache und dürfte geläufiger gewesen 
sein, als die beiden einzigen, dahin gehörigen Beispiele 2. Sam. 12,28; 
Jes. 4,1 vermuten lassen. Natürlich bleibt möglich, daß er auch 
schon vor Jeremia zur Bezeichnung des Verhältnisses Jahwes zu 
irgend einem persönlichen oder sachlichen Objekte gebraucht wurde, 
aber bemerkenswert ist doch, daß vor ihm tatsächlich kein prophe- 
tisches Buch den Ausdruck verwendet. Die einzige Stelle Am. 9, 12 
ist, wie wir sahen, ja kritisch recht anfechtbar und angefochten. 
Ebenso ist bemerkenswert, daß in der außerprophetischen Literatur, 
so weit sie beanspruchen kann, aus voijeremianischer Zeit zu stammen, 
der Ausdruck auch nicht sicher nachweisbar ist. 2. Sam. 6,2; 
1. Reg. 8,43, ja,, sogar Deut. 28,10 sind hinsichtlich ihres Alters 
zweifelhaft; sie köonen deuteronomistisch sein, also gerade so gut 
nach- wie v o r jeremianisch. Freilich auch in der späteren Literatur 
ist der Ausdruck selten. Er findet sich nur noch Jes. 63, 19; 1. Chron. 
13,6 (Text korrupt, vgl. 2. Sam. 6,2), 2. Chron. 6,33 (== 1. Reg. 
8,43); 7,14; Esra 5,1; (vgl. Jer. 15,16). Nach allem liegt die An- 
nahme recht nahe, die Anwendung des Ausdrucks auf Jahwe und ihm 
Gehöriges sei überhaupt nur jeremianisch und, wo sie sich sonst 
findet, sei sie unter dem Einfluß Jeremias eingedrungen. Und daß 
Jeremia sich der Redewendung zu bedienen begann, ließe sich reli- 



Giesebrecbt, Die alttestamentliche Schätzung des Gottesnamens. 187 

gionsgeschichtlich und psychologisch auch noch ziemlich begreiflich 
machen. 

Bedenken wir die Ursache seiner Ankündigung des Gerichts 
nicht blos über Land und Volk, sondern auch über Jerusalem und 
sogar den Tempel, erinnern wir uns des fremden Kultus, dessen sich 
das Volk schuldig gemacht und der bis in die geheiligten Räume 
des Jahwetempels eindrang, dann begreifen wir, wie es kam, daß 
der Prophet so umständlich, d. h. aber, so nachdrücklich darauf hin- 
zuweisen das Bedürfnis hatte oder haben konnte, der Tempel trage 
doch den Namen Jahwes als seines Besitzers und nicht den irgend 
eines Baal und das Volk heiße doch Jahwes Volk und nicht Volk der 
Himmelskönigin oder irgend eines Baal. Ja, so begreift sich auch, 
daß er sich selbst im Gegensatz zu dem abgefallenen Volke als 
Jahwes Knecht so bezeichnet, denn als sein Prophet ist er in Wahr- 
heit auch vornehmlich Träger des Namens vor allem Volk. Es be- 
darf schließlich aber kaum besonderer Erwähnung, daß in dieser 
Redewendung nichts ist, das auf jenen Namenaberglauben hinweisen 
müßte. Ob der >Name< Jahwes im Sinne dieses Glaubens auch oder 
vielmehr schon für Jeremia Bedeutung hatte, müßte sich aus dem 
weiteren Gebrauche in seinem Buche ergeben ; aus jener Redewendung 
kann es jedenfalls nicht geschlossen werden. 

Diesen Beweis liefern natürlich auch die oben zu Sef. 3, 20 er- 
wähnten Stellen nicht, wo Ü16 im Sinne von Ruhm, Ehre Jahwes 
vorkommt, ebensowenig auch das nur zweimal vorkommende Tpati pjü\> 
14,7.21 oder der Satz, Jahwes Namen vergessen über (= ihn ver- 
tauschend mit) dem Baal (b:?^^) 23,27 (zweimal, aber an der ersten 
Stelle ist der Text zweifelhaft, vgl. LXX), wo vielleicht (meines 
Erachtens sehr wahrscheinlich) ursprünglich sogar dem b:^ni nur 
•^nn« gegenüberstand (vgl. weiter unten!). Ueber Dtin «np habe ich 
zu Sef. 3, 9 auch schon das Nötige gesagt. 

Ziemlich oft findet sich nun aber der Ausdruck ^'^ DtDl K^3: 
11,21; 14,124 f.; 23,25; 26,9.16.20; 27,15; 29,9.21 oder Dtön'na^: 
20,9; 29,23; 44,16. Ob alle Sätze echt jeremianisch sind, sei dahin- 
gestellt. Zur Bedeutung des Dlbn an diesen Stellen vgl. Giesebrecht 
S. 24; Giesebrecht gibt zu, daß 26,16.20 Diön >den positiven Auf- 
trage Jahwes bezeichnen könne; ich meine, man könne dies zu allen 
Stellen sagen. Freilich ist es selbstverständlich, daß die falschen 
Propheten so gut wie die echten bei ihren Aussagen den Jahwe- 
namen aussprechen. Auch sie wollen als nnn*> "»ö (vgl. Jer. 15,19; 
23,16) gelten, genau so wie die wirklich von Jahwe berufenen Pro- 
pheten, denn auch ihre Autorität beruht auf diesem Anspruch. Nun 
beachte man, 2,8; 23,13 steht >weisBagen< b$$$, also ohne Dtü; 

13* 



188 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

ähnlich lesen wir 23,27 als Objekt zu rot? einerseits ^laiD, anderer- 
seits aber das einfache b:?a. Dem b:^än bei K^ (oder nan) würde 
also eigentlich Tr\n^^ (oder pronom. ^2) entsprechen. Sollte Jeremia 
selbst nicht wirklich so gesprochen haben und die Form mit DID von 
jüngerer Hand in seine Ausdrucksweise hineinkorrigiert sein? Hätte 
Jeremia selbst bei Jahwe vom ütö geredet, beim Baal aber nicht, so 
bewiese das allerdings, daß in seiner religiösen Denkweise die Ten- 
denz, Jahwes persönliches transzendentes Wesen vom Diesseits zu 
scheiden, schon wirksam zu werden begonnen hatte. Aber hat 
Jeremia selbst wirklich so gesprochen und geschrieben? Das ist die 
Frage. Zu einer Verneinung dieser Frage könnte noch eine andere 
Beobachtung Anlaß geben. 12,16 vgl. 44,26 (dazu weiter unten) 
finden wir :P^ld^ mit "^^ DVD verbunden. Das ist an sich unaufiällig, 
weil beim Schwur ja der Name Jahwes wirklich ausgesprochen wird. 
Aber merkwürdigerweise steht 12,16 auch wieder daneben das bloße 
b:?^, und 22,5; 49,13 sagt Jahwe: ^nsfät^s *'^, formell also ent- 
sprechend b:^U. Dieses Schwanken in der Form des Ausdrucks legt 
es meines Erachtens doch sehr nahe, zu vermuten, in dieser wie in 
jener Redewendung gehe DID nicht auf Jeremia selbst zurück. Jeden- 
falls ist seine Herkunft von ihm sehr zweifelhaft. 

Im Jeremiabuche stoßen wir nun auch wieder auf das an vier 
zweifelhaften Stellen bei Arnos vorkommende formelhafte n'Qtü Tr\TV^ 
33,2 oder "«)m«as nin'> 10,16; 31,35»» (= Jes. 51,15); 32,18; 50,34; 
51,19 (= 10,16); an drei Stellen geht ?[bian D«D vorher: 46,18; 
48,15; 51,57. Von all diesen Stellen ist auch nicht eine einzige 
unangefochten und vielleicht auch keine wirklich unanfechtbar (vgl. 
Giesebrecht S. 31). Und das gilt auch von der zwar von Giesebrecht 
a. a. 0. nicht mitbesprochenen (vgl. jedoch S. 43), aber hierherge- 
hörigen Stelle 16,21 (und sie werden erkennen, Tv\rv^ ^lOilO '^i). Handelt 
es sich nun aber hier überall, wie in den Amosstellen, um Erzeug- 
nisse irgend eines nicht mit Jeremia, ja, wahrscheinlich sogar nicht 
einmal mit Baruch identischen Schriftstellers, so ergibt sich, daß wir 
innerhalb der prophetischen Literatur bis einschließlich Jeremia jene 
Formel überhaupt nicht finden. Erst bei Deuterojesaja resp. im 
Deuterojesajabuche (vgl. Giesebrecht a. a. 0.) — denn auch bei 
Ezechiel begegnet sie uns nirgends — stoßen wir auf sie in ursprüng- 
lichem Zusammenhang (ob 48,2 dazu gehörig?) oder doch auf Sätze, 
die auf diese Formel inhaltlich und im Wortlaut zurückführen, die 
aber auch mindestens noch nicht viel von dem verspüren lassen, was 
man unter Namenglauben versteht und Giesebrecht tatsächlich her^ 
ausfühlen zu müssen meint. Wir haben meines Erachtens darin 
vielmehr einen Widerhall und Nachball des bei Ezechiel so häufig 



Giesebrecht, Die alttestamentUche Schätzung des Gottesnamens. 189 

Yorkommenden Satzes zu erkennen, Jahwes Wirksamkeit werde zur 
Folge haben, daß man erkenne, daß er Jahwe sei. Und das er- 
innert femer auch an das nachdräckliche, für das Heiligkeitsgesetz 
80 charakteristische : rtin*« "^SK. — Mir scheint also der nachgewiesene 
einfache Tatbestand mit aller Bestimmtheit zu erweisen, daß jene 
Formel in der prophetischen Bede erst in nachjeremianischer Zeit 
Eingang gefunden und, soweit erkennbar ist, Deuterojesaja der erste 
Prophet war, der sie in seiner ja in sehr gehobenem Tone dahin- 
fließenden Rede verwendet hat. Natürlich ist damit nicht auch aus- 
geschlossen, daß die Formel in der außerprophetischen religiösen 
Sprache auch schon früher geläufig war. Aber ob das wirklich der 
Fall gewesen, müssen wir hernach auch prüfen, und dabei wird sich 
alsdann herausstellen, ob Giesebrechts Urteil (S. 33), die Formel 
weise »auf bestimmte Vorstellungen vom Namen Jahwes zurück, die 
schon der vorexilischen Zeit angehört haben müßten c, nicht doch 
einer ernstlichen Einschränkung bedarf. Was wir bisher gesehen 
haben, ist Giesebrechts Urteil sicher nicht günstig. 

Auch 10,6, der Satz, groß sei Jahwes Name rrrin^ (vgl. Giese- 
brecht S. 28), kommt für Jeremias Vorstellungswelt nicht in Be- 
tracht. Zunächst stelle ich fest, daß, auch wenn man nicht, wie viele 
tun, den ganzen Abschnitt 10,1—16 Jeremia abspricht, doch v. 6—8 
als Zusatz ausgeschieden werden müssen, weil sie der Grieche nicht 
gelesen hat. Im übrigen sehe ich auch nicht ein, daß man hier an 
etwas anderes als an Jahwes Buhm um seiner Heldenkraft und ihrer 
geschichtlichen Bezeugungen willen denken muß. — Auch für 44,26, 
wo Jahwe bei seinem großen Namen schwört, ist die jeremianische 
Herkunft sehr ungewiß, aber es ist meines Erachtens in »dem großen 
Namen< im Zusammenhang der Bede auch nichts mehr zu suchen 
als ein Hinweis auf Jahwes Größe im Verhältnis zu der vom Volke 
verehrten heidnischen Gottheit. — Auf die einsame Stelle 34,16 ist 
schon oben S. 176 zur Genüge hingewiesen worden. 

Es bleibt noch 7,12. Giesebrecht (S. 35f.) hat die Gründe ein- 
gehend gewürdigt, die gegen jeremianische Herkunft des in Frage 
stehenden Belativsatzes 'y^ '^ins^ip ni^2^, sprechen können. Auch hat 
er auf die sicher sehr auffällige Singularität des Ausdrucks üt6 plD 
gegenüber dem oben besprochenen bv Dtü vnp: hingewiesen und es 
für möglich erklärt, daß diese Wendung einst auch hier stand, dann 
aber von > einem an die Darstellung der Deuteronomisten gewöhnten 
Schreiberc unabsichtlich ersetzt wurde. Wir können von dieser Mög- 
lichkeit absehen. Meines Erachtens stößt sich der Belativsatz mit 
dem vorausgehenden 'ib^^a n^K *>^pt3 zu arg, als daß er ursprünglich 
sein könnte. Man beadite das Suffix in "nahpts. Darin liegt ja deut- 



190 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

lieh genug, worauf es ankommt. Aber gerade das allgemeine ü^pü 
konnte einen späteren Leser, vielleicht schon den Bedaktor des 
jetzigen Jeremiabuches , veranlassen, den Relativsatz hinzuzufügen, 
um das noch bestimmter auszudrücken, was eigentlich schon im 
Suffix ausgesprochen war, nämlich daß Jahwe dort seiner Zeit wirk- 
lich seine Wohnung gehabt habe. Auch in v. 14 ist, wie schon 
früher angedeutet, der erste Relativsatz sehr wahrscheinlich einge- 
schoben, und V. 12 entspricht meines Erachtens diesem v. 14 in 
seiner wahrscheinlich ursprünglichen Gestalt auch viel genauer, wenn 
er ohne jenen Relativsatz gelesen wird. — Zu alledem kommt nun 
aber auch noch, daß es unerweislich ist, wie wir bisher gesehen, daß 
Jeremia überhaupt den Namenglauben besessen hat, der in dem 
Ausdruck DID "fslO ausgesprochen wird. Freilich mag seine Prophetic 
von der möglichen, ja, schließlich der unvermeidlichen Zerstörung 
auch des Tempels, worin er der Nachfolger Michas war (vgl. c. 26), 
auch seine Redewendung "an «^pa, allenfalls auch, wenn von ihm 
selbst herrührend, die Verbindung von KSi: pa^i) mit ^'^ Dtin statt 
des einfachen nin*>n, auf die Förderung der deuteronomistischen Vor- 
stellung und ihres sprachlichen Ausdrucks von entscheidender Ein- 
wirkung gewesen seih, aber daß Jeremia selbst die Vorstellung vom 
üW Jahwes als einem im Tempel gleichsam aufgestellten selbständigen 
Machtwesen neben Gott wirklich gehabt habe, dem widerspricht, so- 
viel ich sehe, seine theologische Gedankenwelt, wenn wir sie in 
ihrem ganzen Umfange auffassen, durchaus. Ja, selbst für die Volks- 
vorstellung seiner Zeit läßt sie sich nicht ohne weiteres behaupten, 
wenigstens ließe sich dagegen das 7, 4 stehende nin*» by^n mit einigem 
Gewicht geltend machen. — Sehr wesentlich verstärkt wird diese 
Beweisführung durch die Tatsache, daß auch Ezechiel noch die 
Redewendung 'y) Ulb )^10 nicht kennt, und diese Tatsache rückt in 
eine besonders wirksame Beleuchtung, wenn wir bei ihm lesen, nicht 
>der Name« Jahwes verlasse vor der Zerstörung Jerusalems Tempel 
und Stadt und kehre hernach wieder dorthin zurück, sondern sein 
niM (vgl. Ez. ll,22flf.; 43, Iff.). Dazu läßt sich auch nicht sagen, 
bei ihm werde (z.B. 43, 7 ff.) der >heilige Namec Jahwes von dem 
transzendentalen Lichtwesen Jahwes unterschieden. Aber wohl läßt 
sich vielleicht hier bei Ezechiel ein weiterer Anknüpfungspunkt er- 
kennen, von dem aus die hier in Frage stehende Vorstellung und 
Redeweise vom iNamenc Jahwes hernach begreiflich werden würde. 
Nun war aber Ezechiel wie Jeremia priesterlicher Herkunft, auch 
sicher als schon erwachsener, wenn auch noch jugendlicher Mann ins 
Exil gefuhrt worden. Wir dürfen also wohl schließen, daß ihm von 
Haus aus jedenfalls jene Redewendung ebenso wenig geläufig war, 



Oiesebrecht, Die alttesiamentliche Seh&txmig des Gottesnamens. 191 

wie seinem Priestergenossen Jeremia. Das dürfte dann aber doch 
wohl gleichbedeutend sein mit der Gewißheit, daß auch jener Namen- 
glaube überhaupt beiden und dem Kreise, aus dem sie hervor- 
gegangen, um 600 herum noch etwas Fremdes war. Nun findet sich 
die Redewendung 'y\ pt freilich auch nicht bei Deut.-Jes., ja, auch 
bei keinem der noch später lebenden Propheten; selbst in der 
priesterlichen Schrift sucht man sie vergeblich, so oft auch in ihr 
P^ mit TOD Jahwe verbunden steht oder )^tü von Jahwes Wohn- 
stätte gesagt wird. Aber gerade auch dies rechtfertigt dann umso 
mehr die Vermutung , daß in Jer. 7,12 der fragliche Relativsatz von 
irgend einer fremden Hand eingefügt wurde. Wo die literarische 
Heimat der Redewendung ist, wird sich hernach vielleicht deutlich 
ergeben. 

Das Ergebnis unserer Untersuchung der prophetischen 
Literatur ist nach allem, wie ich meine, ziemlich klar und sicher. 
Stades These ist, soweit diese Literatur in Betracht kommt, wirklich 
wohl begründet. Nachweisbar beginnt, wie es scheint, erst mit 
Jeremia in der Sprache der Prophetie der >Name< Jahwes stärker, 
wenn auch zunächst noch in recht harmlosem Sinne, immerhin aber 
doch derart hervorzutreten, daß sich mit seiner Verwendung in der 
religiösen Vorstellung nach und nach jener Namenaberglaube ver- 
binden konnte. Und wir sahen gelegentlich ja auch, daß die bis- 
herige Entwicklung des Inhalts der Glaubenswelt Keime in sich 
barg, die geeignet waren, sich in der Richtung jenes Aberglaubens 
zu entwickeln, falls etwa noch von anderer Seite her dieser Namen- 
glaube nahegebracht werden mochte. 

Doch wie stehts nun mit der älteren außerprophetischen 
Literatur? Stimmt ihr Zeugnis mit dem der prophetischen überein? 
Man muß mit der Möglichkeit rechnen, daß Propheten Vorstellungen 
und Redewendungen mieden, die der volkstümlichen Religiosität ge- 
läufig und durchaus unanstößig waren, aus begreiflichen Gründen 
auch' leichter in geschichtlicher Darstellung Raum fanden als in 
prophetischer Thora. — Freilich berührte ich schon gelegentlich 
Tatsachen, die zu erweisen scheinen, daß man in den älteren Zeiten 
in den wirklich religiösen Kreisen des Volkes in der hier fraglichen 
Beziehung weder anders dachte, noch anders redete, als von den 
Propheten geschah. Man hatte im Volke noch weniger als in der 
Prophetie das Bedürfnis, in der Vorstellung und Rede Jahwe von 
der diesseitigen Welt zu scheiden. Man dachte und redete von ihm 
und seinem innerweltlichen Dasein und Walten in harmlos mensch- 
licher Weise. Der Tempel war »Jahwes Haus<; niemand dachte 
daran, vom >Hau8e des Namens Jahwes« zu reden. Und sehen 



192 Gott. gd. Anz. 1906. Nr. 8. 

wir genauer zu, so ergibt sich, daß auch in der älteren außer- 
prophetischen, der poetischen wie erzählenden Literatur, nichts Yor- 
kommt, das ernstlich mit unseren Beobachtungen an der prophe- 
tischen Literatur in Widerspruch stände. Wo sich dergleichen findet 
oder zu finden scheint, ist genügende Veranlassung zu der Annahme 
vorhanden, daß wirdeuteronomistischer Textbearbeitung gegen- 
überstehen. Allerdings, wollten wir jetzt zu einem absolut sicheren 
Ergebnis gelangen, so müßten wir die älteren Quellen sorgfältig und 
reinlich von Zutaten jüngerer redaktioneller Bearbeitung scheiden 
und auch die als Zutaten erkannten Textbestandteile auf ihre Her- 
kunft und die Zeit ihrer Entstehung genauer Prüfung unterwerfen. 
Natürlich muß hier von dieser Aufgabe abgesehen werden. Aber ich 
denke, es wird damit der Wert unseres Ergebnisses nicht allzu sehr 
geschädigt. 

Die ältesten literarischen Zeugnisse, wie z.B. das Debo railed 
(auch •fMb'Q Jud. 5, 23 ist, wie schon bemerkt, nicht ursprünglich), der 
Tempel weihspruch Salomos (1. Reg. 8, 12 f.), wissen vom >Namen< 
Jahwes in dem fraglichen Sinne nichts. Im Bundesbuch Ex. 20, 24^ 
(vgl. dazu 23,13; Jos. 23,7; Hos. 2,19) handelt es sich um kulti- 
sche Anrufung Jahwes mittels des Namens Jahwe. Nach der elo- 
histischen Erzählung Ex. 3, 13—15 soll der Jahwename nach Gottes 
eigener Willensofienbarung sein nDT sein. Er will damit angerufen 
werden und auf die Anrufung auch hören. Man könnte im Sinne 
des Namenglaubens allenfalls sagen, die Nennung des Namens übe 
auf den Angerufenen eine Macht aus und zwinge ihn herbei. Aber 
es liegt in solchen und ähnlichen Stellen nicht der geringste Anlaß 
vor zu der Annahme, der >Name< Gottes habe für die religiöse 
Vorstellung schon in den alten Zeiten, aus denen die genannten 
Stellen stammen, eine gewisse Selbständigkeit gegenüber dem persön- 
lichen transzendenten Wesen Jahwes besessen. Auch Giesebrecht 
(vgl. sein Urteil S. 26) denkt daran nicht ohne weiteres; nur be- 
merkt er, >die intime und dauernde Verknüpfung des Namens mit 
dem Kultus scheine am Ende eine sehr starke Verselbständigung 
des Namens bewirkt zu haben <. Gewiß ist das richtig, nur fragt 
sich, von wann an dies eingetreten ist. Auch die außerprophetische 
Literatur beweist nicht, daß diese Wirkung sich früh geltend ge- 
macht hat. 

Die Zeugnisse, die unbedenklich aus älterer Zeit abgeleitet 
werden können, sind auch hier wieder merkwürdig dünn gesät. 
«i'S Dtb vnp begegnet uns zunächst nur in der jahwistischen Schrift 
Gen. 4,26; 12,8; 13,4; 21,33; 26,25, vgl. dazu auch Ex. 33,19; 
34,5. Hierbei handelt es sich nur um die Nennung des Namens 



Giesebrecht, Die alttestamentliche Scbätzang des Gottesnamens. 198 

Jahwes, um Anrufang Gottes mit seinem Namen. Nicht auffällig ist 
dann auch, daß die Bedewendung für die ganze kultische Ver- 
ehrung, auch für die am Altare mittels der Opfer, gebraucht wird, 
eben weil es eine Verehrung Jahwes am Altare ohne wirkliche An- 
rufung, wie immer diese geschah, sei es im Gebet, sei es im 
Hymnus, nicht gab, und die Psalmen zeigen uns genau so, wie die 
sonst in der Literatur vorkommenden Gebete, daß Gottes Anrufung 
mit seinem Namen Jahwe ebenso selbstverständlich wie gewöhnlich 
und — harmlos war. Das gilt auch von den Stellen in der Elia- 
geschichte, 1. Reg. 18,24—26 ('»"■•Dm v. 32 ist sicher fehlerhaft; 
in der hexaplarischen und lucianischen Rezension der LXX fehlt es 
mit Recht; vgl. Giesebrecht S. 25 Anm. 1). — Sehr bemerkenswert 
ist nun, daß wir diese Redewendung außer beim Jahwisten und in 
der Eliageschichte und noch einer sogleich zu besprechenden Stelle 
in der außerprophetischen Literatur bis in die nach exilische Zeit 
hinein nirgends mehr antreffen (die priesterliche Schrift gebraucht 
sie ebensowenig wie das Deuteronomium ; Deut. 32,3 gehört nicht 
hierher). So weit sie in Betracht kommt, könnte man also kaum 
vom Vorhandensein jenes Namenaberglaubens sprechen. 

Indes, dem scheint 2. Reg. 5, 11 zu widersprechen. Der Syrer 
Na'man erwartete, Elisa werde persönlich zu ihm kommen, >den 
Namen Jahwes anrufen c, seine Hand über die vom Aussatz be- 
fallene Stelle seines Körpers fahren (streichen) lassen und ihn so 
heilen. Es ist klar, daß eine Art Zauber vom Propheten erwartet 
wird, aber es ist wohl zu beachten, daß die Zauberhandlung aus 
zwei Teilen besteht. Der Anrufung des Namens Jahwes geht die 
Bewegung der Hand über die kranke Stelle zur Seite. Daß das 
i's Qöl tmp einen wesentlichen, ja, den wesentlichsten Teil der Hand- 
lung bildete, wenn sie wirksam sein sollte, versteht sich von selbst 
Aber man kann selbst nicht einmal für den Heiden mit Sicherheit 
voraussetzen, er sei der Meinung gewesen, die Nennung des Namens 
des Gottes Jahwe allein schon habe in Verbindung mit der Hand- 
bewegung die erwünschte Wirkung. Die Annahme liegt ebenso 
nahe, das 'AI mp sei ebenso gedacht wie jenes kultische beim Gebet 
oder Altardienste (wie in der Eliageschichte 1. Reg. 18, 24 ff.), es 
werde der Gott herbeigerufen und unsichtbar die durch die Hand- 
bewegung symbolisch dargestellte heilende Wirkung an ihm voll- 
ziehen. Jedenfalls läßt sich meines Erachtens auch von dieser Stelle 
aus wenigstens nicht behaupten, in Israel seien zur Zeit Elisas d. h. 
also im 9. Jahrhundert oder zur Zeit der Aufzeichnung der Elisa- 
geschichten im 8. Jahrhundert mit dem DO Jahwes Vorstellungen im 
Sinne des Namenaberglaubens verknüpft worden, ob das auf Seiten 



194 Gott. gel. Anz. 1906. Kr. 8. 

des Heiden Na'man geschah, mag auf sich beruhen bleiben. Vgl. 
Giesebrecht S. 25 f. Damit will ich nicht behaupten, man habe im 
Volke Israel, so weit man solchen Heilungszauber trieb und an ihn 
glaubte (und das wird sicher geschehen sein), nicht auch schon dem 
bloßen Aussprechen des Gottesnamens bei der Zauberhandlung, ge- 
wissermaßen diesem Namen selbst, heilende Wirkung zugeschrieben, 
dem Namen also eine Art Selbständigkeit gegenüber dem mit ihm 
genannten überweltlichen Gotteswesen beigelegt; aber wir dürfen 
dabei nicht übersehen, daß die Jahwereligion selbst und selbstver- 
ständlich alle ihre wahrhaft gläubigen und erkenntnisklaren Vertreter 
allem Zauberwesen prinzipiell feindlich gegenüberstanden (vgl. 
die Gesetzgebung, schon Ex. 22,17). Beachten wir dies, so gewinnt 
die Seltenheit des Vorkommens jener Redewendung und ihre (mög- 
liche) Harmlosigkeit da, wo sie vorkommt, selbst 2. Reg. 5, 11, im 
Sinne unserer Beweisführung doch sehr erheblich an Gewicht, auch 
gegenüber Giesebrechts Bemerkung im Exkurse S. 129. Gewiß 
mögen auch > Prophetensöhne« Zauber getrieben haben mit Jahwes 
Namen, wie es Na'man erwartete und aus seiner aramäischen Heimat 
kannte, aber daß man diese Leute nicht ohne weiteres als Kron- 
zeugen für den wirklichen Inhalt der religiösen Vorstellungswelt und 
ihrer praktischen Betätigung bei den klarbewußten Jahwegläubigen 
verwerten darf, lehrt uns ja Am. 7, 14 deutlich genug. Die eine 
Stelle allein beweist also nicht viel, wenigstens so weit die wirkliche 
Jahwereligion und die Kreise ihrer wahren Vertreter in jener Zeit 
in Betracht kommen. Daß damals viel Heidentum, heidnisches 
Denken und Tun ins Volk des nördlichen Reiches eingedrungen war, 
ist ja geschichtliche Tatsache, und die Zeugnisse, die wir haben, be- 
weisen auch, daß mit solchem Heidentum immer auch Zauberwesen 
allerlei Art aufs engste verbunden war. Es läßt sich meines Er- 
achtens daher gegenüber dem von mir schon aus der prophetischen 
Literatur nachgewiesenen Sachverhalt nur sagen, der sich immer 
wieder erneuernde Einfluß eindringenden Heidentums habe schließlich 
in Verbindung mit den von mir schon gelegentlich angedeuteten, in 
der israelitisch-jüdischen religionsgeschichtlichen Entwicklung selbst 
hervortretenden Umständen mit darauf hingewirkt, daß jener Namen- 
glaube auch innerhalb der genuinen Jahwereligion Boden fand. Ihr 
selbst aber blieb er — und das wird auch das Folgende wieder be- 
stätigen — im übrigen in der vorexilischen Zeit fremd. 

2. Sam. 6, 2 und Deut. 28, 10 (vgl. Giesebrecht S. 22 f.) finden 
wir die jeremianische Redewendung b:P '^''^ ütb Knp3. Aber der Text 
der ersteren Stelle ist kritisch unsicher und beweist nichts. An 



Giesebrecbt, Die alttestamentliche Sch&tztmg des Gotteflnamens. 19$ 

beiden Stellen kann und wird deuteronomistische Einwirkung auf den 
ursprünglichen Wortlaut vorliegen. 

Giesebrecht (S. 30 f.) weist nachdrücklich auf das formelhafte 
i'sti nnn*^ in dem Siegesliede Ex. 15,3 hin, das »zwar selbst, wie er 
meint, nicht alt« sein werde (meines Erachtens ist v. 1^—10, ein 
paar Zusätze ausgenommen, alt und echt), >aber doch auf ältere 
Kultus Vorbilder zurückgehen dürfte <. Sichtlich soll auch für diese 
Stelle so gut wie für die im Zusammenhang mit ihr genannte 
Jer. 10,16 (nicht jeren^ianisch auch für Giesebrecht, vgl. seinen 
Komm. z. St.; er findet in Jer. 10,1—^16 starke Züge deuterojesaja- 
nischer Art) das hernach folgende Urteil gelten, es werde hier >der 
Name Jahwe mit dem Bewußtsein mitgeteilt, daß er (nämlich der 
Name) allem Streit ein Ende mache, daß mit seiner Nennung die 
anderen Götter zu Boden geschlagen seien <. Davon finde ich im 
Zusammenhang des Liedes Ex. 15, Pff. nichts. Vorher wird in immer 
neuen Wendungen Jahwe gepriesen für das, was er an dem singen- 
den Ich (dem Volke) getan hat. Mit großem Nachdruck weist es 
V. 2^ darauf hin, daß solcher Art sein Gott sei und es ihn darum 
preisend erheben wolle und müsse, und dann heißt es v. 3, dieser 
Jahwe sei ein Kriegsmann, Jahwe sei sein Name, und daran schließt 
sich wieder von neuem der Hinweis auf die große Heldentat dieses 
göttlichen Kriegsmannes am roten Meere. Was aber bedeutet das? 
Das bedeutet meines Erachtens doch nur, daß es eben der Jahwe 
(man denke an Ex. 3 !) geheißene und dadurch von allen sonstigen 
Göttern unterschiedene Gott Israels war, der so Großes an seinem 
Volk getan und dessen Name nun aller Welt bekannt wird und 
seinen Ruhm verkündigen wird, aber auch Schrecken vor ihm und 
seinem Volke verbreiten wird (vgl. v. 14flF.). Man darf hier ver- 
gleichen Redewendungen wie 2. Sam. 7,9.23; 1. Reg. 5,11. Von 
irgend welcher Verknüpfung des dichterischen jubelnden Ausrufs, der 
Gott, der Israels Kriege führe, heiße Jahwe, mit irgend welchem 
kultischen Gebrauche des Gottesnamens, wie Giesebrecht meint, 
braucht doch nicht die Rede zu sein, noch kann ich davon etwas 
finden. Viel eher würde ich sagen, jenes jubilierende 'i'atö n\n^ in 
dem Hymnus Ex. 15 habe dazu beigetragen, daß in späteren Zeiten 
dies Wort zu jener formelhaften Verwendung kam, die wir kennen 
lernten. Und daß diese Zeiten wirklich recht späte gewesen, dafür 
zeugt im Einklang mit der prophetischen Literatur auch die außer- 
prophetische Literatur. Denn vor dem Exil findet sie sich in dieser 
nirgends mehr, selbst nicht im Deut. Wir kommen hier also wieder 
zu genau dem gleichen Ergebnis wie bei dem Ausdruck *>'*> 'l6^ anp. 
Hat die Formel rati rr\7X^ irgendwo etwas gemein mit jenem Namen- 



196 Oött. gd. Ans. 1906. Nr. 3. 

glauben, so hat sie das sicher nicht oder doch nicht nach- 
weisbar schon in vor exilischer Zeit angenommen. Deut.-Jes. wärde, 
so weit wir sehen können, nach wie vor die obere zeitliche Grenze 
dafür bilden. 

Nicht ganz unwichtig ist auch, daß yniä^ überall in der jahwisti- 
schen und elohistischen Schrift direkt mit dem Gottesnamen ver- 
bunden wird ohne Vermittlung durch üto. Das Gleiche ist auch in 
den Geschichtsbüchern Jud. Sam. Reg. der Fall. Nur 1. Sam. 20,42 
bildet eine Ausnahme, aber hier könnte DOl auch auf eine jüngere 
deuteronomistische Hand zurückgehen. Jedenfalls fällt die eine 
Stelle ebensowenig ins Gewicht, wie die Stellen Lev. 19,12; Deut. 
6,13; 10,20. Beim Schwören wird und muß ja wirklich der Name 
Gottes ausgesprochen werden, und bei einem Bekenntnisakt, ein 
solcher war der Schwur, durfte natürlich der Israelit keines anderen 
Gottes Namen in den Mund nehmen (vgl. Ex. 23,13). 

Zurückhaltend urteilt auch Giesebrecht (S. 23) bei Stellen wie 
Gen. 32,30; Jud. 13,6.17.18 (mir scheint v. 18 "^Kb^ Kinn gerade im 
Hinblick auf die sonst recht genaue Parallele in Gen. 32, 30 textlich 
nicht ganz sicher zu sein, und daß ryT^"^ in Gen. 16, 13 wirklich ur- 
sprünglich sei, bezweifle ich auch, vgl. Giesebrecht a. a. 0.). Gewiß 
ergibt sich aus diesen Stellen in Verbindung mit Ex. 3, 13 ff., 6, 2 ff., 
daß man die Kenntnis des Namens der Gottheit, die einem nahe ge- 
kommen war, für etwas sehr Bedeutsames und Notwendiges ansah. 
Man könnte sagen, es werde hier vorausgesetzt, daß der nach dem 
Namen fragende Mensch nicht blos noch andere göttliche »Namen«, 
sondern auch noch andere, ihm aber noch unbekannte, Götter als 
vorhanden voraussetze. Verlangte er nach dem Namen, so würde 
das also zunächst nur harmlos sein und bedeuten, er wünsche in den 
Stand gesetzt zu werden, den ihm erschienenen Gott anzurufen und 
zu verehren. Man muß sich dabei an die alt- und gemeinsemitische 
Anschauung erinnern, daß das, was ist, seinen Namen hat; was man 
nicht nennen kann, existiert auch für die wirkliche menschliche Er- 
kenntnis noch nicht im wahren Sinne des Wortes. Ein wirkliches, 
inneres, persönliches Verhältnis des Menschen zu einem göttlichen 
Wesen war darum auch erst dann vorhanden, wenn er dieses Wesen 
mit seinem Namen nennen konnte, es also auch in seiner persön- 
lichen Realität kannte. Die Jahwereligion weiß nichts von einem 
>unbekannten< Gott. Das ist ja besonders nachdrücklich berichtet» 
daß sich Jahwe seinem Volke persönlich bekannt und nennbar ge- 
macht hat. Man kann gewiß in jenen Stellen im Hintergrund der 
dort zur Aussprache gelangenden religiösen Gedankenwelt den 
Glanben finden, die Gottheit suche ihren eigentlichen Namen zu 



Giesebrecht, Die alttestanentliche Schätzung des GottesnaineDs. 197 

verheimlichen, damit der Mensch nicht durch Kenntnis dieses Namens 
Gewalt über sie erhalte. Es mag also aus jenen Erzählungen eine 
Spur des Namenglaubens, wie er sonst in der Yölkerwelt verbreitet 
war, herausblicken. Man darf jedoch nicht vergessen, daß die genuine 
Jahwereligion in alten wie in jttngeren Zeiten immer die lieber- 
Zeugung genährt hat, daß Israels Gott sich von Anfang an persönlich 
bekannt und nennbar gemacht habe. Freilich das darf auch nicht 
übersehen werden, alle Benennungen des Gottes Israels sind relativer 
Natur, sind Aussagen über seine Beziehung zum kreatürlichen Wesen 
und Leben, zum geschichtlichen Werden und Sein; sein eigentliches 
innerstes Wesen in seiner ganzen Fülle und Tiefe bleibt immer 
verborgen; das zu schauen, ist eben dem Menschen versagt. Jener 
Glaube, mit der Kenntnis des Namens erlange der Mensch Macht 
über den mit ihm benannten Gott, lebte innerhalb der älteren Zeiten 
allenfalls nur noch in der harmlosen Formel '^'^ Dtän xnp fort. 

Nun scheint aber 1. Sam. 17,45 ganz in den Bereich des Namen- 
glaubens zu führen (vgl. Giesebrecht S. 42). Zunächst scheint in 
der Tat der Gedanke, David trete 'y\ um dem Goliat entgegen, 
während dieser mit Schwert u. s. w. herankommt, nin^ un in Gegen- 
satz zu '3in y^ypi zu stellen und sagen zu wollen, wie Goliat mit den 
äußeren Waffen komme, so wolle David den »Namen« Jahwes als Waffe 
gebrauchen. Giesebrecht versteht den Satz wirklich so. Er sagt, der 
Fromme wisse, daß er »mit diesem gewaltigen Machtmittel auch 
gegen den stärksten . . . Mann anrennen könne <. Aber legt der Zu- 
sammenhang der Erzählung diese Auffassung wirklich nahe? Kommt 
David wirklich ohne äußere Waffe zum Streit, er, der Zwerg, gegen 
den Riesen? Gewiß, Schwert und Spieß und alle andere Rüstung hat 
er verschmäht, aber ist er darum ohne Waffe gekommen? Hat er 
denn nicht Schleuder und Steine bei sich, die ihm gewohnte Wehr, 
womit er den Riesen zu fällen hofft? Und was der Erzähler v. 46 
David sagen läßt und dann (wahrscheinlich ein Glossator jüngerer 
Zeiten) v. 47 als erkenntnismäßige Wirkung des Sieges Davids an* 
gibt, das scheint mir den Schluß auch nicht zu rechtfertigen, der 
>Name< Jahwes werde hier, gewissermaßen abgelöst von Jahwe, als 
> Machtmittel < aufgefaßt. Meines Erachtens beweist auch diese Stelle, 
die durchaus harmlos aufgefaßt werden kann, ja, meines Erachtens 
werden muß (wie, das brauche ich nicht auszuführen), nicht, daß in 
älterer vorexilischer Zeit der Namenglaube in Israel oder in den 
jahwegläubigen Kreisen geläufig gewesen ist. 

Blicken wir nun zurück auf unsere Darlegungen, so ergibt sich, 
daß wir bisher weder in der prophetischen noch in der auAer* 
prophetischen Literatur auch nur eine sichere Stelle geämden haben, 



198 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

die das Vorhandensein jenes Aberglaubens in der vorexilischen Zeit 
beweisen könnte. Dem ältesten Beweise für sein Vorhandensein 
würden wir im Deuteronomium begegnen, freilich auch nur in einer 
eigentümlichen Beziehung des >Namens< Jahwes zu seinem sichtbaren 
irdischen Wohnsitze inmitten des Volkes, wenn wir unbedingt ge- 
wiß sein könnten, daß die in Betracht kommenden Redewendungen 
wirklich zum Bestände der ursprünglichen Gestalt des Buches ge- 
hörten. Sie stehen zwar inmitten der eigentlichen Gesetzgebungs- 
abschnitte, und es könnte scheinen, als spräche dies besonders für 
ihre Ursprünglichkeit. Aber nach Lage der Dinge läßt sich die 
Möglichkeit nicht ausschließen (wie auch Giesebrecht zugibt, vgl. 
S. 35), daß an den betreffenden Stellen deuteronomistische Federn 
mitgewirkt haben. 

Die Redewendungen, um die es sich handelt, sagen, Jahwe habe 
seinen >Namen< in den Tempel gesetzt (D^^to vgl. 12,5.21; 14,24) 
oder öfter, er habe ihn dort > wohnen lassen«, eigentlich auch == 
hingestellt, (l?ü vgl. 12,11; 14,23; 16,2.6.11; 26,2). Hier wird 
tatsächlich deutlich der >Name< von dem persönlichen transzen- 
denten Jahwe unterschieden. In der prophetischen Literatur findet 
sich, wie wir sahen, die zweite Form des Ausdrucks nur noch 
Jer. 7, 12, aber, wie wir auch erkannten, ohne sichere Gewähr für 
wirklich jeremianischen Ursprung daselbst. Bedeutsamer, weil ja 
Jeremia vom Deut, abhängig sein könnte, ist dann aber, daß sie 
auch in der wirklich älteren außerprophetischen Literatur gar nicht 
angetroffen wird. Freilich stoßen wir auf die gleiche oder verwandte 
Weise, vom >Namenc Jahwes im Tempel zu reden und zu denken, 
ziemlich häufig in den Büchern Samuel und Reg. (dem >Namen< 
Jahwes ein Haus bauen; Jahwes >Name€ soll sein [n'^n] im Tempel), 
aber daß es sich dabei um deuteronomistische Stellen handelt, 
ist auch Giesebrecht (vgl. S. 34 ff.) gewiß. Auch nicht von einer 
dieser Stellen kann man behaupten, sie entstamme einer älteren 
als der Zeit deuteronomistischer Schriftstellerei. Einen meines Er- 
achtens sehr gewichtigen Grund für die Annahme, daß auch im 
Deut, selbst jene Redeweise und die ihr entsprechende religiöse 
Vorstellung nicht mit Gewißheit als ursprüngliches Eigentum des 
sogenannten Deuteronomikers betrachtet werden kann, bietet uns die 
Tatsache, daß wir sie weder bei Jeremia (außer jener unsicheren 
Stelle) noch auch bei Ezechiel (vgl. oben S. 190) antreffen. Wäre sie 
wirklich so geläufig gewesen, wie man nach ihrem Vorkommen im 
Deut, voraussetzen sollte, dann sollte man doch wohl, wenn vielleicht 
auch nicht die gleiche Form der Redeweise, so doch einen irgend- 
wie gearteten Widerhall ihres Inhaltes bei diesen Propheten resp. m 



Giesebrecht, Die alttestamentliche Schätzung des Gottesnamens. 199 

ihren Büchern erwarten. Aber das ist nicht der Fall. Ja, wie 
Ezechiel yon Jahwes offenbarem Wesen und seiner Gegenwart im 
Tempel dachte und redete, daß er dabei vom »Namen« Jahwes im 
Sinne jenes Namenaberglaubens, so oft er auch vom > heiligen 
Namen c Jahwes spricht, nichts gewußt hat, haben wir ja schon ge- 
sehen. Mir drängt sich daher immer stärker die Gewißheit auf, daß 
Stade wirklich Recht gehabt hat, wenn er die These aufstellte, jene 
Weise, vom Wohnen des Namens Jahwes im Tempel zu reden, ge- 
höre erst der deuteronomistischen Schriftstellerei an. Ich 
würde die These nur dahin erweitern und verschärfen, der Denk- 
und Redeweise innerhalb aller Kreise, die wirklich klar bewußte 
Bekenner der Jahwereligion waren, war der Namenglaube bis in die 
deuteronomistische Zeit, d.h. bis in die exilische Zeit hinein 
fremd. Ich leugne nicht, wie ich ja wiederholt gezeigt habe, daß in 
der geschichtlichen Entwicklung des religiösen Glaubens und Denkens 
in den letzten Zeiten vor dem Exil, vor dem Zusammenbruch Judas, 
Jerusalems und seines Jahwetempels, zumal auch in der prophetischen 
Gedankenentwicklung Keime lagen und sich zu entfalten begonnen 
hatten, die schließlich in der eigentümlichen Weise, vom >Namen« 
Jahwes zu reden, und zwar zunächst mit Bezug auf sein Wohnen 
im irdischen Heiligtum, ihre geschichtliche Verkörperung fanden. 
Aber der wirkliche Eintritt des Namenglaubens in den unangefoch- 
tenen Inhalt des religiösen Denkens und der religiösen Sprache ist 
meines Erachtens erst in deuteronomistischer oder exili- 
scher Zeit erfolgt, und wahrscheinlich auch da anfänglich noch in 
verhältnismäßig harmloser Gestalt. Festigung und weitere Aus- 
gestaltung, .zumal in der oft überstark realistischen Form, wie ihn 
die Psalmen darbieten, erfuhr er meiner Ueberzeugung nach sicher 
erst in nachexilischer Zeit. Es bedarf nun keiner weiteren Aus- 
führung mehr, daß ich auch Ex. 23,21 für deuteronomistische Er- 
weiterung einer älteren Textform halten muß, wenn nicht vielmehr 
V. 20. 21 in ihrem ganzen Umfang als solche zu betrachten sein 
sollten. Auch die Vorstellung vom ^Kbta in v. 20 ist meines Erachtens 
nicht sehr alt (vgl. gleich unten). 

Nun erhebt sich aber die Frage, ob nicht fremder Einfluß 
sehr wesentlich dazu beigetragen hat, daß in der deuterono- 
mistischen Vorstellungswelt und ihrer Ausprägung in der reli- 
giösen Rede der »Name« Jahwes im Sinne jenes Glaubens anfing, 
realistischere Gestalt anzunehmen, oder geradezu materialisiert zu 
werden. Mir scheint es sehr fraglich zu sein, ob die Entwicklungs- 
fäden, die ich gelegentlich in der früheren Geschichte glaubte nach- 
weisen zu können, wirklich ohne irgend welchen besonderen Anstofi 



200 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

im Bereiche der exilischen Zeit dazu geführt haben würden, vom 
> Namen« Jahwes so zu denken und zu reden, wie von deuterono- 
mistischen Schriftstellern geschehen ist. Ja, wenn ich auf die 
priesterliche Schrift und ihre zweifellos sehr absichtliche Art von 
Oott zu reden hinsehe, wird mir das noch zweifelhafter. Freilich 
haben wir doch auch sonst noch Beweise dafür, daß gerade die Zeit 
des Exils im allgemeinen die Zeit gewesen ist, die im Interesse 
steigender Transzendentalisierung des Gottgedankens causae mediae 
schuf oder doch vorhandene vorstellungsmäßige Ansätze zu solchen 
in ihrer Weiterbildung förderte. Ich denke insbesondere an die dem 
>Namen< Jahwes ziemlich nahe verwandte Vorstellung vom rmtr^ ^fi6t) 
(die, wie sich mir aus längst abgeschlossenen, der Veröffentlichung 
noch harrenden Untersuchungen, wie gelegentlich schon bemerkt, 
ergeben hat, auch nicht so alt ist, wie die überlieferte Literatur 
glauben läßt), ja, an die Engelvorstellung überhaupt, die auch ge- 
rade in der exilischen Periode in hohem Maße Förderung innerhalb 
der jüdischen religiösen Vorstellungswelt erfuhr. Dazu haben aber 
meines Erachtens Einflüsse fremder Vorstellungskreise und Rede- 
weisen, mit denen das jüdische Geistesleben in Berührung trat, in 
sehr erheblichem Maße mitgewirkt. Es sei mir vergönnt, hierzu aus 
meinen Beobachtungen zur Klärung einen kleinen Beitrag hinzuzu- 
fügen. 

Die naheliegende Erwägung, die sehr regen politischen Bezie- 
hungen Judas zur assyrischen resp. babylonischen Welt in den letzten 
Jahrzehnten vor seinem Zusammenbruch, sodann die noch engere 
Berührung gerade der oberen, zum Teil auch geistig hervorragenderen 
Kreise Judas mit babylonischer Kultur, babylonischer religiöser Denk-, 
Rede- und Lebensweise an den Orten ihrer Gefangenschaft möchten 
nicht unwesentlich mitgewirkt haben zur Belebung und Förderung 
der hier in Frage stehenden Erscheinung in der jüdischen Vor- 
stellungswelt und ihrer sprachlichen Ausprägung, verdichtete sich 
mir am Ende zu dem Entschluß, der Frage näher zu treten, ob sich 
etwa zeigen lasse, daß von Babylonien in der Zelt um das Exil 
eine wirkliche Anregung ausgehen konnte, die geeignet war, zu 
einem stärkeren Gebrauch vom > Namen« Jahwes zu führen. Wohl 
hat auch Giesebrecht (vgl. S. 85 f. ; 102 ff. ; 140 ff.) unsere Aufmerk- 
samkeit auf hierher gehörige Erscheinungen in der babylonischea 
und arabischen Welt hingelenkt; seine Darlegungen verdienen nach 
allen Seiten hin Beachtung. Aber nach dem Nachweise, den ich bis- 
her geführt habe, ergibt sich für uns eine doch etwas schärfer ab- 
zugrenzende Fragestellung. Nach unserem Ergebnis müssen wir 
fragen, ob das Auftauchen unverkennbarer Zeichen des Eindringens 



Giesebrecht, Die alttestamentliche Sch&tztmg des Gottesnamens. 201 

des Namenglaubens in die religiöse Vorstellungswelt der jüdischen 
Gemeinde innerhalb der deuteronomistischen Schriftstellerei eine 
Wirkung sein kann der engen und lebendigen Berührung der 
exilierten Judäer mit ihrer babylonischen Umgebung^ Warum ich 
meine, die Frage auf die exilierten Judäer beschränken zu müssen, 
ergibt sich aus den früheren Feststellungen, zumal zu Jeremia und 
Ezechiel. Ich habe Antwort auf diese Frage gesucht, und ich glaube, 
eine bejahende Antwort läßt sich genügend begründen. 

Ich legte mir, um irgend eine Antwort auf jene Hauptfrage zu 
erhalten, zunächst die Frage vor, ob etwa babylonische Quellen er- 
kennen ließen, daß der Gebrauch des Wortes Sum (= D)^), sei es in 
Bezug auf Menschen, sei es in Bezug auf die Gottheit, in der Zeit 
um das Exil herum im alltäglichen Leben der Babylonier eine Rolle 
gespielt, die die Vermutung zu rechtfertigen vermöge, das Maß 
dieses Gebrauchs könne auch auf die Weise zu reden und schließlich 
auch auf die zu denken bei den auf babylonischen Boden verpflanzten 
Juden befruchtenden Einfluß ausgeübt haben. Ich versuchte, an dem 
in Schraders Keilinschriftlicher Bibliothek vorliegenden, zwar be- 
schränkten, aber immerhin einen guten und, wie ich glaubte und 
erfahren habe, auch ausreichenden Ausschnitt aus der großen Menge 
vorhandener Quellen darbietenden Material meine Beobachtungen zu 
machen, und beschränkte mich zunächst auf die Eigennamen in der 
Voraussetzung, daß sich gerade in ihrer eigentümlichen semitischen 
Gestaltung in besonderem Maße die jeweilige Gegenwart beherr- 
schende Vorstellungen und Redeformen abspiegeln möchten. Und 
ich glaube mich in dieser Voraussetzung nicht getäuscht zu haben, 
umso weniger, als die Ausdehnung meiner Beobachtungen auch auf 
die Quellen aus altbabylonischen und assyrischen Zeiten, soweit sie 
in der Eeilinschriftlichen Bibliothek mitgeteilt sind, das Ergebnis fUr 
die neubabylonische oder exilische Periode in eine Beleuchtung ge- 
rückt hat, die geeignet ist, auch in das uns hier interessierende 
Problem erfreuliche Aufklärung zu bringen. Das von mir gesammelte 
Material kann ich um des dazu erforderlichen Raumes willen im 
einzelnen nicht mitteilen. Ich begnüge mich hier mit Andeu- 
tungen. 

Meine Beobachtungen ergaben für Assur, daß auf seinem Boden 
Eigennamen mit Sum als Kompositionselement wenigstens bis gegen 
Ende des 8. Jahrhunderts recht selten gewesen sein müssen. Es 
kommen zwar solche Namen auch in älteren Zeiten vor, aber sie 
sind zu vereinzelt, als daß man annehmen könnte, die Bildung von 
Namen solcher Art sei bei den Assyrem etwas Geläufiges gewesen. 
Dagegen scheint von Sanheribs Zeit, d. h. vom Ende des 8. Jahr- 

Gltl. f*l. Aas. 1906. Nr. 8. 14 



202 G6tt gel. Ans. 1906. Nr. 3. 

hunderts an, der Gebrauch so gestalteter Eigennamen ein etwas 
häufigerer zu werden, besonders zahlreich sind die wirklich vor- 
kommenden Namen dieser Art aber auch da noch nicht, und gerade 
die aus dem Volksleben erwachsenen Privaturkunden bieten äußerst 
selten ein Beispiel. Sehr unergiebig sind auch die Urkunden aus der 
Zeit Asarhaddons. Ganz anders wird das aber, sobald wir die Zeit 
des letzten großen Assyrerkönigs Assurbanipal (668—628) betreten. 
In öffentlichen königlichen oder politischen wie in Privaturkunden 
dieser Zeit begegnen wir einer ziemlich großen Anzahl solcher 
Namen, freilich, glaube ich, ist nicht selten Anlaß genug vorhanden, 
bei den in öffentlichen Urkunden vorkommenden Namen die Frage 
aufzuwerfen, ob ihre Träger Assyrer oder nicht vielmehr ßabylonier 
waren. Aber warum — so darf man fragen — tauchen seit San- 
heribs Zeit in assyrischen Urkunden mit §um zusammengesetzte 
Namen in steigender Häufigkeit auf? Sollte das zusammenhängen 
mit der seit jener Zeit wachsenden politischen Erstarkung Baby- 
loniens und dem damit wohl auch verbundenen wachsenden kulturellen 
Einfluß, der von ihm ausging? Eine Bejahung dieser Frage liegt 
aus verschiedenen Gründen recht nahe, zumal auch, wenn wir sehen, 
wie es mit dem Gebrauch von §um in Eigennamen auf babylonischem 
Boden überhaupt, insbesondere aber in jener Zeit bestellt ge- 
wesen ist. 

In babylonischen öffentlichen und privaten Urkunden finden wir 
von der ältesten Zeit an derartige Eigennamen. In den ältesten und 
älteren Zeiten freilich sind sie noch nicht allzu häufig. Das kann 
zufällig sein. Bemerkenswert ist aber immerhin, daß in den aus 
Hammurabis Zeit in der Keilinschriftlichen Bibliothek III und IV 
veröffentlichten Urkunden beiderlei Art, falls ich recht gesehen, kein 
einziger Name mit §um vorkommt. Daß solche Namen aber in jener 
uralten Zeit nichts Unerhörtes waren, beweisen die Namen der beiden 
ersten Könige der ersten babylonischen Dynastie: Sumuabi und 
Sumulailu (vgl. Giesebrecht S. 106). In den j^folgenden Zeiten jedoch, 
zumal etwa vom Ende des 2. Jahrtausends an, mehren sich die 
Namen mit §um. Bemerkenswert ist dabei, daß die Zahl der Könige, 
die solche Namen trugen, ziemlich groß ist. Die Mehrung dieser 
Namen in den vorhandenen Urkunden wird auffallig im 9. und 8. 
Jahrhundert. In hohem Maße beliebt wurde diese Art von Eigen- 
namen indes allem Anschein nach in der Zeit des neubabylonischen 
Reiches und blieb es dann auch in der persischen Periode. In 
Privaturkunden (Keilinschriftl. Bibliothek IV) aus der Zeit Nabopo- 
lassars finde ich fünf Fälle solcher Namen, aus der Zeit Nebukad- 
nezars 13 (davon aber zwei Namen je dreimal); aus der Evil-Mero* 



Gi^sebrecht, Die alttestamentliche Schätzung des Gottesnamens. 203 

dacbs nur einen, aus der Neriglissars 7 (+ 1 verstümmelt), aus der 
Nabonids 26, aus der des Gyrus und Cambyses 18 (einzelne davon 
wiederholen sich in einer Reihe von Urkunden, so daß tatsächlich 
die Zahl der Fälle für diese Zeit sehr viel höher angesetzt werden 
müßte). 

Wenn ich nun die Tabelle überblicke, die ich mir über das Vor- 
kommen solcher Namen in babylonischen Urkunden von den ältesten 
Zeiten bis auf die erste persische Zeit herab angelegt habe, so sehe 
ich mich vollkommen berechtigt zu der Feststellung, daß die Zeit 
des neubabylonischen Reichs d. h. aber die Periode des babylonischen 
Exils eine Zeit gewesen ist, in der man in der babylonischen Welt 
mit großer Vorliebe Eigennamen verwendete, die mit Sum zusammen- 
gesetzt waren. Daß sich solche Namen seit der sogenannten ersten 
babylonischen Dynastie, der Hammurabi angehörte, in babylonischen 
Urkunden finden und, wie urkundlich belegt werden kann, auf baby- 
lonischem Boden nie gefehlt haben, sich aber dann hernach dort in 
so starkem Maße gemehrt zu haben scheinen, das beweist meines 
Erachtens, daß diese Art Namen ihre Heimat, soweit das mesopota- 
mische Gebiet in Frage steht, eben in Babylonien hatte. Ob sie dort- 
hin mit der semitischen Einwanderung aus der arabischen Steppe 
gekommen, und ob wir, wenn wir nach ihrer eigentlichen Urheimat 
fragen, nach dem minäischen Arabien gewiesen werden, lasse ich un- 
erörtert. Ich halte das für wohl möglich und verweise gerne dazu 
auf das, was Giesebrecht ausgeführt hat, vgl. S. 103 ff., 140 ff. 

Ich glaube nun auch, angesichts der bisher von mir nach- 
gewiesenen Tatsachen liegt der Schluß sehr nahe, daß die auffällige 
Mehrung solcher Namen in assyrischen Urkunden seit dem Ende des 
8. Jahrhunderts und dann besonders zur Zeit Assurbanipals wirklich 
auf eine Einwirkung babylonischen Brauches zurückgeführt werden 
muß. Nicht minder aber, meine ich, dränge sich uns nun auch der 
Schluß auf, daß die allem Anschein nach recht große Rolle, die der 
Gebrauch von sum im Denken und Reden der babylonischen Welt 
in der exilischen Periode gespielt hat, die geistige Atmosphäre schuf, 
unter deren Einfluß der >Name< auch im Denken und Reden der 
dorthin verpflanzten Juden anfangen konnte, eine höhere Bedeutung 
zu gewinnen. Bei Männern, die wie Ezechiel ihre Geistesbildung und 
Sprache noch aus der westlichen Heimat mitgebracht, ist es, schon um 
ihres naturgemäßen innem Gegensatzes gegen das babylonische Wesen 
willen, wohl begreiflich, daß sie von jenem Einfluß noch keine deut- 
lichen Spuren bekunden. Begreiflich ist es aber auch, wenn wir bei 
einem Schriftsteller, wie Deuterojesaja, der wahrscheinlich im Exil 
selbst geboren und in manchfaltiger Beziehung zum babylonischen 



204 Gtöit. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

Wesen und Leben aufgewachsen war, trotz aller Schärfe seines reli- 
giösen Gegensatzes gegen die babylonische Kultur, jenen Einfluß in 
seiner Ausdruckweise deutlich wirksam sehen. Und vielleicht dürfen 
wir in bezug auf den uns hier interessierenden besonderen Gegen- 
stand diesen Einfluß in noch deutlicherer Form bei den sogenannten 
deuteronomistischen Autoren, die wir meines Erachtens ebenfalls in 
der Mehrzahl innerhalb der exilischen Periode zu suchen haben, 
wirksam erkennen. Ist es nun sichere Tatsache, daß kein zweifelloses 
alttestamentliches Zeugnis den Namenglauben kennt bis auf Jeremia 
und Ezechiel herab, derselbe aber unterhalb dieser Zeitgrenze anfängt, 
immer deutlicher sich in der jüdischen Literatur fühlbar zu machen, 
so liegt, wie ich meine, die Annahme wirklich nahe, daß dies kaum 
ohne babylonischen Einfluß geschehen sein wird. 

Ich übersehe bei alledem keineswegs, daß §um in den babylo- 
nischen Personennamen seiner Bedeutung nach nicht ohne weiteres 
zu dem Gebrauche des UtO Jahwes, womit wir uns hier beschäftigen, 
in Beziehung gesetzt werden darf. Sicher sind die Namen nicht 
zahlreich, in denen Sum den göttlichen iNamenc meint, wenn über- 
haupt welche darunter sind, die so verstanden werden dürfen, was 
ich dahingestellt sein lasse, aber auch nicht bestreiten möchte. Indes, 
darauf kommt es auch nicht an. Es kommt nur darauf an, die Mög- 
lichkeit festzustellen, daß ein ziemlich ausgedehnter Gebrauch von 
Sum, auch in Verbindung mit Göttern oder Götternamen (wie sie ja 
in den Eigennamen vorliegt), in Babylonien auch das jüdische Denken 
und Reden zu einem häufigeren Gebrauch von DO, und zumal in 
Beziehung auf Jahwe veranlaßte, von dem man sich fem glaubte, 
dessen Name aber trotzdem inmitten der Exulanten fortlebte und 
angerufen wurde. Diese Möglichkeit wird man vielleicht ohne Mühe 
zugestehen, aber sie wird meines Erachtens zur Wahrscheinlichkeit, 
ja, fast zur Gewißheit erhoben, wenn wir folgende Erwägungen be- 
rücksichtigen. 

Da wir die Redewendung "^'"^ Dt)i vnp (man sagt auch üW Tsm), 
für die es selbstverständlich auch in der babylonischen religiösen 
Sprache Parallelen gibt , ebenso auch das jeremianische b:^ ''w mpo 
als durchaus harmlos beiseite lassen dürfen, so würden, wie wir 
sahen, die nachweisbar ältesten, eine gewisse Materialisierung des 
>Namen8« Jahwes voraussetzenden Redewendungen das deuterono- 
mische oder vielmehr deuteronomistische '^'^ Dti pö und die damit 
verwandten deuteronomistischen Ausdrucksweisen sein. Ueberblickt 
man nun aber die große Menge von Eigennamengebilden in Babylonien, 
so sieht man alsbald, daß zu allen Zeiten, in besonderem Maße aber 
gerade auch in der neubabylonischen Zeit Namen aus sakänu mit dem 



Giesebrecht, Die ahtastamentliche Sch&tzang des Gottesnamens. 206 

Objekt §um und irgend einem Gottesnamen (gelegentlich auch wohl 
mit Auslassung des Gottesnamens in der Umgangssprache) als Subjekt 
zusammengesetzt wurden, z. B. Bil-gum-i§kun , auch blos §&kin-§um. 
Auch wenn §um in diesen Namen soviel sein mag als r^nt (Nach- 
kommenschaft) oder vielleicht auch als >Ruhm, £hre< , so ließe sich 
doch denken, daß ein Jude sich die Redewendung aneignete, um aus- 
zudrücken, Jahwe habe in den Tempel seinen Namen hineingesetzt, 
ihm dort Wohnung gegeben. Aber ich finde die Redewendung Sakänu 
mit §um anderwärts in einer Weise gebraucht, die jenem deuterono- 
mistischen Gebrauche noch deutlicher verwandt ist. 

K. B. II S. 112 Z. 62 ff. sagt Sanherib, er habe in dem von ihm 
erbauten Palaste seine Namensinschrift angebracht (gitir iumija ina 
kirbiSa aSkun) und er spricht dann den Wunsch aus, sollte der Palast 
baufällig werden, so möge ein späterer Nachfolger ihn wiederherstellen, 
seine Namensinschrift sehen, sie salben, opfern und sie wieder an ihre 
Stelle bringen; dann würden ASur und ßtar sein Gebet erhören. 
Vgl. ebenso II, S. 150 Z. 15—21. Hier läßt sich sagen, Sanherib 
weile in seinem Namen dauernd in jenem Palaste, aber auch, die 
Inschrift seines Namens bezeuge immerfort den Palast als ihm 
gehörig. 

Näher jener deuteronomistischen Wendung scheint zu stehen, 
was wir E. B. V (Amarnabriefe) lesen. Dort lesen wir in einem Brief 
des Abdfeiba, des Königs von Jerusalem (S. 308, Brief 180, Z. 60—62): 
>Siehe, der König (nämlich Amenophis IV.) hat gelegt seinen Namen 
nach Jerusalem auf ewig ; deshalb kann er nicht verlassen das Gebiet 
von Jerusalem«, und ebenso (S. 308, Brief 181, Z. 5—7): >Siehe, 
der König, mein Herr, hat gelegt seinen Namen (äakan §umi§u) auf 
den Osten und den Westen«. H. Winckler bemerkt in seinem >Keil- 
inschr. Textbuch zum A. Test.< S. 6 Anm. 1 zu der ersten Stelle: 
>Der König (Amenophis IV.) hat seinen Kult als Gott in Jerusalem 
eingeführt«, und zur zweiten Stelle in Anm. 2: > Anspielung auf den 
Kult Amenophis' IV. als Inkarnation des Sonnengottes als alleiniger 
Gottheit<. Auch G. A. Smith (vgl. the Expositor 1903, No. XLI, 
p. 331) teilt diese Ansicht. Die vernünftigste Auslegung jener Sätze 
sei, der König habe imposed upon Jerusalem the worship of himself 
as the incarnation of Aten, the sun's Disk. Diese Deutung werde 
empfohlen durch die servile terms, mit denen Abd^iba und die be- 
nachbarten Fürsten sich vor Amenophis, ihrer Sonne, ihrem Gotte, 
niederwürfen. 

Ich halte diese Deutung nicht für richtig; auch die allerdings 
sehr starken, aber im Orient, auch im alten, unschwer begreiflichen 
servile terms beweisen nichts für sie. Meines Erachtens bezeichnet 



206 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

der Ausdruck nichts anderes als das Herrschaftsverhältnis, in dem 
der ägyptische König zu Jerusalem steht. Indem er dort seine Ober- 
herrschaft aufrichtete, den König von Jerusalem sich zum Gehorsam 
verpflichtete (vgl. besonders Brief 181 die weiteren Sätze), versetzte 
er gleichsam dorthin seinen Namen. Dazu läßt sich aus der schon 
erwähnten Sanheribinschrift (K. B. II S. 112 Z. 64 f.) die Redewendung 
vergleichen : Götter nennen (berufen) den Namen Jemandes zur Herr- 
schaft über Land und Leute; vgl. II, S. 208, Z. 110 f. (Inschrift 
Assurbanipals); S. 237(11), Z. 4; Illa, S. 186, Z. 54 f.; S. 192, Z. 21 f. 
(Merodach-Baladan II). Auch eine Inschrift Sargons bietet vergleich- 
bare Stellen. Wir lesen K. B. II, S. 40, Z. 3, die Götter hätten 
seinen (des Königs) Namen hinausziehen lassen (vgl. auch ibid. S. 36, 
Z. 2; 52, Z. 4. 5) und S. 44, Z. 31, der König habe die Herrschaft 
über die Länder ringsum begründet, indem er seinen Namen C^"^!) 
gewaltig machte. Danach darf man doch wohl annehmen, daß jene 
Bedewendung, der ägyptische König habe seinen Namen nach Jeru- 
salem oder auf den Osten und den Westen gelegt, nichts anderes 
sagen will, als, er habe dort seine Herrschaft aufgerichtet. An eine 
von ihm dort begründete kultische Verehrung seiner Person als In- 
karnation des Sonnengottes zu denken, liegt meines Erachtens fern. 
Uebrigens zeigt allerdings ein Brief eines Fürsten im Libanongebiet (?), 
in Katna (K. B. V, Brief 138, S. 256, Z. 18flF.), daß ägyptische Könige 
Bilder des Sonnengottes an Wohnstätten ihrer Vasallen gestiftet 
haben oder doch wenigstens in der genannten einen Stadt und auf 
die Gottesstatue ihren (der Spender) Namen setzten (§umu .... 
iSakkan). Dadurch wurde natürlich der ägyptische Sonnengott und 
sein Kult dorthin verpflanzt, zugleich aber auch der Name seines 
königlichen Oberherrn dorthin gesetzt. Dazu ließe sich die oben 
erwähnte Namensinschrift Sanheribs in dem von ihm errichteten 
Palaste wohl vergleichen. 

Von besonderem Interesse sind dann zwei Stellen in der Annalen- 
inschrift Assurbanipals, nach denen der >Name< des Assyrerkönigs 
eine sieghafte Macht bedeutet. K. B. H, S. 172 f., Z. 95—99, heißt 
es, dem Könige von Lydien, Gyges, habe der Gott A§ur seinen (des 
Assurbanipal) Namen in einem Traume offenbart und habe ihm ge- 
sagt, er möge die Füße des Assyrerkönigs umfassen, dann werde er 
> durch seinen (des Assyrerkönigs) Namen seine Feinde besiegen €. 
Dann lesen wir ebenda S. 176, Z. 119: iDie Oimirier, die er durch 
meinen (Assurbanipals) Namen unter sich getreten, . . .c Diese Sätze 
führen uns wenigstens formell sehr nahe an den Namenglauben 
heran, der uns hier interessiert. Und alle die herangezogenen aus 
sehr weit voneinander liegenden Zeiten stammenden Stellen legen 



Giesebrecht, Die alttestamentliche Schätzung des Gottesnamens. 207 

meines Erachtens recht nahe, zu vennaten, daß auch dem exilischen 
Babylonien die Vorstellung nicht fremd war, jemand, gleichviel ob 
König oder Gott, setze seinen Namen irgend wohin, wenn man sagen 
wollte, er begründe dort seine Macht und Herrschaft, lasse sich dort 
als dem Herrn und Gebieter dienen, übe von dort aus seine Macht 
und erfülle von dort aus die Herzen mit Furcht. 

Man wird also der Annahme wohl Ausdruck geben dürfen, daß 
es nicht nur möglich gewesen sei, daß jüdische Schriftsteller auf 
babylonischem Boden jene Redewendung ütö pw aufnahmen, sondern 
auch , daß jener Namenglaube tatsächlich unter dem Einfluß babylo- 
nischer Vorstellungs- und Redeweisen in die jüdische Vorstellungs- 
welt und ihre sprachlichen Aeußerungsformen eindrang, nachdem ihm 
allerdings, wie wir sahen, in der vorausgehenden religiösen Entwick- 
lung in manchfacher Weise die Wege gebahnt waren. Und da wir 
wirklichen Beweisen für das Vorhandensein des Namenglaubens im 
jüdischen Denken und Reden erst seit der exilischen Zeit begegnen, 
so meine ich, wir dürften jener Annahme mindestens den Charakter 
hoher Wahrscheinlichkeit beilegen, wenn es auch geboten sein mag, 
noch nicht ohne weiteres von Gewißheit zu reden. Die Prophetie des 
Deuterojesaja liefert den sichersten Beweis einerseits für die selbst- 
verständlich nicht überraschende Tatsache, daß der Glaube der Jahwe 
treu gebliebenen Exulantengemeinde nach und nach genötigt wurde, 
sich emstlichst mit babylonischem Glauben und Denken auseinander- 
zusetzen, das auch in ihre Reihen immer stärker eindringende baby- 
lonische Heidentum in religiöser Vorstellung und kultischer Praxis 
nachdrücklichst zu bekämpfen; andrerseits aber auch für die Tat- 
sache, daß bei der unausweichlichen Auseinandersetzung mit Babel 
und seiner Geisteswelt die jüdische Begriffswelt und ihre sprachlichen 
Ausdrucksformen sich recht wesentlich und gewiß je länger, umso 
stärker der babylonischen Art akkommodierten. Und das konnte natür- 
lich geschehen, auch wenn man in den Kreisen, die ihrem ererbten 
Glauben und mit ihm ihrer jüdischen Eigenart treu blieben, mit 
allem Eifer, ja, eifersüchtig an der Sprache der Väter festhielt, wofür 
ja gerade die herrlichen prophetischen Poesien des Deuterojesaja 
den glänzendsten Beweis liefern, aber auch bedeutsame Literatur- 
denkmäler der nächsten nachexilischen Zeiten Zeugnis ablegen. Die 
breite Masse der in Babylonien angesiedelten jüdischen Exulanten 
wird indes, genötigt schon durch das Bedürfnis des alltäglichen 
Lebens, nicht bloß bald babylonisch zu reden, sondern auch je länger, 
je mehr babylonisch zu denken angefangen haben. Kittel hat jene 
Akkommodation in den sprachlichen Ausdrucksformen, die sich aus 
einer Vergleichung der Tonzylinderinschrift des Cyrus (K. B. Hlb, 



208 Gott gel Anz. 1906. Nr. 3. 

S. 120 ff.) und der Schrift Deuterojesajas ergibt, ins Licht gestellt, 
vgl. Zeitschr. f. d. alttest. Wissensch. 1898, S. 149 ff. Ich würde in 
der Lage sein, weitere Beweise dafür zu erbringen. Jedenfalls bietet 
die geistige Atmosphäre, in die uns Deuterojesaja hineinführt und 
die im wesentlichen dieselbe ist, der wir in den meisten Dokumenten 
der sogenannten deuteronomistischen Literatur begegnen, den Boden, 
auf dem in der jüdischen religiösen Denk- und Bedeweise die Ent- 
wicklung (Fortschritt kann man es kaum nennen) vor sich gehen 
konnte, die sich in dem allerdings anfangs in zaghaften Formen auf- 
tretenden Namenglauben verkörperte. Daß derselbe in seiner eigent- 
lichen Entwicklung erst der nachexilischen Zeit, also auch der nach- 
deuterojesajanischen, angehört, könnte man auch darin erwiesen sehen, 
daß die meisten und stäi*ksten Zeugnisse für sein Vorhandensein im 
Psalter gefunden werden. Es würde freilich eine notwendige, wenn 
auch sehr schwierige, aber, wie ich glaube, doch durchführbare und 
lohnende Arbeit sein , zu untersuchen , inwieweit das im Sinne jenes 
Namenglaubens deutbare DID Jahwes wirklich zum ursprünglichen 
Text der Lieder gehört (daß es oft zugesetzt ist, erweist meines £r- 
achtens der Bhythmus), und aus welchen Zeiten Lieder, in denen 
dies der Fall ist, abgeleitet werden müssen. Ich bin überzeugt, es 
würde sich herausstellen, daß auch die vom Psalter gebotenen Bei- 
spiele uns in die nachexilische Zeit hineinweisen. 

Ich breche hier mit meinen Ausführungen ab. Im Grunde ist 
es methodologischer Natur, was ich an Giesebrechts Arbeit auszu- 
setzen habe. Aber mich mit der formellen Feststellung des metho- 
dischen Mangels an seiner und nicht blos seiner Arbeit, sondern 
auch an der Arbeit anderer, soweit sie sich auf das alte Testament 
bezieht, zu begnügen, schien mir nicht empfehlenswert. Gerade an 
dem Orte, wo ich die Arbeit anzeigen durfte, hielt ich es für gut, 
durch positive Beweisführung zu zeigen, was herauskomme oder 
doch herauskommen könne, wenn man in der von mir für richtig 
gehaltenen methodischen Weise den zur Untersuchung stehenden 
Stoff bearbeitet. Nach meinen Ergebnissen würde also alles, was 
Giesebrecht an fremdem Material zum Namenglauben oder -aber- 
glauben beigebracht und auf Grund desselben zur Erklärung der 
alttestamentlichen Stellen, wo vom uw Jahwes in oft so auffälliger 
Weise geredet wird, ausgeführt hat, nur für das jüdische Denken 
und Reden der letzten exilischen und vornehmlich erst der nach- 
exilischen Zeiten von wirklicher Gültigkeit sein können. Es liegt 
mir fem zu leugnen, daß auch im älteren Israel und Juda wohl in 
den tieferen Schichten des Volkes solcher Aberglaube geherrscht 
haben mag, sicher nachweisbar aus den uns zugänglichen Quellen 



Giesebrecht, Die ahtestamentliche Sch&tzong des Gottesn&meiu. 209 

ist er aber nicht. Indes, das glaube ich zuversichtlich behaupten zu 
dUrfen, daß er der Denk- und Redeweise innerhalb der genuinen 
Jahwereligion in der Torexilischen Zeit und bis tief in die exilische 
Zeit hinein fremd war, aber ich leugne wiederum nicht, daß sich 
in der Frophetie wie unter der Einwirkung der äußeren Entwicklung 
auch in dem volkstümlichen religiösen Denken in den letzten Zeiten 
vor dem Exil der Boden schon zu bereiten anfing, der das wirkliche 
Eindringen jenes. Namenglaubens in die religiöse Vorstellungswelt der 
jüdischen Gemeinde ermöglichte. In welchem Sinne und in welchem 
Umfange ich dies meine, ergiebt sich aus gelegentlichen Bemerkungen 
in meinen Ausführungen. 

Ich gehe nun nicht mehr auf die weiteren, unzweifelhaft wert- 
vollen Darlegungen Giesebrechts ein. Sie behalten ihren Wert, auch 
wenn ich sie religions- oder vorstellungsgeschichtlich gerne etwas 
anders benutzt sehen möchte. In manchen Einzelheiten wird man 
mit ihm rechten können, aber an der Bedeutung dessen, was er mit 
seiner Arbeit geleistet, wird damit nichts gemindert. Seine Arbeit 
ist und bleibt an diesem Punkt der Erklärung eigentümlicher religions- 
geschichtlicher Phänomene auf alttestamentlichem Boden für alle 
weitere Forschung grundlegend, und darum verdient sie, wie viel 
man an ihr im einzelnen auch wandeln muß, wärmsten Dank. 

Halle a. S. J. W. Rothstein. 

Alexios Melnonf , Ueber Annahmen. Leipzig 1902, Johann Ambrosias Barth. 
XV, 298 8. Mk. 8.—. 

Daß sich die Anzeige des 1902 erschienenen Buches^) durch 
äußere Umstände bis jetzt verzögerte, hat insofern sein sachlich 
Gutes, als inzwischen die Untersuchungen jenes Buches durch 
Meinong und seine Schüler^ eifrig weitergeführt worden sind und 
demnach über einige der so erzielten Vereinfachungen und Ver- 
tiefungen jetzt mitberichtet werden kann. 

Mag es auf den ersten Blick befremden, daß die scheinbar ganz 
spezielle psychische Tatsache der >Annahmen< eine Monographie von 

1) Es trägt am Schluß den Vermerk »Eingegangen am 5. NoTember 1901c 
in seiner Eigenschaft als Sonderband der Ztschr. f. Psych, a. Physiol, d. Sinnes- 
organe (was nur auf dem äoBeren, nicht auf dem inneren Titelblatt des Baches 
bemerkt ist). 

2) Namentlich in den »Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psycho- 
logiec, herausgegeben von A. Meinong, Johann Ambrosias Barth 1904, 634 8. 

Beim AbschluB dieser Anzeige des »Annahmen« -Buches (Herbst 1905) war 
mir nicht bekannt, daß die ausführliche Anzeige der »Untersuchungen« durch 
Dürr (G. g. A. 1906, 1) bevorstehe. — Einige Mißverständnisse Dürrs werde ich 
bei nächster Gelegenheit zu berichtigen suchen. 



210 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

fast 300 Seiten erlaubt oder gar fordert, so klärt hierüber die Be- 
merkung des Vorwortes auf, daß das Buch auch die >in größter 
Mannigfaltigkeit von allen Seiten sich herandrängenden Tatsachen < 
mitbehandelt, was >der formellen Geschlossenheit dieser Ausführungen 
abträglich gewesen« sei. Die Berichterstattung wird daher vielleicht 
am schnellsten orientieren , wenn wir zuerst jede der beiden Haupt- 
entdeckungen des Buches, die der > Annahmen < und die der 
>Objektive<, für sich besprechen und dann erst unter UI die 
Reihenfolge der sich an- und eingliedernden Nebenuntersuchungen 
in einigen Hauptpunkten vorführen. 

I. Annahmen. — Als Ausgangsbeispiel einer solchen wird ver- 
langt (S. 3) »sich etwa zu denken, die Buren hätten der englischen 
Uebermacht nicht weichen müssen oder sie hätten seitens der Völker 
des europäischen Kontinents nicht nur Bewunderung und Sympathie, 
sondern auch politisch wirksame Unterstützung erfahren«. Diese An- 
nahme (— es sind eigentlich ihrer zwei, eine negative >. . nicht 
weichen müssen . .< und eine positive >. . Unterstützung erfahren . .c) 
ist mehr als bloßes Vorstellen (S. 6) aber weniger als volles Urteilen ; 
denn »wer urteilt, glaubt etwas, ist von etwas überzeugt«.^) 

1) Es sei sogleich hier bemerkt, daß obiger Gebrauch des Wortes »über- 
zeugt sein« sich nicht mit dem deckt, was der Verfasser (und der Referent) 
bisher unter »überzeugt sein« verstanden hatten, nämlich gewisses Urteilen 
im Gegensatz zum bloßen wahrscheinlichen, zum Vermuten. Diesen älteren 
Sprachgebrauch handhabt der Verfasser auch später wieder einmal, indem er 
(S. 173) sagt, daß durch »ich bin überzeugt oder ich vermute« der Gewiß- 
heitsgrad bestimmt sei. Wenn aber auch die Absicht des Verfassers im ganzen 
die ist, das Wort Ueberzeugung nunmehr als Gattungsnamen für gewisses und 
wahrscheinliches (sicheres und unsicheres) Urteilen zu verwenden (vgl. z. B. auch 
den ganzen § 15 »das Wesen der Ueberzeugungsvermittlung«), so hält Referent es 
doch für zweckmäßiger, nach wie vor das Wort »Ueberzeugnng« für die höchsten 
Gewißheits- (und Sicherheits)grade aufzusparen und es daher in der allgemeinen 
Charakteristik des Begriffes Urteilen nicht zu verwenden. — Hiemach bleibt von der 
obigen Doppelbestimmung des Urteilens nur die erste »wer urteilt, glaubt 
etwas« ; wodurch nun freilich wieder zu aUen jenen Mißverständnissen Gelegenheit 
gegeben ist, die einen Teil der Schuld daran tragen, daß es zu einer allgemeinen 
Anerkennung der Gleichung Urteil = Glauben bisher nicht kommen wollte. 
Diesem Mißverständnisse gereicht es zu einer Art sachlichen oder wenigstens 
sprachUchen Entschuldigung, daß das Wort »Glauben« leider selbst wieder 
nicht weniger als vier verschiedene Bedeutungen hat (wie ich in meiner 
Logik 1890 S. 126 gezeigt habe). Im obigen wird das Wort Glauben in der ersten, 
allgemeinsten dieser vier Bedeutungen gebraucht, wonach es weder in einem 
Gegensatze zum Wissen steht, noch die spezieUe Bedeutung »einem etwas glanbenc 
hat, noch auch ein »Glauben aus Liebe« (wie die Mutter an ihren Sohn glaubt 
oder wie das im guten Sinne religiöse Glauben) besagt. — Durch diese Unter- 
scheidung wäre z. B. das Mißverständnis zu vermeiden gewesen, dem soeben wieder 



A. Ifeinong, üeber Annahmen. 211 

Aber niemand glaubt, daß die Buren Unterstützung erfuhren, da er 
eben das Gegenteil weiß. Aber gleichviel, ob er es weiß oder nicht 
weiß, glaubt oder nicht glaubt, kann er es jeden Augenblick > an- 
nehme n<. — Während sich also in jedem Urteil erstens Glauben, 
zweitens Bejahung oder Verneinung finden, fehlt dagegen beiden 
dem Vorstellen; die Annahmen aber bilden »ein Tatsachen- 
gebiet zwischen Vorstellen und Urteilen<, weil auch ihnen 
(wie den Vorstellungen) das Glauben fehlt, dagegen Bejahung oder 
Verneinung (wie den Urteilen) zukommt. — Indem von da ab das 
Wort > Annahme« als technischer Ausdruck für alle Tatsachen jenes 
Zwischengebietes zwischen Vorstellen und Urteilen gebraucht wird, 
übersieht der Verfasser nicht, daß es noch eine andere Bedeutung 
des Wortes Annehmen gibt, die wieder ganz unter den Begriff >Ur- 
teilen« fällt (z. B. eine Lehre annehmen, d. h. sie glauben). Soweit 
>§ 1. Ein Tatsachengebiet zwischen Vorstellen und Urteilen.« — 
Weitere Beispiele bringt das dritte Kapitel >die nächstliegenden An- 
nahmefälle«, so § 10 »Annahme in Spiel und Kunst«, auf die zuerst 
Fräulein M. Radakoviö aufmerksam machte, weshalb auch ihr das 
ganze Buch gewidmet ist. 

Der Berichterstattung sei aber die Freiheit gewährt, dem weiteren 
Bericht sogleich hier den Hinweis auf eine Fundgrube von Beispielen 
einzuschalten, die die weitere psychologische und erkenntnistheoretische 
Untersuchung aufs wirksamste gegen den Verdacht schützen wird, 

Mach (Erkenntnis und Irrtum S. 118, Anm. 3) unterliegt, wenn er sagt: »Ich 
kann mich nicht mit der Ansicht befreunden, daß das Glauben ein besonderer 
psychischer Akt sei, welcher dem Urteil zugrunde liegt und dessen Wesen aus- 
macht. Urteile sind keine Glaubensangelegenheiten, sondern naive Befunde« 
Glauben, Zweifel, Unglauben beruhen vielmehr auf Urteilen [!] über die Ueberein- 
stimmnng oder Nichtübereinstimmung von zuweilen recht komplizierten Urteils- 
komplexen.« Etwas früher (S. 88) hatte Mach aus dem Beispiel einer indianischen 
Zauberin und der Geschichte der Hexenprozesse die Warnung davon abgeleitet 
»sich von irgend einem Glauben die Lebenswege vorschreiben zu lassen«. Solche 
»Glanbensangelegenheiten« sind natürlich die Urteile auch nach unserer Ansicht 
nicht, die wir es ganz sprachgebräuchlich finden z.B. zu fragen : Glaubst du, daß 
2x2 = 4? Glaubst du, daß es keine Hexen gibt? Ob und wie sich dann das 
Ja und Nein auf Empfindungen und Erinnerungen (oder auf was sonst) »voll- 
ständig und auf die einfachste Weise beschreibend« zurückführen lasse, 
bleibt noch immer abzuwarten; auch nur halbwegs plausibles Positives ist der 
von J. St. Mill und Brentano vertretenen Lehre von der ünzurückfuhrbarkeit 
des psychischefa Phänomens Glauben (belief) auf bloße Vorstellungen, einschließlich 
bloßen »VorsteUungsverbindungen« und »Vorstellungstrennungen« bisher nicht ent- 
gegengestellt worden. — Für die Sache der Annahmen ist die der Urteile nur 
insofern von Belang, als Meinong behufs Charakteristik der Annahmen von den 
Urteilen ausgeht, wobei er aber ausdrücklich »noch für recht weit auseinander- 
liegende Meinungen über die Natur des Urteils Raum gelassen« wissen wül. 



dl3 OMt gel Ans. IMd. Nr 8. 

als hätte da ein Philosoph wieder einmal eine Spezialität ausgegraben, 
die füglich nur ihn, nicht aber die Bebauer fruchtbarer Arbeits- 
gebiete interessieren könne. Ich meine die »Annahmen« in der 
Mathematik und in der mathematischen Physik. Von jeher 
hatte es zum altehrwürdigen (man könnte sagen) Ritual eines form- 
gerechten Beweises Euklidscher Manier gehört, ihn so zu gliedern: 
> Annahme, Behauptung, Beweis« (worauf dann Diskussion, Deter- 
mination und dergleichen folgt). Hier trifft die Gegenüberstellung 
der zwei ersten Eunstausdrücke > Annahme« und >Behauptung< 
praktisch genau das, was nun Meinong mit der Gegenüberstellung 
der Annahme gegen das Urteil theoretisch -psychologisch festhält; 
wie es denn auch längst in der Logik üblich war, das Urteil mehr 
oder weniger ausdrücklich als > Behauptung« zu charakterisieren. 
Nun könnte gegen den Hinweis auf die Euklidsche Formgebung 
mathematischer Beweise von mathematischer Seite eingewendet 
werden, daß das altmodisches Zeug sei, und daß eine Erkenntnis- 
psychologie, die sich auf erkenntnistheoretische (einschließlich psycho- 
logischer) Analyse jener veralteten Erkenntnispraxis stütze, nicht in 
Fühlung sein oder kommen könne mit dem gegenwärtig als fruchtbar 
anerkannten Wissenschaftsbetrieb. Auf einen solchen Einwand wird 
die Philosophie natürlich antworten, daß sie sich ihrerseits keines- 
wegs einzumischen gedenke in die internen Fragen der Mathematik, 
inwieweit es für ihren fruchtbaren Betrieb nützlich und geschmack- 
voll sei, den Euklidschen Apparat von Definition, Axiom, Postulat, 
sodann Annahme, Behauptung, Beweis u. s.w. auch äußerlich mög- 
lichst auffällig hervorzukehren oder aber sich dieser logischen Leit- 
begriffe nur tätig und fruchtbar zu bedienen, ohne von ihnen äußer- 
lich viel Aufhebens zu machen. Nur so viel darf, ohne daß man 
sich damit der exakten Wissenschaft gegenüber eine Einmischung in 
ihre internen Angelegenheiten erlaubt hätte, füglich behauptet 
werden, daß wenn sogar Heinrich Hertz in seiner posthumen 
Mechanik jene alte Mode der auch äußerlichen Gliederung in Defi- 
nition , Behauptung u. s. w. zu erneuern beliebt hat , er hierdurch 
allein sicher noch nicht zum altmodischen Denker sich gestempelt 
hatte. — Wie dies aber auch sei: es fehlt auch innerhalb der un- 
bestrittenen modernsten Bemühungen im Gebiete der reinen Mathe- 
matik nicht an logischen Anstrengungen, deren intimste Charakteristik 
sich gar nicht schärfer geben läßt als durch strenges Unterscheiden 
zwischen den Leitbegriffen Definition, Annahme, Behauptung u. s.w. 
Wir meinen die mit nie erlebter Energie gegenwärtig auf der 
Tagesordnung stehenden Untersuchungen über die Natur der Axiome 
(zuerst nur die der Geometrie, später die der Arithmetik). Der 



A. Meinoikg, tJeber Annahmen. 218 

modernste und radikalste Versuch, die immer dichter sich schürzenden 
wissenscbaftstheoretischen Knoten zu durchhauen, ist die These: >die 
Axiome sind nichts als Definitionen<. Wir Logiker und Psy- 
chologen hören aus dieser These heraus: »Urteile sind nichts als 
Vorstellungen € ; denn die Axiome hatten bisher für unmittelbar 
evidente Urteile gegolten, die Definitionen als eindeutige Be- 
stimmungen von Begriffsinhalten (gemäß der Definition in meiner 
Logik § 14: Begriffe sind Vorstellungen von eindeutig bestimmtem 
Inhalt). Auch der gerade hierüber zwischen den Mathematikern ge- 
führte Streit soll nichts weniger als durch Einmischnng seitens der 
Philosophen zu schlichten gehofft werden; nur das wird uns nicht 
verwehrt werden können, daß wir uns angesichts solcher Streitig- 
keiten unsem Teil denken und ruhig abwarten, ob sich zwischen den 
unmittelbar Beteiligten der Streit eher schlichten wird , als bis man 
es mit dem Auskunftsmittel versucht, daß es eben zwischen Vor- 
stellung (inkl. Definitionen) und Urteil (inkl. Axiomen) noch ein 
Mittleres gibt, die Annahme. Und gewiß wird man es uns nicht 
verwehren, wenn wir die ebenfalls öfters zu vernehmende Aufklärung, 
der Ersatz des elften Axioms durch die Lobatschewskysche oder 
Riemannsche Annahme sei weder Definition noch Behauptung, 
sondern eben — Annahme, als wertvolles psychologisches Beweisstück 
zur Kenntnis nehmen. — So, genau so ist's! — würde ich sagen, 
wenn ich hier auch mein mathematisches Glaubensbekenntnis in 
Sachen der Euklidschen und Nicht-Euklidschen Geometrie abzulegen 
hätte. Aber nicht als Mathematiker, sondern als Referent über 
Meinongs philosophische Abhandlung glaube ich betonen zu dürfen, 
daß wenn der Begriff >Annahme< dem gesunden Instinkte zur 
Schlichtung so grundlegender Dinge sich als nicht nur notwendig, 
sondern auch ausreichend bewährt hat, eine gerade diesem psychi- 
schen Gebilde des Annehmens gewidmete Untersuchung nicht un- 
fruchtbar sein könne. Erst wenn diese Mittelstellung der »An- 
nahme« zwischen iDefinitionc und >Axiom< auch seitens der 
beteiligten Mathematiker einmal ausdrücklich anerkannt werden 
sollte, wird es an der Zeit sein, die bisher von den Mathematikern 
geübte Erkenntnispraxis und was sie selbst nebenher an theoretischen 
Gedanken über diese Praxis geäußert haben, historisch und syste- 
matisch zu überblicken. — Nur damit wir neben der reinen Mathe- 
matik auch aus der mathematischen Physik wenigstens einen Beleg 
geben, sei darauf hingewiesen, daß Boltzmann in seiner Mechanik 
(1897) auch schon äußerlich sieben »Annahmen« an die Spitze 
gestellt bat und sich ausführlich über die hierdurch ermöglichte 
deduktive und dennoch der Empirie gerecht werdende Methode 



214 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

äußert. Der Erkenntoistheoretiker ^) hat dem nichts hinzuzufügen, 
als daß diese Methode die logisch sauberste ist, wie man überhaupt 
empirische Tatsachen gedanklich bewältigt. 

Nachdem wir uns nun schon die Freiheit des einen großen Ex- 
kurses gestattet haben, sei auch noch ein zweiter gestattet, ehe wir 
in der eigentlichen Berichterstattung fortfahren. Ich berichte näm- 
lich aus der Zeit, daMeinongs These, es gebe zwischen Vorstellen 
und Urteilen ein Mittleres, die Annahme, zuerst bekannt wurde, daß 
diese These nicht nur Aufsehen, sondern natürlich auch Opposition 
bei allen erregt hat, die so lange Zeit hindurch gewohnt waren, in 
dem Vorstellen und Urteilen die beiden Grundklassen des intellek- 
tuellen Lebens zu erblicken. Und ich füge sogleich hinzu, daß wenn 
einmal ein Mittleres zugegeben ist, auch der Gedanke mehrerer und 
dann auch wohl unendlich vieler stetig ineinander gehender Zwischen- 
glieder der äußerlichen, ja gerade der äußerlichsten Auffassung sehr 
nahe liegt.^) Da nun Meinong selbst, wie gesagt, die Annnahmen 
ausschließlich dadurch charakterisiert, daß ihnen über das Vorstellen 
hinaus das Moment des Ja und Nein zukommt, dagegen zum Urteile 
das Moment des Glaubens fehlt, so bleibt weiteren Gedanken darüber, 
wie und warum es überhaupt ein solches Mittleres gebe und geben 
könne, noch weiter Spielraum. Und deshalb ist es vielleicht nicht 
unangebracht, wenn ich, über das Referat als solches hinausgehend, 
hier einen Gedanken mitteile, der mich nicht verläßt, seitdem 
Meinong den Vorgang des bloßen Annehmens im Gegensatz zum 
wirklichen Urteile zu einem psychologischen Problem gemacht hat. 
Verhält sich nicht die Annahme zum Urteil wie eine bloß sta- 
tische Kraftwirkung zur kinetischen? Vielleicht hat sich mir 
diese Analogie nur aufgedrängt, weil ich um jene Zeit anhaltend mit 

1) Ilöchstens der Didaktiker könnte noch wünschen, es möchten den An- 
nahmen — unbeschadet ihrer rein logischen Souveränität — schon einige empi- 
rische Tatsachen vorausgeschickt worden sein, warum man sich gerade diese 
und nicht ganz andere Annahmen (die ja ebenso logisch souverän gewesen wären) 
zur Bearbeitung vorgesetzt hat. Wie diese einander widerstreitenden Interessen 
der Logik und der Didaktik angesichts physikalischer einschließlich mechanischer 
Tatsachen miteinander in Einklang zu bringen seien, habe ich in dem Aufbau 
meiner Physik (Vieweg 1904) praktisch zu zeigen versucht (indem nämlich z. B. 
den abstrakten Begriflfcn von Geschwindigkeit und Beschleunigung Versuche mit 
Galileis FaUrinne vorausgeschickt werden; ebenso dem Begriffe der Zusammen- 
setzung von Bewegungen und dergleichen Galileis Behandlung des Wurfes u. s.w.; 
worüber das logische und didaktische Prinzipielle in der Vorrede zur großen Aot- 
gabe meiner Physik ausführlich gesagt ist 

2) Dieser Einfall ist kürzlich veröffentlicht worden von Willy (»Gegen die 
Schulweisheit«, eine Kritik der Philosophie, 1905). 



A. Meinong, üeber Annahmen. 215 

den Orundphänomenen der Mechanik beschäftigt war. Vielleicht 
spricht aber auch ein schon viel früher von Meinong selbst ge- 
äußerter Gedanke für eine solche statische Theorie der Annahmen 
im Gegensatz zur kinetischen Theorie der Urteile (wie wir den 
ganzen Gedanken kurz nennen können). Es hat nämlich Meinong 
in seiner Abhandlung über »psychische Analyse« ^) daraufhingewiesen, 
daß das Urteil zu denjenigen psychischen Vorgängen gehört, denen 
ein Ziel wesentlich ist, >mit dessen Erreichung es seinen natürlichen 
Abschluß findet«. So nun >strebt<') auch der Stein der Erde zu, 
und dieses Streben findet seinen einfachsten Ausdruck darin, daß er 
fallend die Erde schließlich erreicht. Aber außer dieser kinetischen 
Wirkung der Schwere gibt es eben noch eine zweite, die statische, 
falls der Stein vor Erreichung der Erdoberfläche durch irgend ein 
Hindernis aufgehalten wird, wobei dann nicht, wie es fast immer 
und überall ganz ungenau heißt : die > Kraft aufgehoben« ist; sondern 
infolge des Entgegenwirkens einer zweiten Kraft bringen eben es 
beide zusammen nur mehr zu einer statischen Wirkung (Druck, Zug, 
Spannung) statt der kinetischen (Beschleunigung). — Keineswegs 
soll hier die Durchführbarkeit der Analogie nach allen Richtungen be- 
hauptet oder auch nur geprüft werden; aber soviel wird sich wohl 
sagen lassen, daß man nur dort mit »Annahmen« sich begnügt, wo 
man aus irgend einem (logischen oder außerlogischen) Grunde es für 
geboten hält, sein Urteil zu »suspendieren« ^) (ein Wort, das ja auch 

1) Ztschr. f. Psychol, (herausg. v. Ebbinghaus, Bd. VI, 1894) S. 448: »Es 
gibt YorsteUungsobjekte , deren Charakteristisches einer Zeitstrecke bedarf, am 
sich zu entfalten; es gibt dagegen Objekte, bei denen, was sie kennzeichnet, sich 
bereits in einem einzigen Zeitpunkt zusammengedrängt findet. Das nächstliegende 
Beispiel für die erste Gruppe gibt wohl die Bewegung ab. . . Ob »der Pfeil« fliegt 
oder ruht, darüber gibt ein herausgegriffener Zeitpunkt gar keinen Aufschluß. . . 
Das psychische Analogon des Gegensatzes von Bewegung und Ruhe bietet sich 
im Gegensatz von Aktivität und Passivität dar. . . Wer tut, muß etwas tun; 
dieses Etwas ist ein Zielpunkt, auf den das Tun gerichtet ist und mit dessen 
Erreichung es seinen natürlichen Abschluß findet. . . Sagt man: YorsteUen und 
Fühlen sei passiv, Urteilen und Begehren aktiv, so hat man dabei Ausgedehntes 
im Auge.« 

2) Auch im Annahmenbuch S. 101 , 102 heißt es wieder : »Wer einer von 
Urteil begleiteten YorsteUung die Gegenständlichkeit ansieht, der wird auch der 
von dem urteilsähnlichen Tatbestand der qualitätsgleichen Annahmen begleiteten 
YorsteUung das Hinstreben, die Tendenz nach dem Erfassen des Gegenstandes 
ansehen können.« Doch nicht der YorsteUung selbst kommt dieses »Hinstreben« 
zu, sondern es sei »aUes aktuell gegenständliche Yorstellen von affirmativen An- 
nahmen begleitet«. 

3) Auch dieses Wort findet sich wiederholt angewendet im Annahmenbuch; 
z. B. S. 177: »fingierte Urteile, deren Richtigkeit man in susjpenso läßt.« 



216 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

geradezu an das Brettchen erinnert, das man dem fallenwollenden 
Stein unterschiebt). — Wie man sieht, ist die Rollenverteilung 
zwischen dieser Hypothese und der Meinen gschen Beschreibung die 
von genetischer und deskriptiver Psychologie. Und wie immer die 
Erklärung ausfällt, so kann sie nichts verschieben an einer schon 
vorher richtig gegebenen Beschreibung. Deshalb kann auch die 
gegebene Anregung, gleichviel ob sie haltbar ist oder nicht, keines- 
wegs Meinongs Beschreibung von den Annahmen umstoßen wollen. 
Vielleicht fällt aber bei künftiger Ueberprüfung der Erklärung doch 
auch noch manches ab für die Bereicherung ihrer bisherigen Be- 
schreibung durch das einstweilen nur eine positive Merkmal, daß 
auch in ihnen bejaht oder verneint (nicht aber geglaubt) werde, 
ähnlich dem Urteile. — 

Doch es gibt auch in Meinongs Buch selbst noch ein zweites 
deskriptives Moment für Urteil und Annahmen zusammen: Es liegt 
in der Eigenart dessen, was angenommen, was geglaubt wird — 
im Gegensatz zu bloß Vorgestelltem und Vorstellbarem. Dieses An- 
genommene und Geglaubte sind nämlich die eingangs schon als 
zweite Entdeckung des Buches erwähnten >Objektive<. Im Sinn 
der oben gebrauchten Charakteristik der Urteile durch ein >Ziel< 
könnten wir sagen : so wie die statische und kinetische Wirkung der 
Schwere ganz wesentlich dadurch mitcharakterisiert ist, daß alle 
schweren Körper entweder eine Beschleunigung oder einen Zug zur 
Erde haben, so zielen auch Urteile und Annahmen auf ein > Ob- 
jektiv«. Was meint nun dieses neue Wort? 

II. Das Objektiv (S. 150—212). — Als Ausgangsbeispiel dient 
ein negatives Urteil darüber, >daß keine Ruhestörungen vorgefallen 
sind<, und ein positives Urteil darüber, »daß es draußen Schnee 
gibt<. Hier ist >Schnee< das Objekt des Urteils, dagegen >daß 
es Schnee gibt< das Objektiv desselben Urteils. Ein drittes Bei- 
spiel lautet: >Es steht fest, daß die Akten noch nicht geschlossen 
sind«. Wieder ist es hier der >Daß-Satz<, der ein Objektiv 
ausdrückt; von den beiden früheren Beispielen aber unterscheidet 
sich das dritte durch den sozusagen unpsychologischen Charakter 
des >Es steht fest« (wo ja das >es< auch grammatisch längst als 
ein > Impersonale < bezeichnet wird); wogegen es in den beiden ersten 
Beispielen, wie gesagt, ausdrücklich Urteile waren, deren Gegen- 
stand dann das Nicht-sein der Ruhestörung und das Sein des Schnees 
war. Ehe ich aber eingehe auf die in späteren Publikationen 
Meinongs^) und seiner Schüler besonders wichtig gewordene 

1) >Ueber UrteUsgefohle« (1905). Vgl. die nnten, S. 221 dieser Anzeige, 
angeführte Stelle. 



A. Memong, Ueber Annahmen. 217 

«apsychologische Betrachtungsweisec, die sich in dem 
Buch von 1902 noch nicht rein durchgerungen hatte, empfehle ich 
dem Leser, den die drei angeführten Beispiele natürlich noch nicht 
sogleich in Sachen der > Objektive« aufs Laufende setzen werden, 
25 Seiten später (§ 39, S. 175—182) die Gegenüberstellung folgender 
Beispiele zu prüfen: Man sagt: Ich glaube, daß ein Tisch im Zimmer 
steht, aber niemand wird sagen : ich glaube an einen Tisch im Zimmer 
(S. 176); ferner (S. 178) über den Unterschied zwischen Tisch und 
Existenz des Tisches, über den Unterschied von Schwarz und Schwärze, 
von verschieden und Verschiedenheit. Es sei hier bemerkt, daß 
allen Jenen, die z.B. zwischen Tisch und Existenz des Tisches 
überhaupt weder einen sachlichen noch einen gedanklichen, sondern 
eben nur den sprachlichen Unterschied finden können, auch das von 
Meinong entdeckte und durchforschte Gebiet der Objektive ver- 
schlossen bleiben oder zum mindestens als unfruchtbar gelten wird. 
Von mir selbst habe ich einzugestehen, daß, wie ich noch in meiner 
Logik (1890, S. 51) den Unterschied von rot und Röte für einen 
(beinahe?) nur sprachlichen gehalten hatte, mir erst durch die vor- 
liegenden Untersuchungen, nach denen rot ein Objekt, Röte = 
Rot-sein ein Objektiv ist, jene Berufung auf bloß sprachliche 
Unterschiede sich als ein allzu wohlfeiles Auskunftsmittel dargestellt 
hat. Wer dann einmal soweit ist, hinter den sehr mannigfaltigen 
sprachlichen Wendungen, die der Bezeichnung der Objektive im 
Unterschied von Objekten dienen [nicht das einzige, immerhin 
aber das auffälligste dieser Mittel sind die »Daß-Sätze«, von denen 
Meinong (S. 156) als linguistisch feststehend annimmt, daß >daß< 
von hausaus nichts anderes als ein Demonstrativpronomen ist — 
z. B. ich glaube, daß draußen Schnee ist = ich glaube das : draußen 
ist Schnee] einen nicht bloß sprachlichen, auch nicht bloß einen 
gedanklichen, sondern im letzten Grunde einen sachlichen, gegen- 
ständlichen Unterschied gefunden zu haben, mag erstaunt und 
erfreut sein über die Tragweite dieser Entdeckung. Nur als eine 
Probe dafür, was alles sich an hergebrachten Meinungen über grund- 
legende Dinge durch die Entdeckung der Objektive in neuem Licht 
darstellt, gebe ich folgende Ausführungen (S. 173, 174) über Wahr 
(Falsch) und Evident hier im Wortlaut an. Nachdem Meinong 
daraufhingewiesen hat, >wie die Wendung ,es ist mir einleuchtend, 
daß . .' sich auch mit Bezug auf eine andere Person und dann auch 
ohne Bezugnahme auf irgend eine Person, also etwa: ,es leuchtet 
ihm ein, daß . .' und kurzweg ,es leuchtet ein, daß . / umwandeln 
läßt, ohne daß die hiermit beabsichtigte Charakteristik des Urteils 
nach der Eigenschaft seiner Evidenz etwas Wesentliches verliert«, 

0«li pü Au. 1906. Nr. 8. 15 



218 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

fährt er fort (S. 173): >An einer solchen unpersönlichen Form wird 
besonders aufifallend, was freilich eigentlich schon auch an jeder 
der persönlichen Formulierungen zu bemerken gewesen wäre, dafl 
hier etwas, das sich zunächst als eine Eigenschaft eines Urteils dar- 
stellt, nun geradezu als Attribut des im >daß< -Satze zur Geltung 
kommenden Objektivs erscheint. Evidenz ist doch sicher so gut 
Sache des Urteils wie etwa Gewißheit ; gleichwohl könnte das Sprach- 
gefühl, das dem Theoretiker heute anstandslos gestattet, das Adjektiv 
> evident« ohne Weiteres an das Substantiv > Urteil« anzuschließen, 
vielleicht erst durch die erkenntnistheoretische Kunstsprache geschaffen 
sein, indes es dem Laien sicher um Vieles natürlicher sein wird, zu 
sagen: >es leuchtet ein, daß 3 größer als 2 ist« als etwa >das Urteil 
hierüber ist einleuchtend«. Noch deutlicher wird dies an den gegen- 
sätzlichen Terminis > w a h r « und »falsch«. Man kann bekanntlich 
durchaus nicht sagen, daß dieselben einer Anwendung in übertragener 
Bedeutung sonderlich widerstreben: > wahrer Freund«, > falsche Zähne«, 
>wahre Rede«, »falsche Vorstellung« sind ja geradezu Schulbeispiele 
für Mehrdeutigkeit. Bezeichnet man nun ein Urteil als wahr oder 
falsch, so hat man dabei immerhin nicht mehr das Gefühl einer 
geradezu uneigentlichen Wortanwendung. Dennoch kann es keinen 
Augenblick zweifelhaft sein, daß genau besehen die Wendung: »es 
ist wahr, daß A existiert«, >e8 ist falsch, daß . . .« eine um Vieles 
natürlichere, ja im Grunde die einzige wirklich naturgemäße Rede- 
weise ist. >Wahr« und > falsch« sind eben, näher besehen, 
Attribute von Objektiven, ebenso wie es oben bei »evident« 
zu konstatieren war.« — Während also die Frage »Was ist wahr?« 
in dem Sinne: »Wem kommt Wahrheit zu: Dingen oder Gedanken 
oder Uebereinstimmungsbeziehungen zwischen Dingen und Gedanken 
und dergleichen mehr« seit Aristoteles ein für allemal dahin be- 
antwortet schien: >die Eigenschaften wahr und falsch kommen un- 
mittelbar nur Urteilen zu, und erst mittelbar auch Dingen, 
Vorstellungen und dergleichen, lernen wir jetzt, daß auch das Urteil 
erst von seinem Objektiv das Merkmal Wahrheit zu Lehen trage, 
sowie man früher bemerkt hatte, daß z. B. der > wahre Freund« nur 
im mittelbaren Sinne »wahr« genannt wird nach dem wahren Urteil, 
das ihn für einen Freund hält. 

In diesem Beispiel von der Umbildung des Wahrheitsbegriffes 
durch die Verschiebung des als unmittelbar, nicht erst durch Ueber- 
tragung als >wahr« zu bezeichnenden Gegenstandes aus dem 
Psychologischen ins Apsychologische mag das ehrwürdige 
Alter der so modifizierten Lehre ein Maß fiir die Wichtigkeit der 
Entdeckung und für die Bedeutung des Entdeckten, >der Objektivec, 



A. Meinong, Ceber Annahmen. 219 

innerhalb der ganzen Erkenntnistheorie abgeben. — Ja vielleicht ist 
die Sachlage, daß und wieso diese neue Gruppe von Gegenständen, 
der Objektive, überhaupt erst >entdeckt< werden konnte und mußte, 
ein gutes Beispiel dafür, was auf dem Gebiete der Philosophie > ent- 
decken c heißt (wo ja doch nach sehr allgemeiner Meinung höchstens 
noch neue > Gesichtspunkte c für historische Gruppierungen und der- 
gleichen > erfunden < werden können). Daß nämlich auf philosophi- 
schem Gebiete, soweit Philosophie alles Psychische zu ihrer Domäne 
zählt (und neben dem Psychischen freilich auch >Apsychologisches<, 
nämlich das >Gegenstandstheoretische<, wie es Meinong seit 1904 
ausdrücklich nennt), hier ebenso gut immer feinere Artikulationen des 
intellektuellen und emotionalen Lebens >entdeckt< werden können^ 
wie etwa in der Nervenlehre eines Tages die Neuronen haben ent- 
deckt werden können und auch heute noch als nicht nur »erfunden« 
den verschiedenen Angriffen gegenüber wenigstens teilweise sich auf- 
recht erhalten, sollte für Jeden feststehen, der nicht auf das kuriose 
Dogma eingeschworen ist, daß zwar das Gehirn eine über alle Be- 
griffe und Anschauungen feine Organisation haben dürfe, dagegen 
das vom Gehirn > produzierte < Denken auf alle Fälle nur eine Art 
homogener Gallerte zu bilden habe (etwa wie man sich vor noch 
nicht gar langer Zeit auch das Gehirn selber gedacht hatte). — Nun 
sollen zwar die neuentdeckten > Objektive« nicht eine besondere Art 
psychischer Gebilde, sondern eine neue Art von Denkgegen- 
ständen sein; und dies führt allerdings Jeden, der sich erst in die 
Natur dieser Gegenstände hineinfinden will, auf Fragen, wie die: 
Sollen wir uns also von jetzt ab die Welt nicht nur aus den Gegen- 
ständen rot , Tisch , verschieden u. s. w. , sondern daneben auch aus 
Rot-sein = Röte, Sein (= Eustenz) des Tisches, Yerschieden- 
sein = Verschiedenheit u. s. w. zusammengesetzt vorstellen? Wozu 
die Verdoppelung? Und ist das den Dingen dieser Welt Stück Tür 
Stück aufzuheftende >Sein< mehr als eine bloße Denkform oder 
gar nur Denkformel? Ist wirklich auch schon >Sein< ein >Gegen- 
stand€? Und wenn ja, so doch hoffentlich nicht ein > Gegenstand 
an sich<, sondern doch wieder nur ein Gegenstand des Denkens, 
worin dann aber wieder keine sachliche Entdeckung liegt, sondern 
nur eine Benutzung des Umstandes, daß eben das Wort »Gegen- 
stand« so geduldig ist, sich den sprachlichen Verbindungen »Gegen- 
stand des Vorstellens< , > Gegenstand des Urteilens und Annehmens, 
des Gefühles, des Begehrens« zu fügen. — Es ist zu vermuten, daß 
dem Leser gerade des inhaltsschweren siebenten Kapitels >das Ob- 
jektiv« innerhalb des vorliegenden Buches solche oder ähnliche 
Fragen sich werden aufgedrängt haben, da eben hier dem bis dahin 

15* 



220 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 8. 

als mit >GegenstaQd< einfach synonymen »Objekt« zum erstenmal 
ein >Objektiv< an die Seite gestellt wird. Und daß in der Tat nicht 
schon dieses Buch alles Nötige, sei es zur Beantwortung, sei es zur 
Ablehnung solcher Bedenken getan habe, ist jetzt, wo drei Jahre 
nach Abschluß des Annahmenbuches (Ende 1901) die »Untersuchungen 
zur Gegenstandstheorie und Psychologiec erschienen sind (Ende 1904), 
ohne weiteres zuzugeben; ja es ist ausdrücklich hervorzuheben, daß 
durch das letztere Buch Vieles von dem geklärt und geglättet worden 
ist, was im früheren Buch in Sachen des Gegenstandsbegriffs offenbar 
dem Verfasser selbst noch nicht so geläufig war, wie es jetzt ihm 
und seinen Schülern ist. So lesen sich insbesondere die ersten Be- 
stimmungen über >Objektiye« schon darum öfters schwer, weil der 
Verfasser zögert, geradewegs die > Gegenstände < einzuteilen 
in Objekte und Objektive. Dagegen lautet z. B. jetzt in 
Ameseders > Beiträgen zur Grundlegung der Gegenstandstheorie< 
(a. a. 0. S. 54) sogleich der Titel des § 2 >Es gibt zwei Klassen 
von Gegenständen: Objekte und Objektive«. Im An- 
nahmenbuch hatte es an der Spitze des Kapitels >Das Objektiv« 
(S. 150) nur geheißen, daß wir in ihm >wenn nicht geradezu einen 
zweiten Gegenstand neben dem bereits bekannten ersten, so doch 
etwas Gegenstand- Aehnliches vor uns haben«. Und auch noch gegen 
Schluß dieses Kapitels heißt es (S. 200): >Wer urteilt, erfaßt nicht 
den Gegenstand [das Objekt?] und außerdem noch das Objektiv, 
sondern er erfaßt einfach das Objektiv und in diesem den Gegen- 
stand [das Objekt?]. Ihrer zwei sind darum Objekt und Objektiv 
gleichwohl. Und dann kann sich wohl auch einmal das Bedürfnis 
einstellen, von den Gliedern dieser Zweiheit als solchen zu reden, 
d. h. beide Glieder unter einen auf beide anwendbaren Namen zu 
subsumieren. Vielleicht eignet sich hierzu ein Terminus wie > gegen- 
standartige < oder > gegenständliche Momente«. — Wichtiger als die 
nunmehrige Vereinfachung dieser terminologischen Schwierigkeiten 
ist der folgende Schritt nach vorwärts : Im Annahmenbuch waren die 
Objektive, wie gesagt, vorwiegend durch >Daß-Sätze< sprachlich aus- 
gedrückt worden; dagegen wird in den »Untersuchungen« (so nament* 
lieh von Mally, »Zur Gegenstandstheorie des Messens«, S. 137; auch 
Ameseder, »Beiträge zur Grundlegung der Gegenstandstheorie«, 
S. 57y Z. 1 von oben spricht von den > Objektiven ,A ist B' und 
,A ist nicht B'«) nicht nur, »daß A ist«, sondern auch schon >A 
ist« geradezu als Objektiv bezeichnet. Während also dort der ab- 
hängige Satz >daß A ist« immerhin auf ein Urteil oder eine 
Annahme oder auch auf ein unpersönliches >Es steht fest« (siehe 
oben S. 216 dieser Anzeige) hingewiesen hatte, wird jetzt auch der 



A. Meinong, Ueber Annahmen. 221 

unabhängige Satz >A ist« als sprachliches Zeichen f&r das Ob- 
jektiv angeführt. Hiermit erscheint die apsychologische Be- 
trachtungsweise^) noch ausdrücklicher durchgeführt, als wenn 
im Annahmenbuch nur ausgesprochen war, daß »die Satzbedeutung 
mit dem Objektiv zusammenfalle <. 

m. Wie eingangs angekündigt soll nun noch aus den an die 
> Annahmen < und die > Objektive« sich angliedernden Nebenunter- 
suchungen wenigstens einiges als Proben aus dem überreichen Inhalt 
des Buches mitgeteilt und dabei die äußere Reihenfolge wie im Buch 
eingehalten werden. 

§ 2 Das Negative gegenüber dem >blos Vorgestellten« 
erbringt den Beweis, daß die Negation weder an den Gegenständen 
selbst noch an bloßen Vorstellungen (trotz der zahlreichen >negativen 
Begriffe« non-A, nicht-rot, unsterblich. Loch, blind und dergleichen) 
ihren Sitz haben könne, sondern, soweit nicht an den Urteilen, so 
wenigstens an den Annahmen (worüber Näheres dann zu Ende des 
§32). 

Das II. Kapitel >Zur Frage nach den charakteristischen 
Leistungen des Satzes« unterscheidet zwischen Ausdruck 
und Bedeutung beim Worte (§ 4): >Ein Wort bedeutet allemal 
den Gegenstand der Vorstellung, die es ausdrückt, und 
drückt umgekehrt die Vorstellung von dem Gegenstande aus, den es 
bedeutet«; ferner >Wa8 Bedeutung hat, ist zugleich auch Ausdruck«; 
aber: >was Ausdruck ist, muß darum noch durchaus nicht Bedeutung 
haben«. So die Wörter Ja und Nein, die in der Regel Urteile aus- 
drücken, aber durchaus nicht erkennen lassen, worüber geurteilt 
wird. — § 7. >Das Verstehen bei Wort und Satz«; es setzt immer 
Annahmen voraus. 

III. Kap. Die nächstliegenden Annahmefälle. § 10. 
>Annabme in Spiel und Kunst.« § 11. >Die Lüge. Das ,Vorstellen' 

1) Diese führt Meinong aosdrücklich ein in seiner Abhandlung »Ueber Urteils- 
gefühle, was sie sind und was sie nicht sind« (Archiv fur systematische Philo- 
sophie, 1905, S. 22—58; hier namentlich S. 84): >Wie die Darstellung in meinem 
Buche ,üeber Annahmen^ nirgends verkennen läßt, hat sich mir der Gegensatz 
zwischen Objekt und Objektiv zunächst sozusagen vom Standpunkt des Urteils 
resp. der Annahme aus aufgedrängt. . . Aber der Gegensatz wird nicht erst durch 
diese Akte in das Erfaßte hineingetragen: er hat seine Bedeutung nicht nur fur 
eine psychologische (beziehungsweise erkenntnistheoretische), sondern auch för 
eine, wie man wohl sagen kann, apsychologische Betrachtungsweise. 
NamentUch die Untersuchungen K. Ameseders haben dies deutlich gemacht. . . 
Daneben besteht aber die psychologische Betrachtungsweise der Gegenstände nach 
wie vor zu Recht: jedes gegebene UrteU ,hat' eben sein Objektiv und darin sein 
Objekt, das^ psychologisch ein Objekt bleibt . . . .< 



222 Gott: gel. Anz. 1906. Nr. 8. 

fremder Urteile.« § 12. »Annahmen bei Fragen und sonstigen Be- 
gehrungen. < § 13. Aufsuggerierte Annahmen. 

Das IV. Kap. Die Annahmeschlüsse (§ 14 Unmittelbare 
und mittelbare Evidenz, § 15 Das Wesen der Ueberzeugungsvermitt- 
lung, § 18 Das Erfassen der formalen Richtigkeit von Schlüssen und 
das hypothetische Urteil, § 19 Annahmeschlüsse und Urteilsschlüsse, 
§ 20 Hypothetische Urteile als Annahmeschlüsse) steht einer Grund- 
frage in Sachen der Annahmen besonders nahe. Es hatte nämlich 
Meinong in seiner Relationstheorie (1882) das hypothetische Urteil 
und ähnlich die Schlüsse mit suspendierten oder fingierten Pr&missen 
dahin beschrieben, daß es sich im Vorder- und Nachsatz nicht um 
wirkliche, sondern um nur »vorgestellte Urteile« handle. Denn, 
me von jeher bekannt, will ein Vordersatz >wenn A ist« nicht be- 
haupten, »daß A ist<; ja im »irrealen« Fall: >wenn A wäre«, be- 
sagt ja der Konjunktiv ausdrücklich, daß nicht >A ist«, sondern 
daß >A ist nicht« geglaubt wird. Für den > Vordersatz« war 
längst das Wort »Annahme« ebensogut gebräuchlich, wie für die 
> Annahme« im geometrischen Beweis, die denn auch geradezu als 
Hypothesis bezeichnet zu werden pflegte, wie die darauf folgende 
Behauptung als Thesis. Indem aber Meinong nunmehr seine Dar- 
stellung von 1882 ausdrücklich zurücknimmt und an Stelle der > vor- 
gestellten Urteile« ausdrücklich die >Annahmen« setzt, hat zwar die 
neue Beschreibung des Vordersatzes als Annahme in der für ihn 
längst nicht mehr ungewohnten Bezeichnung (die nur noch nicht als 
allgemeiner fester Terminus geprägt war) eine sozusagen populäre 
Bestätigung. Es will aber dem Ref. erscheinen, daß der Nachweis, 
auch der Nachsatz bezeichne eine solche »Annahme«, doch hätte 
besonders geführt werden müssen. Wie, wenn nur der Vordersatz 
eine Annahme, der Nachsatz aber immer noch ein vorgestelltes Ur- 
teil oder aber ein vorgestelltes Objektiv wäre (wobei freilich das 
Vorstellen nicht das adäquate psychische Phänomen zum vollen Er- 
fassen eines Objektives ist, sondern nur Annahmen oder Urteilen). 
Nicht als ob hiermit eine neue fertige Theorie des hypothetischen 
Urteils aufgestellt wäre. Aber wenn ich mich frage, was an Stelle 
der Analyse, die ich in meiner 1890 unter Mein on gs Mitwirkung 
herausgegebenen »Logik« von dem hypothetischen Urteil durch die 
Formel Aa C {Ä Antecedens oder Annahme, a Notwendigkeitsrelation, 
C Consequens) gegeben habe, nunmehr als eben so kurze und durch- 
sichtige Formel zu setzen wäre, so wird es mir insbesondere schwer, 
auf die Notwendigkeits- oder Zusammenhangs- oder Abhängigkeits- 
relation a zu verzichten. Wer mit vollem Nachdruck das >Wenn — so« 
ausspricht, weiß sich hierzu ja doch nur berechtigt, insoweit er eine 



A. Meuiong, Ueber Annahmen. 223 

solche Notwendigkeitsbeziehung für gegeben zn halten sich berechtigt 
weiß oder glaubt Nun weist ja jetzt Meinong einen solchen Zu- 
sammenbang nicht unter allen Umständen ab. Aber seine mannig- 
faltigen und tiefgehenden Analysen der durch die Formel > Wenn — so< 
zusammengehaltenen Gedanken scheinen mir einstweilen noch mehr 
der Forderung der Spezifikation als der der Homogenität (vgl. die 
Eingangsworte von Schopenhauer >yierfiache Wurzel«) zu ent- 
sprechen. 

Das V. Kap. Zur Gegenständlichkeit des Psychischen 
geht ein auf »die Grundtatsache des Erkennens<, (Schopenhauer 
nennt sie >da8 Wunder der Erkenntnistheoriec), nämlich das »Er- 
fassen einer Wirklichkeit durch unser Erkennen«; wofür der Ver- 
fasser »das herkömmliche Wort Transcendenz< ^) nicht vermeiden 

1) Gegen diese Anwendung hat mir gegenüber mündlich Oelzelt-Newin 
Einsprach erhoben , der jenes psychologisch gegebene Tr&nscendieren als bloßes 
Pseudo-Transcendieren bezeichnet (also ähnlich wieMeinongdas bloße »Existieren 
in der Yorstellung« als Pseudo-Existieren. Meinong selbst spricht S. 11 seiner 
Abhandlung »Ueber Qegenstandstheorie« (1904) von »Qoasitranscendenz« in anderem 
Sinn.) Gelegenheiten zur Fortsetzung und hoffentlich früher oder später zum 
Aastrag dieser nicht nur terminologischen, sondern sehr sachlichen Streitfrage 
werden Oelzelts »Die anabhängigen Realitäten« (anter der Presse) and 
Mein on gs »Die Erfahrangsgrandlagen des Wissens« (Berlin 1906) geben. 
Hier za dem sehr zeitgemäBen Thema nar soviel: Wenn z. B. soeben wieder 
Mach (Erkenntnis and Irrtam, Vorwort S. VII) mit Schuppe sagt, »das Land 
des Transcendenten ist mir Terschlossen« , so leugnen sie hiermit schwerlich 
jenes »Gerichtetsein« alles Psychischen, in dem Meinong schon Transcendenz 
findet Wir haben also die von Mach zugegebene Transcendenz (man könnte 
sie die immanente Transcendenz oder die phänomenale nennen) von der durch 
Mach geleugneten (der transcendenten Transcendenz oder der metaphänomenalen) 
zum mindesten terminologisch zu unterscheiden. Nur um Meinongs Sprach- 
und Begrifisgebrauch fürs erste dem leidigen Gebiete des bloßen Wortstreites zu 
entrücken, spreche ich meine eigene Meinung in dieser Sache dahin aus: Weder 
Kant noch Mach (der sich zu den »Empiriokritikem« und den »Immanenten« 
überraschender Weise nunmehr in Gegensatz stellt , ib. S. VII Aum.) noch sonst 
ein Philosoph oder Antiphilosoph haben bisher wirklich bewiesen, daß »uns« das 
Land der metaphänomenalen Transcendenz wirklich »verschlossen« sei. Sie bilden 
sich nur ein, es nicht betreten zu können oder zu dürfen oder zu — wollen 
(etwa wie sich die Henne, von der Mach a. a. 0. S. 122 erzählt, nicht über den 
Kreidestrich bewegt, sei es, daß sie hypnotisiert oder daß sie — zu faul ist). 
Das bloße Fehlen eines solchen Beweises ist aber natürlich noch lange kein posi- 
tiver Beweis, daß es jenseits meiner eigenen psychischen Phänomene noch etwas 
gebe; und daß, wenn es etwas gibt, uns ein nicht bloß immanentes Transcendieren 
in das Land des Metaphänomenalen vergönnt sei. Wie vororteilsfrei« man, ruch 
aber auch allen Dogmen der Erreichbarkeit oder Unerreichbarkeit jenes Landes 
gegenüber hält, so darf und muß man doch so viel festhalten : We n n es ein mehr 
als nur immanentes Transcendieren geben soll, so muß es^sich doch der Denkmittel 



224 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

zu sollen glaubt. Ein solches >Erfa8sen< ist wesentlich den affirma- 
tiven, wahren Urteilen. Daß auch die negativen Urteile und die Vor- 
stellungen Gegenständlichkeit haben, wird beschrieben und erklärt 
durch einen Anteil der Annahmen. 

Im VI. Kap. >Das Erfassen von Gegenständen höherer 
Ordnung«') werden die Probleme des wesentlichen Unterschiedes 
zwischen Anschaulichem und Unanschaulichem (§§ 25 bis 28 und 
wieder § 33), der Relation zwischen Inhalt und Gegenstand (§ 29), 
die >thetische und synthetische Funktion des Urteils und Annehmens< 
behandelt. Hier nur zum letzten Problem einige Bemerkungen: 
Nachdem Brentanos Versuch, die kategorischen auf Existenzial- 
urteile zurückzuführen, wiederholt abgelehnt wird, spricht Meinong 
die Urteile >A ist< und >A ist B< geradezu als zwei aufeinander 
überhaupt nicht zurückführbare Urteilsfunktionen an; dementsprechend 
vertritt er seither geradezu die Koordination von Sein und Sosein. 
Nebenbei bemerke ich hierzu, daß, wie ich schon (1885) bei Ab- 
fassung meiner Logik (§ 45) das Bedürfnis gehabt hatte, >Dasein< 
und > Bestehen« (von Beziehungen) terminologisch auseinander zu 
halten, mir auch jetzt noch eine etwas andere Bezeichnungsweise als 
die M e i n n g sehe mundgerecht ist ; die positiven Vorschläge hierüber 
wird die Neubearbeitung meiner Logik bringen. Die sachliche Haupt- 
frage ist die, ob und was für eine Art Relation die > prädikative 
Verknüpfung« ist. Während Meinong in diesem Kap. (S. 147) 
sogar >das fundamentale Prinzip der Koinzidenz von Komplexion 
und Relation in Frage gestellt sein« läßt, da z. B. in der Komplexion 
>rotes Kreuz« nichts von einer Relation zwischen den Gegenständen 
>Kreuz< und >rot< zu bemerken sei, bringt das folgende (VII.) Kap. 
(S. 164) die Ergänzung: >Das Urteil erfaßt Objekte in Verbindung 
miteinander, indem es das Objektiv erfaßt, das sie verbindet.« 

Ueber dieses VU. Kap. >Das Objektive wurde schon oben 
(unter II) eingehender berichtet. Das VIII. Kap. >Zur Begehrungs- 

der bloß immanenten Transcendenz bedienen ; oder weniger paradox gesagt : Aach 
wer etwas anderes, tiefer Liegendes erkennen wiU, als was auch der Solipsist als 
gegeben gelten läBt, muB, indem er »erkennt«, jenes tiefer Liegende zum »Gegen- 
stand« seines Erkennens machen ; and zwar zum Gegenstand ganz inMeinong- 
sehen Sinne des Wortes »Gegenstand«. Ob und wie nun die Freunde des »Dinges 
an sich« finden werden, daß dieser Gegenstandsbegriff zu wenig, die Feinde des 
»Dinges an sich«, daß er zu viel voraussetzt, bleibt abzuwarten. 

1) Diesen Terminus hat Meinong in der Abhandlung »Ueber Gegenstände 
höherer Ordnung« (Ztschr. f. Psychol., Bd. 21, S. 182-272) eingeführt an Stelle 
der »fundierten Inhalte« (Meinong) oder »Gestaltqualitäten« 
(Ehrenfels). Beispiele sind alle auf mindestens zwei Glieder (Inferiora) sich auf- 
bauende Relationen, die Raumgestalten, Melodien (Superiora). 



A. Meinong, üeber Annahmen. 225 

und Wertpsychologie < gibt für das alte Problem der Natur 
des Zusammenhanges zwischen Gefühlen und Begehrungen (S. 215) 
neue Lösungen (S. 230, 239). Anknüpfend an die seit langem zwischen 
Meinong und Ehrenfels geführte und hier durch neue Argu- 
mente fortgeführte Diskussion über das Wesen der Begehrung und 
des Wertes wird die Begehrung als ein nach wie vor nicht auf 
andere Phänomenenklassen restlos zurückführbares Phänomen dar- 
getan, und ebenso das Werthalten als Gefühls-, nicht als Begehrungs- 
phänomen. Zu den Annahmen und den Objektiven treten jene Kontro- 
versen dadurch in Beziehung, daß ich genau genommen nicht A 
begehre, sondern nur, daß A sei oder nicht sei, und daß somit 
jedes Begehren (so gut wie jedes Urteil) sein Objektiv habe (S. 184, 
209). Femer stellt sich das, was Ehrenfels als Einschaltung in 
die subjektive Wirklichkeit (bezw. Ausschaltung aus ihr) in dem 
> Gesetz der relativen Glücksförderung < (Meinong hält zwei 
Gesetze dieses Namens auseinander S. 217) und ebenso in seiner 
Wertdefinition als wesentlich aufgestellt hat, als Annahme heraus: 
ich überlege mir, >wie es wäre, wenn . . bezw. wenn nicht . . .< 
Ein solches Luftschloßbauen ist eben weder schon Urteil noch bloße 
Vorstellung, sondern eben — Annahme. — Aber auch auf zwei neue 
Klassen emotionaler Erscheinungen , Fantasiegefühle und 
Fantasiebegehrungen (§§ 53 ff.), sieht sich Meinong hier 
geführt. Das Ausgangsbeispiel sind die >Furcht< und das >Mitleid<, 
wie sie die Tragödie erwecken soll. »Eine Furcht, bei der man sich 
im Grunde doch gar nicht fürchtet, ein Mitleid, das doch gar nicht 
weh tut, sind nicht Gefühle, wohl aber ein Gefühlsartiges — ebenso 
wie die Annahmen nicht Urteile, wohl aber ein Urteilsartiges sind.< 
Hierdurch gewinnt zunächst das ästhetische Problem der »Einfühlung« 
neue Beleuchtungen. Aber auch von dem Werthalten (als Wertgefühl) 
und Bewerten (als Werturteil) hebt sich nun das > Werten« ab als 
dasjenige Verhalten, bei dem >auf die Annahme von der Existenz 
oder Nicht-existenz eines Objektes mit einem . . Fantasiegefühle rea- 
giert wird< (S. 252). 

Das IX. Kap. >Ergebnisse, Bausteine zu einer Psy- 
chologie der Annahmen< (S. 285— 287) rekapituliert und er- 
gänzt zunächst die bisher gegebenen Beschreibungen der Annahmen, 
bestimmt dann ihre Stellung zu ihrer psychologischen Umgebung 
(einschließlich ihres sprachlichen Ausdruckes § 60) , und es schließt 
mit Vorschlägen zur Systematik und Terminologie, die sich, vom 
neuen Erwerb der Annahmen ausgehend, auf das Ganze der Psycho- 
logie erstrecken. Zur Nachprüfung fordern hier insbesondere folgende 
zwei Vorschläge heraus: Erstens »Urteilen< und > Annehmen« seien 



226 6dtt. gel. Anz. 1906. Nr. 8. 

unter der Bezeichnung >Denken< zusammenzufassen (S. 276 ff.) 
und zweitens der Gebrauch des Wortes >Fantasie« sei dahin zu 
erweitem, daß nicht nur den >Wahmehmungsyorstellungenc > Fantasie- 
vorstellungen < (die hiermit gegenüber den von Meinong 1888 vor- 
geschlagenen >Einbildungs Vorstellungen < rehabilitiert werden)^ sondern 
auch den eigentlichen > Urteilen« die > Annahmen« als >Fanta8ie- 
urteile< an die Seite gestellt werden, wozu noch die >Fantasiegefiihle< 
und » Begehrungen < in dem obigen Sinn kommen. — Es sei dem 
Bef. gestattet, als ein sehr subjektives Reagens auf diese Vorschläge 
seine eigene Situation bei der ihn eben beschäftigenden Neubearbeitung 
seiner Psychologie hier anzuführen: er hat sich bisher nicht ent- 
schließen können, aus allem, was er dem Meinong sehen Buche an 
sachlichen Anregungen verdankt, auch alle die vorgeschlagenen ter- 
minologischen Eonsequenzen zu ziehen. Ist es wirlich geraten, aus 
dem Begriff des > Denkens < das > Vorstellen« auszuschließen? Meinong 
selbst gibt dem Bedürfnis nach einer Zäsur zwischen > Vorstellen«, 
»Urteilen« und >Annehmen< einerseits, >Fühlen« und »Begehren« 
anderseits, allenthalben dadurch Ausdruck, daß er die ersten als in- 
tellektuelle , die letzteren als emotionale Phänomene bezeichnet und 
hiermit wieder unter je einem höheren Gattungsbegriff zusammenfaßt. 
Sollen wir nun für diesen auf das Fremdwort »Intellekt« angewiesen 
sein und auf >Denken« (>6edanke«) künstlich verzichten, nur um es 
für >Urteile« und > Annahme* zu reservieren? Wenn ja doch 
Meinong selbst die Annahmen als > Fantasieurteile« bezeichnet und 
auch sachlich die nahe Beziehung gerade zu den Urteilen überall 
hervorhebt — ist es dann reaktionär und eine Undankbarkeit gegen 
die Entdeckung der Annahme-Tatsache als solcher, wenn ich ruhig 
nach wie vor die zweite Hauptklasse intellektueller Phänomene als 
Urteile bezeichne und höchstens, wo es einem Uebersehen des 
bloßen »Annehmens« gegenüber dem volleren >61auben« zuvorzu- 
kommen gilt, beisetze: >Urteile (, einschließlich * oder , nebst' An- 
nahmen)«? Aehnlich kann es ja geraten sein, angesichts der (auch 
von Meinong S. 283 erwähnten) Abneigung oder dem Ungeschick 
mancher, bei »Vorstellungen« auch an iWahrnehmungsvorstellungen«, 
speziell > Empfindungen« zu denken, geraten sein, den Titel für die 
erste Hauptklasse so zu formulieren > Vorstellungen (einschließlich 
Wahmehmungs Vorstellungen)« und »Wahrnehmungsvorstellungen (ein- 
schließlich Empfindungen)«. — Aber sind denn alle solche Vorschläge 
und Bedenken zur Terminologie überhaupt der Rede wert ? Meinong 
selbst gedenkt (S. 251) >der babylonischen Sprachverwirrung in betreff 
der philosophischen Terminologie, unter der alles wissenschaftliche 
Arbeiten auf philosophischem Gebiete immer noch in so hohem Maße 



A. Mdnong, üeber Annahmen. 227 

Ieidet< und appelliert in einer Anmerkung >an die unvermeidliche 
Selbstentäußerung des einzelnen«. Sollte zu dieser nicht auch ein 
bewußter Verzicht auf das > Bessere« gehören, wenn es ein Feind des 
Guten zu werden droht? Nun fängt sich z. B. kaum erst die Er- 
kenntnis durchzusetzen an, daß es neben den Vorstellungen auch 
Urteile gebe. Ist es wahrscheinlich, daß, wenn man nun den Terminus 
> Urteil < wieder in den Hintergrund treten und den schon so oft 
umdefinierten Terminus > Denken« sozusagen stillschweigend das An- 
wendungsgebiet >Urteil< + > Annahme« Übernehmen läßt, dies das vor 
allem nötige Einleben in die Tatsachen selbst beschleunigen wird, 
was doch die Vorbedingung fär das Einleben einer Terminologie ist? 
— So hält Ref. z. B. auch die Wiederaufnahme des Brentano sehen 
Terminus >Motiyation« (S. 67) nicht nur bei > Begehrungen«, sondern 
auch bei >Urteilen< für gefährlich. Bei Begehrungen besagt >Moti- 
yation« eine Kausation, die bei Urteilen so sicher das Wesen des 
Begriindens nicht trifft, wie sich Realgrund nicht mit Erkenntnis- 
grund deckt. > Motiv« und >Motivat« (ib.) würden durch > Ver- 
mittelndes« und > Vermitteltes« wiederzugeben sein; den Ausdruck 
»Vermittlung« gebraucht ja Meinong selbst, und insoweit die Ana- 
logien zwischen Begehrung anklingen sollen, leistet dies von selbst 
das Wort >Mittel« (z.B. Zweck und Mittel einerseits, Mittel-Begriff 
anderseits). — Doch genug von den Wörtern. Auch in der Sache 
regen die Schlußbetrachtungen aufs mannigfaltigste an; z. B. den 
Ref. zur Frage, warum nicht die Analogie 

Annehmen : Urteilen = Wünschen : Wollen 
ins Auge gefaßt wurde? Vielleicht fiele von da her ein neues Licht 
auf die beschämende crux der deskriptiven Psychologie, daß sich 
bisher nicht recht wollte sagen lassen, um was das Wünschen weniger 
ist als das Wollen. Zudem ergäbe sich aus der Analogie 

Wünschen : Wollen = statisch : kinetisch, 
die ich S. 508 meiner Psych, angeregt habe, wohl auch ein weiterer 
Anknüpfungspunkt zur Prüfung meiner oben (S. 214) gegebenen An- 
regung, 

Annehmen : Urteilen = statisch : kinetisch. — 

Ist es beschämend oder hoffnungsvoll für unsere so oft ange- 
zweifelte und geschmähte Wissenschaft der introspektiven Psycho- 
logie, daß sich an die Entdeckung einer anscheinend allerspeziellsten 
Tatsache, wie es die der Annahmen ist, sogleich wieder neue Fragen 
zu hunderten anschließen? — Schämen wir uns nicht, zu hoffen! 

Prag. Alois Höfler. 



228 GöU. gol. Anz. 1906. Nr. 3. 



W« Sehmidt, 8. Y« D., Grandzüge einer Lautlehre der Mon-Ehmer- 
Sprachen. (Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 
in Wien. Philosophisch-historische Klasse. Band LI. Wien 1905. In Kommission 
hei Carl Gerolds Sohn. 233 S. 4». 

Qrundzüge einer Lautlehre der Khasi-Sprache in ihren 
Beziehungen zu derjenigen der Mon-Khmer-Spr achen. Mit 
einem Anhang: Die Palaung-, Wa- und Riang-Sprachen des 
mittleren Salwin. (Aus den Abhandlungen der K. Bayer. Akademie der 
Wiss. Kl. I, Bd. XXII, Abt. m.) München 1904. Verlag der Akademie, in 
Kommission des G. Franzschen Verlags (J. Roth). S. 675—810. 4°. 

Die Mon- Khmer -Sprachen sowie das Ebasi wurden früher als 
Mitglieder der sogenannnten indo-chinesischen Sprachenfamilie be- 
trachtet. In seinen Beiträgen zur Spracbenkunde Hinterindiens 
(Sitzungsberichte der pbilos.- pbilol. und bistor. Klasse der königl. 
bayer. Akad. der Wiss. 1889. Heft U. S. 189—236), wies sodann 
Kuhn nach, daß die Mon-Kbmer-Spracben als eigene Famile ab- 
getrennt werden müssen, und zeigte, daß sie zu dem Kbasi, den 
Dialekten der Urbewobner Malakkas, dem Nancowry, und den MuQiJä- 
Spracben in engster Verbindung stehen, ohne daß er doch eine Ur- 
verwandtschaft aller dieser Sprachen für erwiesen hielt. >Aber sicher 
scheint es«, sagt er S. 220, >daß einem großen Teile der hinter- wie 
der Yorderindischen Bevölkerung ein gemeinsames Substrat zu Grunde 
liegt, welches von den späteren Einwanderern überscbicbtet wurde, 
aber trotzdem so mächtig blieb, daß noch jetzt in dem ganzen Ge- 
biete seine Spuren erkennbar hervortreten«. 

Auf dem von Kuhn betretenen Wege ist dann Pater Schmidt 
weiter gegangen. In seiner Abhandlung Die Sprachen der Sakei und 
Semang auf Malacca und ihr Verhältnis zu den Mon-Kbmer-Spracben 
(Bijdragen tot de taal-, land- en volkenkunde van Nederlandsch-Indie. 
6. volgreeks, VHI, p. 401 — 583. s'-Gravenhage 1901) kam er zu 
dem Resultate: >die Sakei- und Semang - Sprachen sind den Mon- 
Kbmer-Spracben innerlich verwandt und als ein Glied dieser Gruppe 
zu betrachten«. In seinen beiden neuen Abhandlungen legt er nun 
eine sichere Grundlage für die Beurteilung der Mon -Khmer- und 
Khasi- Sprachen, indem er die herrschenden Lautgesetze feststellt, 
und, soweit dies möglich ist, historisch verfolgt. In seiner Khasi- 
Lautlehre stellt er sodann die folgende Gruppierung der Mon-Khmer- 
und verwandten Sprachen auf: 

I. a) Khasi, 

b) Wa angku, Riang, Palaung, Danaw, 

c) Nicobar. 



Schmidt, Mon-Ehmer-Sprachen. Ehasi-Sprache. 229 

II. Semang, Tembe, Senoi und Sakei. 

III. Mon, Khmer, Bahnar, Stieng, Huei, Suk, Sue, So, Hin, 
Nahhang, Anam, Bersisi, und, merkwürdiger Weise, dieser 
Gruppe, nicht dem Ehasi nahestehend, die Eolh-Sprachen. 
Unter allen diesen Sprachen nimmt Verfasser einen genetischen 
Zusammenhang an, der sodann auch weiter die austro-nesischen (indo- 
nesischen, melanesischen und polynesischen) Sprachen zu umfassen 
scheint. Ueber die letzteren werden wir hoflfentlich bald einer Spezial- 
untersuchung von Schmidts Hand entgegensehen können. Die auf- 
fallende Uebereinstimmung im Wortschatze zwischen ihnen und den 
mit Mon-Khmer zunächst zusammenhängenden Sprachen ist schon 
früher hervorgehoben worden. Um den Zusammenhang näher dar- 
zustellen wird es aber notwendig sein die Lautverhältnisse und die 
für die Wortbildung geltenden Gesetze näher zu untersuchen. Und 
zu einer derartigen Untersuchung ist sicherlich niemand besser aus- 
gerüstet als unser Verfasser. 

Schon die durch seine bisherigen Untersuchungen gewonnenen 
Resultate haben die Ergebnisse von Kuhns Studien vielfach bestätigt 
und erweitert. Kuhn wagte nicht einen genetischen Zusammenhang 
der monosyllabischen Mon - Khmer - Sprachen mit polysyllabischen 
Sprachen wie Mun^ä u. s. w. , ohne weiteres anzunehmen. Dieser 
Grund wird aber hinfällig wenn wir erwägen, daß einerseits die 
Mon -Khmer -Sprachen bloß insofern monosyllabisch sind, als die 
Wortstämme einsilbig sind, während die Wörter selbst durch Zu- 
sammensetzung und durch Hinzufügung von Präfixen und Infixen oft 
mehrsilbig werden. Andererseits aber ist der Wortschatz der Mu^dä- 
Sprachen und des Nancowry noch nicht ordentlich untersucht worden. 
In vielen Fällen läßt sich aber schon jetzt zeigen, daß auch in diesen 
Sprachen das Verhältnis genau dasselbe ist wie im Mon-Khmer: die 
Wurzeln sind einsilbig, die Wörter dagegen mehrsilbig. Ueber das 
Nancowry bin ich nicht in der Lage näher zu urteilen, da es mir an 
Material gebricht. Auf dem vorjährigen anthropologischen Kongresse 
zu Salzburg hat Pater Schmidt einen sehr beachtungswerten Vortrag 
über die uns gerade beschäftigende Sprachenfamilie gehalten, und 
daselbst den Nachweis zu liefern versucht, daß die Mon-Khmer- 
Sprachen ursprünglich Suffix-Sprachen waren. Die Vergleichung des 
Nancowry, das noch heute in großer Ausdehnung Suffixe verwendet, 
hat dabei eine große Rolle gespielt. Diese Sprache muß überhaupt 
von der größten Bedeutung sein für die Feststellung der mannig- 
faltigen Beziehungen zwischen den verschiedenen zu unserer Familie 
gehörigen Sprachen. Um so mehr bedauere ich dieselbe nicht heran- 
ziehen zu können. 



^Ö Oött. gel Anz. 1906. Nr. 8. 

Was sodann die MuQ^ä- Sprachen betrifft, so liegt eine genaue 
Analyse ihres Lautsystems heute noch nicht vor. Es scheint aber 
schon jetzt möglich zu zeigen, daß Verfasser ihre Stellung innerhalb 
der ganzen Familie richtig bestimmt hat, und daß sie in der Tat den 
Mon-Khmer-Sprachen näher stehen als dem Ehasi. 

Die MuQ^ä-Familie umfaßt eine ganze Beihe von Dialekten, von 
denen die meisten bis jetzt höchst ungenügend bekannt sind. Nach 
den Berichten der letzten indischen Volkszählung wurden sie von 
3164036 Individuen gesprochen. Von diesen fallen mehr als die 
Hälfte auf Santäll, welche Sprache eine Anzahl von 1795118 aufwies. 
Santäli ist auch diejenige Mu^^ä- Sprache, die am besten bekannt 
ist Santäll ist aber sehr wenig verschieden von anderen Dialekten 
wie Mu^däri, Bhumij, Birhär, Eö4ä, Ho, Türi, AsurI und Eorwä. 
Diese können als sehr eng miteinander verwandte Dialekte einer 
und derselben Sprache angesehen werden. In der von Grierson ge- 
leiteten sprachlichen Untersuchung Indiens (Linguistic Survey of 
India) werde ich dieselbe mit dem Namen Eherwäri bezeichnen. Un- 
gefähr elf Zwölftel aller Mu^ijäsprechenden , oder genau 2 788 636 
gehörten dieser Sprache an. Nahe verwandt ist auch der Eürkü- 
Dialekt, welcher weiter nach dem Westen, in den sogenannten Central 
Provinces, von 87 675 Personen gesprochen wurde. Femer ab liegt 
das Ehariäy von 82 506 Individuen westlich vom MuQ^än gesprochen, 
Juäng (10853 Sprecher in Orissa), und, weiter nach dem Süden, in 
der Madras Presidency, die Dialekte Savara (von 157 136 gesprochen) 
und Gadabä (37 230 Sprecher). 

Eeiner von allen diesen Dialekten ist von den umgebenden 
Sprachen unbeeinflußt geblieben. Namentlich ist der Wortschatz stark 
mit arischen Lehnwörtern durchsetzt Das grammatische System 
scheint sich auch den\jenigen der Nachbarsprachen zum Teil ange- 
paßt zu haben. Die ausgedehnte Anwendung von Suffixen kann 
z. B. teilweise dem Einfluß dravidischer Idiome zuzuschreiben sein. 

Es zeigt sich nun, daß Ehariä, Savara, und Eürkü den Mon- 
Ehmer-Sprachen näher stehen als Eherwäri. Für Juäng und Gadabä 
ist das Material, das mir zur Verfügung steht, nicht ganz zuverlässig. 
Die beiden Dialekte stehen aber sicher dem Ehariä und dem Savara 
nahe. Die folgende Tabelle, in welcher Santäll als Bepräsentant des 
Eherwäri gebraucht worden ist, zeigt das Yerwandtschaftsverhältnis 
der Zahlwörter. 



Schmidt, Mon-Khmer-Sprachen. Ehasi-Sprache. 



231 





Kher- 
vlri 


Kiirkü 


Kharift 


Savara 


Mon 


Khmer 


Bahnar 


Stieng 


K>%ni 


1 


M«^' 


n^ 


moi 


6o, mt- 


mwai 


fnüy 


moü 


mu6i 


wei 


2 


bar 


ban 


bar 


bär 


ßa 


ß^ 


bar 


bar 


Or 


3 


pä 


aped 


up^ 


yar 


pi 


P^y 


pen 


pH 


lai 


4 


pan 


lipon 


fpan 


uüji 


pan 


puon 


püön 


pu6n 


Sau 


5 


märS 


numo 


moloi 


molloi 


p^sun 


pra 


pödam 


pram 


San 


6 


turiU 


iurül 


tiburu 


tudru, 
turru 


trau 


hran 


tödrou 


prou 


hinrlu 


7 


sae 


^, y^ 


gul 


guUji 


fpah 


grvl 


töpSh 


pifh 


hinnieu 


8 


iriß 


aar 


tham 


tam-ji 


d'cam 


koH 


tanam 


pham 


phra 


9 


arä 


arö 


tomsing 


tim-ji 


d'cü 


kansar 


toxin 


sin 


khyndai 


10 


gäl 


gel 


gol 


galji 


eah 


ucd 


min-jit 


femät 


fipeu 



Zur Umschrift bemerke ich hier, daß ich im großen und ganzen 
Pater Schmidt gefolgt bin. So habe ich mit ihm die aus der Schrift 
erschließbaren älteren Formen für Mon und Khmer aufgenommen. 
Es scheint mir, daß Verfasser mit Recht die gegen dies Verfahren 
eriiobenen Bedenken zurückgewiesen hat. Dagegen habe ich auch in 
den Mon-Khmer-Sprachen die Palatale in der für indische Sprachen 
gewöhnlichen Weise durch c, ch, j, jh und fi, bezeichnet, und y an 
die Stelle von Schmidts j gesetzt, um Einheitlichkeit zu erzielen. 
Für das Khasi habe ich Pater Schmidts Umschrift unverändert be- 
lassen, so daß y einen irrationalen Vokal bezeichnet. Die sogenannten 
Halbkonsonanten der Mu^^äspr&chen bezeichne ich in der herkömm- 
lichen Weise als k\ c\ t\ p\ 

Die Tafel zeigt deutlich, daß die MuQcJäzahlwörter den Mon- 
Khmer-Formen näher stehen als denjenigen des Khasi. Man ver- 
gleiche namentlich die gemeinsamen Präfixe in den vier ersten und 
in dem Zahlwort sechs. Khariä und Savara stimmen näher zu Mon- 
Khmer in den Zahlwörtern sieben bis neun, als Kherwärl und KürkQ. 
Savara scheidet sich aber aus in den Formen für drei und vier. 

Auch in anderer Beziehung ist es möglich eine Klassifikation 
der Mu^iJ&sprachen in bezug auf ihr Verwandtschaftsverhältnis zu 
Mon -Khmer zu unternehmen. In mehreren Fällen steht im Kher« 



232 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

wäri ein h, wo Eürkü, Khariä, Juäng, und wahrscheinlich auch 
Savara und Gadabä k aufweisen. Zum Beispiel Kürkü Jcön, Santäli 
hän, Sohn; Eürkn Jcön, Santäli hä-hä, rufen; Kürkü Jcäküj Santäli 
hälcö, Fisch; KürkQ Jcörö, Santäli här, Mann; Kürkü Jcoiyö, Sant&li 
hoßj hoyon, Wind ; Kürkü hölöma, Khariä kolong^ Santäli holon, Korn ; 
Kürkü kBnde, Santäli hende, schwarz. 

Die Yergleichung mit Mon-Khmer zeigt, daß Kherwärl in solchen 
Fällen die ursprüngliche Sachlage geändert hat. Vgl. Mon kön^ 
Kind; ka, Fisch; %ä, Luft; Khmer ^Mä, Santäli &aAa, Blume, u.s.w. 

In vielen Fällen finden wir in einigen Mu9(JStsprachen vollere 
Formen als in anderen. Vgl. Kürkü und MuQ(j[ärI ßlü , Santäli jd^ 
Fleisch; Kürkü iö/ö, Mu^däri Aöra, Santäli A4r, Weg; Kürkü rfm, 
Santäli rtmi, ausfinden. Die vollere Form ist dann die ursprüng- 
lichere, wie die Vergleichung mit verwandten Sprachen zeigt Oft 
liegt die Sache so, daß ein einsilbiger auf Vokal auslautender Stamm 
mit einem Präfix ausgestattet ist. Der Schlußvokal wird dann elidiert, 
und das Wort wird wieder einsilbig. Vgl. Kürkü körö, Mup^ärl härä^ 
Santäli häj-j Hö hö, Mann, mit Khasi brTu, Mann, Mon trü, männlich ; 
Kürkü kiää, Santäli ^u/, Mon kla, Tiger; Kürkü ;uma, Khariä flieiitt, 
Gadabä imi, Santäli fiii-tu-m, Korwä yum, Mon ymu, Khmer jhmöh, 
Name ; Kürkü öte, Santäli ät, Mon ti, Khmer /iy, Bahnar teh^ Stieng 
iSh, Erde ; Kherwärl bir, Khmer brSi , Bahnar und Stieng bri, Wald ; 
Santäli sJfi, MuQ^äri singT, Gadabä sii, Mon tnäij Khmer thnäiy^ 
Khasi sni, Sonne, Tag, u.s.w. 

Es zeigt sich somit, daß Kürkü und die südlichen Muncjädialekte 
den Mon -Khmer -Sprachen näher stehen als Kherwärl. Unter den 
Kherwäridialekten hat oft das MuQ^äri ältere Formen bewahrt. Daß 
Kürkü und Mu^cjärl näher mit den Mon - Khmer - Sprachen überein- 
stimmen als z. B. Santäli, ist auffallend, wenn wir bedenken, daß sie 
weiter von ihnen entfernt sind als die letzterwähnte Sprache. 

Es ist schon oben bemerkt worden, daß die Wurzeln und Stämme 
der Mon- Khmer -Sprachen zwar einsilbig sind, daß die Wörter aber 
mittelst Anfügung von Affixen gewöhnlich mehrsilbig gemacht werden. 
Dasselbe ist auch im Khasi und den Mu^däsprachen der Fall. Auch 
hier stellen sich die letzteren näher zu Mon -Khmer als zu Khasi, 
insofern als die letztere Sprache die Verwendung von Infixen stark 
eingeschränkt hat, was bei den anderen nicht der Fall ist. Da der 
Mu9(j[äwortschatz meines Wissens noch nie auf die Verwendung von 
Affixen hin untersucht worden ist, wird es vielleicht von Interesse 
sein einige hierher gehörende Tatsachen zusammenzustellen, wobei 
ich aber keinenfalls auf Vollständigkeit Anspruch mache. 



Schmidt, MoihElimer«SpTachen. Ehasi-Sprache. 283 

Zunächst sehe ich von der häufigen Verwendung von Suffixen 
in der Flexion der Mu94äsprachen ab. Auch in der Wortbildung 
seheinen Suffixe früh verwendet gewesen zu sein. Vergleiche das 
schließende m in Santäli ö-m, geben (em-ad-e-a oder e-wad-e-a, gab 
ihm), Eürkü f; Santäli ;ä.m, essen {a-jä, zu essen geben); Eürkü 
anji^mf hören (änjöen, gehört), u. s. w. ; das Suffix kü in Kürkü kä-Jcu 
(Mon ka), Fisch; rü-kü (Mon ruäi), Fliege, und anderes mehr. In 
seinem früher erwähnten Vortrage auf dem Salzburger Anthropologen- 
Kongreß hat Pater Schmidt die Suffixfrage in ihrem vollen Umfange 
aufgenommen, und ich will nicht versuchen seinen Resultaten hier 
vorzugreifen. 

Wie im Mon -Khmer so spielen in den Muj|;i<}äsprachen Präfixe 
und Infixe eine bedeutende Rolle in der Wortbildung. Zunächst ein 
paar Worte über die Präfixe. Ich sehe dabei von den häufigen 
Repetitionen und Reduplikationen der Wurzel ab, da diese in jeder 
Santäligrammatik behandelt worden sind. 

Ein vokalisches Präfix findet sich in einer Reihe von Fällen, 
z. B. Santäli ayup\ Abend, Khmer yub, Nacht; Kürkü öte, Erde, 
Mon ti; Santäli ipil, Stern, Mon p^hlOj glitzern, funkeln, Khmer 
bhluh, hell, leuchtend; Santäli isin, kochen, Mon ein, Bahnar im, 
Stieng sin; Santäli äräc\ zerreißen {räc\ wegreißen), Mon sräk. In 
mehreren Fällen wird ein Präfix a vor Verbalstämmen gesetzt, um 
eine Art von Permissiven oder Faktitiven zu bilden. Zum Beispiel 
Santäli q-fiu, zu trinken geben, von flu, trinken ; a-jä, zu essen geben, 
von järm, essen; q-krifi, verkaufen, von hiriüy kaufen. Dies a ist 
vielleicht verwandt mit dem a, das einem Pronomen vorangeht, wenn 
ee als indirektes Objekt gebraucht wird; z. B. Santäli -q-ri, mir; 
-o-m, dir; >a^6, ihm. Dies a wird dann oft mit dem Vorschlag eines 
w gesprochen. So z. B. Santäli e-to-ad-e-a, gab ihm. Das Präfix a 
kann deshalb verwandt sein mit dem Kürkü Präfix wä, das Permis- 
siva bildet ; z. B. die' eng-ken wa-^en-hä, er läßt mich gehen. 

Wie das Khasi und die Mon-Khmer-Sprachen scheinen auch die 
MuQiJäsprachen eine zweite Stufe zu kennen, in welcher noch ein 
Nasal hinzugefügt wird. Hierher gehört vielleicht Santäli and-kul, 
zum Tiger werden. 

Ein Gutturalpräfix wird sehr häufig verwendet. Da k in Kher- 
wäri oft zu h wird, werden viele mit h anfangenden Wörter hierher- 
zuziehen sein. Man vergleiche Formen wie Kürkü, kö-rö, Mun^ftri 
hä-räj Khasi b-riu, Mann; Kürkü k^n, Savara ön, Mon Ä-ön, Sohn; 
Kürka ha-la^ Santäli ku4, Mon k-la, Tiger; Santäli ho-n, Mon k-ni, 
g-nij Bahnar Ä:d-n?, Stieng kö-nei, Ratte; Santäli ha-ram^ alt, Khmer 
nem, älterer Bruder; Santäli ka-bak^ mit einem spitzigen Gegenstand 

Gȟ gel. Abs. 1906. Nr. 8. 16 



234 Gott, gel Ans. 1906. Nr. 8. 

berühren, hdk\ an einem Dorne stecken bleiben; Santftll g-ur^ fallen, 
Khmer ür, e^, Kbasi Or; Santäll gi4k\ schlafen, Mon 8-<ii-6-tofl, 
Khmer t^k^ Bahnar t^. Die zweite Stufe dieses Präfixes liegt vor 
in Savara kin-sor^ Gadabä ghusö^ Stieng stfu^ Ehasi k-seu, Hund; 
Savara kim-botl. Schwein; kim-pon^ Khmer höh, Bauch, u. s.w. 

Ein Palatalpräfix scheint vorzuliegen in Santftll japity liegen, vgl. 
Stieng bic\ Kürku jü-mü, Name, vgl. Ehmer jhmöh; und ein Dental- 
präfix in Formen wie Santäl! tthrüi^ Mon t-rau, sechs; Ehariä ^m- 
soflg, Feuer; Khariä tom-sing^ Savara tim-ji^ Stieng sin^ neun. Die 
letzten Beispiele zeigen wiederum die zweite Stufe der Präfixbildung. 

Ein Labialpräfix liegt vor in Formen mebär, zwei; Santäll 6ir, 
Khmer brei^ Bahnar und Stieng 6rt, Wald; Kürkü bi-tt, Santäll fr^-te, 
reif, vgl. Khmer pMe, Bahnar und Stieng plei^ Frucht; Santali qric^ 
und beb'aric\ viel; Santäli 6a-Aa, Khmer phkä, Blume, u. s.w. Es 
fängt mit m an in Formen wie Santäli m-ü^ ein; märyäm, Stieng 
ma-fiamj Bahnar pham, maham, Blut. 

Auch Präfixe, welche mit Liquidae oder einem Zischlaut anfangen, 
kommen vor. Man vergleiche Khariä ro-mong, Kherwärl tnd, Mon 
muh^ Nase, und vielleicht Kurkü lu-tür, Uon ktöw, Bahnar /dn, Ohr; 
MuQdärl 5i-n^7, Khasi s-ni, Mon ^ndi, Sonne, Sonne; Santäli «a-n^Vt, 
Mon jornai, Khmer ch-näy, Bahnar Sö-ftai^ Stieng nai, fem; Savara 
sifif suüf Juäng iyä, Mon s-ni, Stieng fli, Haus, u. s.w. 

In der Anwendung von Pfäfibcen in der Wortbildung stimmen die 
MuQdäsprachen sowohl mit Khasi als mit Mon-Khmer Uberein. Es 
ist nur zu merken, daß das Präfibc gewöhnlich einen vollen Vokal hat. 

Neben den Präfixen verwenden die MuQdäsprachen auch in 
großer Ausdehnung Infixe, ganz wie es in den Mon-Khmer-Sprachen 
der Fall ist, während diese Art der Wortbildung in Khasi zwar vor- 
liegt, aber doch kaum mehr als eine lebendige bezeichnet werden 
kann. 

Ein Infix A' ist sehr allgemein zur Bildung von Intensiven, be- 
sonders von Verben, welche mit einem Vokal anfangen. So z. B. 
Santäll äk'dl von äl^ schreiben; bek'nao von benao, machen. Dasselbe 
Infix bildet auch Distributivzahlen und einige Pronominalstämme. 
Vergleiche Santäli eVäe^ je sieben, von eäe^ sieben; nük'üi^ eben 
dieser, von tiui, dieser. 

Die Dentale sind durch ein t- und ein n-Infix vertreten. Das 
f-Infix scheint Verbalnomina zu bilden; vergleiche Santftll flu-to-m, 
Name, von num^ nennen; ä-iä-häp^ Anfang, von ähäp\ anfangen; 
bo-to-r^ Furcht, von bor^ fürchten. Auch das n-Infix ist nominal- 
bildend. So z. B. Savara tub, teilen, ta-nu-b^ Teil; Santäli aka^ 



Schmidt, Mon-Ehmer-Spracheii. Khasi-Sprache. 235 

hSogen, a^kp-kfa), ein Bambus zum Aufhängen von Kleidern; hah\ 
an einen Haken hängen, ba-na-h^ Haken; dapät^ bedecken, da-na-pal, 
HfiUe; mueaV und miMiu-cat^ Ende. Das Infix kommt auch in 
KollektiYzahlwörtern und Verben vor. Vergleiche Santäli ba-na-r^ 
beide; i>o-iio-n, alle vier; ^heeok^ nnddhe^-cok^ hinken; Kürkü fhar 
und fka-nä-r, stehen, bleiben, u. s.w. 

Ein p-Infix wird verwendet, um Eollektiva und reziproke Verben 
zu bilden. So z. 6. Santäli maajhi, ein Hanptmann, mchpa-njhi, eine 
Sammlung von Hauptleuten; daram, begegnen, da-pa-ram, sich be- 
gegnen. Bisweilen wird die Bedeutung durch dies Infix nicht wesent- 
lich geändert; z. B. hän und A<S-pd-n, Sohn. 

Ein Mnfix scheint vorzuliegen in dem Frequentativ-Suffix bara 
und fto-i-ra, und in Intensivbildungen wie ha-b-ric* von bqric\ zer- 
stören; ie-fr-r^' von beret\ au&tehen; burum und bu-b-rum^ brilten, 

U.8.W. 

Auch l und r werden infigiert. Man vergleiche Santäli du-ru-p', 
Ma94än dup\ sitzen; Santäli &e-re-<', Eürkü bü\ aufstehen; Santäli 
d-fflk-ib^ Khariäoo (d. h. wohl oik'% Haus; Eürkü öt^ und ö-le-t^ aus- 
gehen; Santali ge4e-c\ aushöhlen, ge€\ abschaben, u. s.w. 

Es zeigt sich somit, daß die Wortbildung der Mui^^äsprachen 
nach denselben Prinzipien erfolgt wie im Ehasi und, in noch höherem 
Grade, in den Mon-Ehmer-Sprachen. Den letzteren stehen sie auch 
im Wortschatz und im grammatischen System besonders nahe. Zwar 
kann in dieser Beziehung von einer durchgehenden Uebereinstimmung 
keine Rede sein, da die Mu^^äsprachen hier wohl zweifelsohne von 
anderen indischen Sprachformen beeinflußt worden. In denjenigen 
Punkten aber, die Pater Schmidt hervorhebt, und in welchen sich 
das Ehasi von den Mon-Ehmer-Sprachen unterscheidet, stimmt die 
Mnj^däfamilie mit den letzteren Uberein. Was die persönlichen Pro- 
nomina betrifit, so hat sie z. B. nichts dem Ehasisystem der Plural- 
bildnng entsprechendes. Sie hat neben dem Plural auch ein Dual, 
und Doppelformen des Duals und des Plurals der ersten Person, die 
einen den Angeredeten einschließend, die anderen ihn ausschließend. 
Dagegen kennt sie ebenso wenig wie die Mon-Ehmer-Sprachen die 
dem Khaai eigentümliche Unterscheidung des Geschlechts. Die ver- 
schiedenen Formen stimmen auch in vielen Einzelheiten überein, wie 

ans der nachstehenden Tafel leicht ersehen kann. 



16^ 



I 



236 



Qött. gel Anz. 1906. Nr. 3. 





Ehasi 


Santäli 


Bahnar 


ich 


fki 


ifi 


iü 


ich und du 




äAüii 


ba 


ich und er 




Orlm 


üi 


ich und ihr 


ni 


ä'bön 


bön 


ich und sie 


ni 


a-ia 


fion 


du 


fnSj m. ; pho, fem. 


am 


e, bu (Stieng mei) 


ihr beide 




ä'ban 


mieh 


ihr 


phi 


ä'pä 


iem 



Was nun den Wortschatz betrifft, so muß daran erinnert werden, 
daß die zahlreichen Lehnwörter das Verhältnis vielfach trüben, und 
daß eine Analyse der Mu^d^prachen , wie sie Verfasser für Khasi 
und Mon-Khmer geliefert hat, noch nicht vorliegt. Auf ein paar 
Fälle, in welchen sich die MuQdäsprachen näher an Mon-Khmer als 
an Khasi anschließen, kann aber schon jetzt hingewiesen werden. 

1. Auge. — Santäli mat\ Mon tnatj Khasi khfffnat, 

2. Bein. — Santäli jangä^ Mon juifi, Khmer jön, Khasi kyjat. 

3. Blut. — Santäli mäyämj Stieng mdham, Khasi snam. 

4. Fliege. — Santäli rä, Korkü rüha^ Mon ru^», Khmer ruy, 
Bahnar roi, Khasi sJcoin. 

5. Haar. — Kürku hup% Kherwärl up', Mon söJc^ Khasi iniuh. 

6. Nacken. — Kürkü ka-rü, Mon ka\ Khasi ryndan. 

7. Nase. — Kherwäri mä, Mon muh, Khasi Ichmut. 

8. trunken. — Santäli bul^ Mon baßü, Bahnar &uZ, Khasi buäid. 

9. Wasser. — Kherwäri döi', Savara cß, Mon cZäi, Bahnar dot, 
Khasi um. 

Es zeigt sich, daß die Muodäsprachen hier auf dieselbe Weise 
vom Khasi abweichen als die Mon-Khmer-Familie. Vgl. SchmidtB^ 
Khasi-Lautlehre, S. 757. 

Unsere Untersuchung hat also Verfassers Klassifikation, soweit 
die Mu^däsprachen davon betroffen sind, völlig bestätigt. Sie stehen 
den Mon-Khmer-Sprachen besonders nahe. Es wird aber dann sehr 
wahrscheinlich, daß, wenn die letzteren von sowohl Khasi als Mu^^ft 



Schmidt, Mon-Khmer-Sprachen. Khasi-Sprache. 237 

abweichen , mit fremdem Einflüsse zu rechnen ist. So liegt es z. B. 
nahe, an indo-chinesischen Einfluß zu denken, um die Aenderung von 
tönenden Explosivlauten zu tonlosen im Mon-Khmer zu erklären. 
Die durch die Schrift erschließbare ältere Form hat die tönenden 
Laute noch erhalten, in der modernen Sprache aber ist die Aenderung 
vollzogen; vgl. Schmidt, Mon-Khmer, S. 4. Im Khasi aber werden 
die tönenden Laute noch gesprochen, und dasselbe ist bekanntlich in 
den Mu^ijäsprachen der Fall. Man vergleiche z. B. Santäll jati, 
Khmer cAaM, Bein; Kürkü d^c*, Stieng ^^c, brechen; Santäli flre/', 
Mon huty Khmer Icat^ schneiden; Santall hxk\ Mon pen, Khmer 6^, 
Bahnar &^, hen, Stieng hiin^ voll, u. s. w. Es kann keinem Zweifel 
unterliegen, daß die Entwickelung in den Mon-Khmer-Sprachen ver- 
hältnismäßig spät ist. Die indo-chinesischen Sprachen haben nun, 
wie Gonrady nachgewiesen hat, durchgehend die Tendenz tönende 
Explosivlaute in tonlose umzuwandeln, und es liegt deshalb nahe an 
eine Beeinflussung seitens dieser Sprachen zu denken. Das annami- 
tische Tonsystem muß doch wohl durch eine ähnliche Annahme er- 
klärt werden. 

Was konsonantischen Anlaut sonst betrifft, so werde ich mich 
nicht auf Einzelheiten einlassen. Bloß zu einem Punkte werde ich 
eine kurze Bemerkung machen. Verfasser weist nach, daß der ton- 
lose Explosivpalatal c (ch) den Mon-Khmer-Sprachen wie dem Khasi 
nicht ursprünglich ist, sondern aus der Verbindung eines Guttural- 
präfixes mit einem folgenden y- oder ^-Anlaut entstanden ist. Im 
Khasi hat sich dann dies c weiter zu s entwickelt. 

Die MuQ^äsprachen scheinen dies Resultat zu bestätigen. Man 
vergleiche Stieng cal, Khmer Jchydl, Knrkü toi-t/ö. Wind ; Mon chim, 
Santäll mä-^äm, Blut; Mon chu^ Stieng cw, Kürkü tscing, Juäng sim, 
Gadabä sulö, Baum; Mon cäi, Khmer cai, Bahnar si, Stieng sVi, 
Santäl! $e, und Khasi ist, Laus; Mon cß, Bahnar ^em, Stieng cum, 
Kberwäri «fm, Vogel ; Mon ein, Bahnar Sin, Stieng sin, Santäli isin, 
kochen; Khmer cap, Bahnar cep, Stieng cap, Santäli 8ap\ greifen; 
Khmer cök, Santäli 8äk\ hineinstecken. 

In allen solchen Fällen entspricht ein s oder ein y in den 
Mun^äsprachen einem stimmlosen Palatal der Mon-Khmer-Sprachen, 
ganz wie wir nach Pater Schmidts Ausführungen erwarten müssen. 
Ob der tonlose Palatal der MuQdäsprachen auf dieselbe Weise ent- 
standen ist, muß noch untersucht werden. 

Was die Zerebrallaute betrifft, so kommen sie im Khasi nicht 
vor, und in den Mon-Khmer-Sprachen sind sie bloß dem Mon und 
dem Khmer eigentümlich. Der zerebrale Nasal ist in keiner von 
diesen Sprachen ursprünglich, wie Schmidt nachweist. Auch der 



238 Gott gd. Anz. 1906. Nr. 8. 

zerebrale Explosivlaut ist oft sekundär. Vergleiche Mon dak^ Khmer 
d^f Bahnar dak, Stieng däk, Santäll däk\ Wasser; Mon hduh^ hassen. 
Das letztere Wort ist ein Pali-Lehnwort ; vergleiche Pali doso, Haß, 
und auch das erstere geht, wie Verfasser bemerkt, vielleicht auf 
Sanskrit daica zurück, so daß in beiden der Dental sicher ursprüng- 
lich ist. Auch in den Mu^d&sprachen finden wir eine ähnliche Zere- 
bralisierung;* vergleiche Savara da, Gadabä da und da, Wasser. 

Auch zu der Behandlung auslautender Explosivlaute werden wir 
in den Mu^däsprachen Parallelen finden. Eine gemeinsame Eigen- 
tümlichkeit des Khasi und der Mon-Khmer-Sprachen ist es, auslautende 
Konsonanten in verschiedener Weise abzuschwächen. Auf ganz ähn- 
liche Weise werden oft die MuQdäkonsonanten im Auslaut abgeschwächt. 
Was die Verschlußlaute betrifiTt, so unterbleibt in solchen Fällen die 
eigentliche Explosion nach dem Verschluß. Man nennt gewöhnlich 
solche abgekürzte Verschlußlaute Halbkonsonanten. Vergleiche Santäll 
däk\ Wasser; gitic\ schlafen; sap\ greifen, u. s. w. 

In vielen wichtigen Eigentümlichkeiten, im Lautsystem, im Wort- 
schatz und Wortbildung, und in grammatischen Einzelheiten stimmen 
somit die Mu^däsprachen so genau mit den Mon-Khmer-Sprachen 
überein, daß der Zusammenhang zwischen den beiden Familien ein 
genetischer sein muß. Auf ähnliche Weise sind die Mon-Khmer- 
Sprachen mit dem Nancowry und, wie Pater Schmidt hervorhebt, 
auch mit den austronesischen Sprachen verwandt. Eine neue große 
linguistische Famile ist somit aufgestellt worden. Dies getan zu 
haben und den Zusammenhang zwischen den wichtigsten Gliedern der 
Familie bewiesen zu haben, ist schon eine hervorragende Leistung. 
Verfasser ist aber weiter gegangen, und hat in seinen beiden Ab- 
handlungen eine feste Grundlage für die vergleichende Erforschung 
der ganzen Familie gelegt. Da er noch immer auf demselben Ge- 
biete weiter arbeitet, dürfen wir hoffen, daß er noch manche Schwierig- 
keit aus dem Wege räumen wird. Dafür bürgt seine methodische 
Sicherheit, sein Kombinationsvermögen, sein umfassendes Wissen, und 
der Scharfsinn, von dem seine Arbeiten ein so vorzügliches Zeugnis 
ablegen. 

Ghristiania. Sten Konow. 



Nenes Ter-Mikaelian, Dm armenische Hymnariam. 239 



Kenes Ter-MlkaellM, 'Das armenische Hymnariam. Stadien za 
seiner geschichtlichen Entwicklung. Leipzig, J.C.Heinrichs, 
1905. IV, 110 S. M. 4.60. 

Die yorliegende Arbeit, die dem Nebentitel zufolge in erster 
Linie einen Beitrag zur Aufhellung der geschichtlichen Entwicklung 
des armenischen Hymnariums liefern will, gliedert sich in drei äußer- 
lich als ganz gleichwertig hingestellte Kapitel, eins über das heutige 
Hymnarium, eins über seine Geschichte und eins über die Verfasser 
der einzelnen Bestandteile der Sammlung. Das erste Kapitel ist 
jedoch in Wahrheit mehr eine Art Einleitung, und es wäre vielleicht 
gut gewesen, dies sowohl durch eine entsprechende Aufschrift wie 
auch durch die Beschränkung des Umfangs auf ein bescheideneres 
Maß erkennen zu lassen. Denn dieses sogenannte erste Kapitel 
bietet eigentlich nur eine ausführliche, wie gesagt wohl gar zu breit 
angelegte Beschreibung des Hymnariums, das gedruckt vorliegt und 
für einen nicht geradezu unerschwinglichen Preis zu kaufen ist, eine 
Beschreibung, die dem Neuling auf dem Gebiete der armenischen 
Philologie einen recht willkommenen Ueberblick gewähren wird, die 
aber die Forschung um nichts von Belang bereichert und deshalb im 
vorliegenden Werke nur dann einen Sinn hat, wenn sie sich damit 
bescheidet in den Stand der Frage einzuführen. 

Der Verfasser bringt nach einigen Auseinandersetzungen über das 
Alter des heutigen Hymnariums, über die Zahl der in ihm enthaltenen 
Hymnen sowie das Wesen der einen Kanon bildenden Gruppe eine 
vollständige Uebersetzung aller Ueberschriften, wie sie in der Etsch- 
miadsiner Ausgabe vom Jahre 1861 enthalten sind. Wie eine An- 
merkung ausdrücklich hervorhebt, soll die Uebertragung eine mög- 
lichst treue sein ohne Rücksicht darauf, daß dabei ein etwas schwer- 
fälliges Deutsch herauskomme. Nun mag's ja allerdings ziemlich 
gleichgültig sein, wie die Wiedergabe des armenischen Textes den 
Deutschen in die Ohren klingt, wenn auch Uebersetzungen wie 
>Kanon des vierzigtägigen Kommens des Herrn in den TempeU und 
>Kanon des lucemarium des Theophanias« vielleicht doch mehr als 
nur schwerfällig sind. Wenn aber die sogenannte Treue der Ueber- 
tragung, d.h. die mechanische Wörterbuchwälzerei , zu unverständ- 
lichen Ausdrücken führt, dann darf und muß man — scheint mir — 
doch Einspruch erheben. Was soll sich einer, der des Armenischen 
durchaus unkundig ist — und nur für solche Leute ist doch die 
Uebersetzung bestimmt — unter einem neuen Sonntag, unter einem 
großen Freitag denken? Daß letzterer der Karfreitag, ist wird ja 
vielleicht noch von einem scharfsinnigen Leser erraten werden. Sollte 



240 Gott gel Anz. 1906. Nr. 8. 

er aber auch darauf kommen, daß der neue Sonntag der Sonntag 
Quasimodogeniti ist? So wäre auch hier und da ein erläuternder Zu* 
satz, wenn auch nicht gerade notwendig, so doch wenigstens erwünscht 
gewesen. Sicherlich wird es nicht allen Lesern gegenwärtig sein, 
daß der Hymnus auf die 20000 die 20000 in Nikomedien durch 
Feuer umgekommenen Märtyrer feiert, daß Julitta die Mutter des 
heiligen Kyriakos ist und anderes mehr. Bücher sollen doch bis zu 
einer gewissen Grenze auch verstanden werden, und wenn man bei 
seinen Lesern eine so beängstigende Unkenntnis voraussetzt, wie der 
Verfasser es im ersten Kapitel tut, dann darf man auch bei Angaben 
nicht selbstverständlicher Umstände nicht allzusehr mit Worten kargen. 
Eine besondere Bemerkung erfordert der Ausdruck Melodie, der in 
der Uebersetzung der Ueberschriften wiederholt vorkommt. Die acht 
Grundmelodien, von denen der Verfasser S. 4 ohne weitere Erläuterung 
redet, sind keineswegs das, was man im gewöhnlichen Leben unter 
Melodie versteht, sondern Tonarten wie die acht aus der griechischen 
Musik übernommenen sogenanten Eirchentöne oder Kirchenmodi, mit 
denen sie auch fraglos zusammenhängen. Wie in der griechisch- 
christlichen und danach auch in der lateinischen Kirchenmusik den 
vier Haupttonarten, die der altgriechischen dorischen, phrygischen, 
lydischen und mixolydischen entsprechen, vier Nebentonarten gegen- 
überstehn, deren jede, gleicher Tonika mit der entsprechenden Haupt- 
tonart, aus der auf diesem Grundton stehenden Quinte und der 
darunterliegenden Quart besteht, so liegt auch im Armenischen eine 
Scheidung in je vier Kirchenmodi vor, und die Namen zeigen deut- 
lich an, daß Byzanz die Heimat ist. Man vergleiche: 
uiiuuep'ü Xtujb > erster Ton< = xpötoc "^x^^ x&pioc = 

L tonus authenticus. 
uin.uacp% ^miiT >erste Seite < = icpöTog iixo^ icXdYioc = 

U. tonus plagalis. 
irp^npq. Xmjb >zweiter Tou« = deotepog '^/oc xopiog = 

ni. tonus authenticus. 
ttiLjif^ /(n^ >große Seite< = SeGtepog -^x^^ icXi^ioc = 

IV. tonus plagalis. 
tppnpq. hujb > dritter Ton< = tpttoc rixoQ xopiog =« 

V. tonus authenticus. 
/[tun. > feurig < = tpCtoc "^x®^ icXdyiog = 

VI. tonus plagalis. 
Ifippnpq. äuijb > vierter Ton< = i^taprog ifjup^ xöptoc = 

VU. tonus authenticus. 
4Ppi^ >Ende< = tStaptog iix^Q ffXdtYtoc = 

VIIL tonus plagalis. 



Nerses Ter-Mikaelian , Das armenische Hymnarium. 24t 

In drei Fällen entspricht das Armenische dem Griechischen ja 
nnn allerdings nicht. Aber die für uitMiq. ^nqj] ^mn. und ^^^ ge- 
brauchten Abkürzungen ^f , ^ und qJ^ lassen sich nur als die dem 
griechischen Ausdruck angemessenen Worte irpipnpq. Iinif »zweite 
Seite <, tppnpq. ^n^ > dritte Seite < und inppnpq. ^nq^ > vierte Seite < 
auflösen. 

Am Schluß des ersten Kapitels, bei der Angabe der Literatur, 
stoße ich dann noch auf eine Bemerkung, in der ich auch ein auf- 
klärendes Wort glaube äußern zu müssen. Bei der im großen und 
ganzen übrigens durchaus anerkennenden Erwähnung von Avetikhians 
Arbeit über die armenischen Hymnen bemerkt der Verfasser: 
> Avetikhians großes Werk ist ein wertvolles Hilfsmittel, um den 
Text lexikalisch und grammatikalisch richtig zu verstehn. Allein es 
muß vorsichtig benutzt werden, da der Verfasser katholisch ist und 
ein starkes dogmatisches Interesse in dem ganzen Werk äußert. < 
So allgemein hingestellt, ohne den allergeringsten Versuch der An- 
gabe, worin denn die — mir übrigens unbekannten — Schäden des 
dogmatischen Vorurteils zu Tage treten, ist eine derartige Bemerkung 
eine Ungehörigkeit. Ich würde aber den Fall doch ruhig unerwähnt 
lassen, wenn es sich nur um eine vielleicht etwas unüberlegte Be- 
merkung eines vereinzelten Schriftstellers handelte. Das ist aber 
leider nicht der Fall. Es ist vielmehr der verständnislos nur aus- 
wendig gelernte Ausdruck einer Anschauung, die fast das ganze 
Etschmiadsiner Lager beherrscht, einer Anschauung, die von einem 
ja leicht verständlichen Haß gegen eine gefahrdrohende stärkere 
Kirche ins Leben gerufen und dann bei der jüngeren Generation 
durch die auf den deutschen Hochschulen wirkenden protestantischen 
Theologen noch einigermaßen genährt worden ist. Aber in wissen- 
schaftlichen Angelegenheiten sollte man sich doch eines derartigen 
Parteihaders enthalten und unbefangen und dankbar jeden Beitrag 
annehmen. Und namentlich armenische Philologen dürften nicht ver- 
gessen, daß sie den größten Teil ihrer Errungenschaften katholischen 
Theologen verdanken. Es soll den letzteren damit nicht etwa ein 
besonderes Kompliment, zumal nicht den Protestanten gegenüber, 
gemacht werden. Vielleicht ist nur der Umstand, daß katholischen 
Theologen die geistige Betätigung in Fragen der eigenen Kirche nur 
in begrenztem Maße gestattet ist, bei ihnen ein Antrieb zur Be- 
arbeitung verwandter Gebiete geworden. Aber wie es auch sein 
mag, die angegebene Tatsache bestreiten kann nur der, der nichts 
von der Sache versteht oder lügt. In erster Linie sind es natürlich 
die Mechitharisten , deren Tätigkeit von jedem billig denkenden. 



242 Gott. gel. Ans. 1906. Nr. 8. 

Forscher dankend anerkannt werden sollte, ohne deren Arbeit, soviel 
Mängel sie auch haben mag, wir einfach um hundert Jahre zurück- 
versetzt würden; und die katholischen Theologen anderer Nation 
haben sich mindestens energischer in die armenischen Eirchenver- 
hältnisse eingearbeitet und infolgedessen auch mehr für deren Auf- 
hellung getan als ihre evangelischen Amtsgenossen. Es liegt mir fem, 
in Bausch und Bogen alles gutzuheißen, was auf S. Lazzaro und in 
Wien hervorgebracht worden ist. Ich verkenne nicht den Mangel 
an Kritik, der manche fleißige Arbeit nur allzusehr geschädigt hat. 
Aber erstens lassen sich solche Mängel auch anderwärts entdecken, 
und dann sind das doch andere Dinge als Fälschungen, seien es voll-, 
seien es halbbewußte, und wer, was in Etschmiadsin gang und gäbe 
ist, anderen Forschem derartige Fälschungen vorwirft, der übemimmt 
auch die Verpflichtung sie nachzuweisen. Sonst bleibt eben nichts 
anderes übrig als eine einfache, niedrige Verleumdung. Zudem sollte 
man sich etwaigen dogmatischen Vorurteilen gegenüber in Etschmiadsin 
doch auch des Wortes bewußt bleiben, daß die, die im Glashause 
sitzen, besser nicht mit Steinen werfen. Man überlege sich beispiels- 
weise doch einmal emstlich die von kindischer Wut eingegebenen 
Sophistereien, mit denen Earapet Ter-Mkrttschean im Ararat (1902, 
S. 809—830) Oelzers Ansicht zu widerlegen versucht, daß Aschtischat 
die geistliche Hauptstadt Armeniens gewesen sei. Man besehe sich 
doch einmal etwas genauer die entsprechenden Spiegelfechtereien in 
Erwand Ter-Minassiantzs leichtfertiger, von der philologischen Sektion 
der Universität Leipzig angenommenen Dissertation (Die Beziehungen 
der armenischen Kirche zu den syrischen bis zum Ende des 6. Jahr- 
hunderts), für die eine andere Universität — man erzählt, Gießen 
— dem Verfasser die Würde eines Licenciaten verliehen hat, was 
nun die weitere Folge hat, daß er in der Verlagsanzeige der zu 
einem größeren Buche erweiterten Dissertation als Prof. Lie. Dr. er- 
scheint (das Buch selbst kenne ich nicht, da ich nach dem Vor- 
geschmack der Dissertation zur Enthaltsamkeit entschlossen bin). 
Und wenn man sich dann fragt, wie es möglich ist, die bei allem 
Redeschwulst im Kern einfache nüchterne Erzählung des Faustus von 
Byzanz durch das Zeugnis der Wundergeschichten des Agathangelos 
widerlegen zu wollen, dann bleibt nur die Vermutung bestehn, daß 
die uralte Heiligkeit von Etschmiadsin eben aus naheliegenden Gründen 
auf keinen Fall beanstandet werden darf. Nun will ich zwar dem 
Verfasser des hier vorliegenden Buches gem zugestehn, daß er sich 
in Gegensatz zu den beiden genannten Herren redlich bemüht, die 
Quellen unbefangen zu prüfen; aber er hat sich eben noch nicht in dem 



Nene« Ter-Mikaelian, Das anneniBche Hymnarium. 349 

Maße von Vorurteilen losreißen können, wie die streng wissenschaft- 
liche Arbeit es erheischt. Diesen Mangel an Kritik zeigt deutlich 
das zweite Kapitel. Drei Fragen sind es, deren Beantwortung dort 
yersucht wird, die nach dem Alter des Hymnariums, wie es heute in 
Gebrauch ist, die nach seiner Gestalt vor der letzten großen Be- 
arbeitung durch Nerses Schnorhali und die nach dem ersten Auf- 
treten von Hymnen in der armenischen Kirche Überhaupt Die Be- 
antwortung der beiden ersten Fragen, der man im großen und ganzen 
zustimmen kann, stützt sich hauptsächlich auf die Handschrift 202 
der Bibliothek der Wiener Mechilharisten-Kongregation, die aus drei 
Teilen besteht und das allmähliche Anwachsen des Hymnenbestandes 
anschaulich vor Augen ftthrt. Die Untersuchung führt zu dem Er- 
gebnis, daß Nerses Schnorhali (1112—1173) die zu seiner Zeit vor- 
liegende Hymnensammlung etwa um ein Fünftel des heutigen Um- 
fangs vermehrt hat, und daß die Gestalt des heutigen Hymnariums 
in allen wesentlichen die Anordnung betreffenden Zügen bis zum 
letzten Drittel des 13. Jahrhunderts zurückzudatieren ist. Die sich 
daran anschließenden Bemerkungen über das erste Auftreten be- 
stimmter Hymnen werden jedoch wohl hier und da noch Einschrän- 
kungen erfahren, wenn weitere Handschriften herangezogen werden. 
S. 51 heißt es beispielsweise, die Magnifikate zur Auferstehung des 
Herrn, der fünfte bis achte von den acht Kanones für alle Ver- 
storbenen seien in keiner Handschrift vorhanden, die laut Datierung 
älter als das 15. Jahrhundert sei. Dem widerspricht aber z. B. eine 
Handschrift der königlichen Universitätsbibliothek zu Tübingen aus 
dem Jahre 1316 (Ma XUI 22), in der nur ein Teil des siebenten 
Kanons für alle Verstorbenen fehlt, die anderen hier angeführten 
Hymnen aber schon vorhanden sind. Und so dürfte manche Hand- 
sdirift aus der urwaldartigen Etschmiadsiner Bibliothek noch uner- 
wartete Aufschlüsse bringen. Es ist überhaupt zu bedauern, daß der 
Verfasser, der schon vor Beginn des Satzes seiner Arbeit aus 
Deutschland nach Armenien zurückkehrte, nun nicht noch einige 
wenige Monate mit der Drucklegung wartete und die reichen Mate- 
rialien, die ihm in Etschmiadsin zur Verfügung standen, wenigstens 
zum Teil ausnutzte. Was nun die dritte Frage anbetrifft, wann die 
Hymnen überhaupt zuerst in der armenischen Kirche im Gebrauch 
erscheinen, so legt sich der Verfasser da eine Reserve auf, die viel- 
leicht doch etwas übertrieben ist. Es ist gewiß richtig, daß man 
nicht jeder historischen Notiz ohne weiteres Glauben schenkt. Aber 
unbegründetes Anzweifeln dürfte nicht weniger folsch sein als unbe- 
gründetes Zutrauen. Der Bericht des Kyriakos von Gandsak aus 



244 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. S. 

dem 13. Jahrhundert, in dem von einer Revision des Hymnariums 
unter Nerses III. (640—661) erzählt, also ein ziemlich hohes Alter 
vorausgesetzt wird, ist nach des Verfassers Meinung durchaus unzu- 
verlässig. Schon beim ersten aufmerksamen Lesen des Berichts falle 
die sagenhafte Art der Erzählung auf — was ich übrigens von mir 
nicht behaupten kann — , ferner sei es auffällig, daß andere Historiker 
nichts davon erzählten — was mir auch nicht gerade von großer 
Bedeutung zu sein scheint — , und endlich widerspreche Eyriakos 
sich selbst durch eine Erzählung an andrer Stelle — was allerdings 
Bedenken erregen müßte, wenn es der Fall wäre — . Nun, diese 
Stelle ist die, wo Eyriakos einen beträchtlichen Teil des Hymnariums 
schon den Uebersetzem des 5. Jahrhunderts zuschreibt, eine Stelle, 
über die der Verfasser folgendermaßen referiert: >Er schreibt ihnen 
fast das ganze Hymnarium, die Hymnen für Herrenfesttage, alle 
Heiligen, Bußzeit, alle Verstorbenen zu und endet mit den Worten 
,. . . verschiedene und zahllose, die bis zu dem heutigen Tage in 
den armenischen Kirchen gebraucht werden.'c Hierzu muß ich 
nun leider zunächst bemerken, daß Kyriakos etwas ganz anderes 
sagt, als man nach dem Referate vermuten sollte, daß er vor allem 
keineswegs den Uebersetzern fast das ganze Hymnarium zuschreibt. 

Er sagt : Wp^'pt'^ ^ h-p^ ^^piul^iuUuiß »g¥'q_gp L. f^lp'gp^ hqmbml^tuL. h. 
A& lunn^nn.n^ ilahn^uuah ^^\nhumnuh L. j^uiiLUiuuonh'uij tuuiumlrmltlt h 
muiSiunh^ JIUimnL.ß-lnultlt L. lrl^tuL.npnL.p-lruilab jt ^^^ß-u»Ljim II jY^nnLMUin^J* 
dtti-ji ytuntuß-nilL ^p^ptubtuß L. ju»pnL.ß-builab ^ ^uiJpuipXJutlih L. ^nqj-tn 
^mtumlrmlab^ fuut^ L. bl^lrqbßt-nj ^ L. u»jl_ mttbjtß mtpni^mlpubutß ^ II upana 
utißrlblrßHi^j uiupu^Jumpni-P-lnub L. uiißritiujb *^fl'g^l^g^ u^f^ututuu L. «lullratf» 
muLm II. u^ß-jfLM^ np i^lb^ ßiujuop upu^ft J^^^qp'ßl^ ^unutumuibinuMa 

d. h. »Sie schufen auch Hymnen süß und schön an Melodie und 
gedankenreich zur Geburt Christi und zur Darbringung im Tempel, 
zur Taufe und zur Ankunft in Bethania und in Jerusalem, zur 
großen Passionswoche und Auferstehung, zur Himmelfahrt und zur 
Herabkunft des Geistes, auf das Kreuz und die Kirche und zu 
anderen Herrenfesten, und zu Allerheiligen, zum Bußfeste und zu 
Allerseelen, verschiedenartige und mannigfaltige und zahllose, die 
bis heute in der armenischen Kirche in Gebrauch sind.« Wenn man 
nun selbst annehmen wollte, unter den anderen Herrenfesten seien 
sämtliche anderen Herrenfeste als die genannten zu verstehn, was 
aber offenbar nicht der Fall ist, dann kommt noch immer nicht fast 
das ganze Hymnarium heraus, sondern ein ganz bescheidener 



Nerses Ter-Mikaelian, Das anneziische Hymnarium. 245 

Bruchteil desselben. Davon kann sich jeder leicht überzeugen, der 
die lange, vom Verfasser S. 5— 8 in Uebersetzung aufgestellte Liste 
der Ueberschriften der einzelnen Bestandteile des heutigen Hymna* 
riums vergleicht. Nach dem Referat klingt es freilich so, als ob 
Eyriakos alle auf Heilige gedichteten Hymnen den Uebersetzem des 
fünften Jahrhunderts zuschriebe, und man könnte sogar vermuten, 
er habe außer den bereits erwähnten noch verschiedene, zahllose 
derselben Periode zugeteilt. Es ist aber ganz klar, daß sich up^n^ 
mSrbbßntX nur auf das Allerheiligenfest beziehen kann. Wie könnte 
Kyriakos sonst an anderen Stellen seines Werkes bestimmte Hymnen 
auf bestimmte Heilige ganz bestimmten Verfassern zuschreiben, die 
lange nach den sogenannten Uebersetzem lebten? Und was den 
Schlußsatz anbetrifft, so erwähnt derselbe ganz entschieden keine 
anderen, vorher nicht ins Auge gefaßten Hymnen, sondern bemerkt 
nur, als Apposition zu dem Verhergehenden, daß die genannten 
Hymnen verschiedenartig und groß an Zahl sind. Wäre es anders, 
80 würde der Satz durch L >und€ angeknüpft worden sein. Dieser 
Bericht soll also mit der erwähnten, S. 55 mit deutscher Uebersetzung 
abgedruckten Erzählung von der Revision des Hymnariums unter 
Nerses UI. in Widerspruch stehn. Die Stelle lautet in der Ueber- 
tragung des Verfassers: »Es geschah einmal, daß er (Nerses HI.) 
mit einer sehr großen Menge von allen Seiten des Landes am Feier- 
tage der Verklärung in Baguan war. Und die Hymnen in der 
armenischen Kirche waren so zahlreich geworden, daß eine Provinz 
die der anderen nicht kannte. Eine Seite fing den Hymnus aus dem 
Kanon der Verklärung an, die andere aber konnte es nicht wechsehi, 
und es wurden viele Hymnen gewechselt, aber man kannte auch 
nicht die anderen. Darauf wählte der Patriarch Nerses unter Zu- 
stimmung der Synode die brauchbaren und die nützlichen, damit in 
allen Kirchen jeden Tag ein und derselbe Gottesdienst sein soll, 
nach der Bestimmung des Tages. Und man wählte gelehrte Männer 
ans, damit sie das ganze Land Armenien bereisen und dieselbe 
Ordnung stiften sollten, die bis zu dem heutigen Tage ist.« Diese 
Uebertragung gibt in einem Punkte das Original nicht in verstehbarer 
Weise wieder — von Ungelenkigkeiten des Ausdrucks sehe ich 
natürlich ab — , nämlich in dem mechanischen Ersatz des armenischen 
t^b^L ^^^^ >wechseln<. Es handelt sich um einen Antiphonal^^ 
gesang. Die eine Partei begann einen bestimmten Hymnus, aber 
die andere, mit demselben nicht hinlänglich vertraut, wußte nun 
licht mit dem Oegengesang richtig einzufallen, was Kyriako» korzi 



246 G5tt. gel. Anz. 1906. Nr. 8. 

durch n^ ^T«*^ ^n\plri_ angibt. Im folgenden Satz wird dann ^nfmirg^ 
im eigentlichen Sinne angewandt, d. h. sie ließen einen Wechsel von 
Hymnen eintreten, versuchten es mit anderen Hymnen, bei denen 
der Wechselgesang aber auch nicht gelang. Inwiefern widersprechen 
sich nun die beiden Stellen aus Eyriakos' Oeschichtswerk? Da ich 
den Widerspruch nicht zu sehn vermag, lasse ich den Verfasser 
selbst reden: >Wir wollen davon absehn, daß zu Lebzeiten Eyrakos' 
(der Verfasser gebraucht stets diese Mischform aus Kopiaxöc und 
\^^pm^ttu) das Hymnarium schon durch Nerses Schnorhali sehr viel 
bereichert und verändert war ; wir wollen davon absehn, daß Kyrakos 
die ganze Tätigkeit der vor- und nachnersesianischen Zeit den Ueber- 
setzern zugeschrieben hat; woher weiß Kyrakos, daß die von den 
Uebersetzem gedichteten Hynmen noch immer im kirchlichen Ge- 
brauch sind? Beide Berichte verneinen sich gegenseitig. Es heißt 
nicht Nerses HI. oder Barsegh Wardapet Tschon hätten die Dich- 
tungen der Uebersetzer in aller Treue bewahrt und nur Dichtungen 
anderer Verfasser gestrichen; es heißt vielmehr ,die brauchbaren 
und nützlichen', dann kann auch nicht davon die Rede sein, daß alle 
die aufgezählten Hymnen, die zu Lebzeiten Kyrakos' im Gebrauch 
waren, Anspruch auf die Namen der Uebersetzer erheben könnten.« 
Nun, glfickauf zur Entzifferung dieser rätselhaften Inschrift! Einen 
kleinen Beitrag hierzu kann und muß ich jedoch auch liefern. Ich 
kann dem Leser wenigstens erklären, wie es kommt, daß der Vardapet 
Basilius, genannt Dschon (des Verfassers Barsegh Wardapet Tschon), 
von dem in Kyriakos' Bericht nichts zu lesen war, so unerwartet 
den Schauplatz der Diskussion betritt Zwei im letzten Drittel des 
19. Jahrhunderts herausgegebene Werke erzählen nach ungenannten 
Quellen, Nerses HI. habe den Vardapet Basilius, genannt Dschon, 
mit der Aufgabe betraut, die Auswahl der Hymnen vorzunehmen. 
Diese beiden Berichte, die der Verfasser vorher besprochen hatte« 
sind nun offenbar in der Hitze des Gefechts in seiner Erinnerung 
mit den Angaben des Kyriakos zu einer einheitlichen feindlichen 
Erzählung verschmolzen. Es versteht sich von selbst, daß ich mit 
alledem nicht behaupten will, dem Bericht des Kyriakos sei ein un- 
bedingtes Vertrauen entgegenzubringen. Es mag sein, daß alles 
falsch ist, was er zu dieser Frage sagt. Ich meine nur, man müsse 
auch dem Werke eines längst dahingegangenen Schriftstellers, das 
von Anfang bis zu Ende den Eindruck einer ruhigen, nUchtemen 
Erzählung macht, soviel Achtung zollen, daß man seine Angaben 
nicht ohne jeden Grund beanstandet. Die wiederholt aufgeworfene 
Frage, woher Kyriakos das alles wisse, läßt sich überall stellen und 



Nenes Ter-Mikaelian, Das armeniBche Hymnariom. 247 

bringt einen doch wohl übertrieben wohlfeilen Skeptizismus zum 
Ausdruck. Woher weiß z. B. derselbe Eyriakos das kleine, sicher- 
lich leicht der Vergessenheit ausgesetzte Ereignis, daß der Patriarch 
Photios Yon Konstantinopel seinem Briefe an den König Aschot I. 
ein Stückchen vom Kreuze Christi beilegte oder wenigstens etwas, 
was er dafär hielt oder ausgab? Das weiß der Verfasser wahrschein- 
lich auch nicht, und ich weiß es auch nicht. Aber das weiß ich, 
daß Kyriakos etwas durchaus Wahres erzählt Denn der nur armenisch 
erhaltene Brief des Patriarchen Photios (IlpaBocJiaBHUJt IlajecTHHCRUt 
GdopHHR'L, ToitbXI, BunycRX nepBBifi 210—213, ^h^/i^ P^iß'^s 
279—282) schließt mit den diesen Bericht bestätigenden Worten: 

^mi^btA ft t^m^maiuiükm^ Wßtmniju^plb^m^ i|iiiiiim.iiifitf2Er (fim^u >Wir 

schicken Deiner tapferen Familie und hohen Persönlichkeit das An- 
denken des Segens von dem angebeteten gottempfangenden, verehrten 
Kreuzet. So dUrfte aber wohl noch manches bestätigt werden, was 
heute, wenn's nicht in den Kram paßt, kurz beiseite geschafft wird, 
und auf jeden Fall ist das die Aufgabe, die entlegensten Winkel 
nach Zeugnissen zu durchstöbern, nicht das billige Prunken mit 
Nichtwissenkönnen. Auch hinsichtlich des Gebrauchs der Ausdrücke 
MVft/oir »Psalm<, Irpf ^iifLap >geistliches Lied< und anderer dürfen 
wir uns, glaube ich, nicht einfach mit den Ergebnissen des Verfassers 
beruhigen. Er weist auf eine Stelle hin, wo der Ausdruck >geist- 
liches Lied< auf einen Psalm angewandt wird, und schließt nun, daß 
dieser Ausdruck immer diese Bedeutung habe. Ist es nun aber 
nicht auffällig, daß wiederholt von Psalmen und geistlichen Liedern 
geredet wird? Ich gebe zu, es kann einfach Tautologie sein, was 
namentlich bei Faustus von Byzanz naheliegt, dessen umqJnu^i^ L 
^üvL^ W^/*®*^ III 11 noch nicht sein schlimmstes Beispiel sein 
würde. Ich gebe auch zu , daß Koriuns umqJhu^i.^ L op^L%p-lrutir^ 
L Irpfo^ ^nfLnpo^ »mit Psalmou, Lobgesang und geistlichen Liedern < 
(S. 42. 45) auffällig an Eph. 5, 19 und Kol. 3, 16 erinnert. Aber man 
hat doch sicherlich auch im alten Armenien nicht nur in Zitaten 
geredet und sie vor allem doch sicherlich nicht immer angewandt, 
wenn sie nicht paßten. Und sollte nicht eine andere Stelle bei 
Koriun, wo er sagt, Mesrop habe kluge und lernbegabte Knaben mit 
zarter Stimme und langem Atem (jirpiwpnf^u) um sich versammelt 
(S. 21), durch den Ausdruck jirptucft ^^P^ziell auf den Hymnen- 
gesang hinweisen? Es ist zuzugestehen, daß der Ausdruck nicht ini 



348 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

Entferntesten zwingend ist. Aber der lange Atem spielt bei der 
Psalmenrezitation eine so yerhältnismäßig bescheidene, bei dem 
armenischen Hymnengesang mit seinen außerordentlich lang hin- 
gezogenen Tönen eine so große Rolle, daß ich meine, man denkt bei 
der Lektüre von Koriuns Bericht unwillkülich an Hymnen. Zur Be- 
antwortung der Frage nach den Verfassern der einzelnen Hymnen 
werden sieben Quellen ausgenutzt: die Verfasserliste am Ende des 
heutigen, in Etschmiadsin gedruckten Hymnariums, Angaben des 
Martyriologiums, Berichte von Geschichtsschreibern, der die Hymnen 
behandelnde Abschnitt aus dem Buch der Fragen von Gregor von 
Tathey, ein aus dem 17. Jahrhundert stammendes Gedicht eines 
Priesters Stephanos, die Verfasserliste am Anfang des gedruckten 
Hymnariums und endlich Angaben in verschiedenen Handschriften. 
Die ersten beiden Quellen fertigt der Verfasser, und hinsichtlich der 
ersten unbedingt mit Recht, als wenig bedeutend kurz ab. Wichtiger 
erscheinen ihm die Historiker und unter diesen vor allen der kurz 
vorher noch so unfreundlich behandelte Eyriakos, dessen Bericht 
über die Erweiterung des Hymnariums durch Nerses Schnorhali 
> völlig zuverlässig ist«. Der Abschnitt aus dem Buch der Fragen 
ist im Grundtext und einer Uebersetzung angeführt, das Gedicht des 
Stephanos leider nur im Urtext, da eine Uebersetzung nach des Ver- 
fassers leider nicht begründeten Ansicht überflüssig ist, und die Ver- 
fasserliste am Anfang des gedruckten Hymnariums, die merkwürdiger- 
weise als die maßgebende Quelle bezeichnet wird, ebenfalls nur in 
der Grundschrift. Die Randnotizen der Hymnarienhandschriften werden 
nur ganz nebenbei kurz behandelt, was zu bedauern ist. Denn ge- 
rade da läßt sich noch neues finden. Das Ergebnis der ganzen 
Untersuchung ist im wesentlichen wieder weise Beschränkung: was 
nach Nerses Schnorhali geschieht, liegt klar vor, das frühere weiß 
man nicht. 

Alles in allem muß ich sagen: die vorliegende Arbeit ist ver- 
früht und übereilt. Das soll nicht besagen, daß sie schlecht sei, 
keine Leser verdiene. Leser möchte ich ihr im Gegenteil recht viele 
wünschen, und ich bezweifle auch nicht, daß heute, wo es in Europa 
noch so jämmerlich um eine armenische Philologie bestellt ist, mancher 
aus dem Buche Gewinn ziehen wird. Uebereilung zeigt schon äußerlich 
die Fülle von Flüchtigkeiten, die der Verfasser leicht hätte vermeiden 
können. Ich rede nicht von den Mängeln des Ausdrucks, die man 
dem Ausländer nicht allzusehr verübeln darf und die ich in letzter 
Linie aufbauschen möchte, da ich mir bewußt bin, wie ich selbst in 
fremden Sprachen rede und schreibe. Das aber konnte vermiedeii 



Nerses Ter-Mikaelian , Das armenische Hymnarium. 249 

werden, daß armenische Wörter bald in Originalbuchstaben, bald in 
Umschrift erscheinen, und zwar ohne jeden erkennbaren Plan, daß 
der Titel Vardapet einigemal, wie es sich auf deutsch gehört, vor 
dem Namen steht, meist aber diesem folgt, daß Eigennamen ganz 
nach Laune bald in armenischer, bald in griechischer, bald in latei- 
nischer Form angeführt werden und dergleichen mehr. Diese Plan- 
losigkeit zeigt sich aber auch in größerem Stil trotz scheinbar 
scharfer Gliederung in den drei Kapitelüberschriften, und vor 
allem darin, daß das Buch keinem bestimmten Leserkreis angepaßt 
ist. Leuten, die ohne Kenntnis des Armenischen an das Buch heran- 
treten, nützt es nichts, daß ein ihnen unverständliches langes und 
langweiliges Gedicht und gar über drei Seiten des gedruckten 
Hymnariums ohne Uebersetzung vorgelegt werden. Für die Mit- 
forschenden aber enthält das Buch viel zu viel des Elementaren, ist 
es übermäßig in die Breite gezogen. Man kann sich überhaupt des 
Eindrucks nicht erwehren, daß eben ein Buch um jeden Preis schnell 
fertig gemacht und dabei doch auf einen stattlichen Umfang gebracht 
werden sollte. Und das ist schade. Es wäre besser gewesen, der 
Verfasser hätte alles das, was er hier niedergelegt hat, noch einige 
Zeit als eine Vorarbeit zurückbehalten und sich dann tief in die 
vielen Hymnarienhandschriften versenkt, die Etschmiadsin ihm zur 
Verfügung stellen konnte. Da würde sich sicherlich noch manches 
Rätsel gelöst haben und vielleicht schon ein grundlegendes Ergebnis 
möglich geworden sein. Wie die Sache nun aber einmal liegt, kann 
man nur wünschen, daß er das Studium nicht für abgeschlossen 
halten möge, weil sein Buch abgeschlossen ist, und sich selbst daran 
mache, es durch ein anderes Werk zu ersetzen, das dasselbe Problem 
auf breitestem Grunde behandelt. Der Dank, den man ihm auch 
jetzt schon für seine Mühe schuldet, wird ihm dann in bedeutend 
erhöhtem Maße dargebracht werden können. 

Groß-Lichterfelde. Franz Nikolaus Finck. 



Glti. f«l. Ans. 190e. Nr. S. 17 



250 Gott. gel. Ans. 1906. Nr. 8. 



Reeneil des Historlens des Gaules et de la Franee. Tome vingt-quatri^me, 
contenant les enqu^tes administratives du r^gne de Saint-Louis 
etla Chronique de 1 'Anonyme deB^thune, p.p. Leopold Delisle. 
Premiäre et seconde parties, Paris 1904. 885* and 940 S. folio. 

Es ist eine gewaltige Fülle bisher unbekannten Materiales, die 
Delisle mit gewohnter Meisterschaft hier vor uns ausbreitet, und es 
wird geraume Zeit dauern, bis es gelingt, die überreiche Gabe zu 
verarbeiten und in den gangbaren Hilfsmitteln zur allgemeinen 
Kenntnis zu bringen. Der Inhalt des zur Bequemlichkeit der Be- 
nutzer in zwei Halbbäude gegliederten Bandes (mit fortlaufender 
Seitenzählung) gliedert sich folgendermaßen: Im Vorwort gedenkt 
Delisle in ehrenden Worten seines Lehrers Natalis de Wailly, auf 
dessen Anregung die Aufnahme urkundlicher Quellen in die letzten 
Bände des Recueil zurückzuführen ist. Unter diesen waren be- 
sonders in Aussicht genommen die Protokolle der Umfragen, die 
König Ludwig der Heilige veranstalten ließ, um den fortwährenden 
Klagen der Untertanen über Beamtenwillkür möglichst gründlich ab- 
zuhelfen. Die Geschäftsführung der ordentlichen Beamten mußte 
durch außerordentliche, durch Königsboten, wie man in Erinnerung 
an karolingische Zeit sagen würde, geprüft und dem König unmittel- 
bar Bericht erstattet werden. Solche 'Königsboten waren unter 
Ludwig fast sämtlich Geistliche, zumeist Dominikaner und Franzis- 
kaner. Die beiden neuen Orden stellten sich demnach durchaus in 
den Dienst der werdenden modernen Monarchie. Die politische 
Bedeutung guter Verwaltung war natürlich auch den Vorgängern 
Ludwigs nicht entgangen. Seinem Großvater Philipp August werden 
schon in den Briefstellern aus dem ersten Regierungsjahrzehnt sehr 
beherzigenswerte Grundsätze zugeschrieben. Aber erst seit dem 
Anfang des 13. Jahrhunderts, seit der ganz unverhältnismäßigen 
Gebietserweiterung des französischen Staates durch die vormals eng- 
lischen Besitzungen auf dem Festlande, mußte die Frage brennend 
werden, ob es gelingen würde, die neu gewonnene Bevölkerung mit 
der Veränderung der Dinge auszusöhnen und zu guten Franzosen 
zu machen. Bemerkenswert und in hohem Grade rühmlich erscheint 
für die französische Verwaltung , daß die von Richard Löwenherz so 
furchtbar ausgesogene Normandie gar keinen Versuch gemacht hat, 
bei England zu bleiben, diese Landschaft, auf der doch die Kraft 
des anglo-normannisch-angevinisch-aquitanischen Reiches vornehmlich 
ruhte. Delisle hat alle Klagen-Protokolle, deren er habhaft werden 



Recueil des Historians de« Gaules et de U France. XXIV. 251 

konnte — die meisten sind verloren gegangen — in diesem Bande 
vereinigt. Die Absicht des Königs ging dahin, die schlechten Ver- 
walter zu strafen und aus seiner Tasche den angerichteten Schaden 
zu ersetzen, ein Streben, das heute etwa bei den Erwägungen über 
Entschädigung unschuldig Verurteilter in Erinnerung gebracht werden 
kann. Waren die Geschädigten selbst oder ihre Erben nicht aufzu- 
finden, so wandte Ludwig ihren Anteil den Armen zu. Aus der Er- 
laubnis, die ihm der Papst dazu gewährt, ersehen wir, daß es dem 
König in vollkommen idealer Auffassung seines Fürstenamtes darum 
zu tun war, sein Gewissen zu entlasten und das in seinem Namen 
geschehene Unrecht wieder gut zu machen. Die Nachfolger des 
frommen Herrschers entsandten auch ihrerseits Kommissare, aber der 
Geist war jetzt anders. Es war nicht mehr von Billigkeit und Er- 
barmen mit dem kleinen Mann die Rede, sondern von den Mitteln, 
durch hohe Geldstrafen den Fiskus zu bereichem. Delisle versäumt 
nicht, ausdrücklich zu betonen, daß die Klagen ein durchaus ein- 
seitiges Bild der königlichen Verwaltung geben, weil darin nur die 
Mißbräuche zur Sprache kommen. 

Eine ganz ungeheure Arbeit steckt in dem Verzeichnis der 
königlichen Baillis und Seneschalle von den Anfängen bis zum 
Regierungsantritt Philipps von Valois (S. 15*--270*). Es wird immer 
allen, die sich mit der inneren Geschichte Frankreichs befassen, die 
wertvollsten Dienste leisten. Einzelheiten herauszugreifen ist kaum 
möglich. Ich erwähne nur, was über die Pr^vöts von Paris gesagt 
wird, da diese gelegentlich eine politische Rolle gespielt haben« 
Recht schwierige verfassungsgeschichtliche Fragen mußten dabei ge- 
streift werden. 

Vom Standpunkte der deutschen Geschichte sei hingewiesen auf 
die Baillis der Freigrafschaft und der Stadt Lyon (S. 179*flF.). Im 
Jahre 1296 urkundet ein Ritter als Bailli Philipps des Schönen in 
der Grafschaft Burgund. In Lyon setzt derselbe König 1292 einen 
>gardiator< ein, der gleich seinen späteren Amtsgenossen die An- 
gliederuug des ehemaligen kaiserlichen Gebietes an Frankreich 
wesentlich förderte. 

Als »Preuves de la Preface (S. 271*— 368*) sind 262 Urkunden 
und Aktenstücke zusammengestellt, von denen nur weniges schon ge- 
druckt war. Ein alphabetisches Verzeichnis [Register] (S. 373* bis 
385*) erleichtert Nachforschungen nach einzelnen Beamten der 
Zentralverwaltung. 

Dann beginnen die Texte. S. 1—750 werden die Klagen, queri- 
moniae, und die Umfragen, inquisitiones, abgedruckt. Die meisten 

17* 



252 Gott gd. Anz. 1906. Nr. 3. 

stammen aus dem Jahre 1247, sonst 1248. Die übrigen Stücke, 
darunter gewahrte Entschädigungen (restitutiones) , Einwände gegen 
erhobene Klagen (exceptiones) , Urteile der Eönigsboten (sententiae 
a regiis nunciis prolatae), reichen von 1254 — 1269. 

Ganz besondere Beachtung verdienen für die allgemeine Kirchen- 
gescbichte jene Einwände gegen die Klagen, die in den albigensischen 
— wenn der Ausdruck gestattet ist — Gebieten gemacht wurden. 
Die Sache verhielt sich so: die Feinde des nordfranzösischen 
Königtums waren teils nach der ersten Eroberung teils nach den 
wiederholten Aufständen ihres Besitzes beraubt worden. Sie reichten 
Vorstellungen gegen das ihnen gegenüber geübte Verfahren ein und 
diese . wurden geprüft. Oft handelt es sich darum , ob einer ein 
faiditus gewesen, das heißt seinem alten Herrn treu geblieben war. 
Der vereidigte Zeuge bekundet beispielsweise gegen die Klage der 
Rica : dixit se vidisse fratrem Ricae faiditum tempore comitis Montis- 
fortis (2, 245 ; Nr. 1). Ein andermal heißt es : Arnaldus fuit immuratus 
pro haeresi, ipso teste viOente (Nr. 7). Aus dem Munde von Augen- 
zeugen bekommen wir auch Mitteilungen über die großen Ereig- 
nisse während der Eroberung des ketzerischen Südens durch den 
Norden. 

Völlig anderer Art ist die S. 750 — 775 erstmalig abgedruckte 
Chronik des Anonymus von B^thune. Delisle nimmt an, 
worin man ihm beipflichten wird, daß der Verfasser derselbe ist, wie 
der der sogenannten Histoire des dues de Normandie et des rois 
d' Angleterre , und eben dieser ist, wie Holder -Egger in den MGH. 
SS. 26, 699 gezeigt hat, ein Anonymus von B^thune. Der Wert der 
Chronik ist nicht gering. Für die Geschichte der Schlacht bei 
Bouvines hat Luchaire sie schon für seine anziehende Schilderung in 
der Histoire der France, die Lavisse herausgibt, benutzt. Ueber den 
Tod^) Kaiser Friedrichs des Rotbarts bringt der Anonymus S. 755 
einen kurzen Bericht, der zusammengefaßt werden mag: Der Kaiser 
schlug sein Zelt am Ufer eines Flusses auf, der nicht sehr groß 
war. Mehrere Ritter nahmen der Hitze wegen ein Bad und er auch. 
Er sah, wie einer der Ritter dem Ertrinken nahe war, und keiner 
Hilfe zu bringen wagte. Da wollte er selbst es tun, aber der Er- 
trinkende klammerte sich an ihn und beide kamen um. »Es war 
einer der schmerzlichsten Unglücksfälle, die der Chri.9tenheit zustoßen 
konnten.« \. 



1) Infolge eines Versehens ist der Todestag in der Anmerkt jng 5 falsch an« 
gegeben worden. Es maß heißen: 10. Jon! 1190. \ 



Recadl des Eistoriens des Gaules et de la France. XXIV. 253 

Was die Herkunft des Berichtes anlangt, so ist zu bemerken, 
daß Robert V. yon Bethune auf dem Wege nach dem heiligen Lande 
in Sutri starb (S. 756), wohin er in der Begleitung des Grafen 
Philipp von Flandern gegangen war.^) Der Anonymus dürfte sich 
im Gefolge der Herren befunden und den Grafen in das christ- 
liche Lager vor Äkkon begleitet, hier auch die Kunde vom Tode 
des Kaisers gehört haben. In der grundlegenden Abhandlung 
Riezlers^ finde ich diese Todesursache, nämlich infolge des Ver- 
suches, einen anderen zu retten, nicht erwähnt und meine daher, 
daß sie sonst nicht quellenmäßig belegt ist. Auch sie dient wohl 
dem Zwecke, den zufällig beim Bade erfolgten Tod des Kaisers 
moralisch wertvoll zu machen. 

Von den Mitarbeitern Delisles ist Simeon Luce während des 
Druckes gestorben. Elie Berger, der Verfasser der Werke über 
Blanka von Kastilien und die Beziehungen Ludwigs IX. zu Innocenz IV., 
hat sich durch die Anfertigung der ausgedehnten Register kein ge- 
ringes Verdienst erworben. Nicht anders als mit aufrichtigem Danke 
kann man von der trefflichen Veröffentlichung scheiden. Nur eines 
vermißt man : jede Andeutung über eine Fortführung des Recueil des 
Historiens de la France. Möchte es dem Altmeister der französischen 
Geschichtsforschung vergönnt sein, die weitere Sammlung der fran- 
zösischen Chronisten nach neuem Plane auf Grund seiner einzigen 
Quellenkenntnis in die Wege zu leiten ! 

Jena. Alexander Cartellieri. 



1) Ueber die Beteiligung Philipps von Flandern am dritten Ereozzuge 
habe ich im zweiten, soeben erschienenen Bande des Philipp Aognst gehandelt. 
Vgl. S. 161. 

2) Der Kreuzzug Kaiser Friedrichs I., Forsch, z. d. Gesch. 10 (1870), Bei- 
lage 2, S. 126.: Das Ende des Kaisers in Geschichte und Sage. 



954 Gdti gel. Ans. 1906. Nr. 3. 



JeM TMw, Vie d'alHadjdj&dj ibn Yousof, d'apr^s les sources 
a r ab es. Paris 1904, Ubrairie E. Bouillon. XXI, 364 S. 13 fr. 

In der Einleitung beißt es, Musa b. NuQair im Occident und 
Haggag b. Jusuf im Orient seien, von den Cbalifen abgesehen, die 
beiden hervorragendsten Gestalten in der islamischen Geschichte 
während der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach der Higra. 
Musa sei in Europa bekannt, Haggag dagegen kaum, jedenfalls nicht 
nach Verdienst und nicht nach dem Maße der reichen Kunde über 
ihn in den arabischen Quellen. Diese Lücke solle durch das vor- 
liegende Buch ausgefüllt werden. 

Das erste Buch behandelt die Herkunft, die Kindheit und das 
erste Auftreten des Helden. Das Material darüber wird sehr voll- 
ständig und sehr ausführlich zusammengestellt. Es sind meist ten- 
denziöse Anekdoten, in denen sich das Urteil der Späteren abspiegelt 
Niederer Abkunft war Haggag schwerlich, da seine Mutter eine vor- 
nehme Frau war; zum Schulmeistergehilfen wird er vielleicht deshalb 
gemacht, weil er sich später Verdienste um die Lesung des Korans 
erwarb. Auch sein Debut in dem Feldzug gegen Mug'ab liegt im 
Dunkeln; es ist sehr zu bezweifeln, daß er als Jüngling schon der 
Pädagoge gewesen sei, der die Disziplin im verlotterten Heere des 
Abdalmalik hergestellt habe. Eigentümlich ist die Meinung P^riers, 
daß Haggag seine Vaterstadt Tftif der Vergessenheit entrissen habe. 
Aus Täif stammten doch auch Abu Ubaid (Muchtftrs Vater), Ziäd b. 
Abihi (der Vater Ubaidallahs) , Mughira b. Schu'ba. Der letztere 
soll allerdings bloß ein Poet gewesen sein, und zwar offenbar kein 
po^te remarquable; denn es wird nicht wie bei Ka'b al Aschqari 
gerügt, daß Brockelmann ihn in seiner arabischen Literaturgeschichte 
anzuführen vergessen hat. Die ältesten Genossen des Propheten 
sollen >Missionarec betitelt sein; man wußte das bisher nur von 

Zubair, dem ^j]y^ (abessinisch = Apostel). Ebenso hat man bisher 
unter ^li^l ^IJ^I nicht rejetons des serpents verstanden, sondern 
Söhne von unverehelichten Müttern. 

Das zweite Buch handelt von Haggag als dem Zuchtmeister des 
Iraq, namentlich von der Niederwerfung der Chavärig und des Ibn 
Asch'ath, und von den Kämpfen in Choräsan und Indien. Die mili- 
tärischen Berichte der Quellen werden viel ausführlicher reproduziert 
als es für eine Biographie des Haggag erforderlich war, der zwar die 
Heere ausrüstete und die Befehlshaber instruierte, selber aber ge- 



Pdrier, Vie d'alHadjdjftdj ibn Yonsof. 265 

wohnlich nicht mit ins Feld zog. Erst im dritten Buch tritt seine 
Person wirklich in den Vordergrund. Wichtige Maßnahmen seiner 
Verwaltung kommen zur Sprache, die wichtigste aber, sein Versuch 
zur Steuerreform, wird keineswegs nach Verdienst gewürdigt. Mit 
Liebe wird dagegen aber seine Beziehungen zu dem Herrscherhause, 
zu seiner Verwandtschaft und zu den Dichtern geredet; zum Schluß 
über seinen verschieden beurteilten Charakter, Über seinen Tod 
und über die Reaktion gegen seine Partei unter dem Ghalifen 
Sulaiman. 

Parier versichert öfters, er habe die Absicht, sich nur auf das 
wesentliche zu beschränken. Das ist ihm indessen nicht gelungen. 
Er ist zu sehr an die Tradition gebunden und erhebt sich nicht über 
den Rohstoff. Er stellt das Unbedeutende und Nichtige auf eine 
Linie mit dem Wesentlichen. Er übt auch keine literarische Kritik. 
Er bevorzugt nicht grundsätzlich die älteren Berichte vor den 
späteren, die immer parteiischer und anekdotischer werden; er unter- 
scheidet bei Tabari nicht dessen Autoritäten, auch wenn dieser 
sie angibt — das ist zwar manchmal nicht nötig, aber auch, 
wo es nötig ist, wird es unterlassen. Die großen Probleme der 
inneren Geschichte des Islams, die in der Zeit des Haggag spielen, 
werden nur oberflächlich berührt und meist ganz unselbständig nach 
der herrschenden Meinung gelöst; sie werden weder klar gestellt 
noch klar beantwortet. So z. B. das Verhältnis der politischen und 
religiösen Parteien zu einander ; die Rivalität der Kalb und Qais, der 
Jemen und Mudar und die Verallgemeinerung der partikularen Zwiste 
zu einem großen Stammdualismus, der das ganze Reich durchzieht; 
die Stellung der Mavftli zu den arabischen VoUbUrgem; der Anta- 
gonismus zwischen den Provinzen, besonders zwischen Syrien und dem 
L:&q. Es kommt alles nicht recht heraus. Wäre das Werk vor 
einem halben oder einem ganzen Jahrhundert erschienen, so wäre 
es als Stoffsammlung willkommen gewesen. Im Jahre 1904 bedeutet 
es keinen Forschritt über Weil hinaus, es ist schon beim Erscheinen 
veraltet. Einer ausführlichen Begründung dieses Urteils an dieser 
Stelle bin ich überhoben, weil sie schon vorliegt in meinem Buche 
über das arabische Reich und seinen Sturz (Berlin 1902) und in den 
Vorarbeiten dazu, den Prolegomena zur ältesten Geschichte des Is- 
lams (Berlin 1899), dem Referat über die Kämpfe der Araber mit 
den Romäern (Göttingen 1901) und der Abhandlung über die religiös- 
politischen Oppositionsparteien im alten Islam (Berlin 1901). Parier 
ist indessen noch jung, ä^ve diploma de P^cole pratique des hautes 
^tttdes, und die Schuld am Mißlingen sdner Arbtit, als einer hiMo- 



256 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 3. 

rischen Leistung, liegt zum größten Teil daran, daß es ihm an der 
nötigen Wegweisung gefehlt hat. Man kann es bedauern, daß so 
viel Fleiß und Eifer ihn nicht zum Ziel geführt bat; aber er hat 
sich doch einigermaßen in die Quellen hineingelesen, und diese 
Arbeit wird für ihn nicht verloren sein. Was er nicht ist, ein 
Historiker, kann er noch werden. 

Göttingen. Wellhausen. 



Berlchttgang. 



Man lese: 
S. 99 Z. 12 V. 0. satun statt sätun. 
S. 112 Z. 18 y. u. fi-Deklination statt a-Deklination. 
S. 134 Z. 6 V. 0. HaerutoulaftR statt Haerutoulafir. 
S. 146 Z. 10 v.o. tel statt tel. 
S. 148 Z. 12 y. 0. und daß statt und das. 

Czemowitz. Th. y. Grienberger. 



Für die Redaktion verantwortlich: Prof. Dr. Rudolf Meißner in GGttmgen. 



April 1906. No. 4. 

Friedrieh Spitta, >Ein feste Burg ist unser Oott«. Die Lieder 
Luthers in ihrer Bedeutung für das evangelische Kirchen- 
lied. Gottingen, Vandenhoeck und Ruprecht 1906. ¥111,410 S. Mk. 12.—. 

Zwei traditionellen Anschauungen will Spitta mit diesem Buche 
den Todesstoß geben: 1. der Anschauung, als sei die klassische 
Periode des evangelischen Kirchenliedes der Reformationszeit, wie 
sie vor allem durch den Namen Luther gekennzeichnet werde, die 
Periode des objektiven Bekenntnisliedes. Dem stellt Spitta die These 
entgegen: Das Neue im evangelischen Eirchenliede gegenüber der 
Objektivität der dogmatischen und liturgischen Formen der katho- 
lischen Kirche besteht in dem Ausdruck des religiösen Indivi- 
dualismus. 2. Die hergebrachte Anschauung, als sei Luther erst 
1623/24 unter der Aufgabe, für die Gemeinde Kultuslieder zu dichten, 
zum Dichter geworden, ist falsch. Vielmehr stammen die meisten 
seiner 1524 ans Licht getretenen Dichtungen aus früherer Zeit. Da- 
mit nimmt Spitta eine These wieder auf, die schon Achelis in einem 
Marburger Programm 1883 durchzuführen gesucht hatte, ohne dafür 
Zustimmung zu finden. Seine Entstehung verdankt das Buch der 
Kontroverse zwischen Größler und Tschackert über die Entstehungs- 
zeit des Lutherliedes: >Ein feste Bürge. Daher steht dieses Lied 
im Mittelpunkt der Untersuchungen Spittas, daher gibt dieses Lied 
auch dem Buche den Titel. 

Mir ist nicht zweifelhaft, daß Spitta mit der ersten These voll- 
kommen recht, mit der zweiten ebenso unrecht hat. Das lahme 
Schlagwort von der Objektivität des reformatorischen Kirchenliedes, 
das sich von Handbuch zu Handbuch schleppt, wird hofifentlich in 
Zukunft verschwinden. Uebrigens hat schon Nelle, das sei nicht ver- 
schwiegen, in seinem Schriftchen: Geschichte des deutschen evan- 
gelischen Kirchenliedes (Hamburg 1904) einer neuen und richtigeren 
Betrachtung, wenigstens Luther gegenüber, Raum gegeben (S. 24fif.; 
Spitta S. 373). Man kann der ersten These Spittas zustimmen, ohne 
deshalb auch die zweite annehmen zu müssen. Er selbst glaubt 

Ottt f^l. Ins. 190«. Nr. 4. 18 



258 Gott gel Anz. 1906. Nr. 4. 

f reilich, daß aus der ersten die zweite folge, weil er Eultuslied und 
persönliches Lied in einen strikten Gegensatz stellt. Wir werden 
uns davon überzeugen, daß er damit unrecht hat. Das Buch ist 
nun so temperamentvoll und mit Aufbietung eines so reichen ge- 
lehrten Apparates und mit soviel Geist geschrieben, daß ich über- 
zeugt bin, daß nicht wenige ihm auch in dieser zweiten These zu- 
fallen werden. Und so ist zu befürchten, daß an Stelle einer 
glücklich ausgemerzten falschen Anschauung eine neue falsche sich 
eindrängen wird. Dem entgegenzuwirken, ist vor allem der Zweck 
der folgenden Zeilen. Denn mit Bedauern muß ich es aussprechen, 
daß die Methode Spittas irreführend und unzuverlässig ist und seine 
Resultate daher mit äußerster Skepsis aufzunehmen sind. Ich kann 
nicht allen Aufstellungen und Beweisführungen Spittas nachgehen. 
Dazu fehlt der Raum. Aber ich glaube, daß meine Untersuchungen 
über nur einzelne, und zwar die wichtigsten Partien seines Buches 
meine ablehnende Stellung hinreichend begründen und die Methode 
Spittas in genügendes Licht rücken werden. Spitta ist von seiner 
These so fasziniert, daß er Möglichkeiten für Tatsachen, Vermutungen 
für Beweise nimmt. Jede Selbstkritik fehlt. Andere Möglichkeiten 
als die, die gerade zu seiner These passen, werden nicht erwogen. 
Wo kämen wir in der historischen Forschung hin, wenn wir auf 
diese Weise mit den Stoffen umspringen wollten ! So stehe ich nicht 
an, das Buch im wesentlichen für verunglückt zu erklären. Das 
schließt nicht aus, daß es nicht da und dort Richtiges und Beachtens- 
wertes bietet. Möglich bleibt es gewiß, daß Luther schon vor 1523 
gedichtet hat, aber es fehlen uns bisher dafür alle Beweise, und 
auch Spitta ist nicht imstande, stichhaltige Gründe dafür anzuführen. 
Uebrigens, das bleibe nicht unausgesprochen, würde sich unser 
Lutherbild in nichts wesentlichem ändern, wenn wir wirklich die 
Achelis-Spittasche These annehmen müßten. Um eine Frage ersten 
Ranges handelt es sich also nicht. Trotzdem sollen sich nicht Irrtümer 
festsetzen, denn wie leicht können aus ihnen, nimmt man sie für 
bare Münze, weitere Folgerungen gezogen werden. 

Ich nehme mir die Freiheit, von der Ordnung des Buches ein 
wenig abzuweichen. Sachlich macht das nichts aus. Auch werde ich 
mich nur auf die Psalmdichtungen Luthers beschränken. 

L »Aus tiefer Not schrei ich zu dir< (S. 16—28; 42—51). 

Spitta behauptet, daß dieses Lied, und zwar in seiner längeren 
Rezension, sicher vor 1523, ehe Luther noch daran dachte, fttr die 
Gemeinde und den Gottesdienst zu dichten, entstanden sei, vielldcht 
schon im Jahre 1510. 



Spitta, Ein feste Burg Ist unser Gott 259 

Welche Beweise hat er für diese Behauptung? 

Als > ausschlaggebende bezeichnet er es zunächst, daß dieses Lied, 
das man mit Recht als die >Erone der Psalmenlieder« Luthers an- 
sieht, nicht aus dem > Gefühl eigener Unfähigkeit < (S. 16), »aus einer 
Stimmung dichterischer Mutlosigkeit < (S. 17; vgl. S. 354; 355), wie 
sie Luthers Vorrede zur Formula missae und sein Brief an Spalatin 
vom Anfang des Jahres 1524^) aufweisen, stammen könne. Es fragt 
sich zunächst, ob diese beiden Schriftstücke wirklich auf eine solche 
Stimmung bei Luther schließen lassen. In der Formula missae sagt er : 
>Poetae nobis desunt, aut nondum cogniti sunt, qui pias et spiri- 
tuales cantilenas (ut Paulus vocat) nobis concinnent, quae dignae 
sint in ecclesia dei frequentari<. Und ein wenig später: >Haec dico, 
ut, si qui sunt poetae germanici, extimulentur et nobis poemata 
pietatis cudant<.^) Eine weitere Stelle dieser Vorrede kann nicht 
in Betracht kommen. Ich kann aber in den angeführten Worten 
schlechterdings nicht einen Ausdruck > dichterischer Mutlosigkeit«, 
des »Gefühls eigener Unfähigkeitc entdecken. Denn von sich selbst 
spricht Luther überhaupt nicht. Und aus der Tatsache, daß er 
andere zur Arbeit auf dem Gebiete der Liederdichtung anregen 
will, folgt doch nicht, daß er selbst zu dieser Aufgabe keine Neigung 
und Freudigkeit habe. Er kann doch nicht ganz allein diese Riesen- 
aufgabe übernehmen wollen. Für Luthers persönliche Stimmung ist 
also aus dieser Stelle gar nichts zu schließen. Wer etwas kühn im 
Schlüsseziehen wäre, könnte vielleicht aus diesen Worten heraus- 
lesen — was ich aber nicht tue — , daß Luther auch sich selbst 
nicht unter die Dichter rechne, also überhaupt noch nicht gedichtet 
habe. Dieser Schluß wäre aber nicht weniger gewagt als der, den 
Spitta daraus zieht. 

Es kommt zweitens der Brief Luthers an Spalatin von Anfang 
1524 in Betracht. Hier kann Spitta zunächst nur an die Worte 
denken: >Quaerimus undique poetas< und sodann an das Sätzchen: 
>Ego non habeo tantum gratiae, ut tale quid possem, quale vellem<. 
Der erste Satz wiederholt aber nur, was wir schon in der Formula 
missae gelesen haben, und der zweite sagt nur: Ich habe nicht so- 
viel Gabe, um das, was ich gern möchte, auch wirklich zu leisten. 
Damit ist nur gesagt, daß Luther fühlt, er bleibe mit seinen Lei- 
stungen selbst hinter seinem Ideal zurück, nicht aber, daß er keinerlei 
Lust verspüre, jetzt zu dichten. Auch Bachmann liest nichts anderes 
ans diesen Worten heraus, als > Luther tat mit diesen ersten Ver- 
suchen . . . sich selbst und der ihm vorschwebenden hohen Aufgabe 

1) de Wette, Luthers Briefe n, 590 =s Enders, Luthers Briefwechsel IV, 273. 

2) Werke Luthers ErL A. opp. v. a. VII, 17 = W. A XU, 218. 

18* 



260 Gott gel Anz. 1906. Kr. 4. 

keineswegs geüug<.^) Man kann auch nichts anderes in ihnen finden. 
Und wenn Luther in diesem Brief die Abfassung von Gemeindeliedem 
geradezu organisiert, indem er die sieben Bußpsalmen auf ver- 
schiedene Leute, darunter auch Spalatin und Hans von Dolzig, ver- 
teilt, so heißt es doch diese Tatsache wieder nicht richtig deuten, 
wenn Spitta sagt, Luther weise die Tätigkeit in dieser Richtung von 
sich ab und anderen zu. Daß er selbst nicht mittun wolle, davon 
steht im ganzen Brief kein Wort. Im Gegenteil: wer unvoreinge- 
nommen den Brief liest, kommt nur zu dem Eindruck, daß Luther 
auch mit bei der Sache ist. Sagt er doch ausdrücklich: >Oro, ut 
nöbiseum in hac re labores<. Wenn nun auch der Ausdruck nobis- 
cum nicht auf Luther allein sich bezieht, sondern auf jene Gruppe 
von Männern in Wittenberg, die diese Aufgabe gemeinsam in die 
Hand genommen hatten — man beachte den Anfang des Briefes: 
Concilium est — ,') so folgt daraus keineswegs, daß sich Luther 
nicht als Mitarbeiter fühle, sondern das Gegenteil. Legt er doch an 
Spalatin eine Probe seiner Dichtkunst bei, nach dem sich Spalatin 
richten solle: >sicut hie habes meum exemplum<. Mit Recht sagt 
Spitta, daß man nicht entscheiden könne, welches Lied das gewesen 
sei, und sicher hat Enders,') Bachmann*) folgend, völlig unrecht, 
wenn er es als unmöglich bezeichnet, daß darunter das Lied >Aus 
tiefer Not< verstanden werden könne. Und wenn Luther endlich 
am Schlüsse des Briefes sagt, den sechsten Bußpsalm (130. Psalm) 
habe er selbst schon übersetzt, so ist es das Nächstliegende, anzu- 
nehmen, daß er eben damals das Lied »Aus tiefer Not< gedichtet 
habe, wenn nicht entscheidende Gründe dagegen vorgebracht werden 
können. 

Aus den beiden Schriftstücken Luthers also auf ein > Gefühl 
eigener Unfähigkeit« oder auf eine > Stimmung dichterischer Mut- 
losigkeitc bei ihm damals zu schließen, ist völlig unmöglich. Und 
isomit fällt auch der weitere Schluß dahin, Luther' habe damals das 
wundervolle Lied >Aus tiefer Not< nicht dichten können. Aber 
Spitta hat noch einen zweiten Grund für seine These ins Feld zu 
führen. Wir besitzen bekanntlich das Lied >Aus tiefer Not< in zwei 
Rezensionen, in einer kürzeren und einer längeren. In jener sind 
die beiden Strophen 2 und 3 der längeren in eine, die zweite, 
Strophe, zusammengezogen. Spitta meint nun, die längere Rezension 

1) Ztschr. f. kirchL yTissensch. Y (1884), S. 165. 

2) Vgl. Enden zur Stelle, S. 274 Anm. 3 und Bachmann in Ztschr. f. IdrchL 
Wissensch. V (1884), S. 164. 

8) A. a. 0. S. 274, Anm. 4. 

4) Ztschr. f. Urchl. Wlssensch. V (1884), S. 165. 



Spitta, Ein feste Barg ist unser Gott. 261 

sd die ältere, die Luther früher als 1523 gedichtet habe, und die 
kürzere sei eine von Luther veranstaltete Bearbeitung der längeren. 
Zn dieser Behauptung sieht er sich durch einen Vergleich der 
beiden Rezensionen gedrängt. Die kürzere Rezension bietet — das 
dürfte das Durchschlagende sein — an einer Stelle einfach Un- 
logisches, das sich nicht aus der Vorlage des Psalms, sondern allein 
aus der längeren Rezension erklärt. Die Stelle lautet: 

Den so du wilt das sehen an, 

wie manche sund ich hab gethan, 

wer kan, herr, fur dir bleiben. ^) 

Die logische Folgerung aus der Tatsache, daß der Dichter 
manche Sünde begangen hat, ist doch nicht, daß niemand vor dem 
Herrn bleiben, bestehen kann. Wie diese unlogischen Verse ent- 
stehen konnten, erklärt sich nur aus der längeren Rezension: 

Denn so du willt das sehen an, 

was sund vnd vnrecht ist gethan, 

wer kan, Herr, fur dyr bleyben?*) 

Indem die mittlere Zeile verändert wurde, entstand der Unsinn. 
Und noch eine zweite Stelle scheint erst aus der längeren Form 
ganz verständlich zu werden. Die kürzere Form liest: 

Es steht bey deyner macht allein, 

die Sunden zu vergeben, 

das dich forcht beide, gros vnd kleyn, 

auch yn dem besten leben. 

Was soll hier der letzte Vers bedeuten? Die Macht Gottes, 
allein Sünden vergeben zu können, zwingt jeden zur Furcht vor 
ihm. Der Vers wird nur verständlich, wenn man ergänzt: Und 
Sünder sind sie doch alle, auch wenn sie das beste Leben führen. 
Diesen Gedanken bietet denn auch die längere Rezension: 

Bey dyr gillt nichts den gnad und gonst, 

die Sunden zu vergeben. 

Es ist doch vnser thun vmbsonst 

auch yn dem besten leben. 

Also mit der Behauptung, daß die längere Rezension die ältere, 
die jüngere die kürzere sei, scheint mir Spitta völlig im Recht zu 
sein. Man lese seine Darlegung. 

Allein wenn er als Grund für diese Kürzung des Liedes durch 
Luthers Hand anführt, Luther sei dazu durch sein im Brief an 

1) Wackemagel, Kirchenlied, III, S. 7 Nr. 5. 

2) Waekemftgd, a, a. 0. S. 7 Nr. 6. 



262 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 4. 

Spalatin aufgestelltes Ideal für die Psalmenumdichtung veranlaßt 
worden, so kann ich ihm darin leider wieder nicht folgen. Er be- 
hauptet nämlich, Luther fordere Freiheit vom Wortlaut der Originale 
nur, um für das einfache Volk den Sinn klar und bestimmt wieder- 
zugeben; dabei aber solle man sich ganz an den Psalm halten. Oder 
er formuliert jene von Luther gestellte Aufgabe auch so: > Enger An- 
schluß an das Original, Freiheit von dessen Form nur soweit, als es 
die Verständlichkeit des Ausdrucks erfordert« (S. 26; vgl. S. 22; 
172; 354). Um dieser Aufgabe selbst zu genügen, habe Luther seine 
ursprüngliche längere, vom Original sich durch Aufnahme von allerlei 
anderen biblischen Gedanken entfernende Dichtung gekürzt, und so 
sei die kürzere Rezension entstanden (S. 38). 

Ganz offenbar deutet Spitta auch hier jenen Brief an Spalatin 
ganz falsch. Er liest aus ihm gerade das Gegenteil von dem heraus, 
was drin steht. Da er aber auf diese seine Auffassung sehr viel auf- 
baut, da sie geradezu einer der Hauptpfeiler seines Gebäudes ist, so ist es 
nötig, der Frage genauer nachzugehen. Was sagt jener Brief? Nach- 
dem Luther Spalatin mit der Aufgabe, daß es sich um die deutsche 
Umdichtung von Psalmen handele, bekanntgemacht und seine Bitte 
um Mitarbeit vorgebracht hat, fährt er fort: >velim autem novas et 
aulicas voculas omitti, quo pro captu vulgi quam simplicissima vulga- 
tissimaque, tamen munda simul et apta verba canerentur, deinde 
sententia perspicua et psalmis quam proxima redderetur. Libere 
itaque hie agendum et accepto sensu, verbis relictis, per alia verba 
commoda vertendum«. In diesen Worten ist im wesentlichen zweierlei 
gesagt: 1. Hauptsächlich kommt es bei der Umdichtung darauf an, 
den Sinn des Psalms genau zu treffen^); und 2) in der sprachlichen 
Form gilt es, sich frei zu bewegen und wirklich volkstümlich zu 
sein. Nicht das ist die Sorge Luthers, man möchte sich zu weit vom 
Original entfernen, sondern umgekehrt: er fürchtet, daß man bei 
zu ängstlicher Wörtlichkeit in der Wiedergabe in eine unvolkstüm- 
liche, höfische oder gelehrte Ausdrucksweise verfalle.^) Ich meine, 
daß sich ein Widerspruch zwischen dieser Anweisung und der län- 
geren Rezension von >Äus tiefer Not< nur künstlich herausstellen 

1) Das geht auch aus folgender SteUe des Briefes an Spalatin herror: 
»Habes autem meos Septem Psalmos poenitentiales et commentarios, e quibns 
sensum psalmi capere poterisc. 

2) Auch Bachmann (a. a. 0. S. 164) umschreibt diese SteUe ganz in dem- 
selben Sinne: ». . . nachdem er ausgeführt, wie es sich ihm dabei um freie 
Wiedergabe des Sinnes ohne sklavisches Festhalten der Worte und um einfältigen, 
volkstümlichen Ausdruck unter Vermeidung höfischer Redeweise handle . . .c Vgl. 
dazu auch S. 2D9. Ebenso Küstlin-KaweraUi Martin Luther ^ 1, 536. 



Spitta, Ein feste Barg ist nnser Gott. 263 

läfit, SO viel wörtlicher auch die Umdichtungen des 67. Psalms: 
>£& wollt uns Gott genädig sein«, des 128. Psalms: >Wohl dem, 
der in Gottes Furcht steht < und des 124. Psalms: >Wär Gott 
nicht mit uns diese Zeit< sein mögen. ^) Daß sich Luther in: »Aus 
tiefer Note ein wenig mehr von der Vorlage frei gemacht hat, ohne 
doch den Grundgedanken des Psalms zu alterieren, erklärt sich 
aufs beste daraus, daß dieser Psalm seiner inneren Stimmung ganz 
besonders lag. Indessen selbst wenn Spitta mit seiner Deutung der 
Briefstelle Recht hätte, so folgt daraus noch keineswegs, daß sich 
Luther unbedingt mit peinlicher Aengstlichkeit an diese Anweisung 
sollte gehalten haben. Es würde den Eindruck des Pedantischen 
machen, wenn Luther um seiner Theorie willen sollte sein älteres, 
ein wenig freieres Lied geradezu verstfimmelt haben. Aber die 
Theorie gab dazu nicht einmal einen Anlaß. 

Wie aber, so wird man fragen, ist denn dann die kürzere Re- 
zension entstanden? Diese findet sich in den beiden Erfurter Enchi- 
ridion und im sogenannten Achtliederbuch — alle drei aus dem 
Jahre 1524. Keines dieser Bücher hat Luther selbst herausgegeben. 
Die beiden Enchiridion hat vielleicht Justus Jonas besorgt, der aber 
jedenfalls den Druck nicht überwachte,^ während das Achtlieder- 
buch, in Nürnberg oder Augsburg gedruckt, ein Auszug aus diesem 
ist.^ Erst das Walthersche Ghoralbuch, das unter Luthers Mitarbeit 
zu Wittenberg 1524 nach jenen drei Büchern erschien, bringt Luthers 
>Ans tiefer Not< in der längeren Form. Man kommt angesichts 
dieser Tatsachen und im Hinblick auf die schwer verständliche 
Fassung der kürzeren Form zu der Vermutung, daß die Kürzung 
des echten Lutherischen Textes nicht von Luther selbst, sondern von 
einem Dritten herrührt, der Gott weiß aus welchen geschmackvollen 
Gründen Luthers Lied verstümmelte. Dieser Gedanke scheint auch 
Spitta, der doch Luther selbst als Bearbeiter annimmt, gelegentlich 
vorgeschwebt zu haben. Denn S. 20 redet er sehr unbestimmt: 
»Dabei, nämlich bei dieser Umarbeitung, übersah man< — und we- 
nige Zeilen weiter spricht er von einem >Korrektor<, der die Aende- 
mngen angebracht habe ; Luther scheint er hier ganz aus dem Auge 
verloren zu haben. Eine solche Yerballhornisierung einer Dichtung 
Luthers ist bei den damaligen literarischen und buchdruckerischen 

1) Andere haben freilich auch hier den Eindruck, daß sich Luther sehr 
firei Ton der Vorlage halte. Vgl. Schneider in Luthers Werke, B. A. 8 (1892), 
S. SO Anm. 1. 

2) ZeDe, Das älteste luthersche Haus-Gesangbuch, 1524. Göttingen 1903. 
8. 8. Vgl. auch Köstlin-Eawerau, Martin Luthers >^I, S. 781. Anm. 1 zu S. 538. 

3) Zelle, a. a. 0., S. 8. 



264 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 4. 

Verhältnissen dorchans keine Unmöglichkeit. Zeigt doch auch das 
Lied >Ach Oott, vom Himmel sieh darein<, in den Erfurter Enchi- 
ridion eine unechte Schlußstrophe, ^) während in dem Lied: >Ein 
neues Lied wir heben an« zwei Strophen fehlen.') 

Aber Spittas Gründe, das Lied nicht in diese Zeit zu setzen, 
sind noch nicht erschöpft. Um eine sichere Datierung zu gewinnen, 
zieht er noch Luthers Uebersetzungen und Erklärungen des 130. 
Psalms heran. Es kommen in Betracht: Die sieben Bußpsalmen von 
1517,') in neuer Bearbeitung 1525;^) seine Psalmenübersetzung von 
1524;^) seine > Glossen <: dictata super Psalterium von 1513 — 16.^ 
Außerdem sind die Uebersetzungen der Vulgata, des Hieronymus 
und Reuchlins heranzuziehen. 

Was findet Spitta durch die Vergleichung des Liedes mit diesem 
Material? 

1. Die Meinung Bachmanns, daß sich im Liede leise schon die 
Uebersetzung von 1524 anbahne, sei Illusion. Darin hat Spitta, so- 
viel ich sehe, recht 

2. Die Zusammenklänge des Liedes mit der Uebersetzung von 
1517 fielen nicht ins Gewicht, da sich die fraglichen Wendungen 
auch in Vulgata, bei Hieronymus und Reuchlin finden. Dem kann ich 
nicht zustimmen. Denn es handelt sich doch im Lied und in der 
Uebersetzung von 1517 um deutsche Wendungen. Treffen sie zu- 
sammen, so liegt an sich der Schluß nahe, daß auch die Ab&ssnngs- 
zeit des Liedes und die der Uebersetzung nicht weit von einander 
liegen werden. Indessen kann sich Luther auch bei einer späteren 
Abfassung des Liedes noch an die Uebersetzung von 1517 gehalten 
haben. Verweist er doch auch Spalatin in jenem Brief auf diese 
Uebersetzung. Es liegt nahe, daß er sich dieses frühere Werk 
seiner Feder gerade zu dem Zwecke der Umdichtung für die Ge- 
meinde eingehend und prüfend wieder angesehen habe. Trifft dies 
auf seine Psalmenübersetzung von 1517, so ebenso auf die bei- 
gefügte Erklärung. Von ihr sagt Spitta, und dies ist eine dritte 
Folgerung, die er zieht, daß sie dem Liede näher stehe als die 
Uebersetzung. Namentlich verwertet er einen Punkt für seine Thesen 
nämlich die Erklärung des Wortes Israel. Er stellt fest, daß Luther 

1) ZeUe, a. a. 0. S. 103 Anm. zu Z. 1. 

2) Ebenda, S. 121 Anm. zu Z. 11. Woher weiß ZeUe, daB Luther diese 
beiden Strophen später hinzugedichtet habe? 

3) ErL A. 37, 340 ff. ; W. A. 1, 154 ff. Psalm 130 : S. 420 ff. und S. 206 ff. 

4) ErL A. 37, 340 ff. mit aufgenommen; noch fehlend in der W. A. 

5) Erl. A. 37, S. 104 ff.; Psalm 130: S. 230. 

6) W. A. III und IV; Psahn 130: IV, p. 418 ff. 



Spitta, Ein feste Burg ist unser Gott 265 

dafUr eine doppelte Erklärung habe: 1. Israel bedeute den Mann, 
>der Gott siebet oder der von Gott ist richtig«, >denn<, fügt Luther 
hinzu, > directus cum Deo oder directus Dei seu Deo heifit einer, 
der da richtig ist zu Gott. Darum wartet Niemand Gottes, denn die 
da recht Israel sind, das sind die Richtigen Gottes«.^) Man sieht, 
in dem Begriff >richtigc, wie Luther ihn hier braucht, steckt der 
Begriff der > Richtung« (directus) darin: Israel ist der, der die 
rechte Richtung hat. Diese Erklärung erscheint im Kommentar des 
130. Psalms von 1517. Luther habe sie bis 1520 festgehalten. Von 
da ab trete eine neue Erklärung dieses hebräischen Namens auf. 
Israel werde von jetzt ab als der Gotteskämpfer gedeutet. Nun be- 
hauptet Spitta, daß in den Worten des Liedes: 

>So thu Israel rechter Art, 

der aus dem Geist erzeuget ward 

und seines Gotts erharre« 

jene erste Auffassung von Israel vorliege. Allein das ist zu viel ge- 
schlossen. Mag zwar das: Israel rechter Art an das >von Gott 
richtige erinnern, so geht es doch nicht an, darin jene sprach- 
liche Erklärung wiedererkennen zu wollen. Auch hat Luther in 
der zweiten Bearbeitung der Bußpsalmen-Erklärung von 1525 folgen- 
des geschrieben: >Denn Israel war das sonderlich Volk Gottes, dem 
solch Harren gebührt. Dazu stimmt auch der Name. Denn Israel 
heißt ein Kämpfer mit Gott. Alle, die nun so fest harren, daß sie 
gleich mit Gott drüber kämpfen, das sind rechte Israeliten«. *) Man 
sieht, daß diese Stelle ganz gut die Grundlage für jene Stelle im 
Liede hätte abgeben können. Wie Luther das Wort Israel auch 
deute, das rechte Israel harrt auf Gott, darauf kommt es an. Keines- 
wegs kann man also den Schluß ziehen, den Spitta zieht: Im Liede 
liegt die erste Auffassung von Israel vor, folglich kann das Lied 
nicht nach 1520 entstanden sein. Der Obersatz ist falsch. 

Es bleiben endlich 4. einige Anklänge an die Glossen von 1516 
übrig, die auf Spitta, vereint mit seinen sonstigen Gründen, einen 
solchen Eindruck gemacht haben, daß er keinen Grund sehe, der 
uns veranlassen könnte, nicht mit der Zeit der Abfassung von »Aus 
tiefer Not« bis zu 1516 hinaufzugehen. Allein, wiegen die wenigen 
Stellen wirklich so schwer, daß sie allein vermögen, die Wagschale 
zugunsten der These Spittas niederzudrücken? Mir erscheinen sie 
so gut wie ganz belanglos. 

Das sind Spittas Gründe für seine Datierung des Liedes >Aus 

1) W. A. I, p. 210; Erl. A. 37,426. 

2) Erl. A. 37,426. 



266 Oött. gel. Anz. 1906. Nr. 4. 

tiefer Not schrei ich zu dir«. Es fragt sich nun: Hat Spitta auch 
alle Instanzen berücksichtigt, die gegen ihn sprechen? 

Es ist ihm eine Stelle entgangen, die die ernsteste Berück- 
sichtigung bei der ganzen Frage verdient und die nicht wenig zu- 
gunsten der Ansicht ins Gewicht fällt, nach der das Lied in den 
Anfang des Jahres 1524 gehört. In einer Predigt, die Luther am 
1. Sonntag nach Epiphanias, am 10. Januar 1524, über Luk. 2,41 ff. 
gehalten hat und die wir in einer kurzen Rörerschen Nachschrift 
haben, ^) zitiert er den 130. Psalm. Die Stelle lautet: >Tutus es, 
quamdiu fides in corde, sed interim potest ein schändlich opinio ein- 
reißen, quasi deus velit tibi omnia exhibere propter tuam guet, ho- 
nestam [sc. vitam]. Quare fit, ut sinat te iaci in peccatum, quod 
non cognoscis esse peccatum, et hoc facit, ut gratiam suam nobis 
notam faciat. 'Si iniquitates observaveris, domine' etc. [Psalm 130,3] 
si lege^ vis erigere, quis sanctus potest coram te consistere? nee 
mater ipsa,') quae omnium sanctissima fuit. Postquam deus incipit 
eam sentire, quid possit, illico cadit, 'quia apud te propitiatio' (Psalm 
130,4), du hast beschlossen bey dir, ut nemo accedat, nisi qui 
sperat in gratiam q. d. si veniret ex nostris operibus, diceremus: 
fidem habemus et opus, quod facio, deo placet, sicut praedicavimus 
de calice aureo Laurentii.^) Non est scriptum 'tecum operatio', sed 
'propitiatio', es gilt nichts den gnad haben. Oportet cogitemus: 
her, es leyt an deiner gunst, gnaden; quam sanctus sum et probus, 
nihil iuvat, oportet timeo<.^) — Noch einmal kommt Luther kurz auf 
denselben Psalmen zu sprechen: »Quare voluit deus, ut nos raperet 
ab illa opinione operum. Naturaliter sie geniti sumus, ut respiciamus 
ista, et iudicamus secundum illa. Si cogitarem 'tecum propitiatio' 
etc. non meritum«.^ Diese ausgehobenen Stellen, die sich unmittel- 
bar mit dem 130. Psalm beschäftigen, bringen unverkennbare wört- 
liche Anklänge an unser Lied. Man vergleiche miteinander: 
Predigt: >quis sanctus potest coram te consistere?« Lied: >Wer 
kann, Herr, vor dir bleiben?« — Predigt: >Du hast beschlossen bei 
dir, ut nemo accedat, nisi qui sperat in gratiam ... es gilt nichts 
den gnad haben. Oportet cogitemus: her, es leyt an deiner gunst, 
gnaden; quam sanctus sum et probus, nihil iuvat, oportet timeo«. — 
Lied: 

1) W.A.XV,414ff. 

2) SoUte nicht legem zu lesen sein? 
8) Gemeint ist Maria, die Matter Jesu. 
4) Vgl. ErLA.XV«, S. 499. 

6) W.A.XV, S.416,19C 
6) W.A.XV, S. 416,36 ff. 



8pitta, Ein feste Burg ist unser Gott. 267 

>B6y dyr gillt nichts den gnad vnd gonst, 

die Sunden zu vergeben. 

Es ist doch vnser thun vmbsonst 

auch ynn dem besten leben. ^) 

Fur dyr niemant sich rühmen kan, 

des mus dich furchten yederman, 

vnd deyner gnaden lebenc 

Predigt: »Si cogitarem *tecum propitiatio' etc. non meritum<. — 
Lied: 

>Darumb aufif Gott will hoffen ich, 

auff meyn verdienst nicht bawenc 

Vor allem aber ist diese ganze Predigt einfach eine Ausführung 
der mitgeteilten Liedstellen, oder umgekehrt: wer eine authentische 
Erklärung dieses Liedes überhaupt bei Luther sucht, der greife zu 
dieser Predigt. Wahrlich, die Geschichte vom zwölQährigen Jesus bietet 
an sich nicht leicht Anlaß, diese Gedanken zu entwickeln. Luther muß 
schon tief von ihnen bewegt gewesen sein, wenn er diesen Text be- 
nutzte, um sie vor der Gemeinde auszuführen. Man kommt auf den 
Gedanken, daß unmittelbar vorher das Lied »Aus tiefer Not< ent- 
standen sein muß. Denn umgekehrt, aus der Predigt ist es keines- 
falls erwachsen. 

Wie weit liegt nun aber auch diese ganze Auffassung des 
130. Psalms ab von der der Auslegung von 1517. Hier die Gegen- 
überstellung des alten und des neuen Menschen, von dem im Liede 
nicht die Rede ist, dort aber wird die Erfahrung des Heiligen, des 
Gläubigen geschildert, den Gott tief fallen läßt, um in ihm und 
durch ihn in anderen den Glauben an die Gnade allein zu be- 
festigen. 

Ein Moment spricht aber nicht wenig für die Annahme, daß die 
Abfassung von >Au8 tiefer Not< und die Predigt vom 10. Januar 1524 
zeitlich nahe liegen müssen, nämlich die auffallende Tatsache, daß 
Luther in den uns bekannten früheren Predigten den 130. Psalm nicht 
erwähnt. Wenigstens habe ich keine Stelle finden können. Aber ge- 
rade am 10. Januar 1524 taucht er auf und beherrscht eine ganze 
Predigt. Auch am 20. März desselben Jahres zitiert Luther wieder 
Psalm 130,4^) und wieder ganz im Sinne des Liedes: »Coram dec 
kan nyemant besthen, quantumvis sanctus, nisi confiteatur se pecca- 

1) Vgl. dazu auch die Worte p. 415, Z. 21 : »propter toam gaet, honestam 
[sc. Yitamjc und p. 416, Z. 17 f.: »Patamos nos optime yivere et sine peccato 
esse: tum autem sentimus, quando tentat«. 

2) W.A.XV,482. 



268 Gott gel. Ans. 1906. Nr. 4. 

torem. 'Apud se propitiatio', qui coram te agere vult, oportet ex 
corde dicat: nisi tu misericorditer velis nobiscum agere, perditi 
essemus«. Und die entsprechende Stelle in der Schrift: »Ein Sermon 
von der Beicht und Sakrament«, die auch auf dieser Predigt beruht, 
lautet: >fur Gott kan nyemand bestehen, er bringe denn dise beicht 
mit sich, wie der 129. psalm sagt 'Bey dyr ist gnad, auff das du 
gefurchtet werdist'. Das ist: wer fur dyr handeln will, mus also 
handeln, das solche beycht von hertzen gehe, die also spreche : Herr, 
bistu nicht barmhertzig, so ist es verloren, wie frum ich auch seyn 
kan. Solchs müssen alle heyligen bekennen.^) 

Alles in allem — Spitta hat nach meiner Meinung keinen stich- 
haltigen Grund angeführt, der die Abfassung des Liedes >Aus tiefer 
Not< gegen Anfang des Jahres 1524 unmöglich oder unwahrschein- 
lich machte. So lange keine zwingenderen Gründe als die vor- 
getragenen vorliegen, wird man im Blick auf die Predigt Luthers 
am 10. Januar 1524 und auf die Briefnotiz an Spalatin Anfang 1524, 
daß er den sechsten Bußpsalm übersetzt habe, die Datierung des 
Liedes auf jene Tage wohl wagen können, ohne sich zu großer 
Kühnheit schuldig zu machen. Zeigen sich im Liede Anklänge an 
die Uebersetzung oder die Erklärung der Bußpsalmen von 1517, 
so ist dafür die einfachste Erklärung, daß Luther jenes Werk zum 
Zwecke der Umdichtung dieses Bußpsalms noch einmal eingesehen 
hat Die Predigt aber zeigt aufs deutlichste, wie falsch es ist, 
zwischen der rein subjektiven, persönlichen Poeterei Luthers und 
seinem Dichten für die gottesdienstlichen Zwecke einen Gegensatz 
anzunehmen. Beides verträgt sich sehr wohl miteinander. Damit soll 
nicht gesagt sein, daß bei jeder Umdichtung Luthers Seele in so 
starke Glut geraten ist, wie gerade bei diesem wundervollen Lied. 

2. >Ein feste Burg ist unser Gott< (S. 28—34; 85—169). 

Spitta ist der Ueberzeugung, daß das größte Lutherlied 1521 
auf Luthers Reise nach Worms, und zwar am wahrscheinlichsten in 
Frankfurt entstanden sei. 

Sein Beweis stützt sich auf ein Vierfaches: 

1. Auf die Bibelübersetzung, die dem Liede zugrunde liegen 
soll; 2. auf die im Liede angedeutete Lage des Dichters; 3. auf die 
Anklänge an dieses Lied in Luthers Schriften und 4. auf das Urteil 
von Männern des 16. Jahrhunderts. 

Der Frage nach der Grundlage des Liedes nachzugehen, sieht 
sich Spitta durch Bachmann veranlaßt. Dieser hatte nämlich be- 
hauptet, daß das Lied auf Luthers deutscher Uebersetzung des 46. 

1) W.A.XV,482. 



Spitta, Ein feste Burg ist unser Gott. 269 

Psalms ans dem Jahre 15240 beruhe 0. Spitta erbringt nun zu- 
nächst den Erweis, daß diese Uebersetzung auf Hieronj^mus, nicht auf 
der Vulgata beruht. Luther habe sich überhaupt immer mehr von 
der Vulgata entfernt und sich Hieronymus bezw. dem Grundtext bei 
seinen Uebersetzungen zugewendet. Ein Lied also, so schließt Spitta 
weiter, das nach 1524 auf Grund von Psalm 46 gemacht worden ist, 
muß wesentlich auf Hieronymus, bezw. auf dem Grundtext, und darf 
nicht auf der Vulgata beruhen. Das ist aber bei >Ein feste Bürge 
nicht der Fall. Vielmehr liegt ihm die Vulgata zugrunde. Also kann 
das Lied nicht nach 1524 gedichtet sein. 

Wie steht es mit den Anklängen des Liedes an die Vulgata? 
In sorgfältiger Untersuchung stellt Spitta fest, wo sich Berührungen 
des Liedes mit dieser Uebersetzung finden. Zugegeben, er hätte hier 
in allen Einzelheiten recht — in vielen hat er es ohne Zweifel — , 
folgt daraus mit Sicherheit: Luther kann das Lied nicht nach 
1524 gedichtet haben? Auch daraus glaubt Spitta einen sicheren Beweis 
für seine These gefunden zu haben, daß das Lutherlied die Uebersetzung 
von 1524 ignoriert. >Für ein Psalmlied<, sagt er S. 109, >das nach 
1524 gedichtet worden sei, müßte man dementsprechend annehmen, 
daß es die Vulgata weit hinter sich gelassen habe. Ja, wenn dieses 
erst in der Zeit von 1527 bis 1529 verfaßt wäre, so wäre zu be- 
denken, daß damals Luthers Uebersetzung bereits derartig Allgemein- 
gut geworden war, daß ein Psalmlied, das auf sie keine Rücksicht 
nähme, einfach undenkbar wäre<. Diese Schlüsse würden nur zwin- 
gende Kraft haben, wenn sich zeigen ließe, 1. daß Luther immer 
mehr die Vulgata überhaupt, und nicht nur in seinen Psalmenüber- 
setzungen, auf die Seite geschoben habe, und 2. daß Luther nach 
1524 (bis zur neuen Psalmenausgabe 1528) die Psalmen in seinen 
Predigten und erbaulichen Schriften nur nach seiner Uebersetzung 
von 1524 zitiere, eben weil er — Spittas Meinung nach — auf die 
Verbreitung seiner Psalmübersetzung im Volke Rücksicht nehmen 
musste. 

Prüfen wir nun, ob sich diese beiden Tatsachen bestätigen! 

Was zunächst den Gebrauch der Vulgata durch Luther betrifft, 
80 ist das Gegenteil von dem der Fall, was Spitta annimmt: Luther 
hat sich fortgesetzt sehr viel mit der Vulgata beschäftigt. Schon 
1523, wenn nicht früher, beginnt er eine Revision dieses alten 
lateinischen Textes.') Als Frucht dieser Arbeit erschienen 1529 bei 
Nikolaus Schirlentz in Wittenberg in lateinischer Uebersetzung einige 

1) Erl. A. 37, 8. 150. 

2) Ztschr. f. kirchl. Wissensch. V (1884), 8. 299 ff. 
8) Vgl W.A. 23, 435 f. 



270 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 4. 

Bttcher des alten Testaments (bis zn den Büchern der Könige ein- 
schließlich), ^) und 1527 gab er den 119. Psalm heraus.^ Im Jahre 
1529 erschien auch der ganze Psalter lateinisch, unter dem Titel : Psalte- 
rium translationis veteris correctum (bei Joh. Luft). Wahrscheinlich 
stammt auch diese Ausgabe von Luther.') Zwar steht er nicht auf 
dem Titel als Herausgeber, aber das ist auch bei jener anderen 
lateinischen Ausgabe von 1529 nicht der Fall, die bei Schirlentz er- 
schienen ist und die doch sicher auf Luther zurückgeht. Für Luther 
als Herausgeber dieses lateinischen Psalters spricht, daß ihm seine 
Psaltervorrede von 1528^) in lateinischer Uebersetzung vorgedruckt 
ist.^) Es wäre der Mühe wert, diese seltene Ausgabe, die mir nicht 
zur Hand ist, mit der Vulgata zu vergleichen, speziell den Text des 
46. Psalms. Aber wie es auch um die Autorschaft Luthers und 
um das Verhältnis dieser Uebersetzung zur Vulgata stehen mag,^ 
jedenfalls ist die Tatsache, daß Luther sich dauernd mit der Vul- 
gata beschäftigt und sie nicht als wertlos zur Seite gelegt hat, 
— hielt er sie doch sogar für so ehrwürdig, daß er sie keineswegs aus 
dem öffentlichen, gottesdienstlichen Gebrauch verdrängen wollte, 
wie er ausdrücklich erklärte — für die These Spittas : ein Lutherlied, 
das auf der Vulgata beruht, kann nicht nach 1524 entstanden sein, 
einfach vernichtend. Mag sich Luther auch in seinen deutschen 
Uebersetzungen immer mehr an Hieronymus und den Grundtext an- 
geschlossen haben, so haben wir doch kein Recht, zu folgern, daß er 
seinen Umdichtungen von Psalmen nur seine deutschen Uebersetzungen 
zugrunde gelegt habe, und es ist nicht angängig, die Grundsätze, 
die für diese gelten mögen, schlankweg auch auf jene zu übertragen. 
Wenn seine großartige Neuschöpfung des 46. Psalms da und dort 
einige Anklänge an die Vulgata zeigt, so ist das auch dann ganz 
verständlich, wenn er sich sonst in den Uebersetzungen von der 
Vulgata entfernt. Klingen im Liede einzelne Töne an die Vulgata 
an, so empfahl sie sich eben an diesen einzelnen Stellen seinem 
dichterischen Empfinden. 

Wie wenig sich aber Luther in seinen Predigten und in seiner 
erbaulichen Schriftstellerei von der Vulgata, die doch ebenso wie 

1) Abgedruckt als Anhang des XIV. Bandes der Walchschen Ausgabe der 
Werke Luthers. 

2) W.A.23,436f. 

3) ErL A. 37, 245 u. 247. 

4) ErL A. 63, 27 ff. Hier ist die Angabe, daß diese Vorrede ins Jahr 1531 
gehöre und zuerst lateinisch 1529 erschienen sei, zu verbessern. 

5) Zur ganzen Frage ygl. Köstlin-Eawerau, Martin Luther ^11, S. 157. 

6) Die obenerwähnte Ausgabe eines Teils des Alten und des Kenen Testa- 
ments ist nur eine revidierte Vulgata. 



Spitta, Ein feste Burg ist unser Gott. 371 

seine Lieder aufs Volk berechnet waren, emanzipiert hat, dafür 
dient zum Beweis schon die Tatsache, daß er Auslegungen einzelner 
Psalmen unter dem Anfangswort des betreffenden Psalms in der 
Vttlgata herausgibt. So erscheint 1530 seine Auslegung des 118. 
Psalms unter dem Titel: >Das schöne Confitemini< ^) entsprechend 
dem Anfangswort dieses Psalms in der Vulgata, und die Auslegung 
des 147. Psalms von 1532 trägt als Stichwort am Anfang: Lauda 
Jerusalem,') ebenso läßt Luther 1539 die Auslegung des 110. Psalms 
unter dem Titel erscheinen: Dixit dominus.') Wenn jemand um 
jeden Preis die Vulgata zur Seite schieben will, so tut er das nicht. 
Wer aber so arglos an die Vulgata, an ihre Psalmanfänge sich an- 
schließt, der kann auch zu derselben Zeit ein Lied dichten, das an die 
Vulgata da und dort anklingt, so gut wie er as unter dem Titel: 
>Der XLVL Psalm, Deus noster refngium et virtus« erscheinen läßt. 
Ja, es verdient beachtet zu werden, daß es auch gerade der An- 
fang des 46. Psalms nach der Vulgata ist, der offenbar im Luther- 
lied am deutlichsten anklingt. Die Vulgata-Anfänge hafteten am 
festesten im Kopfe, und wenn ein Lied den Anfang eines Psalms 
nach der alten lateinischen Uebersetzimg bot, so war damit das 
ganze Lied charakterisiert. 

Femer hat Luther seiner Auslegung des 82. Psalms den latei- 
nischen Vulgatatext, wenigstens zur Hälfte, vorausgesetzt.^) So gut 
Luther das tun kann, kann er auch bei seiner Dichtung der Vulgata 
einen Einfluß gestattet haben. 

Femer als Beweis datür, wie sehr er persönlich mit seinem 
Innenleben mit der Vulgata verwachsen war, kann es dienen, daß 
er auf der Koburg 1530 den 17. Vers des 118. Psalms — nicht 
deutsch, nicht hebräisch, sondern im Wortlaut der Vulgata an die 
Wand geschrieben hat, um sich daran zu trösten: >non moriar, sed 
viyam, et narrabo opera domini<.*) Wieder sage ich: wer 1530 
noch so in der Vulgata lebt, der sollte nicht auch 1527 ein Lied, 
das aus tiefster Seele kam und offenbar die Lösung eines starken 
seelischen Druckes war, mit Anklängen an den Vulgatatext haben 
dichten können? 

Endlich, wirft man einen Blick in Luthers Predigten etwa aus 
dem Jahre 1526, so findet man, daß er sich in seinen Psalmen- 
zitaten gar nicht an seine Uebersetzung von 1524 bindet, sondern 

1) Erl. A. 41, 1 ff. 

2) Erl. A. 41, 161 ff. 
8) Erl A. 40, 38 ff. 

4) ErLA. 89,225. 

5) ErLA. Dp. ex. 17,804. 



ä72 Gott. gel. Anz. 1906. Kr. 4. 

auch hier ganz naiv und arglos nach der Vulgata zitiert. Schlägt 
man allerdings die Drucke von Predigten, wie über Jerem. 23, 5 — 8 ^) 
vom Jahre 1526 oder aber das 1. Buch Mose vom Jahre 1527 (ge- 
halten sind die Predigten 1523/24)^ auf und prüft die darin vor- 
kommenden Psalmstellen, so sind sie durchgängig in dem Texte der 
Lutherschen Uebersetzung von 1524 gegeben. Aber diese Drucke 
sind nicht von Luther selbst, sondern von anderer Hand, die Predigten 
fiber 1. Mose sicher von Grutziger besorgt worden. Sie fallen also 
für unsere Frage aus der Diskussion heraus. Daß aber Luther noch 
1526 den Psalter auf der Kanzel im Vulgatatext zitiert hat, dafür 
bietet die Trinitatispredigt dieses Jahres über Joh. 3,1—15 eine 
schlagende Stelle. Denn nicht nur bringt die Rörersche Nachschrift 
die Stelle Psalm 135,7 mit den Vulgata werten : >Qui producit ventos 
etc.«, sondern auch der Predigtdruck, der vielleicht von Luther 
selbst stammt, bringt erst dieses lateinische Vulgatazitat, nur aus- 
führlicher, und darauf eine deutsche Uebersetzung, die aber nicht 
die Luthers von 1524 ist.^ Damit ist bewiesen, daß Luther die 
Vulgata auch 1524 noch auf der Kanzel zitiert hat. Aber auch sonst 
läßt sich zeigen, daß Luther in den Predigten nach 1524 nach der 
Vulgata und nicht nach seiner Uebersetzung oder dem Grundtext 
den Psalter zitiert. Man vergleiche z.B. die Stellen: Psalm 91,9 
und 10 in W.A. 20,230; Psalm 116,15, ebenda S. 265. 

Daß sich Luther aber nach 1524 keineswegs bei seinen Psalmen- 
zitaten an seine Psalmenübersetzung aus diesem Jahre gehalten hat, 
ist ebenso schlagend noch auf andere Weise zu beweisen. Ich habe 
mir die Mühe genommen, die Psalmstellen in Luthers: > Der Prophet 
Jona ausgelegt < vom Jahre 1526^) zu prüfen, und es ergab sich, 
daß unter 19 angeführten Psalmstellen (eine wird dreimal zitiert, 
nämlich Psalm 32,3) nur eine einzige, nämlich Psalm 16,10 im Wort- 
laut mit der Uebersetzung von 1524 übereinstimmt, alle anderen 
weichen davon ab, und oft recht bedeutend. Wenn also Luther in 
einer für das breite Volk bestimmten Erbauungsschrift des Jahres 
1526 seine Psalmenübersetzung von 1524 so gut wie völlig ignoriert, 
wird man es dann mit Spitta noch für > undenkbar < erklären können, 
daß ein Psalmlied Luthers, das 1527 entstanden wäre, auf jene Ueber- 
setzung keine Rücksicht nähme, da diese bereits Allgemeingut ge- 
worden sei? Auch in seinen deutschen Briefen aus späterer Zeit 
zitiert Luther den Psalter einfach nach der Vulgata, weil sich ihm 

1) W.A. 20, 547 ff. 

2) W.A. 24, Iff. 
8) W.A. 20,424. 
4) W.A. 19, 186 ff. 



Spitta, Ein feste Borg ist unser Gott. 273 

dieser Text am leichtesten einstellt, so z.B. Ps. 110, 1 und 4 in 
einem Brief an den Fürsten Joachim von Anhalt vom 19. Juni 1533 ^), 
oder Ps. 57, 9 in einem Brief an denselben vom 18. Juni 1534^, oder 
in einem Brief an einen Ungenannten vom 25. Oktober 1536 '). Doch 
genug der Beispiele! 

Alles in allem: der Beweis Spittas, den er aus der dem Liede 
zugrunde liegenden Uebersetzung des 46. Psalmen für die Abfassungs- 
zeit vor 1524 hat erbringen wollen, ist als gescheitert zu bezeichnen. — 

Nun dehnt aber Spitta die biblische Grundlage des Lutherliedes 
über den 46. Psalm noch viel weiter aus. Er nimmt außerdem nicht 
nur noch etliche alttestamentliche Stellen als Grundlagen an, was 
auch schon Bachmann getan hatte , sondern auch drei neutestament- 
liehe, nämlich Apok. 12, 7— 11, Wendungen aus den Reden Jesu im 
Johannesevangelium c. 14 ff. und Eph. 6, 10—20. Von diesen Stellen 
behauptet Spitta nicht etwa nur, daß sie möglicherweise Luther 
bei Abfassung des Liedes im Sinne lagen, nein, das soll wirklich 
and zweifellos der Fall sein (S. 104). Aber Spitta scheint mir 
hier von einer ganz unbewiesenen Voraussetzung auszugehen. Da 
flir das folgende viel davon abhängt, ob man ihm hierin zustimmt 
oder nicht, muß ich darauf kurz näher eingehen. Mit Apok. 12, 7 — 11 
soll das Lied folgende wörtliche Berührungen gemeinsam haben: 
Apok. 12,9 ist die Rede von der alten Schlange (6 Scpig 6 ip- 
Xaioc; Vulg.: serpens antiquus) und im Liede Str. 1,5 vom > alten 
bösen Feinde Apok. 12, 11 ist die Rede vom Xö^og t^c (taptopCag 
a&Tfldv; das soll sich berühren mit Str. 4, 1 : >Das Wort sie sollen lassen 
8tan<. Endlich Apok. 12, 10 ist die Rede von der ßaoiXeCa too dsoö 
iffj&yf; das soll wiederklingen in dem Satze Str. 4, 9: >Das Reich 
muß uns doch bleiben <. 

Aus dem Johannesevangelium sollen — und das hatte auch 
schon Bachmann behauptet^) — die Wendungen 14, 30: >Es kommt 
der Fürst dieser Welt und hat an mir nichts <, und 16, 11: >daß der 
Fürst dieser Welt gerichtet ist< im Liede ihre Parallelen haben, 
nämlich in der 3. Str.: >Der Fürst dieser Welt, wie sauer er sich 
stellt, tut er uns doch nicht, das macht, er ist gericht.< 

Endlich sollen Beziehungen zwischen dem Liede und Eph. 6, 10—20 
bestehen. Eph. 6, 11 und 13 ist von der Waffenrüstung Gottes 
(il acavoicXCa too dsoö) die Rede; das soll wiederklingen in den Worten 
des Liedes Str. 1,7: »groß Macht und viel List sein grausam 

1) ErL A. 55, 21 ; vgl. S. 49 and Enden, IX, 814. 

2) ErL A. 55, 51. 

3) ErL A. 65, 112. 

4) Ztachr. f. kirchl. Wusensch. Y (1884), S. 301 Anm. 6. 

G«tt. fL Abs. 19(M. Kr. 4. 19 



274 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 4.{ 

Rüstung ist<. Die Formel: >das Feld behaltene in Str. 2, 9 braucht 
Luther auch in der Uebersetzung von Eph. 6, 13. Einen weiterem 
Zusammenklang nimmt Spitta zwischen Eph. 6, 19, wo vom X670C die 
Bede ist, und Str. 4,1 des Liedes an: >Das Wort sie sollen lassen 
stan<. Gedanklich sollen sich Lied und Brief berühren, wenn es 
Str. 1,9 und 2, If. heißt: 

»auf Erd ist nicht seins Gleichen. 

Mit unsrer Macht ist nichts getan, 

wir sind gar bald verlorene 
und Eph. 6, 12, sofern hier von den bösen Geistern betont werde, 
daß sie in der überirdischen Begion sich befinden. Die letzte Ent- 
lehnung des Liedes aus der Epheserstelle soll in der Formel: »der 
alt böse Feind< stecken; vom >Bösen< ist auch Eph. 6, 16 die Beda 
Ich muß angesichts dieses aufgeführten Materials offen gestehen, 
daß es mir nicht in den Kopf will, daß Luther, als er sein Lied 
dichtete, > wirkliche und »zweifellose diese drei neutestamentlichen 
Stellen im Sinne hatte. Am ehesten kann man annehmen, daß ihm 
einige Wendungen aus Joh. im Sinne lagen. Aber die anderen zwei 
Partien? Ich glaube, in der Zuversicht, die Spitta hier zeigt, werden 
wenige ihm folgen. Jedenfalls heißt es ein Haus auf Sa^d bauen, 
wenn man die Annahme , dem Lutherlied lägen neben Ps. 46 auch 
noch jene drei neutestamentlichen Partien zugrunde, zur Grundlage 
weiterer Schlüsse macht. 

Wenn man aber einwenden wollte, die Gesamtsituation im Liede 
und in jenen Abschnitten entspräche sich doch völlig, wo anders her ab 
aus diesen könnte Luther also sein Gedankenmaterial entlehnt haben, 
so antworte ich : Wenn ein modemer Dichter einmal solch' einen Kampf 
zwischen Teufel und Christus darsteUt, dann kommt man wohl auf 
den Gedanken, daß er sich durch eine oder mehrere ähnliche Bibel- 
stellen werde haben anregen lassen. Aber Luther? Man versetze sich 
nur einen Augenblick in den ganzen massiven Teufelsglauben Luthers 
und seiner Zeit, in die allen geläufige Vorstellung, daß fortgesetzt 
der Teufel und sein Heer das Beich Christi und seiner Bekenner zu 
zerstören drohe, daß der ganze Geschichtsverlauf ein steter gewaltiger 
Kampf zwischen dem Teufel und Christus ist, und man wird nicht 
nötig haben, dieses Gemälde, das Luther in seinem Lied entwirft, 
erst durch eine bewußte Bezugnahme auf jene neutestamentlicbeii 
Stellen zu erklären, man mag, wie Spitta tut, noch so sehr betonei, 
daß es sich eben um einen großen Entscheidungskampf handle. Wer 
will beweisen, daß Luther wirklich in diesen Stellen bei Abfassung 
des Liedes ganz gelebt und gedacht habe?^) 

1) Da ich überhaupt die Abh&ngigkeit dee liedee von jenen Beatestament- 



Spitta, Ein fette Borg ist unser Gott 276 

Aber vieUeicht kann uns Spitta doch noch davon überzeugen, 
daß LntlTer mn großes Lied mit dem festen Blick auf jene neu- 
teatamentlichen Stoffe geschaffen habe. 

2. Von seiner entschiedenen Meinung aus geht Spitta dazu über, 
die Lage zu schildern, in der der Dichter sich befunden haben müsse, 
als er das Lied dichtete. Lagen ihm die Reden Jesu bei Johannes 
(Joh. 14, 30; 16, 11) im Sinne, so muß seine Lage der Lage Jesu 
entsprochen haben, als dieser vor seinem Leiden den letzten Ansturm 
des Teufels zu bestehen hatte; wie dieser so muß auch der Dichter 
>yor einer entscheidenden Stunde stehen, auf die Satan seine ganze 
Hoffiiung gesetzt hat, ihn zu Falle zu bringen«. Steht Luther bei 
der Dichtung seines Liedes Eph. 6, 10 — 20 vor der Seele, so muß 
seine Lage entsprechend der des Paulus gewesen sein, als dieser 
jene Stelle schrieb. »Noch steht Paulus vor der Entscheidung, wo 
et öffentlich sich verantworten soll. Er hat sich auf den Kaiser be- 
rufen ; so soll er denn auch vor den Kaiser gestellt werden (Apg. 25, 12). 
Man soll für ihn beten, daß er i^e, wie sich's gebührt: nicht zag- 
haft, nicht sich und seine Sache entschuldigend, sondern mit freudigem 
Auftun des Mundes als der, welcher Christi Sache vertritt, die siegen 
muß. Und so ist es ihm auch gegeben worden, wie er selbst davon 
berichtet IL Tim. 4, 17.< In ganz der gleichen Lage zeigt das Lied 
unsem Luther: >Auch er steht vor der einen Verantwortung des 
Eyangeliums, bei der ihm wohl das Zagen ankommen kann und für 
die er in besonderem Maße der Fürbitte der Gläubigen bedarf«. 
Daß Luther endlich vom 46. Psalm auch auf Apok. 12, 7 — 11 geführt 
wurde, erklärt sich nur aus der eigentümlichen Stimmung, in der 
er sich bei Abfassung des Liedes befand. Luther erlebte ein irdisches 
Gegenstück zu jenem apokalyptischen Vorgang. »Jetzt wird die große 
Ekitscheidungsschlacht geschlagen, und der Dichter des Liedes selbst 
ist es, dem die göttliche Sendung geworden ist, in diesem Kampf 
mit Menschen und Teufeln unter dem Feldherm Jesus Christus zu 
fechten«. — Alles sehr geistreich, in einer Predigt sehr wirkungs- 
voll, aber haben alle diese Ausführungen nur im geringsten festen 
Boden unter den Füßen? Sind alle Ausleger des Lutherlieds blind 
gewesen, daß sie das alles nicht gesehen haben? 

Welche Lage aber läßt sich im Leben Luthers bis 1521 finden, 
so fährt Spitta fort, die auf die aus dem Liede sich ergebende 
Situation so vollkommen paßt, als die Lage, in der sich Luther auf 

Stenen leugne, so ist f&r mich die Frage, die Spitta besonders interessiert, ob 
nimlich diese neatestamentlichen SteUen nach dem Urtext oder nach der Yolgata 
oder nach der Lutherischen Deb^setzung von 1622 im Liede benntst seien, 
gegenstandslos. 

19* 



276 Gott gel. Am. 1906. Nr. 4. 

seiner Reise zum Reichstag nach Worms befand? Dies sucht Spitta 
so zu erweisen, daß er zunächst gegen die These Tschackerts sich 
wendet, der namentlich aus sprachlichen Zusammenklängen zwischen 
Predigten Luthers Über Joh. 17 und dem Liede den Schluß gezogen 
hat, das Lied sei zur Zeit der Packschen Händel entstanden. Daß 
mit solchen sprachlichen Beweisen allein nichts zu machen ist, zeigt 
Spitta meiner Meinung nach ganz schlagend, indem er aus der Schluß- 
strophe des Liedes >Nun freut euch lieben Christen gemein« durch 
Vergleichung mit jenen Johannes-Predigten den Beweis erbringt, daß 
das Lied, das sicher 1524 erschienen ist, nur 1529 entstanden sein 
könne. Damit beweist er tatsächlich, wie unzulänglich die Methode 
ist, die Tscbackert verfolgt. 

So hat sich Spitta die Bahn freigemacht, um aus der Lage und 
den Schriften Luthers vor und während seiner Wormser Reise den Be- 
weis zu erbringen, daß sie in so und soviel Stellen nicht nur an den 
46. Psalm, sondern auch an jene neutestamentlichen Stellen, vor 
allem an Eph. 6 anklingen. In der Tat, wenn Spitta dies gelänge, 
wenn er uns zeigen könnte, wie sich auch damals in Luthers 
Aeußerungen Ps. 46 und Eph. 6 stetig miteinander verknüpfen, so 
würden wir vielleicht auch glauben, daß hinter dem Lied jene 
paulinischen Gedanken stünden. Sehen wir zu, was Spitta uns zu 
sagen hat. 

3. Zunächst zieht Spitta den Brief Luthers an Spalatin vom 
21. Dezember 1520 heran ,^) der schon deutlich die Grundlinien von 
»Ein feste Burg< enthalten soll. Hier soll von Wichtigkeit sein, daß 
zwar nicht der 46., wohl aber der ihm nahe verwandte 2. Psalm von 
Luther zitiert wird. Aber sieht nicht Spitta, daß dies gerade stark 
gegen ihn, nicht für ihn spricht? Wenn Luther, als er den Brief 
schrieb, von starker Glaubenszuversicht erfüllt war und er drückt diese 
mit Worten nicht des 46., sondern des 2. Psalmen aus, so ist damit 
eben bewiesen, daß er damals den 46. Psalm absolut nicht im Sinne 
hatte. Nun soll auch bereits Eph. 6 in den Brief hereinwirken: 
Luther schreibt: >Ita me conf ortet Dominus Jhesus<; und >VaIe et 
esto robustus in Domino«. Darin soll eine Beziehung auf Eph. 6, 10 
liegen: >de cetero fratres confortamini in domino et in potentia vir- 
tutis ejus«. (Vulg.). Das erste Wort aus dem Briefe kann gar nicht 
in Betracht kommen. Denn hat Luther etwa auch Eph. 6 , 10 im 
Sinne gehabt, als er einen Brief vom 1. Oktober 1520 mit den 
Worten schloß: >Vale jn Domino Jhesu Christo, qui conf ortet et 

1) de Wette, Luthers Briefe, 1, 584f. == Enders, Luthers Briefwechsel, in, 93f. 
Der Brief ist vom 29. Besember, wie Enaake in Stud, und Krit. 1900, 274 ne- 
^eigt hat. 



Spitta, Ein feste Burg ist unser Gott. 277 

serret spiritum et intelligentiam nostramc ? ^) Und das zweite Wort 
ist schon deshalb nicht aus der Epheserstelle geflossen , weil eben 
dieVnlgata, die doch 1521 für Lather noch gelten soll, confortamini 
hat, während Luther schreibt: esto robustus. Und sodann: Wieviele 
Briefe Lnthers schließen nicht mit der Formel: Vale in Domino! 
Wenn er hier das esto robustus noch hinzufügt, so braucht das 
wahrlich nicht aus der Epheserstelle zu fließen! Oder ist's etwa 
auch ein Anklang an dieses Bibelwort, wenn er einen Brief an die 
Evangelischen in Leipzig am 11. April 1533 mit den Worten schließt: 
>Christas, unser Herr, der stärke euch und sei mit euch, Amen<?') 

Nun soll auch dieser Brief schon an die Situation des Paulus 
erinnern, die Luther als der seinen ganz analog erkennt! War doch 
Paulus von der Zuversicht erfüllt, vor dem Kaiser zu seinem Rechte 
zu kommen, wie Luther zu Karl V. das beste Zutrauen hegte, wovon 
der Brief Zeugnis gibt! Ferner soll Luther an Paulus (vgl. Köm. 13) 
gedenken, wenn er im Rufe des Kaisers zugleich einen Ruf des 
Herrn sieht! Sind das nicht alles Willkürlichkeiten und wertlose Re- 
flexionen? Es ist ein andres, ob sich uns zwischen den Situationen 
zweier Männer eine Analogie aufdrängt, ein andres ist der wirkliche 
Beweis, daß der spätere dieser Männer selbst tatsächlich diese Ana- 
logie zu seiner Lage empfunden habe. Wenn Luther damals von 
Paulus und dessen Schicksal wiederholt spräche, dann wäre die Sache 
klar. Aber aus so schwachen Anklängen, die einer Prüfung absolut 
nicht Stand halten, kann man gar nichts folgern. 

Spitta glaubt nun aus den weiteren Briefen Luthers vor dem 
Reichstag zu Worms immer deutlicher die Töne des Liedes heraus- 
zuhören. Gewiß, die Briefe werden immer satter und stärker von 
Glaubenszuversicht. Aber wenn man nicht von vornherein überzeugt 
ist, das Lutherlied gehöre in jene Tage, so sind alle von Spitta vorge- 
brachten Anklänge ohne zwingende Beweiskraft. Ich kann nicht 
jedem einzelnen Punkt nachgehen, um nicht zu breit zu werden, nur 
einzelnes sei herausgehoben. So will z. B. Spitta in dem Briefe 
Luthers an Spalatin vom 14. April (?) 1521 ") wieder die Epheserstelle 
heraushören. Schreibt doch Luther: »intrabimus Wormatiam invitis 
omnibus portis infemi et potestatibus aeris«. Das soll eine Nach- 
wirkung von Eph. 6, 12, verbunden mit Eph. 2, 2, unter Berührung 

1) Enders, a. a. 0. ü, 486. 

2) £ri A. 55, 8. Ueberhaupt findet sich dieser Gedanke: »Gott stärke« 
(oder ahnlich) angezählte Male in den Briefen Luthers, zumal am SchluB. Ich 
ferweise beispielshalber nur noch auf folgende Stellen: Erl. A. 58, 58. 184. 144. 
167. 172. 179. 182. 204. 268. 276 u. s. f. 

3) De Wette, Lutherbriefe I, 568 f.; Enders, Luthers Briefwechsel in, 120 f. 



278 Göte. gel. Anz. 190$. Nr. 4. 

mit Ps. 24,7 sein! Daß Luther schreibt: »dispone ergo hospitimn« 
soll ein Beweis dafür sein , daß Luther an die Lage des Paulus 
denkt, denn in der Zeit seiner Gefangenschaft schreibt er Philem. 22 : 
>simul autem et para mihi hospitium<! Als Luther in Worms aus 
dem Wagen stieg und das Wort sprach: >Gott wird mit uns sein<, 
soll ihm Ps. 46, 8 im Sinn gelegen haben: >Der .Herr Zebaoth ist 
mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutze! Der Schluß seiner 
Wormser Rede: »Gott helfe mir — Gott, komme mir zu Httlf< soll 
aus Ps. 46, 2: »Gott ist eine Hülfe in den großen Nöten« geflossen 
sein! Auch als Luther 1546 (man beachte das!) von seiner Wormser 
Reise sprach , ^) soll er unwillkürlich in Wendungen aus Ps. 46 und 
Eph. 6 hineingekommen sein! Er sagt: > denn ich war unerschrocken, 
fürchte mich nichts, ... Ich weiß nicht, ob ich jetzt auch 
so freudig wäre.< Ps. 46, 3 ist zu lesen: >Darum fürchten wir 
uns nichts« und Eph. 6, 19. 20: >auf daß mir gegeben werde das 
Wort mit freudigem Auftun meines Mundes; daß ich darinnen 
freudig handeln möge und reden, wie sichs gebühret. c Ich 
glaube, keine dieser angeblich deutlichen Beziehungen von Worten 
Luthers zu den biblischen Stellen, die nach Spitta damals Luther 
im Sinne lagen, werden auf einen Historiker einen Eindruck 
machen. Auch die Anhäufung verfehlt ihres Eindrucks. Denn mit 
gleichem Recht könnte man auch zeigen, daß Luther irgend eine 
andre oder mehrere andre Schriftstellen damals im Sinne lagen. Mit 
gleichem Rechte könnte ich etwa behaupten, daß Luther, als er in 
dem Brief an Spalatin vom 14. April 1521 die Worte schrieb: 
>Christus vivit«, IL Korr. 13, 4 im Sinne gelegen habe. Oder warom 
soll ihm nicht bei der Formel: >Ich weiß nicht, ob ich jetzt auch so 
freudig wäre« ebenso gut I. Thess. 2, 2 vorgeschwebt haben? Bfit 
Recht hat Spitta Tschackert gegenüber auf die Gefahr aufmerksam 
gemacht, die ein Haschen nach sprachlichen Anklängen für die 
Datierung unsres Liedes in sich schließt. Ist er selbst dieser Gefahr 
entgangen oder ist er ihr erlegen? 

Und nun vergegenwärtige man sich einmal, ob es psychologisch 
denkbar ist, daß ein normaler Mensch seine Gedanken in drei oder 
vier Bibelstellen so verstrickt, daß er auch nicht das einfachste Wort 
schreiben oder sprechen kann, ohne daß ihm dabei nicht eine Phrase 
aus jenen Stellen in den Mund oder in die Feder kommt. Rein un* 
erträglich ist dieser Gedanke. Jeder weiß, daß Luthers Rede von 
biblischem Sprachgut gesättigt ist. Wollten wir seine Schriften nach 
Anklängen etwa an Eph. 6 durchmustern, wir würden wahrscheinlich 
überall und immer auf Formeln stoßen, die an auch dort vorkommende 

1) £il. A. 64, 368. 



Spitta, Ein feste Barg ist onser Gott. 279 

Wendnngen erinnem. Also auf diesem Wege kann man nichts er- 
reichen. 

Blicken wir zurück! Weder hat uns Spitta davon überzeugen 
können, daß dem Liede selbst neben Psalm 46 deutliche Benutzung 
von Apok. 12, Eph. 6 und den Johanneischen Jesusreden zugrunde 
liegt, noch davon, daß Psalm 46 und Eph. 6 wirklich Luther vor und 
in Worms lebhaft beschäftigt haben, noch davon, daß er seine Situa- 
tion deutlich als die des Paulus oder die von Jesus empfunden habe. 
Möglich ist natürlich alles dies. Aber Möglichkeiten sind keine Be- 
weise, und so muß ich leider auch hier erklären: Auch von dieser 
Seite her ist Spitta der Beweis, daß Luther sein Lied auf der Reise 
nach Worms gedichtet habe, nicht gelungen. 

Es bleibt endlich das Zeugnis der Zeitgenossen. Mit Recht 
scheidet Spitta die Angaben von Sleidan, Seinecker und Walter 
(gegen Orößler) aus, die wertlos für die Sache sind. Aus den Be- 
richten des Chytraeus (und Coelestin) stellt er in sorgsamer Unter- 
suchung fest, daß sie angeben, Luther habe das Lied >Ein feste 
Burg« vor dem Augsburger Reichstag — nicht verfaßt — , sondern 
veröffentlicht (evulgavit). Das stimmt gewiß mit dem, was bis- 
her über die Veröffentlichung des Liedes bekannt ist. Allein diese 
Angabe besagt gar nichts für die Entstehung des Liedes. Damach 
kann es 1521 oder 1527 oder 1529 entstanden sein. Nun hat 
Größler als Zeugen für das Jahr 1521 als Abfassungsjahr den 
Rostocker Professor und Superintendenten Simon Pauli (f 1591) ins 
Feld geführt.^) An drei Stellen seiner iPostillac behauptet dieser, 
das Lutherlied sei 1521 in Worms von Luther gedichtet worden. Um 
diesem Zeugnis ein möglichst großes Gewicht zu verschaffen, hat 
Größler auf die Bedeutung dieses Mannes als Gelehrten und speziell 
als Hymnologen nachdrücklich aufmerksam gemacht. Ja, er legt be- 
sonderen Wert darauf, daß Pauli vier Jahre in Wittenberg (wohl 
seit 1555) verbracht habe, und zwar als treuer und vertrauter 
Schüler Melanchthons. Von wem anders als von Melanchthon, so 
schloß Größler weiter, kann er die dreimal mit so viel Sicherheit 
vorgetragene Angabe über die Entstehung des Lutherliedes haben? 
Mit Recht macht Spitta darauf aufmerksam, daß dieser Schluß nicht 
zwingend ist und daß die an allen drei Stellen von Pauli zitierten 
bekannten Worte Luthers, er werde nach Worms gehen, wenngleich 
dort so viele Teufel wären als Ziegel auf den Dächern, dem Einwand 
immer wieder Boden geben, die Ansicht Paulis von der Entstehung 
des Liedes im Jahre 1521 beruhe einzig auf dem Zusammenklang 

1) Vgl. Mansfelder Blätter XVU (1903), S. 123 f. und: Wann und Wo ent- 
stand das Lutherlied Ein feste Burg ist unser Gott? Magdeburg 1904, S. 26 ff. 



280 Gott gel. Anz. 1906. Nr. 4. 

jenes Lutherwortes mit der dritten Strophe des Liedes (S. 163). 
Nun glaubt aber Spitta das Zeugnis Paulis dennoch retten zu können. 
Pauli habe von anderer Ansicht über den Ursprung des Liedes ge- 
wußt, speziell yon Sleidans Ansetzung desselben ins Jahr 1530. Wenn 
Pauli trotzdem eine abweichende Meinung vertrete, so müsse er 
seine guten Gründe gehabt haben, es müsse eine bestimmte Tradition 
gegeben haben, die die Abfassung des Liedes in die Wormser Zeit 
verlegte. Wäre nur die Parallele des Liedes zu jenem Lutherwort 
maßgebend gewesen, so hätten sich aus der Augsburger Zeit eben- 
soviele Parallelen zum Liede finden lassen. Es liege also nicht der 
geringste Grund vor, Paulis Angabe zu mißtrauen. 

Ist dieser Schluß zwingend? Keineswegs. Denn wenn Pauli 
wirklich einen anderen Grund für seine Datierung des Liedes ge- 
habt hätte als jenes Lutherwort von den Ziegeln auf den Wormser 
Dächern, so würde er es ganz offenbar gesagt haben, um die andere 
Meinung als nichtig zu erweisen. Jedenfalls hat zu Paulis Zeiten 
niemand mehr etwas sicheres über die Entstehung des Liedes ge- 
wußt, und der eine nahm die Wormser, der andere die Augsburger 
Zeit an, je nachdem ihm dieser oder jener Grund einleuchtete. Von 
einer wissenschaftlichen Untersuchung der Frage kann damals nicht 
die Rede sein. So fällt mit dem Zeugnis Paulis auch das des Luther- 
biographen Seidel (1581) dahin, der das Lied in Oppenheim vor 
Luthers Einzug in Worms entstanden sein läßt. Endlich hat Spitta 
durch Heranziehung des handschriftlichen Textes das Zeugnis Saxes 
in seiner > Beschreibung von Eyderstedt, Everschop und Uthholm usw.< 
aus dem 17. Jahrhundert, auf das Achelis und Qrößler mehr oder 
weniger Gewicht gelegt haben, als gegenstandslos erwiesen. 

So ist denn aus der Bezeugung des 16. Jahrhunderts für die 
Frage nach der Datierung des Lutherliedes nichts stichhaltiges zu 
entnehmen. 

Abschließend ist also zu sagen, daß uns die eingehenden Unter- 
suchungen Spittas in Wirklichkeit um keinen Schritt in jener Frage 
vorwärts gebracht haben. Wir sind heute noch ebenso im ungewissen 
über die Entstehungszeit von >Ein feste Burg«, wie wir es bisher 
waren. Spittas Untersuchungen leiden an methodischen Fehlern, und 
daher geht ihnen die überzeugende Kraft ab. 

Es wäre wohl möglich, daß das Lied 1521 entstanden sei. Dann 
bliebe freilich höchst auffallend, warum Luther, als er 1524 so eifrig 
nach Beiträgen für den evangelischen Qemeindegesang sich bemühte, 
sein früheres Lied nicht damals schon hervorgeholt und herausge- 
geben hätte. Spitta will das damit erklären, daß diese Dichtung 
Luthers Ideal einer Psalmenumdichtung, wie er es im Brief an Spa- 



Spitta, Ein feste Burg ist unser Gott. 281 

latin aufstellt, nicht entsprochen habe. Dieser Grund löst sich in 
sich selbst auf, weil Spitta, wie wir gesehen haben, dieses Ideal 
sicher falsch konstruiert. Und selbst wenn Spitta recht hätte, so wäre 
sein Qrund nur dann stichhaltig, wenn wir Luther als einen klein- 
lichen, schulfuxigen Pedanten kennten. Uebrigens sei zum Ueberflufi 
gegen Spittas Auffassung auch noch geltend gemacht, daß die Ent- 
Wickelung, die er in diesem Punkte Luther zuschreibt, höchst un- 
natürlich und im Widerspruch mit allem ist, was wir in dieser Be- 
ziehung von ihm wissen. Nach Spitta soll Luther in den Jahren 
1516—1521 dem biblischen Text völlig frei gegenüber gestanden 
haben, aber 1524 soU er auf einmal das entgegengesetzte Prinzip 
verfolgt haben, nämlich möglichst engen Anschluß an den Wortlaut. 
1528 bez. 1529 aber gibt er das Ein feste Burg endlich heraus, also 
muß er damals wieder anderer Meinung über das Ideal eines Psalmen- 
liedes geworden sein. Was für ein Zickzackweg! Verfolgt man aber 
seine Uebersetzertätigkeit am Psalter, so zeigt sich, daß er nicht 
nur, wie Spitta selbst sagt, immer mehr der Vulgata den Abschied 
gibt und sich dem Grundtext zuwendet, sondern er ringt sich auch 
immer mehr von diesem los und gestaltet auch in der Prosaüber- 
setzung den einzelnen Psalm immer mehr zu einer freien, selb- 
ständigen Dichtung.^) In diese Entwicklung paßt ganz und gar 
hinein, was Luther an Spalatin Anfang 1524 schreibt, wenn man die 
Stelle nur richtig interpretiert. Spittas Auffassung dagegen schafft 
eine völlig unverständliche Entwickelung. Schon daran geht sie in 
die Brüche. Damit fällt aber für Spitta selbst ein Hauptgrund 
seines Datierungsversuches dahin, denn er gibt selbst zu, daß, hätte 
>Ein feste Burg< Luthers Ideal entsprochen, sich allerdings kein 
Grund finden lasse, warum er die 1521 verfaßte Dichtung nicht 
1524 und erst 1528 oder 1529 veröffentlicht haben sollte (S. 37 f.). 

3. Die anderen Psalmenlieder Luthers. 

a) »Ach Gott, vom Himmel sieh darein<. Psalm 12. 
Spitta behauptet, daß dieses Lied nicht 1523 oder 1524, wie man 
gewöhnlich annimmt, entstanden sein könne, sondern in die Zeit vor 
der Erklärung Luthers in den Operationes, ^ also auf das Jahr 1519 
oder 1518 zu verlegen sei. 

Prüfen wir seine Gründe! 

Zunächst geht er daran, Bachmanns Behauptung, in dem Liede 
klinge die Psalmübersetzung von 1522 nur noch in einzelnen Spuren 

1) Vgl. darüber besonders G. Keyssner, Die drei Psalterbearbeitongen 
Luthers von 1524, 1528 und 1531. Meiningen 1890. 

2) VIT. A.V, 368 ff. 



282 Gdtt. gel. Abs. 1906. Nr. 4. 

an, während ihm deutlich die Uebersetzung von 1524 zugrunde 
li^fe,^) als irrig zu erweisen. Ich kann nicht behaupten, daß dieser 
Beweis erbracht sei. Präft man vorurteilslos die Texte, so drängt es 
sich förmlich auf, wie verwandt die Uebersetzung von 1524 und die 
Dichtung miteinander sind. Spitta meint freilich, diese Verwandt- 
schaft beruhe auf der Vulgata, aus der das Lied geflossen sei. Aber 
diese gemeinsame Grundlage erklärt doch keineswegs die deut- 
schen Gleich- und Anklänge in Uebersetzung und Lied. Femer 
sagt Spitta, wo das Lied von der Uebersetzung von 1524 abweiche, 
gehe es auf den lateinischen Text zurück. Diese Behauptung ist 
aber nicht richtig. Denn 1., Str. 1,5: >Dein Wort läßt man nicht 
haben wahre beruht keineswegs mit Sicherheit auf der Yulgata- 
stelle: »diminutae sunt veritates«, sondern ist höchst wahrscheinlich 
ein völlig freigebildeter Satz.^ 2., Str. 4,5: >Mein heilsam Wort soll 
auf dem Plan« soll eine Wiedergabe der Vulgata: >ponam in saln- 
tari< sein, aber nicht der Uebersetzung von 1524: >ich will ein 
Heil aufrichten <. Warum nicht? Es ist das eine wie das andere 
möglich. Endlich soll Str. 5, 7 : >und leucht stark in die Lande« die 
Vulgata voraussetzen: >probatum terrae«. Wie wenig das zwingend 
ist, beweist Luthers Auslegung dieses Psalmen aus dem Jahre 1530.^ 
Auch hier hält Luther an der Auffistssung von 1524 fest: >ein irdener 
Tiegel« (in vasis fictilibus).^) Aber er sagt: >In uns exercet unser 
Herr Gott das verbum, je mehr es angefochten wird, je lauterer und 
reiner es wird«. Und dann: >Qui igitur verbum habet, is et crucem 
habebit, debet autem crux prodesse et non obesse. Es muß also 
sein, illa crux soll heißen ein purgatio et probatio. So ists auch 
uns gangen: Hätten sie uns nit also gehäuet und getrieben, das 
verbum war nimmermehr so lauter an Tag kommen«. Damit ver- 
gleiche man: 

»Es [das Wort] will durchs Kreuz bewähret sein, 
da wird sein Kraft erkannt und Schein 
und leucht stark in die Lande«. 

Hier wie dort derselbe Gedanke, ohne daß die Vulgata herangezogen 
wäre. 

Aber zugegeben, das ganze Lied wäre sogar aus der Vulgata 
geflossen, so wttrde das nach dem, was wir oben über Luthers Vul- 

1) Zdtschr. f. kirchl. Wissensch. u. kirchl. Leben Y (1884), S. 295. 

2) Vgl snr SteUe noch die Bemerkungen unten S. 284. 
8) Erl. A., op. ex. 17, 104 (vgl. deutsch 88, 119). 

4) Ueberhaupt h&lt Luther seit dem Betbüchlein 1522 (»in irdischen G«- 
f&ßenc) an dieser Uebersetzung fest. 



Spitta, Ein feete Burg ist unser Gott. 288 

gatabenntzung gesagt haben, fUr die Datierung des Liedes gar nichts 
ausmachen. Jedenfalls könnte niemand daraus den Schluß ziehen, 
das Lied könne dann nicht 1523 oder 1524 gedichtet sein. Sodann 
aber ist der Schluß, ein Lied, das der Psalmenttbersetzung von 1524 
fernstehe, könne nicht in diesem Jahre verfaßt sein, auch aus folgen- 
den Erwägungen falsch. Wir wissen nicht genau, wann die Psalter- 
öbersetzung Luthers im Jahre 1524 erschienen ist. Am 1. September 
1624 schreibt Luther an Heinrich von Zütphen: >Ad Michaelis festum 
edetur Psalterium vemaculum parvum«.^) Damit ist unsere Ausgabe 
gemeint; aber es ist auffallend, daß sie als >kleine< bezeichnet wird. 
Nun ist tatsächlich Luthers Psalter — außer im dritten Teil seiner 
Uebersetzung des Alten Testaments — in zwei Sonderausgaben 1524 
erschienen: die erste war eine Ausgabe in Quart-, die zweite eine 
in Oktavformat. ^) Die letztere meint Luther offenbar in jenem 
Briefe. Dazu stimmt, daß Milich an Blaurer am 24. Juni 1524 schreibt 
>Psalterium Germanicum excusum est«.^) Damit wird die erste oder 
Quartausgabe gemeint sein. Also ist der Psalter doch etwa Anfang 
Juni im Manuskript fertig gewesen. Diese große Arbeit muß aber 
Luther in verhältnismäßig kurzer Zeit zustande gebracht haben. Denn 
wir haben eine Uebersetzung des 120. Psalmen vom Februar 1524,^) 
die ganz erheblich von der in der Ausgabe von 1524 abweicht. 
Jene ist noch ganz von der Vulgata abhängig, wie schon darin 
sich zeigt, daß sie im Präteritum gehalten ist, dagegen ist die 
Uebersetzung in der Ausgabe von 1524 präsentisch und von der 
Vulgata Überhaupt sehr frei gehalten. Mag immerhin dieser Psalm 
mit zu den letzten gehören, die Luther neu bearbeitete, so kann 
doch, wenn ein Psalmlied Luthers noch starke Verwandtschaft mit 

1) Enders, Luthers Briefwechsel V, S. 15. 

2) ErL A. 37, 104. 

3) Hartfelder, Melanchthon. Paedag., S. 141; vgl. S. 144; Zeitschr. f. Eirchen- 
gesdt XYU (1897), S. 408. Auf Grund von zwei Briefen an Steph. Roth in 
Wittenberg vom 18. und vom 20. Mai 1524 (Archiv f. Gesch. d. deutschen Bueh- 
faasdeli 16, 1898, 8.33) nimmt Köstlin-Kawerau, Luther" 1,572 an, der Psalter 
sei schon im Mai 1524 erschienen. Indessen die Notiz im Brief: >solche bucher 
hab ich antworden bis auff den aynen psalteriumc, die Buchwald in der An- 
merkung mit dem Hinweis auf Luthers Sonderausgabe des Psalters glaubt erklftrt 
zu haben, ist ganz dunkel Und aus der betreffenden Notiz des Briefes vom 
20. Mai ist eher zu entnehmen, daß von dem dritten TeQ der Uebersetzung des 
Alten Testaments noch nichts erschienen war, sonst würde wohl der Briefschreiber 
eben bestimmt vom Psalter reden. Wahrscheinlich hatte ihm Both mitgeteilt, daa 
etwas aus diesem dritten Teil n&chstens erscheinen werde, und nun bittet der 
Briefschreiber um Besorgung dieses Stückes sofort nach seinem Erscheinen. 

4) Luthers Trostschrift an die Miltenberger W. A. XV , 54 ff. Der Psalm 
S. 74. Vgl. damit Erl. A. 37,226. 



284 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 4. 

der Yülgata und wenig oder sogar gar keine Verwandtschaft mit der 
Uebersetzang von 1524 zeigt, dieses Lied sehr gnt in den ersten 
Monaten des Jahres 1524 entstanden sein. 

Viel wichtiger scheint aber ein anderes Beweisverfahren Spittas 
zu sein. Er nimmt nämlich die Grosse Luthers zum Psalter von 
1513 ff., die operationes von 1519 ff. und die Uebersetzungen znr 
Hand — ein Verfahren, das an sich sehr richtig ist — und will 
durch Vergleichung mit dem Liede jene These beweisen. 

Auch hier ist es unerläßlich, ins einzelne einzugehen. Folgende 
Stellen des Liedes zieht Spitta in Betracht: 1. Str. 1,5: > Dein Wort 
man läßt nicht haben wahr<. Durch Vergleichung dieses Verses mit 
der Glosse, den operationes und den Uebersetzungen kommt Spitta 
zu dem Schluß, das Lied müsse zwischen den operationes und der 
Glosse, jedenfalls vor 1519 abgefaßt sein. Er geht dabei von der 
Voraussetzung aus, daß jener Vers auf der Vulgata beruhe: >dimi- 
nutae sunt veritates [a filiis hominum]<. Diese wird auch noch in 
der Glosse, die einfach scripturarum hinzufügt, anerkannt. Lied und 
Glosse sollen also auf Seiten der Vulgata stehen. Dagegen habe sich 
Luther in den operationes von der Auffassung der Vulgata losgesagt 
— hier ersetzt er die veritates durch fides = fidelitas, Treue — 
und sich angeschickt, zur Auffassung der deutschen Uebersetzungen 
fiberzugehen. Dagegen ist folgendes geltend zu machen: Es ist gar 
nicht erwiesen, daß jener Vers auf der Vulgata beruht. Vielmehr 
hat Luther offenbar, als er das Lied dichtete, bereits die Erkenntnis 
der operationes gehabt, denn er singt: >Der Glaub ist auch ver- 
loschen gar, bei allen Menschenkindern < — eine Stelle, die sich auf- 
fallend mit einem in den operationes zweimal erscheinenden Satz be- 
rührt, der die betreffende Stelle (Psalm 12,22) so wiedergibt: >inter 
homines non est amplius fides < und >Vult enim dicere non esse 
amplius fidem in hominibus<.^) Daß Vulgata, Glosse und Lied zu- 
sammengingen, kann man also nicht behaupten, vielmehr stehen 
Lied und operationes zusammen. Daraus folgt aber mit Bestimmt- 
heit, daß es falsch ist, zu sagen: das Lied muß vor 1519 gedichtet 
sein. Es kann nach dem Gesagten sehr gut nach 1519 gedichtet 
sein. Die Uebersetzungen von 1522 und 1524 haben nun beide nicht; 
»der Glaubec, sondern >die Gläubigen<. 1522 liest: »und die Gläu- 
bigen haben abgenommen« (deutlich wirkt in dem >haben abge- 
nommen« noch die Phrase aus der Vulgata: »diminutae suntc nach), 
1524: >und der Gläubigen ist wenig«. Das scheint unser Lied von 
den Uebersetzungen ab und den operationes zuzuschieben. Aber' 

1) W. A. V, 370, 6 u. 14. 



Spitta, Ein feste Burg ist unser Gott. 285 

wenn man keine weiteren Gründe hat als diesen, so wird er allein 
fichwerlich ausreichend für eine solche Datierung sein. 

2. Str. 4, 5—7 : »Mein heilsam Wort soll auf den Plan, 
getrost und frisch sie greifen an 
und sein die Kraft der Armen<. 

Spitta behauptet, und mit Recht, daß Luther in den operationes 
der Vulgata: >ponam in salutari, fiducialiter agam in eoc zwei Ge- 
danken entnehme: der Glaube an Christus als Heilsgrund und die 
furchtlose Verkündigung des Wortes von selten der Gläubigen. Dieser 
doppelte Gedanke habe auch den Ausdruck in den hier vorliegenden 
drei Uebersetzungen bestimmt: 1522: >Ich will ein Heil aufrichten, 
davon man soll freudig wider sie handeln<; 1524 und 1528: >Ich will 
ein Heil aufrichten, das (so! nicht daß) getrost darin handeln soll<.^) 
Später: >Ich will eine Hülfe schaffen, daß man getrost lehren solle Im 
liede aber fehle der Gedanke; das Wort, die Verkündigung er- 
-scheine hier nicht als Folge des Glaubens, sondern allein als gött- 
liche Gabe. Daraus folge ebenfalls, daß das Lied zwischen die 
Glossen und die operationes zu setzen sei. Wenn nur Spitta die 
Uebersetzung von 1524 richtig zitiert hätte! Liest man, wie er 
irrigerweise angibt: >Ich will ein Heil aufrichten, daß getrost darin 
handeln soll<, so hat man zwar das erwünschte ut consecutivum, 
aber einen Satz, der keinen Sinn gibt. Liest man aber richtig, so 
ist hier genau der Gedanke ausgesprochen, wie im Lied: das von 
Gott aufgerichtete Heil, d. i. sein Wort, soll getrost (wie im Lied) 
darin, d. h. in der Not der Armen, also wider ihre Feinde handeln. 
1526 zitiert Luther diese Psalmstelle auch in seiner Auslegung des 
Propheten Habakuk, und zwar in derselben Weise: >Ich wil ein heil 
auffrichten, das soll frei drynnen handeln <. Er fährt dann fort: 
>wilchs alles so viel ist gesagt: die weissagunge von Christo, wenn 
sie nu erfüllet werden, so wird freigehen und erausbrechen, das 
itzt verborgen ligt, das man ynn aller weit davon predigen und 
sagen wird, also das auch niemand hindern kan, wenn sich gleich 
die pforten der hellen dawiddersetzten. Denn das ist die art dieses 
Ebraischen worts *Frey handeln', das es heist: frei offinbar erans 
faren mit reden und getrost und kecklich von eim dinge sagen, 
niemds angesehen<.^) Also auch hier die Gedanken des Liedes. Ganz 
auf dieser Linie liegt auch die Erklärung von 1530: >£r, d.i. Gott 
selbst, soll frisch und fröhlich (vgl. das >frisch< im Liede) wider 

1) Erl A. 37,118; BindseU-Niemeyer, Martin Luthws Bibdabersetcung III 
(1850), S. 78. 

2) W.A.XIX,392f. 



286 Gott. gel. Ans. 1906. Kr. 4. 

sie reden<.^) Endlich kehrt dieselbe Auffassung auch in den Sum« 
marien von 1533 wieder. ') Also auch hier liegt keinerlei Grand vor, 
das Lied vor 1519 zu setzen. Gerade die angezogenen Verse stimmen 
trefflich zur Uebersetzung von 1524. 

3. Str. 5, 1—7 : Das Silber, durchs Feuer siebenmal 
bewährt, wird lauter funden. 
Am Gottes Wort man warten soll 
Desgleichen alle Stunden. 
Es will durchs Kreuz bewähret sein, 
da wird sein Kraft erkannt und Schein 
und leucht stark in die Lande. 

Die Vulgata liest: >Eloquia domini casta, argentum igne exami- 
natum, probatum terrae, purgatum 8eptuplum<. Spitta Mt die 
Phrase: »probatum terrae« als für ihn wichtig ins Auge. In der Glosse 
deutet Luther diese Worte mit: »separatum a terrae^ wie Hieio- 
nymus. In den operationes wendet sich Luther von dieser Erklärung ab 
und Reuchlin zu, denn einmal sei terrae im Hebräischen Dativ, so- 
dann lehre Reuchlin, daß »aelil« eine Bezeichnung für ein Gefäß sei, 
worin die Metalle geschmolzen und gereinigt werden. Man könne, 
sagt Luther, die Stelle etwa so übersetzen: > Argentum liquatum in 
liquatorio terrae, sive ad terram, quod sonat in rem et ad usnm 
terrae, hoc est quo utantur qui in terra sunt, scilicet hominee«.^) 
Er führt dann weiter aus, daß das Gefäß die Gläubigen seien; in 
ihnen muß das Wort geläutert werden, und zwar in der Anfechtung. 
Die Gottlosen wollen von solcher Läuterung nichts wissen. >Non ergo 
intelligitur nee fructificat eloquium dei nisi mortificatis et tribulatis 
nobis, hoc est nisi propter verbum fortiter impugnatis et tentatis, 
non enim tam nos quam verbum patitur in nobis«. ^) Die lieber- 
Setzungen nun lauten folgendermaßen: 1522: »Das Wort Gottes ist 
lauter, wie ein durchfeuert Silber in irdischen Gefäßen, siebenfältig 
ist es gereinigt«,^ 1524: >Die Bede[n] des Herrn sind lauter wie 
durchfeuert Silber im irdenen Tiegel, bewährt siebenmalc ^ Seit 1528: 
>Die Bede des Herrn ist lauter, wie durchläutert Silber im erdenen 
Tiegel, bewähret siebenmal«. In den Uebersetzungen ist also das 
>terrae< genetivisch gefaßt: >irdener Tiegel«. Nun sagt Spitta: Im Ued 

1) Erl. A. op. ex. 17,104. 

2) ErLA.87,278. 

S) W.A. in,96,15 n. 88. 

4) W.A.V,880,28ff. 

5) W.A. Y, 881. ISC 

6) ErLA.87,444. 

7) ErL A. 37, 118. 



Spitta, Ein f«8te Barg ist miser Gott. 287 

fehlt die Vorstellung vom irdenen Tiegel, dagegen ist die dativische 
Fassung des terrae deutlich erkennbar. >Auch hier also«, so schließt 
er, »versteht sich der Text des Liedes nur aus der Zeit zwischen 
Glossen und Operationen <. Auch dieser Schluß ist yorschnell. Hätte 
Spitta die Auslegung des 12. Psalms von 1530 zur Hand genommen, 
80 hätte er sich überzeugen können, daß seine Meinung, das Lied 
zeige die > dativische < Auffassung des terrae wegen der beschriebenen 
Wirkung des Wortes, falsch ist. Wie 1522, so hält auch Luther 1580, 
wie überhaupt immpr, an der genetivischen Auffassung fest. Ausdrück- 
lich erklärt er den Ausdruck >in vasis fictilibus« mit den Worten: 
>ya8a terrae seu terrena et fictilia vasa nos sumus«.^) Dann aber 
spricht er trotzdem von dem Kreuz und von dessen Erfolg vor der 
Welt, wie ich oben schon gezeigt habe. Also ist aus dem Verhältnis 
der fünften Strophe zu den operationes gar nichts für die Abfassung 
des Liedes zu schließen, am wenigsten, daß sie vor die operationes 
zu setzen sei. Diese fünfte Strophe kann in der Zeit von 1519 bis 
1530 und auch noch nachher gedichtet sein. 

4. Str. 6,1: >Das wellst du, Gott, bewahren reine Hier ist 
Spitta ein handgreiflicher Irrtum untergelaufen. Er meint, Luther 
habe die in den operationes vorgetragene Auffassung: »servabis eos< 
» die Heiligen oder auch die Gottlosen zwar noch nicht 1522, aber 
1624 in seiner Uebersetzung und später vorgetragen. Allein das ist 
nicht richtig. Die Auffassung in den operationes hat Luther über- 
haupt verlassen und als Objekt des >Bewahrens< 1522, 1524, 1528 
und im Lied das »Wort< angesehen. Wenn die Uebersetzung von 
1524 lautet: >Du, Herr, wollest sie bewahren« (1522: Gott, du 
wollest es erhalten), so bezieht sich das auf die >Beden des Herrn« 
zurück, die vorherstehen. Das Lied schließt sich also weder der 
Glosse noch den operationes, sondern der Auffassung von 1522, 1524 
und später ^ an. Auch mit diesem Beweise hat Spitta also daneben- 
gegriffen. 

5. In Str. 6,7 sollen die Worte »in deinem Volk« im Wider- 
spruch mit den Uebersetzungen und mit der in den operationes vor- 
getragenen Exegese stehen. Hier begleitet Luther die Erklärung der 
diesbezüglichen Vulgatastelle : >filios hominum«, die die Väter bieten, 
darunter nämlich die »filii dei< zu verstehen, mit der halb ablehnen- 

1) Erl. A., op. ex. 17, 104; deutsch 38, 119. 

2) YgL ErL A. 87,444; 118; BindseU- Niemeyer, M. Luthers Bibelflber- 
setznng III (1850), S. 79; op. ex. 17, 105 erklärt Luther die betr. Worte: „Lieher 
Herr, laS uns dabei (d. h. bei den Reden des Herrn, eloquia domini) bleiben, wir 
könnens aUeine nicht erhobene. Also von den Heiligen ist gar nieht die Rede. — 
Vgl. auch das Zitat Ps. 12,7 in der Schrift: Wider die himsdisdieD Propheteo, 
wovon unten noch die Rede sein wird. 



'ä88 Gatt. gel. Anz. 1906. Nr. 4. 

den Bemerkung : > Quorum sententiam non damno, sed literalem esse 
non credo<.^) In den Uebersetzungen bietet Luther 1522: >unter 
den Leuten«, 1524 und 1528 »unter den Menschenkindern«; später, 
seit 1531: > unter den Menschen«. ^) Luther könne also, so meint 
Spitta, wohl kaum nach 1519 die Worte >in deinem Volke« ins Lied 
gesetzt haben, die er doch 1519 als mit dem Schriftbuchstaben 
streitend bezeichne. Nun hat aber Luther in seiner Erklärung des 
12. Psalmen 1530 das >inter filios hominum« von dem Volke Gottes 
verstanden. Er schreibt: »Wo die n^>T ins Predigtamt kommen, 
so kann Niemand das Volk erhalten . . . Est insigne nomen, quasi 
diceret: Devorant populum meum, quaerunt suum ventrem pascere«.^ 
Wer will also aus den Uebersetzungen von 1522 (»Leute«) und 1524 
(»Menschenkinder«) den Schluß ziehen, er habe dabei nicht ebenso 
gedacht? Endlich hat aber Spitta hier plötzlich die Glosse, die ge- 
rade recht ¥Fichtig ist, ganz außer acht gelassen; hier versteht 
Luther unter den >filii hominum« die principes nach Prov. 28, 2. 
Hätte Spitta mit seiner Annahme recht, so ergäbe sich also folgende 
Kette für Luthers Deutung der >filii hominum« : 1. in der Glosse 1519: 
die Fürsten; 2. im Lied: das Volk Gottes; 3. in den operationes: die 
Gottlosen; 4. 1522 und 1524 dasselbe; 5. 1530: das Volk Gottes. Ist 
das eine wahrscheinliche Reihe? Spricht nicht alles dafür, daß das 
Lied zwischen der Uebersetzung von 1524 und der Auslegung von 
1530 anzusetzen ist? Zu alledem kommt hinzu, daß gerade die letzten 
Verse des Liedes deutliche Verwandtschaft mit der Uebersetzung 
von 1524 und der von 1528 zeigen. Hier übersetzt Luther: »Es 
sind Gottlosen umb und umb, wenn unter den Menschenkindern die 
Losen erhöhet werden«. 

6. Str. 2,5—7 (richtiger 3—7): 

»Hur Herz nicht eines Sinnes ist, 
in Gottes Wort gegründet. 
Der wählet dies, der andre das, 
sie trennen uns ohn alle Maß 
und gleißen schön von außen«. 

Die Vulgatastelle : »in corde et corde [locuti sunt]« erklärt die 
Glosse durch den Zusatz: »vel duplici, alitor sciebant, alitor docue- 
runt«.^) Diese Auflassung läßt Luther in den operationes als möglich 
gelten, zieht aber die Deutung auf verschiedene Personen vor: die 

1) W. A. V, 884, 20. 

2) ErLA. 87,444; 118; 88,116. 

8) ErL A. op. ex. 17,105; deuUch 88,120. 
4) W.A.ni,96,l. 



Spitta, Ein feste Borg ist unser Gott. 289 

impii sind unter einander uneins: »quia vera et unica fides deest, 
impossibile est, ut uno corde sint, sed necesse est, partium studia 
factionesque inter eos abundare. Nunquam enim orta est secta, ex 
qua non mox aliae sint natae . . . Quare divisionem istam sectarum per 
divisionem cordis intelligendam putoc!^) 1522 übersetzt Luther: 
»sie predigen wider ihr Gewissenc;') 1524 und 1528: »und reden 
Heuchelei mit uneinigem Herzen«; 1531: >und lehren aus uneinigem 
Herzen«;^ 1530 gibt er dazu die Erklärung : »Id est, diverse corde, 
sie haben ein falsches Herz, sie gebens blande für mit Worten, und habens 
anders im Herzen, sie sind eitel Lügner. Ratio est, quia sunt incerti 
in corde.« ^) Es läßt sich nicht leugnen, daß das Lied der Auffassung 
Luthers in den operationes am nächsten steht. Daß es aber vor 
diese falle, zu dieser Annahme liegt keinerlei Grund vor. Aber auch 
das kann man nicht behaupten, daß die Auffassung des Liedes im 
Widerspruch stände mit Luthers Uebersetzung, bez. Erklärung von 
1524 und 1530. Gewiß denkt Luther 1530 nicht an eine Meinungs- 
verschiedenheit der Sektierer untereinander, sondern an die Glaubens- 
unsicherheit der Einzelnen in ihrer Mitte. Aber wie nahe liegt 
diesem Gedanken jener! Auch hier steht es so: Einen Beweis da- 
für, daß das Lied nicht 1524 gedichtet sein könne, hat man nüt 
dieser Sachlage nicht in der Hand. Wer wollte behaupten, Luther 
habe unmöglich 1524 so dichten können, wie die Worte lauten? 
Offenbar war er in der Auffassung der Stelle nicht völlig sicher. 
Das sind die Stellen des Liedes, aus denen Spitta durch Ver- 
gleichung mit Glosse usw. den Beweis erbringen will, daß das Lied: 
»Ach Gott, vom Himmel sieh darein« zwischen 1513 und 1519 ge- 
dichtet sein müsse. Unsere Prüfung der einzelnen Beweise wird ge- 
zeigt haben, ob Spitta ein Recht hat, mit aller Zuversicht zu be- 
haupten: »Aus den obigen Untersuchungen ergibt sich, daß von 
einer Abfassung des Liedes im Jahre 1523 keine Rede sein kann. 
Es wird vielmehr in das Jahr 1518 oder 1519 zu setzen sein« (S. 64). 
Dieser Beweis ist nicht erbracht. Im Gegenteil können wir nach un- 
seren Untersuchungen entschieden behaupten: zwischen der Glosse 
und den operationes kann das Lied unmöglich entstanden sein. Zu- 
zugeben ist, daß das Lied in manchen Einzelheiten den operationes 
nahesteht. Ich wiederhole, daß die Verse Str. 1,6 f.: 

»Der Glaub ist auch verloschen gar 

bei allen Menschenkindern« 

1) W.A.V, 371,2eff. 

2) Erl.A. 37,444. 

3) Bindseil-Niemeyer, a. a. 0. S. 78. 

4) Erl. A. op. ex. 17,103; deutsch 38,117. 

Gott. gel. Ans. 1906. Nr. 4. 20 




290 Gott, gel Anz. 1906. Nr. 4. 

an den Satz in den operationes erinnert: »inter homines non est 
amplius fides« ; und daß Str. 2, 5 f. : 

»Der wählet dies, der andre das, 

sie trennen uns ohn alle Maße 
der Auffassung der operationes entspricht. Ich füge hinzu, daß sich 
in den operationes zu Psalm 12,9 der deutsche Satz findet: »Sie 
sammeln sich mit hauffen und gehn dahync,^) was an den Vers 
Str. 6,5 anklingt: »der gottlos Hanf sich umher findtc. Aber damit 
ist auch die Verwandtschaft zwischen Lied und operationes, die hier 
in Betracht kommen könnte, erschöpft. Diese parallelen Stellen 
kommen aber gegen die Verwandtschaft des Liedes mit der Ueber- 
setzung von 1524, die man, noch einmal sei es gesagt, nicht mit der 
Bemerkung abtun kann, sie beruhe lediglich auf der beide Male be- 
nutzten Vulgata, und mit der Auslegung von 1530 gar nicht in Be- 
tracht. Zieht man noch die allerdings nicht häufigen Zitate des 
12. Psalmen in den Jahren 1525 und 1526 in Betracht, so findet sich, 
daß sich hier die Auffassung immer mit der des Liedes deckt. Von 
der wichtigsten Stelle aus dem Habakukkommentar von 1526 war 
schon die Rede. In der Vorlesung über Sacharja 1525/26 führt 
Luther Psalm 12,7 an, um daraus zu beweisen, daß unter argentum 
das ministerium verbi zu verstehen sei.^ Denselben Vers zitiert er 
in den Predigten über das 2. Buch Mose (1526), um damit den Satz 
zu belegen: > Argentum praedicatio Christiana est<.^) In den Vor- 
lesungen über Maleachi von 1526 zitiert Luther dieselbe Stelle und 
fügt hinzu: »Verbum dei in se quidem purissimum est, at in nobis 
purgatur de die in diem, quia nos purgamur per ipsum<. Das 
stimmt freilich auch mit der Auffassung des argentum in den opera- 
tiones, aber ebenso mit der im Lied. So kann man jedenfalls daraus 
keinen Grund gegen die Abfassung des Liedes im Jahre 1524 ent- 
nehmen.^) 

Nun hat aber Luther, und das ist wichtig, den 12. Psalm schon 
in der Schrift: »Wider die himmlischen Propheten« 1524 angeführt, 
und zwar gleich im Eingang. »Erstlich«, so sagt Luther da, »daß 
jedermann mit ganzem Ernst Gott bitte um rechten Verstand und 
um sein heiliges, reines Wort, angesehen, daß unter so mächtigen 
Fürsten und Gott dieser Welt, dem Teufel, gar nicht in unsrer 
Macht stehet, weder den Glauben noch Gottes Wort zu erhalten, 

1) W.A. V,88S,19. 

2) W.A. Xni, 609, soff. 
8) W.A. XVI, 599, 29 f. 
4) Dem Zitat Ps. 12,5 in den iVorlesangen über Zephania 1626, W.A. 

Xni, 468, ist nichts zu entnehmen. 



Spitta, Ein feste Borg ist unser Gott 291 

sondern es muß allein göttliche Gewalt da sein, die es beschirme, 
wie der 12. Psalm gar fein bet und spricht: die Wort Ootts sind 
rein, durchläutert siebenmal: du Herr wolltest sie erhalten und be- 
hüten für diesem Geschlecht ewiglich. Denn Gottlosen herum und 
um sind, wo die losen Leute aufkommen. Vermessen wir uns, daß 
wirs haben und sorgen nicht, wie wirs behalten, so ists bald ver- 
loren«.^) Nicht allein, daß auch hier die Auffassung des Psalmen mit 
der im Liede sich völlig deckt, diese Stelle legt auch die Vermutung 
nahe, weshalb Luther gerade diesen Psalm zu einem Lied umge- 
dichtet habe. 

Spitta sagt, auch dieses Lied verdanke seine Entstehung nicht 
dem Wunsche Luthers, der Gemeinde Psalmenlieder zu verschaffen, 
sondern seinem rein persönlichen Bedürfnis. >Aus den Operationen 
sehen wir, in welchem Maße der 12. Psalm Luther als ein Lied aus 
seiner eigenen Lage gedichtet erschien. Dieser Empfindung verdankt 
der 12. Psalm auch seine Aufnahme in das Betbüchlein von 1522 
unter der Ueberschrift : ,Der elft Psalm, zu beten um Erhebung des 
heiligen Evangelien'. Gegen die Annahme einer für den Gottes- 
dienst bestimmten Psalmendichtung spricht auch, daß Luther gleich 
in der ersten Zeile den Wortlaut des Psalms ,Hilf, Herr' verläßt 
und Psalm 14,5 ,Der Herr schauet vom HimmeP herübemimmt . . . 
Auch sonst geht das Lied mannigfach über den Rahmen einer bloßen 
Uebersetzung hinaus. Vor allem ist es eine stark leidenschaftliche 
Stimmung, die das ganze Lied durchflutet und es im Verhältnis zu 
dem Psalmoriginale nicht kirchlich stilisiert, sondern im Gegenteil 
ihm noch einen starken Zusatz persönlicher Stimmung gibt« (S. 64 f.). 
In diesen Worten ist mit Recht der stark persönliche, ja leidenschaft- 
liche Charakter des Liedes hervorgehoben. Es muß aus einer sehr 
erregten Stimmung Luthers hervorgegangen sein. Und zwar muß 
sich diese Stimmung gegen Verfälscher des Evangeliums gerichtet 
haben, die er nicht nur auf selten der katholischen Kirche sucht. 
In keiner Zeit aber trat ihm die neue Irrlehre so erschreckend ent- 
gegen, regte sie ihn so tief auf, als in den Jahren 1523 und 1524. 
Karlstadt, Münzer, Strauß forderten damals gerade Luthers ganze 
Gegenwirkung heraus. In dieser Stimmung schrieb er seine kraftvolle 
Schrift: Wider die himmlischen Propheten, und was liegt näher als 
die Annahme, daß er damals auch die Umdichtung des 12. Psalmen 
vornahm? Denn Zufall ists doch nicht, daß er gerade diesen Psalm 
und daß er ihn gerade so umdichtete. Dann ist, wendet freilich 
Spitta ein, das Psalmlied nicht eine Zweckdichtung, nicht aus dem 

1) Erl. A. 29, 137. 

20* 



292 Gott gel. AnE. 1906. Nr. 4. 

Wunsche geboren, der Oemeinde nur Lieder zn geben; das aber bat 
Luther bei seinem Dichten 1524 bestimmt. Also kann das Lied nicht 
in diese Zeit gehören. Hier stoßen wir auf eine jener vorgefaßten 
Meinungen Spittas, die sich durch sein ganzes Buch hindurchziehen 
(z. B. S. 77) und die äußerst yerhängnisvoU sind. Er hat sich einen 
Begriff von > gottesdienstlichen c Liedern zurechtgemacht, der völlig 
verkehrt ist. Als ob eine Dichtung, die offenbar aus starker persön- 
licher Erregung heraus geschaffen ist, nicht zugleich zu dem Zweck 
gedichtet sein könnte, der Gemeinde damit zu dienen! War die 
Schrift: Wider die himmlischen Propheten eine aus persönlichster 
Erregung heraus geborene Schrift? Ganz gewiß! War diese Schrift 
nicht eine Zweckschrift im vollendetsten Sinn des Wortes, entstanden, 
um die Gemeinde vor Irrlehre zu warnen? Ganz gewiß! So gut 
nun eine Schrift diese Doppelseitigkeit tragen kann, so gut auch 
eine Dichtung, zumal Luther ja, noch einmal sei es wiederholt, 
keineswegs eine sklavisch treue, wörtliche Uebersetzüng bei den 
Psalmdichtungen im Auge hatte, wie Spitta irrig und sich selbst 
irreführend annimmt. Luther, in tiefer Erregung über die neuer- 
lichen Vorgänge, will mit diesem Lied die Gemeinde zum Gebet 
wider die Verwirrung des Wortes Gottes aufrufen, ihr dies Gebet 
in den Mund legen. Man vergleiche nur zu diesem Gedanken die 
eben angeführten Worte aus Luthers großer Streitschrift.^) 

Also auch die Vergegenwärtigung der Lage Luthers 1524 kann 
uns nur in der Annahme bestärken, das Lied sei 1524 (oder 1523) 
entstanden. Wenn ich im vorstehenden einen Grund Spittas, den er 
fUr seine Datierung des Liedes noch angeführt hat, unberücksichtigt 
gelassen habe, so geschah es deshalb, weil er einer ernsten Wider- 
legung nicht wert ist. Der Vollständigkeit halber, und weil eine 
dabei vorgelegte Konjektur wohl Beachtung verdient, sei er aber 
angeführt. Spitta schlägt vor, in Str. 3, 1 zu lesen : Gott wollt aus- 
rotten alle gar, statt: alle Jahr. Diese Lesart scheint sich um der 
Beseitigung einer logischen Verworrenheit des Textes willen tat- 
sächlich zu empfehlen. Lasen doch auch einige beachtenswerte Drucke 
des 16. Jahrhunderts ebenso.^ 

b) >Es spricht der Unweisen Mund wohl.« Ps. 14. 

Um die Entstehungszeit dieses Liedes festzustellen, schlägt Spitta 
den gleichen Weg wie bei dem eben untersuchten Liede ein. Er 
prüft zunächst das Verhältnis zwischen dem Lied, der Uebersetzüng 

1) Vgl. auch Luther über den 12. Ps. in den Summarien (1638) ErL A. 
37, 278. 

2) Vgl. Zelle, Das älteste lath. Haus-Gesangbuch S. 102, Anm. zu Z. 7. 



Spitta, Ein feste Barg ist unser Gott. 298 

von 1524 und der Vulgata. Dabei kommt er zu dem Schluß, daß 
das Lded keineswegs die Uebersetzung von 1524 voraussetze, und 
daraus folgert er: > Somit ist die Zeit vor 1524 zunächst frei für 
das Datum der Abfassung des Liedes < (S. 70). Zugegeben, er hätte 
mit der ersten Behauptung recht, so folgt daraus keineswegs schon 
die zweite. Spitta tut so, als wäre die Psalmenübersetzung am 
1. Januar 1524 fix und fertig gewesen. Wir haben oben gesehen, 
daß das nicht richtig ist und daß wir vielleicht gut zwei, drei Monate 
des Jahres 1524 offen haben für die Entstehung eines Psalmliedes 
Luthers. 

Aber auch die erste Behauptung steht auf schwachen Füßen. 
Wieder muß ich sagen, daß Spitta so tut, als sei die Vulgata 
eine alte deutsche Uebersetzung. Wäre sie das, dann hätte er 
wohl ein Recht zu sagen: Klingen Lied, Uebersetzung und Vulgata 
zusammen, so ist anzunehmen, daß jene beiden ersten aus der Vulgata 
geschöpft haben. Aber wenn man fest im Auge behält, daß es sich 
bei der Vulgata um eine lateinische Uebersetzung handelt, die 
sowohl im Lied wie in der Uebersetzung verdeutscht wird, so 
muß es doch ins Gewicht fallen, wenn Lied und Uebersetzung für 
einen lateinischen Ausdruck ein und denselben deutschen Ausdruck 
bringen. Es gibt doch für ein lateinisches Wort wahrlich nicht nur 
ein einziges entsprechendes deutsches! Wenn z. B. die Vulgata 
Ps. 14, 1 liest: >corrupti sunt«, so läßt sich das Wort doch wahrlich 
noch anders, als nur durch > verderbte übersetzen. Hätte Luther 
dafür nicht ganz gut auch > verkehrte setzen können? In der Aus- 
gabe des Psalters von 1528 setzt er dafür: > verdorbene; seit 1531 
übersetzt er es mit: >sie taugen nichts <.^) Im Lied und in der 
Uebersetzung lesen wir aber beidemale: »verderbet«. Oder kann 
Spitta nachweisen, daß Luther überall und immer das lateinische 
>corrupti€ so und nicht anders wiedergibt? Oder das folgende Wort 
der Vulgata: >abominabiles< übersetzt Luther in der Psalter- Ausgabe 
1524 und 1528 mit: > greulich«; im Lied sagt er: [ihr Wesen] ist 
für Gott ein > Greuel« gar.^ Beidemale also dasselbe Wort. Hätte 
er nicht auch dafür >abscheulich« und >ein Abscheu« setzen können? 
Oder läßt es sich nachweisen, daß Luther >abomiDabilis« immer mit 
>greulich« übersetzt? Den Ausdruck >prospexit« in Ps. 14, 2 übersetzt 
Luther im Lied und in der Uebersetzung 1524 und 1528 mit >sah« 
(Praeteritum) ; spätersetzter dafür > schauet« (Praesens). Also läßt 
sich jenes Wort doch auch noch anders als durch das einfache >8ah« 

1) Bindseil-Niemeyer, a. a. 0., S. 80. 

2) Diese Wendung hat denn auch seit 1531 seine Uebersetzung bestimmt. 
Ebenda. 



294 Qött gel. Anz. 1906. Nr. 4. 

wiedergeben. So könnte ich fortfahren. Was ich sage, sind ja 
Binsenwahrheiten. Aber sie sind eben yon Spitta ignoriert worden 
und er droht damit Verwirrung anzurichten. Deshalb muß ich sie 
hier aussprechen und energisch hervorheben. 

So fallen in der Tat die wörtlichen Uebereinstimmungen zwischen 
Lied und Uebersetzung von 1524 ins Gewicht und sie sind nicht mit 
der Bemerkung abzutun: es liegt ihnen die Vulgata zugrunde! 

Ferner sagt Spitta, in einer Reihe von Stellen stehe das Lied 
mit der Vulgata der Uebersetzung von 1524 gegenüber. Prüfen wir 
diese Stellen! Zunächst soll in Betracht kommen Str. 1, 1 : >£s spricht 
der Un weisen Mund wohl«. Das soll auf der Vulgata beruhen: 
>Dixit insipiens<, während die Worte der Uebersetzung von 1524: 
>die Narren sprechen c für sich stehen sollen. Aber das ist offen- 
bar fehlgegriffen. Denn erstens steht in der Vulgata die Einzahl 
(insipiens), im Lied und in der Uebersetzung aber die Mehrzahl 
(die Unweisen — die Narren); zweitens steht in der Vulgata das 
Perfektum (dixit), dagegen im Lied und in der Uebersetzung das 
Präsens. Was in aller Welt berechtigt also zu dem Schluß: Lied 
und Vulgata stehen gegen die Uebersetzung? Kann > insipiens« etwa 
nicht ebenso gut mit >Narr« wie mit > Unweise« übersetzt werden? 
Also scharf zugesehen gehört Str. 1, 1 zu den Stellen, in denen das 
Lied gegen die Vulgata zur Uebersetzung steht. — Ferner soll 
Str. 5, 1 : > Darum ist ihr Herz nimmer still« mit der Vulgata über- 
einstimmen: >Illic trepidaverunt timore«, während wieder die Ueber- 
setzung für sich stehe: >Daselbst furchten sie sich«. Wie das be- 
wiesen werden soll, kann ich nicht einsehen. Auch hier verdient es 
Beachtung, daß das Perfectum der Vulgata in Lied wie Uebersetzung 
ins Präsens verwandelt ist. »Ulic« aber heißt nicht »darum«, sondern 
> daselbst« ; also Uebersetzung und Vulgata, die beide den Grundtext 
richtig wiedergeben, gehen hierin zusammen. — Nicht besser steht's 
mit den Stellen Str. 6, 1 und 6 f.: >Wer soll Israel dem armen zu 
Zion Heil erlangen?« Vulgata liest: »Quis dabit ex Sion salutare 
Israel?« Die Uebersetzung: >Wer wird Israel zu Zion helfen?« 
Daß das »dare salutare« im Lied mit »Heil erlangen« übersetzt ist 
und 1524 mit: »helfen«, ist das ein so großer Unterschied? Viel 
mehr kann man es betonen, daß das ex 8ion in Lied und Ueber- 
setzung (gegen den Grundtext) mit z u Zion wiedergegeben ist. Also 
auch hier besteht Spittas Behauptung nicht zurecht. — Endlich die 
letzte Stelle: Str. 6, 6 f.: ^ Davon wird Jakob Wonne han und Israel 
sich freuen«. Auch hier begreife ich nicht, warum diese Uebersetzung 
dem Vulgatatext entsprechen, die von 1524 ihr aber entgegen sein 
soll. Vulgata liest: »exsultabit Jacob et laetabitur Israel«; 1524: 



Spitta, Ein feste Borg ist unser Gott 296 

»SO wird Jakob fröhlich sein and Israel sich freuen <. Umgekehrt 
scheint mir auch hier wieder Lied und Uebersetzung von 1524 zu- 
sammenzustehen, denn beide Male findet sich das Yerbum: >sich 
freuen <, und 1524 ;hat ein >80< am Anfang des Satzes, dem das 
> davon c im Liede durchaus entspricht, während die Vulgata kein 
entsprechendes Wort aufweist. Also kann ich nicht begreifen, ¥Fie 
Spitta sagen kann, hier stehe Lied und Vulgata der Uebersetzung 
gegenüber. Er wird doch nicht behaupten wollen, daß »exsultare< 
nicht ebenso gut mit >fröhlich sein« wie mit >Wonne haben« über- 
setzt werden kann? 

Endlich soll noch die Tatsache, daß eine Reihe von Stellen im 
Liede ganz selbständig ist, das Recht zu der Behauptung begründen, 
das Lied ruhe nicht auf der Uebersetzung von 1524. Ich gestehe, 
daß mir dieser Grund erst recht nicht einleuchten will. Er setzt 
voraus, daß Luther eben so gedichtet haben müsse, wie sich das 
Spitta als notwendig denkt. 

Ziehe ich das Ergebnis aus unsrer Nachprüfung, so liegt auf 
der Hand, daß sich das Gegenteil von Spittas Behauptung ergibt: 
das Lied steht offenbar in enger Verwandtschaft zur Uebersetzung 
von 1524, und alles spricht dafür, daß sie beide auch zeitlich nahe 
beieinander liegen. 

Indessen, hören wir weiter, was Spitta gegen diese These vor- 
zubringen hat! 

Wieder zieht Spitta die Glosse und die operationes heran, um 
aus dem Vergleich mit ihnen und dem Lied Schlüsse auf dessen 
Abfassungszeit zu ziehen. Da faßt er denn hier zuerst Str. 1 , 1 
ins Auge, einen Vers, den er, irrigerweise, wie wir sahen, an die 
Vulgata heranrückt. In den operationes soll Luther die Vulgata 
verlassen haben und außerdem soll eine Auffassung des hebräischen 
Wortes bia vorliegen, die es kaum soll begreifen lassen, wie Luther 
darnach noch die Wendung: >Es spricht der Un weisen Mund< habe 
brauchen können. Luther erklärt nämlich das Wort mit: >stultu8 et 
idolatra, ignarus dei<.^) Dazu passe wohl die Uebersetzung von 
1524: >Die Narren (Toren) sprechen«, nicht aber die >Unwei8en<. 
Hätte Spitta die Behandlung des Psalmen von 1530 zur Hand ge- 
nommen, so würde er diese Behauptung kaum gewagt haben. Dort 
erklärt nämlich Luther auch jenes hebräische Wort; er sagt, man 
habe es mit >insipiens< wiedergegeben, und er fährt dann fort: >signi- 
ficat omnem hominem, qui est sine sapientia Christi et sine verbo. 

1) W. A. V, 392, 35. 



396 Oött gel. Anz. 1906. Nr. 4. 

Tarca, papa et sapientissimi in mundo.. <^) Hier hält also Luther 
auch an dem Begri£f der >Unweisen< fest. Wenn er das aber 1530 
konnte, so doch auch 1524 im Lied. Ein Grund also, die Dichtung 
vor die Operationen zu stellen, liegt in Str. 1, 1 keineswegs vor. 

Noch eine Reihe andrer Stellen führt Spitta an, in denen das 
Lied sich im Gegensatz zu den Glossen und in Uebereinstimmung 
mit den operationes befinden soll, und daraus folgert er, daß das Lied 
etwa in das Jahr 1518 zu setzen sei. Jene Tatsache, an deren 
Richtigkeit nicht zu zweifeln ist, drängt aber viel eher zu dem 
Schluß, daß das Lied nach den operationes entstanden ist. Zeigte 
sich, daß das Lied bald mit der Glosse, bald mit den operationes 
eins sei, so wäre der Schluß Spittas richtig. Nun kommt aber hinzu, 
daß alle die Stellen des Liedes, die eine deutliche Verwandtschaft 
mit den operationes zeigen, auch mit der Auslegung von 1530 über- 
einstimmen. Daraus folgt, daß wir keinen Grund haben, das Lied 
zeitlich den operationes möglichst nahe zu legen. Wüßten wir zu- 
fällig nicht, daß es 1524 veröffentlicht ist, so könnte ich es mit dem- 
selben Grund, mit dem Spitta das Lied an die operationes heran- 
rückt, ans Jahr 1530 rücken. 

Also auch hier das gleiche Ergebnis wie bisher: Spittas Datierungs- 
versuch schwebt in der Luft. 

Von den drei weiteren Psalmliedern Luthers: >Es wollt 
uns Gott genädig sein« Ps. 67, >Wohl dem, der in Gottes 
Furcht steht« Ps. 128 und >Wär Gott nicht mit uns diese 
Zeit« Ps. 124 gibt auch Spitta die Verwandtschaft mit der Ueber- 
setzung Yon 1524 zu, auch will er sie ihr zeitlich nahe setzen; nur 
setze keines der Lieder diese Uebersetzung voraus. Ich will mit 
Spitta darüber nicht rechten. Die Sache ist zu wenig wichtig, als 
daß es sich lohnte, auf Einzelheiten einzugehen. — 

Damit bin ich am Schluß meiner Nachprüfung. Mit dem Ver- 
such Spittas, vier von den sieben Psalmliedem Luthers vor das 
Jahr 1523/24 und zwar in die Zeit um 1518 bezw. 1521 zu setzen, 
ist es also nichts. Gegen ihn spricht schon die oben erwähnte Tat- 
sache, daß Luther in seinen Prosaübersetzungen des Psalters immer 
freier nicht nur von der Vulgata, sondern auch von dem Grundtext 
wurde, daß er den einzelnen Psalm inmier persönlicher, gegenwärtiger 
faßte, ihn immer entschiedener aus dem Präteritum ins Präsens um- 
setzte. Man kann nicht annehmen, daß er hierin in seinen Dichtungen 
andre Wege eingeschlagen haben sollte. 

Ich muß es andren überlassen, die Datierungen der weiteren 

1) Erl. A. op. ex. 17, 108. 



Spitta, Ein feste Burg ist unser Gott. 297 

Lieder Luthers durch Spitta nachzuprüfen. Sie scheinen mir ebenso 
gewagt und unsicher, wie die behandelten. Doch möchte ich nicht 
schließen , ohne auszusprechen , daß Spitta in Bezug auf das Lied : 
»Wir glauben all an einen Gott< mir etwas Richtiges gesehen 
zu haben scheint. Er scheint mir mit vollem Recht der traditionellen 
Anschauung, das Lied sei eine Verdeutschung des Credo in der 
Messe, also des Nicaeno-Constantinopolitanum, die andre entgegen- 
zusetzen, daß das Lied die Erweiterung einer deutschen und lateini- 
schen Vorlage eines unbekannten Verfassers sei. Wenn auch hier 
Spitta oftmals so tut, als habe er Luther bei seiner Arbeit über die 
Schulter, ja sogar ins Herz gesehen — ein einziger literarischer 
Fund kann seine Rekonstruktion der Entstehung des Liedes völlig 
aber den Haufen werfen — , so scheint er mir doch in der Haupt- 
sache völlig recht zu haben. Jedoch kann ich auch hier nicht um- 
hin, die Datierung des Liedes für äußerst gewagt zu erklären. Wie 
er behaupten kann, daß bei dieser Dichtung Luther ein Gedanke an 
die Gemeinde ganz fem gelegen habe, ja wie er die Sätze nieder- 
schreiben kann: »In diesen Jahren (1523 oder 1524) der Bemühungen 
Luthers um Eultuslieder konnte eine solche Dichtung gar nicht ent- 
stehen. Wie früh sie zu setzen ist, läßt sich überhaupt nicht be- 
stimmen. Sie kann leicht zehn Jahre älter sein, als man bisher an- 
genommen hat« (S. 186) , ist schlechterdings nicht einzusehen. Hier 
spukt immer wieder seine verkehrte Auffassung von der Eultuslieder- 
dichtung Luthers. Hätte Luther diese Dichtung bereits lange fix 
und fertig im Kasten liegen gehabt, so begreift es sich nicht, warum 
er nicht schon 1523 damit herausgerückt ist. Denn in der formula 
missae läßt er nur wenige der gebräuchlichen deutschen Lieder 
gelten; er zählt deren nur drei auf, unter denen die Vorlage seines 
Glaubensliedes bemerkenswerter Weise fehlt. ^) Also entweder hat 
man diesen »deutschen Glauben« in Wittenberg nicht gesungen, oder 
Lother hat das Lied nicht gebilligt. Warum er aber zu einer Um- 
diditnng schritt, ist aus den Verhältnissen von 1523 oder 1524 ganz 
gut verständlich. Was sollte ihn denn etwa 1515 zu dieser Um- 
dichtung veranlaßt haben? — 

Wir scheiden von Spittas Buch bei allem Dank für die Förderung 
im einzelnen und für die empfangene Anregung doch mit dem leb- 
haften Bedauern, daß Spitta, dem wir sonst so reiche Förderung auf 
hymnologischem Gebiet verdanken, so viel Kraft und Geist an eine 
irrige These gewendet hat. Das Gute hat aber wohl sein Buch, daß 
niemand sobald seine These wieder aufnehmen wird. Denn was sich 



1) Erl. A. op. T. a. 7, 17; W. A. XII, 218. 



298 Gdtt gfiL Anz. 1906. Nr. 4. 

for sie sagen läßt, das hat Spitta gesagt. Und es ist immer dankens- 
wert, wenn jemand eine auch falsche Hypothese mit aller Energie 
durchführt. 

Gießen. Paul Drews. 



J. Tolkelt, System der Aesthetik, Bd. I. München 1905, C. H. Becksclte 
Verlagsbachhandlung (0. Beck). XYIII, 692 S. Mk. 10.50, geb. Mk. 12.—. 

Seit dem Zusammenbruch der spekulativen Aesthetik mußte 
naturgemäß einige Zeit vergehen, bis die neue psychologische Rich- 
tung den großen Leistungen der alten Schule zusammenfassende 
und in ihrer Art abschließende Werke an die Seite stellen konnte. 
Nach einer Zeit langer sorgfältiger Arbeit, in der das neue psycho- 
logische Prinzip nach allen Seiten gewandt und die einzelnen Pro- 
bleme der Aesthetik von ihm aus erhellt und gedeutet worden waren, 
scheint nunmehr der Zeitpunkt erreicht zu sein, wo die neue Methode 
ihrer selbst sicher dazu schreiten kann, die gewonnenen Bausteine 
zum stattlichen Ganzen zusammenzufügen. Binnen weniger Jahre 
sind in Deutschland vier große zusammenfassende Werke erschienen 
oder haben wenigstens zu erscheinen begonnen : die Werke von Groos, 
Lange, Lipps und Roetteken; denn auch die Poetik von Roetteken ist in 
ihrem ersten Band den grundlegenden Fragen der Aesthetik gewidmet 
Nun gesellt sich zu ihnen auch Volkelt mit dem ersten Band einer 
umfänglichen auf zwei starke Bände angelegten Aesthetik, in der er 
die Früchte einer fast 30jährigen Beschäftigung mit den Problemen 
der Aesthetik niedergelegt hat. 

Und in der Tat ist sein Buch ein ausgereiftes Werk. Volkelt 
beherrscht das ganze Gebiet der Aesthetik mit souveräner Sicherheit. 
Ueber alle die behandelten Probleme ist er zur vollen Klarheit 
durchgedrungen; er überrascht durch eine Fülle von selbständigen 
Lösungen der einzelnen strittigen Fragen und wie von selbst wächst 
aus den einzelnen Ergebnissen seine Gesamtauffassung des Aestheti- 
schen hervor. Aber auch ohne das Neue, das er bietet, würde sein 
Buch doch gegenüber den eben erwähnten Darstellungen der Aesthetik 
ein Werk eigenen Gepräges sein. Während die andern Aesthetiker 
im wesentlichen nur ihre eigene Ansicht begründen und auf fremde 
Aufstellungen nur eingehen, soweit sich an ihnen die eigene Ansicht 
deutlicher aussprechen läßt, strebt Volkelt darnach, einen Ueberblick 
über den Gesamtstand der Aesthetik zu geben. Mit dankenswerter 
Knappheit und mit erstaunlicher Vollständigkeit findet die gesamte 
ästhetische Literatur unserer Tage und von der vergangenen alles, 



Volkelt, System der Aesthetik. I. 299 

was inhaltlich von Bedeutung geblieben ist, bei ihm Berücksichtigung 
und Beurteilung. Wie seiner Zeit Vischer die ganze spekulative 
Aesthetik zusammengefaßt und seine Auffassung als Abschluß der 
ganzen ästhetischen Zeitbewegung hat erscheinen lassen, so hat es 
Volkelt verstanden, seine eigene Aesthetik auf dem Untergrund der 
ästhetischen Arbeit unserer Tage aufzubauen und so ein glänzendes 
Seitenstück zur Vischerschen Aesthetik zu schaffen. Uebertrifft ihn 
Vischer auch an stilistischer Meisterschaft und in der feinen halb- 
dichterischen Analyse der Kunstwerke, so ist doch auch Volkelts 
Ueberblick über die künstlerische Produktion, namentlich über die 
poetische bewundernswert und auch sein Werk ist reich an feinen 
Bemerkungen, die seinem Kunstverständnis ein rühmliches Zeugnis 
ausstellen. Und in einem tut er es dem alten Meister der Aesthetik 
zuvor: die Klarheit seiner Erkenntnisse teilt sich seinem Stil mit 
und gibt seiner Darstellung eine sichere Bestimmtheit, eine wohl- 
tuende Ruhe und eine Leichtigkeit im Ausdruck, die sich von dem 
Ringenden und Springenden bei Vischer kräftig abhebt und die 
Lektüre seines Werkes zu einem relativ mühelosen Genuß macht. 

Die eigene Ansicht als die Frucht der ästhetischen Entwicklung 
hervortreten zu lassen, ist Volkelt nach seiner ganzen Stellung und 
geistigen Eigenart besonders befähigt. Volkelt steht noch mit der 
Zeit der spekulativen Aesthetik in lebendiger Fühlung und ist dabei 
doch einer der Bahnbrecher der modernen psychologischen Aesthetik 
geworden. Er ist sich dieser Doppelstellung wohl bewußt: >Wie 
ich mich<, sagt er (S. 290), >in den grundlegenden psychologischen 
Betrachtungen den Psychologen unter den modernen Aesthetikern 
nahe verwandt fühle, so bin ich mir in den normativen oder teleo- 
logischen Erwägungen der Verwandtschaft mit Schiller und den 
spekulativen deutschen Aesthetikern bewußt. Es steht mir in der 
Aesthetik das Ziel vor Augen, die moderne eindringende psycho- 
logische Art mit der älteren durch Wertbegriffe bestimmten Be- 
trachtungsweise zu verbinden.« In besonnener Prüfung hat Volkelt 
aus dem Alten das Wertvolle herausgefunden und beibehalten und 
hat ohne Bruch das Neue ans Alte angeschlossen, indem er das 
Alte aus seinen spekulativen Höhen in die psychologische Wirklich- 
keit herabgezogen und es im Wesen der Seele verankert hat. Sein 
maßvoller Sinn ist aller Schroffheit und Ausschließlichkeit feind; er 
liebt in der Wissenschaft nicht das > Entweder-Oder <. Eine peinlich 
sorgfältige Beobachtung der Wirklichkeit hat ihn gelehrt, wie mannig- 
faltig die Wirklichkeit ist und wie wenig sie sich beugen läßt unter 
scharfe logische Alternativen; er sucht ihr durch möglichste Weite 
der ästhetischen Forderungen gerecht zu werden. In dieser Hinsicht 



300 Gott. sei. Anz. 1906. Nr. 4. 

ist sein Werk auch von einem nicht unbeträchtlichen methodologischen 
Wert and eine wahre Schule der Besonnenheit. Referent gesteht, 
daß er sich in manchen Stücken, in denen er sich mit einem 
Entweder-Oder abgemüht hat, befreit gefühlt hat durch Volkelts 
unbefangene Anerkennung zweier Möglichkeiten. Eine Kehrseite hat 
freilich die Fähigkeit Volkelts, an den verschiedensten Standpunkten 
das Berechtigte herauszufinden und der Vielseitigkeit der Wirklich- 
keit gerecht zu werden: die Analyse glückt ihm besser als die 
Synthese des Analysierten; die strenge innere Einheit, als welche 
auch nach seiner Ansicht das Aesthetische erscheinen soll (S. 375), 
kommt nicht so überzeugend zum Ausdruck, als er es wohl selbst 
glaubt und als es auf Grund seiner eigenen Voraussetzungen mög- 
lich wäre. 

Volkelt stellt vier nicht weiter aus einander ableitbare Grund- 
normen auf, die zusammenwirken müssen, wenn das Aesthetische als 
ein Reich von eigenartigem und unersetzlichem Wert begriffen werden 
soll. Volkelt ist ein warmer Verfechter der normativen Aesthetik. 
Die Psychologie, so lehrt er, kommt mit ihren Mitteln niemals über 
die Feststellung, Zergliederung und Verknüpfung des Tatsächlichen 
hinaus. Wenn also ein seelisches Gebiet mit dem Anspruch analysiert 
wird, daß es einen bestimmten menschlichen Wert darstellt, so ist 
dieser Beweis neben der Analyse noch besonders zu führen. In den 
ästhetischen Normen wird festgestellt, welchen Bedür&iissen unserer 
Seele durch die psychischen Vorgänge, die als die ästhetischen er- 
kannt sind, Befriedigung zu teil wird (S. 367/8). Volkelts Werk zer- 
fällt daher außer einem vorbereitenden Abschnitt, der sich mit der 
Methodologie der Aesthetik befaßt, in eine beschreibende und eine 
normative Grundlegung der Aesthetik. Beide Teile hängen aufs 
engste zusammen ; die Beschreibung der Vorgänge beim ästhetischen 
Verhalten bildet die Grundlage, auf welcher sich die Lehre von den 
Normen erhebt. Und die Entwicklung der ästhetischen Normen gibt 
die Rechtfertigung dafür, daß gerade diese bestimmten seelischen 
Vorgänge als die ästhetischen abgegrenzt und zergliedert worden 
sind (S. 74). Man trifft daher das Ganze seiner Aesthetik, wenn man 
sich für die Kritik an seine Lehre von den ästhetischen Normen hält 

Die erste seiner Normen verlangt die Einheit von Form und 
Gehalt. Für Volkelt ist alle Form sinnliche Form, sie ist die für 
den ästhetischen Betrachter vorhandene Außenseite der Gegenstände, 
sie ist die Oberflächenerscheinung der Gegenstände. Das Aesthetische 
kommt bei ihm so zustande, daß sich der Betrachter der Form 
gegenüber einfühlend verhält und ihm also der Gegenstand den Ein- 
druck macht, als ob die Form, die sinnliche Seite des Gegenstandes 



Volkelt, System der Aesthetik. I. 801 

voll Leben und Seele sei (S. 392/3). In der Verschmelzung von 
Schauen und Fühlen, im gefuhlbeseelten Anschauen tritt eine in sich 
wertvolle Richtung des menschlichen Verhaltens zutage, die weder 
in der wissenschaftlichen noch in der sittlichen oder religiösen Be- 
tätigung vorhanden ist, sondern ihnen gegenüber etwas Eigenartiges 
zu besagen scheint (S. 389). 

Volkelt verhehlt sich selber nicht, daß die Poesie dieser Auf- 
fassung des Aesthetischen Schwierigkeiten bereitet. Anläßlich der 
Frage, ob die erwähnte Norm auch für die Poesie Gültigkeit habe, 
befaßt sich Volkelt auch mit meinem Buch über das Stilgesetz der 
Poesie (Leipzig 1901), in dem ich die Definition der Kunst als gehalt- 
erfüllter Sinnenform im Hinblick auf die Poesie bestritten habe, die 
ihrem Wesen nach als Kunst der abstrakten Sprache überanschaulich 
sei. Volkelt findet es verdienstlich, daß ich die wesenhafte Bedeutung 
der Sprache für die Dichtkunst mit starker Betonung dargelegt habe, 
er bedauert aber zugleich, daß ich auf einen verhängnisvollen Irrweg 
geraten sei, indem ich die Phantasieanschaulichkeit nicht als Aufgabe 
der Dichtkunst anerkannt habe (S. 88). Nun habe ich nicht geleugnet, 
daß den Aufnahmeprozeß des dichterischen Kunstwerks allerlei 
Phantasieanschauungen, optische, akustische und motorische, oder 
wie ich sie nenne, mimische begleiten (vgl. Stilgesetz S. 52). Darüber 
kann also zwischen uns kein Streit sein. Aber ich habe bestritten, 
daß das Darstellungsmittel der Poesie sinnliche Formen sind. 
Damit ist ausgesprochen, daß weder der Dichter den Gehalt, den er 
uns übermitteln will, in sinnlich-anschauliche Formen niederlegt, noch 
daß wir den Gehalt aus solchen Formen erheben, wie wir dies in 
den übrigen Künsten tun. Die Phantasieanschauungen, die den Auf- 
nahmeakt der Poesie begleiten, haben nicht die Bedeutung, daß sie 
uns den Gehalt vermitteln, der vielmehr restlos ausgedrückt ist 
in den gedanklichen Vorstellungszusammenhängen, die durch die 
Worte der Dichtungen gebildet werden. Nicht also, ob Phantasie- 
anschauungen sich während der Lektüre der Dichtungen einstellen, 
sondern ob sie die Form der Poesie sind, ist die Frage, die zwischen 
uns schwebt. Form ist in allen Künsten das vom Künstler Gegebene, 
in das der Gehalt niedergelegt ist, in das die Einfühlung zum Zweck 
der Gehaltsaneignung stattfindet — anders sieht es auch Volkelt 
nicht an: In was findet also in der Poesie die Einfühlung statt, in 
die sinnliche Form, in die > Oberflächenerscheinung der Gegenstände« 
oder in einen überanschaulichen Zusammenhang sprachlicher Vor- 
stellungen? Es will mir als der eigentliche Mangel der Volkeltschen 
Auffassung erscheinen, daß er diese Fragstellung nicht als den Kern 
des Streites erkannt hat. Hätte er es getan, so wäre seine Ent- 



302 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 4. 

Scheidung anders ausgefallen und er hätte es nicht nötig gehabt, 
seinem sonst klar und folgerichtig ausgebildeten Begriff der Form 
als des Objekts der Einfühlung im Abschnitt, der von der Poesie 
handelt, eine verschwommene und widerspruchsvolle Verwendung zu 
geben. 

Es ist kein Zweifel, daß Gefühle und Stimmungen, die mit 
einiger Lebendigkeit durch die Worte des Dichters in uns erregt 
werden, die Neigung haben, in Bewegungsempfindungen, in vor- 
gestellte oder in wirkliche, ja selbst in eigentliche Bewegungen 
auszumünden. Bei mimisch veranlagten Naturen ist der 6enn£ 
der Poesie vielfach von einem heimlichen inneren Agieren und 
Deklamieren begleitet. Volkelt ist der Ansicht, daß diese Be- 
wegungsempfindungen als relativ selbständige vom Leser hinzugefügte 
Stimmungsverleiblichungen eine wesentliche Seite der dichterischen 
Anschaulichkeit ausmachen und er macht mir den Vorwurf (S. 419), 
diese Art der Verleiblichung , die nicht auf direkte Anregung der 
Dichterworte, sondern selbständig auf Grund der in den Dichter- 
worten enthaltenen Stimmungen vorgenommen werde, sei gar nicht 
in den Umkreis meiner Erwägungen getreten. Ich begreife diesen 
Vorwurf nicht; ich rede mehrfach von diesem Drang, das seelische 
Miterleben sich entladen zu lassen ins Körperliche (vgl. z. B. Stilgesetz 
S. 52, 108). Aber wenn ich auch diese Bewegungsempfindungen als 
Begleiterscheinungen der Poesie anerkenne, so kann ich doch nicht 
zugeben, daß sie zu den Darstellungsmitteln der Poesie gehören, daß 
sie ein Stück ihrer Form seien. Im Gegenteil, die Einfühlung muß 
vollzogen sein, wir müssen durch die Einfühlung in den Besitz der 
Stimmung gelangt sein, dann erst kann unter dem Einfluß des 
mimischen Triebes, d. h. des Verlangens, das empfundene Seelische 
sich entladen zu lassen ins Körperliche, die Bewegungsempfindung 
sich einstellen. Die Lektüre von Goethes Prometheus soll nach 
Volkelt (S. 421) die Phantasiebewegungen des straffen Sichempor- 
reckens und kraftvollen Sichzusammenfassens begleiten. Das mag 
bei vielen Lesern der Fall sein. Aber ehe wir uns emporrecken, 
ehe wir uns zusammenfassen können, müssen wir den königlichen 
Trotz des Prometheus gegen die Götter und seinen entschlossenen 
Willen, sich die eigene Welt zu schaffen, gefühlt haben. Die Be- 
wegungsempfindungen sind also das Produkt der Einfühlung, statt 
ihr Objekt zu sein. Ist dem so, dann gehören sie nicht zur Form, 
unter der wir doch das vom Künstler Gegebene verstehen, in das 
die Einfühlung stattfindet. Erzeugen die Worte des Dichters nicht 
unmittelbar das Anschauliche, aus welchem wir durch Einfühlung den 
Gehalt erheben, haben wir vielmehr den Gehalt, ehe wir im Besitz 



Volkelt, System der Aesthetik. I. 303 

des Anschaulichen sind, so liegt die Form ganz wo anders als in 
diesem Anschaulichen. Sie liegt in dem, in das die Einfühlung statt- 
findet, in den überanschaulichen Worten des Dichters, in denen die 
Stimmung ausgeprägt und dem Leser gegeben ist. Volkelt verschiebt 
seinen eigenen Begriff der Form, wenn er Anschauungselemente, die 
er selbst als selbständige Verleiblichungen der vom Dichter erregten 
Stimmungen durch den Leser bezeichnet, als Bestandteile der poeti- 
schen Form betrachtet wissen will. 

Daraus folgt aber sofort ein weiteres. Würden diese motorischen 
Entladungen zur Form gehören, ohne die uns ja der Gehalt vom 
Künstler nicht gegeben ist, so wären sie notwendig und wo wir sie 
nicht hätten, hätten wir eben den Gehalt auch nicht. So aber be- 
steht die Form in überanschaulichen sprachlichen Vorstellungs- 
zusammenhängen und der Genießende hat hier, wie überall, seine 
ästhetische Aufgabe erfüllt, wenn er die Form mit Gefühl beseelt 
und durchdrungen hat. Ist er einmal im Besitz der gefühlbeseelten 
Form, dann ist es ästhetisch relativ belanglos, ob das Gefühl sich in 
Bewegungsempfindungen verleiblicht oder nicht. Persönlichkeiten von 
starker motorischer Veranlagung mag die Gewähr dafür, daß sie die 
vom Dichter ausgedrückte Stinmiung lebhaft erfaßt haben, im Auf- 
tauchen von Bewegungsempfindungen liegen, die bei ihnen eben immer 
zutage treten, wo sie lebhafter fühlen ; sie werden sich voll in ihrem 
Gefühl erst da angesprochen glauben, wo sich zum Seelischen das 
Körperliche gesellt. Bei andern mit schwächerer motorischer Phan- 
tasie werden die Bewegungsempfindungen seltener sein; ihr Eintreten 
wird zudem stark abhängig sein von der Verfassung , in der sie sich 
augenblicklich befinden. Auf Grund sorgfältiger Selbstbeobachtung 
kann ich versichern, daß bei mir sich an derselben Stelle bald Be- 
wegungsempfindungen einstellen, bald nicht, ohne daß ich im ersten 
Fall den Eindruck hätte, einen höheren ästhetischen Genuß zu haben 
oder zu einem tieferen Erfassen des Gehalts gelangt zu sein, als im 
zweiten. Der Aesthetiker hat allen Grund, diese Tatsachen zu be- 
tonen. Er muß kräftige Einsprache dagegen erheben, daß den 
Personen mit starkem motorischen Vermögen allein der Zutritt zum 
Tempel der Poesie verstattet werde. Es wäre in der Richtung von 
Volkelts sonstigem Verfahren gelegen, wenn er auch den Bewegungs- 
empfindungen gegenüber sein besonnenes > Sowohl -Als aucht zur 
Geltung gebracht und anerkannt hätte, daß auch motorisch mäßig 
Veranlagten ein adäquates Erfassen der Poesie vergönnt sei. Das 
hätte er aber nur vermocht, wenn er eingesehen hätte, daß die Be- 
wegungsempfindungen als die Produkte der vom Dichter erregten 



304 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 4. 

Stimmung unmöglich ein Element der poetischen Form ausmachen 
können. 

Bewegungsempfindungen sind nicht die einzigen sinnlichen Be- 
gleiterscheinungen der Poesie, wenn auch vielleicht die häufigsten, 
dazu kommen optische und akustische Bilder. Bilder dieser Art stellen 
sich ein teils auf Veranlassung der Anschauliches wiedergebenden 
Worte des Dichters; sie mögen aber auch ohne direkte Anregung 
durch den Dichter selbsttätig von unserer Anschauungsphantasie ge- 
schaffen werden als Umsetzung empfangener seelischer Eindrücke in 
Anschauung. Die ältere Aesthetik wußte nicht genug zu erzählen 
von der Raschheit und plastischen Bestimmtheit, mit der unsere 
Anschauungsphantasie selbsttätig die seelischen Eindrücke der Poesie 
in Anschauungsbilder umsetzt. Ich begrüße es lebhaft, daß Volkelt 
diese ganze Selbsttätigkeit der Anschauungsphantasie preisgegeben 
hat; auch er muß die Ueberzeugung gewonnen haben, daß ihre 
Leistungen beim Durchschnittsleser kaum nennenswert sind. Es 
bleiben also nur diejenigen optischen und akustischen Bilder, die 
auf Anlaß der sinnlichen Worte des Dichters entworfen werden. 
Volkelt räumt ein, daß es mit ihnen beim gewöhnlichen Leser 
schlimm steht (S. 416); das gewöhnliche Lesen sei selten von der 
Art, daß dabei eine Annäherung an das Ideal künstlerischen 
Betrachtens stattfinde. Aber meint er, wo man eindringlich, hin- 
gebend, mit Verweilen, Wiederholen und Rückblicken lese, da ent- 
spreche der Leser den auf Anschaulichkeit angelegten Worten der 
Dichtung weit häufiger und deutlicher mit seinen Phantasieanschau- 
ungen. Ein solches Lesen entspreche erst den höchsten Ansprüchen, 
die an das ästhetische Betrachten zu stellen seien. Es ist kein 
Zweifel, daß bei verweilendem Lesen öfter Phantasieanschauungen 
auftauchen als beim raschen, und wenn es feststeht, daß im Aestheti- 
schen Anschauen und fühlendes Erleben einen innigen Bund mit- 
einander schließen (S. 309), so ist der Vorzug des verweilenden 
Lesens infolge der häufigeren Phantasieanschauungen, die es gewährt, 
selbstverständlich. Aber heißt das nicht mit vorgefaßtem Maßstab 
messen? Das Ideal ästhetischen Betrachtens ist da erreicht, wo in 
die vom Künstler gegebene Form all der Gehalt eingefühlt ist, der 
in sie eingefühlt werden kann und nach den Absichten des Künstlers 
eingefühlt werden soll. Diesem Ideal vermag sich einer, der Uebung 
hat im poetischen Genießen, auch beim rascheren Lesen zu nähern, 
zumal bei der Lektüre einer Dichtung, die ihm durch mehrmaliges 
Lesen bekannt ist, und sein Genuß wird nicht beeinträchtigt durch 
den Umstand, daß ihm die sinnlichen Bestandteile der Dichtung nur 
selten zu optischen und akustischen Bildern aufquellen. 



Volkelt,, System der Aesthetik. L 806 

Im übrigen macht ja auch Volkelt den Genuß der Poesie nicht 
davon abhängig, daß dies überall und unter allen Umständen geschehe. 
Er gesteht zu (S. 417), daß die Aufnahme des Dichtungswerks auf 
weite Strecken ohne wirkliche Phantasieanschauungen verläuft, aber 
er meint, wir empfinden als Phantasieanschaulichkeit nicht bloß das 
ausdrückliche Phantasiesehen und Phantasiehören, sondern auch die 
betonte Gewißheit der Phantasieanschauungsmöglichkeit. Auch wenn 
wir die Anschauungen, auf welche die Worte und Wendungen des 
Dichters angelegt sind, nicht wirklich vollziehen, so haben wir doch 
die Gewißheit, daß die Worte und Wendungen auf Anschauung an- 
gelegt sind und daß wir fähig sind, diese in den Worten gleichsam 
eingewickelt liegenden Anschauungen auch wirklich mit unserer 
Phantasie zu vollziehen. An Stelle der wirklichen innem Anschauung 
tritt die Gewißheit von ihrer Möglichkeit. Das ist etwa, was auch 
ich sage, daß nämlich in der Poesie an Stelle des tatsächlichen 
Innern Wahrnehmens von optischen und akustischen Bildern der 
Eindruck, die Illusion trete, als nähmen wir innerlich wahr (Stil- 
gesetz S. 59, 156, 157, und Abschn. X). Ich beschreibe diesen Ein- 
druck innerlich wahrzunehmen als ein starkes Gefühl davon, daß das 
Sinnliche in der Poesie unmittelbar vor uns zu stehen, daß es uns 
greifbar und gegenwärtig zu werden scheint« während es in der Prosa 
uns fern bleibt, und ich mühe mich redlich ab, die psychologischen 
Ursachen aufzudecken, durch welche dieser eigentümliche Schein der 
Gegenwärtigkeit erzeugt wird, ein Versuch, den ich der Beachtung 
ganz besonders empfehlen möchte (Stilgesetz, Abschn. X). Der Schein 
der Gegenwärtigkeit wird — und darin gehe ich sogar über Volkelt 
hinaus — bisweilen so lebhaft und stark, daß wir ehrlich überzeugt 
sind, innere optische und akustische Bilder, Geschmacks- und Geruchs- 
empfindungen zu haben, obwohl wir sie nicht haben, und jedenfalls 
verknüpft sich mit ihm leicht der Glaube, daß wir das Sinnliche, das 
uns gegenwärtig geworden zu sein scheint, auch wirklich anschaulich 
vollziehen können, wenn wir nur wollen. Ich sage der Glaube, 
Volkelt die Gewißheit. Das scheint ein kleiner "Unterschied, ist aber 
ein ganz wesentlicher und geradezu entscheidender. Ich bin nämlich 
der Ueberzeugung, daß dieser Glaube in zahllosen Fällen trügt und 
daß es aus verschiedenen Gründen ein wahres Glück ist, daß wir 
uns statt des anschaulichen Vollzugs mit der Illusion der Gegen- 
wärtigkeit begnügen. Mir will nichts verkehrter erscheinen als der 
Satz Volkelts: >es bedarf nur eines kleinen Schrittes und die Phantasie- 
anschaunng ist in voller Wirklichkeit da< (S. 418). Dieser Schritt 
kann häufig nicht gemacht werden und er darf häufig nicht gemacht 
werden. Einmal würde uns an vielen Stellen, falls wir ihn machten, 

0«tt. gtü Ans. 1906. Nr. 4. 21 



806 Gatt. s^l. Anz. 1906. Nr. 4. 

das Unbehagen über die Mangelhaftigkeit unserer Anschauungs- 
phantasie peinigen. Ich gestehe, daß meine Anschanungsphantasie 
den Versen von Heine: 

>Die dankle Lockenfülle — Wie eine selige Nacht 
Von dem flechtengekrönten Haupt sich ergießend 
Ringelt sich träumerisch süß um das süße blasse Antlitz« 

völlig ratlos gegenübersteht und daß ich froh bin, daß bloß die 
Aesthetiker verlangen, ich müsse den Schritt zur innem Anschauung 
machen können, nicht aber der Dichter, der mir ohne innere An- 
schauung alles gibt, was er zu geben hat. Der Umstand, daß der 
Dichter seine Aufgabe vollständig erfüllt hat, wenn er uns die Illusion 
der Gegenwärtigkeit erzeugt hat, befreit uns von der Qual, unserer 
Anschauungsphantasie Aufgaben zumuten zu müssen, der sie nicht 
gewachsen ist; er befreit aber auch den Dichter von allen Fesseln 
der Anschauung und das ist noch viel wichtiger. Der Dichter braucht 
bei seiner Verwendung des Sinnlichen sich nicht darum zu kümmern, 
ob der Schritt von der Gegenwartsillusion des Sinnlichen zur wirk- 
lichen Phantasieanschaulichkeit gemacht werden kann; so kann er 
sinnliche Gebilde schaffen, die den Gesetzen der Anschauung spotten, 
die weder innerlich noch äußerlich besehen werden können; er malt 
Dinge, die für die innere oder äußere Anschauung zu klein sind, als 
daß man sie noch deutlich sehen könnte, mit voller Deutlichkeit; er 
schildert Dinge, die zu groß sind, als daß sie innerlich oder äußer- 
lich übersehen werden könnten; er entwirft Bilder, deren Verhält- 
nisse für die Anschauung häßlich unproportioniert sind, ohne daß wir 
bei ihm etwas von dieser Häßlichkeit spüren; er schafft lebensvolle 
Gemälde von einer Allgemeinheit, die die Anschauung, die immer 
individuell ist, unmöglich macht; er geht in der metaphorischen Be- 
seelung und Personifikation des Unterseelischen über alles Anschau- 
bare hinaus, u. s.w.; ich müßte die betreffenden Stellen meines Buches 
(S. 173—184, 188—193) vollständig ausschreiben, wenn ich alle Be- 
weise dafür beibringen wollte. Wie könnte der Dichter das, wenn 
der Dichter darauf zu achten hätte, daß >die Phantasieanschaunng 
im Bereich unseres Könnens liegtt (S. 418)? 

Und noch in einem andern Punkt ist der Dichter frei von den 
Bedingungen der Anschauung: er schafft sinnliche Gebilde, die den 
Charakter dessen nicht tragen, was man anschaulich heißt und was 
auch Volkelt unter diesem Begriff versteht. Auch Volkelt versteht 
unter Anschauung gehalteHüUte Sinnenform; anschaulich ist, was 
uns auffordert, uns einzufühlen in seine sinnlichen Formen. Nun 
gehe man mit dieser Anweisung an den Dichter heran und man wird 



Volkelt, System der Aesthetik. I. 807 

finden, daß viele von den sinnlichen Zügen, die er gibt, der Ein- 
fühlung nichts zu tun geben oder aber, daß die Einfühlung in ihre 
sinnlichen Formen einen ganz andern Gehalt abgibt, als den, den 
der Dichter erfaßt wissen will. Es hat vielfach gar keinen VT'ert, 
sich einfühlend zu verhalten zu den sinnlichen Gegenständen, die der 
Dichter berührt, weil die Einfühlung in ihre Sinnenformen nichts- 
sagend oder irreführend wäre. Der Dichter verfügt über eine Ver- 
wendung des Sinnlichen, die jenseits der Anschauung liegt. An 
vielen Stellen der Poesie dürfen wir uns nicht anschauend verhalten 
wollen, unter Anschauung immer Einfühlung in die sinnlichen Formen 
der Gegenstände verstanden. Der Schritt von der Illusion der Gegen- 
wart des Sinnlichen zur innem Phantasieanschauung des Sinnlichen 
darf nicht gemacht werden, weil ihn der Dichter nicht gemacht 
wissen will, weil er das Sinnliche so verwendet, daß seine sinnlichen 
Formen unserer einfühlenden Phantasie nichts zu sagen haben (vgl. 
im Stilgesetz Abschnitt VII, S. 11 4 ff. und daraus besonders 116/117, 
132—134, 140—142 und außerdem S. 65). Weil der Dichter keine 
Rücksicht zu nehmen braucht auf die Möglichkeit der Anschauung 
und weil er über eme unanschauliche Verwendung des Sinnlichen 
verfügt, deshalb steht ihm das Reich des Sinnlichen nach allen Seiten 
offen. Die ganze ungeheure Freiheit, die der Dichter in der Ver- 
wendung des Sinnlichen vor dem bildenden Künstler voraus hat, 
wäre dahin, wenn er dafür zu sorgen hätte, daß die Phantasie- 
anschauung im Bereich unseres Könnens liegt. Das scheint mir einer 
der entscheidenden Punkte in der Frage nach der Anschaulichkeit 
der Poesie zu sein. Wer meine Auffassung der Poesie bestreiten 
will, müßte mich, wie ich meine, an diesem Punkt widerlegen und 
ich wundere mich, daß Volkelt ihn auch nicht einmal berührt hat. 

Indes gesetzt, es gelänge Volkelt, mich darin zu widerlegen, es 
gelänge ihm, nachzuweisen, daß der Dichter ängstlich bestrebt ist, 
seine sinnlichen Gebilde so zu halten, daß die Möglichkeit der innem 
Phantasieanschauung erhalten bleibt, und daß er keine andere Ver- 
wendung des Sinnlichen hat, als die, die die Einfühlung in seine 
Oberflächenerscheinung verlangt und gestattet, was wäre damit ge- 
wonnen? Es bleibt dann eben doch dabei, daß wir an vielen Stellen 
uns mit der Gewißheit begnügen, innerlich sehen und hören zu 
können, ohne aber in Wirklichkeit innerlich zu sehen und zu hören, 
es bleibt dabei, daß in unserem Innem keine sinnlichen Formen, 
keine sinnlichen Gebilde vorhanden sind. Was wird dann aber aus 
der sinnlichen Frische des Schauens, die Volkelt als wesentliches 
Merkmal des ästhetischen Aufnahmeaktes rühmt (S. 389) und was 
wird aus der Einfühlung in die sinnliche Form? Man kann sich 

21* 



308 Gdit gel Anz. 1906. Nr. 4. 

doch in sinnliche Formen nicht einfühlen, die nicht vorhanden sind. 
Es ist klar, die Art der Gehaltsaneignnng muß in der Poesie eine 
andere sein als in den Künsten, in welchen die Sinnenform gegeb^i 
ist. Wo die Sinnenform schauend von uns wahrgenommen wird, da 
erarbeiten wir uns den Gehalt durch einfühlende Versenkung in die 
Anschauung. In der Poesie wird die Sinnenform nicht (oder häufig 
nicht) wahrgenommen, wir werden nur an sie erinnert, wir können 
uns also auch nur erinnern, daß wir an ihr einen bestimmten Gehalt 
erlebt haben. Dieses Verhältnis bedeutet aber eine Herabsetzung 
des Anschaulichen aus dem Unmittelbaren ins Vermittelte und auch 
aus diesem Grund, weil sie das Anschauliche nicht in seiner Un- 
mittelbarkeit zu schaffen vermag, muß sie ihre Stärke anderswo 
suchen als im Anschaulichen (vgl. die ausführliche Darlegung im 
IX. Abschnitt meines »Stilgesetzt). 

Mit dem Beweis, daß die Poesie sinnliche Form ist, ist die Auf- 
gabe, die Volkelt sich stellen muß, nicht erschöpft; angenommen, er 
wäre ihm geglückt, so müßte dazu noch des weiteren gezeigt werden, 
daß in dieser Form der Gehalt restlos seinen Ausdruck findet Ad- 
äquater Ausdruck des Gehalts in der Form ist eine selbstverständ- 
liche Forderung der Aesthetik. Gehalt, der nicht in der Form ist, 
ist nicht vorhanden; er kann dem Kunstwerk nicht entnommen, er 
kann nur erraten werden. Der Gehalt muß also vollständig heraus 
in die Form. Auch Volkelt sieht dies nicht anders an und da für 
ihn alle Form Sinnenform ist, so muß bei ihm der Gehalt auch voll- 
ständig heraus in die Sinnenform. Man kann diesen Grundsatz nicht 
schärfer formulieren, als Volkelt es getan. Man höre ihn selber 
(S. 394): >in der Einheit von Form und Gehalt liegt, daß im ästhe- 
tischen Gegenstand kein Gehalt vorkommt, der nicht sinnlich geformt 
wäre. Der ästhetische Gegenstand ist durchweg und restlos form- 
gewordener Gehalt, sinnlich gestaltetes Innere, verleiblichte Seele<. 
>Es ist in allen Fällen ein ästhetischer Mangel, wenn zum ästhetischen 
Gegenstand, und wäre es selbst nur in nebensächlicher Weise, Vor- 
stellungen und Gefühle gehören, die nicht in Wahrnehmung oder 
Phantasie ihre Verleiblichung gefunden haben, c Es erhebt sich also 
die Frage, vermag die Poesie, auch die kräftigste Anschauungs- 
phantasie in der Seele des Genießenden vorausgesetzt, diesem Ideal 
irgendwie zu genügen. Volkelt hat sich merkwürdiger Weise mit 
dieser Frage nicht genauer befaßt. Er konstatiert bloß das Vor- 
handensein sinnlicher Elemente beim Aufnahmeakt der Poesie. In- 
wieweit diese Elemente dem Gehalt anschaulich gerecht zu werden 
vermögen, hat er auch nicht in einem einzigen Fall untersucht. Ich 
habe der Frage im Stilgesetz (Abschn. IV, S. 60—65) eine ausfuhr- 



Volkelt, System der Aesthetik. I. 309 

liebe Behandlang gewidmet. Dieses Unternehmen hat mir von Volkelt 
den Vorwurf eingetragen, ich nähme den Maßstab, den ich an die 
Phantasieanschauung anlege, einzig von der sinnlichen Wahmebmung 
und fände so natürlich nur Kläglichkeit in ihr (S. 414). Das triSt 
nicht ganz zu. Ich nehme den Maßstab nicht von der sinnlichen 
VT'abrnebmung , sondern wie es natürlich und selbstverständlich ist, 
von der Aufgabe adäquater Verkörperung, restloser Verleiblichung 
des Gehalts (Stilgesetz S. 50) und da finde ich allerdings nur Kläg- 
lichkeit in ihr. Habe ich so gar Unrecht mit diesem Urteil? Nach 
Volkelts eigenen Aeußerungen kaum: »das Yeranschaulichungsmittel, 
das der Poesie zur Verfügung steht«, sagt er (S. 412), >die Phantasie, 
vermag der Forderung der Veranschaulichung nur in stark ermäßigtem 
und vermindertem Grade nachzukommen. Die Phantasie kann nur in 
bescheidener Weise Vorstellungen und Gefühle, welcher Art sie auch 
sein mögen, in Anschauung übersetzen. < Ja Volkelt geht noch einen 
Schritt weiter; er erkennt an, daß in der Poesie geradezu anschauungs- 
arme Stellen begegnen; so namentlich in der Gefühlslyrik, in der 
Gedankenlyrik und in der Schilderung ursächlicher Beziehungen 
(S. 425/426). Goethes >Herz, mein Herz, was soll das gebeut, >Edel 
sei der Mensch, hilfreich und gut< (S. 395), »Der du von dem Himmel 
bist< und der Anfang des Faustmonologs >Habe nun ach! Philosophie < 
(S. 427) > ragen nicht gerade durch sinnliche Ausgestaltung der Ge- 
fühle und Vorstellungen hervor«. Bei solchen Zugeständnissen sollte 
man meinen, Volkelt müßte denselben Schluß machen wie ich; er 
müßte erklären, der Satz, Kunst ist restlos Sinnenform gewordener 
Gehalt, paßt auf die Poesie nicht und ist deshalb notwendig falsch. 
Er tut es nicht; er erklärt, die Forderung des formgewordenen Ge- 
halts sei ein Ideal, dessen Verwirklichung mit Hindernissen, die aus 
der Natur einzelner Künste und Kunstzweige stammen, zu kämpfen 
habe. Es müsse von jener Forderung ein gewisser Abzug gemacht 
werden, wenn es überhaupt diese bestimmten Gebiete der Kunst 
geben solle. Zwar befriedigen jene Kunstzweige die ästhetischen 
Bedürfnisse nicht unbedingt und in jeder Hinsicht, aber doch in über- 
wiegender Weise ; den aus jenem Verstoß entstehenden ästhetischen 
Mangel müsse man um der überwiegenden ästhetischen Vorzüge 
willen ruhig hinnehmen. Daß aber jene Forderung auch für solche 
Künste ihre Giltigkeit habe, sei aus dem Bestreben der betreffenden 
Kunstzweige ersichtlich, der Forderung adäquater Verkörperung so 
viel als möglich gerecht zu werden (S. 398/399). In der Poesie, in 
der unter allen Künsten die Anschaulichkeit den stärksten Be^* 
schränkungen unterworfen sei, seien die echten Dichter aller Zeiten 
und Völker bemüht gewesen, ihren Worten und Sätzen möglichst 



310 Gott. gel. Ans. 1906. Nr. 4. 

reiche und zwingende Anschauungs werte zu geben (S. 418). Um mit 
den letzteren zu beginnen, so weiß der Leser, daß ich die Gleich- 
setzung von sinnlich und Anschauungswert in der Poesie nicht zu- 
geben kann (vgl. oben S. 307); aber auch wenn ich an Stelle der 
Yolkeltschen Fassung die andere angemessenere setze, alle echten 
Dichter haben sich um möglichst kräftige Sinnlichkeit gemüht, so ist 
der Satz auch in dieser Fassung zum mindesten mißverständlich. 
Um was sich die Dichter gemüht haben, war vielmehr höchste kraft- 
vollste Lebendigkeit. Es ist ein Fehler, wenn man, wie Volkelt tut, 
abstrakt und anschaulich als Gegensätze einander gegenüberstellt. 
Die Gegensätze lauten vielmehr abstrakt und lebendig und das 
Lebendige zerfällt wieder in die Unterabteilungen des anschaulich 
Lebendigen und des unanschaulich Lebendigen. Die echten Dichter 
haben nie das geringste Bedenken getragen, den unanschaulich 
lebendigen Zug oder Ausdruck dem anschaulichen Zug da vorzu- 
ziehen, wo jener der lebensvollere war. Es ist nicht wahr, daß das 
Vorkommen von unsinnlichen Bedeutungsvorstellungen unter den 
Gesichtspunkt des Notbehelfs, des unvermeidlichen Uebels fällt (S. 137), 
falls nämlich nur die unsinnliche Bedeutungsvorstellung nicht abstrakt, 
sondern lebensvoll ist. Verse, wie: >Da steh' ich nun ich armer Tor! 
und bin so klug als wie zuvor < sind kein Notbehelf, sondern voll 
und echt. Lessings lyrische Gedichte sind nicht wegen ihrer An- 
schauungskahlheit minderwertig (S. 395), sondern wegen ihrer abstrakt 
unlebendigen Formgebung und ihres Mangels an Gefühlswärme. Wenn 
kräftige Sinnlichkeit ein Reiz vieler Dichtungen ist, so rührt dies nicht 
daher, daß in der Dichtung das Prinzip der Anschauung gilt, sondern da- 
her, daß das Sinnliche vielfach das Lebensvollere, Kraftvollere, Unmittel- 
barere gegenüber dem Unsinnlichen ist. Wo aber umgekehrt das rein 
Seelische den Vorzug höherer Lebendigkeit hat, da greifen die Dichter 
ohne jedes böse Gewissen, ohne jedes Gefühl, unter der höchsten Aufgabe 
der Kunst zu bleiben, zum Unanschaulichen (Stilgesetz S. 73—75). 

Und weil das auch in den höchsten Dichtungen so häufig ge- 
schieht, deshalb ist die Spannung eine so gewaltige, in die die Poesie 
zur Forderung des restlos Anschauung gewordenen Gehalts kommt 
Ist es in allen Fällen ein ästhetischer Mangel, wenn zum ästhetischen 
Gegenstand Vorstellungen und Gefühle gehören, die ihre Verleib- 
lichung nicht gefunden haben, so ist dieser Mangel in der Poesie 
nach Volkelts eigenen Zugeständnissen beträchtlich, am beträcht- 
lichsten und, sollte man meinen, ganz unerträglich in der ansch&v- 
ungsarmen Lyrik. Und doch, wer empfindet diesen Mangel? Auc^ 
nicht einmal Volkelt selber; es ist merkwürdig, wie weit seine Nei- 
gung zur Ermäßigung der Anschaulichkeitsforderung geht, sobald er 



Volkelt, System der Aesihetik. I. 311 

an die Poesie kommt. Auch in der Programmmusik findet Volkelt 
— und wie ich glaube mit Recht — einen Ueberschuß der Vor- 
stellung Über die Anschauung und er betrachtet das als einen spür- 
baren Mangel dieser Art von Musik. Freilich ist der Mangel an 
Anschaulichkeit bei der Programmmusik verschwindend gegenüber 
dem Mangel bei der Lyrik. Die Musik vermag uns etwa nicht zu 
sagen, woher die Melancholie Tassos stammt, aber diese Melancholie 
selber muß sie vollständig mit ihren sinnlichen Mitteln zu verleib- 
lichen vermögen, sonst taugt eine solche Musik überhaupt nichts. 
Die Programmmusik vermag Aeußerlichkeiten nicht mit ihren musi- 
kalischen Mitteln zu veranschaulichen , umso peinlicher sucht sie 
dem Innern, dem Empfindungsgemäßen an den Dingen gerecht zu 
werden. In der Lyrik dagegen ist gerade das Innere, die Stimmung 
höchst mangelhaft verleiblicht. Der Lyriker Göthe vermag nach 
Volkelt z. B. die Sehnsucht nach Frieden nur höchst mangelhaft zur 
sinnlichen Form werden zu lassen. Hier ist also ein ganz anderer 
Mangel als in der Programmmusik. Hier greift die Unfähigkeit im 
Ausdruck aufs Innere über. Hier greift sie bis ins Zentrum der 
Kunst. Wäre Volkelt konsequent, so müßte die Poesie tief unter 
der Programmmusik stehen; sie müßte als Kunst höchst zweifel- 
hafter Art erscheinen und die Lyrik, in der der Mangel so gewaltig 
ist, könnte höchstens noch unter die Grenzerscheinungen der Kunst 
wie etwa das Lehrgedicht gerechnet werden. 

Indes Volkelt ist weit entfernt, so zu urteilen. Je größer der 
Mangel wird, desto weniger spürt man ihn nach Volkelts Urteil. Die 
sonstigen künstlerischen Vorzüge der Lyrik sind so bedeutend und 
eindrucksvoll, daß man sich jenen Mangel gerne gefallen läßt oder 
ihn vielleicht überhaupt nicht bemerkt (S. 426/7). Zweifellos ist 
dieses Urteil Volkelts von der richtigen Empfindung eingegeben. 
Zweifellos spürt in der Poesie, obwohl ihr die Fähigkeit restloser 
Verkörperung des Seelischen abgeht, kein Mensch einen Mangel und 
Produkte wie Goethes >Der du von dem Himmel bist<, erscheinen, 
»trotzdem man nicht gerade starke Anschauungswerte in ihnen 
findet«, doch als schlechthin vollkommene Leistungen. Was ist aber 
das für eine Norm, deren Verletzung in allen Fällen ein ästhetischer 
Mangel ist, nur daß dieser Mangel gerade da, wo er groß, ja riesen- 
groß ist, nicht gespürt wird? 

Und nun bedenke man noch eine weitere Konsequenz von 
Volkelts Standpunkt. Die Poesie vermag die Veranschaulichung nur 
mangelhaft durchzuführen; der Gehalt wird nicht restlos zur Form, 
die Poesie ist also — das ist eine notwendige Folgerung — mangel- 
haft in der Form und insbesondere Gedichte, wie >Der du von 



312 Gott, gel Anz. 1906. Nr. 4. 

dein Himmel bistt, sind wegen ihrer anschaulichen Schwäche, mögen 
sie auch inhaltlich noch so individuell und tief sein, in Hinsicht der 
Form geradezu ungenügend. Die Poesie und vor allem die Lyrik 
erscheint als unfähig, den strengen Anforderungen der Form zu ge- 
nügen. Uns andern will das anders erscheinen! Göthes »Der du von 
dem Himmel bist«, ist uns ein unvergleichliches Muster höchster 
künstlerischer Formvollendung. Ob nicht auch für Volkelt in den 
Augenblicken, in denen er sich von der Auffassung frei macht, als 
müsse Form auch in der Poesie anschauliche sinnliche Form sein? 
Man kann die Poesie eben nicht verstehen, so lange man nicht er- 
kennt, daß bei ihr die Form überanschaulich ist. Göthe hat in dem 
erwähnten Gedicht den Gehalt restlos in überanschauliche, sprach- 
liche Vorstellungszusammenhänge niedergelegt als in dasjenige Mittel, 
das der Poesie eigentümlich ist und deshalb ist das Gedicht form- 
vollendet. 

Wie stehen nun also die Dinge? Volkelt will beweisen, daß 
auch die Poesie gehalterfüllte sinnliche Form ist. Dabei muß er aber 
den Begriff der Form verschieben und sinnliche Begleiterscheinungen 
zu ihr rechnen, die das Produkt der Einfühlung sind, während doch 
sonst für ihn die Form das Objekt der Einfühlung ist. Er muß zu- 
gestehen, daß das Sinnliche in der Poesie im Bewußtsein des Ge- 
nießenden häufig nicht als sinnliche Form, als Anschauung vorhanden 
ist, sondern nur als Gewißheit der Möglichkeit der Anschauung; er 
muß im Widerstreit mit den Tatsachen dem Dichter eine Verwen- 
dung des Sinnlichen vorschreiben, die jederzeit die Umsetzung in die 
anschauliche Form gestattet; er muß der Poesie die Fähigkeit zur 
vollen Verwirklichung der Norm von der gehalterfüllten Sinnenform 
absprechen und obendrein erklären, daß man diesen Mangel nicht 
spüre. Er macht endlich auch nicht einmal den Versuch darzutun, 
daß die sinnlichen Elemente, die er für die Poesie herausrechnet, 
auch wirklich sinnliche Form sind. Denn sinnliche Form ist ohne sinn- 
liche Ordnung und sinnliche Einheit nicht denkbar. Wo ist aber in dem 
Haufen verschwommener optischer und akustischer Bilderchen, An- 
schauungsmöglichkeiten und Bewegungsempfindungen, der die Vor- 
stellungszusammenhänge der Poesie begleitet, irgend welche sinn- 
liche Ordnung oder sinnliche Einheit? Diese ganze Masse sinnlicher 
Elemente sind keine Form, sondern höchstens die elenden Trümmer- 
stücke einer solchen. Wäre es unter solchen Umständen nicht besser, 
Volkelt würde einfach zugestehen, daß die Norm der gehalterfüUteo 
Sinnenform nur für die außerpoetischen Künste gilt, auf die Poesie 
aber nicht anwendbar ist? Volkelt hat den Feind zu weit in die 
Festung eingelassen, er wird sie nicht halten können. Hat er doch 



Volkelt, System der Aesthetik. I. 318 

das entscheidende Wort der üebergabe schon ausgesprochen. Die 
Unfähigkeit der Poesie, dem Ideal der gehalterfüllten Sinnenform zu 
genügen, stört auch bei ihm nicht; und warum und inwieweit stört 
sie nicht? sofern dieser Mangel zum Zurücktreten gebracht wird 
durch die Lebendigkeit, Echtheit und individuelle Prägung im Aus- 
druck der Gefühle (S. 427). Was heißt das anders, als daß es in 
der Poesie nicht auf Anschaulichkeit, sondern einzig und allein auf 
Lebendigkeit ankommt: denn Echtheit und Individualität ist im Be- 
griff Lebendigkeit schon enthalten. Ist nur volle Lebendigkeit da, 
die nach Volkels Versicherung auch bei starkem Mangel an An- 
schaulichkeit vorhanden sein kann, so wird >jener Mangel überhaupt 
nicht mehr bemerkt«. Das Gesetz der restlosen Veranschaulichung 
mag die Poesie verletzen, wenn nur das Gesetz der Lebendigkeit 
gewahrt bleibt. Nicht anders habe ich es auch gesagt. 

Es ist also klar, entweder ist die Poesie keine Vollkunst oder 
der Satz, die Kunst ist restlose Verleiblichung eines seelischen Ge- 
halts ist mit Rücksicht auf die Poesie falsch. Wie ist aber Kunst 
dann zu definieren? Ich habe vorgeschlagen: Leben in seinen wirk- 
lichen oder scheinbaren Aeußerungen dargestellt. Diese Definition 
befaßt die Volkeltsche Definition: Kunst = durch Einfühlung mit 
Gehalt erfüllte Sinnenform in sich : »In jeder Einfühlung« sagt Volkelt 
(S. 310) > erhalten wir den Eindruck, als ob das Innere des Gegen- 
standes in seiner Oberfläche zutage träte, als ob die Seele in seiner 
Außenseite lebte ; in der Form als solcher scheint sich uns die Seele 
der Gegenstände zu offenbaren <. Auch bei ihm erscheint die Form 
als die Aeußerung, als die Offenbarung eines in ihr waltenden seeli- 
schen Lebens. Einfühlung ist nach ihm nichts anderes als der Akt, 
in dem wir die Form als Lebensäußerung eines hinter ihr liegenden 
und in ihr sich bekundenden seelischen Lebens verstehen und ge- 
nießen. Aber unsere Definition ist in vieler Hinsicht weiter. 

Volkelt versteht unter Leben immer nur seelisches Leben. Zwar 
erkennt er an, daß wir auch die physischen Körperbewegungen nach- 
zuempfinden vermögen, aber er will dieses Nachempfinden der phy- 
sischen Körperbewegung nur als Erleichterung und Beförderungs- 
mittel der seelischen Einfühlung gelten lassen und er spricht dem 
Nachempfinden der dynamischen Kraftbetätigung jeden selbständigen 
ästhetischen Wert ab, das Aesthetische beginnt bei ihm erst, wo 
seelisch nacherlebt wird (S. 231—236). Ohne mich bei diesem Punkt 
länger aufzuhalten, möchte ich im Vorübergehen doch bemerken, daß 
mir der Ausschluß der dynamischen Kraft vom eigentlich Aestheti- 
schen übertrieben erscheinen will. Der graziöse Sprung des Rehs 
ist als eine physische Kraftbetätigung von höchster Mühelosigkeit, 



814 Q6it gel. Ans. 1906. Nr. 4. 

Leichtigkeit und Zweckmäßigkeit für sich voll Anmut, er ist nicht 
blos als Unterlage für die Einfühlung eines seelischen Gehalts 
ästhetisch bedeutsam. Leichter müheloser Fluß des Lebens besitzt 
auch schon im Unterseelischen, im Gebiet der physischen Kraft 
ästhetischen Reiz. Sodann ist bei Yolkelt das Seelische, das sich im 
Sinnlichen äußert, rein aufs Gefühl beschränkt. Er haftet zusehr am 
Ausdruck »einfühlent. Seine Aesthetik hat auf dem Gebiet des 
ästhetischen Miterlebens nur Raum für Gefühle und Stimmungen und 
für Strebungen, die in ihrem Gefolge auftreten (S. 204 ff.). Deshalb 
machen ihm die gefühlsarmen Stellen, die sich so häufig in den 
vollendetsten Dichtungen finden, Schwierigkeiten. Aber auch in der 
bildenden Kunst, in der Porträtmalerei z. B. muß unter dieser Vor- 
aussetzung manches bedenklich erscheinen. Merkwürdigerweise fehlt 
ihm unter den ästhetisch vollwertigen Bestandteilen der Lebens- 
schilderung die Kategorie des Charakteristischen, die doch für die 
Kunst so bedeutsam ist. Das Charakteristische ist eine selbständige 
Seite des Seelenlebens und kann nicht auf Gefühl und Stimmung 
zurückgeführt werden. Im großen Kurfürsten von Schlüter ist nicht 
blos die Stimmung des fürstlichen Selbstgefühls, sondern auch eine 
ungewöhnliche Energie des WoUens dargestellt; das ist eine Cha- 
raktereigentümlichkeit, also eine dauernde Beschaffenheit und Ge- 
staltung der Lebenskräfte, die nichts mit Stimmmungen irgendwelcher 
Art zu tun hat Die Kunst und die Poesie ist überall lebensvoll, 
wo sie Charaktereigentümlichkeiten abmalt; sie braucht nicht not- 
wendig Gefühlsinhalt zu haben. Denn auch das Charakteristische er- 
fassen wir nicht mit dem Verstand, das wäre vollständig unästhetisch, 
sondern mit unserer eigenen inneren Lebendigkeit, der der Zu- 
sammenhang zwischen Lebensgrund und Lebensäußemng aus sich 
selbst verständlich ist Aus der charakteristischen Lebensäußemng 
machen wir den nicht verstandesmaßigen, sondern höchst lebensvoDeQ 
Schluß auf die Charaktereigentümlichkeit als auf den Lebensgrund, 
der die Aeußerung hervorgetriebea. Allerdings kommt die Diditnng 
ohne Gefühlserregungen im ganzen nicht aus (vgl. hinsichtlich der 
Gründe für diese Tatsache mein Stilgesetz S. 204 ff.), aber fur ein- 
zelne Stellen in ihren größeren Zusammenhängen hat sie nur die 
Aufgabe, alles mit Leben zu durchdringen und zum Leben gehört 
auch das Charakteristische; es gehören des weiteren dazu die Ur- 
sachen, die die Lebensprozesse in Bewegung setzen, auch wenn djeae 
Ursachen selbst nicht gefuhliger Natur sind. Aesthetisch Cnssen wir 
fiberall auf, wo wir aus dem uns unmittelbar gegebenen Zusammoi- 
hang von Lebensäußemng und Lebensgnind, von lebenaerregender 
Unache and Lebenserregnng heraus die Encheinungen des Leben 



Volkelt, Syttem der Aesthetik. I. 316 

verstehen. Das ästhetische Erfassen des im Kunstwerk uns entgegen- 
tretenden Lebens ist vielfach nicht geftthliger Natur. Der Ausdruck 
Einfühlen, den man sich als Bezeichnung des intuitiven Charakters 
der ästhetischen Auffassung gefallen lassen kann, führt leicht zu 
Mißverständnissen. Auch Volkelt hat sich in seiner Analyse des Be- 
griffs nicht ganz frei davon gehalten. 

Leben als Inhalt der Kunst ist also weiter als Volkelts > gefühl- 
beseelte Sinnenform < hinsichtlich des Umfangs des Lebensgrundes, dessen 
Schilderung der Kunst offen steht, es ist aber auch weiter in Hinsicht 
der Lebensäußerungen, die dem Künstler für die Schilderung der ver- 
schiedenen Lebensgestaltungen zur Verfügung stehen. Volkelts De- 
finition gestattet dem Künstler nur die Verwendung der wirklichen 
oder scheinbaren sinnlichen Lebensäußerungen der Seele ; neben diesen 
gibt es aber, so eindrucksvoll sie immer sind, auch rein seelische 
Lebensäußerungen, bestehend in den Gedankenvorgängen, in denen 
sich die Gefühle und Strebungen und die GharaktereigentUmlichkeiten 
der Individuen offenbaren. In diesen seelischen, sinnlich unan- 
schaulichen Lebensäußerungen tritt, falls sie nur in einem dazu ge- 
eigneten Mittel wiedergegeben werden, ebenfalls Leben in die Er- 
scheinung, sie vermögen ebenfalls Form zu sein. Die Poesie besitzt 
in der gedankenhaften überanschaulichen Sprache dieses Mittel und 
der Dichter schildert daher entsprechend der Natur seines Mittels 
das Leben mit Vorliebe in seinen seelischen Aeußerungen. Seelische 
Lebensäußerungen bilden denn auch den Inhalt derjenigen Göthe- 
schen Gedichte, die Volkelt als wenig anschauungshaltig bezeichnet 
hat. In Göthes >Der du von dem Himmel bist< treibt die Sehn- 
sucht nach Frieden eine Folge von Gedanken hervor; in ihr findet 
das Lebensmoment, das im Gedicht zur Darstellung gelangt, seine 
vollendete adäquate Aeußerung und in sie, als in die Form, findet 
daher die Einfühlung statt. Die Poesie als Vollkunst macht keine 
Ausnahme und darf keine machen von der Regel, daß der Gehalt 
restlos Form geworden sein muß, weni\ er voll erfaßt und genossen 
werden soll. Form ist eben überall da, wo Leben vollständig in die 
Erscheinung tritt, mag diese Erscheinung nun anschaulich sein oder 
nicht. 

Wenn Volkelt das Aesthetische als gehalterfüllte Form be- 
zeichnet, so leitet ihn dabei zugleich auch die Absicht, jede forma- 
listische Erklärung aus der Kunst auszuschließen. Die bloße leere 
Form, die Form an sich ist unfähig einen ästhetischen Eindruck 
hervorzurufen (S. 429). Ich will mich auf den Streit nicht einlassen, 
ob nicht doch auch die reine gehalt- und inhaltlose Form einen 
ästhetischen Reiz haben könne, ich glaube, daß das nur in ganz 



316 Qött. gel Anz. 1906. Nr. 4. 

untergeordnetem Maße der Fall ist. Trotzdem bedaaere ich es, daß 
Volkelt von einem Formprinzip in der Kunst nichts wissen will. Die 
Anerkennung eines solchen scheint mir von einem doppelten Ge- 
sichtspunkt aus geboten, sowohl von dem des schaffenden Künstlers 
aus, wie von dem des Genießenden. Der Künstler will den Stoff, 
der ihn ergriffen hat, so aus sich heraussetzen, daß er von anderen 
erfaßt und genossen werden kann; er will ihn darstellen. Darstellen 
heißt, einem Inhalt die Gestaltung geben, die für seine Erfassung 
die zweckmäßigste ist. Jedes Darstellen besteht darin, daß man den 
Zwiespalt, der zwischen den Anforderungen des Stoffes und der Ab- 
sicht der zweckmäßigen Darbietung besteht, auszugleichen sucht. 
Wie schwer das mitunter werden kann, davon weiß jeder Künstler 
zu sagen. Zweckmäßig dargeboten ist aber ein Stoff dann, wenn er 
so gestaltet ist, daß sein Inhalt sich uns mit höchster Klarheit und 
Nachdrücklichkeit und doch zugleich mühelos darbietet. Der Akt des 
Erfassens selbst muß zum Vergnügen und Genuß werden und das 
wird er nur, wenn das Dargestellte der Natur und den Funktions- 
gesetzen unserer auffassenden Organe entgegenkommt. Soll ein In- 
halt durchs Auge angeeignet werden, so muß er in einer Gestaltung 
vorgeführt werden, in der der Akt des Sehens sich kraftvoll und 
doch relativ mühelos vollzieht; deshalb erreicht auch der Sehvor- 
gang am malerischen Kunstwerk einen Höhepunkt seines Funk- 
tionierens; ebenso ist es in der Musik hinsichtlich des Gehörvorganges 
und in der Poesie hinsichtlich der sprachlichen Vorstellungstätigkeit. 
Und da jedes Kunstwerk infolge des geistigen Inhalts, den es hat, 
sich immer zugleich auch an unseren Intellekt wendet, so muß es 
sich auch den Bedingungen fügen, die für die Auffassungstätigkeit 
unseres Intellekts gelten. Es muß zum Beispiel Abwechslung haben: 
denn Einförmigkeit stumpft die Aufnahmelust und Aufnahmefähig- 
keit ab; und es muß andererseits Einheitlichkeit besitzen, denn das 
Mannigfaltige verwirrt nur dann nicht, wenn es sich zugleich als 
Einheit darstellt. 

Der Zweckmäßigkeit der Darstellung durch den Künstler ent- 
spricht auf Seiten des Genießenden die Freude an dieser Zweck- 
mäßigkeit. Wir genießen am Kunstwerk nicht blos die Tiefe, die 
Lebensfülle, das Bedeutungsvolle seines Gehalts, sondern auch die 
Zweckmäßigkeit seiner Form. Wenn uns das Kunstwerk den Bnf 
abnötigt: wie herrlich ist das gemacht, wie wunderbar kommt das 
alles heraus, so ist das der Ausdruck nicht eines materiellen, sondern 
eines formellen Wohlgefallens. Zu solchem formellen Wohlgefallen 
bietet aber jedes Kunstwerk und auch das Schöne der Natur, sofern 
eben seine Gestaltung den Gesetzen unserer auffassenden Organe 



Volkelt, System der Aesthetik. I. 817 

entgegenkommt, den reichsten Anlaß. Volkelt ist diese Seite am 
Aesthetischen fast ganz entgangen. Nur eines der wesentlichen 
Formelemente behandelt er, ohne jedoch seinen Formcharakter be- 
sonders zu betonen, ausführlich und treffend in seiner vierten Norm, 
die Einheit des Kunstwerks. Aber so gewiß die Einheit des Kunst- 
werks eine formelle Forderung ist, so gewiß ist sie nicht das ein- 
zige Formgesetz des Kunstwerks. Die Absicht des Künstlers, den 
Stoff darzubieten und zwar so, wie es für die das Kunstwerk erfassen- 
den Organe am zweckmäßigsten ist, unterwirft ihn einer Fülle von 
Formbestimmungen, deren Durchführung im Kunstwerk vom Ge- 
nießenden mit immer neuem formellen Wohlgefallen beantwortet 
wird. — Diese Andeutungen über die Form in der Kunst mögen 
genügen, zumal ich die Notwendigkeit eines so gefaßten Formprinzips 
näher begründet habe in einem Aufsatz im Archiv fur systematische 
Philosophie Bd.X S. 330 ff. 1904 (Ueber das Formprinzip des Schönen), 
der etwa gleichzeitig mit Volkelts Aesthetik erschienen ist. 

Wir wenden uns von der ersten zur zweiten Norm Volkelts. 
Die erste Norm genügt nach Volkelts Ueberzeugung nicht für sich 
allein, das Wesen des Aesthetischen zu beschreiben. Wohl ist über- 
aU, wo wir ästhetisch wahrnehmen, die Forderung der gehaltbeseelten 
Form erfüllt; aber bliebe das die einzige Forderung, dann könnten 
auch langweilige, törichte, nichtige Zustände, sobald sie nur ent- 
sprechende Sinnenform gewonnen haben, den Anspruch auf ästheti- 
schen Wert erheben — , dann würde das Aesthetische aus der Reihe 
der großen menschlichen Güter ausscheiden. Im ästhetischen Gehalt 
muß deshalb etwas zu uns sprechen, was für menschliches Dasein 
und menschliche Entwicklung typisch und charakteristisch ist. Da- 
bei ist zu überlegen, daß unsere gefühlsmäßige Auffassung von der 
Natur des Menschlichen schließlich immer in einer Ueberzeugung von 
dem Zweck und Wert des menschlichen Daseins mündet. Volkelt 
schafft für dieses Typische, das etwas vom Sinn und Wert des 
Menschlichen offenbart, den Namen des Menschlich-Bedeutungsvollen 
und seine zweite Norm besteht daher in der Forderung des Mensch- 
lich-Bedeutungsvollen für die Kunst. Dieser Begriff ist weiter als 
das Sittlich-Gute. In einer feinen Ausführung und mit trefflichen 
Gründen wird die vielgehörte Behauptung widerlegt, das Schöne habe 
zu seinem einzigen Inhalt das Gute. Nicht blos nach seinem sitt- 
lichen Werte, meint Volkelt, sondern auch nach seinen religiösen, 
künstlerischen und wissenschaftlichen Gütern, sodann nach seiner 
metaphysischen und eudämonistischen Bedeutung kommt das Leben 
für die Kunst in Betracht (S. 462/3). Zunächst erweckt Volkelts 
Darlegung den Schein, als solle das nur heißen: der Künstler greift 



318 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 4. 

das Typische und Charakteristische aus allen Gebieten des Lebens, 
nicht blos aus dem sittlichen heraus und zwar insoweit, als es von 
Bedeutsamkeit und Gewicht fürs Menschenleben ist, insoweit als sich 
darin wesenhafte Bestimmtheiten des Menschenlebens aussprechen. 
Gegen eine solche Fassung des Volkeltschen Begriffs des Menschlich- 
Bedeutsamen wüßte ich nichts zu erinnern. Das Typische und Cha- 
rakteristische in diesem Sinn macht die ganze eine Seite der Kunst 
aus. Der erste Eindruck, den wir jedem höheren Kunstwerk gegen- 
über haben, ist der: so ists! Diese Gebilde sind ewig, denn sie 
sind! Was wir vom Kunstwerk zuerst verlangen, was uns zuerst an 
ihm entzückt, ist Wahrheit und ich wundere mich, daß dieser Be- 
griff, der in der Aesthetik eine so grundlegende Stellung einnimmt 
und eine ausführliche Behandlung verdienen würde, bei Volkelt so 
wenig hervortritt. Ich wäre daher auch nicht so abgeneigt wie 
Yolkelt (S. 538), unter die echt ästhetischen Wirkungen der Kunst 
das zu rechnen, daß sie uns das Verständnis für alles Menschliche 
erschließt. Ich sehe nicht ein, wie diese Wirkung ausbleiben kann. 
Die Kunst erschließt uns die charakteristischen typischen Formen 
und Gestaltungen der menschlichen Leidenschaften und Gefühle, Zu- 
stände und Geschicke, Veranlagungen und Eigentümlichkeiten; sie 
erschließt diese Gestaltungen nicht unserem erkennenden Verstand, 
sondern unserer nacherlebenden Phantasie; wie sollte sich in diesem 
Nacherleben nicht unsere Lebenserfahrung erweitern und warum sollte 
diese Wirkung der Kunst, die auf schlechthin ästhetischem Weg zu- 
stande kommt, nicht auch ästhetisch sein? Aber andererseits spricht 
nun Volkelt doch auch wieder so, als solle der Begriff des Mensch- 
lich-Bedeutungsvollen mit dem Typischen und Charakteristischen in 
der angegebenen Fassung nicht erschöpft sein, als solle immer zu- 
gleich eine Gefühlswertung Platz greifen, die auf Zweck und Ziel des 
Menschenlebens bezogen ist. Nun leugne ich nicht, daß mit dem 
Aesthetischen, das wir nach seiner einen Seite als das Typische, 
Charakteristische und Wahre empfinden, auch eine Gefühlswertung 
verbunden ist, aber sie geht meines Erachtens nicht auf Zweck und 
Ziel des Lebens. Man vergegenwärtige sich unzählige Eindrücke von 
musikalischen Kunstwerken, von lyrischen Gedichten, von Gemälden, 
namentlich von Porträten; ist es denn wahr, daß, was wir an ihnen 
erleben, von der Wertung begleitet ist : das ist wichtig für Sinn und 
Ziel des Lebens nach seiner eudämonistischen oder seiner sittlichen 
oder seiner religiösen oder sonst einer Seite oder auch: hier haben 
wir das Gegenteil eines Wertes und dieser Unwert ist wichtig fiir 
die Anschauung von Sinn und Ziel des Lebens (S. 477/8)? Wer fragt 
sich denn beim Schlußsatz der Cis-moll-(Mondschein-)Sonate Beethovens, 



Volkelt, System der Aesthetik. I. 319 

ob das Aufwallen wilder Leidenschaft, das wir vernehmen, als Wert 
oder Unwert wichtig ist für Sinn und Ziel des Lebens; genug, daß 
dieser Ausbruch der Leidenschaft wahr und echt und zugleich er- 
haben ist. Ja, selbst bei Gedichten, wo die Wertung nach der Be- 
deutung für Sinn und Ziel des Lebens möglich wäre, fehlt sie bei 
mir. In Mörikes verlassenem Mägdlein könnte man die treue An- 
hänglichkeit der Verlassenen an den treulosen Geliebten als sittlich 
wertvoll beurteilen; aber ich bilde diese Wertvorstellung nicht, noch 
weniger kommt mir etwa das Urteil: der Schmerz der Verratenen 
stellt das Gegenteil eines eudämonistischen Wertes dar, er offenbart 
mir, daß der Liebende das Verlassen werden mit Leid bezahlt; wohl 
aber fühle ich mich getroffen durch die unvergleichliche Wahrheit 
der Darstellung des herben Liebesleids und zugleich gerührt von der 
Tiefe des seelischen Lebens, das sich mir hier in aller Schlichtheit 
enthüllt. Ueberall gewahren wir neben dem Eindruck der Tatsäch- 
lichkeit, der Wahrheit ein Wertungsgefühl, aber dieses Wertungs- 
gefuhl bleibt ganz im Aesthetischen, es erstreckt sich nicht auf die 
sittliche, religiöse oder eudämonistische Bedeutung des Lebens. Es 
geht einzig und allein auf den Lebendigkeitswert, d. h. wir werden 
im Nacherleben gefühlsmäßig gewahr, ob das Leben, in dessen An- 
schauen wir begriffen sind, sich in Fülle oder Aermlichkeit, in Kraft 
oder Schwäche, in Tiefe oder Oberflächlichkeit bekundet. Je nach- 
dem das eine oder andere uns im Aesthetischen gegenübertritt, fühlen 
wir uns in unserem eigenen Lebensgefühl emporgehoben oder ge- 
drückt. Auch das Sittliche wird im Aesthetischen nicht nach seinem 
sittlichen Wert beurteilt, sondern nach seiner Kraft oder Anmut, 
also nach dem Grad und der Art seiner Lebendigkeit. Die Kategorie 
des Lebensvollen ist weiter als die des Schönen und Erhabenen. Sie 
befaßt auch das Derbe und das im besonderen Sinn Charakteristische 
und den Humor in sich, ja auch das Schmerzliche und Wehmütige, 
sofern es nur seelisch-tief ist. Im Schmerzlichen erscheint die seeli- 
sche Tiefe gerade im Kontrast zu der Lebenshemmnis, aus der sie 
hervorgeht, besonders lebensvoll. Wertung nach der Wahrhaftigkeit 
und Wertung unter dem Gesichtspunkt des Lebensvollen sind die 
beiden zusammengehörigen Seiten am Aesthetischen. Sie werden an 
jedem Kunstwerk und an jedem schönen Gegenstand der Natur wirk- 
sam, wobei freilich bald die eine, bald die andere Art der Wertung 
überwiegt In der Architektur und Musik und im Kunstgewerbe tritt 
die Wahrheit und Naturtreue zurück, sie verlangen desto mehr einen 
Gebalt, der durch harmonische oder kraftvolle Lebensgestaltung der 
Forderung des Lebensvollen zu genügen und unser Lebensgefühl zu 
erhöhen vermag. Die nachahmenden Künste, vornehmlich die Poesie, 



820 Gott. gel. Anz. 1906. Nr. 4. 

befriedigen durch die naturgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit, die 
sie verlangen, in erster Linie unser Bedürfnis nach Ausweitung un- 
seres Lebensgefühls; aber da das Leben überall, wo es der ächte 
Künstler packt, tief ist, so vermögen sie auch der zweiten Seite des 
Aesthetischen, dem Verlangen nach dem Lebensvollen zu entsprechen 
und uns in einen Zustand erhöhten Daseinsgefühls zu versetzen. Ge- 
wiß ist Volkelt im Recht, wenn ihm nicht jedes Moment des sich 
äußernden Lebens als Inhalt eines Kunstwerks ausreichend zu sein 
scheint. Der Künstler muß vom Wahren weitergehen zum wahrhaft 
und wesentlich Wahren, zum Typischen und vom Lebendigen zu dem, 
was in irgend einer Hinsicht lebensvoll ist. Diese Forderung des 
Lebensvollen ist auch dann erfüllt, wenn etwa die Schilderung des 
Trivialen dem Dichter dazu dient, den schwermütigen Eindruck her- 
vorzubringen, daß das menschliche Leben einen ziel- und sinnlosen 
Verlauf darstelle (S. 466). Denn indem die Wiedergabe des Trivialen 
zu ihrem Untergrund die Schwermut des Dichters über die Sinn- 
losigkeit des Weltlaufs erhält, kommt im Gedicht die Persönlichkeit 
des Dichters mit zur Darstellung; und diese Persönlichkeit erscheint 
in ihrem tiefen regen Schmerz über die Unvernunft des Lebens als 
eine Natur von tiefem Gemüt und warmer Empfindung, sie zeigt 
eine Feinheit der seelischen Organisation, die die Dumpfheit, mit 
der andere durchs Leben gehen, weit überragt und in dieser Fein- 
heit der psychischen Organisation, in ihrem leidenschaftlichen, durch 
die Wirklichkeit enttäuschten Verlangen nach gehaltvoller Existenz 
bekundet sie eine das Gewöhnliche weit hinter sich lassende Lebendig- 
keit. In solchen Fällen erreicht der Dichter durch die Behandlung, 
was er durch den Stoff nicht zu leisten vermag. 

Sieht man in diesen beiden Punkten das eigentliche Ziel, dem 
das Aesthetische zustrebt, dann ist die zweite Norm des Aesthetischen, 
die den Charakter des im eminenten Sinn Aesthetischen ausspricht, 
von der ersten, die nur die allgemeinen Grundzüge alles Aestheti- 
schen feststellt, nicht mehr so verschieden. Die zweite Norm ist 
dann die Entwickelung der ersten. Lautet die erste, das Aesthetische 
ist überall da, wo Leben in seinen Aeußerungen erscheint und ist 
darin schon enthalten, daß das Aesthetische an die Wirklichkeit ge- 
bunden ist, daß es wahr sein muß, so erscheint diese Eigenschaft 
der Wahrheit gesteigert, wenn in der zweiten Norm verlangt wird, 
daß in der Kunst nicht zufälliges, sondern typisch charakteristisches 
Leben geschildert werde; wie nach der anderen Seite die Forderung 
der Darstellung von Leben gesteigert ist, wenn als das im eigent- 
lichen Sinn Aesthetische das Lebensvolle erscheint. Aber auch zur 
dritten Norm Volkelts ergeben sich von der ersten und zweiten die 



Volkelt, System 4er Aeethetik. I. 821 

ZusammenhäDge leicht. In ihr behandelt Volkelt die Herabsetzung des 
Wirklichkeitsgefühls in der ästhetischen Betrachtung. Er betrachtet 
diesen Ausdruck als die tre£fiende Bezeichnung für diejenigen Eigen- 
tümlichkeiten der Kunst, die man meint, wenn man vom Schönen als 
einer Welt des Scheines oder Bildes, vom Künstlerischen als einer 
Art des Spiels, von der reinen stofflosen Form, von der künstlerischen 
Kontemplation oder vom interesselosen Wohlgefallen redet. Diese 
Norm gibt nun aber — und damit ist ihre Verbindung mit der ersten 
und zweiten Norm hergestellt — die Bedingungen an, unter denen 
ästhetische Betrachtung zustande kommt. Man kann den Gehalt aus 
der Sinnenform oder wie ich lieber sagen möchte, den Lebensgrund 
aus der Lebensäußerung auch entbinden aus praktischen Bücksichten 
oder im Interesse der theoretischen Erkenntnis. Mit praktischer Ab- 
zweckung fühlt man sich in die unwillkürlichen sinnlichen oder 
seelischen Lebensäußerungen einer Persönlichkeit ein, wenn man ihre 
Stimmung oder ihren Charakter entziffern möchte, um diese Persön- 
lichkeit irgendwie zu bestimmen und zu beeinflussen. Ein theoretisches 
Interesse aber waltet ob, wenn man sich in den Charakter von 
Persönlichkeiten oder Literaturwerken einfühlt, um ihn wissenschaft- 
lich festzusetzen und darzulegen. Ein solches Einfühlen im Dienst 
von praktischen oder theoretischen Zwecken ist kein ästhetisches 
Einfühlen. A'esthetisches Einfühlen ist nur da, wo wir das Leben um 
seiner selbst willen betrachten, also da, wo wir es in seiner Wesen- 
heit erschauen und in seinem Lebendigkeitswert genießen. 

Im übrigen ist der ganze Abschnitt, in dem sich Volkelt mit 
seiner dritten Norm